Normale Menschen

Wer gerne Geschichten über Beziehungen und Probleme der Millenials liest, kommt um die irische Autorin Sally Rooney im Moment gar nicht herum. Vor einiger Zeit habe ich Gespräche mit Freunden gelesen und war ziemlich begeistert. Rooneys zweiter Roman Normal People stand auf der Longlist für den Man Booker Prize 2018, wurde 2019 mit dem British Book Award ausgezeichnet und wurde ein absoluter Erfolg in den USA. In diesem Jahr ist der Roman auch auf Deutsch erschienen und ich habe ihn innerhalb weniger Tage gelesen. Es geht um die große Liebe und das Durcheinander, das bestimmte Entscheidungen in Beziehungen auslösen. Rooney sorgt dafür, dass die Leser*innen ganz nah an den Figuren bleiben, ohne sie in ihrer Unbeholfenheit oder in ihrem Gefühlschaos der Lächerlichkeit preiszugeben.

Normal People erzählt die Beziehungsgeschichte von Marianne und Connell. Beide wachsen in der nordwestirischen Provinz Sligo auf und beginnen eine verkorkste und doch schmerzhaft ehrliche Beziehung. Das Thema class lässt sich aus ihrer Beziehung nicht wegdenken. Connells Mutter ist alleinerziehend und putzt für Mariannes Familie, zwangsläufig begegnen sich Connell und Marianne, sie werden Freunde und immer wichtiger füreinander, dann verlieben sie sich. Aber das Problem der Beziehung auf Augenhöhe besteht nicht nur aufgrund des unterschiedlichen ökonomischen Backgrounds. In der Schule ist Connell der Star, er ist beliebt und ein erfolgreicher Rugbyspieler und gehört zu einer angesagten Clique. Dass er viel zu intelligent für seine Kumpels ist, fällt kaum auf. Marianne hingegen bewegt sich in einer anderen sozialen Sphäre, sie ist das komische Mädchen ohne Freunde. Die Zukunft ist Gold, zumindest für Connell, dem alle bescheinigen, dass er es doch auf jeden Fall an die besten Unis des Landes schaffen wird. Dann kommt Marianne dazwischen. Connell versucht die Beziehung in der Schule geheim zu halten, da er um sein Ansehen fürchtet. Natürlich nimmt er lieber ein beliebteres Mädchen mit zum Abschlussball. Diese Szenen könnten aus Erwachsenenperspektive merkwürdig wirken, dass Rooney es gelingt, die seelische Tragik für die Protagonist*innen in diesen vermeintlichen banalen Situationen auszuloten, ist die große, wenn nicht die größte Stärke der Erzählung. Als die beiden sich auch vor ihren Freunden endlich als Pärchen zu erkennen geben, bleibt es schwierig. Mariannes familiäre Situation ist von emotionaler und physischer Gewalt geprägt, die Beziehung ein stetes Auf und Ab. Am Trinity College (hier hat Rooney selbst studiert und auch in Gespräche mit Freunden taucht das College als wichtiger Erlebnisraum auf), treffen sich Connell und Marianne wieder und die Situation hat sich komplett gedreht. Connell ist überfordert mit den Unistrukturen, er hat es in ein Schreibprogramm geschafft (vom Sport ist keine Rede mehr), aber ist psychisch angeschlagen, denn ihm gelingt das Schreiben nicht mehr.

Er weiß, dass viele von den Literaturleuten am College Bücher vor allem als Möglichkeit sehen, um kultiviert zu erscheinen. Als jemand an jenem Abend im Stag’s Head die Anti-Austeritätspolitik erwähnte, riss Sadie die Hände hoch und sagte: Keine Politik, bitte! Connells anfängliche Einschätzung der Lesung wurde nicht widerlegt. Es war Kultur als Ausdruck der Gesellschaftsschicht, Literatur als Fetisch dank ihrer Fähigkeit, gebildete Leute auf falsche Gefühlsreisen zu schicken, so dass sie sich hinterher den ungebildeten Menschen, über deren Gefühlsreisen sie so gerne lesen, überlegen fühlen konnten.

Normal People, S. 264.

Wieder drängt sich das Thema class, das in der Erzählung unterschwellig immer präsent ist, als bestimmender Faktor in das Leben der Protagonist*innen. Connell fühlt sich nicht zugehörig, seine eigene Herkunft steht ihm im Weg und er muss erkennen, dass ein Studium noch lange kein Garant für finanzielle Sicherheit ist. Marianne hingegen scheint sich nach dem Bruch mit der Familie erholt zu haben.

Die Geschichte von Connell und Marianne ist keine Wohlfühl-Lovestory, ganz im Gegenteil. Normal People thematisiert eine Liebesgeschichte, aber auch den Umgang mit Depressionen, enttäuschte Hoffnungen, gescheiterte Lebensentwürfe und masochistisches Sexualverhalten als Bewältigungsmechanismus nach Gewalterfahrungen.

Normal People erzählt auch davon, dass selbst die tiefste und ehrlichste Liebe noch lange kein Garant für eine stabile Beziehung oder ein glückliches Leben sein kann. Das ist emotional ziemlich viel, aber durch eine schnörkellose Sprache und ein feines Gespür für Timing und Szenen nie peinlich oder voyeuristisch. Der Guardian bezeichnet die Liebesgeschichte als „zukünftigen Klassiker“. Ich bin gespannt und oute mich hiermit als ziemliches Rooney-Fangirl. Beide Romane, die bisher auf Deutsch erschienen sind, habe ich in wenigen Tagen gelesen. Große Empfehlung!

Wer nicht so gerne zum Buch greift, aber trotzdem Interesse an komplexen und intensiven Beziehungsgeschichten hat, muss sich keine Sorgen machen. Normal People hat den Sprung zur Serienadaption geschafft und ist im Stream auf Amazon und Starzplay verfügbar.

Ich bedanke mich herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sally Rooney : Normal People.

Aus dem Englischen von Zoe Beck. Luchterhand 2020.

Weitere Rezensionen findet ihr hier

Bookbroker

Buch und Wort

Autor: the lost art of keeping secrets

32. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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