115 Leserückblick Oktober

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Im Oktober habe ich gelesen, gelesen, gelesen. Deswegen ist mein SUB auch etwas geschrumpft und abgesehen von einer klitzekleinen ReBuy-Bestellung, die unter anderem aus zwei Rory-Büchern und einem dritten Buch, das mich einfach so angelacht hat, bestand, habe ich mich nicht dazu hinreißen lassen, noch mehr Bücher zu kaufen. Na ja, es gab zum Ende meines Praktikums ja auch noch reichlich Buchgeschenke. ^^

Gelesene Bücher im Oktober: 13 (10 von meinem SUB, zwei ausgeliehene Bücher , ein Buch für die Uni)

Fortschritte in der Rory-Gilmore-Lesechallenge: ja und das freut mich immer wieder :) (Neeerd…)

  1. F.Scott Fitzgerald – Der große Gatsby
  2. Stephen King – Shining
  3.  Ernest Hemingway – Paris, ein Fest für’s Leben

Rezensionen im Oktober:

  1. Wiley Cash – Fürchtet Euch!
  2. Paulo Coelho – Elf Minuten
  3. Laura Moriarty – Das Schmetterlingsmädchen
  4. Chris Cleave – Little Bee

Mein absoluter Monatsfavorit: Little Bee, Das Schmetterlingsmädchen und mit etwas Abstand auch Kult von Ljubko Deresch. Aber eben nur auf eine ganz schräge Art. :D

Monatsflop: Man merkt es wahrscheinlich an der Rezension. Elf Minuten ging für mich nicht. Auch die Hector-Romane waren anders, als ich sie erwartet hatte. Die Geheimnisse der Liebe und die Suche nach dem Glück wurden mir von Freundinnen ans Herz gelegt, aber so ganz überzeugen konnten sie mich nicht. Obwohl mir die Geheimnisse der Liebe noch deutlich, deutlich besser gefallen haben,  als das Buch über das Glück. Vielleicht hatte ich mich zu dem Zeitpunkt aber auch schon eher an die Schreibweise gewöhnt. ;)

Alles außer Bücher ….

Reise, Reise: in die Weinberge an Mosel und Rhein / gefeiert: das Romanticum in Koblenz, woho das ist ja so toll!! Wenn ihr irgendwie in der Ecke seid, hin da! / gesehen: den wunderschönen Film Mr. Morgan’s last Love *schnüff*,  Downton Abbey Staffel 3 *wieder schnüff*, viele, viele Burgen und Festungen/ erlebt: Raclette gegessen mit Lieblingsmenschen; viel Kaffe trinken gewesen mit Leuten, die ich seit gefühlt tausend Jahren nicht mehr gesehen habe; morgendliche Yogastunden; Waldspaziergänge und buntes Laub angeschaut; eine Muse auf einer Burg getroffen, zwar nicht geküsst worden, aber inspiriert gewesen ;) / gedacht: was will ich eigentlich von diesem Leben?/gefühlt: unterwegs sein ist schön

[Rezension] Große Erwartungen und viel Menschlichkeit – Little Bee

Worum geht es?

Little Bee, eine sechzehnjährige Nigerianerin, setzt alles auf eine Karte und schleicht sich als blinde Passagierin an Bord eines Handelsschiffes. Der Kapitän entdeckt sie und gibt ihr das Buch Große Erwartungen von Dickens zu lesen – leider kann sie es nicht zu Ende lesen, denn dann ist sie bereits in Essex, Großbritannien, angekommen. Vom Schiff wandert sie direkt ins Abschiebegefängnis, in dem sie zwei Jahre wartet. Darauf, endlich einen Pass zu bekommen und endlich, endlich in England leben zu können. Währenddessen arbeitet sie an ihrem Englisch und Little Bees Ehrgeiz zahlt sich aus. Durch einen Trick gelingt ihr und drei weiteren Illegalisierten die Flucht. Dabei haben die Frauen schon alles gesehen und alles erlebt, was man sich an Grausamkeiten vorstellen kann. Bereits im Abschiebeknast begingen viele Flüchtlinge Suizid und auch Little Bee analysiert in jeder Situation ihre Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen. Sobald sie aus dem Abschiebegefängnis geflohen ist, macht sie sich auf die Suche nach einem britischen Ehepaar, den einzigen Menschen, die sie in England kennt und mit denen sie bereits in Nigeria unter tragischen Umständen zusammentraf.

An dieser Stelle meldet sich die zweite Ich-Erzählerin in der Geschichte. Sarah O’Rourke ist Journalistin und schreibt für ein Fashion- und Lifestyle-Magazin. Sie ist diejenige, die Little Bee in Nigeria am Strand traf. Was allerdings wirklich an diesem Ort geschah wird erst relativ am Ende des Romans aufgelöst, ist allerdings extrem grausam und drastisch geschildert. Während Little Bee seit diesem Tag immer wieder Möglichkeiten sucht, sich an jedem Ort das Leben zu nehmen, hat die Erfahrung für Sarah ganz andere Konsequenzen. Sie beginnt ihre Arbeit und ihr Leben zu hinterfragen, das ihr immer leerer und sinnloser erscheint. Ihr Mann macht Ähnliches durch, allerdings kann er mit dem Erlebten nicht umgehen und nimmt sich das Leben.

Kurz vor der Beerdigung taucht Little Bee bei Sarah auf …

Little Bee ist ein spannender Roman, der provoziert und Fragen aufwirft. Die Protagonistin Little Bee ist trotz ihrer tragischen Geschichte nicht die stereotype Reinkarnation des „hilflosen Flüchtlings“ – und das ist super! Sie ist schlau, sie hat Ehrgeiz, sie will ihr Leben verändern. Und auch wenn sie sich ihrem Schicksal irgendwann fügt, bleibt sie eine autonome Figur. Little Bee hat mich fasziniert, nicht nur weil die Spannung ständig beibehalten wird, auch weil es nicht so leicht ist, die Charaktere sofort stereotyp zuzuordnen. Obwohl Little Bee natürlich auf die Problematik der Flüchtlinge aufmerksam macht, wirkt der Roman nicht moralisierend, denn Sarah und Little Bee sind keine Abziehfigürchen, sondern komplexe Figuren, die nicht aus der Klischeekiste zusammengeschrieben werden. Stattdessen konstruiert Cleave eine Geschichte mit grausamer Wendung, die stringent auf den Höhepunkt zuläuft, bis zwei Welten aufeinander prallen. Die Wucht des Aufpralls ist laut, extrem und verstörend. In Zeiten, in denen vor Lampedusa dank FrontEx und der Abschottungspolitik der EU bald schon ein Massenseegrab errichtet werden kann, brauchen wir mehr solcher Romane und mehr dieser Geschichten. Und irgendwann kann niemand mehr die Augen vor dem verschließen, was an Europas Grenzen passiert. Little Bee hilft ein wenig, den Horizont zu öffnen. Lest dieses Buch!

Chris Cleave: Little Bee (Originaltitel: The other Hand. Übersetzt von Susanne Goga-Klinkenberg).

Deutscher Taschenbuch Verlag (2012).

ISBN-10: 3423214066 

ISBN-13: 978-3423214063

Ohne Zynismus wünsche ich mir mehr Romane die Little Bee ähneln, mit Zynismus halte ich vieles nur mit Satiresendungen aus. Passend zum Thema zwei treffende Beispiele aus der HeuteShow und von Extra3. Viel Spaß!

[Gesagt]

„In Paris konnte man damals beinahe umsonst leben, und wenn man gelegentlich eine Mahlzeit ausließ und niemals neue Kleider kaufte, konnte man sparen und sich Luxusdinge leisten.“  (S.87)

„Ich will Die Brüder Karamasov noch mal versuchen. Es war wahrscheinlich meine Schuld.“ –  „Manchches kann man nochmal lesen. Das meiste. Aber dann fängt es an, einen zu verägern, ganz gleich wie großartig es ist.“ (S.114)

„Er wollte, dass ich das neue Buch Der große Gatsby las, sobald er sein letztes und einziges Exemplar von jemandem, dem er es geliehen hatte, zurückbekam. Wenn man ihn so darüber sprechen hörte, wusste man noch lange nicht, wie ausgezeichnet es war; man spürte nur die Schüchternheit, die alle nicht eingebildeten Schriftsteller haben, wenn sie etwas sehr Gutes geschrieben haben, und ich hoffte, er würde das Buch bald zurückbekommen, damit ich es lesen konnte.“ (S.127)

Ernest Hemingway lebte in den 1920er Jahren einige Zeit in Paris und hing da mit solchen verrückten Künstler_innen wie Ezra Pound, Gertrude Stein, James Joyce und natürlich F.Scott Fitzgerald ab. Hemingway hat keine Lust mehr auf Journalismus, sondern widmet sich ganz dem Schreiben – oder versucht es zumindest. Das kann er am besten mit einem Café Creme, möglichst nicht zu Hause bei Frau und Kind, sondern irgendwo in der Öffentlichkeit. Denn da trifft man auch alle anderen, die gerade versuchen, ihre Romane, Novellen und Gedichte fertigzustellen. Und wenn mal einer etwas durchhängt, dann sammelt man eben etwas Geld – Künstler_innen helfen sich nämlich, Ehrensache. Und natürlich liest und rezensiert man sich gegenseitig, sofern die Chemie stimmt. Am besten hat mir die Episode mit Fitzgerald gefallen, aber auch die anderen kurzen Erzählungen machen Spaß und geben interessante Einblicke in eine spannende Zeit. Aber auch in New York war damals schwer was los, glaubt man den Geschichten um Louise Brooks aus meinen letzten Post. Was trieb also die ganzen amerikanischen und britischen Schriftsteller_innen ausgerechnet nach Paris? Wahrscheinlich das Gefühl am Puls der Zeit zu sein. Hemingway war auf jeden Fall begeistert von der Stadt und dem künstlerischen Leben, das die Metropole ermöglichte. Deshalb schrieb er auch 1950 an einen Freund:

„Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.“

Alle Zitate aus Ernest Hemingway: Paris – ein Fest fürs Leben (A Moveable Feast, 1964). Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004.

[Rezension] Die leise Emanzipation der Anstandsdame – Das Schmetterlingsmädchen

Worum geht es?

New York, irgendwann in den Goldenen Zwanzigern. Die fünfzehnjährige Louise Brooks aus Wichita (Kansas) hat diese Metropole vor Augen, wenn sie sich eine berühmte Karriere als Tänzerin vorstellt. Voller Selbstbewusstsein stürzt sie sich in das Nachtleben New Yorks und in das neue Tanztraining. Leider ist sie nicht allein in ihrer Stadt der Träume. Ihre Anstandsdame Cora behält sie immer im Auge. Cora ist für Louise das Allerletzte: sie ist langweilig, sie ist verstockt, sie ist seit Ewigkeiten mit diesem gutaussehenden Anwalt verheiratet und auch noch Mutter von Zwillingen. Und sie versucht so gut es geht, auf Louise aufzupassen. Und das ist gar nicht so leicht. Es ist, als ob zwei Welten aufeinander prallen: hier Louise, die alles mitnehmen will, was sie kann, in dieser verrückten Stadt, die niemals schläft – da Cora, die vor allen Dingen Angst um Louises Jungfräulichkeit und ihren guten Ruf hat. Allerdings hat Cora auch ganz eigene Motive, die Reise anzutreten. Vor langer, langer Zeit kam sie als Kind mit dem Zug nach Wichita. Name: Cora X, Herkunft: unbekannt. Während Louise in New York den Sommer ihres Lebens verbringt, versucht Cora etwas über ihre Herkunft herauszufinden und kommt dabei nicht darum herum, auch ihr eigenes Leben, ihre Vorstellung von Glück und ihre Ehe in Frage zu stellen …

Das sage ich…

936full-louise-brooksEin Roman, der in den 1920ern spielt und ein tolles Cover – ich habe das Buch direkt aus der Bücherei mit nach Hause genommen und sofort angefangen zu lesen. Louise Brooks gab es wirklich und ihre tragische Karriere beruht ebenfalls auf wahren Tatsachen. Brooks wurde durch Stummfilme und ihre, für die damalige Zeit typische, Bubikopf-Frisur bekannt. Dem Zeitgeist entsprechend, spielte sie nicht nur in Georg Wilhelm Pabsts Wedekind-Verfilmung die Lulu, sondern auch in Tagebuch einer Verlorenen. Außerdem soll sie mit der Garbo eine Affäre gehabt haben.Doch dann der Abstieg: mit ihrer Firma Paramount gab es Vertragsunstimmigkeiten, Brooks spielte zwar noch in Frankreich, aber Paramount streute Gerüchte und behauptete, dass ihre Stimme für den Tonfilm absolut ungeeignet sei. Nach einer Kurzehe mit einem Millionär, ließ sie sich in den 1930ern wieder scheiden. Erst in den 1950er Jahren konnte Brooks an alte Erfolge anknüpfen, widmete sich nun aber vor allen Dingen dem Schreiben.

Im Schmetterlingsmädchen geht es aber nicht nur um Brooks, die ein tragisches Schicksal hat. Besonders Cora rückt in den Mittelpunkt der Erzählung. Denn erst nach und nach entfalten sich die Geheimnisse ihrer Lebensgeschichte. Dabei wird Coras Leben immer wieder mit interessanten Eckpunkten der amerikanischen Geschichte verknüpft. Sei es das Treiben des KuKluxClans, der Skandal um Verhütungsmittel oder die Kämpfe um die Prohibition. Doch nach dem Sommer mit Louise Brooks hat Cora einen neuen Weg gefunden, mit ihrer Ehe zurechtzukommen und die Frage nach ihrer Herkunft rückt langsam in den Hintergrund. Dabei wird Cora immer selbstbewusster und sicherer und schafft etwas, dass für viele andere Frauen nicht möglich wäre. Sie schafft es, den Schein zu wahren, aber trotzdem ein erfülltes, glückliches Leben zu führen, das außerhalb von Skandalen, Scheidungen und Krisen liegt. Es war mitreißend zu verfolgen, welche verschlungenen Pfade Coras Leben immer wieder nimmt, das auch immer wieder mit dem Schicksal von Brooks verwoben wird. Einziger Kritikpunkt ist der für mich etwas langatmige letzte Teil. Anstatt Cora bis ans Ende ihrer Tage zu verfolgen, hätte für mich dieser dritte Teil auch kürzer sein können. Wer aber Romane der Roaring Twenties mag und eine langsam erzählte, aber bildgewaltige und intensive Emanzipationsgeschichte unterhaltsam findet, wird mit diesem Roman bestens unterhalten. Sehr lesenswert!

Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen. Übersetzt von Britta Evert.

Bastei Lübbe Taschenbuch (2013).

ISBN: 447-33072629

Die Band OMD hat den Stummfilmstar Brooks 1991 in einem Musikvideo zu ihrem Lied „Pandora’s Box“ (Hallo Lulu!) geehrt.

[Rezension] Wiley Cash- Fürchtet Euch!

Fürchtet EuchWorum geht es?

In Marshall, einem abgelegenen Nest irgendwo in North Carolina ist eine seltsame Glaubensgemeinschaft ansässig, deren Treiben bisher  niemanden störte, bis es an einem Sommertag zur Katastrophe kommt. Der zwölfjährige Christopher Hall stirbt während der Abendmesse der Gemeinde. Sheriff Clem Barefield nimmt die Ermittlungen auf und versucht herauszufinden, wie es zu dem Tod des Jungen kommen konnte. Doch er steht einer Wand des Schweigens gegenüber – niemand will sich zu dem Vorfall äußern. Barefield findet durch intensive Nachforschungen heraus, dass der Junge in der Kirche der Sekte von seiner angeborenen Stummheit befreit werden sollte. Doch was ist wirklich in der Kirche geschehen? Der charismatische Prediger Carson Cambliss äußert sich nicht zu dem Vorfall. Im Gegenteil scheint er den Ermittlungen im Weg zu stehen…

Das sage ich …

Ich war in der Buchhandlung und dieses toll gestaltete Cover in Kombination mit dem Klappentext hat mich einfach angesprungen. Cashs Debüt Fürchtet Euch! ist ein spannender Roman, der mir sehr gut gefallen hat. Es gibt keinen allwissenden Erzähler, sondern das Geschehen wird nach und nach aus der Perspektive unterschiedlicher Charaktere zusammen gesetzt, so dass sich nach und nach ein Bild des Geschehens ergibt. Bis dahin bleibt es spannend, auch wenn nicht immer alle Handlungen der Charaktere nachzuvollziehen sind. Aber ist das nicht im alltäglichen Leben auch so? Haben wir immer den Überblick über die Situation? Die erzählenden Personen steuern Eindrücke bei, ihre Gedanken zu Geschehnissen, die früher passiert sind, bevor Christopher starb. Denn einiges scheint in diesem Dörfchen im Argen zu liegen und zu viele fürchten sich vor Cambliss.

Nicht nur der Ermittler Barefield hat an persönlichen Problemen zu knabbern und an den Erinnerungen an längst vergangener Tage, auch die Hebamme des Dorfes, Adelaide Lyle, die Christopher Hall zur Welt brachte und in ihm immer einen glücklichen Jungen gesehen hat, der doch gar keine Heilung brauchte, versucht sich zusammenzureimen, was in der Kirche passiert sein könnte. Und Christophers kleiner Bruder Jess, der am Abend der Katastrophe nicht in der Kirche war, knabbert ebenfalls an einem Schuldkomplex. Häufig sind es die kleinen Dinge, die Kinder beobachten, die der Situation eine noch viel dramatischere Komponente geben und Jess hat einiges gesehen.

Wer einen Thriller oder Krimi erwartet, nur weil es einen Ermittler gibt, liegt sicherlich daneben. Stattdessen geht es um die komplexen Beziehungen zwischen den Protagonisten, um Chancen, die jeder von ihnen vertan hat, um zu helfen und um ihr Leben, irgendwo in der Ödnis von North Carolina, in der es einem Prediger gelingt, unbehelligt und gefeiert von der Dorfgemeinschaft, immer mehr Einfluss zu gewinnen. Und das mit Methoden, die nicht mehr durch Religionsfreiheit gerechtfertigt können. Einziges Manko: ich hätte gerne noch mehr über die anderen Gemeindemitglieder und das Leben dieser Gläubigen erfahren. Am Ende bleibt vieles ungesagt und nicht alle Fäden laufen zusammen, aber das hat mich nicht gestört. Vielleicht ist Fürchtet euch! eher Milieudrama, als Kriminalgeschichte, aber deshalb nicht weniger überzeugend. Noch nebenei, das Debüt wurde 2012 von Library Journal und Kirkus Reviews zum besten Roman 2012 gewählt.

Wiley Cash – Fürchtet Euch. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Fischer Taschenbuch 2013.

ISBN-10: 3596194431 ISBN-13: 978-3596194438 (352 Seiten)

[Rezension] Paulo Coelho – Elf Minuten

„Maria träumt von Abenteuern, fernen Ländern und der großen Liebe. Doch eine Woche Badeferien in Rio de Janeiro ist der einzige Traum, den sie sich leisten kann. Am Strand wird sie von einem Europäer angesprochen, der ihr anbietet, als Tänzerin im Nachtclub zu arbeiten. Für Maria klingt das wie der Anfang eines Märchens; doch in Wirklichkeit ist sie gezwungen, sich als Sexarbeiterin durch zubringen: Sie tut es ohne Scham, denn ihr Herz ist nicht dabei, und sie hat sich geschworen, sich nicht zu verlieben. Da trifft sie jemanden, der sie bezaubert und zu ihr in einer neuen, unverständlichen Sprache spricht der Sprache der Seele.“

Worum geht es?

Wie schon oben anklingt, geht es um Maria und ihre Suche nach der großen Liebe und um Prostitution als Weg zum schnellen Geld (und Glück?), der sich dann allerdings als der falsche Weg erweist. Denn eigentlich geht es Maria wirklich nur um das Geld, das im Nachtclub in der Schweiz winkt, denn sie möchte sich irgendwann in ihrem Heimatland Brasilien eine Farm aufbauen, dafür nimmt sie auch den Job als Prostituierte in Kauf. Erst durch einen der speziellen Freier, einen Anhänger von Sadomaso-Praktiken, lernt Maria sich auch mit ihrer „dunklen“ Seite auseinanderzusetzen, mit ihrem Verlangen. Und dann kommt ein Maler in den Nachtclub, der Maria in einem seiner Porträts verewigt hat und der noch dazu so viele schlaue Dinge über die Geschichte der Prostitution weiß. Eine Chance für Maria und die Liebe? Doch was soll dann aus ihrem Traum vom schnellen Geld und der eigenen Farm werden?

Das denke ich … *Spoileralarm*

Ja, tatsächlich, die Handlung ist so knapp und gleichzeitig auch unendlich banal. Pretty Woman reloaded, angereichert mit einigen Lebensweisheiten, die so auch in jedem Taschenkalender stehen könnten. Ich mag Coelho, ich mochte den Alchimisten, ich habe Veronika beschließt zu sterben abgefeiert, aber mit diesem Roman kann ich wenig anfangen. Marias Selbstfindungen sind mir auf der einen Seite zu banal, auf der anderen Seite einfach nicht glaubwürdig genug. Was soll denn diese Maria für eine Frau sein?  Auf der einen Seite ist sie ambitioniert, lernt ohne Pause Französisch in der Schweiz, liest viel und bildet sich im agrarkulturellen Bereich weiter, da sie die Farm ja wirklich will und schlägt den sicheren Heiratsantrag ihres brasilianischen Chefs aus. Auf der anderen Seite ist sie wahnsinnig abhängig von den Unterweisungen ihres „speziellen Kunden“, der der armen unmündigen Frau auch endlich sexuelle Erfüllung verschafft, denn von sich aus, kennt sich die gute ja nicht aus mit ihrem Körper. Gut, dass es Männer gibt, die den armen Frauen so helfen, was hätte Maria sonst nur getan? Und oh, endlich dieser intellektuelle Maler, der ihr beibringt, woher Prostitution eigentlich kommt und ihr dozierend wie ein Universitätsprofessor der üblen Art gegenübertritt. Oder anders gesagt: Maria schafft es also, sich selbstständig über den Anbau verschiedenster Pflanzen, Tierzucht und Management eines Betriebes weiterzubilden, aber über ihr eigenes Gewerbe hat sie keine Ahnung?

Es tut mir leid, dass glaube ich einfach nicht und das passt für mich nicht zusammen. Ohnehin, die ganze Art der Anwerbung, der Zuhälter ist so ein netter Typ, der möchte, dass alles gut läuft. Keine Frage danach, dass der Typ am Strand sie als Tänzerin wollte und dann Sex eben doch einfach dazugehört, für Maria kein Problem. Natürlich nicht, war es für Vivian Ward (die Perle aus Pretty Woman) ja auch nicht. So ist das eben in Märchen. Und deshalb steht der Kerl am Ende auch mit Rosen an der Feuertrep – ääh, am Flughafen. Richtig, und genau dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass sich Coelho viele Gedanken um Maria gemacht hat. Maria ist einfach nur naiv und unglaubwürdig als Figur und philosophiert gleichzeitig seitenlang in ihren Tagebüchern über die Liebe. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob Coelho nicht vielleicht einfach eine Abhandlung über Liebe und Sex schreiben wollte und irgendwie noch eine Rahmenhandlung brauchte – und dann dachte er an Richard Gere.

Auch wenn ich nichts gegen die Wendung habe, dass Maria erfährt, dass Sex früher etwas heiliges war und es sogar heilige Orgasmen gab, warum muss wieder ein Mann für ihre Erleuchtung sorgen? Erst der finstere, satanisch anmutende Sadomasotyp, der Maria ihre schwarze, verdorbene Seele zeigt und dann der erleuchtete Künstler, so eine Jesus-Figur, mit der Maria zwar nicht über das Wasser, aber barfuß am Wasser entlang läuft, damit sie sich endlich mal richtig spürt, diese Frau, und endlich mal merkt, was sie sich da antut. Das kriegt sie ja von alleine nicht hin… (Ein Schelm, wer dabei an das Hure/Heilige-Schema denkt, in das Maria von den beiden männlichen Begleitern gedrängt wird!) Für mich zu viel Eso-Mental-Coaching, das gefiel mir einfach nicht. Und Marias Tagebuchaufzeichnungen sind auch nicht gerade preisverdächtig:

Ich will begreifen, was Liebe ist, aber bislang leide ich nur. Diejenigen, die meine Seele berühren, können meinen Körper nicht wecken. Und die, denen ich mich hingebe, können meine Seele nicht berühren.

Erschreckend, wie viele Leute diese Banalitäten in den Himmel loben.  Aus einer amazon.de-Rezension:

„Zu erst benötigt man bei Paulo Cohelo eine gewisse spirituelle Grundhaltung um den tieferen Sinn seiner Storys zu verstehen.Ziemlich viele Kritiker leben in unserer materialisitischen Welt und befreien sich nicht daraus wie eben Paolo C. Wer 11 minuten mit einer sensiblen Ader liest, sich die Erkenntnisse auf sein eigenes Leben projeziert, der macht in der Tat erstaunliche Entdeckungen. Außerdem hilft es in der Realität weiter. Eine der Haupterkenntnisse für mich ist, daß Niemand Niemanden besitzt. Wieviele Beziehungen gehen kaputt weil unentwegt Besitzansprüche von den Partnern angemeldet werden?? Ich habe mich daruf eingelassen, mir die Entscheidenen Stellen notiert und halte sie mir täglich vor Augen. Damit wird auch meine Seele wieder ruhiger in unserer schnellen oberflächlichen Welt. Ich wünsche das es Ihnen eben so ergeht. Gehen Sie offenen Herzens und mit Ihrer Seele an das Lesen und sie werden gleiches feststellen“

Niemand besitzt Niemanden? Danke, aber die Erkenntnis hatte ich mit 16 auch. Stattdessen geht es hier um die Romantisierung der Prostitution, von materiellen und finanziellen Sorgen keine Spur und dann wird die unendlich naive Hauptfigur auch noch von einem Freier sexuell befreit. Danke, darauf habe ich keine Lust. Warum eigentlich elf Minuten? Weil so lange der durchschnittliche Sex dauert, zu dem sich Maria mit ihren Kunden trifft. Und wer sollte das Buch jetzt lesen? Na ja, also auf jeden Fall, Menschen mit „offenem Herzen“ und diejenigen, die es schaffen, die knapp 300 Seiten in eben dieser Zeit runterzurocken, alles andere ist nämlich verlorener Lesegenuss. Ich scheine nicht dazuzugehören, für mich war der Roman leider nichts. Und auch nicht die merkwürdigen Selbstbeweihräucherungen im Nachwort: Coelho habe auch in diese dunklen Kapitel der menschlichen Seele hinabsteigen müssen, dieses dunkle Kapitel des Sadomasochismus, und seine geneigten Leser_innen mögen ihm verzeihen – und wo fällt ihm das ein? In Lourdes. Ohne Worte.

Paulo Coelho: Elf Minuten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.

Diogenes (18.Auflage): 2006.

ISBN-10: 3257234449 ISBN-13: 978-3257234442

284 Seiten

Leserückblick September

Der Monat ging so schnell vorbei, dass ich fast nicht hinterherkomme, mit meinen Gedanken…

Erlesenes im September:  2 Bücher und 3 Kurzgeschichten von Thomas Mann

1. Truman Capote – Frühstück bei Tiffany *klick*  2. Stephan Kaluza – Geh auf, Magenta!

Neue Bücher? Na klar …. :)

Das Gelesene ist nicht sehr viel, dafür stand der September ganz im Zeichen meines Praktikums. Ich habe viel gelernt, tolle Menschen kennen gelernt und auch ein bisschen über mich selbst erfahren. Ich habe das Tanzen und das Training so vermisst, ich wusste nicht, wie wichtig das Tanzen für mein persönliches Glück ist. Und ich habe festgestellt, dass ich viel mehr sehen möchte, viel mehr Städte kennen lernen möchte. Ich habe so viele Ideen und hoffe, dass ich ein paar Ideen mitnehmen kann, zurück in die Unistadt und zu den Menschen hier. Mein Monatshighlight: Herta Müller live. Ansonsten bin ich jetzt gespannt, was das neue Semester so bringt.

Ich freue mich.

[Rezension] Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

„Truman Capote ist der perfekteste Schriftsteller meiner Generation. Ich hätte keine zwei Wörter in „Frühstück bei Tiffany“ ändern wollen.“ Norman Mailer

Tja, wer kennt sie nicht, die grandiose Verfilmung dieses Klassikers des 20. Jahrhunderts mit der zauberhaften Audrey Hepburn in der Hauptr- …. Moment! Zugegeben, ich kenne den Film nicht und hatte, obwohl ich Gossip Girl liebe und Blair wunderbar ist, auch noch nie den Wunsch, diesen Klassiker der Filmkunst anzusehen. Warum? Ich habe versucht Krieg und Frieden in der Verfilmung mit Audrey zu sehen und was soll ich sagen – es war fürchterlich. Ich konnte mit ihr einfach gar nichts anfangen und war von ihrer Filmfigur riesig genervt. Und dann lacht mich Audrey auf dem Cover des Buches an, so wie man sie kennt, mit der Perlenkette und dem schwarzen Kleid und ich denke mir, warum nicht mal Truman eine Chance geben?

Worum geht es?

Der namenlose angehende Schriftsteller befreundet sich in den 1940er Jahren mit seiner Nachbarin, Holly Golightly, die ihn fortan „Fred“ nennt, da so ihr älterer Bruder geheißen hat. Holly ist ein Starlett (oder eine Prostituierte?), in jedem Fall ein hübsches It-Girl, das es irgendwie geschafft hat, die richtigen Männer zu kennen und zu den richtigen Partys eingeladen zu werden um irgendwann einen ihrer reichen Verehrer zu heiraten. „Fred“, ihr Nachbar, wird bald darauf ebenfalls Teil ihres exquisiten Zirkels und Holly versucht sogar, durch Strippenzieherei bei einem Bekannten, einen Verlag für „Fred“ aufzutun. Holly, die überall ist, aber scheinbar nirgends richtig ankommt, scheint wie aus dem Nichts in der Stadt gelandet zu sein. Sie scheint keine Vergangenheit zu haben und verzaubert den Schriftsteller. Dabei ist Holly nicht nur das Happy-Go-Lucky-Girl. Manchmal überfällt sie das „rote Elend“, wie sie selbst sagt. Dann bleibt ihr nichts als Weltschmerz, Angst, Einsamkeit. Und was hilft? Ein Gang zu Tiffany’s, denn da ist die Welt noch in Ordnung. Manchmal nimmt sie ihre Gitarre und spielt dann Lieder, von denen sich der Erzähler fragt, wo sie diese denn gelernt haben könnte :“rauzärtliche, umherirrende Melodien mit Worten, die nach Südstaaten-Nadelwäldern oder der Prärie schmeckten“. Und dann gibt es da wirklich diesen Mann, der sie heiraten möchte – zumindest glaubt Holly das. Und in einer Stadt wie New York, in der das Verbrechen nie schläft, haben es einsame Herzen auf der Suche nach Katzen oder der Frau für’s Leben gar nicht so leicht, vor allen Dingen, wenn die Mädels gar nicht Holly, sondern eigentlich Lullamae heißen…

Hier noch ein Youtube-Schmankerl aus dem Film (+ unvergesslicher Melodie):

Das sage ich …

Ich möchte doch noch den Film sehen! Ich will, ich will, ich will! Mir hat die Novelle sehr gut gefallen. Auf knapp 100 Seiten wartet Capote mit überraschenden Wendungen auf, während die knapp einjährige Bekanntschaft des Protagonisten mit Miss Golightly näher beleuchtet wird. Die Erzählung ist spannend und zum Teil sehr schnoddrig und witzig erzählt. Das liegt besonders an Miss Golightly, dieser gerade einmal 19jährigen, die ihre männlichen Bekanntschaften gerne mit „Herzchen“ oder „Schätzchen“ anspricht, während sie einen Drink kippt. Dabei merken die Leser_innen aber auch, dass Holly bisher kein leichtes Leben hatte – aber auch, dass sie für ihren großen Traum, die Heirat mit einem reichen Mann, alles tun will. Außerdem ist Holly jemand,  der sich nach Sicherheit sehnt und dabei weiß, dass die Männer die sie braucht, sie doch nur für ihre Zwecke benutzen wollen. Der angehende Schriftsteller ist dabei eine herausragende Ausnahme, wenn sonst nur das Motto „Fressen oder gefressen werden“ gilt. Insgesamt kann ich nur eine absolute Leseempfehlung aussprechen und bin jetzt gespannt, ob der Film das Niveau des Buchs halten kann. Ich kann es mir kaum vorstellen. Aber die Perlenkette, die Sonnenbrille, das schwarze Kleid – das was ich als typischen Audrey- Stil empfunden habe, ist genau das, was Capote sich für Holly vorgestellt hat. Ich freue mich auf den Film.

Truman Capote: Frühstück bei Tiffany (=Süddeutsche Zeitung Bibliothek Band 51). Kein & Aber Verlag, Zürich 2006. 108 Seiten.

ISBN: 978-3-86615-501-5

[Gesagt]

„Es gibt noch weit beunruhigende Betrachtungen hier! Setzen wir, daß man vom 5000. Tage an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei;

dann hätte man, bei einem green old age von 20 000,

demnach rund 15 000 Lesetage zur Verfügung.
[…]
Ich möchte es noch heilsam–schroffer formulieren: Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen: Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur!

Arno Schmidt. „Julianische Tage“ 1961, in: Trommler beim Zaren. 190-191.

„Ich bin eine Brombeere“ – Herta Müller und Collagenkunst

 http://www.gomeal.de/uploaded_img/Brombeere.jpg

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Listening to: Marina and the Diamonds – Hermit The Frog

Oh. Mein. Gott. Ich bin so unfassbar, unfassbar, unfassbar glücklich. Gestern war Herta Müller hier in der Marzipanstadt. Ja, genau. Die Herta Müller, die 2009 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, und deren Werke ich nach und nach verschlinge. Und wer hat noch eine Karte bekommen? Yeah me! Offiziell gab es keine Karten mehr, selbst in der Buchhaltung in der ich am nachmittag war, gab es irgendeine Möglichkeit und auch in dem Literaturmuseum in dem ich arbeite, war allen schon klar, dass es keine Chance mehr auf Karten gibt. Schade eigentlich, aber ich hatte mich damit schon abgefunden.

Und dann, rums. Eine andere Praktikantin erzählte, dass die Eltern ihres Freundes noch eine Karte zu verkaufen hätten. Die wollte ich natürlich haben! Ich hatte keine Zeit mehr zwischen Arbeit und Karte kaufen in die WG zu fahren, geschweige denn etwas zu essen, aber das war mir so egal. Ich war einfach nur wahnsinnig heiß auf diese Karte und traute mich dann auch nicht mehr, wie es mein ursprünglicher Plan war, noch einen Student_innenrabat herauszuschlagen, immerhin verkauften sie mir die Karte und da wollte ich nicht noch handeln. Obwohl es gar nicht so günstig war. Dafür war aber auch der anschließende Besuch der Ausstellung inklusive.

Am lustigsten (oder bestürzendsten) waren dann allerdings das andere Publikum bei der Lesung. Bei vielen hatte ich das Gefühl (und ich weiß, dass ich ihnen damit eventuell auch Unrecht tue), dass sie nur da waren, weil Herta Müller eben eine Nobelpreisträgerin ist. Vielleicht ist dieses Gefühl aber auch nur durch die beiden Kartenverkäufer_innen entstanden, neben denen ich dann auch saß. Sie fragte mich, was ich denn studieren würde, das war sehr nett, ein netter SmallTalk – obwohl ich natürlich geduzt wurde. Ich will nicht rumspießen, aber manchmal habe ich auch gar nichts gegen ein etwas distanzierendes „Sie“, vor allen Dingen da ich die Dame auch siezte. Na ja, ich will nicht kleinlich sein, vielleicht hätte ich sie auch einfach duzen sollen. Und dann fragte sie, ob ich denn Herta Müller kennen würde. Da habe ich natürlich erst mal erzählt, dass ich Herztier so mag und dass ich letztens Niederungen gelesen hätte und vor einiger Zeit Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt und Der Fuchs war damals schon der Jäger. Vor kurzem habe ich auch Reisende auf einem Bein gelesen, aber das ist mir in dem Moment natürlich nicht eingefallen. Und was sagte die Dame? Ja, also sie habe ja Atemschaukel angefangen, natürlich nennt sie Müllers bekanntestes Werk, was nicht schlimm ist, aber ich hatte den Eindruck, dass sie sonst nichts kennen würde. Und wie ging es weiter? Na ja, sie habe es aber nicht so gut zu ende lesen können, es sei einfach zu bedrückend gewesen. Ja, was soll ich da noch sagen? Auseinandersetzung mit Unterdrückung und Diktatur gehören zu Herta Müllers Werken dazu. Warum besucht jemand eine Lesung, der eigentlich die Literatur der lesenden Schriftsteller_innen als „zu bedrückend“ empfindet? Vielleicht spielte da die Mitgliedschaft in einem Künstler_innen fördernden Verein eine größere Rolle. Es gab mir zumindest zu denken. Gerade bei dieser Schriftstellerin.

Herta Müller ist in Rumänien durch den militärischen Geheimdienst, die Securitate, bedroht worden und hat auch gestern abend über die Situation gesprochen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es vielen Menschen weltweit noch so gehe und nicht ohne Liao Yiwu und Ai WeiWei zu erwähnen. Eine tolle Frau!

Gestern abend ging es vor allen Dingen um die Eröffnung einer Ausstellung, in der ihre Collagen gezeigt werden. Viele tun sich schwer damit, diese Textbildgebilde einzusortieren. Es sind Gedichte, die Müller aus ausgeschnittenen Wörtern aus Zeitungen formt, meistens noch mit einem zusätzlichen Bild versehen. Und ihren Arbeitsprozess hat sie sehr interessant dargestellt. In ihrem Arbeitszimmer besitzt sie eine Art Wortfabrik und über die Zeit sammelt sie aus allen möglichen Zeitschriften Wörter, die sie ausschneidet und nach dem Alphabet sortiert in einem Schrank verwahrt. Und dann beginnt irgendwann, wenn sie mit einem Prosatext fertig ist, das Eintauchen in die Worte, die schon da sind, die sie nicht mehr aus sich heraus schöpfen muss, die allerdings deshalb auch einen ganz anderen sinnlichen Zugang erlauben. Wenn ein Anfang geklebt ist, kann man ihn eben nicht mehr ändern – „Das ist auch etwas wichtiges für das Leben“ sagt sie dazu mit einem Lächeln. Ihre Wörter werden so befreit aus den ursprünglichen Kontexten, entautomatisiert vielleicht (Am besten gefiel mir: „Ich bin eine Brombeere“).

Ich glaube, dass ich auch Wörter sammeln möchte. Vielleicht nicht in einem großen Schrank, aber ich stelle es mir so schön vor. Etwas obsessiv, aber auch schön. Und dann sind die Wörter überall und man kann sie auch anfassen und hin- und herschieben. Wie schön.

Neben diesen tollen Wörtersammelfantasien, bin ich dann gestern abend aber doch noch buchkauftechnisch schwach geworden. Auf einmal stand im Raum, dass Herta Müller auch noch signieren würde. Oh Gott, da bin ich ja fast ausgeflippt (Fangirl-Alarm). So schnell es ging habe ich mir noch eine schöne Ausgabe „Herztier“ unter den Nagel gerissen (ich sprach schon einmal darüber, diese kleinen gebundenen von Fischer) und mir ein Autogramm abgeholt. :)

Fazit: Eine wunderbare Lesung, ein toller Abend. Irgendwie mag ich diese Stadt.