Nachtlichter

Amy Liptrot hat mit ihrem Debüt Nachtlichter eine mutige Geschichte über die Einsamkeit in der wilden Natur der Orkneys geschrieben und liefert gleichzeitig tiefe Einblicke in das Leben nach ihrem Alkoholentzug.

NachtlichterDie Journalistin Amy Liptrot landet mit Anfang dreißig an dem Ort, an den sie eigentlich nie zurückwollte – in ihrer alten Heimat, den Orkneyinseln, einer abgelegenen Region im dünn besiedelten Schottland. Nur zwanzig der Inseln sind bewohnt, Cava, Faray, Fara, Eynhallows, Swona und Copinsay sind es nicht mehr. Sie sind  einsame Flecken Erde, „auf denen die leeren Häuser verfallen, den Elementen preisgegeben“, während die Felder sich langsam in Moore verwandeln. Warum Amy Liptrot ausgerechnet diese unwirtlichen Orte aufsucht, macht einen großen Teil der Faszination des Buches aus.

Auf der kleinen Insel Papay gelingt es Amy Liptrot für einen Moment innezuhalten. Als sie die Wellen beobachtet, wird ihr etwas klar: Alle Wellen können „nur eine bestimme Höhe erreichen, ehe sie abstürzen“. Es ist der Moment, der für sie einen Neuanfang markiert.

Während eine Welle zerschellt und Schaum in meine Richtung spritzt, wird mir klar, dass ich […] mich beim Trinken genauso gefühlt habe. (S.266)

Amy Liptrots Debüt zu lesen, gleicht gerade in den Anfangssequenzen einem voyeuristischen Akt. Es ist nicht ganz einfach zu lesen, wie viele Abstürze die Journalistin mitmachen muss und welche Schwierigkeiten ihr immer wieder begegnen, die in der Regel mit ihrer Alkoholsucht zusammenhängen. Das spannende und faszinierende an dieser Biografie ist hingegen, wie es Liptrot gelingt, in der Einsamkeit der Natur zu sich selbst zu finden. Während sie Basstölpel und Lummen beobachtet, Steinmauern baut und Schafe über die Weide trägt, merkt sie, dass das Leben in der Natur eine heilende Wirkung hat. Sie beschäftigt sich mit Nachtlichtern und Astronomie und kann über ihr Handy und ihren Laptop mit der Welt „da draußen“ kommunizieren. Erst hier entfaltet sich das, was der Observer  als „Sternstunde des New Nature Writing“ bezeichnet. Und um diesen krassen Kontrast zu verstehen, war der erste Teil, in dem Liptrot sich von Exzess zu Exzess quält, Jobs verliert, betrunken durch London auf der Suche nach Alkohol irrt und aus WG-Zimmern geschmissen wird, wahrscheinlich für die Schriftstellerin notwendig. Für die Leser*innen kann dieser Aufbau etwas langatmig werden.

Erst weit weg von der Zivilisation, an den wahrscheinlich einsamsten Orten der Welt, die sie seit ihrer Jugend verlassen wollte, findet sie zu sich selbst und lebt ein Leben wie ihre Eltern. Sie züchtet Schafe und lässt sich auf Papay nieder, einer Insel mit gerade einmal 70 Bewohner*innen. Hier schwimmt sie im Meer, fängt an zu schnorcheln und lebt sehr minimalistisch. Außerdem arbeitet sie für einen Umweltschutzverein und zählt den seltenen Wachtelkönig, einen bedrohten Vogel, den man nur nachts hören kann. Während sie versucht, den Vogel zu finden, reflektiert sie immer wieder ihre Situation und versucht zu verstehen, warum sie wieder im Nordwesten der Orkneys gelandet ist. Und dann spielt auch die Literatur wieder eine Rolle.

Schon vor meinem Sommerjob habe ich angefangen, Moby Dick zu lesen. Inzwischen lese ich das Buch schon so lange, dass es sich anfühlt, als befände ich mich selbst auf einer dreijährigen Walfangreise rund um die Welt; ich trage das Buch jeden Tag bei mir, schwer wie eine Harpune liegt es in meiner Umhängetasche. Ich bin der rasende Kapitän Ahab, nur jage ich anstelle eines Wals einen scheuen Vogel. (S.167)

Im englischsprachigen Raum scheint die Kategorie „New Nature Writing“ tatsächlich ein großes Ding zu sein. Ich habe mich ein bisschen an Wild -Der große Trip erinnert gefühlt, aber trotzdem schreibt Liptrot ganz anders, dafür nicht weniger faszinierend von ihrem Weg in ein glücklicheres Leben.

„Ich habe Diskolichter gegen Himmelslichter eingetauscht, aber ich bin immer noch von Tänzern umgeben. Ich werden von siebenundsechszig Monden umkreist.“ (S.269)

Amy Liptrot – Nachtlichter. Aus dem Englischen von Bettina Münch. btb 2017.

Das Bild habe ich letzte Woche in unserem Kroatienurlaub gemacht – ich habe es leider nicht nach Schottland geschafft. Aber Kroatien war auch sehr schön ;)

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen, vielen Dank.

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Buch-Date VI – Harun und das Meer der Geschichten

Anfang September haben Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende die neuen Dates ausgelost, die sich dieses Mal um Kinder-und Jugendliteratur drehen.

Unbenannt

Mir wurden drei Bücher von Wili empfohlen, nämlich

„Tranquilla Trampeltreu“ von Michael Ende

„Hörbe mit dem großen Hut“ von Otfried Preußler

„Harun und das Meer der Geschichten“ von Salman Rushdie.

RushdieIch habe mich für Rushdie entschieden und wurde nicht enttäuscht. Es geht um Harun, der „in der traurigsten aller Städte“ lebt, eine Stadt, die so traurig ist, dass ihre Bewohner sogar vergessen haben, wie sie heißt. Aber das stört Harun nicht, denn sein Vater Raschid ist Geschichtenerzähler und hat so viel Fantasie, dass selbst die traurigste Stadt zu einem wunderbaren Ort wird. Die Fans von Raschid nennen ihn „Genie der Fantasie“, seine Widersacher nennen ihn „Schah von Blah“, denn Raschids Geschichtenschatz geht nie zu Neige. Bis zu dem traurigen Tag, an dem Haruns Mutter Soraya mit dem  fiesen Nachbarn durchbrennt, der schon immer wenig von Raschid und seinem Können gehalten hat. Harun beginnt an den Fähigkeiten seines Papas zu zweifeln und Raschid bringt statt poetischen Worten nur noch ein „Krächz“ zustande.

Schon wieder meine Schuld, dachte Harun zutiefst zerknirscht. Mir allein ist das alles zuzuschreiben. Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind? Diese Frage habe ich gestellt und meinem Vater damit das Herz gebrochen. Also muss ich auch alles wieder ins Lot bringen. (S.24)

Während Raschid immer verzweifelter wird, macht Harun eine großartige Entdeckung. Die Fähigkeit seines Vaters, andere mit Geschichten zu verzaubern, stammt vom Erzählwasser aus dem Meer der Geschichten. Zufällig ist Harun wach, als ein Wasser-Dschinn gerade dabei ist, den Geschichtenhahn von seinem Vater abzudrehen. Angeblich ist Raschids Erzählwasserabo abgelaufen – aber das kann Harun nicht einfach hinnehmen. Zusammen mit dem Wasser-Dschinn Wenn macht er sich auf einem goldenen Wiedehopf, der eine Mischung aus Tier und Maschine ist, auf den weiten Weg nach Kahani, wo das Meer der Geschichten liegt, um die Gabe seines Vaters zu retten.

Verschiedene Teile des Meeres enthielten verschiedene Erzählformen, und da alle Geschichten, die jemals erzählt worden waren, sowie viele, die gerade erzählt und ausgedacht wurden, hier zu finden waren, stellte das Meer der Geschichtenströme die größte Bibliothek des Universums dar. Und da die Geschichten hier in flüssiger Form aufbewahrt wurden, behielten sie die wundersame Fähigkeit, sich zu verändern, sich in neue Versionen ihrer selbst zu verwandeln, sich mit anderen Geschichten zu vereinen und dadurch zu wieder neuen Geschichten zu werden, so dass das Meer der Geschichtenströme, im Gegensatz zu einer Bibliothek, weit mehr war als ein Lagerraum für Erzählungen. Denn es war nicht tot, sondern lebendig. (S.79)

Um genau zu verstehen, was schief gelaufen ist, muss Harun mit dem großen Walross sprechen, das in einer Behörde sitzt und für die Verwaltung der Erzählwasserabonnements zuständig ist. In Kahani stellt Harun schnell fest, dass nicht nur sein Vater bedroht ist. Das gesamte Meer der Geschichten wird vergiftet, also sind alle Geschichten der Menschheit in Gefahr. Zusätzlich wird Harun auch noch in eine „Prinzessin-Rettungs-Geschichte“ verwickelt.

Salman Rushdie ist ein toller Erzähler, der vordergründig ein Märchen erzählt, in dem der Kampf Gut gegen Böse ausgetragen wird und das doch noch eine weitere Ebene hat. Wie in Die unendliche Geschichte oder Die Stadt der träumenden Bücher beschreibt Rushdie, wie die Fantasie durch Bürokraten und Despoten unterdrückt wird und verschwindet. Rushdie hat das Buch auf der Flucht geschrieben, nachdem Ajatollah Khomeini 1988 gegen den Schriftsteller eine Fatwa ausrief, weil Rushdie Die satanischen Verse veröffentlicht hatte. Mittlerweile liegt das Kopfgeld auf Rushdie bei 4 Millionen Dollar, zum Jahrestag der Fatwa wurde es 2016 auf Betreiben verschiedener iranischer Medien noch einmal erhöht.

Vielen Dank für diese wunderbare Buchempfehlung, Salman Rushdies andere Romane sind auf jeden Fall auf meine zukünftige Leseliste gewandert. Golden House klingt nämlich auch sehr spannend und ist gerade erschienen. Danke :)

Salman Rushdie – Harun und das Meer der Geschichten (Harun and the Sea of Stories). Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler 1991.

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Sophie hat ihren Job verloren, kein Geld mehr, hockt in ihrer Wohnung und fängt an zu schreiben, zum Beispiel darüber, wie sie ihre geliebten Bücher in einem Second-Hand-Buchladen verscherbelt. Als der Teufel aus dem Badezimmer kam ist ein witziges Buch über eine unerschrockene Poetin, die ihre ganze Kreativität in die Waagschale wirft, um nicht (finanziell) unterzugehen.

Am Anfang steht eine Zahl: 17,70 bleiben Sophie noch bis zum Ende des Monats. Sie hat sich verkalkuliert. Als Schriftstellerin ist sie ohnehin knapp bei Kasse und der Wärmestrahler, den sie über den Winter aufgestellt hat, beschert ihr im Frühjahr eine hohe Stromrechnung, die fast ihre gesamte Sozialhilfe auffrisst. Permanent sitzt ihr der Teufel im Nacken, der sie in ihrer Wohnung besucht und sie verführen will, ihre wertvollen verbleibenden Euros auszugeben. Das klingt in erster Linie nach einer ziemlich dramatischen Situation, aber Sophie gibt nicht auf und schreibt stattdessen einen Roman, in dem sich die Realität endlich einmal (!) der Fantasie unterordnen muss. Ihre finanzielle Zwangslage ist zwar der Ausgangspunkt des Romans, aber durch ein Feuerwerk absurder Ideen, wirkt die Geschichte in erster Linie weder tragisch, noch traurig, sondern ist unglaublich witzig und mit einem guten Gespür für subtile Gesellschaftskritik geschrieben.

Der Arme Poet

Schon 1839 hatten es Künstler*innen nicht leicht, wie Carl Spitzweg auf seinem Bild „Der arme Poet“ ziemlich einleuchtend darstellt. Es regnet durch die Decke, die wenigen verbliebenen Bücher sind um das Bett versammelt und der arme Poet trägt eine Mütze, wahrscheinlich weil es ihm sonst in seinem Zimmer zu kalt ist. Sophie geht es ähnlich, allerdings schlägt sie sich mit den Phänomenen der Gegenwart herum. Sie lehnt es ab, ihre Mutter oder ihre Brüder in ihre finanzielle Notlage einzuweihen. Vor ihrer Familie kann sie schon gar nicht zugeben, dass sie mit Ende 30 immer noch keinen Job hat und ihre Karriere als Schriftstellerin nicht in die Gänge kommt. In dieser Situation hilft es wenig, dass immer wieder die Kommentare ihrer Mutter in ihren Gedanken auftauchen.

„Ach, Kind!“, kraquäkte meine Mutter, „ich hatte ja keine Ahnung, dass du so arm bist. Um das zu erfahren, muss ich also deine Bücher lesen … Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugelassen, dass du diese verflixte Literatur zu deinem Beruf machst.“ (S.17)

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Sophie Divrys Roman ist nicht nur so genial gut, weil es um eine Frau geht, die ihr Leben radikal dem Erfolg ihrer Kunst unterordnet. Divry thematisiert Phänomene der Gegenwart, die aktuell sind und jede_n treffen können: die absurden Forderungen der Arbeitsagentur, in der Sophie bald nur noch verwaltet wird; der Versuch, jeglichen Besitz (selbst Lieblingsbücher) noch irgendwie zu Geld zu machen und gleichzeitig das Gefühl, zu den Ausgeschlossenen und gesellschaftlich Abgestiegenen zu gehören. Ein Gefühl, das Sophie noch mehr quält, als der ständige Hunger.

 

 

 

Sobald einem die geringste Idee kommt, kann man sie sich schon nicht mehr leisten. Es fällt uns normalerweise nicht auf, aber letztendlich ist jede Handlung mit einer Ausgabe verbunden. Wer spazieren geht, steigert seinen Appetit. Wer sich mit Freunden trifft, muss unter Umständen einen ausgeben. Dabei braucht man gerade, wenn man knapp bei Kasse ist, Ablenkung und Unterhaltung. Es ist eine Trotzreaktion, ein rebellischer Instinkt, der einem zuflüstert: Wenn schon keine Arbeit, dann wenigstens Spaß… (S.27)

Abgesehen davon, dass ich selten einen so ehrlichen und authentischen Roman gelesen habe, wartet Divry mit einer Menge komischen und witzigen Ideen auf, die sich als künstlerische Rettungsanker erweisen. Da wehrt sich der Toaster mit Händen und Füßen dagegen, bei Ebay versteigert zu werden („Wie kannst du so grausam mich opfern? Warum mich morden, was hab ich getan? Mit welchem Recht, wer hat’s dir befohlen?“ (S.83)), ihr ebenfalls arbeitsloser Musikerfreund Hector hat eine Affäre, die Sophie bis ins Detail ausschmückt, denn Sex sells und irgendjemand muss ihr Buch ja kaufen, es werden die drei Schritte einer „effektiven Andiedeckestarrung“ vorgestellt und irgendwann kippt das Schriftbild in Richtung konkrete Poesie. Obwohl Thea Dorn ein ganz anderes Thema  verhandelt, fühlte ich mich allein durch den spielerischen und kreativen Umgang mit Sprache an ihren Roman Die Unsterblichen erinnert. Zudem besteht der Roman aus drei Teilen, denen jeweils unterschiedliche Motti vorangestellt sind, die an Texte aus dem Barock erinnern und zusammenfassen, was die Heldin als nächstes erleben wird. Das macht unglaublich viel Spaß und ist gleichzeitig sehr authentisch und treffend beschrieben.

Meine Familie hatte keine Ahnung, dass Arbeitslosigkeit nicht zu Beginn am schlimmsten ist. Am schlimmsten ist sie, wenn man sich genau diese Vorstellung zu eigen macht – dass nichts Neues mehr passieren wird, von meiner Rückstufung als Sozialleistungsempfängerin abgesehen. Diese Etappe, die erst lange meiner Entlassung erfolgte, blieb von meiner Familie unbemerkt. (S.130)

Zum Ende hin, können die vielen sprachlichen Experimente allerdings auch ein wenig ermüden. Zum Glück triumphiert die Kunst über die Arbeitslosigkeit, das ist wahrscheinlich das Schönste an diesem Roman. Und weil ich die Widmung so mag, erwähne ich sie hier auch noch schnell: „Dieses Buch widme ich den Unproduktiven, den Kindern, den Ausgehungerten, den Träumern, den Nudelessern und ,Niedergeschlagenen'“ – ich muss ehrlich sein, bereits auf der ersten Seite, hat Sophie Devry da bei mir einen Nerv getroffen. Vielleicht wegen der träumenden Nudelesser, ich weiß es nicht. Vor Kurzem hat Mareike über französische Badass-Schriftstellerinnen geschrieben, Sophie Divry gehört auf jeden Fall dazu.

Sophie Divry – Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczy. Ullstein 2017.

Ich habe den Roman auf vorablesen.de gewonnen, vielen Dank.

 

Vintage

Eine mysteriöse Gitarre, die Welt des Blues, ein abgerockter Elvisimitator, ein vergessenes Musikgenie und ein ungewisser Roadtrip, sorgen  in Vintage  für eine Menge Spannung.

VintageThomas ist Musiker und Gelegenheitsjournalist, als ihm der Deal seines Lebens präsentiert wird. Ein reicher schottischer Lord und passionierter Gitarrensammler tritt an Thomas heran und bittet ihn um Hilfe. Lord Winsley ist ein Musikliebhaber durch und durch. Er lädt Thomas in seine Residenz ein. Das Boleskine House , in der Nähe von Loch Ness, war lange Zeit der Wohnsitz von Jimmy Page, der das Anwesen in der Anfangszeit von Led Zeppelin erwarb. Die Atmosphäre hat trotzdem eher was von Graf Dracula, das liegt unter anderem daran, dass der Lord eine große Vorliebe für Aleister Crowley hegt. Aber da befindet er sich ja in guter Gesellschaft. Die Beatles, die Stones, Black Sabbath, Led Zeppelin und Bowie sollen sich alle mal eine Zeit lang mit dem britischen Okkultisten und seinen Schriften auseinandergesetzt haben.

Thomas Auftrag ist es nun, zu beweisen, dass es die Gibson Moderne, die legendärste Gitarre aller Zeiten, wirklich gegeben hat. Kann Thomas die Existenz der Gitarre beweisen, verspricht ihm der (dunkle) Lord eine Million. Ein Zehntel des Schätzwertes des Instruments. Das motiviert natürlich. Auch wenn seine Kollegen die Existenz dieser Gitarre anzweifeln.

André versorgte mich mit zahlreichen Details und Überlegungen dazu, wie die Moderne beschaffen sein könnte, beziehungsweise vor allem dazu, wie sie angesichts der damaligen Fertigungstechniken nicht beschaffen sein konnte. Ihm selbst war schon die eine oder andere Kopie untergekommen. Er erzählte mir von Sammlern, die jahrzehntelang vergeblich nach dieser Gitarre gefahndet hatten, und von anderen, die behaupteten, sie gefunden zu haben, sie aber nicht herausrückten. (S.65)

Thomas stürzt sich in die Recherche und reist auf den Spuren der Moderne einmal quer durch Amerika. Dabei trifft er auf unterschiedliche Menschen, die alle mit Musik zu tun haben und von dem Geheimnis um die mysteriöse Gitarre wissen. Wenn es um so viel Geld geht, ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis der erste Tote gefunden wird. Weiß Thomas, worauf er sich da eingelassen hat?

Ich mag Musik, aber ich kenne mich weder mit Blues, noch mit verschiedenen Gitarren richtig aus. Aber das hat mich gar nicht gestört. Hervier schafft es, in seinen Text unterschiedliche Bezüge zu echten Rockstars und Bluesstücken einzubauen. Neben dem spannenden Roadtrip hatte ich also das Gefühl, nebenbei noch Wissenswertes über Musikgeschichte lockerflockig präsentiert zu bekommen. Auf der Verlagsseite gibt es zusätzlich noch ein Mixtape, auf dem die unterschiedlichen Songs, auf die sich Hervier bezieht, angehört werden können. Das sind kleine Details, die ich wahnsinnig gerne mag. Nicht umsonst habe ich mich in meinem Studium auch  mit Popmusik beschäftigt und bin treue Spex-Abonnentin (ihr wisst, was ich meine…). Ein weiteres fancy Detail, das ich mag: die Kapitelüberschriften, die wie ein guter Song aufgebaut sind (Intro – Erste Strophe – Refrain – Zweite Strophe – Refrain – Dritte Strophe – Bridge – Solo (1. Teil) – Solo (2. Teil) – Refrain – Outro).

Vintage ist ein Rock- und Bluesthriller für Musiknerds und alle, die es werden wollen. Ziemlich cool, witzig, spannend und von einem Menschen geschrieben, der Musik liebt und sich verdammt gut auskennt. Das Ende setzt der ganzen Geschichte dann noch einmal die Krone auf und kam für mich absolut überraschend. Super Buch, super Musik. Für meinen Geschmack hätte der Roman ruhig noch ein bisschen dicker sein können. ;)

Grégoire Hervier – Vintage. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs. Diogenes 2017.

 

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

 

 

Ein Gentleman in Moskau

Ein Gentleman in Moskau

Moskau, 1922. Graf Rostov wird vom Revolutionskomitee zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem besten Hotel am Platz. Und das ist sein Glück. Fast wäre er hingerichtet worden, aber ein Gedicht, das er mehrere Jahre zuvor veröffentlicht hat, rettet ihm das Leben.  Das Komitee einigt sich darauf, dass der einst so hellsichtige Geist des Grafen im Kontakt mit der adligen Klasse moralisch korrumpiert wurde. Das kann passieren und soll natürlich laut Komitee angemessen bestraft werden – aber glücklicherweise nicht mit dem Tod.

Der Graf darf nur das Hotel nicht mehr verlassen. Das ist die Ausgangslage für Amor Towles und der Beginn einer ungewöhnlich feinsinnigen Erzählung über das Leben in Gefangenschaft. Genauer gesagt,  in einer jahrzehntelangen Gefangenschaft in einem geschichtsträchtigen Haus, das sich ebenfalls im Wandel der Zeit befindet.

Graf Rostov ist niemand, der unter der Situation leidet oder anfängt, Trübsal zu blasen. Getreu seinem Motto: „Wenn man nicht Herr über seine Umstände ist, so werden die Umstände Herr über einen selbst“, beginnt sich der Graf in seiner Gefangenschaft einzurichten. Er lässt sich durch nichts in seiner Höflichkeit oder seinem Optimismus erschüttern. Von seiner Suite zieht er in eine Dachkammer im obersten Stock, die Hälfte seiner Möbel muss er zurücklassen und noch nicht einmal alle seine Bücher passen in sein neues Zimmer. Aber der Graf bleibt pragmatisch. Wenn er das Hotel nicht mehr verlassen kann, versucht er sich eben den Essays von Michel de Montaigne. Wann hat man schon Zeit dafür, einfach mal zu lesen?

Es war sicherlich zehn Jahre her, dass der Graf sich vorgenommen hatte, dieses in allen Landen gelobte und von seinem Vater hochgeschätzte Werk zu lesen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Finger auf  den Kalender gezeigt und erklärt hatte: Diesen Monat widme ich mich den Essays von Michael de Montaigne, hatte das Leben mit einer teuflischen Verlockung gewirkt. Sei es, dass unerwartet ein Liebesinteresse aufgekommen war, an dem er guten Gewissens nicht vorbeigehen konnte, oder dass sein Bankier angerufen hatte oder dass der Zirkus in die Stadt gekommen war. Das Leben hatte seine Verlockungen, fürwahr. Doch hier waren die Umstände endlich derart, dass sie den Grafen nicht ablenken, sondern ihm im Gegenteil Zeit und Muße schenken würden, so dass er sich dem ganzen Buch widmen konnte. (S.35)

Amor Towles hätte eine unendlich langweile Geschichte geschrieben, wenn es nur um den lesenden Grafen gehen würde. Stattdessen beginnt der Graf bald das Hotel mit anderen Augen zu sehen. Das liegt unter anderem auch an einem besonderen Hotelgast. Die neunjährige Nina schließt Freundschaft mit dem Grafen und zeigt ihm alle geheimen Gänge und Ecken, von denen der Graf noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.

Immer wieder sind es kleine Begegnungen, die dem Grafen neue Lebensqualität versprechen. Als der Graf beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er die Situation nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aushält, entdeckt er, dass einer der Hausmeister auf dem Dach des Hotels eine Imkerei betreibt. Ein Honigbrot rettet den Abend und der Graf hat einen neuen Freund gefunden.

 Im Laufe der Zeit, gelingt es Graf Rostov, viele wichtige Personen ins Hotel zu manövrieren und mit ihnen Kontakt zu halten: seinen besten Freund Michail, ein Schriftsteller, der anfänglich noch an die sozialistische Revolution glaubt, wichtige Leute vom Geheimdienst, eine berühmte Schauspielerin. Der Graf lässt alle ins Hotel kommen. Als Rostov die Gelegenheit bekommt, als Aushilfskellner einzuspringen, sagt er nicht nein. Wenigstens hat er so das Gefühl, dass er ein bisschen für Ordnung sorgen kann, wenn ihm sonst nur der Blick aus dem Fenster bleibt und das gesellschaftliche Leben an ihm vorbeirauscht.

Aber es ist nicht seine Position als Kellner, die den Grafen für immer verändern wird. Es ist eine neue Rolle, die der Gentleman und Lebemann sich nie hätte träumen lassen. Jahre später kehrt Nina ins Hotel zurück. Sie ist mittlerweile Mutter geworden und überlässt ihre Tochter Sofia der Obhut des Grafen, der immer noch nicht das Metropol verlassen darf. Nina kann sich keinen besseren und sicheren Platz für das Mädchen vorstellen. Der Graf hat mittlerweile viele Freunde gefunden, die Näherin Marina, den Koch Emile, den Kellner Andrei. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und versuchen politische Verstrickungen so gut es geht außerhalb des Hotels zu lassen. Aber das ist mit einem unter Hausarrest stehenden Grafen natürlich nicht so einfach. Gemeinsam versuchen sie Sofia eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Wenn auch eine Kindheit in einem goldenen Käfig. Aber für Sofia wächst der Graf über sich hinaus.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, nicht nur, weil Graf Rostov eine Figur mit sehr viel Haltung und Charme ist, auch weil der Roman meisterhaft geschrieben ist. Amor Towles hat eine Geschichte über Mut und Courage geschrieben und darüber, dass man nie aufgeben sollte, sondern viele Situationen mit stoischem Optimismus ertragen kann. Man muss nur auf den richtigen Moment warten – und der kommt bestimmt.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. List 2017.

Skulptur Projekte – Beliebte Stellen/Privileged Points

In Amsterdam im Stedelijk Museum hat Nairy Baghramian ihre Skulpturen 2011 das erste Mal gezeigt. Ich war zwar am Wochenende in Amsterdam, aber in der Stadt gibt es so viel zu sehen und wir haben einen Freund besucht, dass wir es leider nicht auch noch ins Museum geschafft haben. Auch im Berliner Kunstverein konnte man die offenen Ringe aus massivem Metall, die mit mehreren Schichten Lackfarbe überzogen wurden, schon in einer Ausstellung bewundern. Die Objekte sind bogenförmig und an vielen Stellen bleiben Tropfen von der Lackierung hängen. Das sieht irgendwie tentakelig-schön aus. Tentakelig oder wattwurmig, ich bin mir noch nicht sicher.

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In Münster stehen die glänzenden Lackkringel an prominenter Stelle auf dem Platz vor dem Erbdrostenhof. Das historische Gebäude wurde 1757 von Johann Conrad Schlaun gebaut. Wenn man Glück hat, kann man durch den Erbdrostenhof laufen. Auf der Rückseite des barocken Palais liegen die tropfigen Einzelteile von zwei weiteren Privileged Points, also diesen Kringelschlangen. Vielleicht warten sie darauf, dass sie zusammengebaut werden?

Unabhängig vom Kunstwerk wurde auch gerade eine Feier vorbereitet, aber ich finde die herumstehenden Tische stören fast gar nicht. ;)

Das Unvollständige ist in jedem Fall gewollt. Baghramian wartet darauf, dass das Werk nach der Ausstellung verkauft wird. Erst dann sollen die Einzelteile zusammengeschweißt und die Kringel wieder hergestellt werden. Gleichzeitig macht sie damit schon jetzt deutlich, dass ihre Kunst eigentlich überall zusammengebaut und aufgestellt werden kann und der Erbdrostenhof nicht unbedingt die einzige beliebte Stelle ist, an der die Skulptur stehen kann. Das gefällt mir.IMG_20170901_134505

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Die Skulptur Projekte 2017 sind in Münster noch bis zum 1. Oktober zu sehen. Privileged Points ist eins von 35 Objekten, die überall in der Stadt verteilt sind.

Der Eintritt ist frei.

Buch-Date VI – Meine Empfehlungen

Ich bin wieder beim Buch-Date dabei, das von Wortgeflumselkritzelkram und dem Zeilenende ins Leben gerufen wurde.

Unbenannt

Das Buch-Date steht dieses Mal im Zeichen der Kinder-und Jugendliteratur. Ich darf Laura von fantasiegeflüster drei Bücher empfehlen und das waren die Antworten, an denen ich mich orientieren kann:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?
Hunters Moon – Bettina Strauss
Elias & Laia – Sabaa Tahir
Wacholdersommer – Antje Babendererde

Dein Lieblings-Genre?
Ich versuche mich eigentlich gern mal an allem. Besonders gern lese ich aber von fernen Fantasywelten.

Deine drei liebsten Autor*innen?
Marah Woolf
J.R.R. Tolkien
Ava Reed

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?
Horror und zu schnulziges 🙂

Und als Zusatzfrage: Wie ist dein Verhältnis zu Kinder- und Jugendbüchern – liebst du sie oder fühlst du dich zu alt oder gar zu jung für sie?
Ich stöbere ab und zu ganz gern in dem Genre – aber ich bin ehrlich. Wenn ich eins gelesen habe, muss danach was ganz anders her 😉

Liebe Laura,

ich habe lange überlegt. Denn so Empfehlungen sind immer verflixt schwierig. Trommelwirbel! Los geht’s!

1. Walter Moers – Ensel und Krete

Ensel und Krete von Walter MoersEnsel und Krete ist das erste Buch von Hildegunst von Mythenmetz, das von Walter Moers freundlicherweise aus dem Zamonischen ins Deutsche übersetzt wurde. Die Geschichte ist ein Märchen und deswegen passend für dieses Buch-Date. Es geht um das  Geschwisterpaar Ensel und Krete, zwei junge Fhernhachenzwerge, die im Großen Wald Zamoniens viele Abenteuer erleben. Die beiden putzigen Halbzwerge treffen einen Stollentroll, finden eine zauberhafte Orchidee und natürlich gibt es eine fiese Hexe. Insgesamt ein fantastisch geniales Abenteuer, das man gelesen haben muss. Und passt zu den fernen Fantasiewelten. Horror gibt es bei den Halbzwergen nicht, es wird nur sehr – abgedreht. Ein typischer Moers, äh, Mythenmetz eben.

2. Angie Thomas – The Hate U give

Für mich die Jugendbuchentdeckung des Jahres. Ein wirklich wichtiger Roman, meine ausführliche Rezension findest du hier. The Hate U give.jpg

3. Alan Bradley – Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet. (Band 1)

Bradley_AFlavia_de_Luce_1_95997.jpgIch bin ein riesiger Fan der Reihe! Es geht um Flavia, eine elfjährige Detektivin, die irgendwann in den 1950er Jahren zusammen mit ihrem Vater und ihren Schwestern Ophelia, eine angehende Musikerin und Daphne, einem verträumten Bücherwurm, auf dem Anwesen Buckshaw lebt. Flavias Mutter kam kurz nach ihrer Geburt bei einer Bergtour ums Leben – ihre Leiche wurde allerdings nie gefunden (ich finde, das hat Potenzial….). Flavias Hobby sind Gifte aller Art und sie kennt sich wahnsinnig gut mit Chemie aus – kein Wunder, auf dem Anwesen hat sie ihr eigenes Labor eingerichtet. Flavia ist sauschlau, häufig schlauer als der Dorfpolizist und sie kann es nicht verhindern, aber ihr fallen die Mordopfer quasi in jedem Band vor die Füße… Ich habe den siebten Teil hier rezensiert, aber es macht Sinn, ganz vorne anzufangen ;)

Liebe Laura,

ich hoffe, du kannst mit meinen Vorschlägen etwas anfangen. Ich verspreche dir, die Bücher sind garantiert nicht schnulzig. Ehrenwort.

Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen.