Dave jetzt!

Die österreichische Schriftsteller*in Raphaela Edelbauer erzählt in ihrem neuesten Roman von einer ganz besonderen Künstlichen Intelligenz und der totalen Überwachung.

Die Erde ist ruiniert, der Planet ist kaputt. Die Menschheit kann nur überleben, indem sie sich in einem abgeschotteten Labor vor äußeren Einflüssen schützt. Die Gesellschaft ist streng hierarchisch aufgebaut und orientiert sich an Platons Ideenlehre: oben arbeiten die wichtigsten Stützen der Gesellschaft, unten der Rest. Der Sinn des Lebens besteht darin, zu arbeiten und zu funktionieren. Da Menschen fehlbar sind, hat ein großer Riesencomputer den Status des gesellschaftlichen Kontrolleurs oder wahlweise der Ersatzreligion angenommen. Je näher man in der Laborwelt an der KI DAVE arbeitet, desto höher ist das gesellschaftliche Ansehen. Besonders wichtig sind daher Programmierer*innen, die seit Jahren daran arbeiten, passende Scripts für DAVE zu entwickeln, die den Computer darin unterstützen, menschliche Kommunikation zu „erlernen“. Wenn der Supercomputer eine Rettung für die Menschheit weiß, muss er sie ja auch verständlich mitteilen können. Der Ich-Erzähler Syz arbeitet ebenfalls als Programmierer. Durch eine zufällige Begegnung lernt er die Ärztin Khatun kennen und verliebt sich in sie.

Bekannte Dystopien wie Schöne neue Welt oder 1984 fallen mir ein, wenn ich Edelbauer lese. Aber der Twist mit dem Supercomputer ist doch noch eine Spur smarter, als man zunächst denken mag. Ein technischer Ausfall sorgt für eine Krise im Labor und durch Zufall gerät Syz an einen Generalschlüssel, der ihm Zugang zu anderen Ebenen und einem verschlossenen Archiv verschafft. Eine Sensation! Zeitgleich tun sich unverhofft berufliche Chancen auf: Syz wird als menschliches Vorbild für DAVE ausgewählt und soll dazu beitragen, dem Computer menschliches Verhalten nachvollziehbar einzuprogrammieren. Syz ist Feuer und Flamme für seine technische Pionierarbeit, immerhin soll er dazu beitragen, die erste urteilsfähige Maschine der Weltgeschichte zu bauen. In wöchentlichen Sessions darf Syz den Professor*innen Blumenthal und Fröhlich, sowie einem ausgewählten Forscherteam, seine Kindheits- und Jugenderinnerungen vortragen, nach denen DAVE programmiert werden soll: „Sie und DAVE müssen eins werden. Das ruft Neider und Saboteure auf den Plan. Also arbeiten wir stets nachts, stets dezent, stets geräuschlos.“

Syz Aufstieg bleibt nicht ohne Folgen. Ein größeres Zimmer winken und der Auftrag sich 24/7 mit den eigenen Erinnerungen zu beschäftigen. Da Syzs Lebensweg absolut durchschnittlich verlaufen ist, hat sich das Professor*innenteam für ihn entschieden. Was niemand weiß: Syz war als Kind zwar außergewöhnlich talentiert , litt aber auch unter seinem gewalttätigen Vater. Da das Verhalten des Vaters aber nie aktenkundig und damit offiziell wurde, versucht Syz sich jetzt verzweifelt retrospektiv in den wöchentlichen Sessions eine normale Kindheit zu entwerfen. Das gelingt ihm aber nicht immer, sein Unterbewusstsein sträubt sich. Er entwickelt kurzfristige Amnesien, die im Zusammenhang mit den Kopiervorgängen stehen und deutliche Zeichen psychischer Überlastung. Syz steht so unter Druck, dass er der Realität nicht mehr trauen kann – oder verliert er einfach den Verstand? Mysteriöse Botschaften, die ihm anonym zugetragen werden, interpretiert er als Warnung vor DAVE. Doch wie soll er sich verhalten, wenn er doch zugestimmt hat, dass der Computer bald seine individuellen Erinnerungen als Reaktionsmodell für menschliche Kommunikation benutzen darf?

Zudem bekommt das gesellschaftliche Gefüge Risse. Je näher die Vollendung des Supercomputers bevorsteht, desto aggressiver verhalten sich die Menschen der Laborgesellschaft. Dogmatische philosophische Debatten werden ausgetragen, in denen DAVE einerseits als Retter der Menschheit unter dem Schlachtruf „DAVE jetzt!“ und andererseits als größte Katastrophe der Gegenwart diskutiert wird. Syz, das menschliche Vorbild des Supercomputers, muss seinen Weg in dieser Gesellschaft erst noch finden.

DAVE hat es mir anfänglich nicht leicht gemacht. Sprachlich bohrt Edelbauer, Jahrgang 1990, wirklich dicke Bretter und bedient sich vieler Ausdrücke, die im Duden als bildungssprachlich gekennzeichnet werden und die ich zum Teil noch nie gehört habe. Ich muss nachschlagen, was beispielsweise dispergieren bedeutet und fühle mich auf den ersten 30 Seiten einfach nicht schlau genug für den Text. Das ändert sich aber, sobald die erste technische Katastrophe eintritt und die Handlung voranschreitet. Actionszenen im Labor wechseln sich mit Erinnerungen an Indoktrinationsunterricht aus der Vergangenheit ab, in dem Kindern die Rolle der Super-KI DAVE erklärt wird und die Leser*innen immer tiefer in Syzs Gegenwart eintauchen.

Anders als in mancher gegenwärtiger englischsprachiger Science-Fiction, ich habe vor kurzem Matt Ruffs 88 Namen gelesen, ist DAVE eine klassische Dystopie, in der Syz als kleines Rädchen im System anfängt, die „großen Fragen“ zu stellen. Kann die KI die Menschheit retten oder sind wir verloren? Und was ist der Preis, den wir als Gesellschaft oder als Einzelne*r für das Überleben zahlen müssen? Edelbauer wählt einen smarten Weg, die klassischen Ansätze zu verbinden. Bei den laborgesellschaftlichen Debatten muss ich direkt an Aluhüte denken und bin trotzdem vom Worldbuilding der Autor*in überzeugt. Edelbauer hat einen raffinierten Roman geschrieben, der Kennern des Genres und ambitionierten Hobbyphilosoph*innen großen Spaß machen wird. DAVE jetzt!

Raphaela Edelbauer – Dave. Klett-Cotta 2021. 432 Seiten.

5 Kommentare

  1. Danke für die Rezension.
    Das Thema ist ja gerade mega-in: Ishiguros eher massenkompatibler Roman „Anna and the Sun“ beschreibt es, wie auch Zoë Beck in „Paradise City“ und wohl am genialsten bei Jeanette Winterton in „Frankissstein“. Obwohl ich den Auftrag hatte, solche Romane zu rezensieren, hatte ich Edelbauers „Dave“ noch nicht gelesen, zumal er mir als „pathetischer Möchtegern Intellektueller“ vorgestellt wurde.
    Herzlichen Frühlingsgrüße vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    :-) :-) :-) :-)

    1. Hallo Klausbernd,
      danke für deinen Besuch und deinen Kommentar. Frankissstein hatte ich schon einmal auf meiner Leseliste und dann wieder vergessen, danke für’s Erinnern und die anderen Lesetipps! Ich fand Dave alles andere als „Möchtegern“, sondern richtig toll. Ein Roman, der einfach Spaß macht und sich nicht vor den großen dystopischen Klassikern verstecken muss. :)

      Herzliche Frühlingsgrüße aus der großen Stadt am großen Meer :)

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