[Rezension] Schöner scheitern – Die Vermessung der Welt

Es gibt Dinge, die an nichts andererem als sich selbst scheitern. (Franz Kafka: Das Schloss)

Landvermesser haben es nicht leicht. K., Kafkas Protagonist, verirrt sich in einem bürokratischen Durcheinander, das Schloss schwebt irgendwo in einer großen Leere, die er (psychisch) nicht erfassen kann. Dabei war es doch seine Aufgabe das Land zu vermessen und jetzt kommt er nicht voran und hockt in einem alten Gasthaus, während sich die Stimmung der Dorfbevölkerung langsam gegen ihn richtet. Wirklich? Was will K. eigentlich? Dem Lesenden kommen Zweifel: ist K. überhaupt ein Landvermesser? Ist er nicht vielmehr ein Landstreicher, der eben auf seine eigene Art das Land „vermisst“? Wahrscheinlich wurde nach 1922 nie wieder so intensiv über den Beruf des Landvermessers nachgedacht, bis Daniel Kehlmann auf den Plan trat. Als Die Vermessung der Welt 2005 erschien, gab es kaum einen anderen Roman, der so oft besprochen und gelesen wurde. 37 Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste des Spiegel, 2006 das am zweitmeisten verkaufte Buch der Welt, 2007 waren bereits 1,5 Millionen Exemplare verkauft worden. Ein ziemlicher Hype um so ein dünnes Werk, das sich auch noch mit zwei alternden Geistesgrößen der europäischen Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzt, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemeinsam haben.

Im Zentrum der Handlung stehen der Entdecker Alexander von Humboldt und der Mathematiker Carl Friedrich Gauß, beide nicht mehr ganz auf der Höhe, was ihre körperliche Verfassung angeht. Gauß, der am Anfang des Romans nur schwer aus dem Bett zu kriegen ist und nur widerwillig zu einem Kongress aufbricht (nicht ohne seine Frau als „Unglück seiner späteren Jahre“ zu beschimpfen) leidet am Älterwerden und seiner schwächlichen Konstitution. Fiese Zahnschmerzen plagen ihn, aber der Wille zu einer weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichung treibt ihn an. Humboldt, unterwegs in Lateinamerika, pult sich währenddessen die Flöhe aus den Zehen und versucht Berge zu erklimmen. Alles im Dienste der Wissenschaft, der höchsten aller Motivationen. Denn beide Forscher versuchen auf ihre Art eine Vermessung der Welt durchzuführen: Gauß durch Berechnungen mithilfe von Mathematik und Astronomie, Humboldt durch Anschauung und das Waten durch die Stromschnellen des Dschungels. Doch der Grad zwischen Wahnsinn und Genialität ist recht schmal. Beide Wissenschaftler sind lebensfremd, kauzig, merkwürdig – und werden gnadenlos veralbert. Sei es Gauß, der in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt um eine bahnbrechende Formel fanatisch niederzuschreiben oder sei es Humboldt, der die Berge besteigt, bis die Luft so dünn wird, dass er das Bewusstsein verliert oder gerne Läuse in den Zöpfen der Frauen zählt – aus rein statistischen Gründen. Die permanente indirekte Rede ist dabei nur eine weitere Merkwürdigkeit des Romans, an die ich mich aber schnell gewöhnen konnte und die zur ironischen Distanz zum Geschehen beiträgt.

Ebensowenig erforsche ein Vogel die Luft oder ein Fisch das Wasser [sagte Humboldt].
Oder ein Deutscher den Humor, sagte Bonpland.
Humboldt sah ihn mit gerunzelten Brauen an.
Nur ein Witz, sagte Bonpland.
Aber ein ungerechter. Ein Preuße könne sehr wohl lachen. In Preußen werde viel gelacht. Man solle nur an die Romane von Wieland denken oder die vortrefflichen Komödien von Gryphius. Auch Herder wisse einen guten Scherz wohl zu setzen.
Daran zweifle er nicht, sagte Bonpland müde. (S.111)

Doch die Figuren sind keine reinen Sympathieträger, haben ihre Schwächen, ihre Macken, ihre Fehler. Gauß liebt eigentlich eine Prostituierte, zu der er sich immer wieder flüchtet. Und Humboldt? Im Schatten des Bruders, dem großen Bildungsreformator aufgewachsen, bleibt ihm nur die Flucht in die Fremde. So war es ja auch von Anfang an gedacht: einer der Brüder soll die Geisteswissenschaften lernen, der andere die Naturwissenschaften beherrschen. Zufall statt Genie? Oder beides, gepaart mit der strikten Vorstellung der Familie, sich in jedem Fall gesellschaftlich zu fügen. Zerrissene Figuren, alle beide. Zudem verhält Humboldt sich alles andere als heldenhaft gegenüber seinem langjährigen Reisebegleiter Bonpland. Humboldt – weltfremd, schräg, unglücklich, aber besessen von einer Idee. Genau wie der schwächelnde Mathematiker. Auch Gauß wird privat nicht glücklich, verhält sich unnahbar und ungerecht gegenüber seinem Sohn, nimmt in Kauf, dass dieser ins Gefängnis muss und hilft ihm eben nicht. Beide, wie ihr literarischer Vorgänger, Landvermesser K., sind auf merkwürdige Art an sich selbst Gescheiterte. Auch wenn diese Erkenntnis erst spät reift. Und trotzdem mochte ich die beiden verdrehten Gestalten, als ich das Buch zugeklappt habe. Und das lag besonders am unterhaltsamen, ironisch-lakonischen Schreibstil, den Kehlmann in diesem Roman perfektioniert hat. 300 Seiten? Fast ein wenig zu kurz für mich, bitte mehr davon.

Betest du? Nein, flüsterte Gauß, er zähle Primzahlen, das mache er immer, wenn er nervös sei. (S.65)

Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008. 302 Seiten.

ISBN: 978-3-499-24100-0

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[Rezension] Opa gegen die Windmühlen – Don Quijote nach flix

So leicht geben wir uns nicht geschlagen, nicht wahr, Dulcinea?

Miguel Cervantes Roman über den Ritter von trauriger Gestalt, der auf deutsch unter dem Titel Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha zu finden ist, ist ein Klassiker.  Alonso Don Quijote de la Mancha – seines Zeichens eigentlich kein Ritter, aber großer Fan von Ritterromanen und das macht einen ja auch schon irgendwie zu einem Ritter – ist mit dem Pferd Rosinante unterwegs, sein treuer Kollege Sancho Panza mit einem Esel. Gemeinsam erleben sie unterschiedlichste Abenteuer – und wer kennt nicht den Kampf gegen die Windmühlen, das Abenteuer des Junkers schlechthin? Ein gutes Beispiel, das zeigt, dass die wahren Feinde der beiden Kumpanen nicht unbedingt in der Realität existieren müssen. Der Roman von Cervantes wurde bereits 1605 veröffentlicht, von 1799 – 1801 wurde eine deutsche Übersetzung von Ludwig Tieck herausgegeben, die, bis 2008 als Susanne Lange sich einer Neuübersetzung widmete, als kenntnisreichste und beste Übersetzung galt. Der Comickünstler flix nähert sich diesem wunderbaren Abenteurer nun auf ganz neue Art.

Flix adaptiert dabei nicht nur die Erzählung, sondern komponiert sie neu und nimmt sich spannende Freiheiten gegenüber der klassischen Vorlage heraus, so dass ganz neue Bedeutungsebenen dazu gewonnen werden. Don Quijote lebt in flix‘ Variante nicht irgendwo auf der iberischen Halbinsel, sondern in MeckPom. Aus Toboso wird Tobosow, ein verlassener Ort, in dem der Rentner Quijote sich selbst zum Vorkämpfer gegen den geplanten Windpark stilisiert. Demos, Leserbriefe an den Märkischen Volksfreund (mit besonderem Hinweis auf den schädlichen Einfluss den Comics auf junge Gemüter haben) – der Rüpelrentner hat viel zu tun und gibt niemals auf.

Quelle: www.bazonbrock.de Flix/Carlsen Verlag 2012
Quelle: http://www.bazonbrock.de Flix/Carlsen Verlag 2012

Doch Gefahr droht aus ganz anderer Ecke – seine Tochter befindet, dass ihr Papa mittlerweile dement wird und nicht mehr für sich selbst sorgen kann. Und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen – sieht der Don doch langsam überall Raubritter (auch wenn es sich um Windpark-Investoren handelt). Quijote, dessen Freund Sancho Panza bereits verstorben ist, soll in die Seniorenresidenz Cervantes umquartiert werden. Als Übergangslösung wohnt er bei seiner Tochter und lernt seinen Enkel kennen – ein achtjähriger, der – Schreck, lass nach! – Comics liest und dazu auch noch verkleidet als Batman durch die Gegend springt. Opa ist not amused, entdeckt aber bald, dass sein Enkelsohn und er doch einige Gemeinsamkeiten haben. Robin kann die Monster auch sehen, gegen die sein Opa kämpft. Außerdem hat er einen kleinen Esel, auf dem er sich fortbewegt, während Quijote seine Rosinante hat. Dass Robins Mama/Don Quijotes Tochter an Stelle der Tiere nur schnöde Fahrräder sieht, muss die beiden ja nicht stören. Nach dem Robin seinen Opa aus dem Seniorenheim befreit hat, machen sie sich gemeinsam auf, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen und natürlich gegen das Böse zu kämpfen. Denn, wie der große Abenteurer Don Qijote de la Mancha sagt:

Die Limette hat noch Saft!

don quijote

Flix hat mit der Graphic Novel Don Quijote eine wunderbare Variante eines Klassikers geschaffen, der in unsere Zeit übertragen wird. Nachdem ich vor einiger Zeit Held von flix gelesen habe und hellauf begeistert war, geht es mir mit dieser Rittergeschichte genauso. Die Figuren werden liebevoll entwickelt und sind toll gezeichnet. Mit Witz und Charme zeigt flix dabei, dass Cervantes Heldenepos auch heute spannend sein kann. Denn was verbindet den alten Don Quijote mit dem Rüpelrentner von heute? Seine Fantasie und sein Mut, Dinge ändern zu wollen – auch, wenn das nicht immer alle verstehen können. Das Duo Großvater/Enkel erweist sich als (fast) unschlagbar und zeigt, dass es jenseits von vielzitierten Generationenkonflikten, die Fantasie ist, die unterschiedliche Generationen verbindet. Ein Buch, in dem Fahrräder zu Eseln, Pferden und Fledermäuse werden können und das mir kontinuerlich Spaß gemacht hat, selbst wenn ich auf den letzten Seiten auch ein kleines bisschen sentimental geworden bin.

 Neue Comics und Ankündigungen neuer Projekte findet ihr auf der www.der-Flix.de (sehr zu empfehlen).

Flix – Don Quijote. Hamburg: Carlsen Verlag 2012.

ISBN: 978-3-551-78375-2

[Rezension] Sans-Souci aus Pappmaché – Die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers

die-erstaunlichen-talente-der-audrey-flowers-072386114Oh, eine Schildkröte auf dem Cover! „Erstaunliche“ Talente? Das ist im Moment ja irgendwie Trend. Zumindest bei Walter Mitty. Harold Fry macht immerhin eine unwahrscheinliche Reise. Egal.  Mitgenommen, erste Seite gelesen – was soll das denn? Das Romandebüt von Jessica Grant wirkt auf den ersten Blick mehr als konfus. Wer erzählt hier eigentlich die Geschichte? Wer spricht mit wem? Und warum zum Teufel gibt es keine Anführungszeichen? Leserleitung – Fehlanzeige. Stattdessen werden die Leser_innen mit einem großen Schwung in die wirre Gedankenwelt der Protagonistin Audrey geworfen.

Audrey Flowers lebt in ihrer eigenen, wunderlichen Welt – deswegen wird sie von ihrer Familie auch liebevoll Oddly genannt. Warum sie so ist, bleibt ihr Geheimnis, einziger Hinweis: sie gehört zu den wenigen Menschen, die an einem 29. Februar geboren wurden. Folglich hatte sie auch erst sechsmal so richtig Geburtstag, wodurch sie sich – logisch – auch das Recht erworben hat, sich wie ein kleines Kind zu benehmen. Sie lebt mit ihrer Schildkröte Winnifred, die sie von dem Vormieter ihrer Wohnung übernommen hat, ein durchaus sorgenfreies Leben und hat sehr viel Spaß an gelegentlichen Cluedo – Sessions, ein Spiel, das sie seit ihrer Kindheit fasziniert. Winnifred begleitet sie zwischendurch in den Urlaub, Audrey bastelt ihr ein französisches Märchenschloss. Das ist zwar nicht Sans-Souci sondern Pappmaché, klingt für Winnifred aber genauso feierlich und besonders. Nur ein Beispiel für die vielen Wortspiele, die im Roman enthalten sind (der Imbiss heißt Im Biss und so weiter).  Und Audrey ist wirklich sans souci, Winnifred hätte es nicht besser treffen können. Doch dann erhält Audrey einen Anruf ihres Onkels, ihr Dad liegt nach einem Unfall im Koma.

Audrey macht sich auf den Weg nach Hause, von Amerika nach Kanada. Hierhin waren sie und ihr Dad vor langer Zeit ausgewandert, da er es in England, dem „engen Land“ nicht mehr ausgehalten hat. Winnifred wird in die Obhut von Freunden gegeben. Doch als Audrey ankommt, ist ihr Vater bereits tot. Audrey muss nicht nur mit dem Tod ihres Vaters klar kommen, sie begibt sich auch auf die Spur ungelöster Familiengeheimnisse. Welche Aufgabe hat der Anwalt Toff, der ihren Vater gut kannte? Warum galt Onkel Thoby als Schwarzes Schaf der Familie? Warum will ihre Großmutter nicht über Onkel Thoby und ihren Dad sprechen? Und warum hat Onkel Thoby überhaupt bei Audrey und ihrem Dad gelebt? Und außerdem: Warum ist der Typ, der für die Weihnachtsbeleuchtung am Haus verantwortlich ist, so unglaublich süß?

Oddly hat ihre ganz eigenen Vorstellungen von der Realität. In ihrem Kopf lesen Schildkröten Shakespeare – und wie überraschend und schön ist es für die Leser_innen, wenn Winnifred tatsächlich in mehreren Kapiteln zu Wort kommt. Zugegeben, Winnifred wirkt um einiges erwachsener und abgeklärter als Oddly – aber sie ist ja auch älter, hat einen schweren Sturz aus den Fängen einer Möwe hinter sich und Audreys Vormieter überlebt. Außerdem gibt es noch eine Hausmaus, Wedge, die genau so alt ist wie Oddly. Ein stolzes Alter für eine Maus – immerhin 26 Jahre. Für Oddly durchaus passend – immerhin hat ihr Vater später als Biologe gearbeitet und versucht, Alterungsprozesse durch seine Forschung aufzuhalten. Wedge ist der lebende Beweis dafür, dass ihr Vater nicht versagt haben kann. Zumindest nicht als Biologe – aber vielleicht als Vater?

Die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers ist eine unterhaltsame Familiengeschichte, in deren Zentrum eine außergewöhnliche Protagonistin steht, deren Naivität ihresgleichen sucht. Manchmal hat Oddly mich zur Verzweiflung gebracht, manchmal war sie wunderbar. Die Schreibweise, eine Art Stream of Consciousness, ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Gerade der Anfang ist verwirrend, Oddly glaubt, ihr Flugnachbar wolle das Flugzeug kidnappen und sie müsse die Passagiere retten … Doch hat man sich an den Stil gewöhnt, wird Audreys Geschichte spannend. Die Wortwitze sind zwischendurch etwas gewollt („ohgottogott mit Kompott“ – ein Familienwortwitz der Flowers) und dadurch eher anstrengend, die Passagen mit Schildkröte Winnifred retten die wirre Geschichte allerdings und machen unglaublich viel Spaß. Ein insgesamt unterhaltsames Buch, das mich allerdings gerade am Anfang auch einige Nerven gekostet hat. ;)

Jessica Grant: Die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers (= Come Thou, Tortouise). Übersetzt von Thomas Mohr.

Goldmann Verlag 2011.

ISBN: 978-3-442-47665-7

[Rezension] Der Doktor ruft zum Interview – Dr. Sex

Prüderie und Prärie. Es ist das Jahr 1939 und an der Uni Indiana ist so etwas wie eine sexuelle Revolution losgebrochen – also, zumindest fast. Dr. Kinsey, Zoologieprofessor und bisher bekannt für seine Forschungen über Insekten, hält Vorträge für verlobte Studierende, sogenannte „Eheseminare“ und zeigt, was Sache ist. Bilder von Geschlechtsorganen, Aufklärung über Verhütungsfragen – den Studierenden schlackern die Ohren. Kinsey ist in seinem Element. Ganz im Sinne der Wissenschaft versucht er im prüden Amerika Schranken einzureißen und macht sich damit nicht unbedingt beliebt. Unter den Zuhörer_innen befindet sich auch John Milk, ein junger Wissenschaftler, der von Kinseys Charme hingerissen ist. Sofort meldet er sich für eines der Interviews, die Kinsey angekündigt hat und für die er eifrig Freiwillige sucht. John wird Teil einer der ersten und größten Sexumfragen der Geschichte, die offenbaren soll, dass eben doch vieles ganz anders läuft, als es die gängige Moral vorschreibt. Kinsey zeigt besonderes Interesse an Johns Ausprägung auf der von ihm entwickelten Kinsey-Skala, die die sexuelle Orientierung eines Menschen messen soll und von 0 (heterosexuell) bis 6 (homosexuell) verschiedene Ausprägungen der Bisexualität in einem einzelnen Zahlenwert erfasst. Ein Skandal, war die „H-Frage“ zu dieser Zeit doch mehr als umstritten und wurden doch noch unterschiedliche sexuelle Praktiken per Gesetz verboten. John erreicht eine 3, Kinsey sieht Potenzial in John. Er stellt ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter ein und bildet ihn für Interviews aus. Doch der Doktor ist keine einfache Person. Kinsey verlangt absolute Folgsamkeit, rekrutiert seine Mitstreiter_innen im Kampf gegen die Unterdrückung der Sexualität mit fragwürdigen Methoden und sorgt doch dafür, dass sich eine verschwiegene Gemeinschaft bildet, deren Kern seine Mitarbeiter_innen sind – der Inner Circle.

Hier gelten andere Regeln. Gegen die Unterdrückung, gegen die Prüderie der Gesellschaft setzt Kinsey in aufklärerischer Manier, die bisweilen ins Diktatorische übergeht, die Befreiung der eigenen Mitarbeiter_innen voraus. Wie sonst sollen sie auch Interviews führen können? Milk verfällt Kinsey mehr und mehr, wird ihm nahezu hörig, tut alles, was der Sexgott von ihm verlangt – seien es tausende Überstunden auf der Jagd nach Interviewpartnern oder eben auch homosexuelle Gefälligkeiten, die für Kinsey (oder Prok, wie er genannt wird), besonders ansprechend sind. Auch wenn Prok an den geselligen Wochenenden gerne nackt durch den Garten flaniert und Sex mit seinen Mitarbeiter_innen hat – der Schein muss gewahrt werden. Nach außen präsentiert sich die Gruppe als vertrete sie die drei großen Ks – oder zumindest zwei. Frauen in der Küche, Kinder im Garten – bürgerliches Idyll. Prok arbeitet an einer Veröffentlichung über die Sexualität des Mannes, bald soll eine über die Sexualität der Frau folgen. Doch das Projekt ist gefährdet, Journalisten bespitzeln die Gruppe, das schweißt den kleinen Kreis nur noch mehr zusammen.

Das Interesse da draußen wächst, und das wißt ihr. Sobald sie Witterung aufgenommen haben, werden sie wie die Bluthunde hinter uns her sein, und sie werden die Zahlen aus dem Zusammenhang reißen und uns als Scharlatane hinstellen und in dieselbe Schublade stecken wie die Nudisten oder die Vegetarier oder die Leute von der Gesellschaft gegen Tierversuche. Stellt euch doch mal vor, was sie mit einer Tabelle wie der machen würden, die John neulich angefertigt hat, in der das Alter von Männern und Frauen zum Zeitpunkt der maximalen sexuellen Betätigung verglichen wird. Oder über die Häufigkeit von H-Aktivitäten. Oder über außereheliche Beziehungen. […] Stellt es euch vor. […] Denn es wird eine Invasion geben. (415)

Irgendwann reichen Befragungen  nicht mehr aus – Prok will Action sehen. Iris ist die einzige, die sich gegen Proks Allmachtsanspruch zur Wehr setzt. Sie versucht John die Augen zu öffnen. Wenn Prok behauptet: „Wir sind bloß menschliche Säugetiere“ –  wo bleibt dann die Liebe?

T.C. Boyle hat mit Dr. Sex einen Roman geschrieben, in dem zwar sehr viel über Interviews und Sex gesprochen wird – explizites aber Leerstelle bleibt. So berichtet John, dass er zwar „erst spät nach Hause kam“, aber nicht, was tatsächlich zwischen ihm und Prok gelaufen ist – doch wir können es uns denken. Dabei erweist sich der naive John als interessanter Vermittler zwischen Leser_in und beschriebener Realität. Milk ist der Bewunderer, der Guru-Anhänger, derjenige, der dem Missionar glaubt. Kinsey bleibt so eine schwer zu fassende Figur, was vor allen Dingen daran liegt, dass John zu sehr in einer Heldenverehrung gefangen bleibt und das auf Kosten einer bissigen Zeichnung des Gurus geht. Doch daran liegt die interessante Ambivalenz, mit der hier der Sexforschung um Kinsey begegnet wird. Immerhin ebnete Kinsey auch den Entwicklungen der 1960er Jahre durch seine Forschung den Weg. Gleichzeitig wird ein Sittengemälde der 1940er gezeigt, das die Prüderie der Zeit gekonnt offenbart, ohne Kinsey zu verklären. Der idealistisch angelegten Revolution folgt eine nicht autonome Sexualität, die vom Guru abhängig ist. Und das wird schnell deutlich, auch wenn T. C. Boyle nicht versucht, die Forschung von Prok zu verdammen. Interessant, denn bereits mit Erscheinen des Romans 2004, liefen, wie in guten alten Zeiten, konservative amerikanische Kreise Sturm. Doch Boyle idealisiert Kinsey auch nicht. Durch seine Sexforschung entstehen Abhängigkeitsbeziehungen, Prok mischt in allen Lebensbereichen seiner Mitarbeiter_innen mit – wie viel Freiheit bleibt noch, wenn Prok die Revolution an sich reißt?

T. C. BOYLE: Dr. Sex (=The Inner Circle). Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2005.

ISBN 978-3-446-20566-6

Leserückblick [Januar]

Juchhu, der Januar ist vorbei und damit eine ganze Menge Stress an der Uni. Wobei da auch noch einiges in dieser Woche ansteht. Deswegen hier nur ein kurzer Beitrag.

Gelesen im Januar: 6 Romane mit insgesamt 2319 Seiten

Gelesen für die Rory – Gilmore – Leseliste: 2 Romane (damit bin ich jetzt bei mittlerweile 53 Titeln):

Alles ist erleuchtet von Jonathan Safran Foer und Zärtlich ist die Nacht von F. Scott Fitzgerald

Lieblingsbuch des Monats: Zärtlich ist die Nacht

Monatsflop? Schwierig. Feindesland von Oliver Uschmann – und ich bin ein riesen Fan der Reihe Hartmut und ich – war zumindest ganz anders als erwartet. Ich hatte schon vorher gelesen, dass Feindesland etwas anders daher kommt und ich kenne auch den direkten Vorgänger Murp noch nicht, deshalb war ich zumindest sehr überrascht. Gerade am Ende des Romans, wenn man überhaupt nicht damit rechnet, werden sehr ernste Töne angeschlagen. Ich erwarte keine Albernheiten wie in Wandelgermanen, aber dieses Ende war überraschend und sehr traurig – wenn auch in gewisser Weise konsequent, hätte es doch eventuell ein Ende aller bekannten Konstellationen bedeutet. Trotzdem schade, dass ein so witziges Buch ein so trauriges und deprimierendes Ende hat. Daran musste ich mich gewöhnen. Kein Flop, aber eine unerwartete Überraschung.

Rezensionen: Zärtlich ist die Nacht und Als wir Waisen waren – ja, da geht vielleicht noch mehr ;)

SUB? Klar, ich bin nach meiner riesen Prüfung Ende vor sechs Tagen erst einmal schwach geworden und habe Buchgutscheine auf den Kopf gehauen. Außerdem habe ich dann den Liebsten besucht und da hatte die Meyersche Buchhandlung so eine riesen Rabattaktion … Buchkauffrei im ganzen Januar? Na ja – fast. Buchkauffrei im Februar? Ich bleibe dran, aber natürlich ist mein SUB – ähm, gleichgeblieben? 6 Bücher gelesen, 6 Bücher eingekauft. ;)

Neue Bücher: 1. Herman Melville – Moby Dick 2. Gustave Flaubert – Madame Bovary 3. Hermann Hesse – Narziß und Goldmund

4. Jojo Moyers – Ein ganzes halbes Jahr (ich bin wahrscheinlich die Letzte, die es lesen wird)

5. Einen Graphic Novel vom Zauberer von Oz <3

6. Wolfgang Herrndorf – Sand

Alles außer Bücher?

UnigelerntUnigelerntUnigelerntUniStressStressUniUniUniDas schaffst du NIE UniUniUnigelerntgelerntgelerntgelernt

Tag der Prüfung: aufstehenfrühstückenlosgeheultdukannstdasalleswirdgutlosgefahrenscheiße!

ichhabderZweitprüferinmeinPapiernichtgegeben

MIST

dastehtsieundunterhältsichmitderanderenDozentendarüber,dasseszuwenigQualitätbisherindenPrüfungengibt

ohnein!!!

AngstfuckdukannstgarnichtsHallo,bittekommenSieschonmalrein.

TüraufTürzu.Ja,danke.Losgeht’s.

WaseineblödeEinstiegsfrage,okgeschafft.WeiterimText.Dukannstdas.Los.UndsiestelltkeineFragen.

Esmussgutsein.

WieschonzwanzigMinutenum?DasmachtrichtigSpaßIhnenzuzuhören

WirberatenunsjetztWie,schonvorbei?Puh,vorderTür-Das mussichgeschaffthaben,dasmussichgeschaffthaben,TüraufTürzuwiederrein:

BESTANDEN (undvielvielbesseralsgedacht – BÄHM, Master of Education fertig studiert!!)aufzumReferat.

Januar zu Ende.

[Project Short Film] #5 Von Mäusen und Löwen

Dieser schöne Kurzfilm (animiert von Benjamin Renner and Friends) handelt von einer kleinen Maus, die in die Fänge eines wilden Löwen gerät. Dabei ist die Maus genauso gewitzt, wie wir sie als Äsops Fabeltier schätzen und lieben und hat zudem eine charmante „Dann rutsch mir doch den Buckel runter!“-Attitüde. Cooler Shortfilm, da beißt die Maus keinen Faden ab. Oder eben doch? ;)

[Rezension] Heimatlosigkeit zwischen den Weltkriegen – Als wir Waisen waren

England, irgendwann im Sommer in den 1930er Jahren. Christopher Banks ist der berühmteste Detektiv Englands, die Londoner Oberschicht gerät in Verzückung, wenn er den Raum betritt oder wendet sich erschrocken ab – aus Angst, er könne ihre Geheimnisse lösen. Banks ist bekannt in der Stadt und schafft es problemlos, sich in den oberen Kreisen der Gesellschaft zu bewegen. Und das ist nicht selbstverständlich. Seinen Erfolg musste er sich mühsam erarbeiten. Bei den zahlreichen Dinnerparties begegnet ihm immer wieder Sara Hemmings, eine Societylady, die sein Interesse weckt. Doch Christopher ist zu langsam und zu beschäftigt mit seiner Arbeit – es kommt wie es kommen muss, irgendwann ist Sara verheiratet und plant die Auswanderung. In Shanghai will sie mit ihrem Mann einen Neuanfang wagen. Ein nicht ganz unproblematisches Unterfangen, immerhin liegen kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Europa und Asien in der Luft und niemand weiß, ob die Situation stabil bleibt. Für Banks kommt dieser Schritt nicht nur aufgrund der politischen Situation überraschend. Er selbst verbrachte seine gesamte Kindheit in Shanghai und zwar nicht irgendwo. Banks lebte im International Settlement, dem Villenviertel der Ausländer_innen. Sein Vater arbeitete für eine britische Firma, die ihre Gewinne mit dem florierenden Opiumhandel einfuhr. Seine Mutter hingegen war Teil einer Aktivist_innengruppe, die sich dezidiert gegen den Opiumhandel aussprach – aus Mitleid mit den Abhängigen und Drogentoten. Doch als Christopher zehn wurde, verschwanden seine Eltern spurlos. Ein Freund der Familie brachte ihn zu seiner Tante nach England, er studierte in Cambridge und konnte sich nach dem Tod der Tante aufgrund der großzügigen Erbschaft seine Anfänge als Detektiv finanzieren. Als Sara sich nun entscheidet nach Shanghai zu gehen, beginnt Banks sein Leben zu hinterfragen und reflektiert über seine Kindertage. Sein damaliger bester Freund Akira wollte ebenso gerne Detektiv werden wie er. Hunderte Male spielten sie die Szene, in der Christopher seine verschwundenen Eltern wiederfindet. Obwohl Banks seit vielen Jahren nichts mehr von Akira gehört hat, folgt er Sara nach Shanghai. Mit dem Ziel, endlich das mysteriöse Verschwinden seiner Eltern aufzuklären.

Aber von mir und meinesgleichen fordert das Schicksal, der Welt als Waisen gegenüberzutreten und viele Jahre lang dem Schatten der verschwundenen Eltern nachzujagen. (349)

Kazuo Ishiguro hat einen Roman geschrieben, in dem es nicht nur um die Auflösung eines rätselhaften Falles geht. Christopher Banks ist eine heimatlose Figur, jemand, der im Ausländerviertel aufgewachsen ist, mit den anderen Diplomatenkindern und der doch trotzdem von seinem besten Freund Akira sinngemäß gefragt wird: „Wer bist du denn jetzt? Wo gehörst du denn jetzt hin? Bist du Engländer? Ein Chinese kannst du ja nicht sein.“ Mit dem Verlust der Eltern offenbart sich der Verlust der Identität. Und damit steht er nicht alleine da. Viele der vorgestellten Figuren sind Waisen, haben ihre Eltern, einen Teil ihrer Sicherheit und Identität verloren. Saras Eltern starben früh, als Banks sein altes Haus in Shanghai besucht, erzählt ihm der alte Mann, der es nun schon seit zwanzig Jahren mit seiner Familie bewohnt, von seiner Adoptivtochter, die eine Waise war und auch Banks selbst adoptiert ein Mädchen, das keine Eltern mehr hat, Jenny.

Als Banks nach Shanghai zurückkehrt, ist vieles nicht mehr so, wie es in seiner Erinnerung war. Das Shanghai der 1920er Jahre gibt es nicht mehr, stattdessen gerät er in die Anfänge eines Weltkrieges. Die Isolation, die er seit seiner Kindheit verspürte, wird umso deutlicher, wenn Banks alte Schulfreunde trifft. Für sie war er der komische Kauz, der Außenseiter. Banks will sich an diese Szenen nicht erinnern können, wird sogar latent aggressiv, als er einen alten Internatskameraden in Shanghai trifft. Vieles scheint nicht so zu sein, wie Banks es den Leser_innen vorgaukelt. Was ist hier Fantasie, was hat Banks tatsächlich erlebt? Tatsächlich war er im International Settlement nie im wirklichen Shanghai, in den Vierteln der armen Bevölkerung. Die entdeckt er erst jetzt, Jahre später, und ist geschockt. Als Kind durfte er die Enklave nicht verlassen, lebte ein abgeschottetes Leben mit einer Kinderfrau und liebevollen Eltern. Doch erst jetzt bemerkt er, dass seine Kindheit nicht so idyllisch war wie angenommen. Sein kindlicher Wunsch, die Welt vom Bösen zu befreien, seine Motivation Detektiv zu werden, wirken auf einmal hilflos. Christopher Banks, der berühmteste Detektiv Londons beginnt zu scheitern und erkennt erst in der Mitte seines Lebens, dass er vor viel zu vielen Dingen, stets die Augen verschlossen hat. Der Zauber der Kindheit ist vorbei, die harte Realität schlägt gnadenlos zu – Banks muss sich seiner Vergangenheit stellen.

Aber siehst du jetzt, wie die Welt wirklich ist? Siehst du, was dir dein angenehmes Leben in England ermöglicht hat? Wie konntest du ein berühmter Detektiv werden? Ein Detektiv! Wem soll das helfen? Gestohlene Juwelen, Adlige, die wegen ihrer Erbschaft umgebracht werden. Glaubst du, das ist alles, worum man kämpfen kann? Deine Mutter wollte, dass du für immer in deiner verzauberten Welt lebst. Doch das ist unmöglich. Am Ende muss sie zusammenstürzen,. Es ist ein Wunder, dass sie für dich so lange bestehen konnte. (327)

Kazuo Ishiguro: Als wir Waisen waren. Albrecht Knaus Verlag München (2000). 349 Seiten.

[Rezension] Seelen im Fegefeuer – Zärtlich ist die Nacht

„Es war so leicht geliebt zu werden, so schwer, zu lieben.“

Dick und Nicole Diver sind das kultivierte, amerikanische Vorzeigeehepaar schlechthin. Zu ihren Sommeraufenthalten an der französischen Riviera gesellen sich nicht nur unterschiedliche amerikanische Künstler_innen, sondern auch unterschiedlichste Exzentriker_innen jeglicher Couleur, die Dick und Nicole umschwirren wie Motten das Licht. Auch die siebzehnjährige Rosemary, eine aufstrebende Filmschauspielerin, befindet sich mit ihrer Mutter im Hotel und genießt den Strand. Auffällig oft sucht sie die Nähe zu Dick und hat sich in den Kopf gesetzt, den charmanten Arzt und Psychiater zu verführen. Dick soll ihre erste große Liebe werden, gut, er hat Frau und Kinder, aber das ist für Rosemary nicht weiter störend. Rosemarys Mutter findet den Plan untadelig, bewundert sie doch wie alle anderen auch, das kultivierte Ehepaar, das gerne mit „Dicole“ unterschreibt. Warum sollte man sich nicht im Licht der Divers sonnen, sie haben doch so viel davon. Rosemary wird in den Kreis der Erlauchten um das Ehepaar aufgenommen und Dick ist einer Liaison mit Rosemary nicht abgeneigt, kann sich aber noch zurückhalten: „Das kann ich Nicole nicht antun“. Rosemary und Nicole werden beste Freundinnen, unabhängig davon, bleibt Rosemarys Mission bestehen, da sie schon seit geraumer Zeit merkt, dass bei den Divers nicht alles so rund läuft wie gedacht. Zudem hat eine Freundin der Divers auf einer Party etwas merkwürdiges beobachtet – irgendein mysteriöses Geschehen im Badezimmer, in das Nicole verwickelt war. Doch welches Geheimnis verbergen die Divers und was hat sie eigentlich gesehen?

Der Roman ist in drei Bücher aufgeteilt und die kurz skizzierte Handlung findet allein im ersten Buch statt. Buch zwei und drei lassen die bisher erzählte Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen – nahezu alle beschriebenen Figuren gewinnen einen doppelten Boden. Nichts ist so, wie wir als Lesende angenommen haben. Wer glaubt, es handele sich um eine simple Dreiecksgeschichte, in der Ehebruch im Vordergrund steht, irrt sich. Steht in Buch zwei die zarte Konstitution von Nicole im Focus, wendet sich Buch drei Dick Diver zu.

„Es ist eine ebenso einfache, wie geistreiche Grundidee des Romans, dass der Zeremonienmeister der oberen Zehntausend ein Psychiater ist“, schreibt Heinrich Detering im Aufsatz Amor und Psyche, der der Diogenes-Ausgabe des Romans beigefügt ist.

Fitzgerald streut uns immer wieder Hinweise ein, die auf die Geschehnisse in den letzten Büchern hindeuten, die aber so leicht zu überlesen sind. Dicks Erfolgsbuch heißt Psychologie für Psychiater und deutet damit schon eine Entwicklung an, die sich innerhalb des letzten Buches vollzieht. Kleiner Hinweis: Dicks letzter Patient, der in seiner Klinik vorgestellt wird, ist ein Psychiater, der einen Nervenzusammenbruch hatte.

Doppelbödigkeit ist das Stichwort des Romans. Keine Metapher ist bedeutungslos, alles wird wieder aufgegriffen. Rosemarys Hauptrolle in „Daddy’s Girl“ verweist auf das Schicksal von Nicole und damit wiederum auf Dick, der im Scherz sagt, er stehe auf fünfjährige Mädchen. Wenn Rosemary in den Gestalten im Dämmerlicht des Aufnahmestudios ihrer neuen Produktion „Seelen im Fegefeuer“ erkennt, ist das fast unauffällig. Aber wenn Dick betrunken auf einer Party von einem „Totentanz“ spricht, in dem sich metaphorisch alle die Hand reichen, und die Band dazu das Lied “ a young lady from hell“ spielt, und ganz am Ende die erfolgreiche Rosemary an den Strand zurückkehrt und Nicole und Dick „wie Gespenster in einem bizarren Tanz“ sieht, dann wird eine unterschwellige Düsternis und Ausweglosigkeit beschrieben, die symptomatisch für den gesamten Roman zu sein scheint.  Auch die nächste Generation scheint vor den psychischen Schädigungen ihrer Eltern nicht gefeit, Dick ist stolz auf seine zwei Kinder, die früh gelernt haben, „nicht ungehemmt zu weinen oder zu lachen“, auch „schlechtes Benehmen sah er ihnen nicht nach“. Doch es gibt Hoffnung, zumindest für die Frauen – Nicole verliebt sich neu und scheint ihr Trauma überwunden zu haben – mit Dick zusammen summt sie den Jazzhit „Thank y’father“ und das ganz ohne ironische Brechung. Und am Ende treffen sich alle wieder am Strand. Doch von hier aus, sieht man zurück an den Anfang, war die Abwärtsspirale bereits gesetzt: „Mit der Ankunft der Divers fiel die Dämmerung ins Tal.“

F.Scott Fitzgerald hat fünf Romane geschrieben, an keinem hat er so lange und so intensiv gearbeitet, wie an Zärtlich ist die Nacht, das nach einem schreiblichen Kraftakt von neun Jahren erschienen ist. Hemingway lobte den Roman als komplexestes und reifstes Werk von Fitzgerald und bezeichnete Zärtlich ist die Nacht als Hauptwerk der amerikanischen Moderne. Das wurde nicht von vielen Kritiker_innen geteilt. Tatsächlich ist kaum klar, worauf die Handlung im ersten Buch hinausläuft. Immer wieder werden die oberen Zehntausend in ihrer Oberflächlichkeit präsentiert, doch wenn man genau hinsieht, deuten sich die Risse und Zerwürfnisse, die in den folgenden Büchern ausgeführt werden, bereits an. Dabei wechselt Fitzgerald inspiriert die Perspektiven, so dass fast jede Figur von innen und von außen betrachtet wird. Das macht den Roman so spannend und faszinierend zu lesen. Vielleicht sogar noch ein zweites Mal.

Fitzgerald, der Zärtlich ist die Nacht 1934 ist allerdings keine unproblematische Person. Der Roman ist autobiographisch inspiriert, Scotts Frau Zelda Fitzgerald litt an dem, was man heute Manische Depression nennt, und es ist zu vermuten, dass ihre Klinikaufenthalte mit Eingang in die Erzählung nahmen, sie wahrscheinlich sogar Inspiration für die Figur Nicole war. Zelda schrieb selbst Romane, z.B. Save me the Waltz (1932), doch viele ihrer Kurzgeschichten wurden aus finanziellen Gründen unter dem Namen ihres Ehemannes veröffentlicht. Einen bitteren Nachgeschmack bekommt die Geschichte nicht nur aufgrund der finanziellen Ungerechtigkeit, sondern auch, weil Zelda bemerkte, dass einige ihrer Tagebucheinträge zum Teil wortwörtlich in Fitzgeralds Werken auftauchten:

Es kommt mir so vor, als ob ich auf einer Seite einen Abschnitt aus einem meiner alten Tagebücher wiedererkannt hätte, welches mysteriöserweise kurz nach meiner Eheschließung verschwand, und auch Bruchstücke aus Briefen, die mir, obschon beachtlich abgeändert, vage bekannt vorkommen. In der Tat scheint Herr Fitzgerald – Ich glaube, so schreibt er sich – der Überzeugung zu sein, dass Plagiat daheim zu beginnen habe.

Obwohl Zelda versuchte, sich durch Schriftstellerei, Malerei und durch das Ballett künstlerisch auszudrücken – eine Freundin hatte ihr sogar ein Engagement bei der Pariser Oper besorgt – wurden diese Versuche von Scott Fitzgerald nicht unterstützt, sogar unterdrückt. Zelda hatte einfach zu oft ihre Probleme mit Hemingway thematisiert, der ihrer Meinung nach ihren Mann zum Trinken verführte, das kam bei Fitzgerald nicht gut an, der ein massives Alkoholproblem hatte. In Folge der Auseinandersetzungen mit ihrem Mann erlitt sie 1930 ihren ersten Nervenzusammenbruch. Sie starb mit nur 47 Jahren bei einem Brand im Highland Mental Hospital in Carolina.

Ein letzter Hinweis an zukünftige Leser_innen: wenn ihr den Roman lesen wollt, lest unbedingt die Fassung von 1934. Nachdem Zärtlich ist die Nacht kein Erfolg bei der Kritik wurde, schrieb Fitzgerald schnell eine zweite Variante, die leserfreundlicher sein sollte. Aus dem Dreiteiler wurde ein Fünfteiler, die Rätsel, die in Buch eins aufgemacht wurden, werden schon am Anfang gelöst. In Amerika blieb die Fassung bis in die 1960er erhalten, in Deutschland ist sie zum Teil heute noch zu finden. Hemingway schrieb damals über die Änderung:

„Es ist als hätte man einem Schmetterling die Flügel ausgerissen und sie so wieder angesetzt, dass er wie eine Biene geradeaus fliegen kann. All der Staub aber, aus dem die Farben sind – die Magie des Schmetterlings – ist verloren.“

F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Diogenes (2007). 560 Seiten. ISBN: 978-3-257-23695-8

[Gesagt]

“I love you also means I love you more than anyone loves you, or has loved you, or will love you, and also, I love you in a way that no one loves you, or has loved you, or will love you, and also, I love you in a way that I love no one else, and never have loved anyone else, and never will love anyone else.”

(Jonathan Safran Foer – Everything is illuminated) 

Goodbye 2013! Hello 2014!

Ich hoffe, ihr seid alle gut und gesund ins neue Jahr gerutscht! Ich hatte ein ganz ruhiges Silvester an der Nordsee und eine sehr entspannte Zeit mit meiner Familie und meinem Liebsten. 2014? Was passiert alles im neuen Jahr? Habe ich irgendwelche mit Büchern verbundenen Vorsätze? Mal sehen. Wie sah es denn bisher aus? Zeit für Zahlen: im letzten Jahr habe ich 123 Bücher gelesen. Das hat mich selbst überrascht, aber auch gefreut. Irgendwie habe ich an die Zeit vor dem Studium angeknüpft, da sahen die Leseergebnisse eines Jahres nämlich ähnlich aus. Außerdem glaube ich ja immer noch, dass ich durch das viele Lesen und gerade durch das Wieder-/Neuentdecken einiger Klassiker, genauso wie zeitgenössischer Literatur, ein paar spannende Ideen für mein Studium bekomme. Das ist zumindest so eine Idee, eine Synthese in allen Bereichen. Vielleicht funktioniert das ja. ;)

Mit meiner ersten und bisher einzigen Lesechallenge, der Rory-Gilmore-Leseliste, bin ich sehr gut vorangekommen. Mit 25 gelesenen Romanen bin ich gestartet, mittlerweile liege ich bei 52 gelesenen Büchern. In einem Jahr habe ich also 27 Bücher für die Challenge gelesen, das gefällt mir, in dem Stil möchte ich auch gerne weiter machen. Im Januar wird es aufgrund von verschiedenen Prüfungen wahrscheinlich etwas ruhiger hier, aber danach warten noch einige Romane vom SUB auf mich.

Was möchte ich ändern? Möchte ich etwas ändern? Gute Vorsätze hat jeder und jedes Jahr an Silvester werden sie aus der Mottenkiste hervorgeholt, entstaubt und man nimmt sich fest vor, sich wirklich (dieses Mal aber wirklich!), an sie zu halten. Ob es dann klappt? In den meisten Fällen wahrscheinlich nicht, ich kann mich im Moment auch zum Beispiel gar nicht mehr daran erinnern, was ich mir letztes Jahr vorgenommen habe. Also diesmal in schriftlicher Form, dann kann ich es ja nächstes Jahr nachlesen. Für den Blog nehme ich mir vor, mehr Rezensionen zu schreiben. Vielleicht gelingt es mir ja in diesem Jahr. Ich habe mir außerdem fest vorgenommen im nächsten halben Jahr  (na, wer wird denn gleich übertreiben wollen? :D) im Januar und Februar keine Bücher zu kaufen. Vielleicht starte ich so etwas wie Project 10 Books bei Seitenblicke, 10 Bücher vom SUB lesen = 1 neues kaufen. Ich weiß noch nicht. Ein SUB unter 100 wäre ja schon einmal ein Anfang. Ursprünglich gab es mal die Idee, dass ich mehr Bücher ausleihe statt sie einzukaufen. Ich sag mal so, im Falle eines Umzuges wäre das sicherlich von Vorteil. ;) Vielleicht klappt es ja, ich werde mich bemühen. Für den Unialltag wünsche ich mir, dass alles so gut weiter läuft, wie in diesem Jahr. OMG – dieses Jahr werde ich meine Masterarbeit anmelden, ich kann es kaum glauben! Kinder, wie die Zeit vergeht. Für mich wünsche ich mir, dass ich es trotz Uni und Sport auch schaffe, mich mit Freunden zu treffen. Und ansonsten? Mehr Aufgeschlossenheit, Spontanität, Kino- und Weinabende und viele gute Bücher über die ich schreiben kann. Hello 2014!

Quelle: unbekannt
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