Labyrinth

TW/CN: Suizid

Boratin ist ein junger Musiker, Nacht für Nacht spielt er mit seiner Bluesband in den Clubs. Doch jetzt wacht er nach einen Selbstmordversuch im Krankenhaus auf und sein bisheriges Leben ist komplett aus seiner Erinnerung gelöscht. In Istanbul macht er sich auf die Suche nach sich selbst.

Die Namen der antiken Philosophen, die Farben der Fußballvereine, die Worte des ersten Astronauten auf dem Mond, all das weiß ich. Doch über mich selbst entdecke ich keine Spur in meinem Kopf, nicht einmal an meinen Namen erinnere ich mich. Sie nannten mir einen Namen, ich habe ihn angenommen.

Labyrinth

Boratin kehrt als neuer Mensch aus dem Krankenhaus zurück. Er findet sich in einer Wohnung wieder, an die er sich nicht erinnert. Er sieht Möbel, die ihm nichts bedeuten, Schallplatten, die er nicht kennt und er führt Gespräche mit Menschen, die seine Freund*innen waren, aber er erinnert sich nicht mehr an sie. Auch an seine Schwester, die ihn aus Anatolien anruft und bittet, nach Hause zu kommen, hat er keine Erinnerung mehr. Er spielt ihr einen Menschen vor, den es nicht mehr gibt, denn sie weiß nicht, was passiert ist. Für sie spielt er Boratin, der in Istanbul lebt, einer Stadt, die sich nicht verändert hat und nicht verändern wird. Denn der Bosporus ist noch da und die Möwen sind es auch. Seine Band spielt die Blueslieder ohne ihn, denn er kann sich nicht mehr an seine poetischen Texte erinnern.

Dass alles seine Richtigkeit haben muss, dass er wirklich in seiner Wohnung ist und das Istanbul seine Stadt ist, wird ihm von seinem besten Freund Bek versichert. Bek hat ihn im Krankenhaus besucht und wird so etwas wie ein Fremdenführer und gleichzeitiger Experte für Boratins Leben. Aber warum Boratin sich in den Tod stürzen wollte, kann Bek ihm nicht beantworten. Stattdessen versucht er immer wieder den alten Boratin aufzuwecken. Bek nimmt ihn mit in Restaurants, bringt ihn mit alten Freund*innen zusammen, organisiert ein Treffen mit der Frau, die Boratin früher liebte. Aber nichts triggert seine Erinnerung oder hilft gegen die Amnesie.

Zunächst, wenn man jung ist, malt man sich die Zukunft aus, entwirft Utopien, hegt Hoffnungen. Die Zukunft ist lang, und alles ist möglich. Gegen Ende des Lebens sind dann die Möglichkeiten ausprobiert und erschöpft.

Labyrinth

In seiner existentiellen Einsamkeit streift Boratin durch Istanbul und entdeckt die Stadt, als wäre er ein Fremder. „Nicht heute ist kostbar, sondern gestern, und vorgestern ist noch wertvoller“, erklärt Boratin beim Blick auf die Auslage eines Antiquariats in Beyoglu. „Er könnte fragen, ich existiere heute, dann kann ich es auch morgen, aber wie kann ich gestern da sein?“ Boratin versucht in langen, gedankenstromartigen Passagen, herauszufinden, wer er ist.

Was bedeutet Zeit, was bedeutet Identität, was bedeutet Zugehörigkeit, wenn es nichts mehr gibt, auf das man sich beziehen könnte? Boratin ist irritiert, dass überall in der Stadt Plakate des Sultans hängen, bis er feststellt, dass es sich um den „aktuellen“ Sultan handelt. Gegenwart und Vergangenheit geraten ihm immer wieder durcheinander. Dadurch ist Labyrinth nicht nur eine Geschichte über eine Amnesie eines Musikers, sondern auch ein poetischer Kommentar zur politischen Lage in der Türkei. Boratin gelingt es von Null zu beginnen, weil er sich keiner Erinnerung stellen muss. Keinen Krisen, keinen Menschenrechts-verletzungen im eigenen Land. Labyrinth hat deshalb auch allegorischen Charakter, aber am Ende dieses traurigen Buches ist auch so etwas wie ein Hoffnungsschimmer zu finden. Die Liebe weist einen Weg aus der Krise und Boratin lernt junge Demonstrant*-innen kennen, die geplant haben, die Plakate des Sultans zu vernichten.

In dieser schwierigen Situation, sind es am Ende auch die eigenen Texte, die Boratin retten werden. Auch wenn sie vielleicht eine andere Bedeutung haben, als zuvor. Es ist die Sprache, die ihm einen Weg aus dem Labyrinth bahnt, in dem er gefangen ist und es ist sein eigenes Lied, das ihm einen Ausweg bietet.

Wach auf, halte dein Gesicht in den Regen an der Scheibe/ Wenn Gewöhnung ein anderer Name für Tod ist / Soll in deinem Haar nicht stets dasselbe Veilchen welken und dich verzehren.

Labyrinth

Burhan Sönmez – Labyrinth. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. btb 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert! Vielen Dank!

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Agentengeschichte x 2: Berta Isla & Alles, was wir sind

Anfang des Jahres habe ich zwei Agentengeschichten gelesen, die eigentlich keine klassischen Agentengeschichten sind, weil es auch um die Liebe und in beiden Fällen um Literatur geht. Beide Romane haben mir gefallen und eignen sich hervorragend für eine kleine mentale Pause, wenn man sie angesichts der Weltlage gerade braucht.

Der spanische Nobelpreiskandidat Javier Marías erzählt in Berta Isla eine Geschichte über Geheimnisse und Lügen und kehrt damit zu einigen Figuren zurück, die man bereits aus dem Roman Dein Gesicht morgen kennt und zwar zu Peter Wheeler und Betram Tupra, der eine Hispanistik-Dozent in Oxford, der andere sein ehemaliger Student, der bei MI6 arbeitet und von Wheeler rekrutiert wurde. Berta, Titelheldin und Erzählerin der Geschichte, heiratet ihre große Liebe, Tomás, ohne zu Wissen, dass Tomás sich in Oxford dazu gezwungen sah, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. Ein Doppelleben sei doch kein großes Problem, wird dem Studenten verkündet, der sich nur für diesen Weg entscheidet, weil er eines Verbrechens beschuldigt wird und fürchtet, nicht mehr nach Spanien zurückkehren zu können. Sein großes Talent für Sprachen kommt ihm da sehr gelegen. Tom kehrt nach Madrid zurück und ist auf einmal Geheimagent, aber Berta hat keine Ahnung. Die Handlung lässt sich auf einen Satz reduzieren, was Marías aber daraus macht, ist vor allen Dingen eins: ein großes Lesevergnügen. Kleinere Abstriche gibt es allein deshalb, man sich als Leser*in nicht ganz von der Idee frei machen kann, dass hier ein älterer Mann eine etwas naive Frau erdacht hat, die für mich als Figur nicht immer überzeugt.

Wer aufgrund der Spionage- und Geheimdienstgeschichte einen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Stattdessen erzählt Marías eine Liebesgeschichte voller Geheimnisse, die irgendwo im Agent*innenmilieu angesiedelt ist, um es vorsichtig zu formulieren.

Berta ist Professorin für Englische Philologie, beschäftigt sich intensiv mit Shakespeare und hat sich daran gewöhnt, dass sie wenig Fragen stellen darf und dass sie keine Antworten bekommen wird (warum?).

„Es gab eine Zeit, da war sie sich nicht sicher, ob ihr Mann ihr Mann war, wie man auch im Dämmerschlaf nicht weiß, ob man denkt oder träumt, ob man seinen Geist noch lenkt oder die Erschöpfung ihn in die Irre führt.“

Berta Isla

Einmal verschwindet Tom für 12 Jahre. Es gibt, im von Berta direkt erzählten Hauptteil Episoden von großer Spannung, zu denen die geschichtliche Einbettung – Spaniens Übergang nach dem Franco-Regime, der Nordirland-Konflikt, der Falklandkrieg – gehören, aber die Stärke des Romans liegt in der Beschreibung der Beziehung zwischen Berta und Tom. Es ist eine Kunst, sich in komplexe, widersprüchliche und schwierige Gefühlslagen herein zu tasten, die Berta täglich begleiten. Ist es möglich, eine Ehe zu führen, wenn man sich nicht die Wahrheit sagen darf? Wie viele Geheimnisse kann eine Beziehung ertragen? Für Tom stellt sich irgendwann die Frage, welche seiner vielen Leben und Identitäten echt sind, auch damit konfrontiert er seine Ausbilder, die ihn gnadenlos in eine bestimmte Richtung schubsen. Bertram Tupra antwortet auf die immer gleichen und verständnisloseren Fragen von Tom, der sich nicht mehr mit seiner Rolle als Agent identifizieren kann, nur sehr bissig: „Seit wann haben die Leute sich ihr Leben ausgesucht?“ und schlägt einen Bogen über die Jahrhunderte hinweg zu den Ärmsten der Armen bis zur Queen. Natürlich kann Tom ihm nicht widersprechen. Für Berta stellt sich die Frage, wie sie Tom unter diesen Umständen überhaupt vertrauen kann und trotzdem bleibt sie bei ihm.

Lara Prescotts Debüt Alles, was wir sind konnte mich ebenfalls überzeugen. In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte von Boris Pasternak und seiner Muse Olga Iwinskaja und die Verstrickungen um die unglaubliche, aber auf historischen Fakten beruhenden strategischen Entscheidungen des amerikanischen Geheimdienstes, um die Veröffentlichung des Romans „Doktor Shiwago“. Prescott hat sehr lange für den Roman recherchiert, er basiert zu großen Teilen auf den von der CIA 2014 freigegebenen Akten, die die Operation Shiwago genauer beschreiben.

Der Hintergrund der Geschichte ist ziemlich faszinierend. Während des Kalten Krieges waren der Ostblock und die Westmächte von der Wirkung des geschriebenen Wortes überzeugt. Während man heute eher an Fake-Posts und Bots denkt, glaubten die CIA-Strategen, dass schon ein einziges Buch dafür sorgen könnte, ein System zum Wanken zu bringen. In „Doktor Shiwago“ von Boris Pasternak geht es um die unglückliche Liebe zwischen Lara Antipowa und Juri Shiwago. Pasternak wurde von seiner Geliebten zu der Figur der Lara inspiriert.

Die Liebesgeschichte durfte wegen der kritischen Darstellung der Oktoberrevolution in der Sowjetunion 1956 nicht veröffentlicht werden, stattdessen entstand eine italienische Übersetzung, wodurch der us-amerikanische Geheimdienst auf die Geschichte aufmerksam wurde. Die CIA finanzierte eine russische Übersetzung der italienischen Ausgabe, denn das Erscheinen in Originalsprache war Voraussetzung dafür, dass Pasternak für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen werden konnte, den er dann – natürlich – auch gewann. Mit einem Buch, das in seinem Heimatland nicht erscheinen durfte. Die CIA sorgte auch für die Herstellung einer Miniversion der Geschichte auf hauchdünnem Bibeldruckpapier, die unauffällig von verschiedenen Agent*innen unter das Volk gebracht werden sollte um das System durch Literatur zu destabilisieren.

Möge das Buch seinen Weg um die Welt antreten

Alles, was wir sind

Lara Prescott beschäftigt sich in ihrem Roman mit den jungen Frauen, die für die „Agency“ arbeiten und ihren Weg als Agent*innen gehen, von den Männern aber eher als nette Mädchen wahrgenommen werden. Das sind besonders Irina und ihre Ausbilderin Sally, die in der Agency ihre Liebe zueinander finden, aber keine Möglichkeit haben, ihren Gefühlen zu folgen. Außerdem beschäftigt sie sich mit dem Schicksal der Geliebten von Pasternak, Olga Iwinskaja, deren einziges Vergehen darin besteht, mit einem Schriftsteller zusammen zu sein, der ein „subversives“ Buch geschrieben hat.

Prescott hat keinen Agententhriller geschrieben, sondern vielmehr eine Geschichte über die Kraft der Literatur und die Liebe, die alles zusammenhält. Und um die Liebe, die man nicht immer versteht und die nicht immer einfach zu erklären ist, geht es auch im Roman von Javier Marías.

Welche (Liebes-)Geschichte konnte euch zuletzt überzeugen?

Lara Prescott – Alles, was wir sind. Übersetzt von Ulrike Seeberger. Rütten & Loening 2019. 475 Seiten.

Javier Marías – Berta Isla. Übersetzt von Susanne Lange. Fischer 2019. 656 Seiten

Die Optimisten

Die us-amerikanische Autorin Rebecca Makkai erzählt in ihrem Roman „Die Optimisten“ von Liebe, Freundschaft und den katastrophalen Auswirkungen der AIDS-Epidemie in den 1980er Jahren in Chicago.

Ich kenne Männer, die noch niemanden verloren haben. Gruppen, die bisher unberührt geblieben sind. Aber ich kenne auch Leute, die haben zwanzig Freunde verloren.

Die Optimisten

Yale ist ein Glückskind. Beruflich läuft es für ihn fantastisch. Er hat einen interessanten Job in einer Galerie und ist einem Glückstreffer auf der Spur. Eine ältere Dame hat ihre Gemäldesammlung zur Verfügung gestellt und er hat die Chance sich zu profilieren, denn die Gemälde könnten wertvoll sein. Außerdem plant er mit seinem langjährigen Freund Charlie ein kleines Haus zu kaufen. Rebecca Makkai gelingt es absolut nachvollziehbar und authentisch, die Gruppe verschiedenen Figuren und ihre Lebensentwürfe zu schildern. Eigentlich wollen alle nur ein ganz normales Leben führen, sich verlieben, einen sicheren Job haben. Und dann kommt eine Krise, die niemand vorhersehen konnte.

Was mich mitnimmt ist, dass ich einunddreißig bin und meine Freunde einer nach dem anderen krepieren.

Die Optimisten

Die Geschichte beginnt mit einer Trauerfeier. Nico, ein 25-jähriger Grafikdesigner ist an Aids gestorben und Yale weiß, dass Nico nicht der letzte sein wird. Auf der Trauerfeier kommen alle Freunde zusammen, versuchen sich Mut zuzusprechen und nicht aufzugeben. Immer mehr Männer in Yales Umfeld werden krank, entfernte Bekannte oder gute Freunde. Warum sie so schnell sterben, weiß niemand genau. Man besucht sie im Krankenhaus und sie sehen aus wie „ein Außerirdischer, ein Auschwitz-Gerippe, ein aus dem Nest gefallenes Vogelbaby“. Es gibt keinen Impfstoff gegen die Krankheit und keine funktionierende Therapie. Mitte der 1980er Jahre befindet sich die Aids-Krise auf dem Höhepunkt. Bis zur Einführung der hochaktiven antiretroviralen HAART-Therapie im Jahr 1996, die Leben retten könnte, werden erst viele Jahre vergehen.

Yale und Charlie führen eigentlich eine perfekte Beziehung, sie halten zusammen, sie sind füreinander da. Doch Nicos Tod ist erst der Auftakt. Ihre Freunde sterben. Charlie leitet als Herausgeber ein queeres Magazin, Yale hat seine Arbeit in der Galerie. Doch auch hier begegnen ihnen Vorurteile. Mit jedem Tag, der vergeht, fühlen sie sich hilfloser. Niemand weiß, wen es als nächstes treffen wird. Yale erlebt die Zeit als so traumatisch und verstörend, dass er einmal formuliert, es entstünde gerade „das Bewusstsein dafür, die Reste seines Herzens zu schützen, die bei jeder Trennung, jedem Scheitern, jeder weiteren Beerdigung, jedem Tag auf der Erde in immer kleinere Fetzen gerissen wurden“. Nicos Schwester Fiona versucht für alle da zu sein, sie hat nicht nur Nico in seinen letzten Stunden begleitet, sie ist auch für seinen Freund da und viele andere schwer Erkrankte, die sie pflegt.

Makkai hat aber nicht nur einen Roman über die 1980er Jahre geschrieben. Die Geschichte setzt sich bis ins Paris der Gegenwart fort. 2015 befindet sich Fiona in Paris, hier sucht sie ihr Enkelkind. Ihre Tochter Claire hat sich einem dubiosen Guru angeschlossen und keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Fiona ist durch die Erlebnisse der Vergangenheit gezeichnet. In Paris besucht sie einen alten Freund von früher. Richard ist Fotograf und bereitet eine Ausstellung mit Bildern aus den 1980er Jahren vor. Hier schließt sich der Kreis und Fiona sieht seit langer Zeit wieder Bilder ihres verstorbenen Bruders und seiner Freunde. Kann Fiona die Vergangenheit hinter sich lassen und Claire ihr verzeihen? Gerade als Fiona in Paris angekommen ist, ereignet sich der Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo.

Man könnte jetzt argumentieren, dass eine so komplexe Geschichte vielleicht ein bisschen zu viel ist. Tatsächlich erschien mir während des Lesens, die Geschichte von Yale und Charlie und ihren Freunden sehr viel stärker und nachvollziehbarer als die Geschichte der Gegenwart. Es ist etwas schräg, den Roman im Moment zu lesen, denn die Unsicherheit, die manche Figuren befällt, während andere sich gar nicht erst einschränken lassen wollen, weil es einen doch eh erwischt, wecken starke Assoziationen zur gegenwärtigen Situation. Es ist eine ziemliche emotionale Achterbahnfahrt, davon zu lesen, wie die Freunde auf neue Erkenntnisse der Medizin hoffen, gleichzeitig ihr Leben nicht unterbrechen wollen, andererseits panische Angst davor haben, sich mit anderen zu treffen, da niemand genau über die Verbreitung des Virus und die Ansteckungswege Bescheid weiß. Je länger man den Roman aber verfolgt, desto wichtiger und interessanter wird die Figur Fiona, die beide Zeitebenen miteinander verbindet.

„Die Optimisten“ ist ein Roman voller Abwechslung und Gefühlen, die im starken Kontrast zueinanderstehen und interessanten geschichtlichen Parallelen, die sich auftun. Nora, die ältere Dame, die Yale entdeckt, lebte in den 1920er Jahren in Paris und traf dort viele Künstler*innen, die später Weltruhm erlangten. Unter anderem hat sie für Modigliani Modell gesessen. Durch die Schenkung ihrer Bilder möchte sie aber auch unbekannten und vergessenen Künstler*innen ein Denkmal setzen, an die sich niemand mehr erinnern kann. Denn viele Freunde und Bekannte von Nora sind im Ersten Weltkrieg gefallen.

Wartet man nicht eigentlich permanent darauf, dass die Welt aus den Fugen gerät? Wenn die Verhältnisse stabil sind, dann immer nur vorübergehend.

Die Optimisten

Makkai hat einen Roman geschrieben, der auf so vielen unterschiedlichen Ebenen berührt und dabei beste Pageturnerqualität bietet, ohne trivial zu sein. Es geht um Liebe, Verlust und Familie, aber auch um Freundschaft und füreinanderdasein. Gleichzeitig wird durch die zweite Erzählebene auch deutlich, dass die Zeit nicht alle Wunden heilen kann und wie wichtig es ist, sich an die Vergangenheit zu erinnern.

Rebecca Makkais Debüt Ausgeliehen war eine Geschichte über eine Bibliothekarin, die einen zehnjährigen Jungen vor seiner herrischen Mutter retten will und mit ihm und ihren Lieblingsbüchern quer durch die USA reist. In Die Optimisten gelingt es Makkai wieder einmal Figuren zu beschreiben, die man als Leser*in einfach ins Herz schließen muss und nicht vergessen kann. In den USA wurde der Roman mehrfach ausgezeichnet. Die New York Times wählte den Roman unter die zehn besten Neuerscheinungen des Jahres 2019, außerdem gehört der Roman zu den Finalisten des Pulitzer Preises im letzten Jahr. Ich finde es toll, dass der Roman in Deutschland ein Zuhause bei dem Indieverlag Eisele gefunden hat. Das Verlagsprogramm ist immer einen Blick wert. Zuletzt hat mir der Roman Sag den Wölfen, ich bin Zuhause sehr gefallen, der sich ebenfalls mit HIV in den 1980er Jahren auseinandersetzt. Ich hatte vorher keine Ahnung davon, welche gesellschaftliche Ächtung mit dieser Krankheit einherging. Beide Romane kann ich nur empfehlen.

Rebecca Makkai – Die Optimisten. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell. Eisele 2020. 624 Seiten.

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Lesen macht glücklich

Gespräche mit Freunden

Zur „ersten großartigen Autorin der Millennials“ hat die „New York Times“ die 28-jährige Irin Sally Rooney ausgerufen, „die wichtigste Stimme der Millennialliteratur“ hat der „Independent“ sie genannt. Für ihr Erstlingswerk „Conversations with Friends“ wurde Rooney 2017 von der „Sunday Times“ als „Young Writer of the Year“ ausgezeichnet. Mit ihrem zweite Roman „Normal People“ übertraf sie die Verkaufszahlen von Michelle Obamas Biografie „Becoming“. Die BBC arbeitet an einer Serienverfilmung ihrer Romane.

Ich habe Gespräche mit Freunden gelesen und kann die Begeisterungsstürme ziemlich gut nachvollziehen.

Ich sah Bobbi an der Tür zur Buchhandlung, und sie winkte mir zu. An ihrem linken Handgelenk trug sie mehrere Armreifen, die elegant an ihrem Arm herabrasselten, als sie ihn zum Winken hob. Ich dachte häufig, dass mir nichts Schlimmes zustoßen könnte, wenn ich wie Bobbi aussähe. Es wäre nicht so, als würde ich mit einem neuen, fremden Gesicht aufwachen. Ich würde mit einem Gesicht aufwachen, das ich bereits kannte, ein Gesicht, von dem ich mir bereits vorgestellt hatte, es wäre meins, weshalb es sich ganz natürlich anfühlen würde.

Gespräche mit Freunden, S. 83.

Rooneys Figuren fühlen sich unglaublich echt an, auch wenn man im ersten Moment glauben könnte, dass die Geschichte altbekannten Pfaden folgt. Frances ist 20 Jahre alt und die Ich-Erzählerin der Geschichte. Mit ihrer besten Freundin Bobby studiert sie am Trinity-College in Dublin, gemeinsam schreiben sie Gedichte, sie treten bei Poetry Slams auf und waren früher ein Paar. Frances kann gut schreiben, Bobby kann fantastisch performen. Bei einer Veranstaltung lernen sie die ungefähr zehn Jahre ältere Autorin Melissa kennen, die die Freundinnen zu sich nach Hause einlädt, damit sie ein Porträt über Bobbi und Frances schreiben kann. Bei dem Abendessen lernen sie Melissas Ehemann Nick kennen, einen depressiven Schauspieler, der schnell Interesse an Bobbi und Frances zeigt. Frances beginnt eine Affäre mit ihm. Melissa weiß davon.

Beim Abendessen tauschten wir ein paar Details aus unserem Leben aus. Ich erklärte ihm, dass ich den Kapitalismus zerstören wolle und dass ich Männlichkeit persönlich als unterdrückend empfand. Nick sagte, er sei ,grundsätzlich‘ ein Marxist, und er wolle nicht, dass ich ihn verurteile, weil er ein Haus besaß.

Gespräche mit Freunden.

Rooneys Figuren sind überdurchschnittlich gebildet und gehören zur urbanen Mittelschicht, man diskutiert über Gilles Deleuze oder das kommunistische Manifest und die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Monogamie. Das ist ganz putzig, aber auch ein bisschen drüber, liest sich aber unfassbar gut. Interessant und sehr zeitgeistig hingegen, sind die ökonomischen Betrachtungen der Figuren. Auch hier zeigt sich der Generationenunterschied zwischen Nick und Melissa und Bobbi und Frances. Während Nick und Melissa in ihrem Loft wohnen und versuchen alle Möglichkeiten zu nutzen, regen sich Frances und Bobbi über die griechische Schuldenkrise auf und machen sich gleichzeitig keine Illusionen darüber, irgendwann den ökonomischen Status ihrer Eltern zu erreichen. Doch auch hier unterscheiden sich die Freundinnen.

Bobbi hatte eine Art an sich, mit der sie überall dazugehörte. Obwohl sie sagte, sie hasse die Reichen, war ihre Familie reich, und andere wohlhabende Menschen erkannten sie als eine der ihren an. Ihre radikale politische Einstellung betrachteten sie als so etwas wie bourgeoise Selbstkritik, nichts allzu Ernsthaftes, und sprachen mit ihr über Restaurants oder wo man in Rom wohnte. Ich fühlte mich in diesen Situationen fehl am Platz, unwissend und bitter, hatte aber auch Angst davor, als halbwegs armer Mensch und Kommunistin identifiziert zu werden.

Gespräche mit Freunden

Jede Beziehung, die Sally Rooney in der Dubliner Mittelschicht beschreibt, ist geprägt von finanzieller Abhängigkeit. Und das wird im Verlauf der Handlung immer deutlicher. Frances steht oft vor dem Nichts, Bobbi fällt irgendwie auf die Füße, denn sie gehört schon dazu. Frances‘ Vater ist Alkoholiker und kann ihr keinen Unterhalt überweisen, sodass Nick, mit dem sie eine Affäre beginnt und Bobbi, mit der sie einmal eine Affäre hatte, anfangen, ihr Geld zu leihen oder Essen zu kaufen. Das ist eine Möglichkeit für Frances, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, denn für Literaturstudent*innen sind die Chancen gering, einen gutbezahlten Job zu bekommen. In Dublin sind die Folgen der Finanzkrise immer noch spürbar und Frances hängt in unbezahlten Praktika im Kulturbereich und Literaturagenturen herum, bei denen noch nicht einmal die Illusion aufrecht erhalten wird, dass sich die unbezahlte Arbeit irgendwann einmal in eine bezahlte Stelle wandeln wird.

„Ich hatte verschiedene Niedriglohnjobs in den vergangenen Sommerferien und ich ging davon aus, dass es nach meinem Abschluss so weitergehen würde. Auch wenn ich wusste, dass ich irgendwann eine Vollzeitstelle antreten musste, phantasierte ich garantiert nie von einer strahlenden Zukunft, in der ich dafür bezahlt wurde, eine wirtschaftlich relevante Rolle einzunehmen.“

Gespräche mit Freunden

Anhand von popkulturellen Referenzen kann man eigentlich feststellen, in welcher Zeit die Handlung spielt. Das gilt für alle Texte. Bei Rooney bleibt vieles abstrakt und eher vage, das macht die Geschichte auch so besonders und offen für eigene Interpretationen. Wenn Nick und Frances sich einen „iranischen Film über Vampire ansehen“, dann ist klar, dass beide einen exquisiten Filmgeschmack haben, denn natürlich handelt es sich hier um den iranischen feministischen Vampirfilm “ A Girl Walks Home Alone at Night“ von Ana Lily Amirpour, der auf diversen Filmfestivals ausgezeichnet wurde. Wenn man es nicht weiß, hat man aber auch nichts verpasst.

Ich hatte ein Fitzgeraldgefühl beim Lesen und das kommt wirklich nicht oft vor. Der Text besteht aus langen Selbstbefragungen, die Frances immer wieder formuliert, intelligenten Dialogen, Analysen ihrer Beziehung zu Bobbi, zu Nick und das in verschiedenen Formen. Chats, E-Mails, SMS und vielen Passagen über Befindlichkeiten und Gefühlslagen. Insgesamt ist die Stimmung im Roman eher traurig als wütend, besonders dann, als für Frances noch eine Endometrioseerkrankung hinzu kommt. Trotzdem ist der Roman unglaublich lässig geschrieben und beschäftigt sich seitenlang mit der Suche der Protagonistin nach sich selbst. Wie viel ich davon in einem Jahr noch weiß, kann ich wirklich nicht sagen. Gefallen hat mir der Roman trotzdem.

Jesus wollte immer der bessere Mensch sein, ich auch.

Gespräche mit Freunden

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank an das Bloggerportal!

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Literaturreich

Mona Lisa Blog

Von schlechten Eltern

Ein Mann trauert und versucht sich gleichzeitig um seinen Sohn zu kümmern. Nachts fährt er Taxi und erinnert sich an seine verstorbene Frau. 

Die Nähe von Figur und Autor ist bewusstes Stilmittel, bereits in seinem vorigen Roman widmete sich Kummer in einer Art autobiografischen Fiktion seiner Frau und ihrer gemeinsamen Zeit. Und ja, wenn man an den Schriftsteller Tom Kummer denkt, fällt einem automatisch der Medienskandal um fiktionale Interviews oder fiktionalisierte Interviews in den 199oer Jahren ein. Kummer hatte Brad Pitt und viele andere amerikanische Prominente für den Spiegel und die Zeit interviewt. So schien es zumindest. Im Jahr 2000 kam heraus, dass es sich hier um fiktionale Interviews handelte und Kummer gar nicht mit den Prominenten gesprochen hatte. In jedem Fall legt Kummer die Nähe zur Realität auf seine Weise aus, in diesem Text trägt der Erzähler denselben Namen wie der Schriftsteller, aber hier geht es um das Danach. Wie geht man damit um, wenn ein geliebter Mensch stirbt?

In Von schlechten Eltern begleiten wir aber nicht nur diesen Trauerprozess, der wie ein Roadmovie funktioniert, in dem es stetig vorwärts, aber irgendwie auch ins Nichts geht, der Roman thematisiert auch die Auswirkungen der Globalisierung.

Der Erzähler ist in der Nacht unterwegs, über Autobahnen und durch Tunnel, entlang der Berge, quer durch die Schweiz. Tom ist Fahrer im Luxussegment, mit der Limousine holt er wichtige Gäste vom Flughafen ab und versucht so diskret zu sein, wie möglich. Er ist Chaffeur von afrikanischen VIPs und Diplomat*innen, manche schleppen Geldkoffer mit sich, manche sind redselig. Manche wollen in die Berge gefahren werden, um sich vom höchsten Punkt des Gipfels in den Tod zu stürzen. Der Tod fährt also immer mit.

Morgens ist der Ich-Erzähler wieder Zuhause, so früh, dass sein Sohn, der 12 Jahre alt ist, nichts von seinem Job bemerkt. Sie frühstücken, Vincent geht zur Schule. Die Nachbarn stellen eine Gefährdungsanzeige beim Jugendamt. Tom fährt weiter und lässt während der Fahrten die Gedanken zu seiner Frau schweifen. Es wirkt unfertig, dieses Leben. Nicht nur, weil Nina, die an Krebs starb, fehlt. Der Ich-Erzähler lebte lange im Ausland, ist gerade erst aus der USA in die Schweiz zurückgekommen – eine Gemeinsamkeit, die der Erzähler mit dem Schriftsteller teilt. In den USA lebt im Roman weiterhin einer der Söhne, er ist 18, die Chats sind kurz, der Kontakt sporadisch. Warum ist das so, fragt man sich.

Wahrscheinlich, weil die Trauer diesen gelähmten Erzähler sonst auffressen würde. Statt mit seinen Söhnen zu kommunizieren, zieht er sich in die Nacht und auf die Autobahn zurück. 30 Jahre liebte er Nina, in der Nacht spricht sie zu ihm. Von schlechten Eltern ist deshalb auch so ein treffender Titel, weil Tom in diesen Gesprächen dem Tod näher ist als dem Leben, seiner Frau näher als den Söhnen. Die Angst, dass der Erzähler mit voller Absicht in der Dunkelheit verschwindet, die Klippe hinunter fährt, in den dunklen See geht und nicht zurückkommt, diese Atmosphäre zieht sich durch das ganze Buch.

Und eine andere Ebene mischt sich in die Geschichte. Der Sohn, der noch da ist, ist Toms Erinnerung an Nina. Tom beobachtet ihn im Schlaf, er will ihm nahe sein, er beschreibt ihn mit großer Gefühlsregung, die mitunter in eine schräge Obsession zu kippen droht. Gerade auch, wenn Tom sich an seine eigene Kindheit erinnert. Ist das der erste Schritt in Richtung eines Übergriffs oder die überbordende Trauer, die Tom die verlorengegangene Nähe zu seiner Frau im Bett seines Sohnes suchen lässt? Es passiert nichts offensichtliches, aber offensichtlich ist, dass Tom seinen Sohn dringender in diesem Prozess braucht, als dieser ihn. Denn ohne seinen Sohn, würde sich der Erzähler in seiner Trauer verlieren. Vincent sorgt dafür, dass sein Papa wieder mit ihm Basketball spielt, Vincent sorgt dafür, dass sein Vater wieder rausgeht.

Das alles vor dem Hintergrund einer dystopisch anmutenden Schweiz, die nur aus Nacht und Bergen und Straßen besteht, sorgt für eine beeindruckende und atmosphärische Erzählung, in der am Ende nicht immer klar ist, was Tom sich vorstellt und mit welchen Dämonen der Vergangenheit er ringt. Und was tatsächlich gerade passiert.

Tom Kummer: Von schlechten Eltern. Tropen Verlag 2020.

Wir holen alles nach

Eigentlich ist nichts passiert. Doch, es ist etwas passiert. Nein, doch nicht. Oder doch? In dem Roman Wir holen alles nach stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, die sich nicht immer richtig verhalten. Es ist eine Geschichte über das, was Menschen voreinander verbergen und die subjektiven Theorien, die sie trotzdem übereinander haben. Man glaubt etwas, über eine andere Person zu wissen, doch ob es wirklich zutrifft lässt sich nicht genau sagen.

Ellen ist Rentnerin und lebt in München. Hier wohnt sie gemeinsam mit ihrem Hund, gibt Nachhilfe, um sich ihre Rente aufzubessern und trägt jeden Morgen die Zeitung aus. Ihre Kinder leben schon lange nicht mehr Zuhause. Ellen versucht die Welt immer ein Stückchen besser zu machen. Sie versucht auf Plastik zu verzichten, sie isst wenig Fleisch. Bereits mit 40 Jahren war sie Witwe, sie hat sich an ein Leben alleine gewöhnt. Und sie glaubt, immer das Richtige zu tun.

Doch dann passiert es. Sie bekommt einen neuen Nachhilfeschüler. Elvis ist in der Grundschule und nicht so gut in Deutsch. Ellen hilft Elvis, Elvis hilft ihr. Sie gehen gemeinsam mit dem Hund spazieren, kochen und machen Hausaufgaben. Ellen gewöhnt sich sehr schnell an ihre Rolle als Ersatz-Omi und daran, dass Elvis regelmäßig zu ihr nach Hause kommt. Elvis ist manchmal sehr traurig, das macht Ellen große Sorgen. Stimmt etwas bei ihm Zuhause nicht? 

Sina ist die Mutter von Elvis. Sie hat einen stressigen Job, sie versucht sich um Elvis zu kümmern und sie braucht Zeit für ihren neuen Partner Torsten. „Wir holen alles nach!“, das sind ihre Worte, das sagt sie oft zu Elvis. Denn viel Zeit hat sie nicht für ihren Sohn. Torsten hatte ein Alkoholproblem, aber ist seit einiger Zeit trocken. Das behauptet er zumindest. Sina erlebt hautnah mit, wie die Scheidung mit Torstens Exfrau abläuft und wie wenig er seine Kinder sehen kann. Das macht sie traurig. Sie glaubt daran, dass Torsten mit Elvis alles besser machen kann. Aber dann wird sie von Ellen angesprochen, die sich Sorgen um Elvis macht und es steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Wie soll Sina reagieren? Gegenüber dieser Frau, die sie braucht und auf die sie trotzdem neidisch ist, denn sie verbringt mehr Zeit mit Elvis und warum hat sie, seine Mutter, nichts gemerkt? 

Martina Borger gelingt es meisterhaft und psychologisch sehr feinsinnig, die Verdachtsmomente der beiden Frauen und ihre Reaktionen darauf, auszuloten. Wie verhält sich Ellen gegenüber Elvis? Was macht sie mit dem Verdacht gegenüber Torsten? Wie reagiert Sina gegenüber Torsten? Was sollen sie tun, wenn Elvis nicht spricht? Aus dieser ungünstigen Ausgangslange entwickelt sich ein feingesponnenes Netz aus Gerüchten, Verdächtigungen, unausgesprochenen Anschuldigungen, die alle Beteiligten verändern werden. Der Roman ist sehr leise erzählt und trotzdem genau. Wie auf einem Seziertisch nimmt Martina Borger die Gefühle der beiden Frauen auseinander und eine unheilvolle Kettenreaktion entsteht. Ich konnte den Roman kaum zur Seite legen und das hatte ich nach den ersten Kapiteln nicht erwartet. Ein leiser Roman, sehr gelungen und eindrücklich erzählt.

Martina Borger – Wir holen alles nach. Diogenes 2020.

Willkommen in Lake Success

Barry Cohen ist ein armes Würstchen. Dabei ist er Hedgefondsmanager und hat einmal Milliarden verwaltet. Doch das war in einem früheren Leben. Im Moment hat er die Finanzaufsicht im Nacken und ist auf der Flucht. Quer durch die USA.


Barrys Privatleben ist leider auch nicht so rosig und so, wie er es sich immer ausgemalt hat. Sein Sohn Shiva erfüllt die überzogenen Erwartungen von Barry und seiner Ehefrau nicht. Das Kind ist anders und eine Diagnose steht im Raum, die Barry erkennen lässt, dass er sein Leben doch nicht hundertprozentig im Griff hat. 

Barry hatte Trump erst hassen gelernt, nachdem er sich auf einer Pressekonferenz über einen behinderten Reporter lustig gemacht und mit den Armen geschlenkert hatte, um seine Zuckungen nachzuahmen. Shiva tat das Gleiche – ,Flattertremor‘ hieß das -, wenn er einer großen unausgesprochenen Freude Ausdruck verleihen wollte. Wer über eine der wenigen geheimen Freuden seines Sohnes Witze machte, der verdiente es nicht zu leben.

Willkommen in Lake Success, S. 87


In Rückblenden erfahren wir, warum Barry den Greyhound besteigt und sich auf eine wilde Reise durch die USA und in seine Vergangenheit begibt. Shteyngarts dynamischer und geschickter Erzählstil sorgt dafür, dass man den Roman nach den ersten eher langsam anlaufenden Seiten, dann doch nicht mehr aus der Hand legen kann. Rückblenden und zeitliche Überschneidungen sorgen für Spannung, die zumindest im letzten Drittel auch gehalten wird. 


Wer großen Wert auf Helden und sympathische Figuren legt, wird nicht unbedingt auf seine Kosten kommen. Barry ist nicht sympathisch, kein Held, kein Vorbild, ein Looser und gleichzeitig auch ein naiver Mensch, der den Fortschrittsglauben des Silicon Valley inhaliert hat. Sein „kaputter“ Sohn und seine Frau, die für diese Misere verantwortlich ist, denn an seinen guten Genen könne es ja nicht liegen, sind der Hauptgrund für die Flucht. Trotzdem liebt er seinen Sohn, doch er ist unfassbar überfordert. Wo kann Barry hin?  Er erinnert sich an seine Jugendliebe Layla, denn mit ihr war sein Leben noch in Ordnung, vielleicht hat sie Kinder, funktionierende und gute Kinder, die Barry als ihren neuen Vater akzeptieren? In einer Mischung aus Tagträumerei und Weltflucht macht sich Barry auf um Layla zu finden, damit er mit ihr das ehrlichere Leben der Collegezeit wieder aufnehmen kann.

Shteyngart nimmt uns mit in die Zeit kurz vor dem Amtsantritt von Trump und präsentiert ein zerrissenes Land vor der Wahl. Vielleicht so ähnlich wie die Figur Barry selbst. Man erfährt Details aus der Stimmungslage der amerikanischen Bevölkerung von den Ärmsten bis hin zu den reichsten der Reichen. Barry gehört dazu. Er hat einen Uhrentick und sammelt Uhren, die den Wert von Kleinwagen haben. Seine Frau Seema stürzt sich aus Verzweiflung in eine Affäre und es tauchen viele merkwürdige und skurrile Figuren auf. 

Willkommen in Lake Success muss sich erst entwickeln, die ersten Seiten ziehen sich. Doch dann hat mich der Roman begeistert. Die sarkastische Erzählweise von Shteyngart trifft nicht immer, aber meistens den richtigen Ton und den Zeitgeist. Die merkwürdigen Menschen, die er porträtiert, sind letztlich gar nicht so anders als wir selbst. Das macht den Roman so lesenswert.

Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Penguin 2019.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks als Rezensionsexemplar erhalten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Feiner reiner Buchstoff

About Girls & Punk – Eileen Myles, Patti Smith und Viv Albertin

CN/TW: rape

Ich habe in der letzten Zeit drei verschiedene Biografien von Künstler*innen gelesen. Alle drei sind so unterschiedlich und gleichermaßen lesenswert.

Eileen Myles (*1949) ist eine der wichtigsten queeren Erzähler*innen der USA und gilt als „Rockstar der Gegenwartslyrik“. Mitte der 1970er Jahre zog sie nach New York und studierte am St. Mark’s Poetry Project. Ihr Werk umfasst über 20 Bücher, darunter Essays, Romane und Gedichte. Im vorliegenden Roman Chelsea Girls, der im Original bereits 1994 erschien, wagt sie einen Blick zurück in ihr Leben in New York in den 1970er Jahren. 

Ihre erste Lesung gab Myles im CBGB’s, einem berühmten Club im East Village von Manhattan, in dem auch die Ramones und Patti Smith auftraten. Vielleicht liegt es deshalb nahe, Myles als Post-Punk zu bezeichnen, die Teil der literarischen Avantgarde war und bis heute diesen Status noch inne hat. Auf den englischen Originalen ihrer Werke findet man Blurbs von Lena Dunham und Kim Gordon, die eine, aufstrebende Regisseurin und Autorin der 2010er Jahre, die mit ihrer eigenwilligen Serie Girls female Empowerment neu buchstabierte, die andere bildende Künstlerin, Kuratorin und Bassistin von Sonic Youth, einer der einflussreichsten female fronted New Wave Bands der Welt. Mehr Pop geht nicht. Nirvana wäre ohne die Empfehlung von Kim Gordon nicht berühmt geworden. Beide Bands einte das Engagement gegen Sexismus und Homophobie.

Myles selbst wird von Robert Mapplethorpe porträtiert, es ist für sie eine große Ehre von dem Fotografen und schwulen Künstler, dem Patti Smith (*1946) in ihrer Biografie Just Kids ein würdiges Denkmal setzte, für die Nachwelt festgehalten zu werden. Mapplethorpe und Smith bildeten in den 70er Jahre eine eigene dynamische Avantgarde, Smith erinnert sich in ihrem Buch ausführlich an diese innige Freundschaft, die zeitweise auch eine Liebesbeziehung war und deren gemeinsamer Motor die Kunst, die Fotografie, das Schreiben bildete.

I learned from him that often contradiction is the clearest way to truth.

Just Kids

Sie beginnt damit, dass Patti Smith mit gerade einmal 20 Jahren und ohne großen Plan nach New York geht und dort auf der Straße lebt. Bis Mapplethorpe sie aufsammelt. Smith hat zu dem Zeitpunkt keine musikalische Erfahrung, sie versteht sich als Dichterin. Genau wie Eileen Myles, die nicht Teil einer Band war, ist sie Lyrikerin. Smith hängt im legendären Chelsea Hotel herum, wo sie Janis Joplin trifft und alle Drogen nehmen. Smith merkt relativ schnell, dass ihr dieser Lifestyle nicht passt und sie bemüht sich um ein Atelier, das sie mit Mapplethorpe nutzen möchte. Die Geschichte ist sehr leise erzählt, es geht um Zweifel und Selbstzweifel und Rückschläge, die die beiden hinnehmen müssen. Glamourös ist ihr Leben auch im Atelier nicht, die Möglichkeit sich nur auf die Kunst zu konzentrieren, ist auch für Smith nicht gegeben. Im Gegensatz zu Mapplethorpe ist sie diejenige, die durch einen Nine-to-Five-Job versucht, das gemeinsame Einkommen zu sichern. Diskussionen über Bücher, andere Künstler*innen, andere Kunstwerke, verschiedene Inspirationsquellen, Musik und Fotografie – alles spielt sich in ihrem Kosmos mit Robert ab. Aber das ist für sie in Ordnung.

I imagined myself as Frida to Diego, both muse and maker. I dreamed of meeting an artist to love and support and work with side by side.

Just Kids

Myles wiederum nennt Smith und Mapplethorpe als Inspirationsquellen. Dennoch unterscheiden sich die Werke der beiden Künstler*innen massiv. Und das mag nicht nur an der queeren Perspektive von Myles liegen, die in ihrer Biografie im Detail ihre Liebesbeziehungen und enttäuschten Hoffnungen thematisiert. Immer wieder auch vor dem Hintergrund, dass sie als lesbische Frau nie sicher sein konnte, ob sie für ihre Freundinnen nur ein angenehmer Zeitvertreib war, bis das richtige Leben und die wahre Erfüllung in der heterosexuellen Ehe wartete. Für Myles nie eine Option. Bis zur Schmerzhaftigkeit beschreibt sie ihre Suche nach Identität (ihre Kindheit und der Alkoholkonsum ihres Vaters sind ein Thema) und queeres Begehren und spart dabei auch nicht brutale Details einer Massenvergewaltigung unter Drogeneinfluss aus, die ihr als junge Frau angetan wird. Ihre Positionierung als Künstlerin und Schriftstellerin wird eben so verhandelt, wie die permanente Suche nach Drogen und Alkohol. Kein Wunder, denn Myles die ihrer Meinung nach als „Bastardt-Poetin“ nach New York kam (ihr Arbeiterbackground unterschied sie deutlich von anderen Künstler*innen, die mehr Geld und Möglichkeiten hatten), hatte sich vorgenommen, dort für Aufsehen zu sorgen. Die Beziehung zu ihrer On-Off-Freundin Chris ist Thema, aber auch der Konkurrenzkampf und die Dynamik innerhalb der Beziehung wird immer wieder aufgegriffen.

Ich saß an in diesem funkelnden Sommerrestaurant mit meiner Freundin Chris, die immer für Ärger sorgte, aber Abende, an denen ich Geld hatte, waren okay. Wir saßen beide in dem Restaurant und ich schrieb ein Gedicht auf die Servietten: „Wie ein Faschist. Deine / Schönheit, … unsere Drinks..“ Christine ließ die Gedanken schweifen, genau wie ich auch. Ich hatte ein T-Shirt von ihr an – ich arbeitete, aber sie besaß die neuen Klamotten. Das war irgendwie nicht richtig, aber es war absolut richtig, dass ich sie trug.

Chelsea Girls, S. 233

Es ist nicht so leicht, dieses Buch zu lesen. Vieles wirkt wie im Gedankenstrom geschrieben, explizite Sexszenen gehören dazu. Würde man dieses Buch eher als authentischen und bahnbrechenden Bericht und Statement zur Protest-Undergroundkultur feiern, wenn es von einem Mann geschrieben worden wäre? Mit Sicherheit. Im Original ist der Text bereits 1994 erschienen, warum die Übertragung ins Deutsche so lange braucht, ist schwer zu verstehen, denn in ihrer Radikalität und Unangepasstheit unterscheidet sich Myles nicht von den Beat-Poeten wie Kerouac, in ihrer Thematisierung von Rauschzuständen eben so wenig.

Kommen wir zum Patti Smith-Vergleich zurück, der sich aufdrängt. Vielleicht auch deshalb, weil ich vor Kurzem M-Train und Just Kids gelesen habe und schwer beeindruckt war. Patti Smiths Bücher sind wie kleine Boote, die die Leser*in mit auf eine Reise nehmen, es geht um Schreiben und Kunst, Spiritualität und authentisches Dasein, sowie Erinnerungen. Ganz anders verfährt Myles. Eileen Myles hält sich gar nicht erst mit spirituellen Bezügen oder Begründungszusammenhängen auf. Ihr Buch ist authentisch, aber auch brutal, verwirrend und auch traurig und wirkt oft atemlos erzählt. Dazu trägt der Gedankenstrom der Erzählung bei, vielleicht aber auch die Übersetzung. Nicht immer ist es einfach, dem Text zu folgen. Thematisch gesehen, breitet Myles anhand anekdotischer Erinnerungen ihre Gefühlswelt mit Anfang 20 aus und erklärt das Bestreben danach, endlich authentische Kunst machen zu können. In dieser Form unterscheidet sie sich nicht von Patti Smith. Trotzdem gibt es viele traurige Passagen. Ich musste oft an die Biografie A typical Girl von Viv Albertin (*1954) denken, der Gitarristin der Punkband The Slits, die ihre Biografie ähnlich anekdotisch aufbereitet. Prügeleien auf Konzerten stehen, wie selbstverständlich, neben Shoppingtrips mit Vivienne Westwood. Im Original heißt Albertines Biografie passenderweise Clothes, clothes, clothes. Music, music, music. Boys, boys, boys. Der Spaß an der Regellosigkeit und der DIY-Mentalität des Punk, bei dem jede*r mitmachen darf, steht neben dem eigenen Anspruch und dem großen Wunsch, endlich dazu zugehören und auch als Punk anerkannt zu werden. Und es wird deutlich, dass die Frauen in der Punkszene genau so wenig vor Sexismus oder Übergriffen geschützt sind, wie anderswo auch. Spannend ist allerdings, dass Albertin ihre Biografie über ihre Bandphase hinaus beschreibt. Auf der B-Seite geht es um ihr Leben als Hausfrau und Mutter, ihre Erfahrungen nach einer Krebsdiagnose und ihren Versuch, weiterhin Musik zu machen und ihr Scheitern, diesen Anspruch so umzusetzen, wie sie es sich wünscht.

Um mir zu beweisen, dass er recht hat, nimmt er meinen Gesang und meine Gitarre in seinem Heimstudio auf, setzt ein bisschen Bass und Schlagzeug dazu, und als er alles gemischt hat, mailt er mir den Track zu. Ich renne nach oben an den Computer im Schlafzimmer und höre es mir an. Meine Stimmer klingt entsetzlich, widerlich und schlimm. Ich ertrage sie kaum eine Minute, dann muss ich den Computer ausmachen. Ich bin am Boden zerstört, er hat sich geirrt. Meine Stimme ist schrecklich! Unter Tränen rufe ich Nelson an und sage, dass ich nie wieder zum Unterricht komme. Ich habe der Wahrheit ins Gesicht gesehen: Ich bin scheiße, ich geb’s auf. Dann fahre ich zum Arzt und lasse mir Antidepressiva verschreiben.

A typical Girl, S. 239

Myles Erfahrungen beschränken sich auf ihre Zeit in New York und Kindheitserinnerungen, sind aber nicht weniger eindrücklich. Die Beschreibung ihrer Liebe zu einer Kindheitsfreundin, die unerwidert bleibt, gehört dazu und das Warten darauf, dass endlich etwas passiert und die Einschränkungen ihres Kleinstadtlebens enden. Kein Wunder, dass sie in New York so eskaliert.

In meinem Zimmer, das ich als Kind hatte, einem Zimmer, in dem ich jetzt zum letzten Mal wohnte, verbrachte ich Stunden damit, den Frieden meines Bücherregals zu betrachten, all der Bücher, die ich gelesen hatte und inmitten dieses Friedens senkte sich mir die Magengrube ab. Spritzer schwarzer Tinte streiften die Einbände etlicher Bücher, Stories from Greece and Rome, um eines zu nennen und am Fuß des Bücherregals hinterließ ein nicht ganz abgekriegter Fleck schwarzer Tusche für immer eine Markierung auf dem Holzboden. Aber jetzt konnte ich diese beschädigte Perfektion anstaunen, diese vollendeten Bücher, und in diesem Sommer ging ich einfach ins Bett und stand wieder auf, als würde mich dieser Rhythmus als solcher in die Zukunft befördern, wo es mir erlaubt sein würde zu leben.

Chelsea Girls, S. 201.

Es sind Passagen wie diese, die Chelsea Girls als biografische Erinnerung so authentisch und letztlich absolut nachvollziehbar machen. Wer kann sich nicht an eine Phase seines Lebens erinnern, an der er/sie dachte, dass es irgendwann doch endlich losgehen muss mit irgendetwas, mit dem, was die ganze Zeit zum gelungenen Leben fehlt. Die Suche danach, findet sich in allen drei Büchern wieder.

Eileen Myles – Chelsea Girls. Aus dem Englischen von Dieter Fuchs. Mattes und Seitz Berlin 2020.

Patti Smith – Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft.
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010.

Viv Albertine – A typical Girl. Ein Memoir. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp Nova 2016.

Die Schauspielerin

Norah hat immer ein Leben als „Tochter von“ gelebt, ihre berühmte Mutter ist in Irland eine Größe. Sie wird oft gefragt: Was für eine Mutter war Katherine O’Dell? Und Norah kann nur sagen, dass sie eben ihre Mutter war.

Eine Studentin möchte ein Interview mit Norah führen und schreibt über die Frauenfiguren im irischen Film, das stört Norah. Sie ist Schriftstellerin und sie kann es nicht mehr ertragen, dass die Presse und nun auch neugierige Student*innen der Gender-Studies über ihre Mutter schreiben und das Bild von ihr in der Öffentlichkeit bestimmen. Überraschend für ihre Fans, verübte Katherine einen Angriff auf einen berühmten Regisseur und landete in einer Psychiatrie. Hat es Zeichen für den Zusammenbruch gegeben? Wer war die sagenumwobene Katherine O’Dell wirklich? Norah befindet sich in der schwierigen Situation, die einzige Zeugin der Privatperson O’Dell zu sein, die sich in der Öffentlichkeit in der geheimnisvollen Rolle der großen Diva gefiel. Wie hat Norah überhaupt ihre Kindheit überstanden, wenn sich alles immer nur um die Kunst der Mutter drehte? Fragen, die sich die Tochter nach dem Besuch der Studentin stellt.

Norahs Mutter war kompliziert, das lässt sich mit Sicherheit festhalten. Geheimnisvoll und rätselhaft zugleich, schafft sie es in den 1950er Jahren durch ihr herausragendes Talent auf die große Kinoleinwand. Sie wirkt an einem Werbespot über Butter mit und der Slogan der Firma wird in Irland zum geflügelten Wort. Jeder kennt die Schauspielerin, die für das Theater und den Kunstfilm aber durch die Kommerzialisierung auch nicht mehr interessant ist. Denn der legendäre Werbespot, der die Schauspielerin unvergesslich machen soll, ist gleichzeitig auch ein langsamer Abschied aus dem Rampenlicht. Katherine O’Dell wird älter und ist nicht mehr gefragt, sie versucht alles, aber sie wird nie wieder an den früheren Ruhm anknüpfen können. Dabei lässt ihr Können nicht nach, aber das Interesse an ihr als Person.

Enright beginnt ihren Roman mit den Erinnerungen von Norah an ihren 21. Geburtstag. Die Feier steht dabei weniger im Mittelpunkt, als Katherine O’Dell und das Who-Is-Who der Theaterszene. Ein Klatschreporter macht Aufnahmen, überall stehen Schauspieler*innen herum und am Ende wird Norah mit falschem Namen in der Zeitung stehen. Sie ist eben nicht so wichtig, wie die Hauptperson des Abends – ihre Mutter, immer wieder. Dabei befindet sich O’Dells Stern schon lange im Sinkflug, in Hollywood spielt sie (tatsächlich) keine Rolle mehr, zwischendurch steht sie in London auf der Bühne. Bis die Situation eskaliert, Katherine in der Psychiatrie eingewiesen wird und mit gerade einmal 58 Jahren stirbt.

Norah, mittlerweile so alt wie ihre Mutter, stellt sich den eigenen Erinnerungen an ihre Mutter, ohne die Augen vor ihren Fehlern zu verschließen. Je genauer sie die Karriere ihrer Mutter, die an verschiedenen Bühnen Erfolg hatte, bis sie beim Film landete, betrachtet, desto tiefer dringt sie auch in die eigene Vergangenheit vor und zu dem Geheimnis, das ihre Mutter ihr nie verraten hat. Katherine hat Norah nie erzählt, wer ihr Vater ist.

Als Teenager verwendete ich meine Energien darauf, vor meiner Mutter wegzulaufen beziehungsweise zu ihr zurück. Wir hatten schon zu zweit mehr als genug Liebe und Ärger, wir waren ständig miteinander beschäftigt und hatten keinen Bedarf an einem „Vater“, der sich eingemischt hätte und eingeschritten wäre. Wir kamen ziemlich gut ohne ihn zurecht, besser gesagt ohne sie alle: den guten Mann, den bösen Mann, den Geliebten, das Monster, den Vampir, den Ritter in der schimmernden Rüstung, diese vielen unterschiedlichen Männer, die die Abwesenheit meines Vaters freigesetzt hatte.

Die Schauspielerin

Anne Enright hat einen sehr gelungenen Mutter-Tochter-Roman geschrieben. Die fiktive Biografie der Tochter einer Schauspielerin kann auch vor dem Hintergrund aktueller feministischer Debatten wie #metoo gelesen werden und überzeugt deshalb umso mehr.. Ich habe den Roman in einem Atemzug gelesen und kann ihn für Filmfans und Menschen, die sich für das Theater interessieren, sehr empfehlen.

Anne Enright – Die Schauspielerin. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Penguin Verlag 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

Die Detektive vom Bhoot-Basar

TW/ CN: Rape

Es ist etwas passiert. In den Slums einer nordindischen Stadt verschwinden Kinder. Niemand weiß, wer dahinter steckt.

Als erstes verschwindet der Stotterer Bahadur. Vielleicht ist er weggelaufen, sein Vater soll getrunken haben, bestimmt hat er woanders sein Glück gefunden. So sagen es die Leute auf den Straßen und so glauben es die Kinder der illegalen Siedlung, dem sogenannten Basti. Im Basti gibt es kein fließendes Wasser und Smog hängt in der Luft. Natürlich versuchen es die Schlauen woanders. Doch dann verschwindet auch Omvir, der Sohn des Bügel-Wallah und Aanchal, die einen Freund hat und regelmäßig Englisch lernt, damit sie irgendwann einen richtigen Job bekommen kann, vielleicht sogar bei den Hifi-Leuten, in den luxussanierten Hochhäusern der Stadt. Das ist schon ziemlich merkwürdig. Immer mehr Kinder und Jugendliche verschwinden und es ist kein Ende in Sicht. Und die Polizei? Hält die Füße still und schickt die Eltern der Verschwundenen wieder nach Hause.

Jai Johaari ist der Einzige, der den Fall aufklären kann. Er ist zwar erst neun Jahre alt, aber er guckt regelmäßig Police Patrol und Live Crime und weiß genau, wie man Verbrecher befragen muss und wie gelungene Ermittlungsarbeit aussieht. Irgendwann wird er mal ein erfolgreicher Detektiv sein. So stellt er sich das zumindest vor. Und seine Freundin Pari, die immer bessere Noten bekommt und sehr schlau ist und sein muslimischer Freund Faiz, der zwei ältere Brüder und einen echten Job hat, müssen ihm natürlich bei der Aufklärungsarbeit helfen. Bahadur war in ihrer Klasse und auch wenn die Lehrer sich wenig für die Kinder interessieren, die Menschen im Basti halten zusammen und das Trio beginnt mit der aufreibenden Detektivarbeit. Als Leser*innen sind wir dabei gleichermaßen nahe an den jungen Detektiv*en, als auch an den potenziellen Opfern, denen je ein Kapitel gewidmet ist. Ihre Kapitel enden damit, dass jemand geblendet wird oder dass eine merkwürdige Stimme lockt oder dass ein Tuch mit Chloroform aus dem Nichts erscheint.

Im Nachwort stellt die Autorin klar, dass dieser Teil der Geschichte der grausamen Realität geschuldet ist. Anappara arbeitete von 1997 bis 2008 als Journalistin in Indien und recherchierte zum Schwerpunkt Ausbildung und Schule. Sie interviewte Schuldirektor*innen und Lehrer*innen und stellte fest, dass für viele Kinder in den Bastis, anders als in der indischen Mittelschicht, europäische Selbstverständlichkeiten die Ausnahme sind. Sie arbeiten als Müllsammler, haben mehrere Jobs oder werden durch religiös bedingte Gewalt dazu gezwungen, die Schule zu beenden. Sie war von der Resilienz dieser Kinder beeindruckt. Pro Tag sollen 180 Kinder in den Slums in Indien verschwinden und die Polizei ermittelt nur in den wenigsten Fällen.

Die Konstellation der Geschichte hat trotz des ernsten Hintergrunds ein bisschen etwas von Emil und die Detektive, allerdings auf indisch und in einer Welt, die brutal und magisch zugleich ist. Während die Kinder ihren Aktionsradius auf ihr Viertel und den Bhoot-Basar ausdehnen, den Markt mit Garküchen auf dem Faiz arbeitet, machen sie viele Beobachtungen, die sich nicht immer so leicht erklären lassen. Denn im Basti gibt es Geschichten, die dein Leben retten können. So erzählt man es sich zumindest. Die Bhoots sind die guten Geister des Basti.

In den Geisterlegenden geht es zum Beispiel um den sagenumwobenen Bandenführer Mantel, der den Schwachen hilft und eine erfolgreiche Gang geleitet hat. Die letzten Gangmitglieder tragen dazu bei, dass die Erzählungen über ihn, Geschichten über seine Fürsorge, aber auch über seine Strenge, nicht verschwinden. Und es gibt die Straßen-ki-Rani, eine Frau, deren Tochter nach einer V*rg*waltigung starb. Ihr Geist beschützt belästigte Frauen und sucht V*rg*waltiger heim. Und natürlich gibt es Tempelgeister und gute Dschinns, wobei Jai lange den Verdacht hegt, dass ein böser Dschinn hinter den Entführungen steckt. Jai gibt alles, muss aber feststellen, dass Pari und Faiz häufig die besseren Fragen stellen und die schlaueren Schlussfolgerungen ziehen. Pari glaubt gar nicht erst an Jaris Dschinn-Theorie.

Neben den atmosphärischen Schilderungen der Marktsituationen, wird die Erzählung aus der Perspektive von Jai nie langweilig. Er zofft sich mit seiner Schwester, er diskutiert mit Pari, er arbeitet heimlich auf dem Basar und er beobachtet ganz genau, was um ihn herum passiert. In der Übersetzung werden viele indische Alltagswörter beibehalten und in einem Glossar erklärt, das trägt zur Stimmung bei. So ist ein Wallah zum Beispiel jemand, der einen bestimmten Beruf ausübt. Ein Tee-Wallah macht Tee, ein Bügel-Wallah bügelt.

Außerdem befinden sich die Kinder des Basti nicht in einer luftleeren Blase. Konflikte zwischen den Slumbewohner*innen und den reichen Anwohner*innen der Luxuswohnungen deuten sich an, dem Basti droht eine Räumung. Korrupte Polizist*innen unterstützen die Reichen, aber nicht die Basti-Bewohner, dubiose Gurus bieten ihre Hilfe bei der Suche nach den Kindern an, die Konflikte zwischen Muslimen und Hindus sind unterschwellig immer präsent und Gangs kontrollieren das Viertel. Jai ist zwar erst neun Jahre alt, aber er kennt sich in der Welt des Bhoot-Basar ganz genau aus. Ein Happy-End wird es nicht geben, dafür reichen die Emil-Vibes nicht. Aber eine sehr gelungene magische und gesellschaftskritische Erzählung über erfolgreiche Ermittlungen von drei jungen Detektiven und das Versagen der Polizei.

Deepa Anappara – Die Detektive vom Bhoot-Basar. Aus dem Englischen von pociao und Roberte de Hollanda. Rowohlt 2020.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

The read pack