Was nie geschehen ist

„Maus, der Comic meines Vaters, in dem er die Erfahrungen seiner Eltern in Auschwitz und weiteren Konzentrationslagern verarbeitet hatte, gewann den Pulitzer Preis, als ich fünf war. Im Licht dieses Preises erschien er der Welt überlebensgroß, so groß, dass sogar er selbst hin und wieder damit zu kämpfen hatte. Bei uns zu Hause war jedoch meine Mutter diejenige, die den längeren Schatten warf.“ (S.18)


Nadja Spiegelman ist die Tochter des Comiczeichners Art Spiegelman und der Art-Direktorin des New Yorker  Françoise Mouly. Deswegen, so stellt sie relativ am Anfang ihres Romans fest, habe sie schon immer gewusst, wie es sich anfühle, als Protagonistin in einem Roman aufzutauchen. Als sie geboren wurde, markierte ihr Vater sie als Sternchen im Nachthimmel von „Maus“. Im autobiographischen Debütroman der 30-jährigen kommt ihr Vater allerdings kaum vor. Stattdessen beleuchtet sie das komplizierte Verhältnis ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Gleichzeitig thematisiert sie den Einfluss, den die Erzählungen ihrer Mutter auf sie selbst haben. Es geht auch um die Rolle, die das Erinnern in ihrem Leben spielt, sowie die Rolle der Erzählungen der Mutter in der kommunikativen Beziehung der beiden, denn diese Erzählungen werden auch immer wieder zur Selbstvergewisserung und Bestätigung der eigenen Lebensgeschichte herangezogen. Gleichzeitig kommt dieses Verhältnis natürlich auch nicht ohne Machtkämpfe, Schweigen, Geheimnisse und Ignoranz gegenüber bestimmten Gefühlen in dieser doch sehr engen Beziehung zwischen Mutter und Tochter aus.


Nadjas Mutter Françoise wird 1955 in Paris geboren. Eine Szene aus ihrer Kindheit erzählt sie ihrer Tochter Nadja immer wieder:
Françoise versucht eine Zitronentarte zu backen. Ihre Mutter Josée, ihr Vater und ihre Schwestern lachen sie aus, man bräuchte ja einen Hammer und eine Säge um das Stück Kuchen essen zu können. Die kleine Stichelei wird zur lebenslangen Demütigung für das sensible Mädchen.

Françoise bekommt mit, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, der Vater ist Schönheitschirurg und verkehrt in den Kreisen der High Society, auch ihre Mutter Josée hat Affären und kümmert sich nicht um ihre Tochter
Françoise – bis diese nach New York abhaut, versucht sich das Leben zu nehmen, überlebt, wieder an Depressionen leidet und am Ende eine erfolgreiche Karriere als Künstlerin und Leiterin eines Comicverlages antritt.


Das Verhältnis von Françoise und ihrer Mutter Josée war immer angespannt. Seit 2009 überlegte Spiegelmann ein Buch über ihre Mutter und ihre Großmutter zu schreiben und greift damit ein Thema auf, dass auch ihren Vater immer umtrieben hat: Familie.

Nadja Spiegelman beschreibt, wie viel Zeit es gekostet hat, dass ihre Mutter ihr mit ihrer Geschichte vertrauen konnte. Hat man als Leser*in gerade das Gefühl, ein Gespür für Joseé bekommen zu haben und sie als herrschsüchtige und dominante Figur eingeordnet, folgt Nadja in der Mitte des Romans einer Einladung Josées nach Paris, wo die ältere Dame auf einem Hausboot lebt. Enkelin und Großmutter verstehen sich wunderbar – und Josée erinnert sich ganz anders an die Erlebnisse ihrer starrsinnigen Tochter Françoise, zum Teil widersprechen sich die erlebten Ereignisse diametral. Außerdem erzählt sie Nadja stattdessen von ihrer Kindheit und dem, was sie unter ihrer Mutter zu erleiden hatte. Durch die Erzählungen der Großmutter inspiriert, beginnt auch Nadja immer wieder die eigenen Erfahrungen mit den Erfahrungen ihrer Mutter zu vergleichen und nimmt auch die Erzählungen ihrer Großmutter über ihre eigene Mutter Mina mit auf, denn Josée ist als uneheliches Kind zur Welt gekommen.  

Es ist spannend zu lesen, wie sehr sich die Erinnerungen dieser beiden wichtigen Frauenfiguren in Nadjas Leben unterscheiden. Es gibt so viele blinde Flecken und so wenig Verständnis füreinander. Schon allein die Geschichte um die Zitronentarte, die für Françoise zur lebenslangen Schmach wurde und in der ihre Mutter keine gute Figur gemacht hat, erscheint in Josées Erinnerung als kleine Nichtigkeit, die niemanden lange interessiert hat. So unterschiedlich können Erinnerungen sein und so unzuverlässig ist letztlich das, was sich als prägender Moment in unserem Leben herauskristallisiert. Eine allgemein gültige Erkenntnis, die doch die Besonderheit dieses Romans ausmacht. Gleichzeitig ist es auch erschreckend festzustellen, dass es eine Gemeinsamkeit im Leben der unterschiedlichen und so verschiedenen Frauen gibt: sexuelle Gewalt in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Aber auch der Umgang mit diesen Gewalterfahrungen ist von Generation zu Generation verschieden.


Auch wenn man nicht das Gefühlt hat, dass es sich um einen Roman handelt, in dem viel passiert, sind die Beziehungen untereinander häufig von Missverständnissen, gänzlich unterschiedlich wahrgenommenen Ereignissen und auch Vernachlässigung geprägt. Durch die Gespräche mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter gelingt es Nadja, neben den sich wiederholenden Mustern von Selbstbehauptung und Aufbegehren gegen die festgelegten Familienstrukturen, zwei faszinierende Frauen und ihre Lebensgeschichte zu beschreiben. Beide mussten sich immer wieder auch gegen männliche Dominanz in ihrem Leben stellen und sich selbst behaupten. Je länger man liest, desto mehr gewinnt man den Eindruck, beide, Mutter und Großmutter, auf ihre ganz eigene Art zu verstehen.

Nadja Spiegelman ist so ein sehr kluger, autobiografischer Coming-of-Age-Roman gelungen, in dessen Zentrum Diskurse über Erinnerungen, (sexuelle) Identität und Familiengeschichten stehen, die erst durch neue Erzählungen, manchmal auch durch Wiederholungen, Neuinterpretationen und interpretierte Leerstellen entstehen. Durch die Rückblicke in die Lebenswelten ihrer Mutter und Großmutter, entsteht so auch eine Erzählung über die Emanzipationsgeschichten von jungen Frauen im 20. Jahrhundert. Absolut lesenswert.

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist. Aus dem Englischen von Sabine Kray (englischer Titel: I’m supposed to protect you from all this.) Aufbau Verlag 2018.

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Wege, die sich kreuzen

Mit Wege, die sich kreuzen hat Tommi Kinnunen einen ruhigen und sehr besonderen Generationenroman geschrieben, dessen tragische Wucht sich erst langsam entfaltet.


„Musst du ihn denn so anschreien?“Lahja kniff den Mund zusammen. „Das geht dich nichts an.“ „Wir wohnen aber alle im selben Haus.“ (S.78)


Wenn Kinnunen ein Talent hat, dann ist es sicherlich die besondere Gabe, außergewöhnlich glaubhafte Figuren aufs Papier zu zaubern. Sein Roman umfasst knapp hundert Jahre Zeitgeschichte im hohen Norden Finnlands. Der Roman beginnt 1895 mit der Hebamme Maria, die ihre kleine Tochter Lahja alleine großzieht. Wenn es schwierige Geburten gibt, wird Maria geholt. Unverdrossen schlägt sie sie sich mit dem Fahrrad durch Eis und Schnee zu Frauen, die ihre Hilfe brauchen. Einen Mann hat sie in ihrem Leben nicht nötig. Lahja ist eine genau so eigenwillige Person wie ihre Mutter. Sie wird Fotografin, kämpft sich in diesem Männerberuf durch und macht sich selbstständig. Sie bringt eine Tochter zur Welt, der Vater ihres Kindes verlässt sie und geht nach Amerika. Dann lernt Lahja Onni kennen, der ihre Tochter ohne Bedenken akzeptiert. Anders als Maria wünscht sich Lahja nichts sehnlicher als eine Familie, dabei ist ihr von Anfang an klar, dass sie Onni nicht alles geben kann, was er braucht und was er begehrt. Sie akzeptiert, dass er immer wieder für lange Wochenenden verschwindet. Trotzdem versuchen sich alle mit der Situation zu arrangieren. Sie leben gemeinsam in Marias Haus, das sie nach Lust und Laune erweitern und immer größer bauen. Doch im Krieg wird ihr Zuhause zerstört. Die Familie wird sich ein neues Haus bauen.


In der Familie gibt es unglaublich viele Konflikte. Nicht nur zwischen Onni, der durch sein Begehren und sein Versuch dieses mit dem Familienleben in Einlang zu bringen zerrieben wird und Lahja, sondern auch zwischen Lahja und ihrer Schwiegertochter Kaarina, die im neuen Haus mit der Familie leben wird. Hier entdeckt sie, dass Lahja einen furchtbaren Verrat begangen hat. 

Ich möchte gar nicht zu viel verraten. Die Geschichte ist unglaublich klug konstruiert. Maria, Laaja, Kaarina und Onni erzählen anhand der verschiedenen Lebensstationen und Straßen, in denen die Familie gelebt hat, die Ereignisse, die ihnen wichtig sind. So ergeben sich spannende Perspektivwechsel und Ergänzungen zu Erlebnissen, die vorher schon eine andere Person erzählt hat. In jedem Teil werden so einzelne Bruchstücke der Familiengeschichte offenbart oder zeigen die Auswirkungen des Krieges auf die Mitglieder der Familie. Der Roman ist traurig und zum Teil sehr hart, trotzdem erzählt Kinnunen gekonnt von Frauen, die ihre Familien beschützen und von loyalen Ehemännern, die alles dafür tun, damit es ihren Kindern gut gehen wird. Trotzdem verstricken sich alle Familienmitglieder in Geheimnisse und machen schreckliche Fehler, die auch noch spätere Generationen belasten werden. Ein Debütroman, der es in sich hat. Der Roman war in Finnland ein großer Leser*innen- und Kritiker*innenerfolg und führte wochenlang die finnische Bestsellerliste an. Außerdem wurde er für den renommierten Finlandia- Preis und den Europäischen Literaturpreis nominiert.

Tommi Kinnunen – Wege, die sich kreuzen.

Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Deutsche Verlags-Anstalt 2018.

336 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank!

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Kallocain

„Er hatte kein anderes Ziel vor Augen, als diese Frau zu entlarven, die hier herumlief und privatsentimentale und asoziale Gefühle in sich trug, sie bei einem Heulkrampf oder einer heftigen Antwort an den Pranger zu stellen und später auf sie zeigen und sagen zu können: Seht, was noch unter uns weilt und was wir hier dulden müssen!“ (S.34)

Der Chemiker Leo Kall lebt in einem totalitären Staat in der Zukunft. Zu Beginn der Handlung ist er 60 Jahre alt und sitzt im Gefängnis. Er schildert seine Erinnerungen an eine Zeit von vor über 20 Jahren. Damals lebt er mit seiner Frau Linda zusammen. Sie sind sehr ambitioniert darin, das totalitäre System zu stützen und lassen sich regelmäßig (wie alle) von einer Haushaltshilfe unterstützen und überwachen. Außerdem akzeptieren sie, dass ihre Schlafzimmer von „Polizeiauge“ und „Polizeiohr“ überwacht werden – das Private gibt es nicht mehr. Stattdessen wird jede Form von Privatsphäre ausgehöhlt.

Ein politisch unentschlossener Ehemann lässt sich nicht etwa scheiden, wenn seine Frau ihn der Polizei ausliefert, sondern wenn er den Verdacht hegt, dass sie trotz seiner Verfehlungen zu ihm halten könnte. Die Kinder sind nur an ausgewählten Tagen zu Hause, denn die Erziehung liegt in der Hand der Fachkräfte des Staates, die die Kinder zu Kriegsspielen animieren und dazu, die Verfehlungen ihrer Eltern zu melden. Tiefere Verbindungen zueinander sind untersagt. Wie in fast allen klassischen Dystopien, wird nicht geklärt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen dazu beigetragen haben, dass die Welt und die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Stattdessen werden die Gegebenheiten zunächst von allen Protagonist*innen akzeptiert und unterstützt.

Wir lernen Leo Kall kennen, der eifrig an einer neuen Droge arbeitet (Kallocain, benannt nach ihm, dem Erfinder der Chemiekeule). Kallocain, eine Art Wahrheitsserum, erlaubt es, einen Blick in die Geheimnisse und ver-borgenen Sehnsüchte und Wünsche der Mitmenschen (im Roman nur „Mitsoldaten“ genannt) zu werfen, denn unter Drogeneinfluss offenbaren ihm seine Versuchskaninchen alles.

Leo startet eine Versuchsreihe mit Mitgliedern des staatlichen Opfer-dienstes, die ihre Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Leo ist geschockt, als er von den Probanden, die unter Drogeneinfluss stehen, erfährt, dass sie keineswegs freiwillig und voller Begeisterung ihre Körper dem Staat opfern. Sie haben Depressionen, zweifeln an ihrem Dasein. Auch ihre Ehepartner sind nicht immer linientreu. Leo kann das nicht begreifen. 

„Bewirbt sich denn wirklich nur Abschaum beim Freiwilligen Opferdienst, fragte ich mich. Aber ich wusste natürlich, dass dies nicht zutraf. Ich wusste, dass hochwertige Eigenschaften erforderlich waren, damit jemand sich dort bewarb, dass Mut, Opferwille, Uneigennützigkeit, Entschlossenheit verlangt wurden, ehe man sich einem solchen Beruf überantwortete. Ebenso wenig konnte oder wollte ich mir vorstellen, dass dieser Beruf die Menschen zerstörte, die ihn wählten. Doch die Einblicke, die ich in die Privatsphäre der Versuchspersonen erhielt, waren niederschmetternd.“ (S.67)

Doch die Droge Kallocain eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die Macht des Staates auszubauen. Wenn die letzten privaten Momente darin bestehen, sich Gedanken zu machen, was wäre alles möglich, wenn allein der Gedanke an eine subversive Aktion gegen den Staat mit dem Tod bestraft werden könnte? Doch während die Vertreter des Staates erhoffen, durch den Einsatz der Droge Saboteur*innen und Terrorist*innen auf die Schliche zu kommen, entdeckt Leo eine ihm bisher unbekannte Seite seiner Mitmenschen: sie sehnen sich nach Liebe, Geborgenheit, Freiheit und nach einer anderen, besseren Welt.

In Kallocain schreibt Karin Boye sehr deutlich darüber, was es bedeutet, wenn ein totalitärer Staat seine Bürger*innen überwacht und sie dazu animiert, sich gegenseitig auszuspionieren. Am Schluss hat Leo zwar seine Geschichte aufgeschrieben ( ein Akt des Widerstands?), aber seine Geschichte lagert in einem Geheimarchiv und die Macht darüber hat die Zensurbehörde.

Die beeindruckende Dystopie, die in einer Liga mit 1984 und Fahrenheit spielt, ist rund acht Jahre früher als Orwells 1984 erschienen. Die Schwedin Karin Boye veröffentlichte ihren Roman 1940, nachdem sie in Deutschland und in der Sowjetunion auf Reisen war. 1922 debürtierte sie mit einem Lyrikband, mit fast 30 wurde sie Generalsekretärin der (schwedischen) Clarte, einem internationalen Literaten- und Intellektuellenzirkel des französischen Pazifisten Henri Barbusse, außerdem übersetzte sie den Roman Der Zauberberg von Thomas Mann und die wichtigsten Werke von T.S. Elliott ins Schwedische. Seit den 1930er Jahren gab sie eine Zeitschrift mit literarischen Essays heraus. Im April 1941 wählt Boye den Freitod.

Karin Boye – Kallocain. Aus dem Schwedischen und mit einem Nachwort von Paul Berf. btb 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

Der Platz an der Sonne

“ Ich will was machen aus mir und meinem Leben. Das will doch jeder Mensch, oder? Ich meine, warum hat sich denn der olle Mose auf die Socken gemacht und das ganze Volk Gottes mit ihm? Weil sie aus der Scheiße rauswollten, deshalb! Weil sie was Besseres wollten als das, was ihnen zugeteilt war. Und weil in Ägypten da nichts zu machen war. Das sind die großen Helden, aber ich darf das nicht?“ (S. 475)

Die besten Ideen sind häufig die einfachsten.  Christian Torkler hat in seinem Debüt „Der Platz an der Sonne“ kurzerhand die Weltgeschichte umgeschrieben und dreht die Perspektive um: Was wäre, wenn wir aus Europa nach Afrika fliehen müssten?

Der Held dieses dystopischen Textes ist Joshua Brenner, Berliner, Jahrgang 1978.  Er macht sich auf den Weg und sucht sein Glück in Afrika. Roller, sein bester Freund von früher, hat ihm von dort eine Postkarte geschickt. Roller hat es geschafft. Er ist losgezogen- wie viele andere auch – aber er hat es geschafft und er hat Joshua sogar zu sich eingeladen. Nach vielen tragischen Schicksalsschlägen macht sich Joshua  auf ins Ungewisse.

Im Roman sind die politischen Entwicklungen, die zu dieser Umkehr der Perspektive führen, eine direkten Folge des Zweiten Weltkriegs. Während der sowjetischen Blockade Berlins und der Luftbrücke der USA, eskalierte der Kalte Krieg zu einem Dritten Weltkrieg und entwickelte sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Weltmächten, der innerhalb Deutschlands ausgetragen wurde. Mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Deshalb unterstützt die Afrikanische Union den verarmten Kontinent, auch wenn die meisten Entwicklungshilfegelder nicht bei der Bevölkerung ankommen. 

Nach dem Krieg ist Europa zerstört, Deutschland in sechs verschiedene Kleinstaaten zersplittert. Mit dem Friedensvertrag von Reikjavic 1961 teilt sich auch das Land in verschiedene Hoheitsgebiete: den Freistaat Bayern, den Süddeutschen Bund, die Bundesrepublik Rheinland, Westfalen und Nassau, die Sozialistische Volksrepublik Mitteldeutschland, die Norddeutsche Förderation und die Neue Preußische Republik, deren Hauptstadt Berlin ist. Alle Einzelstaaten sind verarmt, totalitär regiert, die Bevölkerung wird unterdrückt, Demokratiebestrebungen gewaltsam niedergeschlagen und eine funktionierende Infrastruktur sucht man vergeblich.  

In der Neuen Preußischen Republik leben die Menschen in Armut, es gibt einen wachsenden Schwarzmarkt und normale Arbeitsplätze sind kaum zu finden. Joshua  wächst in einfachsten Verhältnissen auf. Sein Vater ist eines Tages verhaftet worden und nie wieder gekommen. Seine Mutter arbeitet Tag und Nacht um die Familie zu ernähren. Obwohl Joshua relativ schlau ist und gerne lernt, kann er die Höhere Schule nicht besuchen, seine Mutter kann sich das Schulgeld nicht leisten. Erst verkauft Joshua mit seiner Mutter als Kleinunternehmer selbstgemachte Suppe, dann fährt er Taxi. Er versucht sich – so weit es eben möglich ist – aus kriminellen Strukturen herauszuhalten und sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Er arbeitet hart, versucht immer wieder neue Wege für sich zu entdecken und gibt nicht auf. Als er eine Bar eröffnet, merkt er, dass nicht nur das staatliche Behördensystem korrupt ist. Überall hat die Mafia ihre Finger im Spiel und nicht nur deswegen muss Joshua das Land verlassen. Er hat einfach keine Chance in Berlin je etwas zu werden und er hofft auf einen Platz an der Sonne in Afrika. 

Seine Odyssee führt ihn über Ostdeutschland, nach Frankfurt, über die Schweizer Alpen, durch Italien bis an die afrikanische Küste. Und diese Migrationgsgeschichte ist nichts für schwache Nerven. Joshua ist nicht der sympathischste Held und er macht nicht immer alles richtig. Aber was ihm auf dieser Reise alles passiert ist von so schrecklicher Ungerechtigkeit, das man beim Lesen fast verzweifeln möchte. Sein Leben ist bedroht, er verliert Freunde, er wird ausgebeutet, gefoltert, betrogen. Dabei sucht er einfach nur nach einer Chance und einem Quentchen Glück.


„– Genau. Die wollen uns nicht auf ihrer Fähre haben und die wollen uns nicht in ihrem Land haben. Aber wir kommen trotzdem.
– Und?
– Was machst du mit Leuten, die du nicht haben willst? Du schickst sie weg. Und zwar am besten dahin, wo sie hergekommen sind. Verstehst du jetzt, was ich meine? Wenn die Luke da aufgeht, heißt es für uns Benvenuti Italia!
– Aber das … das können die doch nicht machen!

– Ach ja? Wer soll sie daran hindern?
– Immerhin, sagt Joris, sind wir mit dem Leben davongekommen.
– Ja, sagt Achim, aber ist das nicht ein Scheißleben?“ (S. 470)

Christian Torklers Debüt ist wahrscheinlich der Roman des Jahres. Er ist nicht verschachtelt konstruiert, sondern linear erzählt und sprachlich bedient Torkler  sich dem Horizont, den Joshua Brenner nach wenigen Jahren Schule eben haben kann. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, wie viel passieren muss, damit Menschen ihre Heimat verlassen und welche Gefahren sie auf sich nehmen. Der Roman zeigt aber auch: es hätte  alles ganz anders sein können. Und das macht ihn so lesenswert. Denn unser Glück auf der richtigen Seite der Erde aufzuwachsen ist eben purer Zufall, es ist nicht verdient, sondern ein für uns allzu selbstverständliches Geschenk. Was würden wir machen, wenn es nicht so wäre? 

Christian Torkler: Ein Platz an der Sonne. Klett-Cotta 2018. 592 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier: 

Wortgelüste

Zeichen und Zeiten

Gefunden


Photo by hannah grace on Unsplash

Ist doch mal wieder typisch dafür, wie es auf der Welt zugeht: Die Leute, die Bücher lieben, können sie sich nicht leisten, während die Leute, die genügend Geld haben, Betriebswirtschaft studieren, damit sie noch mehr Geld einsacken und dafür sorgen können, dass die Buchleser auch in Zukunft machtlos bleiben. Dem armen V0lk bleiben nur die öffentlichen Bibliotheken. 

aus Glister von John Burnside, S. 95

Main Street

Mit Main Street hat Sinclair Lewis 1920 eine Weltverbesserungssatire geschrieben, die überraschend zeitlos und ziemlich unterhaltsam  den tiefen Graben zwischen Provinz und Metropole beschreibt. 

Die Main Street führt durch das fiktive 3.000-Seelendörfchen Gopher Prairie. Hierhin hat es Carol Kennicott verschlagen, eine junge und attraktive Bibliothekarin aus Chicago, die aus Liebe zu ihrem Ehemann Will aufs Land zieht. Will ist Landarzt, 40 Jahre alt und ein ziemlich bodenständiger Typ, Carol hat gerade ihren Collegeabschluss gemacht und ist eine Träumerin.

„Was sie zusammenführte, war halb Biologie, halb Mysterium; in ihren Gesprächen blitzte unter Allerweltsfloskeln bisweilen ein Funke Poesie auf.“

Für Will ist Gopher Prairie der Himmel auf Erden. Dabei wird schon zu Anfang klar, dass der kleine Ort bloß „außergewöhnlich war für die Augen eines Kennicotts“.  Es ist ihr zukünftiger Mann, der Carols Mission und auch ihr immer wiederkehrendes Scheitern initiiert: „Mach unsre Stadt… na ja … mach sie kunstsinnig!“ Carol fackelt nicht lang und macht sich auf, Gopher Prairie mit Kultur zu beglücken. Mal sieht sie ihre Aufgabe darin, sich der Städteplanung in ihrer neuen Heimat zu widmen, mal gründet sie einen Theaterclub. Mit unverbesserlichem Optimismus versucht sie immer wieder, die Bewohner*innen des kleinen Dorfes aufzurütteln und für neue Ideen, Fortschritt und Aufklärung zu begeistern.  Kein Wunder, dass sie sich mit dieser Haltung nicht viele Freunde in der Stadt macht, denn wer lässt sich schon gerne sagen, dass er eigentlich ein Hinterwäldler ist?

Außerdem unterschätzt Carol die einflussreichen Familien vor Ort, die schon immer in Gopher Prairie gelebt haben, eine Mischung aus stumpfsinnigen Kleingeistern, Spekulanten,  Farmern und ihren Ehefrauen, die die Bibel als höchstes Kulturgut sehen und deren einzige Forderung an die Kunst eben darin besteht, dass sie bloß erbaulich zu sein habe. Eine aktive Gruppe, die sich vehement gegen Auflösungsprozesse der vorhandenen Strukturen einsetzt. Für Ausländer*innen (in diesem Buch sind es die deutschen und schwedischen Einwanderer*innen, denen die Ortsansässigen gerne Krankheiten und moralische Verwerflichkeit andichten), ist in diesem Weltbild  nur ein Platz als Bedienstete*r vorhanden. Sozialist*innen sollten nach Ansicht der vielen tapferen und guten Menschen in Gopher Prairie direkt aufgehängt werden und am Ende des Tages hat natürlich der Mann im Haus das Sagen. Als Carol sich mit ihrem Hausmädchen anfreundet, kommt das einer Revolution gleich. 

Carol versucht alles und scheitert grandios. Ihre Ideen werden nicht nur von ihrem Ehemann belächelt. Auf knapp 1000 Seiten muss Carol viele Schlachten schlagen und sich auch immer wieder geschlagen geben. In ihrem unabdingbaren Willen, die Stadt voran zu bringen, ist es ihr auch egal, dass sie sogar einen jungen Schneiderlehrling wegen seines modischen Aussehens als Gleichgesinnten identifiziert und schon fast glaubt, allein durch seine Anwesenheit der romantischen Dichtung von Keats  näher zu sein (was natürlich nicht stimmt).  Auch wenn sich immer wieder kurzfristige Allianzen mit anderen Kulturinteressierten ergeben (die Mitglieder ihres Theaterclubs, ihres Lesekreises, die Lehrerin Vida), ist Carol ziemlich allein mit ihrer Begeisterung.

In verschiedenen kleinen Anekdoten und Ereignissen, die das Dorfleben beschreiben, schildert Sinclair Lewis,  Carols Entwicklung und die Entwicklung ihrer Ehe mit Will. Das ist oft sehr komisch, häufig auch tragisch. Mit sehr viel Liebe zum Detail schildert Lewis die Eigenheiten und kommentiert sarkastisch die Verschrobenheiten der Bewohner*innen von Gopher Prairie ohne sich über den Rhythmus des Kleinstadtlebens zu erheben. 

 
„Mrs. Bogart gehörte nicht zum ätzenden Typ ‚guter Einfluss‘. Sie war von der weichen, klammen, dicken, seufzenden, an Verdauungsstörungen leidenden, anhänglichen, melancholischen und deprimierend zuversichtlichen Sorte. Auf jedem Hühnerhof finden sich ein paar alte, ungehaltene Hennen, die Mrs. Bogart ähneln, und wenn die sonntags zum Mittagessen als Frikassee mit großen Klößen auf den Tisch kommen, tut das der Ähnlichkeit keinen Abbruch.“ 


Als Carol einige Zeit aus ihrer Ehe ausbricht und zwei Jahre in Washington bleibt, stellt sie fest, dass auch in den von ihr idealisierten Orten „ein gehöriger Schuss Main Street“ vorhanden ist. Trotzdem kehrt sie zurück und gibt nicht auf. Carols Kampf gegen die Engstirnigkeit ihrer Umgebung und ihre Emanzipationsgeschichte wirken erschreckend  modern, der ironisch-bissige Roman an keiner Stelle überholt oder altbacken, dabei ist er fast 100 Jahre alt. Aber die Themen, die Lewis beschreibt, sind auch heute noch aktuell: Spießbürgerlichkeit, Angst vor Fremden, Angst vor Veränderungen. 

Sinclair Lewis: Main Street.
Übersetzt von Christa E. Seibicke.

Manesse Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!  

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Sätze und Schätze

Letterheart

Ein Winter in Paris

Ich begriff schnell, dass mir die Zugangscodes fehlten: kulturell, sprachlich und die Kleiderordnung betreffend. Zu dem, was gut war und was nicht. Während der ersten Wochen habe ich mich redlich bemüht, sie mir anzueignen, doch sie änderten sich ständig, und ich blieb irgendwie immer außen vor. Irgendwann gab ich auf. (S.20)

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Victor ist Englischlehrer und Schriftsteller. Völlig unerwartet erreicht ihn ein Brief aus der Vergangenheit, Absender ist der Vater eines ehemaligen Mitschülers. Der Inhalt des Briefes versetzt Victor gedanklich zurück in den Winter des Jahres 1984. Victor ist gerade am renommierten Pariser Lycee D. angenommen worden. Hier soll er auf die Aufnahmeprüfungen für das Grand Ècole vorbereitet werden, damit er ein Lehrerexamen ablegen darf. Die „Concours“ gelten als schwierig und nur wenige Schüler*innen schaffen überhaupt die Vorbereitungskurse.

Victor ist ein Außenseiter, er kommt aus der Provinz, stammt aus einem nicht-akademischen Milieu und hat keine Freunde in der neuen Klasse. Seine Eltern stehen ihm zwar nicht im Weg, aber verstehen kaum, womit er sich eigentlich in der Schule beschäftigt. Unterstützung erfährt er kaum. Er arbeitet zwar hart, aber auch die Lehrer*innen trauen ihm wenig zu. Der Leistungsdruck ist allgegenwärtig. Die Bekanntschaft mit Mathieu und die gemeinsame Zigarette jeden Morgen, ist für Victor ein kleiner Lichtblick in seinem Schulalltag, in dem er permanent zu scheitern droht. Doch dann stürzt sich Mathieu eines Morgens die Treppe hinunter und stirbt. Victor ist durch Zufall als erstes vor Ort.

„Es war unglaublich, wenn man sich klar machte, wie starr das ganze System war. Mathieus Körper war nur ein Stein gewesen, den jemand in einen Teich geworfen hatte. Der Aufprall hatte zwar einige Ringe erzeugt, die sich für einige Sekunden ausbreiteten, doch danach war die Wasseroberfläche wieder glatt geworden.“

Mathieus Selbstmord löst bei Klassenkamerad*innen, Lehrer*innen und Eltern Verwirrung und Bestürzung aus, auch wenn die Schulleitung nach dem Prinzip „business as usual“ verfährt. Doch für Victor ändert sich alles. Plötzlich steht er im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der beliebteste Schüler der Klasse lädt ihn ein und auch Mathieus Vater sucht Kontakt zu ihm. Mathieus Suizid sorgt dafür, dass Victor auf einmal als jemand wahrgenommen wird, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Mitschüler, die vorher nicht einmal mit ihm gesprochen haben, wollen sich mit ihm über private Probleme austauschen, die Mädchen aus der Klasse finden ihn interessant. Das kommt Victor, der sich seit seiner Ankunft in Paris nach Bestätigung und Freundschaft sehnt, nicht immer ungelegen. Dabei stand seine Freundschaft zu Mathieu gerade erst am Anfang, sie kannten sich  flüchtig. Aber das ändert nichts an der Wahrnehmung der anderen:  er wird als Experte für Mathieus Leben gehandelt und beginnt zu erzählen.

Sehr feinfühlig  berichtet Jean-Philipp Blondel von einem Ereignis, das einen jungen Menschen aus seinem festgefügten Alltag reißt und ihn vieles in Frage stellen lässt, das zuvor noch als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Blondel schreibt sehr konzentriert, immer auf den Punkt und schafft es auf knapp 200 Seiten, Victors komplexe Gefühlsschwankungen nach Mathieus Suizid überzeugend darzustellen. Dabei schont er den Protagonisten nicht. Immer wieder fragt man sich während des Lesens, ob Victor überhaupt das Recht hat, eine kurze Bekanntschaft so derart auszuschlachten. Auf der anderen Seite ist er vermutlich der einzige Mensch gewesen, mit dem Mathieu tatsächlich engeren Kontakt hatte. Und Victor ist unglaublich allein.

„Ich bekam erneut eine Gänsehaut. Dreimal schon. Dreimal in einer Woche. Hautkontakt. Meine Mitmenschen fanden den Weg zu meiner Haut. Noch ein bisschen mehr davon, und ich würde mich wieder lebendig fühlen.“

Victors Prozess der Selbstreflexion ist faszinierend zu lesen. Der Roman ist melancholisch und trotzdem sehr eindringlich geschrieben. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke 2018.

 

Eine weitere Rezension findet ihr bei Literaturreich.