Zwischen Du und ich

Mirna Funk erzählt eine Geschichte über die Verheerungen des Holocaust und die seelischen und psychischen Folgen für die dritte Generation

Wenn die 35-jährige Nike in Berlin aus ihrem Haus tritt, stolpert sie über die Lebensdaten ihrer jüdischen Urgroßmutter Dora, die 1941 in Frankreich unter unklaren Umständen ums Leben gekommen ist. Seit 1996 verlegt der Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus Stolpersteine in verschiedenen Ländern Europas. Mit 75000 Steinen in 1265 deutschen Kommunen handelt es sich um das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Nike ist in Ost-Berlin aufgewachsen und forscht über Jüd*innen in der DDR. Weder ihre Mutter Lea noch ihre Großmutter Rosa haben Verständnis dafür, dass die Vergangenheit für Nike wichtig ist. Doch es stehen große Veränderungen an. Unverhofft bekommt Nike die Möglichkeit, in Israel für ihr Projekt weiterzuforschen. Durch eine Ausnahmeregelung des israelischen Staates ist es ihr erlaubt, die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen, ohne die deutsche ablegen zu müssen. Israel soll ein Neuanfang werden, aber der Versuch der eigenen Vergangenheit zu entfliehen schlägt fehlt.

Als Nike nach Tel Aviv umzieht, wandelt sich die Geschichte. Eine neue Figur tritt neben die Ich-Erzählerin Nike, das Du, in diesem Fall die Figur Noam, die wie Nike eine eigene Geschichte von Traumata mit sich herumträgt. Noam, Mitte 40, Kolumnist für die Haaretz mit Vorliebe über sozialkritische Themen. Er lebt seit dem Tod seines Vaters in einer dysfunktionalen Abhängigkeit zu seinem Onkel Asher, ist arrogant und selbstgefällig und hat am laufenden Band Affären. Er verliebt sich ausgerechnet in Nike, die in Israel auf der Suche nach der Vergangenheit von Dora ist. Niam ist der erste Mann, den Nike seit Jahren in ihr Leben lässt, doch Niam hat ein Geheimnis.

Alles hängt mit allem zusammen oder die Wunden der Vorfahren lassen sich nicht verstecken: „Ohne Nazis kein Toulouse, ohne Toulouse keine Vergewaltigung, ohne Vergewaltigung kein Mord, ohne Mord eine andere Rosa, ohne Mord eine andere Lea, ohne Mord ein anderes Ich.“ Als Nike sich mit der schmerzhaften Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzen muss, gerät auch ihre eigene Geschichte mit ihrem Exfreund Sascha in den Fokus und alles, was sie mit ihm als 18-jährige erlebt hat.

Es ist schwierig, über die Geschichte zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Sehr virtuos verknüpft Mirna Funk unterschiedliche Erzählungen und Geschichten miteinander, zeigt den Leser*innen, welche Stolpersteine für die dritte Generation der Jüd*innen heute im Alltag vorhanden sind. Das Dazwischen ist der Ort des Schmerzes, das Zwischen steht zwischen den Menschen und verhindert echte Nähe. Das zeigt sich besonders an Nike, die immer wieder abwägen muss, welchen Weg sie gehen möchte. Transgenerationelle und persönliche Traumata erschweren die Liebesgeschichte zwischen Nike und Niam und sorgen für einen (erneuten) Bruch im Leben der Protagonist*innen. Einfühlsam erzählt Mirna Funk von der Gewalt, die in den Familiengeschichten der Protagonist*innen steckt und über „Schattenküsse, Schattenliebe, Schattenleben“ (Heinrich Heine), die nicht vergessen werden können.

Mirna Funk – Zwischen Du und ich. dtv 2021.

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