Der große Sommer

„Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur einmal im Leben gibt. Dieser eine Sommer, den hoffentlich jeder hatte, dieser eine Sommer, in dem sich alles ändert.“

Der große Sommer

Für Frieder ist dieser Sommer ein Schicksalssommer. Er hat die Lateinklausur verhauen und muss in die Nachprüfung, damit er die neunte Klasse bestehen kann. Seine Familie macht Campingurlaub und er soll bei seinen Großeltern bleiben. Ausgerechnet sein Großvater soll ihm helfen, dabei hat Frieder ihn noch bis zu seinem zehnten Geburtstag gesiezt und auch sonst ist die Beziehung zwischen Enkel und Opa nicht ganz optimal. Sein Großvater ist streng, hat so seine Prinzipien und hohe Erwartungen an sich selbst und andere. Da kann ein Mittagessen schon einmal einer mündlichen Prüfung über klassische Musik gleichen. Für Frieder fühlen sich die Sommerferien bei den Großeltern mindestens wie die Höchststrafe im Knast an, doch auf einmal ändern sich diese grausamen Vorzeichen. Er lernt im Schwimmbad Beate mit dem flaschengrünen Badeanzug kennen und traut sich sogar gemeinsam mit ihr vom 7,5-Meter-Brett zu springen. Außerdem gibt es Alma und seinen besten Freund Johann, die immer für ihn da sind. Aber der Sprung ist gar nicht die größte Herausforderung, die in diesem Sommer auf ihn wartet. Er beginnt heimlich die Tagebücher seiner Großmutter zu lesen, weil er endlich verstehen will, was seine herzensgute Oma an seinem strengen Opa so liebenswert findet. Und dann wird seine Freundschaft zu Johann auf eine harte Probe gestellt. Der Klappentext verrät es bereits: der erste Sprung, die erste Liebe, das erste Unglück. Welches Unglück da auf Frieder zu kommt, ist eine gewaltige Überraschung.

Die Geschichte spielt augenscheinlich in den 1980er Jahren. Es gibt weder Handy noch Internet und der Lateinlehrer Zippo schreibt seine Korrekturen der Lateinklausur auf eine Folie, die auf einem Overheadprojektor liegt (wobei das in manchen Teilen Deutschlands ein bedauerlicherweise sehr gegenwärtiges Phänomen zu sein scheint). Die Erfahrungen, die Frieder in diesem Sommer macht, sind allerdings zeitlos. Er erlebt, in bester Coming-of-Age-Manier, alle großen Gefühle, um die es im Leben geht: Freundschaft, Liebe, Vertrauen, aber auch Angst und Tod. Dieser Sommer wird Frieder für immer im Gedächtnis bleiben, denn sein Leben wird mehrfach auf den Kopf gestellt. Frieders Gegenwart ist das eine Thema, erste Küsse und Eifersucht und Verliebtsein, aber auch die Familiengeschichte während des Krieges wird thematisiert und sorgen dafür, dass Frieder sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Dabei hält Arenz gekonnt die Waage zwischen unterhaltenden und berührenden Momenten, zwischen intensivem Glücksgefühl und der größten Verzweiflung. Lustige Szenen wie nächtliche Ausflüge in Schwimmbad gehören ebenso dazu, wie schwierige Situationen, in denen Frieder Mut beweisen muss und vor schwere Frage gestellt wird, wem er in einer Krisensituation vertrauen kann. Überraschenderweise entwickelt sich so auch das Verhältnis zwischen Großvater und Enkelsohn anders als anfänglich gedacht.

Parallel zu diesen Erinnerungen an die Vergangenheit, begleiten wir den erwachsenen Frieder auf einen Friedhof. Wen er dort besucht und wer ihn aus diesem besonderen Sommer in die Gegenwart begleitet, wird erst ganz am Schluss verraten.

Ewald Arenz, Gymnasiallehrer für Geschichte und Englisch, stand mit seinem Debüt Alte Sorten 2019 auf der Liste „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ und wurde für seine Theaterstücke mehrfach ausgezeichnet. In Der große Sommer gelingt ihm das Kunststück, einen klugen und überraschenden Coming-of-Age-Roman zu schreiben, den ich in einem Rutsch gelesen habe. Das liegt nicht nur am überzeugenden Setting und der wirklich genialen Konstruktion der Geschichte, sondern auch an den überzeugenden Figuren, die so liebevoll entwickelt werden, dass man sie nicht vergessen kann.

Wann war euer größter Sommer?

Ewald Arenz: Der große Sommer. Dumont 2021.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Tintenhain

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