Olga

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Olga ist ein Mädchen, das aus armen Verhältnissen stammt, keine Probleme macht und relativ schlau ist. Während die anderen Kinder spielen, steht sie lieber am Rand und schaut zu. Ihre Eltern sterben früh am Fleckfieber, sie wird von der Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgezogen. Olga lernt fleißig, damit sie selbst einmal Lehrerin werden kann. Und dann trifft sie Herbert, der sich in Olga verliebt und auch noch das Projekt verfolgt,  Deutschland zu neuem Ruhm zu verhelfen.

 

„Aber sie gehörte nicht wirklich dazu. Sie sehnte sich nach anderen, die ebenfalls nicht dazugehörten. Bis sie einen fand. Auch er war anders. Von Anfang an.“ (S.12)

Der Roman gliedert sich in drei Teile und beginnt mit Olgas Kindheit. Ihre Mutter war Polin, ihr Vater Deutscher, sie selbst kommt 1893 in Breslau zur Welt. Nachdem sie bei der Großmutter landet, flieht sie nach Heidelberg, dort stirbt sie Anfang der 1970er Jahre. „Olga“ ist nicht nur die fiktive Biografie einer ungewöhnlichen Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte und auch ein Stück erzählte Zeitgeschichte. Bismark, Kolonialismus, zwei Weltkriege – Olga erlebt alles mit und hat schon früh große Sorgen, wenn es um die deutsche Neigung geht, immer alles „zu groß“ zu wollen. Damit ist Olga, wie so oft, ihrer Zeit voraus. Auch ihr Herbert verfällt dieser Idee.

Der erste Teil des Romans ist aus auktorialer Sicht geschrieben. Er umfasst die Zeit von Breslau bis zu Olgas Ankunft in Heidelberg. Der zweite Teil wird aus Ich-Perspektive erzählt. Erzähler ist ein Pfarrerssohn. Olga arbeitet für seine Familie als Näherin und zu dem jungen Ferdinand entwickelt sich ein besonders Verhältnis. Anders als im Vorleser wird die Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann hier aber nicht erotisch aufgeladen. Sie ist trotzdem etwas ganz besonderes:

„Sie war alt. Aber das Verständnis, das ich bei ihr fand, neugierig und nachsichtig, und ihre Liebe, die sich an mir freute, mich aber nicht brauchte und nicht forderte – es hatte das noch bei den Großeltern gegeben, gab es aber sonst bei niemandem, nicht bei den Eltern, nicht beim Freund, nicht bei der Geliebten. Ich verlor etwas, das ich nie mehr finden würde . (S.159)

Der dritte Teil besteht aus Briefen, die Ferdinand lange nach dem Tod der Verfasserin findet und die zurückführen in die gemeinsame Zeit mit Herbert. Herbert ist der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, er soll einmal den Hof der Eltern übernehmen. Für Olga ist kein Platz in dieser Zukunftsversion, sie spielt nicht in Herberts Liga, gehört dem falschen Milieu, der falschen Klasse an. Obwohl sich Herbert und Olga heimlich treffen, macht er keinen Schritt in ihre Richtung, die Zukunft wird nicht geplant und am Ende siegen die Lust nach Abenteuern und Eroberungen über die enge und heimliche Beziehung zu Olga. Herberts Weg führt ihn nach Deutsch-Südwestafrika. Die Briefe erreichen Herbert nicht, er wird nie zurückkommen, denn er hat beschlossen, „ein Übermensch zu werden und Deutschland groß zu machen“. Olga wird  von einer riesigen Einsamkeit erfasst. Sie kann nicht mehr unterrichten, als sie 1945 fliehen muss, ist sie taub geworden und auf Hilfe von anderen angewiesen.    

Obwohl ich so viele Seiten über Olga lese, wirkt sie auf mich lange sehr eindimensional und bleibt mir als Figur in ihren Handlungen absolut fremd. Das ändert sich erst im letzten Teil. Durch die Briefe klären sich viele Andeutungen auf. Das ist wirklich gut, ziemlich auf den Punkt und – für Schlink typisch – schnörkellos erzählt. Außerdem erfahren wir als Leser*innen endlich, was Olga gedacht hat, wie sie sich fühlt, wie wütend sie auf Herbert ist, der sich aus falsch verstandenem Nationalstolz und Ehrgefühl einer Expedition ins Ungewisse anschließt. Durch Olgas Briefe an Herbert wird zudem ihre Beziehung noch einmal in ein neues Licht gerückt.

Das Gute an unserer Trennung ist, dass ich Dir schreiben kann, wie sehr ich Dich vermisse (S.245)

Schlink hat einen Roman über ein Frauenleben in Deutschland geschrieben, dem man etwas Zeit lassen muss, damit er funktioniert. Neben den vielen historischen Momenten, die fast leichtfüßig eingeflochten werden, stellt sich auch die Frage danach, was eine Liebesbeziehung aushalten kann und was nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Herbert und Olga und die klare Analyse des deutschen Größenwahns in unterschiedlichen Epochen lohnen sich aber auf jeden Fall.

Bernhard Schlink – Olga. Diogenes 2018. 320 Seiten.

 

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Luft nach oben – Manhattan Beach

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Der Bleigürtel wiegt schlappe 48 Kilo, die Stahlschuhe 18 Kilo und der Messinghelm knappe 30 Kilogramm. Ein Jahr nach Pearl Harbour ist Tauchen nur etwas für harte Jungs, die so stark sind, dass sie den schweren Anzug inklusive Zubehör tragen können, ohne in Ohnmacht zu fallen. Für Anna, die selbstbewusste Hauptfigur in Jennifer Egans neuestem Roman Manhattan Beach, sieht so ihr Berufsziel aus. Sie arbeitet schon in einer Marinewerft und will noch hoch, bzw. eher tief hinaus. Sie möchte Taucher*in werden und bei der Marine Karriere machen.

Während sich die meisten Kerle über sie lustig machen, zieht Anna ihren Plan durch. Schon auf der Werft hatte sie bessere Chancen als zuvor: viele Männer sind im Krieg und Arbeiter*innen werden gebraucht. Zuhause ist es nicht einfach. Annas Vater ist spurlos verschwunden und hat  ihre Mutter mit Annas schwerbehinderten Schwester sitzen lassen. Anna muss zum Familieneinkommen beitragen. Als sie in einem Nachtclub den aufsteigenden Star der New Yorker Unterwelt, Dexter Styles, kennen lernt, bahnt sich eine unheilvolle Romanze an. Dexter kann sich nicht an Anna erinnern, aber sie weiß sofort, wer er ist. Als kleines Mädchen nahm ihr Vater sie mit zu einem Treffen mit Dexter. Ging es um illegale Geschäfte, mit denen sich der charismatische Mafiosi sein Einkommen sichert? Anna versucht nicht nur ihren Traum von der Unterwasserwelt zu verfolgen, sondern nimmt sich ebenfalls vor, alles über die Verbindungen von Dexter und ihrem Vater herauszufinden. Fast 500 Seiten lang fragt man sich: ist Dexter etwa der Mörder von Annas Vater oder hat ihr Vater eben doch seine Familie im Stich gelassen?

Jennifer Egan hat mit Manhattan Beach einen vielschichtigen Roman geschrieben, der sich ziemlich leicht lesen lässt und überraschend atmosphärisch daher kommt. Zugegeben, der Stoff der ganzen Geschichte hätte wahrscheinlich für mehr als einen Roman gereicht. Auf der einen Seite, nimmt Egan die Leser*innen mit in die Welt der Gangster und halbseidenen Clubbetreiber*innen der 1940er Jahre in New York, erzählt nebenbei noch eine Familiengeschichte über das Leben mit einem Kind/Geschwisterkind mit Handicap in einer dezidiert nichtinklusiven Gesellschaft, hat das große Thema Tiefseetauchen aufgemacht, berichtet Details aus dem Leben von Annas Vater Eddie (inklusive Schiffbruch – ohne Tiger), der unter anderem politisch aktiver Gewerkschaftler war und verhandelt natürlich noch eine Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau in einer von Männern dominierten Arbeitswelt. Ach so – ein bisschen Liebe und viel Erotik zwischen Dexter und Anna darf natürlich auch nicht fehlen. Das sind eigentlich sehr viele Geschichten für gerade einmal 500 Seiten und nicht alle sind gleich stark, obwohl Egan ein in seinen Ambivalenzen und Fehlern durchaus glaubwürdiges und sehr sympathisches Figurenensemble aufs Papier zaubert.

Bekannt geworden ist Jennifer Egan mit ihrem Roman Der größere Teil der Welt, eine Hommage an die sich wandelnde Musikindustrie, dafür gab es 2011 den Pulitzer-Preis. Auch für Manhattan Beach hat die Autorin eine Menge recherchiert, wie ein Interview, das dem Text vorangestellt ist, zeigt. Fast zehn Jahre lang, sammelte sie Material über New York während des Zweiten Weltkriegs und die Ausbildung der Tiefseetaucher, auch wenn es in den 1940er Jahren noch keine Taucherinnen gab. Das ist eine ziemliche Leistung, hat aber vielleicht auch dafür gesorgt, dass die Geschichte nicht an allen Stellen so rund ist, wie ich es mir gewünscht hätte.

Waren der Schiffbruch von Eddie und Annas erster Tauchgang meine Lieblingsszenen des Romans, wirken viele Passagen, in denen Annas Schwester eine wichtige Rolle spielt, eher wie klischeehaftes „Füllmaterial“ für ein ohnehin schon thematisch sehr ambitioniertes Buch.  Überhaupt verstehe ich nicht, warum Annas Schwester eine überirdische – aber eben leider schwerbehinderte – Schönheit sein muss. Damit es noch tragischer wird, dass Annas Vater die Familie verlassen hat? Damit ihr Tod eine erwartbare Komponente der Geschichte werden kann? Damit ihre Mutter als Figur innerhalb der Geschichte noch mehr leiden muss und Anna einen weiteren Grund hat, ihren Traum vom Tauchen zu verfolgen, weil ihre Mutter ihr als abschreckendes Beispiel im Nacken sitzt?  Ich weiß es nicht genau. Es hätte der Überzeugungskraft des Romans aber sicherlich keinen Abbruch getan, eine starke Frauenfigur zu entwerfen, die ausnahmsweise mal ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hat.

Auch sprachlich konnte mich Egan nicht immer überzeugen. Über Dexter heißt es an einer Stelle, es öffne sich „in seinem Inneren langsam ein dunkler Regenschirm der Sorge“. Wahrlich gangstermäßig. Außerdem nervt es mich massiv, dauernd von „Farbigen“ und „Schwuchteln“ zu lesen. Ich weiß, dass diese Sprache das Milieu der harten Kerle auf der Werft wiederspiegeln soll, ich hätte diesen Sprachduktus aber trotzdem nicht gebraucht, denn ich verstehe auch so, welches Milieu Egan den Leser*innen verkaufen will. Da ist, nicht nur beim Tauchen, noch deutlich Luft nach oben…

Jennifer Egan – Manhattan Beach. Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens. Fischer Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

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Die Geschichte des Wassers

»Das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser, wohin ich auch sah, war Wasser, es fiel als Regen vom Himmel oder als Schnee, es füllte die kleinen Bergseen, legte sich als Eis auf den Gletscher, strömte in tausend kleinen Bächen den steilen Berghang hinab und schwoll an zum Fluss Breio; es lag spiegelglatt vor dem Ort am Fjord, der zum Meer wurde, wenn man ihm nach Westen folgte.“

Die Geschichte des Wassers spielt auf zwei Erzählebenen. Auf der einen Ebene begleiten die Leser*innen den jungen Vater David und seine Tochter im Jahr 2041. Er flieht vor den Folgen des Klimawandels und einer unerträglichen Dürreperiode in Südeuropa, das durch Waldbrände zerstört wurde. Davids Frau und der gemeinsame Sohn sind auf der Flucht vor einem Brand verloren gegangen. Schließlich wartet David in einer Flüchtlingsunterkunft  auf Nachrichten von seiner Frau und muss dabei zusehen, wie immer mehr Menschen auftauchen und die Helfer*innen langsam die Zelte abbrechen. Ob die Länder Nordeuropas die Geflüchteten aufnehmen, ist ungewiss.

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Die zweite Handlung ist in der Gegenwart verortet und dreht sich um die 70-jährige Aktivistin Signe. Sie lebt in Norwegen und tut alles, um die schmelzenden Gletscher zu retten, mit denen sie ihre Heimat und ihre Kindheit verbindet. Als sie davon erfährt, dass Eis abgetragen wird, damit Investoren aus Saudi-Arabien Gletschereis in ihren Drink kippen können, will sie endlich etwas tun. Der Konflikt um den Naturschutz in ihrer Heimat begleitet sie seit ihrer Kindheit. Ihre Mutter war Hotelbesitzerin und darauf aus, den eigenen Erfolg zu maximieren und möglichst viel Geld zu erwirtschaften – auch durch den Verkauf von Grundstücken. Ihr Vater war Biologe und versuchte alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Natur und den Fluss zu schützen, die durch die Bauarbeiten bedroht wurden.

Maja Lunde konnte mich schon mit dem Roman Die Geschichte der Bienen thematisch überzeugen. Ihr gelingt es spielerisch, glaubhafte Figurenkonstellationen zu entwerfen und diese nachvollziehbar und überraschend in Beziehung zu setzen. Teil Zwei des (geplanten) Klimaquartetts liest sich ebenso locker und leicht  wie der erste Teil. Metaphern, oder poetische Verdichtung von Sprache in jeglicher Form, sucht man allerdings vergeblich. Nichts hat einen doppelten Boden, kein Bild muss enträtselt werden. Der Kniff und die Spannung des Erzählten liegt, wie schon im ersten Teil,  in dem Aufeinandertreffen der verschiedenen Figuren und der Frage danach, welche Verbindung zwischen den Menschen wohl bestehen mag. Das muss kein Nachteil sein, denn schreiben und eine Message transportieren, kann die Schriftstellerin auf jeden Fall. Allerdings waren es bei den Bienen immerhin noch drei Lebenswege, die beschrieben wurden – der Eindruck einer Reduzierung lässt sich leider nicht von der Hand weisen.

Die Geschichte ist unterhaltsam geschrieben und regt, trotz der Kritikpunkte, zum Nachdenken an. Behalten wir unseren jetzigen Lebensstil bei und schmelzen die Gletscher weiter, dann wird auch Europa nicht mehr von den Folgen der Klimakatastrophe verschont bleibt. Die ersten Klimaflüchtlinge gibt es doch jetzt schon, aber es ist einfacher zu behaupten, die Menschen würden aus „wirtschaftlichen Gründen“ flüchten.

Ich möchte das Buch  dringend empfehlen. Allen Autofahrer*innen, allen, die gerade den Hambacher Forst abholzen möchten, allen RWE-Mitarbeiter*innen, allen Braunkohlejünger*innen, den Sternchen bei der Bundeswehr, die für den Moorbrand verantwortlich sind und natürlich allen deutschen und amerikanischen Klimawandelleugner*innen. Wäre Literatur so wichtig und ernst zu nehmen, wie ich sie persönlich einschätze, könnte niemand mehr guten Gewissens nach der Lektüre dieses Buches mit seinem SUV zu einem Date in ein Restaurant fahren,  dort ein gigantisches Steak essen und dann wieder nach Hause tuckern. Leider kann niemand zur Lektüre von guten Büchern gezwungen werden. Die Vorstellung davon, hat aber manchmal etwas tröstliches.

Maja Lunde – Die Geschichte des Wassers. BTB 2018.

Ich bedanke mich herzlich für das Rezensionsexemplar.

 

Texthäppchen II

Ich habe einen Bücherstapel in meinem Zimmer, der immer höher wächst. Bald kann ich die Tür nicht mehr aufmachen. Deshalb habe ich mir das Mini-Format Texthäppchen überlegt, in dem ich euch ganz kurz sage, warum die Bücher grandios waren – oder eben nicht. Und bevor ich hinter meinem Bücherstapel verschwinde, schreibe ich lieber ein paar Sätze zu den Romanen, bei denen es für mich nicht für eine länge Rezension gereicht hat, zu denen ich euch aber trotzdem etwas sagen möchte. Den letzten Beitrag zu diesem Format findet ihr hier.

Texthäppchen II (2)

Carol Rilka Brunt – Sag den Wölfen, ich bin Zuhause 

Im Mittelpunkt steht ein junges Mädchen, die Ich-Erzählerin June. Der wichtigste Mensch in Junes Leben ist ihr Onkel Finn, der Bruder ihrer Mutter, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester Greta und ihrer Mutter häufig besucht. Finn ist ein berühmter Maler, der aufgehört hat, seine Bilder der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er arbeitet an diesen Besuchsnachmittagen an einem Porträt seiner beiden Nichten. Aber sie sehen sich auch zu zweit: June und ihr Onkel haben eine innige, vertraute Beziehung miteinander. Als Finn an den Folgen einer HIV-Infektion stirbt, ist Junes Mutter geschockt. Es sind die 1980er Jahre, Aids ist ein Tabuthema. Auf Finns Beerdigung sieht June einen schüchternen jungen Mann. Er hinterlässt ihr eine Nachricht, bevor er verschwindet. Toby war der Lebensgefährte von Finn, ihr Onkel hat seiner Familie nie seinen Freund vorgestellt. Toby und June freunden sich an und stellen fest, dass gegen Trauer nur ein Mittel hilft: Freundschaft und Zusammenhalt. Ein Buch über die erste Liebe, Geheimnisse, Freundschaft und Vergebung – geht ganz tief ans Herz.

Naomi Alderman – The Power

Wahrscheinlich die beste Dystopie, die ich dieses Jahr gelesen habe. In Naomi Aldermans viertem Roman sind Frauen das starke Geschlecht. Sie dominieren die Wirtschaft, das Militär, die Politik, die Religion. Was diesen Wandel hervorgerufen hat, erfahren die Leser_innen in Rückblenden. 14- jährige Mädchen entdecken, dass ihnen ein besonderer Muskelstrang gewachsen ist, der ihnen die Fähigkeit verleiht, Stromschläge zu verteilen. Mit einer einzigen Bewegung können sie verletzen, lähmen, sogar töten. Als klar wird, dass junge Mädchen diese Gabe auch in älteren Frauen erwecken können, steht die Gesellschaft vor einem unglaublichen Wandel – mit ungeahnten Folgen. Spoiler: Nein, die Welt wird nicht zu einem schöneren und besseren Ort, nur weil auf einmal Frauen an der Macht sind. Deswegen ist der Roman so lesenswert. Ein geniales Gedankenexperiment, das mich begeistern konnte.

E. Lockhart – We were liars

Mein Überraschungsbuch des Sommers. Die fünfzehnjährige Cadence Sinclair Eastmen hat eine sehr reiche Familie. Ihr Opa besitzt eine eigene Insel, Beechwood Island in Massachusetts. Jedes Jahr verbringt sie den Sommer dort – zusammen mit ihrer Mutter, ihren zwei Tanten und ihren Cousins und Cousinen. Für jede seiner Töchter hat Cadence Opa  ein eigenes Haus auf der Insel gebaut. Cadence und ihre Cousins und Cousinen werden von der Familie nur „the liars“ genannt. Dann erleidet Cadence eine Kopfverletzung, infolgedessen auch einen kurzzeitigem Gedächtnisverlust. Was passiert ist, weiß sie nicht mehr. Ihre Mutter verbietet ihr den jährlichen Familienurlaub und schickt sie auf eine Europareise. Cadence versteht nicht, warum sie nicht mehr auf die Insel darf. Die anderen liars ignorieren sie. Cadence muss sich der Vergangenheit stellen auch wenn ihr niemand verraten will, was passiert ist. Als Leser_innen kennen wir nur die Perspektive von Cadence und begleiten sie durch ihren Sommer, in dem sich vieles von dem, was sie in ihrer Familie für selbstverständlich hält, als falsch herausstellt. Ein wahnsinnig spannender und sehr dramatischer Young-Adult-Roman mit einem absolut überraschenden Ende.

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Welche Romane habt ihr zuletzt gelesen?

 

E. Lockhart – We were liars. Hot Key Books 2013.

Carol Rilka Brunt -Sag den Wölfen, ich bin Zuhause. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Eisele 2018.

Naomi Alderman – The Power. Penguin Books 2016

 

Uns gehört die Nacht

Eine junge Frau sitzt in einem Hotelzimmer. In der Hand hält sie ein Gewehr und zielt damit auf ihren Freund. Aber wie konnte es soweit kommen? Diese aufwühlende Szene steht am Anfang einer ganz besonderen Liebesgeschichte.

New Haven 1986. Elise, eine junge Frau aus eher schwierigen Verhältnissen, zieht in ein heruntergekommenes Haus. Im Haus gegenüber ist eine Studenten-WG. Jamey,  einer der Nachbarn, Yale-Student und Sprössling einer Familie von Investmentbankern, und Elise beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die bald zu mehr wird, als beide zu Anfang gedacht hätten. Jamey verliebt sich Hals über Kopf in Elise.

„Jamey bewunderte die Sternschnuppen ihres Geists, die pudrige Galaxie ihrer Gedanken. Elises Intelligenz ist anders sortiert als seine. Sie liest nie mehr als ein paar Seiten eines Buchs, aber sie liebt es, darüber zu reden, was sie gelesen hat. Sie denkt in wilden Gärten, während er seine Gedanken am Spalier zieht, an einem Gerüst aus Einführung, These, Argumentation und Schluss.“(S.205)

Elise und Jamey könnten unterschiedlicher nicht sein. Elise Perez, Halb-Puertoricanerin, kennt ihren Vater nicht und wuchs mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern zwischen Drogenabhängigen und Kleinkriminellen auf. Der Partner ihrer Mutter war gewalttätig, mit ein Grund, warum Elise von Zuhause abgehauen ist. Sie hat keinen Schulabschluss und jobbt ohne große berufliche Ambitionen zu hegen, in einem Geschäft für Kleintiere. Aber ihr gesellschaftlicher Status, ihre fehlende Bildung und ihre gesamte Lebensart, die sie so von Jamey unterscheidet, sind ihm egal. Er lädt sie nach New York ein, und was als Zeitvertreib beginnt, wird zu einer Liebesbeziehung, die er einerseits Uns gehört die Nachtgenießt, aber andererseits gegenüber seinen Freunden und seiner Familie verleugnet.

Es geht also nicht nur um Liebe und Sex und die Erfüllung, die beide gefunden zu haben scheinen. Es geht auch um Macht, Einfluss und Klassenzugehörigkeit. Denn dieses Versteckspiel kann nicht lange gut gehen und bald  wird Jamey von seiner Familie gezwungen, eine Entscheidung treffen, die sein zukünftiges Leben maßgeblich beeinflussen wird. Entweder, er entscheidet sich für die Annehmlichkeiten, die seine privilegierte Herkunft bietet, für ererbtes Geld, für gute Kontakte, für eine standesgemäße Partnerin und beendet seine Beziehung zu Elise. Oder er entscheidet sich für seine Freundin und damit für den gesellschaftlichen Abstieg. Kann Jamey sich von seiner Familie lösen und mit Elise einen Neuanfang wagen?

„Vielleicht sind Jamey und Elise ihr eigenes Volk, vielleicht gehören sie zu niemandem sonst, zu nichts Größerem als zueinander. Können wir so leben? Darüber denkt Elise nach, als sie sich müde die schwarzen Turnschuhe aufschnürt an deren Sohlen Gold klebt.“ (S.329)

Jamey weiß nie, woran er bei Elise ist und ist häufig verunsichert, durch ihre impulsive Art. Außerdem weiß er, dass niemand aus seiner Familie und erst recht nicht seine Freunde, Verständnis dafür aufbringen, dass er mit Elise zusammen ist. Und manchmal kann er nicht genau sagen, ob sie ihn ausnutzt oder nicht. Elise ist eine sehr starke Persönlichkeit, aber sie war noch nie mit einem Menschen wie Jamey zusammen. Sie weiß nicht, wie sie sich seinen Freunden gegenüber verhalten soll und sie hat große Angst davor, dass Jamey sie irgendwann auf die Straße setzt, weil er genug von ihr hat. Denn sie hat das Gefühl, dass jemand wie er, jede haben könnte. Die alte Geschichte, dass hier zwei Menschen aus sehr verschiedenen Welten aufeinander treffen – man könnte sich an Pretty Woman erinnert fühlen – wird von Jardine Libaire sehr glaubwürdig und mit großem Feingefühl erzählt.

Uns gehört die Nacht ist der sechste Roman der texanischen Autorin und überzeugt durch eine grandios beobachteten Beschreibung der Gefühlswelt der beiden Hauptfiguren, ihren Zweifeln, ihren Ängsten und gleichzeitig ihrer großen Liebe zueinander. Trotzdem kann man als Leser_in nicht die Anfangsszene vergessen und wartet deshalb auf den Bruch, auf das Chaos, auf den Streit, der diese Katastrophe ausgelöst hat.  Jardine Libaire wartet mit so vielen unerwarteten Wendungen auf, dass ich den Roman kaum aus der Hand legen konnte. Ein absolut fesselnder und intensiver Roman, den ich in wenigen Tagen gelesen habe. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht. Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz. Diogenes 2018, 464 Seiten

 

 

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Ghachar Ghochar

„Es stimmt, was man sagt– nicht wir kontrollieren das Geld, sondern das Geld uns. Wenn es wenig Geld gibt, ist es ganz kleinlaut, doch je mehr davon da ist, desto dreister wird es und desto stärker packt es uns am Kragen.“

9783351037338Ein Mann sitzt in seinem Lieblingscafé und sinniert über das Leben nach. Sein Ansprechpartner ist der Kellner Vincent, der aber zunehmend in den Hintergrund gerät. Der Ich-Erzähler blickt zurück auf seine Entscheidungen, seinen beruflichen Erfolg, seine Ehe und macht eine traurige Feststellung. Seitdem seine Familie zu Reichtum gekommen ist, ist alles „ghachar ghochar“ – hoffnungslos miteinander verstrickt oder verwickelt. Den Neologismus hat seine Frau Anita geprägt, er kennt es seit ihrer Hochzeitsnacht, als es ihm nicht gelang, den Sari seiner Frau zu öffnen. Der Ich-Erzähler ist angetan davon, dass Anita ihn in die geheime Sprache ihrer eigenen Herkunftsfamilie einweiht. Seitdem wird es von der Familie immer verwendet, wenn alles zu kompliziert erscheint. Er erinnert sich auch an seine Exfreundin Chitra, die mittlerweile für eine Frauenrechtsorganisation arbeitet und ihm schon früher von den Misshandlungen erzählt hat, die ihre Klientinnen erleiden mussten. Aber auch Chitra gerät in den Hintergrund. Trotzdem bleiben die Erinnerungen an Chitra als düsterer Hintergrund immer präsent.

Sie sagte Sachen wie: „Warum bricht man jemandem den Arm, nur weil der Tee einem nicht geschmeckt hat?“ Oder : „Bringt man seine Frau um, nur weil sie vergessen hat, den Schlüssel beim Nachbarn zu hinterlegen?“ Ich wusste, dass ein schlecht gemachter Tee keinen gebrochenen Arm nach sich ziehen sollte, ein nicht hinterlegter Schlüssel keinen Mord. Aber es ging doch auch nie um diesen Tee oder diesen Schlüssel, dachte ich. Die letzten Stränge, die eine Beziehung zusammenhalten, können schon aufgrund eines einzigen Blickes oder einer Sekunde des Schweigens reißen. (S. 14)

Der Erzähler bewegt sich in der Retrospektive durch frühere Wohnorte seiner Kindheit bis in die Gegenwart. Der namenlose Ich-Erzähler lebt zusammen mit seiner Schwester Malati, seinen Eltern, seiner Frau Anita und dem jüngeren Bruder seines Vaters, Chikkappa, der durch einen Gewürzhandel  zu Geld gekommen ist. Chikappa ist es zu verdanken, dass die Familie gesellschaftlich aufgestiegen ist, also versuchen alle Familienmitglieder, den Onkel bei Laune zu halten.

In jeder Familie gibt es bestimmte Rituale, ungeschriebene Regeln, Verhaltensweisen und Zeremonien, die sich Fremden nicht sofort erschließen. In dieser Familie hat jeder eine festgelegte Rolle, das wird spätestens klar, als der Ich-Erzähler heiratet und Anita mit in die Familie bringt. Malati und seine Mutter streiten sich, Chikappa bringt das Geld ins Haus, der Ich-Erzähler hat einen Alibi-Job im Gewürzhandel (er ist zwar der Geschäftsführer und bekommt monatlich sein Geld überwiesen, aber wird von seinem Onkel maßgeblich von den echten Geschäftsentscheidungen ferngehalten) und sein Vater wird irgendwann ein Testament schreiben und das Haus vererben. Anita muss sich erst in ihre Rolle einfinden. Als ihre Schwiegermutter ein spezielles Gericht kocht, dass bei Anita allein durch den Geruch Übelkeit auslöst, flieht der Ich-Erzähler ins Café: er kann den drohenden Streit der Frauen nicht ertragen, in den sich auch seine Schwester und sein Vater einmischen werden.

Als unerwartet eine junge Frau vor der Haustür auftaucht und behauptet, den Onkel näher zu kennen und ihn mit freundlichen Kosenamen bittet, zur Tür zu kommen, reagieren Anita und Malati sehr schnell. Getrieben von einer schockierenden Kaltherzigkeit, die mich überrascht hat, werfen sie gemeinsam die fremde Frau vor die Tür. Niemand soll den Familienfrieden stören. Vielleicht ist das der Punkt, an dem klar ist, dass Anita doch dazu gehört.

Die psychische und physische Abschottung der Familie setzt sich nicht nur durch die verschiedenen Wohnhäuser fort, in denen sie zusammenleben. Der Ich-Erzähler beschreibt im Detail, die Möblierung der unterschiedlichen Wohnungen und kleinen Appartements bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie so reich ist, dass sie anfängt, wahllos Möbel zu kaufen und ihr Haus vollzustellen. Diese Entwicklung hat fast klaustrophobische Momente. Gleichzeitig wird die Wohnungsburg, in der sich alle Familienmitglieder verschanzen, von innen bedroht: Ameisen finden ihren Weg in die Wohnung und niemand ist vor den kleinen Insekten sicher.

Vivek Shanbag hat fünf Kurzgeschichtenbände, drei Romane und zwei Dramen in der südindischen Sprache Kannada verfasst. Ghachar Ghochar ist sein erster Roman, der auch auf Deutsch übersetzt wurde. Es ist faszinierend zu lesen, wie sich der moralische Zerfall der Familie auf gerade einmal 150 Seiten vollzieht. Ganz große Leseempfehlung.

Vivek Shanbag – Ghachar Ghochar. Übesetzt von Daniel Schreiber. Aufbau Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei Netgalley angefragt. Vielen Dank!

 

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VOX

u1_978-3-10-397407-2.66914111Jeder Mensch verwendet pro Tag durchschnittlich 16.000 Wörter. Wenn wir uns morgens verabschieden, wenn wir im Büro sitzen und uns mit den Kolleg_innen unterhalten, wenn wir ein Brötchen beim Bäcker kaufen und einen kurzen Smalltalk halten. Linguist_innen haben schon vor Jahrzehnten eine signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern festgestellt, wenn es um den Gebrauch von Wörtern geht. Selbst wenn Frauen genau so viel sprechen wie Männer, wird es so wahrgenommen, als redeten sie deutlich mehr. Man kennt das Klischee: Frauen schnattern belanglos vor sich hin, Männer sprechen weise Worte und kommen dabei auch vernünftig auf den Punkt.

In Christina Dalchers Dystopie VOX entwirft die Autorin ein unfassbares Szenario. Frauen sind per Gesetz dazu angehalten, pro Tag nur 100 Wörter zu verwenden. Sprechen sie mehr, bekommen sie Stromschläge durch ein Armband verpasst. Die Ansage ist klar: Frauen halten die Klappe, kümmern sich um die Kinder und fallen ansonsten nicht so viel auf. Dann stören sie auch nicht so viel.

Erzählt wird die Geschichte von Jean McClellan, einer ehemaligen Neurolinguistin, die nicht mehr ihrer Forschung nachgehen darf. Sie hat sich nie besonders für Politik interessiert, aber schon ihre ehemalige beste Freundin  Jackie hatte sie gewarnt:

„Konservative Männer, die ihren Gott und ihr Land lieben.“ Sie seufzte. „Frauen nicht so sehr.“ „Das ist doch lächerlich“, erwiderte ich. „Sie hassen Frauen nicht“. „Was glaubst du, wer momentan am wütendsten ist? In unserem Land, meine ich.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Afroamerikaner?“ „Nein, Du Dussel. Der heterosexuelle weiße Mann. Er ist stinkwütend. Er fühlt sich entmannt. Eine Meute machthungriger kleiner Jungs, die es satthaben, dauernd ermahnt zu werden, einfühlsamer zu sein.“

Es kommt so, wie Jackie es prophezeit: eine Partei religiöser Fundamentalisten stellt den Präsidenten und Frauen werden langsam aus beruflichen und gesellschaftlich relevanten Positionen vertrieben. Dass die Anfänge dieser Entwicklung nicht bis ins Detail beschrieben wurden, störte mich nicht. Auch in Fahrenheit 451 werden die Leser_innen in eine dystopische Welt geworfen, deren Entstehungsbedingungen nicht sehr klar sind. Ungenauigkeiten und fehlende Informationen über die Entwicklung hin zum Status Quo sind Teil des Genres der literarischen Dystopie.

Jean kann in ihrer eigenen Familie beobachten, was die Politik der Regierung für Auswirkungen hat. Ihr ältester Sohn wird Mitglied der Bewegung der „Reinen“ und fängt an, seine Mitschüler_innen zu verraten. Ihre Tochter Sonia hingegen, gewöhnt es sich an, mit einem Wortzähler nach Hause zu kommen, auf dem eine Null steht. Weil Sonia den ganzen Tag über kein Wort gesprochen hat, wird sie von der Schule mehrfach ausgezeichnet. Ihre Mutter macht sich große Sorgen. Sie glaubt, dass Sonia die sprachlichen Defizite, die ihr antrainiert werden, nie wieder los wird.

»Mit sechs müsste Sonia über eine Armee von zehntausend Lexemen verfügen, individuelle Soldaten, die sich versammeln, strammstehen und den Befehlen ihres kleinen, noch formbaren Gehirns gehorchen. Müsste, wenn Lesen, Schreiben und Rechnen nicht auf ein einziges Fach reduziert worden wären: simple Arithmetik. Schließlich wird von meiner Tochter erwartet, eines Tages einzukaufen und einen Haushalt zu führen, eine ergebene und pflichtbewusste Ehefrau zu sein. Dafür braucht man Mathematik, keine Rechtschreibung. Keine Literatur, keine Stimme.« (S. 17)

Die Geschichte nimmt eine interessante Wendung, als der Bruder des Präsidenten einen schweren Unfall hat. Das Gehirnareal, das für die Sprache zuständig ist, wird massiv verletzt. Er kann nur noch unzusammenhängende Sätze formulieren. Jean hat in diesem  früher in der Hirnforschung gearbeitet und soll jetzt im Auftrag des Geheimdienstes an einem Heilmittel arbeiten. Dafür soll ihr für einige Wochen das Armband abgenommen werden. Was wird Jean mit ihrer neuen Freiheit anfangen?

Jean wird Teil der geheimen Forschergruppe. Hier trifft sie ihre ehemaligen italienischen Kollegen und Love-Interest Lorenzo wieder und leider reiht sich dann ein Klischee ans nächste. Er fährt gerne schnelle Autos, in seinem Büro steht stets eine Espressomaschine und er ist wahnsinnig toll im Bett und überhaupt ein Held. Ganz anders als Jeans Ehemann Patrick, der auch noch für den Präsidenten arbeitet und trotzdem nie darauf gekommen ist, seiner Frau zu helfen. Während die Grundidee gelungen und sehr provokant ist, ist spätestens bei Auftauchen der Figur Lorenzo ein deutlicher Qualitätsunterschied zu spüren. Wenn Jean nur noch in die starken Arme ihres Lovers sinken möchte, dann frage ich mich, was ich hier gerade lese und bin ein wenig gelangweilt.

Margarete Atwood, die Königin der Dystopie, hat mit A Handmaid’s Tale / Der Report einer Magd einen Klassiker der feministischen Dystopie geschrieben. An dieses Vorbild kommt Dalcher leider nicht heran, auch wenn der Kontakt der Hauptprotagonisten Jean mit dem „Widerstand“, den es tatsächlich auch gibt, doch deutlich an Atwood erinnert.

Bleibt in Fahrenheit 451 oder bei A Handmaid’s Tale ein offenes Ende, das zum Nachdenken anregt und viele Fragen unbeantwortet lässt, sorgt Dalcher mit einem Happy End dafür, dass ich kaum noch Fragen an die gesellschaftliche Entwicklung der USA in der Geschichte stellen muss. Die Stellschrauben werden zurückgedreht, die Bösen werden geschlagen, Jeans Familie findet ihr Glück in Italien (und die Entscheidung zwischen Ehemann und Lover wird Jean abgenommen). Das ist wirklich schon fast zu viel des Guten.

Trotzdem bleiben viele Beobachtungen, die Dalcher macht, erschreckend nah an der Realität. Und das macht den Roman sehr lesenswert.

„Ich lernte, wie leicht es für den Mann im Papierwarenladen ist, zu mir zu sagen: ‚Tut mir leid, Madam. Ich kann Ihnen das nicht verkaufen.‘ Ich lernte, wie schnell ein Handyvertrag annulliert werden kann und wie effizient junge Soldaten beim Anbringen von Kameras sind. Ich lernte, sobald ein Plan vorhanden ist, kann alles über Nacht passieren.“

 

Christina Dalcher: VOX. Übersetzt von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle.

Fischer 2018

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