Die nicht sterben

Ein Roman über Rumänien, in dem nicht nur ein Draculathemenpark gebaut wird, sondern sich die Hauptprotagonistin zu allem Überfluss auch noch langsam in einen Vampir verwandelt.

Rumänien und Dracula gehören natürlich zusammen. Vlad III, genannt der Pfähler, ist einer der großen rumänischen Nationalhelden des 15. Jahrhunderts. Seine Feinde, die Osmanen, spießte er auf Stangen auf und ließ sie qualvoll verenden, später setzte sich für den Diktator Nicolae Ceaușescu der Name Dracula durch. In Dana Grigorceas Roman wird die rumänische Geschichte mit allerlei Gegenwartserzählungen und kulturellen Erzeugnissen verwoben, die mit den Blutsaugern zu tun haben: die Operette „Die Fledermaus“ wird so freimütig neben das unvermeidliche „verliebtes Lamm und böser Wolf“- Zitat von der schönen Bella und Glitzer-Edward gestellt. Neben historischen Details über den Fürsten wird natürlich auch auf das große Vorbild Dracula aus der Feder des irischen Schriftstellers Bram Stoker verwiesen, der sich recht ungeniert rumänischer Mythen und Darstellungen der Feinde des Fürsten bedient haben soll, um seine Schauergeschichte zu erzählen.

Dracula ist Teil des kulturellen Erbes Rumäniens, das haben auch die Bewohner*innen des kleinen Dorfes B. erkannt, in das die Ich-Erzählerin nach langer Abwesenheit zurückkehrt. Sie ist Künstlerin, hat in Paris studiert und merkt sofort, dass in B. die Uhren etwas anders ticken. Die jungen und gut ausgebildeten Menschen verlassen den Ort und gehen ins europäische Ausland, der Bürgermeister und die Lokalpolitiker*innen wissen seit Jahrzehnten an welchen Stellen sie die Hand aufhalten müssen, damit der Laden weiter laufen kann. Die Ich-Erzählerin auf der Suche nach Inspiration, lebt bei ihrer Großtante, die sie liebevoll „Mamargot“ nennt, auf einem herrschaftlichen Anwesen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist das Haus mit Tennisplatz und Galerie für die schönen Künste wieder in den Familienbesitz übergegangen und seitdem Treffpunkt für Künstler*innen, Aristokrat*innen und Geldadel. Man fühlt sich wohl in seiner Blase. Kurz darauf wird in der Familiengruft eine Leiche entdeckt, der Tote wurde gepfählt. Die Entdeckung wird zur internationalen Touristenattraktion, denn das Grab von Fürst Vlad ist ganz in der Nähe und der Bürgermeister wittert eine große Chance: Wäre ein Draculathemenpark nicht eine schöne Geldquelle für das Dorf?

Neben Leichenfund und gesellschaftlichen Wandel des Dorfes, bewegt aber noch eine ganze Entwicklung die Ich-Erzählerin. Sie kann nicht nur ihre Sinneswahrnehmung auf ungeahnte Weise scharf stellen und hört im Wortsinn die Regenwürmer husten. Nach dem Besuch eines merkwürdigen kalten und steinernen Monsterwesens mit dem sie im Bett landet und dessen Dirty Talk darin besteht, ihr „Wir sîn gelîchen bluotes“ ins Ohr zu stöhnen, entdeckt sie auch die Fähigkeit zu fliegen und verliert ihr Spiegelbild. Kurz gesagt, sie beginnt sich in einen Vampir zu verwandeln und teilt diese Erfahrungen direkt mit den Leser*innen, schreibt also keine Briefe wie in Bram Stockers Dracula-Erzählung.

Sie werden in allem, was ich Ihnen erzähle, böse Anzeichen sehen Ankündigungen für das, was folgte. Sie werden sich nach Vorboten fragen, den Vorboten des Schocks, der unvorstellbaren Grausamkeiten, des Todes aller Tode.

Die nicht sterben

Grigorcea legt in ihren Roman verschiedene Interpretationsebenen an: zum einen hat die Erzählung sowohl Elemente eines Schauermärchens (düstere Atmosphäre, ein Wesen, das die Wände hochkrabbelt etc.) als auch eines Krimis (Leichenfund, wer war der Tote, etc.) und eines Sittengemäldes der rumänischen Gesellschaft. Dabei kommen weder die etwas trotteligen Dorfbewohner noch die arrogante Familie der Ich-Erzählerin besonders gut weg, die auf ihren Festen gerne den Nationaldichter Mihai Eminscu zitieren und in betrunkener Albernheit, aber doch mit gewisser Begeisterung, sein Lobgedicht auf den grausamen Fürsten rezitieren: „Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch! Mit harter Hand zu richten“. Uff.

Hat man sich an das ironische Erzählverhalten der Ich-Erzählerin gewöhnt und lässt man sich auf diese Groteske ein, muss man es wohl aushalten, dass Grigorcea kaum Antworten auf Fragen geben möchte, die sich in dieser Geschichte stellen: Sind Vampire und korrupte Politiker*innen ähnlich gefährliche Blutsauger? Braucht es über dreißig Jahre nach Ende des Kommunismus eine selbsternannte Elitevampirella, die den Bürgermeister durch die Lüfte schwingt, damit der rumänische Staat funktioniert? Warum ist ihre beste Freundin von früher auch ein Vampir? Soll das der Überlebensmodus der heutigen Gesellschaft sein? Warum wünscht sich ausgerechnet die gut situierte Künstler*innengesellschaft einen Führer zurück und warum beschränken sich die Erfolgsgeschichten der im Ausland lebenden Rumän*innen auf Anekdoten von Menschen, die nicht wissen, wie Kapitalismus funktioniert?

Stimmungsmäßig ist der Roman eine echte Wucht, gerade die Szenen, in denen die Ich-Erzählerin ihre Fähigkeiten entdeckt, haben mir sehr gefallen und werden auch mit klarer gesellschaftskritischer Ironie dargeboten. Denn natürlich kann sie nicht nur den nächtlichen Flug über die verwunschenen Wälder genießen ohne auf eine illegale Mülldeponie zu stoßen. Trotz allen Bemühungen und einem fantastischen Anfang, zerfasert die Story leider im Verlauf der Handlung, steigert sich in die Ironie oder ironische Distanzierung und gleichzeitig auch wieder nicht (sie wird zum Vampir – häh?) und bleibt deshalb auf weiter Strecke eine ziemlich blutleere (höhö, Vampirroman, die erste) Aneinanderreihung von Handlungen ohne Biss (höhö, Vampirroman, die zweite), die mich nicht nachhaltig beeindrucken konnte.

Ich habe also etwas Gesprächsbedarf: Wer hat den Roman schon gelesen? Was habt ihr mit der Geschichte angefangen? Wie seht ihr die Rolle der Ich-Erzählerin?

Dana Grigorcea: Die nicht sterben. Penguin 2021.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert. Vielen Dank!

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

LiteraturReich

Poesierausch

Sören Heim

8 Kommentare

  1. Danke für die Verlinkung! Ich bin auch sehr gespalten bei der Bewertung des Buchs. Der gesellschaftspolitische Ansatz (Korruption und Bereicherung, Ruf nach der starken Hand, Fortbestehen bestimmter Strukturen auch nach Ende der Diktatur) haben mir genauso gut gefallen wie die historischen Einschübe. Das „Vampir-Gedöns“ fand ich eher befremdlich, habe es aber als Art Traumgeschehen hingenommen. Alles zusammen rundete sich für mich aber nicht überzeugend. Mir ging es also sehr ähnlich wie dir. Viele Grüße, Petra

    1. Hallo Petra, ich finde das Thema eigentlich auch total spannend und die gesellschaftspolitische Dimension überzeugend. Das Vampirgedöns hätte meiner Meinung nach echt viel Potenzial gehabt, was aber einfach nicht genutzt wird. Auch die beste Freundin von früher, die ein Vampir wird (warum nur eine aus dem Trio?), wäre doch spannend zu beobachten gewesen – aber warum wird sie eigentlich ein Vampir? Was sorgt für ihre Verwandlung? Und ist das jetzt platt oder interessant, dass die Ich-Erzählerin als Rächerin gegenüber dem Bürgermeister auftritt? Schade eigentlich, dass ein Roman, der zu so vielen Gesprächen anregt, dann am Ende doch nicht so rund ist, wie man es sich wünschen würde. Viele Grüße

  2. Dito, in allem! Bei mir hat der Roman viele Fragen aufgeworfen, auch gut Themen angeschnitten, aber eben auch nicht die Kurve gekriegt. Will sagen: für mich kommen sie vielen Themen nicht zusammen, und ich muss auch sagen, dass ich die historischen Einschübe genau wie die Vampireinlagen höchst langweilig fand, da sie nirgendwo hinführen. Alles steht nur nebeneinander… Grüße! Stefan

    1. Hallo Stefan,
      ich mag es eigentlich total gerne, wenn so Elemente nebeneinander geordnet werden und sich dadurch Bezüge ergeben. Deswegen ist in dem Vampirthema meiner Meinung nach auch echt viel drin, aber beim Zuklappen wusste ich auch nicht genau, wo die Geschichte mich hingeführt hat. Mein erster Untertitel war: Huch, was habe ich da gelesen… Das fand ich aber auch nicht passend, denn die guten Themen liegen ja quasi direkt im Text, aber es passiert zu wenig damit. Was hätte man noch alles mit der Freundin, die ein Vampir ist, machen können… Grüße zurück

    1. Hallo Sören, ich mag deinen Vergleich von Text und Freizeitpark („Ach schau, lass und das machen…“- „Oh, da vorne, das sieht toll aus.. aah.. lange Schlange, wir gucken weiter…“ – „Oh, da hin und da“ – „Was, der Park schließt?“), habe das aber tatsächlich nicht so dramatisch empfunden, denn die Story mit Vlad und der Korruption und der Tante fand ich alles gut. Mit Yunus gebe ich dir recht – warum ausgerechnet er so in den Vordergrund gestellt wird, wusste ich nicht. Yunus als besonderes Beispiel für Fremdheitserfahrung (ist aber auch nicht zu ende gedacht), weil sonst nur von Menschen berichtet wird, die Rumänien hinter sich lassen? Ich mochte auch den ironischen Unterton der Erzählerin und mir hat vieles einfach sehr gefallen und trotzdem war es leider keine ganz runde Sache. Ich werde die Autorin trotzdem im Auge behalten.
      Liebe Grüße

  3. Wir haben den Roman nicht gelesen, aber deine Rezension hat uns so neugierig gemacht, dass wir zwischen zwischen anderen Fezensionsaufträge, den schnell zwischendurch lesen werden.
    Alles Gute.
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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