Nordkorea – Innenansichten eines totalitären Staates

Vor Kurzem hatte ich euch schon von meinem englischen Bookclub erzählt. Anfang des Jahres haben wir Nothing to envy Barbara Demick gelesen. Ein Buch, in dem nordkoreanische Geflüchtete zu Wort kommen und ihre Schicksale beschreiben. Leider erfährt man als Leser*in trotzdem sehr wenig über das ohnehin abgeschottete Land. Ich habe also nach einem Buch gesucht, das mir in dieser Hinsicht eine bessere Alternative bieten kann.

IMG_20171211_162449Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien und Vorstand des dortigen Instituts für Ostasienwissenschaften. Geht es um Nordkorea, ist er einer der prominentesten deutschsprachigen Experten. Der gebürtige Leipziger studierte bis kurz nach dem Mauerfall in Ostberlin Koreanistik bei Helga Picht, einer ausgewiesenen Nordkoreakennerin, die unter anderem bei Treffen zwischen Honecker und Kim Il-Sung als Übersetzerin dabei war. Durch die guten Kontakte von Picht, durfte Frank 1991/1992 für ein Auslandssemester nach Pjöngjang an die Kim-Il-Sung-Universität reisen, weil es Absprachen zwischen der DDR und Nordkorea zum Austausch von Studierenden gab, die auch nach dem Mauerfall noch gültig waren. Seitdem war Frank mehrfach in Nordkorea und seine Beobachtungen fließen auch immer wieder in das Buch mit ein. Er schreibt selbst, dass er als ehemaliger DDR-Bürger vom Mauerfall überrascht war – deshalb versucht er sich mit Vorhersagen zur Entwicklung des Landes zurückzuhalten.

Man braucht schon ein dickes Fell, wenn man sich über Nordkorea äußert, denn unabhängig vom politischen Lager und dem tatsächlichen Wissen scheint so gut wie jeder eine feste Meinung dazu zu haben. Eine differenzierte Haltung wird oft heftig abgelehnt. Das Land hat gefälligst schwarz und weiß zu sein. (S.12)

Dass diese Schwarz-Weiß-Schablone auf ein so komplexes Land nicht immer ohne Weiteres passt, versucht Frank in seinem Sachbuch darzustellen. Er nähert sich dem Phänomen Nordkorea auf etwas über 400 Seiten ziemlich anschaulich und versucht in neun differenzierten Kapiteln auch die (zum Teil auch paradoxen) Entwicklungen des Landes zu analysieren. Zum einen beschreibt Frank die spezielle nordkoreanische Ideologie die dem politischen System zugrunde liegt, er beschreibt die Wirtschaft des Landes und welches Reformpotenzial er unter Kim Jong-un tatsächlich sieht. Dieses Kapitel hat mich besonders überrascht, denn anders als ich anfänglich gedacht habe, deuteten sich zumindest seit den 2000 Jahren vorsichtige Änderungen innerhalb des Systems an, gerade wenn man sich die wirtschaftliche Entwicklung ansieht. Nun ist Frank Experte für wirtschaftliche Fragen und wahrscheinlich beschreibt er deswegen auch in einem ganzen Kapitel den Aufbau und das vorläufige Scheitern einer Sonderwirtschaftszone zwischen Nord- und Südkorea, das war mir etwas zu lang. Zudem ist das Sachbuch im Januar 2017 in der aktualisierten Auflage erschienen, die seit dem andauernden Raketentests oder das angespannte Verhältnis zu den USA wird nur am Rande gestreift. Zum anderen ergänzt Frank immer wieder Erlebnisse und eigene Beobachtungen von seinen Reisen nach Pjöngjang, die mir besonders gut gefallen haben. Ein Kapitel widmet sich zum Beispiel ganz dem Arirang, eine Art jährlichem ideologischen Massenspektakel zur Feier des Landes, das Frank besuchen konnte. Weiterführende Literaturhinweise (die man nicht vernachlässigen sollte) sind auf 30 Seiten Anmerkungen enthalten.

Ich habe vor Kurzem die Graphic Novel Pjöngjang von Guy Delisle gelesen, die ich sehr gelungen finde. Delisle ist 2003 nach Pjöngjang gereist. In seiner Graphic Novel gelingt es ihm mit einem sehr minimalistischen Zeichenstil Pjöngjang aus der Perspektive eines Ausländers zu beschreiben. Delisle durfte ohne Dolmetscher und offizielle Regierungsbeauftrage nicht einmal sein Hotel verlassen, obwohl er im Auftrag seiner Firma die Animationsarbeiten an einem Trickfilm überprüfen und anleiten sollte. In der Graphic Novel wird die Enge und gleichzeitige Leere der Stadt sehr anschaulich geschildert sowie die Überwachung und Kontrolle anderer Regisseure, die Kindertrickfilme für die westliche Welt produzieren. Neben absurd erscheinenden Museen, in denen die Größe von Kim Jong-un und seinem Vater beschrieben werden, sieht Delisle wenig von Pjöngjang, geschweige denn vom restlichen Teil des Landes. Aber da geht es den Südkoreaner*innen nicht anders.

Allein im Jahr 1987 gab es 1,3 Millionen Besuche von DDR-Bürgern in der BRD und Westberlin. Die Zahl der Nordkoreaner, die legal Südkorea bereist haben, kann man an wenigen Händen abzählen. (S. 353)

Frank hat da einen deutlich differenzierteren Blick und mehr Möglichkeiten, das Land zu betrachten. Besonders gefallen haben mir die ersten Kapitel, in denen der Wissenschaftler auf typische koreanische Traditionen und geschichtliche Entwicklungen des Landes (die Erfahrungen der japanischen Kolonialisierung und die damit einhergehende Unterdrückung der eigenen Sprache und der erzwungenen Verehrung des japanischen Kaisers als Gott; der Koreakrieg) sowie die Verbindungen zum totalitären Regime eingeht. Der Personenkult um Kim Il-sung und seinen Sohn Kim Jong-il geht sogar so weit, den beiden übernatürliche Fähigkeiten zuzusprechen; von Wunderheilungen und hellen Sternen bei der Geburt des Sohnes sowie aufsteigenden Kranichen (wichtige Symbole im Konfuzianismus) ist da die Rede.

Die in Schulzeugnissen an oberster Stelle gelisteten fünf Schulfächer sind „Revolutionäre Aktivitäten des Großen Führers Generalissimo Kim Il-Sung“, „Revolutionäre Geschichte des Großen Führers Generalissimo Kim Il-Sung“, „Revolutionäre Aktivitäten des Großen Führers General Kim Jong-il“, „Revolutionäre Geschichte des Großen Führers General Kim Jong-il“ und „Revolutionäre Geschichte der antijapanischen Heldin Mutter Kim Jong-suk.“ (S.62)

In Nordkorea verbindet sich eine Vielzahl ideologischer Strömungen, die sich mit dem Begriff „Kimilsungismus-Kimjongilismus“ zusammenfassen lassen. Was erst einmal total absurd klingt, erklärt Frank mit dem Verweis auf Konfuzianismus und dem Glauben an das Kollektiv und der Notwendigkeit eines Führers, der das Kollektiv leitet, wodurch der Mensch „Herr über alles“ werde. Es ist sehr interessant zu lesen, wie Frank diese spezielle nordkoreanische Haltung als „frontale[n] Angriff auf Marx“ (S.98) deutet, der immerhin an eine Art „Naturgesetz“ der menschlichen Gesellschaft und ihrer Entwicklung glaubte. Auch wenn ich für einige Kapitel ein bisschen länger gebraucht habe, waren diese grundlegenden Erklärungen der Organisation der nordkoreanischen Gesellschaft sehr spannend zu lesen.

Gut finde ich auch, dass Frank keinesfalls zu wissenschaftlich schreibt, sondern durchaus für die interessierten Leser*innen. Ihm gelingt es, immer wieder eigene Anekdoten und Erlebnisse seiner Reisen einfließen zu lassen. Zudem verdeutlicht er sehr gut, welche Gerüchte über Nordkorea ins Reich der Mythen gehören, scheut sich aber auch nicht, zuzugeben, dass viele Insiderinformationen über das Land auch von ihm nicht überprüfbar sind. Insgesamt hätte ich mir ein paar konkretere Einblicke in das Leben der „normalen“ Menschen gewünscht, allerdings bekommt man diesen Einblick gut durch Barbara Demicks Buch und Frank ist eben Professor für Gesellschaft und Wirtschaft und hat deswegen auch einen klaren Fokus auf wirtschaftliche Entwicklungen, die ich aber dennoch sehr spannend fand. Außerdem gefällt mir gut, dass Frank versucht eine für uns  so unbegreifliche Gesellschaft, die so häufig parodiert wird, weil man sich die Absurditäten des Alltags einfach nicht vorstellen kann, ein wenig begreifbarer zu machen. Ich lese selten Sachbücher, aber wenn ihr euch für Nordkorea interessiert, bekommt ihr mit diesem Buch einen wirklich gelungenen und gut zu lesenden Einblick in dieses abgeschottete Land.

Rüdiger Frank: Nordkorea. Innenansichten eines totalitären Staates. Pantheon 2017.

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Wir sehen uns dort oben

Wir sehen uns dort oben II

 

Alles in allem war ja ein Krieg nie etwas anderes als der Versuch einer systematischen Tötung auf einem Kontinent. (S.55)

Die beiden Helden der Geschichte trifft man auf den ersten Seiten im Schützengraben liegend an, es ist Winter 1918 und nur langsam gehen die letzten Wochen bis zum Waffenstillstand im November ins Land. Auf den ersten Seiten des Romans wird der Krieg so brutal und grausam geschildert, wie man es sich nur vorstellen kann. Der Auftakt des Romans bildet die Basis für alle folgenden Entwicklungen, eine verbrecherische Aktion eines Vorgesetzten kettet das Leben von sehr unterschiedlichen Menschen auf ewig zusammen.

Im Wesentlichen geht es um drei Figuren, die schon auf den ersten fünfzig Seiten aufeinandertreffen:  Henri d’Aulnay-Pradelle, Leutnant der französischen Infanterie,  ist der Vorgesetzte des Soldaten Albert Maillard. Er schickt seine Soldaten in einen Kampf, der eigentlich schon gelaufen ist. Albert, ein schüchterner Bankangestellter, der noch nie mit einem Mädchen ausgegangen ist, wird an diesem grauen Novembermorgen in einem Bombentrichter verschüttet. Neben ihm liegt ein verwesender Pferdekopf, um ihn herum ist nur noch Erde und Matsch. Der Tod naht. Nur durch Zufall wird sein aus der Erde ragendes Bajonett von seinem Kameraden Édouard Péricourt entdeckt, der daraufhin beginnt, Albert auszugraben. Weil er gerade dabei ist, seinem Kameraden das Leben zu retten, wird Édouard von einem Granatensplitter getroffen, der ihm das halbe Gesicht wegreißt. Der angehende schwule Künstler, der aus einer einflussreichen Bankerdynastie kommt, wird den Rest seines Lebens mit einem entstellten Gesicht und verschmorten Stimmbändern herumlaufen. Albert und Édouard überleben, sind aber schwer gezeichnet.

Im Lazarett stellt Édouard klar, dass er in seinem Zustand auf keinen Fall nach Hause zurückkehren kann. Lieber stirbt er. Jetzt ergreift Albert die Initiative und kümmert sich aufopferungsvoll um den Verwundeten. Er besorgt ihm sogar eine neue Identität, damit Édouard keinen Gedanken mehr an seine Familie verschwenden muss, der er sich in seinem Zustand auf keinen Fall zeigen kann. Die alten Kameraden bleiben auch nach dem Krieg zusammen – und sind weitestgehend auf sich allein gestellt.  Édouard beginnt sich Masken zu basteln, damit niemand sein entstelltes Gesicht sehen muss.

Man hatte langsam die Nase voll von diesen Helden! Außerdem waren die wirklichen Helden tot! (S.155)

Auf die Kriegsheimkehrer wartet in Paris der gesellschaftliche Untergang. Keine finanzielle Hilfe, also kein Geld für Medizin oder die Miete. Pierre Lemaitre, der zuvor Kriminalgeschichten geschrieben hat, malt ein ziemlich düsteres Bild der französischen Nachkriegsgesellschaft.

Die Zeit, in der die Politiker mit der Hand auf dem Herzen erklärten, der Staat sei ’seinen lieben Frontsoldaten zu Ehre und Dank verpflichtet‘, war längst vorbei. Albert hatte ein offizielles Schreiben erhalten, in dem es hieß, die wirtschaftliche Situation des Landes erlaube es nicht, ihm seine alte Stelle zu geben. Deshalb sei es notwendig, all jene aus dem Dienst zu entlassen, die ‚unserem Land in diesem grausamen Krieg einen bedeutenden Dienst‘ erwiesen hätten und so weiter. (S.158)

Allerdings gibt es einen Mann, der vom Krieg profitiert. Der ehemalige Leutnant Pradelle, der Mitschuld an dem Unglück von Albert und Édouard trägt,  macht das Geschäft seines Lebens mit der Umbettung von Toten durch die Armee auf eigens eingerichtete Soldatenfriedhöfe und wird so zum Millionär. Sein Trick: wenn man die Leichen klein faltet oder wahlweise hackt, kann man die Särge kleiner bauen und so mehr Tote auf einem Friedhof unterbringen. Und wenn man polnische Totengräber anheuert, sind sie günstiger als französische. Außerdem lernt Pradelle eine hübsche Frau kennen, die Geld hat und einen Namen, den er auch gerne hätte. Dass Pradelle dabei ist, in Edouards Familie einzuheiraten, weiß der Leutnant nicht.

Brutal, kaltblütig, kaltherzig, fies, geldgeil – zu Pradelle fallen mir diverse Adjektive ein. Dass die Freunde Albert und Édouard allerdings selbst einen eigenen Coup starten, der Pradelles Unternehmen in den Schatten stellt, ist ein grandioser Streich von Lemaitre, der das Kriegsdrama im zweiten Teil in eine Gaunerkomödie verwandelt (ohnehin weicht die Schwere des Anfangs, die Verstrickungen von Pradelle mit der Schwester von Édouard gehen schon fast ins schlagerfilm-/operettenhafte).

Albert und Édouard planen Kriegsdenkmäler zu verkaufen. Jedes Dorf braucht ein Kriegsdenkmal und der Künstler Édouard malt die Szenen des Krieges so schablonenförmig, wie die Öffentlichkeit sie gerne hätte. Denn wen interessiert schon, wie es wirklich gewesen ist?  In einer Gesellschaft, in der Tote mehr wert sind, als die Überlebenden, eine ziemlich lukrative Angelegenheit.

Pierre Lemaitre ist für den Roman Wir sehen uns dort oben 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, der Roman war ein Bestseller in Frankreich. Kein Wunder, denn die Geschichte über diese besondere Freundschaft von zwei Außenseitern nach dem Ersten Weltkrieg ist grandios auf den Punkt und wirklich mitreißend geschrieben. Absolute Leseempfehlung.

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben. Aus dem Französischen von Antje Peter (Titel der Originalausgabe: Au revoir lá-haut). btb 2017.

Turtles All the Way Down

 You’re both the fire and the water that extinguishes it. You`re the narrator, the protagonist, and the sidekick. You’re the storyteller and the story told. You are somebody’s something, but you are also your you. (S. 257)

Nach dem Riesenerfolg von The fault in our stars (Das Schicksal ist ein mieser Verräter) nahm sich Green viel Zeit für seinen Nachfolger, der auf Deutsch unter dem Titel Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken erschienen ist. Insgesamt sechs Jahre mussten seine Fans auf das neue Buch warten. In Turtles all the way down befinden wir uns in Greens Lieblingsterritorium, das er meiner Meinung nach in jedem seiner Bücher in verschiedenen Variationen wieder aufgreift: im mittleren Westen der USA, der von superintelligenten und nerdigen Teenagern bevölkert wird, die sich mit existentiellen Krisen herumschlagen. Das klingt nicht außergewöhnlich, aber wenn dann noch Star Wars und The Tempest als (pop)kulturelle Referenzen gedroppt werden, schwebe ich schon im Zitatehimmel.

Turtles all the way down

Es geht es um die 16-jährige Aza und ihre Freundin Daisy, die beide in ein großes Abenteuer stolpern. Ein Milliardär aus der Nachbarschaft ist verschwunden (ihr Lieben, es ist ein Jugendbuch!) und Hinweise auf seinen Aufenthaltsort werden mit hunderttausend Dollar belohnt. Die Detektivstory ist eigentlich nur eine Nebensache, denn Aza verliebt sich in den Sohn des Milliardärs, der alleine mit seinem kleinen Bruder auf die Rückkehr seines Vaters wartet. Aza kennt ihn schon seit einem gemeinsamen Sommer im „Sad Camp“ – einem Feriencamp für Kinder, die einen Elternteil verloren haben. Genug Inhalt und Konfliktpotenzial sind also da. Aber Green legt noch eine Schüppe nach.  Aza hat ein großes Problem. Sie leidet an einer Angststörung und Panikattacken. Sobald sie anfängt sich in ihren Gedankenspiralen zu verlieren, kann sie nicht mehr aufhören. Ein komisches Gefühl im Bauch wird für sie gedanklich direkt zu einer Lebensmittelvergiftung mit ungewissem Ausgang. Die einzige Gewissheit, die sie hat, besteht darin, dass alles immer nur noch schlimmer werden kann.

 

I think, You will never be free from this.

I think, You don’t pick your thoughts.

I think, You are dying, and there are bugs inside of you that will eat through your skin.

I think and I think and I think.

 Natürlich ist die Geschichte insgesamt sehr konstruiert. Der Milliardärssohn schreibt Poesie und anonyme Blogposts und interessiert sich für Astrologie (und romantisches Sterne gucken). Auch während sein Vater verschwunden ist, hat er nur Augen für Aza – das ist natürlich alles ein bisschen too much und ein bisschen kitschig. Genau so, wie man es von einem wirklichen guten Green gewohnt ist (oder fandet ihr die Geschichte von Hazel, die krebskrank nach Amsterdam fährt um ihren Lieblingsschriftsteller zu treffen, realistisch? Ja, eben…).

Trotzdem bleibt gerade im Mittelteil das Gefühl zurück, dass sich Green für diesen Roman wirklich sehr viele Themen vorgenommen hat. Die beiden Jungs, die alleine in ihrem Haus leben und mit der Angst um ihren Vater klar kommen müssen, werden von Azas ausführlichen und tragisch-absurden Ängsten in den Hintergrund gerückt. Vielleicht ist das auch ein überzeugendes Argument für diese Konstruktion: Aza ist so sehr in ihrem Kopf gefangen, dass selbst ein so unrealistisch Abenteuer sie nicht von sich selbst und ihren psychischen Zwängen befreien kann. Und auch die große Liebe ist kein Allheilmittel. Insgesamt fand ich den Roman sehr viel düsterer als andere Romane von John Green, auch wenn es ein stimmiges Wohlfühlende gibt (das man nicht mit einem Happy-End/ „Ende gut, alles gut“ verwechseln sollte). Die Dialoge sind umwerfend komisch, Daisy ist eine grandiose Figur (die auch noch Rey- Chewbacca-Liebesfanfiction schreibt – wie genial ist das denn bitte!) und auch die Geschichte, die sich hinter dem Titel des Romans verbirgt, hat mir gut gefallen.

John Green ist auf YouTube ziemlich aktiv und hat auch einen eigenen Kanal, den er zusammen mit seinem Bruder Hank betreibt. Als Vlogbrothers erreichen sie mittlerweile 3 Millionen Abonnent*innen. Zum Erscheinungstermin seines neuen Buches, machte John Green auch in einem Vlog deutlich, dass er persönlich auch von OCD betroffen ist, die sich bei ihm, wie bei seiner Hauptfigur Aza, in ewigen Gedankenspiralen äußert. Sicherlich ein Grund dafür, warum die Probleme der Hauptfigur so sensibel verhandelt werden, ohne die Absurdität der Handlungen der Betroffenen und die Probleme, die sich daraus auch für zwischenmenschliche Beziehungen ergeben, außen vor zu lassen.

Madness, in my admittedly limited experience is accompanied by no superpowers; being mentally unwell doesn’t make you loftily intelligent any more than having the flu does. So I know I should’ve been a brilliant detective or whatever, but in actuality I was one of the least observant people I’d ever met.

Das Ende ist ziemlich positiv, das hatte ich schon gar nicht mehr erwartet. Und die Freundschaft zu Daisy bekommt noch einmal eine neue Dimension, die mich ebenfalls überraschen konnte.

John Green: Turtles all the way down. Dutton Books 2017.

 

 

Wer ist B. Traven?

In Torsten Seiferts Debüt geht es um eine literarische Spurensuche, viele Abenteuer und ein großes Geheimnis.

Wer ist B. Traven

1947. Der junge Reporter Leon bekommt von seinem Chef eine heikle und ziemlich wichtige Aufgabe. Er soll herausfinden, wer der geheimnisvolle Schriftsteller B. Traven ist, ein Mann, um dessen Identität sich seit Jahren viele Mythen und Spekulationen ranken. Das Magazin Life hat schon ein Preisgeld für den Journalisten ausgeschrieben, dem es gelingt, Travens Identität zu enthüllen. Leons Chef will schneller sein als das Konkurrenzblatt und dafür gibt es einen einfachen Grund. In Mexiko wird gerade ein Roman von Traven verfilmt, der Klassiker Der Schatz der Sierra Madre mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle. Bevor der Streifen in die Kinos kommt, soll Leon liefern.

Auch wenn ich nicht verstehe, warum die Leute solch ein Gedöns um einen Schriftsteller machen. Sie wollen wissen, wann er aufsteht, wann er frühstückt, ob er trinkt, Golf spielt oder lieber Poker. Es ist ungerecht, dass ein Künstler mehr Beachtung findet als jeder andere, der seine Arbeit tut. (258)

Der Journalist fährt sofort nach Mexiko, denn auch Travens Assistent soll sich am Set befinden. Hinter vorgehaltener Hand wird sogar gemunkelt, der Assistent sei selbst der mysteriöse  Schriftsteller.  Aber statt sich in die Recherche zu stürzen, spielt Leon lieber mit Bogy Schach und macht Bekanntschaft mit einer schönen Frau, die sein Leben auf den Kopf stellt. Als er wieder nach L.A. zurückkehrt, lässt ihn die Suche nach Traven aber einfach nicht los. Leon macht sich wieder auf den Weg, dieses Mal nach Wien.

Torsten Seifert hat einen Abenteuerroman über einen unsteten Schriftsteller geschrieben, der mehrmals sein Leben und seine Namen änderte und dessen letzten Geheimnisse nicht geklärt werden konnten. Traven war ein Schriftsteller, der stets mehr Wert auf seine Anonymität legte, als auf Fans und Starkult um seine Person. Und das ist bemerkenswert. Immerhin hat er 12 Romane geschrieben, die in 24 Sprachen übersetzt wurden (Gesamtauflage: 30 Millionen). Eine bekannte Größe also, könnte man meinen. Aber Traven zog es vor, im Verborgenen zu bleiben. Ich habe den Fehler gemacht, mich im Vorfeld über Traven auf Wikipedia zu informieren – tut das lieber nicht, ihr werdet weniger Spaß an der Geschichte haben.

Neben dem literarischen Rätselraten und einigen Ausschnitten aus Travens Werk, gibt es eine Menge exotische Settings, die ganz im Stil eines klassischen Abenteuerromans unterhalten und auf Grautöne in der Figurenzeichnung (Leon selbst ist da eine große Ausnahme) verzichten. Da gibt es Bordellszenen in Mexico (inklusive eines Wrestlingkampfes) und für Leon eins auf die Nase, aber auch eine traumhafte Bibliothek in Wien. Mich erinnert diese Jagd an Vintage, auch wenn es Hervier gelingt, die Suche etwas eleganter zu gestalten.

Ich habe mir beim Lesen öfter gewünscht, ein Buch von Traven zur Hand zur haben, denn ich glaube, dass Seifert ganz bewusst mit Setting und Stil gespielt hat um eine Nähe zu den Originalen des mysteriösen Schriftstellers herzustellen. Das Ergebnis ist eine ziemlich stimmige und atmosphärische Erzählung geworden, die nach einem fulminanten Auftakt temporeich weiter geht. Habt ihr die Bücher von B. Traven gelesen? Neben dem zu erwartenden Abenteuerfaktor soll sich nämlich auch eine Menge Gesellschaftskritik hinter den Zeilen verbergen, ein Muss für einen politischen Menschen wie Traven, der seine Geschichten auch immer mit einer Kritik an den Ausbeutungsmechanismen des Kapitalismus verknüpfte.

Wer 40er-Jahre Flair liebt und einen spannenden Roman über eines der letzten Geheimnisse der Literaturgeschichte sucht, wird mit Wer ist B. Traven? bestens unterhalten. Herausragende Frauenfiguren gibt es leider nicht, immerhin gibt es die eine geheimnisvolle Dame, die sich noch als kleiner Lichtblick entpuppt. In Anbetracht der vielen handelnden Personen ist dieser Lichtblick allerdings sehr klein. Aber es gibt eine Sexszene in einer katholischen Kirche, das ist immerhin auch ein bisschen Abenteuer.

Noch ein Servicehinweis: Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert wurde 2017 zum Siegertitel des Blogbusterpreises gewählt. Aus über 250 Einsendungen haben die 15 Blogger*innen der Jury aus verschiedenen eingesandten Manuskripten eine Auswahl getroffen, die dann wiederum von einer Kritiker*innenjury bewertet wurde.

Torsten Seifert – Wer ist B. Traven? Tropen 2017.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Texthäppchen I

Ich habe einen Rezensionsstapel in meinem Zimmer, der immer höher wächst. Bald kann ich die Tür nicht mehr aufmachen. Deshalb habe ich mir das Mini-Format Texthäppchen überlegt, in dem ich euch ganz kurz sage, warum die Bücher grandios waren – oder eben nicht. Und bevor ich hinter einem Rezensionsstapel verschwinde, schreibe ich lieber ein paar Sätze zu den Romanen, bei denen es für mich nicht für eine länge Rezension gereicht hat, zu denen ich euch aber trotzdem etwas sagen möchte.

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Mirko Bonné – Nie mehr Nacht

Markus reist mit seinem fünfzehnjährigen Neffen in die Normandie, weil er für ein Kunstmagazin eine alte Brücke zeichnen soll, die 1944 bei der Landung der Allierten eine wichtige Rolle gespielt hat. Die Reise an die französische Küste wird unversehens zu einer Reise in die Vergangenheit und in die Abgründe von Markus‘ Leben. Genial geschrieben, schwebend und gleichzeitig verstörend, unglaublich tragisch und gleichzeitig spannend. Ein toller Roman, den ich sicherlich nicht so schnell vergessen werde.

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen

Walter Nowak schwimmt jeden Morgen seine Bahnen im Freibad, bis ihn etwas aus der Fassung bringt. Unbeweglich liegt er auf dem Boden seines Badezimmers, während seine Vergangenheit in einem langen Gedankenstrom an ihm vorbeizieht. Er erinnert sich an den Versuch für seine Mutter ein Elvis-Autogramm zu erstehen, an seine erste Frau Gisela, an ihren Schweinebraten (der Schweinebraten spielt eine wirklich wichtige Rolle!), seinen Sohn Felix, der ihm schon lange fremd geworden ist,  und er erinnert sich an die Diagnose, die ihm der Arzt gestellt hat…. Julia Wolf stand mit ihrem Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und hat beim Bachmann-Wettbewerb teilgenommen. Ich fand Walter Nowak sehr experimentell, lustig, ein bisschen traurig und wirklich toll geschrieben.

Olga Grjasnowa – Gott ist nicht schüchtern

Hamoudi und Amal, zwei syrische Flüchtlinge, die irgendwie ihren Weg nach Deutschland finden. Während Hamoudi eigentlich in Frankreich lebt, darf er nach einer Reise in sein Heimatland nicht mehr zurückkehren. Als der Chirurg im Krieg auch dazu gezwungen wird, Kämpfer des IS zu behandeln, plant er seine Flucht. Amal ist engagiert und setzt ihre Existenz aufs Spiel, weil sie sich für die Demokratie einsetzt. Amal und Hamoudi landen in Berlin, doch das heißt noch lange nicht, dass sie in Deutschland angekommen und sicher sind. Grjasnowa ist mit einem syrischen Schauspieler verheiratet, natürlich schreibt sie sehr engagiert, auch über die Grausamkeiten des Krieges. Das ist sehr bewegend. Die Figuren Hamoudi und Amal empfand ich hingegen als ein wenig stereotyp, das gefiel mir nicht so gut.

 

Was habt ihr als letztes gelesen?

 

Mirko Bonné – Nie mehr Nacht. Fischer 2013.

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen. Frankfurter Verlagsanstalt 2017.

Olga Grjasnowa – Gott ist nicht schüchtern. Aufbau Verlag 2017.

 

 

 

Good Night Stories for Rebel Girls

Alle zwei Monate treffe ich mich mit meinem englischsprachigen Bookclub. Wir lesen und diskutieren ein Buch, essen Kuchen und Kekse und da viele von den anderen Ladies schon Kinder haben, sind die lieben Kleinen auch mit von der Partie. Das hat vielleicht auch unsere letzte Buchauswahl beeinflusst. Unser  Oktoberbuch war „Good Night Stories for Rebel Girls“ und hier sind drei Gründe, warum ihr dieses Buch auch lesen solltet.

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  1. Das Buch ist empowernd, nicht nur für kleine Mädchen. Die Autor*innen stellen hundert Frauen* vor, die die Welt verändert haben. Der Grund ist einfach: die beiden Autor*innen haben festgestellt, dass es in den aktuellen Kinderbüchern mehr tierische Protagonisten gibt, als Heldinnen in der Hauptrolle. Wenn Frauen oder Mädchen vorkamen, dann häufig am Rande, ein Zustand, den die beiden mit ihrem Buch verändern wollten. Jede Geschichte beginnt mit dem gleichen Satz: “ Once upon a time, there was a girl named X … „. Auf nur einer Seite wird die Geschichte einer Forscherin, Sportlerin oder Künstlerin oder Politikerin oder Malerin oder Musikerin oder Spionin [oder oder oder] vorgestellt. Es geht immer um Frauen, die für ihren Bereich Großartiges geleistet haben. Und alle waren einmal kleine Mädchen. Identifikationspotenzial für die Kleinen und ein Aufhänger um weiter Wikipedia zu konsultieren für die Großen. Ich habe noch nie eine so tolle und inspirierende kulturgeschichtliche Sammlung über weibliche Pionier*innen gelesen, ganz im Sinne einer „Herstory“ (statt History, you know). Danke dafür.
  2. Elena Favilli und Francesca Cavallo haben ihr grandioses Buch über eine Kickstarter-Kampagne finanziert und dabei nebenbei einen Rekord gebrochen. Toll für die beiden und toll für uns, denn nur dank der Crowd können wir jetzt dieses super Buch in den Händen halten. Ich finde solche Projekte genial und ich glaube an die Crowd. Amen.
  3. Die Illustrationen sind der Hammer. Jedes Porträt sieht anders aus, denn an jedem Porträt hat eine andere Künstlerin gearbeitet und jedes Porträt wird durch ein Zitat ergänzt. Beim Durchblättern wollte ich mir am laufenden Band Zitate aufschreiben. Das Buch ist unglaublich bunt, über 60 Illustrator*innen aus unterschiedlichsten Ecken der Welt haben an dem Buch mitgearbeitet und machen es zu einem außergewöhnlichen Werk, das zudem bezahlbar ist.*

 

Feet, what do I need you for, when I have wings to fly?

Frida Kahlo, S. 58

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Ich könnte natürlich noch viele andere Sachen schreiben. Zum Beispiel, dass Frida Kahlo, einer meiner Lieblingskünstlerin vorkommt und Kate Sheppard, eine der Suffragetten, die Sängerin Maria Callas oder Jane Austen. Good Night Stories for Rebel Girls hat mich überzeugt, ihr könnt es für euch selbst kaufen oder für eure Nichten oder Töchter oder Neffen und Söhne. Es ist ein Buch, das nicht in einem Rutsch gelesen werden muss. Es ist zum Angucken, zum Nachlesen, zum Weiterdenken.

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Natürlich kann auf einer Seite nicht die gesamte Lebensgeschichte einer Frau abgebildet werden, aber darum soll es auch nicht gehen. Die Autor*innen beschreiben ihre Herangehensweise des Erzählens als „creative nonfiction“. In wenigen Sätzen wird das Leben einer Heldin skizziert, ob es jetzt Ada Lovelace ist, eine Mathematikerin, die Mitte des 19. Jahrhunderts das erste Computerprogramm schrieb, lange bevor es Computer gab oder um Astrid Lindgren, die Pippi Langstrumpf erfunden hat.  Es ist ein Buch, in dem es keine pinken Prinzessinnen gibt, die darauf warten, gerettet zu werden, sondern ein Buch, in dem die Girls zeigen, was alles möglich ist. Es ist ein Buch, dass jedes Mädchen lesen sollte.

It is important that girls understand the obstacles that lie in front of them. It is just as important that they know these obstacles are not insurmountable. That not only can they find a way to overcome them, but that they can remove those obstacles for those who will come after them, just like these great women did.

(Vorwort xii)

Elena Favili and Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 Tales of extraordinary Women. Particular Books (an imprint of Penguin Books) 2017.

Weitere Besprechungen findet ihr bei

 

*Als ich es für den Bookclub gekauft habe, musste ich 12 Euro bezahlen. Für ein Hardcover wirklich nicht zu viel.

Nachtlichter

Amy Liptrot hat mit ihrem Debüt Nachtlichter eine mutige Geschichte über die Einsamkeit in der wilden Natur der Orkneys geschrieben und liefert gleichzeitig tiefe Einblicke in das Leben nach ihrem Alkoholentzug.

NachtlichterDie Journalistin Amy Liptrot landet mit Anfang dreißig an dem Ort, an den sie eigentlich nie zurückwollte – in ihrer alten Heimat, den Orkneyinseln, einer abgelegenen Region im dünn besiedelten Schottland. Nur zwanzig der Inseln sind bewohnt, Cava, Faray, Fara, Eynhallows, Swona und Copinsay sind es nicht mehr. Sie sind  einsame Flecken Erde, „auf denen die leeren Häuser verfallen, den Elementen preisgegeben“, während die Felder sich langsam in Moore verwandeln. Warum Amy Liptrot ausgerechnet diese unwirtlichen Orte aufsucht, macht einen großen Teil der Faszination des Buches aus.

Auf der kleinen Insel Papay gelingt es Amy Liptrot für einen Moment innezuhalten. Als sie die Wellen beobachtet, wird ihr etwas klar: Alle Wellen können „nur eine bestimme Höhe erreichen, ehe sie abstürzen“. Es ist der Moment, der für sie einen Neuanfang markiert.

Während eine Welle zerschellt und Schaum in meine Richtung spritzt, wird mir klar, dass ich […] mich beim Trinken genauso gefühlt habe. (S.266)

Amy Liptrots Debüt zu lesen, gleicht gerade in den Anfangssequenzen einem voyeuristischen Akt. Es ist nicht ganz einfach zu lesen, wie viele Abstürze die Journalistin mitmachen muss und welche Schwierigkeiten ihr immer wieder begegnen, die in der Regel mit ihrer Alkoholsucht zusammenhängen. Das spannende und faszinierende an dieser Biografie ist hingegen, wie es Liptrot gelingt, in der Einsamkeit der Natur zu sich selbst zu finden. Während sie Basstölpel und Lummen beobachtet, Steinmauern baut und Schafe über die Weide trägt, merkt sie, dass das Leben in der Natur eine heilende Wirkung hat. Sie beschäftigt sich mit Nachtlichtern und Astronomie und kann über ihr Handy und ihren Laptop mit der Welt „da draußen“ kommunizieren. Erst hier entfaltet sich das, was der Observer  als „Sternstunde des New Nature Writing“ bezeichnet. Und um diesen krassen Kontrast zu verstehen, war der erste Teil, in dem Liptrot sich von Exzess zu Exzess quält, Jobs verliert, betrunken durch London auf der Suche nach Alkohol irrt und aus WG-Zimmern geschmissen wird, wahrscheinlich für die Schriftstellerin notwendig. Für die Leser*innen kann dieser Aufbau etwas langatmig werden.

Erst weit weg von der Zivilisation, an den wahrscheinlich einsamsten Orten der Welt, die sie seit ihrer Jugend verlassen wollte, findet sie zu sich selbst und lebt ein Leben wie ihre Eltern. Sie züchtet Schafe und lässt sich auf Papay nieder, einer Insel mit gerade einmal 70 Bewohner*innen. Hier schwimmt sie im Meer, fängt an zu schnorcheln und lebt sehr minimalistisch. Außerdem arbeitet sie für einen Umweltschutzverein und zählt den seltenen Wachtelkönig, einen bedrohten Vogel, den man nur nachts hören kann. Während sie versucht, den Vogel zu finden, reflektiert sie immer wieder ihre Situation und versucht zu verstehen, warum sie wieder im Nordwesten der Orkneys gelandet ist. Und dann spielt auch die Literatur wieder eine Rolle.

Schon vor meinem Sommerjob habe ich angefangen, Moby Dick zu lesen. Inzwischen lese ich das Buch schon so lange, dass es sich anfühlt, als befände ich mich selbst auf einer dreijährigen Walfangreise rund um die Welt; ich trage das Buch jeden Tag bei mir, schwer wie eine Harpune liegt es in meiner Umhängetasche. Ich bin der rasende Kapitän Ahab, nur jage ich anstelle eines Wals einen scheuen Vogel. (S.167)

Im englischsprachigen Raum scheint die Kategorie „New Nature Writing“ tatsächlich ein großes Ding zu sein. Ich habe mich ein bisschen an Wild -Der große Trip erinnert gefühlt, aber trotzdem schreibt Liptrot ganz anders, dafür nicht weniger faszinierend von ihrem Weg in ein glücklicheres Leben.

„Ich habe Diskolichter gegen Himmelslichter eingetauscht, aber ich bin immer noch von Tänzern umgeben. Ich werden von siebenundsechszig Monden umkreist.“ (S.269)

Amy Liptrot – Nachtlichter. Aus dem Englischen von Bettina Münch. btb 2017.

Das Bild habe ich letzte Woche in unserem Kroatienurlaub gemacht – ich habe es leider nicht nach Schottland geschafft. Aber Kroatien war auch sehr schön ;)

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen, vielen Dank.