[Leserückblick] Dezember

Halt, Stop! Was war eigentlich im Dezember? Jetzt aber fix … (wie lange der Dezember schon wieder her ist…)

gelesene Bücher: 9

rezensierte Bücher: 4 (und das freut mich!)

  1. David Benioff – Stadt der Diebe   2. Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini

      3. Rebecca Miller – Pippa Lee  4. Stewart O’Nan – alle, alle lieben dich

Fortschritte in der Rory-Gilmore-Lesechallenge: Richtig! Es sind wieder drei Romane dazu gekommen, die sich absolut gelohnt haben. Zum einen 1984, danach konnte ich nicht mehr richtig gut schlafen. Mich hat selten ein Buch so verstört, Chapeau Mr. Orwell!  Beim Leben meiner Schwester, da kann auch der Film nicht mithalten und dieser Roman geht ja so ans Herz *schnüff* und Das Tal der Puppen, lohnt sich sehr, aber die Rezension dazu schwirrt mir noch im Kopf herum und hat es noch nicht auf den Blog geschafft.

Der Dezember in Schlagworten: so viel zu tun, aber es klappt und es ist toll/ Geburtstag – inklusive zu viel Grübelei, wie jedes Jahr/ Wein und Käse/ Lieblingsmenschen / Inside Llewyn Davis im Kino – gemocht, aber nicht abgefeiert, aber die Musik! Danke, Mr. Mumford/Glühwein und Gebäck/ Plätzchen backen/ familiäre Festlichkeiten/ Raclette am Weihnachtsabend/ Geschenkeberge/ ab auf die Insel/ Seeluft und Meeresrauschen/ Silvester mit lieben Menschen/

Hallo neues Jahr :)

124 Norah Jones – Turn me on

Quelle:  http://abookblog.tumblr.com/post/57544761600
http://abookblog.tumblr.com/post/57544761600

„Hold a book in your hand and you’re a pilgrim at the gates of a new city.“

(Anne Michels)

Die Geschenke sind ausgepackt, die Dominosteine verputzt – Weihnachten ist vorbei. Und ich liege in meinem Bett und habe keine Lust aufzustehen. Weihnachten ist wunderbar, aber auch anstrengend. Deswegen klicke ich mich zur Entspannung durch youtube, gucke mir an, wie Zoella Weihnachten feiert, und freue mich immer noch über Tatsächlich Liebe, den ich gestern abend gesehen habe. Heute geht es weiter: hier noch so viele ungesehene DVDs, wenn wann nicht heute? Ich glaube, dass ich in den letzten drei Tagen so viel gegessen habe, wie noch nie. Und ich bin mit Süßigkeiten zugeschüttet worden. Vielleicht nehme ich eine der vielen Süßigkeitstüten mit in den Urlaub oder verteile sie in der WG. Letztes Jahr hatte ich nämlich Ostern noch meine Schokonikoläuse auf der Fensterbank stehen. Ansonsten gab es nur leckere Dinge. Raclette zuhause, Braten bei den Schwiegereltern in spe und Kuchen und Weihnachtstorte bei der Familie. Meine Eltern freuen sich über das kommunistische Känguru, das Schnapspralinen isst, der Liebste freut sich über Schnapspralinen und Spiele und ich spiele mit dem Gedanken meine Ansammlung von Buchgutscheinen der Buchhandlung meines Vertrauens direkt im Januar auf den Kopf zu hauen. Hilft gegen Prüfungsstress. Ach so und neue Bücher gab es jetzt auch schon. Ich habe zu Weihnachten Flavias fünften Fall bekommen und den Klassiker Manfred von Lord Byron. Und mir selbst habe ich die Neuübersetzung von William Faulkners Als ich im Sterben lag geschenkt, mal sehen, wie es ist.  Außerdem bin ich stolze Besitzerin eines Zauberstabes (FANGIRLALARM), was sage ich, eines Zauberstabes – ich habe den von Hermine. Hah! Er funktioniert noch nicht so ganz wie er soll, aber ich übe fleißig – aber keine unverzeihlichen Flüche, ich bin ja lieb. :D (STUPOR!) Außerdem besitze ich jetzt eine Teekanne ganz für mich alleine und sie ist pink und grün und wunderbar und sie hat einen Fliegenpilz auf der Seite. Oh und einen neuen gemütlichen Schlafanzug habe ich jetzt auch. Den ziehe ich heute auch nicht mehr aus. Im Laufe des Tages werde ich dann noch Sachen packen und Unikram sortieren und dann bin ich ab morgen auf der Insel, gehe am Strand spazieren, erhole mich und habe Urlaub – und kein Internet. „Lest in den Ferien so viel ihr könnt!“, hat mein Prof gesagt. Ich nehme ihn beim Wort und werfe alle guten Bücher in den Koffer. Zumindest ein paar. Neben der obligatorischen Unilektüre. Ich wünsche euch allen ein paar ruhige Tage nach dem Weihnachtsstress und „Lest in den Ferien so viel ihr könnt!“ – denn Lesen ist auch immer etwas Abstand von der Welt nehmen, die Seele baumeln lassen und neue Städte und Sehnsuchtsorte entdecken. Und das werde ich jetzt tun. :)

[Rezension] Phönix über dem Regenbogen – Alle, alle lieben dich

„Where trouble melt like lemon drops/ away above the chimney tops/ that’s where you’ll find me“

Wenn jemand stirbt und seine Familie und Freunde auf der Beerdigung zusammentreffen, werden häufig nicht nur die Lebensdaten des Verstorbenen heruntergerattert (so hofft man zumindest), sondern es werden eben auch Lieder gespielt. Songs, die an den Toten erinnern, weil es seine Lieblingslieder waren oder weil es Momente gibt, die mit diesen Liedern verbunden werden. Für Lindsay ist es Somewhere over the rainbow, ein Lied, das für ihre Schwester gespielt wird. Niemand weiß, was ihr wirklich passiert ist. Kim ist verschwunden. Einfach so, ohne Erklärung, ohne Grund (Der Originaltitel Songs for the Missing passt viel besser als alle, alle lieben dich). Wurde Kim entführt? Wurde sie ermordet? Oder hat sie vielleicht doch die ganze Zeit ein Doppelleben geführt und sitzt jetzt mit einem Coctail irgendwo am Strand und genießt ihr Leben? Lindsay setzt all ihre Hoffnung auf die letzte Variante, doch dafür gibt es keinen Anlass. Was hilft? Plakate kleben, eine Homepage einrichten, Kontakt zu den Menschen halten, die irgendetwas wissen könnten. Die Polizei ist keine Hilfe und Ed und Fran, ihre Eltern, wissen nicht mehr was sie tun sollen. Sie stürzen sich in einen übereifrigen Aktionismus. Fran tritt im Fernsehen auf, mobilisiert die Nachbarn, ist so aktiv, wie man es sich nur denken kann. Ed hingegen versucht auf eigene Faust die letzten Spuren seiner Tochter nachzuverfolgen, tagelang bleibt er verschwunden. Kims Freund J.P. versucht sich an der Suche zu beteiligen, ist allerdings selbst in einige Drogengeschäfte verstrickt und kann deshalb nicht ganz offen gegenüber der Polizei auftreten. Das alarmiert Fran und sie verbietet Kims Freunden sich weiter an den Hilfsaktionen zu beteiligen, während sie im Hamsterrad des Aktivismus läuft und läuft und läuft. Lindsay hingegen, die die Situation zu Hause kaum noch aushält, beschließt einfach so gut zu sein wie es eben möglich ist. Denn wenn sie perfekt ist, müssen sich ihre Eltern nicht noch mehr Sorgen machen. Und noch etwas, stellt Lindsay fest: sie ist nicht mehr sie selbst, sondern nur noch das Mädchen, dessen Schwester verschwunden ist. Ihre Familie ist nur noch diese Familie, in der jemand fehlt.

Alle, alle lieben dich thematisiert auf eindringliche Weise, wie es ist einen Menschen zu verlieren. Dabei beschränkt sich der Roman allerdings nicht auf die Zeit, die wir häufig in Thrillern lesen, sondern er geht einen Schritt weiter: Es geht um die Zeit nach dem Schmerz und dem Nichtverstehen, es geht um das Jahr nach dem Verschwinden und das Jahr nach diesem Jahr. Zeit wird zu einem Kaugummi, sie zieht sich und zieht sich und nichts wird besser und niemand kann mehr helfen. Wann ist der Zeitpunkt gekommen aufzugeben? Ist es ein Verrat an der Verschwundenen, wenn man einen Sonntag frei macht und keine Plakate mehr klebt? Gibt Lindsay ihre Schwester auf, wenn sie sich auf ihr Leben konzentriert oder ist es das Richtige, die einzige Möglichkeit um nicht durchzudrehen? Stewart O’Nan beschäftigt sich in diesem Roman genau mit diesen Fragen und der brüchigen Normalität, die nach dem Schock eintritt. Es ist kein Tanz auf dem Vulkan, denn die Katastrophe ist schon passiert. Stattdessen bewegen sich alle Beteiligten wie auf brüchigem Eis,  selbst schon eingefroren, ängstlich, dass der nächste Schritt der falsche ist, in dem Bewusstsein, dass es ohnehin nie wieder ein stimmiges Ganzes, eine heile Familie, geben kann. Wenn der Klappentext einen „hochliterarischen Thriller“ ankündigt, liegt er damit daneben. Alle, alle lieben dich ist für mich kein Thriller, sondern vielmehr ein Psychogramm des Schocks, ein Drama, dessen Ende offen bleibt. Das ist nicht einfach zu lesen und das macht keinen Spaß, Hoffnung bleibt für die kleine Schwester nur die Aussicht auf die Uni. Denn da weiß niemand, was ihr passiert ist und nur da kann sie endlich in der Masse untertauchen und verschwinden, damit sie nicht mehr dieses Mädchen sein muss, das nur durch Verlust markiert ist. Damit spricht der Roman eine schonungslose Wahrheit aus: irgendwann bleibt Aufgeben unausweichlich, denn nur so kann Lindsay sich selbst wiederfinden. Untertauchen, sich Unsichtbar machen bedeutet eigentlich wie Phönix aus der Asche wieder aufzusteigen. An ein Morgen zu glauben. Die verschwundene Schwester einmal in den Hintergrund zu rücken. Alle, alle lieben dich operiert durch die schwere Thematik mit feinen Nadelstichen in der Herzgegend. Stillstand bedeutet Tod, das Drama ist noch nicht vorbei und niemals wird es so sein wie vorher. Es gibt sie, diese lebensändernden Ereignisse – aber ein Happy End gibt es hier zumindest nicht.

Stewart O’Nan: alle, alle lieben dich. Übersetzt von Thomas Gunkel. Rowohlt (2009). 416 Seiten.

ISBN-10: 3499254255

ISBN-13: 978-3499254253

[Rezension] Drogen, Tod und Hysterie – Pippa Lee

pippa leeEs gibt kein richtiges Leben im falschen, das wusste schon Adorno. „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“, fragt sich der Talkshowphilosoph Precht in einem seiner Bestseller. Precht und Adorno weisen mit ihren Überlegungen dabei genau in die Richtung, die Pippa Lee im Verlauf des Romans zu finden versucht. Auch wenn ihr Ariadnefaden dabei ziemlich wilde Kreise und Zickzackwege aushalten muss, begibt sich die Protagonistin endlich mit Mitte Fünfzig auf eine Sinnsuche, die ihre Leben in Frage stellt. Der Zeitpunkt könnte allerdings nicht ungünstiger gewählt sein: Pippa ist gerade eben mit Ehemann Herb, der schmucke dreißig Jahre älter ist als sie, in ein Senior_innendorf gezogen. Das macht man halt so, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das „Runzeldorf“, wie Pippa den Ort liebevoll nennt, ist auch gar nicht so schlecht. Doch dann beginnen sich langsam mysteriöse Zwischenfälle zu häufen – ein Unbekannter verwüstet die Küche. Nach dem ersten Schock und einem Blick auf das Überwachungsvideo wird allerdings klar: „Runzeldorf“ ist ein sicherer Ort, die Verwüstungen begeht Pippa im Schlaf. Beginnende Demenz oder psychischer Stress? Herb schickt Pippa zum Arzt, der ihr zunächst zu Ruhe rät und ihr dann Beruhigungspillen verschreibt. Die Kinder werden nicht informiert, alles bleibt beim Alten. Pippa hat genug Zeit um über ihr Leben nachzudenken und lässt alles noch einmal Revue passieren.

Die tablettenabhängige Mutter, ihre erste große Liebe mit 17 – er ist Lehrer. Dann der Rauswurf von Zuhause, Experimente mit Drogen. Exzesse. Erlebnisse, die sie im Nachhinein abstoßend findet und vor denen sie ihre Kinder, gerade ihre Tochter Grace, immer schützen wollte. Und gerade deshalb hat sie ihre Tochter immer etwas auf Abstand gehalten – nur nicht zu viel Nähe zulassen, nur nicht zeigen, wie ähnlich sich Mutter und Tochter sind. Bloß nicht die Kontrolle verlieren! Pippas Angst vor der Diagnose lässt sie an ihrem Leben verzweifeln. Ein Leben, das sie nur noch mühevoll zusammen halten kann. Ein Leben, in das sie eigentlich gar nicht passt und das sie nie so gewollt hat. Das Grübeln beginnt. Wer ist eigentlich Pippa Lee und was hat sie an diesem Ort verloren? Als ihr in einem dieser verwirrten Zustände der Sohn der Nachbarin über den Weg läuft, ist nichts mehr so wie früher…

Große Erwartungen und zerplatzte Träume, Stabilität und Exzess – Pippa, die nach außen das beschauliche Leben einer Hausfrau mimt, ist eigentlich jemand ganz anderes, aber hat es ihr gesamtes Leben lang verpasst, sich selbst zu finden. Das, was wir präsentiert bekommen, ist so etwas wie eine Midlifecrisis, denn „Runzeldorf“ soll der letzte Wohnort von Herb sein. Doch wie passt Pippa da herein? Durch ihre Lebensreflexion entsteht ein anderes Bild von Pippa, ein Bild, das wir als Lesende nur schwer mit der Pippa vom Anfang des Romans zusammenbringen können. Sie ist eben nicht nur das Heimchen am Herd, sie kann und ist so viel mehr. Und da drängt sich die Frage auf, wie vielen Leuten es wohl noch so geht. Wer wohl noch alles feststellt, dass mit Mitte Fünfzig noch lange nicht Schluss ist. Der sich eben nicht schon lebendig begraben lassen will, sondern das Carpe Diem aus der Mottenkiste holt. War da nicht was, mit 17, 19, 20, 25? Was ist mit den ganzen Lebensträumen? Pippas Leben bietet viele Überraschungen, leider sind einige Episoden etwas zäh erzählt, Pippa scheint noch weniger greifbar als ohnehin schon und das  hemmt die Lesefreude. Nichtsdestotrotz lohnt es sich weiterzulesen: der große Showdown, der Pippas Abhängigkeit zu Herb festzuschreiben scheint, steht noch bevor.

Für Lesende, die Lust auf einen leicht erzählten Roman haben, aber auch nicht dramatische Momente jeglicher Art scheuen (und hier wird wirklich einiges aufgefahren). Pippa Lee hat nichts von der Drastik von Trainspotting, aber Exzess und Sinnsuche sind wichtige Elemente der Handlung. Fazit des Romans: Never judge a book by it’s cover – you’ll never know who the next Pippa Lee will be. ;)

Rebecca Miller – Pippa Lee (2008). Aus dem Amerikanischen von Reinhild Böhnke. S.Fischer Verlag. 368 Seiten.

ISBN: 978-3-596-18065-3

[ Rezension] Geschichtsstunde, die sich als Geschichte tarnt – Der Fall Collini

Als im März 2013 der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ lief, überschlugen sich die Kritiken. Viel Lob für diese ZDF-Produktion um die charmante, intelligente und absolut ideologiefreie Jugend, die doch eigentlich nur ein freies Leben wollte – wenn da nicht eben doch dieser Hitler mit seinem Krieg gewesen wäre. Schlecht sahen hingegen die anderen aus, die Partisanen, die Russen – alle nicht so hübsch wie die deutsche blonde Krankenschwester. Opfer waren hier eben vor allem die Deutschen. Das kam irgendwie gut an und passte irgendwie auch stimmig in die „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“- Debatte um Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin. Doch bevor alle kollektiv die Fahnen schwenken – es gibt tatsächlich noch Aspekte der jüngeren Vergangenheit dieses Landes, die bisher noch nicht genug Beachtung fanden und sich nicht zum Feiern eignen.

Der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach versucht in seinem Roman Der Fall Collini einen neuen Weg einzuschlagen. Die Story ist dabei schnell erzählt: Collini, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam, ermordet bereits auf den ersten Seiten den 85-jährigen Hans Meier. Er gibt die Tat zu, aber das Motiv fehlt. Sein Pflichtverteidiger Caspar Leinen, ein junger aufstrebender Anwalt, steht vor einem Rätsel. Und persönlichen Verstrickungen: Hans Meier war der Großvater seines besten Freundes aus Kindertagen. So weit, so mysteriös. Doch durch den unverblümten Einsatz des jungen Anwalts, beginnt die Erzählung tatsächlich im letzten Drittel Dynamik zu entwickeln. Hans Meyer ist nämlich kein unbeschriebenes Blatt. Collini hatte ihn bereits 1969 angezeigt und die Anklage scheiterte.

Mit dieser überraschenden Wendung legt Schirach den Fokus auf eine historische Entwicklung, die in den meisten Geschichtsbüchern nur am Rande erwähnt wird. Durch eine Gesetzesänderung, der Aufnahme des Einführungsgesetzes zum Ordnungswidrigkeitengesetz, konnten ab 1968 die Taten der meisten NS-Verbrecher als Hilfstätigkeiten für die wirklichen Schurken gewertet werden, Mord wurde Beihilfe zum Totschlag, wie Schirach in einem Interview mit der Zeit beschreibt. Auf einmal muss es von blonden Krankenschwestern und tapferen Kriegshelden nur so gewimmelt haben. Erst die Presse machte auf diesen Skandal aufmerksam, der die Basis für Schirachs Erzählung darstellt.

Bei aller historischen Genauigkeit, die Figuren im Fall Collini bleiben leider Figuren auf Distanz und das liegt nicht zuletzt an Erzählstil und Ausdrucksweise. Da wird der Großvater des Freundes konsequent mit seinem vollen Namen Hans Meyer erwähnt, während andere Personen mit Attributen versehen werden, die für das weitere Geschehen überhaupt keine Rolle spielen („Gerne, Sie sind aber heute früh dran“, sagte die Bedienung, eine hübsche Türkin, über die es in Moabit viele Geschichten gab.“(103)), oder Banalitäten, die vermutlich die Tiefe der Erzählung andeuten sollen, wiederholt werden: „Ein Verteidiger verteidigt, nicht mehr und nicht weniger“ (129), „Du bist, wer du bist“ (193). Ohnehin bleibt vieles Klischee, dass sich nicht im Gerichtssaal abspielt: die Sommerferien in der Kindheit, das Leben im Internat, die lieblos eingestreute Liebesgeschichte und der konkurrierende Staatsanwalt. Geschichten werden nicht entwickelt, sie werden in den Text gestellt und vergessen. Und auch die Figur Collini gehört zu den Vergessenen. Denn eigentlich ist es gar nicht sein Fall, eigentlich ist es der Fall von Meier und der Fall von Leinen. Collini bleibt der große Unbekannte, der unauffällige Fremde, der Exot an dem sich alles aufhängt, dessen Charakterisierung allerdings oberflächlicher nicht sein könnte. Er ist nicht gerade ein Glöckner, aber eben auch kein Einstein, ein Riese mit Krakelschrift und Rachemotiv – das hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Dabei müssen es nicht immer die gefühlsduseligen Erzählepen des ZDFs sein, die sich mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen. Dass Schirach sich einem lang vergessenen Justizskandal widmet, ist ihm nicht hoch genug anzurechnen. Ob er tatsächlich einen Roman hätte schreiben müssen bleibt fraglich – vielleicht hätte es auch einfach ein Aufsatz in einer Fachzeitschrift für Juristen getan.

Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini. Piper (2013). 208 Seiten. ISBN: 978-3-492-30146-6

[Rezension] Kannibalen, Krieg und ein Kuss – Stadt der Diebe

„Ein Freund, ein guter Freund – das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sang das Vokalensemble Comedian Harmonists 1930.  Und auch mit der Geschichte dieser Musiker lässt sich eine Verbindung zu dem Roman Stadt der Diebe von David Benioff ziehen. Die erfolgreiche A capella-Gruppe durfte ab 1934 nicht mehr in Deutschland auftreten. Grund dafür war die neue Verordnung der Nazis, dass alle Künstler_innen Mitglieder der Reichskulturkammer sein mussten – drei der sechs Sänger waren aber Juden, so dass eine Mitgliedschaft bei der Kammer ohnehin verboten war. Die Comedian Harmonists verlegten ihre Auftritte ins Ausland bis schließlich die drei Nicht-Arier der Gruppe Deutschland 1941 verließen.

Auch der 17-jährige Jude Lew hat es wahrscheinlich an jedem anderen Ort der Welt besser, als in Leningrad, heute St. Petersburg, 1942. Seine Mutter und seine Schwester haben die Stadt bereits verlassen, er ist alleine in der ehemaligen Wohnung der Familie zurückgeblieben und versucht irgendwie zu überleben. In der Stadt gibt es keine Lebensmittel mehr. Auf Befehl Hitlers wurde Leningrad von 1941 bis 1944 von der Wehrmacht systematisch ausgehungert, indem alle Lebensmitteltransporte verhindert wurden. Die offiziellen Lebensmittelrationen sinken auf 125 Gramm – pro Tag, pro Einwohner_in. Die Menschen fallen einfach in den Straßen um oder versuchen Bücher zu essen, die sie als Kuchen braten. In Lews Stadt gibt es keine Tauben und keine Haustiere mehr, alles was essbar ist wird gegessen. Eines Abends bemerkt Lew, dass ein deutscher Soldat mit einem Fallschirm abspringt und er versucht mit seinen Freunden an die Lebensmittelration des Soldaten zu kommen. Blöderweise wird er von der russischen Armee festgenommen, weil er den Schnaps des Soldaten trinkt, anstatt den Toten zu melden und die Lebensmittelration abzugeben. Gerade als Lew glaubt, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat, lernt er im Gefängnis einen freundlichen Deserteur kennen, Kolja. Kolja, ehemaliger Student der Literaturwissenschaft und selbst unentschlossener Schriftsteller, verbringt mit Lew den vermeintlich letzten Abend in der Zelle. Am nächsten Morgen werden Lew und Kolja allerdings überraschenderweise nicht erschossen, ganz im Gegenteil, sie bekommen einen Spezialauftrag. Der Oberst möchte, dass die beiden etwas zur Hochzeit seiner Tochter beitragen. Lew und Kolja, der arisch aussehende Deserteur und der jüdische Plünderer, haben eine Woche Zeit um im ausgehungerten Leningrad 12 Eier zu besorgen – ansonsten droht der Tod…

Benioff schreibt nicht nur einen krassen und intensiv recherchierten Roman über den zweiten Weltkrieg, sondern auch eine gelungene Coming-of-Age-Geschichte. Eine dramatische und lustige Geschichte über Freundschaft, Verrat, Gefahren und den Versuch, irgendwie mit den schrecklichen Ereignissen klar zu kommen, ohne durchzudrehen. Dabei hat die Aufgabe des Oberst schon fast „verrückter Hutmacher-Qualität“, während Lew und Kolja ihr Leben riskieren. Die Geschichte von Kolja und Lew ist eine Geschichte über Freundschaft unter den allerschwierigsten Bedingungen. Obwohl sich beide erst einen Tag kennen, müssen sie gemeinsam eine Aufgabe lösen, die eigentlich unmöglich erscheint. Dabei müssen sie nicht nur dem Hunger und der Kälte trotzen, sondern begeben sich auch immer wieder in unterschiedlichste Gefahrensituationen. Sie werden nicht nur von den anderen Einwohner_innen der Stadt bedroht, die aufgrund des Hungers schon zu Kannibal_innen werden, auch die Suche an sich gestaltet sich schwierig. Doch so eine Aufgabe schweißt auch zusammen. Lew entdeckt in Kolja einen erfahreneren Freund, der ihm, besonders was Mädchen angeht, einige Tipps geben kann. Denn Kolja ist noch nicht einmal geküsst worden und wartet insgeheim auf die Richtige. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, er gefällt sicherlich auch Lesenden die Romane im Stil der Bücherdiebin mögen. Ich werde jetzt Comedian Harmonists hören…

David Benioff: Stadt der Diebe. Übersetzt von Ursula Maria Mössner.  Heyne (2009).

ISBN: 978-3-453-40715-2

Leserückblick November

Im November habe ich acht Bücher gelesen, davon allerdings auch fünf für die Uni. Da es sich aber bei allen Büchern um Belletristik handelt, sollen sie natürlich nicht unerwähnt bleiben und ja, sie haben sich gelohnt! Von der Rory-Gilmore-Leseliste habe ich ein Buch geschafft: Töchter des Himmels. Die Rezension findet ihr hier, außerdem habe ich ein Buch von Jan Drees, nämlich Letzte Tage, jetzt rezensiert klick. Es sind natürlich auch wieder neue Bücher bei mir eingezogen, allerdings habe ich auch Ende November meinen Bücherei-Ausweis verlängert (Momente, in denen man sich innerlich auf die Schulter klopft). Zärtlich ist die Nacht von Fitzgerald liegt hier nämlich noch  ausgeliehen und ungelesen herum und deshalb wird es als nächstes gelesen.

Alles außer Bücher …

erlebt: Uni, noch mal Uni, wieder Uni – dafür weniger Sport aufgrund terminlicher Überschneidungen. Leider treten die Anderen dann wohl ohne mich auf. Schade! | gedacht: das kann ich auch! | gefühlt: Inspiration | gefeiert: dass meine beste Freundin Mama wird (bei gleichzeitigem Gefühl von „Waaas? Wir sind alt!“) | gegessen: selbstgemachte Pizza mit Freunden | getrunken: selbstgemachten Glühwein bei tollen Menschen, die ich gerne näher kennen lernen möchte; belgisches Glühbier auf dem Weihnachstmarkt| geärgert: über Versicherungen | gemocht: einen wunderbaren Brunch mit einer guten Freundin, Game of Thrones-Abend mit einem Freund | verstanden: Foucault und Deleuze – halt, stimmt nicht! Aber ich beginne immer mehr zu verstehen … | widerstanden: der Versuchung noch weitere Bücher zu kaufen und ja, ich bin auch ein bisschen stolz auf mich! | geshoppt: gefühlt, viel zu viel. Aber der Film „The Broken Circle“ musste einfach sein und es gibt ihn jetzt auch endlich auf DVD! Außerderm unterlag ich einer minimalen Lush-Schwäche … | gefreut: über das Essen bei meinen Eltern mit dem Liebsten und darüber, dass jetzt endlich die Adventszeit anfängt … :) | Gefühl des Monats:

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[Rezension] Mah-Jongg meets McDonalds – Töchter des Himmels

Culture-Clash extrem. Dämonen und Disko. Nicht mehr und nicht weniger beschreibt Amy Tan in ihrem 1992 erschienen Debüt „Töchter des Himmels“, das der chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin internationale Bekanntheit sicherte. Thematisiert wird das Leben der chinesischen Migrant_innen, die nach dem zweiten Weltkrieg in die USA auswanderten und besonders das Leben der Töchter der zweiten Generation und die damit einhergehenden Generationenkonflikte. Ist es peinlich, wenn Mütter immer wieder darauf hingewiesen werden müssen, dass pink und gelb einfach keine gelungene Kombi sind? Ist es nicht fürchterlich, wenn die Mütter immer wieder das alte Mah-Jongg-Brett auspacken und an Vorhersagen glauben, die sie aus Reiskörnern ablesen? Es ist nicht leicht mit einer solchen Mutter aufzuwachsen. Jede der vier Töchter, die in diesem Buch porträtiert werden, kann ein Lied davon singen. Da wird einerseits die schachbegabte Tochter als Trophäe in der Nachbarschaft präsentiert, während andererseits der neue amerikanische Freund nur mit einem müden Lächeln bedacht wird. So etwas ist maximal unentspannt und jede der Töchter trägt ihren kleinen Knacks davon.

Doch die Geschichten ändern sich, bald kommen auch die Mütter zu Wort. Während die Töchter Jing-mei June Woo, Rose Hsu Jordan, Lena St. Clair (ihre Mutter heiratete einen Iren) und Waverly Jong (ihre Mutter hatte die Idee ihre Tochter nach der Straße, Waverly Place, zu benennen, in die die Familie nach der Auswanderung zog – damit sie endlich ankommen können in diesem neuen Land) zwischen ihren chinesischen Müttern und ihren amerikanischen Freunden hin- und hergerissen sind, wissen ihre Mütter doch schon längst, dass ihre Töchter keine Chinesinnen sind, geschweige denn, chinesisch sprechen können. Auch dass Jing-mei June nach dem Tod ihrer Mutter den Platz am Mah-Jong-Tisch einnehmen soll, wirkt auf die alten Damen befremdlich – auch wenn sie sich über Jing-mei June, das frühere Schachwunderkind, freuen. Doch auch die Lebensgeschichten der alten Damen können nicht einfach als lustige Anekdoten abgehandelt werden. Jede der Mütter hat ihre eigene Geschichte von denen die zum Teil überheblich wirkenden Töchter doch gar nichts ahnen können. Seien es arrangierte Ehen, die nur durch eine List aufgelöst werden konnten, der Tod eigener Kinder oder die Kindheit als Tochter der Drittfrau eines reichen Mannes, der sich bereits seine fünfte Frau gekauft hatte. Suyuan Woo, An-mei Hsu, Lindo Jong und Ying-ying St. Clair sind Tigerfrauen, genau wie die in ihren Augen „amerikanisierten“ Töchter. Die Stärke des Romans liegt darin, dass die Konflikte zwischen Müttern und Töchtern aus beiden Perspektiven beschrieben werden, allerdings nie das Trennende im Vordergrund steht. Letztlich ist es immer wieder die Familie, die die unterschiedlichen Frauen zusammenbringt. Genau wie die Besinnung auf die chinesischen Wurzeln, die ja keine der Töchter vergessen hat – auch wenn es für die älteren Damen so scheinen mag. Am Ende ist es Jing-meis Reise nach China, die ein Teil eines Familiengeheimnisses löst, dass ihre Mutter mit ins Grab nahm: Suyuan Woo hatte bereits Zwillinge, die sie auf der Flucht zurück lassen musste und Jing-mei macht sich auf den Weg ihre Schwestern zu finden.

Amy Tan hat in ihrem mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Debüt eine poetische Erzählung vorgelegt, in der das mystische China der Mütter ein Ort der Magie bleibt – was allerdings nicht bedeutet, dass es sich um einen friedlichen Ort handelt. Die Töchter können von diesen Erfahrungen nichts wissen, da ihre Mütter viel zu viele Geheimnisse für sich behalten und viel zu viele Narben verborgen bleiben. Allein das exzessive Mah-Jongg-Spiel lassen sie sich nicht nehmen. Jing-mei June wird durch den Tod ihrer Mutter in den exklusiven Kreis der alten Damen aufgenommen und lernt ihre Mutter auf eine ganz neue Art zu schätzen. Töchter des Himmels ist ein schöner Roman über Mütter und Töchter, der neben dem Culture-Clash auch Generationenkonflikte beleuchtet. Besonders hat mir die Widmung gefallen, die prägnant das Kernthema des Buches aufgreift:

„Meiner Mutter und der Erinnerung an ihre Mutter. Du hast mich einst gefragt, was ich im Gedächtnis behalten würde. All dies, und noch viel mehr.“ 

Amy Tan: Töchter des Himmels (Originaltitel: The Joy Luck Club). Aus dem Amerikanischen von Sabine Lohmann. Goldmann Verlag 1992.

ISBN-10: 3442096480    ISBN-13: 978-3442096480

[Rezension] Jan Drees – Letzte Tage, jetzt

Kinder, wie die Zeit vergeht! Zeit loszugehen. Keine Zeit, keine Zeit – das wusste schon das weiße Kaninchen. Alice ist trotzdem hinterhergelaufen, landete bei einer Teeparty eines Irren und experimentierte mit Drogen, die sie kleiner und größer werden ließen. Im Nachhinein betrachtet: eine verrückte Zeit. Im Nachhinein, wie immer bei diesem Phänomen. Erst im Nachhinein enstehen Momente, Erinnerungen, erst im Nachhinein entsteht das, was wir Zeit nennen. Erst im Nachhinein können wir sie fassen – auch wenn wir ständig glauben, sie gar nicht erst zu haben. Dabei sind uns die grauen Herren nicht einmal auf den Fersen.

Wenn Tocotronic feststellt „Im Blick zurück entstehen die Dinge“, kann die Protagonistin in Letzte Tage, jetzt nur zustimmen. Sie versucht gerade, „ein Leben zu bekommen, irgendeines“, denn ihre Beziehung zu Nebil ist fast zuende, von den höchsten Höhen nichts mehr zu spüren. Dabei fing alles so überraschend an, so wie Himbeerbonbons und Schokokekse und das an einem Tag. Eine Verkettung glücklicher Umstände. Zeit spielte am Anfang noch keine Rolle, denn Zeit wird neu gemessen. Zeit ist „Einmal Nightlife von den Pet Shop Boys“. Erst jetzt, im Nachhinein, rekonstruiert sie die Momente der Beziehung mit Nebil, die Zeit der „Melonenviertel“ und „Südfruchtprosa“, den Anfang, dem noch ein Zauber innewohnte – bis hin zu den Momenten des Schweigens und des Streitens. Da hilft auch kein weißes Kaninchen mehr und der Absturz in seinen Bau ist mehr als schmerzhaft. Denn es ist nicht einfach mit NEBIL, es ist nicht einfach zu LIEBEN.

In Letzte Tage, jetzt entwirft Jan Drees eine Sammlung von Beziehungsmomenten, die immer flüchtig sind, aber nie bedeutungslos. Und die doch dem Mantra des „Die beste Zeit unseres Lebens ist jetzt“ widersprechen. Denn über allem schwebt die Sehnsucht nach der perfekten Zeit, Sehnsucht, die auch nicht mit Adam Green, Virginia Jetzt! oder Niklas Luhmann gestillt werden kann. Sie möchte in einer Band singen und atmet vor dem Spiegel, damit es endlich wie früher ist – er denkt an ein Baby. Und da fangen sie an, die feinen Risse, die Liebe und Küsse nur noch zu ritualisierten Momenten werden lassen. „Klar, irgendwann ist die Brille nicht mehr rosarot, aber was ist mit den verdammten Himbeerbonbons? Die waren doch auch rosa“, will man einwerfen, rosa wie das Cover, das zuckrig-klebrige Rhabarberschorle verspricht und dir am Ende BitterLemon eingießt. Und nein, damit wirst du nicht rechnen. Die Entwicklung der Beziehung tut fast ein bisschen weh während des Lesens. Aber das was weh tut, braucht eben Zeit. Zeit zu heilen. Zeit, die über diese 138 zärtlichtraurigen Seiten hinausgeht. Aber wer hat schon behauptet, dass die Geschichte der Protagonisten am Ende des Buches aufhört?

Jan Drees: Letzte Tage, jetzt

Eichborn Verlag 2006

ISBN-10 : 3821857773 ISBN-13: 978-3821857770