Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger hat ein Problem. Er kann seine Miete nicht mehr bezahlen. Der shoppingsüchtige Schauspieler aus dem 7. Wiener Bezirk hat Steuerschulden und sein Engagement wurde nicht verlängert. Außerdem hat sich seine Freundin Stephi in einen anderen verliebt, mit dem sie jetzt gemeinsam an der Uni Heidelberg Vorträgen zur Altphilologie lauschen darf. Was vielleicht auch daran lag, dass Lorenz auf ihre Frage nach Kindern mit „Ja, irgendwann später“ geantwortet hat. Außerdem hat Lorenz sich auch nur leidlich für ihr Dissertationsthema über Totenkulte in der Antike interessiert. Mit seinem letzten Geld setzt Lorenz sich in ein Taxi und lässt sich zu seinen drei Tanten Hedi, Wetti und Mirl und seinem Onkel Willi kutschieren. Zuhause bei der Familie Prischinger hat das Heimatgefühl sehr viel mit der Kochkunst der Tanten zu tun. Der vegetarisch lebenden Stephi wurde schon früher gerne Bauchspeck zum Frühstück gebraten und kaum kommt Lorenz an, übertreffen sich die Tanten darin, den Lieblingsneffen zu bekochen und ihn ansonsten in Ruhe zu lassen („Auf dem Ofen brodelte das kochende Wasser, als wollte es die Erdäpfel aus dem Topf vertreiben.“) . Dass er sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, schieben sie unter anderem seinem Vater in die Schuhe, der den Jungen ohne Ende verhätschelt hätte. Festlich gespeist wird trotzdem, während sich die Tanten beim braten, kochen, abschmecken, schnibbeln und frittieren über das Leben unterhalten und hoffen, dass der Junge noch einmal die Kurve kriegt (mit über 30 ist Lorenz zwar schon sehr erwachsen, aber Zuhause bleibt man eben immer das Kind). Als überraschend Onkel Willi verstirbt (man kann ihn zum Glück noch in die Kühlung vom benachbarten Fleischer schieben), stehen Lorenz und seine Tanten vor einem Problem. Willis letzter Wunsch war, in seinem Heimatland Montenegro begraben zu werden. Das Ersparte für die Überführung hat Hedi allerdings der gemeinsamen Tochter gegeben, die in ein veganes Start-Up investiert hat. Das Geld ist weg, es muss improvisiert werden und dann geht es fast schon kapitalismuskritisch („Die Überführung ist für die Reichen, die Straße für die Armen“) los. Der tiefgefrorene Onkel Willi, Lorenz und seine Tanten, fahren in einem Panda von Wien nach Montenegro.

Erzählerisch changiert die Geschichte zwischen dem Roadtrip und verschiedenen Episoden aus dem Leben der drei Tanten, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Daher auch der Untertitel: Die Manen sind Geister der Verstorbenen aus der antiken Mythologie, die bis in die Gegenwart Einfluss auf das Leben der Hinterbliebenen haben. Gestorben wird immer und so erfahren die Leser*innen nach und nach von den Verlusten der Tanten. Dramaturgisch geschickt, führt Vea Kaiser die verschiedenen Erzählstränge des Familienepos zusammen, die allerdings hin und wieder auch ein sehr genaues Lesen erfordern. Schon der erste Rückblick erinnert an Romane von John Irving, dem us-amerikanischen Großmeister der vertrackten Familiengeschichte. Das Familienmotto der Prischingers lautet „Keiner wird zurückgelassen“. Nanerl, der Zwillingsbruder von Hedi, hat das Motto geprägt. Die Geschwister wachsen in der Nachkriegszeit auf einem nieder-österreichischen Bauernhof im Waldviertel auf, auf dem Hof leben russische Besatzungssoldaten und (deswegen Irving) ihre dressierten Bären. Für Nanerl ist das eine traumhafte Situation, er möchte einmal einen eigenen Zirkus haben. Wie ein kleiner versteckter Hinweis, ist der Bär auch auf dem Cover des Buches zu sehen. Als Leser*in weiß man recht schnell, dass Nanerls Zirkusliebe nicht gut enden wird. Einen Rückblick später, wird der Beginn der Romanze von Willi und Hedi geschildert. Hedi ist ins Kloster eingetreten um für ihre Sünden zu büßen, Willi hatte einen Autounfall und verliebt sich in seine Pflegerin, die Beziehung funktioniert, weil sie die „stillschweigende Übereinkunft trafen, einander zu verstehen, ohne alles voneinander zu wissen.“

Ein ziemlich schöner Satz, der exemplarisch für den Roman steht, der sich auf unterschiedlichen Ebenen entfaltet. Die Erlebnisse aus der Gegenwart und die Frage um die vermeintliche Schuld aus der Kindheit, werden Erlebnisse aus den 1970er Jahren entgegengestellt, in denen sich bereits die Schrulligkeit der Tanten zeigt. Hedi hat Willi geheiratet und dem Kloster den Rücken gekehrt, Mirl ist in einer unglücklichen Beziehung zu Gottfried und Wetti putzt im Naturkundemuseum. Die Tanten haben nie wieder über ihre Kindheit gesprochen. Bis Willi stirbt und Lorenz in einer absolut unerwarteten Situation, den Fährmann für den Toten mimen muss.

Rückwärtswalzer ist ein absurder Roadtrip mit durchaus grotesken Elementen (anders lässt sich eine langsam auftauende Leiche auf einer 1000 Kilometer Route durch den Balkan kaum beschreiben) und entwickelt sich überraschend zu einem Pageturner. Die Schicksalsschläge der Tanten zeigen eine ungeahnte Tiefe und nehmen unvorhergesehene emotionale Wendungen, die das Verhalten der alten Damen in der Gegenwart verständlicher machen. Und die ansprechende extra Portion Spezialwissen zur griechischen Antike (Vea Kaiser hat Altgriechisch, Latein und Germanistik studiert) und die Konstruktion und Auflösung des Familiengeheimnisses der Familie Prischinger, machen die Erzählung zu einem intelligenten und handwerklich geschickt gemachten Roman. Vea Kaiser liefert beste Unterhaltung auf ziemlich hohem Niveau. Eine absolute Leseempfehlung.

Vea Kaiser – Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger. Kiepenheuer & Witsch 2019.

Im Anschluss an ihren Roman habe ich mir direkt ihr Debüt Blasmusikpop vorgenommen. Habt ihr schon einen Roman von Vea Kaiser gelesen?

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Leselust

Buchrevier

Glister

Morbide Stimmung und verschwundene Kinder – in John Burnsides Roman Glister wird das Alltägliche mit Szenen aus Alpträumen vermischt. Es ist alles so merkwürdig daneben in dieser schottischen Stadt, die Innertown heißt und in der fast keine normalen Menschen wohnen. Die Polizei ist überfordert und die ganze Stadt liegt in einer merkwürdigen Schockstarre, die niemand so richtig nachvollziehen kann. Aber es wird relativ schnell klar, dass Innertown zu den Lost Cities gehört, quasi als Nicht-Ort irgendwie existiert, umgeben von zerstörter Natur und bevölkert von Menschen mit kaputten Familienstrukturen.

Das Fabrikgelände, der Ort, der hier zum Spielen einlädt, ist wahrscheinlich auch der Ort, der dafür gesorgt hat, dass es allen so miserabel geht. Krebserkrankungen nehmen zu. Die Abfälle der Chemiefabrik haben die Gegend über Jahre vergiftet, mutierte Tiere bevölkern die Umgebung, tote Fische schwimmen in den Flüssen, es sollen sogar C-Waffen hergestellt worden sein. Früher gehörte die Fabrik einem Herrn G. Lister und so klärt sich auch der merkwürdige Titel des Romans auf. Allerdings gehörte ihm nicht nur die Fabrik, auch auf einer geheimnisvollen und unheimlichen Maschine im Keller des verlassenen Geländes findet sich sein Name. Ob diese Maschine ein Hinrichtungsapparat ist oder ein Portal in eine andere Dimension beherbergt, das extra für die Kinder gemacht wurde, das kann der verstorbene Erzähler Leonard leider nicht mehr sagen.

„Ich dachte, das Leben sei eine Sache und der Tod eine andere, aber das dachte ich nur, weil ich noch nichts über den Glister wusste.“

In dem verlassenen Landstrich läuft einiges schief. Der Sanierungsbevollmächtigter Smith kassiert enorme Summen um die Vergiftung des Bodens durch die Fabrik zu vertuschen und hat die Stadt in der Hand. Fast alle, die noch einen Job haben, sind von ihm abhängig, denn er verwaltet über seine Firma, Gelder, die der verlorenen Stadt zustehen. Außerdem besticht er den einzigen Polizisten von Innertown, Morrison, der so sehr an Smith und den vermeintlichen Wohlstand den dieser Mann bringen soll, glaubt, dass er korrupt wird. Morrisson vertuscht in Smiths Auftrag, dass er die Leiche eines Fünfzehnjährigen gefunden hat. Aber das fällt niemandem auf. Die Eltern der verschwundenen Kinder sind genau so apathisch und teilnahmslos wie der Rest der Bevölkerung. Arbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme durch die Fabrikabfälle, beginnender Wahnsinn – es gibt vieles, was die Menschen in Innertown lähmt und unglücklich macht.

Anstatt eine Aufklärung der Verbrechen zu fordern, bilden sich nach und nach urban legends. Die Kinder und Jugendlichen haben schon immer aus Innertown weg gewollt und nun haben sie es eben geschafft, das bessere Leben warte eben überall auf sie, nur nicht hier. Es sind bereits fünf Jugendliche verschwunden, aber niemand stört sich daran. Aber die Kinder und Jugendlichen, die noch da sind, können den Erwachsenen bald nicht mehr glauben.

Auch Leonard glaubt den Geschichten nicht. Er ist anders als die anderen. Er glaubt an das Gute oder an Erlösung, was auch immer das heißen mag und er will sich nicht mit dem Status Quo abfinden. Und wie so oft in dieser Erzählung, die mit vielen religiösen Elementen angereichert ist, verschiebt sich die Erzählebene. Die Geschichte beginnt mit dem „Buch Hiob“, es endet mit der „Feuerpredigt“. Ein Junge verschwindet an Halloween, also dem Tag, an dem die Toten mit den Lebenden Kontakt aufnehmen können. Die Jugendlichen erzählen sich, dass er den Teufel beschwören wollte und deshalb im vergifteten Wald gewesen wäre. Leonard weiß nicht, was er glauben soll. Bis auch sein bester Freund verschwindet. Leonard versucht sich mit Literatur über den Tag zu retten, er liest Dickens und Proust und hat Sex mit seiner on-off-Freundin Elspeth. Aber das hilft nicht. Deswegen hält er sich oft in der alten Fabrik auf, streift immer wieder über das verlassene Gelände, denn die Fabrik und das ganze vergiftete Areal ist “ alles an Kirche […], was wir haben“.

„Danach, am Montag, soll eigentlich wieder Schule sein, aber kein Mensch geht hin. Das ist nur eine der kleinen Gesten, die uns zur Verfügung stehen: Am Tag, nachdem wieder einer von uns verschwunden ist, gehen wir nicht zur Schule, sondern streifen durch Stadt oder Fabrikgelände, stehlen, was irgendwie wertvoll aussieht, und zerschlagen den Rest. Es verrät das schlechte Gewissen der Behörden, dass unser Treiben keine Folgen hat. Sie fühlen sich schuldig, weil sie wissen, dass sie uns im Stich lassen.“ (S. 154)

Doch bei Sachbeschädigung bleibt es nicht. Aus lauter unterdrückter Wut bringt eine Clique von Teenagern einen Mann um. Er ist nicht der Mörder der verschwundenen Kinder, er ist ein Außenseiter, der ein bisschen wunderlich ist und noch nie richtig zu Innertown dazugehört hat.

Glister ist kein Roman, der sich leicht lesen lässt. Leonard scheint der einzige zu sein, der noch an Vergebung und Hoffnung für den verlassenen Ort glaubt, an dem jeder Schuld auf sich geladen hat, durch

„die Sünde der Unterlassung, die Sünde, unseren Blick abzuwenden und nicht zu sehen, was direkt vor unserer Nase geschieht. Die Sünde, nicht wissen zu wollen; die Sünde, alles zu wissen und nichts dagegen zu tun. Die Sünde, etwas auf Papier zu wissen, es aber nicht ins Herz vorlassen zu wollen.“

Glister ist ein absolut gelungener Roman, poetisch, zornig, hochgradig philosophisch, gesellschaftskritisch und absolut spooky. Die einzige Erlösung, so scheint es, liegt darin, die Erzählungen nicht aufhören zu lassen: „alles wird, und dieses Werden ist die einzige Geschichte, die nie zu Ende geht. […] Dabei wissen alle, es ist weder dieses noch jenes, sondern nur der Ort, an dem die Geschichten beginnen und enden.“

John Burnside – Glister. Aus dem Englischen von Bernhard Robbe. Penguin 2018. 285 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert. Vielen Dank!

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Gefährten

Nach Kristian wünsche ich mir einen Mann ohne Schnickschnack, wie ein Roggenbrot, wie ein blauer Himmel. Doch gleichzeitig wünsche ich mir immer auch etwas Heftiges, etwas Überwältigendes, was die Seele dazu treibt, sich immer weiter zu drehen. (Alma, S.327)

Alma und Kristian, Camilla und Charles, Edward und Alwilda sind Freund*innen und leben in Kopenhagen. Eine durchgängige Handlung gibt es nicht. In verschiedenen Episoden folgen die Leser*innen der Clique durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehungen zueinander. In den verschiedenen inneren Monologen wird herumgewitzelt, Literatur empfohlen und jede Befindlichkeit und Gemütsregung genussvoll ausgebreitet. Es geht um die Freund*innenschaft zueinander, die eigene Unzulänglichkeit und den Tod. Eine eigene Familien gründet niemand, stattdessen beschäftigen sich die Gefährten und besonders die Frauen in den Paarbeziehungen vor allen Dingen mit sich selbst und mit ihren Eltern. 

Die Gefährten sind Mitte Vierzig. Kristian ist Arzt, Alma ist Lehrerin, Edward ist Künstler und Camilla, Charles und Alwilda schreiben. Früher war Alwilda mal mit  Edward zusammen, aber nach dem gemeinsamen Suizid seiner Eltern verlässt sie ihn. Edward kauft sich daraufhin einen Hund. Camilla steht im Zentrum der Erzählung. Sie ist mit Charles zusammen, der an einem Rückenleiden erkrankt ist, an der Krankheit wird die Beziehung auch scheitern. Alwilda ist Camillas beste Freundin, sie kennen sich seit ihrer frühesten Jugend. Camillas Mutter ist an Krebs erkrankt und ihre Tochter kümmert sich um sie. Nach ihrem Tod kauft sich Camilla ein Pferd. 

Besonders gefallen haben mir die zahlreichen literarischen Anspielungen und Verweise auf andere Texte. Und das geht von der englischen Romantik über Harry Potter bis zu Pu, dem Bären. Der Roman beginnt damit, dass Kristian und Alma in North Yorkshire auf den Spuren der Lake Poets, also Wordsworth und Coleridge, reisen. Kristian denkt über die Brontë-Schwestern nach und entdeckt sogar Parallelen seiner eigenen Ehe mit der wirklich sturmgebeutelten Beziehung von Catherine und Heathcliff in Wuthering Heights.

„Sie wirkte wie eine Gefangene, und ich fühlte mich unterlegen. Wie die magerste Gurke im Einmachglas“ (Kristian, S. 40)

Aber auch Alma und Camilla reisen noch einmal gemeinsam durch England. Camilla ist eine eifrige Vielleserin. Iris Murdoch, Thomas Bernhard, Vladmir Nabokov und John Fowles gehören zu ihren Lieblingsschriftsteller*innen. Wenn sie Alma ihre Bücher leiht und diese sie nicht sehr bald zurückbringt, fühlt sie sich nicht gut. Während der gemeinsamen Reise schwelgen die Freund*innen in den Texte von Virginia Woolf und Sylvia Plath. Überhaupt ist das Thema Suizid immer wieder im Text präsent, mal sehr unterschwellig, mal ganz direkt, zum Beispiel wenn Camillas Cousine sich daran erinnert, dass ihre Mutter (Camillas Tante) ebenfalls einen Suizidversuch überlebt hat. 

Der Text kommt sehr leichtfüßig und poetisch daher, auch wenn man das bei der beschriebenen Tiefe und Tragik der Themen kaum glauben kann.  Immer wieder ist der Roman neben den tragischen Momenten auch von einer unglaublichen Komik durchzogen. Übrigens wird keine der Paarbeziehungen bis zum Ende des Romans aufrechterhalten. Auch wenn in Camillas Fall nicht einmal eine andere Frau auftauchen muss. In den inneren Monologen der Gefährten bleibt sehr viel Zeit für Erinnerungen an Gespräche, Statements zu Verhaltensweisen der anderen und insgesamt findet  ein reger und sehr unterhaltsamer Austausch über Älterwerden, Sex, Liebe, Ehebruch und Angst um die Welt an sich statt. 

Das klingt nach einem großen Durcheinander und einem ziemlich traurigen Buch. Aber das ist es nicht. Christina Hesselholdt hat einen mitreißenden, hochliterarischen und sehr klugen Roman über das Leben geschrieben, in dem viel Schweres sehr leichtfüßig, berührend und auf komisch abgründige Weise erzählt wird. Die Kapitelüberschriften wie „Wenn die Asche Augen hätte“ gehen in eine ähnliche Richtung. Ein absurdkomisch und tragisches Kapitel,  in dem Edward beschließt die Asche seiner Mutter auf dem Meer zu verstreuen, ihm dann allerdings ein Windstoß die Asche ins Gesicht pustet und er noch sehr lange an den staubigen Geschmack seiner Mutter denken muss, ist da nur ein Beispiel. Auch die prägnante und bissige Beschreibung von Camillas und Charles‘ Ehe gehört dazu. 


„Charles und meine Ehe geht mit der Ära Osama bin Ladens einher, im September 2001 waren wir so verliebt, dass wir erst am Vormittag des 12. begriffen, was am 11. geschehen war, und die Auflösung unserer Beziehung vollzog sich in den Tagen um bin Ladens Tod. Zwei Bilder rahmen unsere Ehe ein: 1. Körper in freiem Fall 2. Ein zerschossenes Gesicht.“ (Camilla, S. 136)


Als Camilla, die mal wieder eine neue Wohnung sucht, in der auch ihre vielen Bücher untergebracht werden können, auf einen schreibenden Makler trifft, lässt sich Camilla zu der Aussage hinreißen, dass es „auf dieser Welt bald mehr Schriftsteller gibt als Leser.“ (S.154). Wenn schon alles im Leben schief läuft und sowieso alles zu Ende geht, muss sich über ein Ende der Literatur glücklicherweise niemand Sorgen machen.

Christina Hesselholdt ist in Dänemark bereits mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt worden und zählt zu den wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen dänischen Literatur. Gefährten ist ihr erstes Buch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Christina Hesselholdt – Gefährten. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Hanser Berlin 2018. 448 Seiten.

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Nacht und Tag Blog

Letteratura

Dunkle Zahlen

Der Anfang sorgt schon für viele Fragezeichen und eine ganze Menge Freude, wenn man auf besondere Geschichten steht. Und besonders ist der Roman Dunkle Zahlen von Matthias Senkel, der 2018 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, in jedem Fall. Laut Klappentext geht es um die internationale Programmierer-Spartakiade 1985 in Moskau, bei der die kubanische Nationalmannschaft spurlos verschwindet. Die Übersetzerin Mireya macht sich auf, die Nationalmannschaft zu suchen. Die Erwartungshaltung ist relativ klar, doch dann ist von der Nationalmannschaft überhaupt keine Rede mehr. Stattdessen sorgt Matthias Senkel für eine Überraschung nach der nächsten…

Ohne genaue Einführung beginnt der erste Textabsatz. Ein gewisser Motja wird von zwei Annuschkas darum gebeten, Teewasser für eine größere Gesellschaft aufzusetzen – was er auch tut, indem er in eine Maschine mit dem Namen GLM zwei Zahlen eingibt. Die nächste Seite zeigt einen schwarzen Bildschirm mit russischem Programmcode und der Erklärung, dass es sich hier um den Startbildschirm der Literaturmaschine GLM-3 handelt, die quasi auf Knopfdruck „das unvollendete Poem Dunkle Zahlen“ ausspuckt. Jetzt erst folgen Titelseite, Verlagsangabe, sowie der Vermerk „Deutsch von Matthias Senkel“ . Wir sollen also glauben, dass es sich hier um einen computergenerierten Roman aus dem russischen handelt, der lediglich von Matthias Senkel übersetzt wurde. Große Liebe!

Fast märchenhaft beginnt der Roman mit einem gefangenen Hecht, der dem jungen Leonid drei Wünsche verspricht, sofern er ihn wieder ins Wasser wirft. Leonid rettet dem goldenen Hecht das Leben. Im zweiten Kapitel geht es mit der angekündigten Spartakiade los, dann ist das Kapitel schon wieder zu Ende und wir springen nach Leningrad ins Jahr 1948. Hier treffen wir auf den jungen Leonid Ptuschkow, einen wissbegierigen Schüler, der in seinem Notizheft mathematische Operationen improvisiert. Zurück im Jahr 1985 muss Mireya Fuentes, die Dolmetscherin des kubanischen Teams der Programmierer-Spartakiade, feststellen, dass die Kader-Auswahl zwar in Moskau gelandet, aber aus unbekannten Gründen mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne gestellt wurde. Und dann wird es immer wilder. Nach einem enzyklopädieartigen Einschub über den Begriff der „dunklen Zahlen“, folgt eine Biografie des fiktiven Dichter-Programmierers Gavriil Efimović Teterewkin und kurz darauf wird im Kapitel „Nachwort“ (irgendwo in der Mitte des Buches!) von einem Zusammentreffen des „vermeintlichen Großneffens“ Teterewkins, Rodion Woronin, mit Lenin und Maxim Gorki auf der Ferieninsel Capri berichtet. Inklusive Bildmaterial. Hat man als Leser*in gerade Wikipedia aufgerufen um festzustellen, ob es Teterewkin wirklich gibt, folgt ein Wikipedia-Artikel im Text.

Doch die Erzählstränge werden wieder auf der Spartakiade zusammengeführt: der sowjetische Trainer, den Mireya kurze Zeit später während einer Versammlung im Untergeschoss des Hotels „Kosmos“, wo die Programmier-Spartakiade stattfindet, zusammen mit den anderen kennen lernt, ist niemand anders als Leonid Ptuschkow, der im bisherigen Romanverlauf erst als junger Mann auftrat! Er ist Programmierer, aber auch Dichter und macht sich an die Entwicklung einer golemartigen Textmaschine.

Und zwischendurch begreift man gar nicht mehr, welche Figur zu wem gehört. Aber nicht schlimm. Eine Figurenübersicht gibt es irgendwo ab Seite 300. Also weiter im Text: im Jahr 1999 treffen wir die Zwillinge Sjarhej und Palina Aljaksejewna Morschakin, Ex-Teilnehmer der Programmierer-Spartakiade, inzwischen Inhaber der Softwarefirma CSM. Ihr Hobby: Das Sammeln seltener Spielautomaten und historischer Rechner. Ein mysteriöser Schweizer hat ein ganz besonderes Objekt für sie: Eine echte GLM! Also das mysteriöse Gerät, das schon auf den ersten Seiten den Kaffee erwärmt hat.

Zurück im Jahr 1985 wird deutlich, dass während der Spartakiade alle Teilnehmer*innen engmaschig überwacht wurden. Das wusste auch Leonid, der sich im folgenden Kapitel im Jahr 2023 Tonbandaufnahmen dieser Überwachung anhört. Und es stellt sich heraus, dass die Spartakiade selbst eher in den Bereich potemkinsche Dörfer gehört:  als Vorsitzender der Programmierer-Spartakiadenkomitees arbeiteten Dmitri und Jewhenija zusammen, die im Auftrag des Geheimdienstes die Aufgaben der teilnehmenden Kader so gestaltete, dass komplexe Missionen wie etwa die Kalkulation von Raketenabfangmanövern von diesen unbewusst gelöst wurden. Und auch die GLM kommt wieder zum Einsatz: sie soll dazu dienen, die Urheber von politischen Witzen ausfindig zu machen. Wozu braucht man eine Rasterfahndung, wenn die GLM die Urheber von politischen Witzen innerhalb von Sekunden ausfindig machen kann? Die totale Überwachung.

„Erst dann wird es möglich, jeden Bürger lebensumspannend zu begleiten, seine Taten und Äußerungen automatisch auszuwerten, um jederzeit ein Gesamtbild seiner Gesinnung erstellen zu können und unverzüglich zu korrigieren, damit Verstöße gegen die öffentliche Ordnung überhaupt nicht erst zustande kommen.“ (S.307)

Logisch, dass im Text jetzt ein Witzearchiv und ein Abkürzungsschlüssel folgen. Aber bevor es langweilig wird, entwickelt Senkel noch eine vierte Handlungsebene: der belgische Geheimagent Dupon, getarnt als Mitarbeiter von IBM, wird 1987 in Paris mit einem Spezialauftrag betraut und macht sich auf den Weg nach Moskau, dort soll er eine geheimnisvolle rote Kladde transportieren.

Habe ich diesen Roman komplett verstanden? Error. Nada. Fehlanzeige. Hatte ich sehr viel Spaß diesen wahnwitzigen Text zu lesen? Ja, in jedem Fall! Die erzählerische Experimentierfreude von Senkel ist einfach grandios, auch wenn ich manchmal etwas zwischen den Seiten verloren gegangen bin.

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen. Matthes & Seitz Berlin 2018. 481 Seiten.

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Was nie geschehen ist

„Maus, der Comic meines Vaters, in dem er die Erfahrungen seiner Eltern in Auschwitz und weiteren Konzentrationslagern verarbeitet hatte, gewann den Pulitzer Preis, als ich fünf war. Im Licht dieses Preises erschien er der Welt überlebensgroß, so groß, dass sogar er selbst hin und wieder damit zu kämpfen hatte. Bei uns zu Hause war jedoch meine Mutter diejenige, die den längeren Schatten warf.“ (S.18)


Nadja Spiegelman ist die Tochter des Comiczeichners Art Spiegelman und der Art-Direktorin des New Yorker  Françoise Mouly. Deswegen, so stellt sie relativ am Anfang ihres Romans fest, habe sie schon immer gewusst, wie es sich anfühle, als Protagonistin in einem Roman aufzutauchen. Als sie geboren wurde, markierte ihr Vater sie als Sternchen im Nachthimmel von „Maus“. Im autobiographischen Debütroman der 30-jährigen kommt ihr Vater allerdings kaum vor. Stattdessen beleuchtet sie das komplizierte Verhältnis ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Gleichzeitig thematisiert sie den Einfluss, den die Erzählungen ihrer Mutter auf sie selbst haben. Es geht auch um die Rolle, die das Erinnern in ihrem Leben spielt, sowie die Rolle der Erzählungen der Mutter in der kommunikativen Beziehung der beiden, denn diese Erzählungen werden auch immer wieder zur Selbstvergewisserung und Bestätigung der eigenen Lebensgeschichte herangezogen. Gleichzeitig kommt dieses Verhältnis natürlich auch nicht ohne Machtkämpfe, Schweigen, Geheimnisse und Ignoranz gegenüber bestimmten Gefühlen in dieser doch sehr engen Beziehung zwischen Mutter und Tochter aus.


Nadjas Mutter Françoise wird 1955 in Paris geboren. Eine Szene aus ihrer Kindheit erzählt sie ihrer Tochter Nadja immer wieder:
Françoise versucht eine Zitronentarte zu backen. Ihre Mutter Josée, ihr Vater und ihre Schwestern lachen sie aus, man bräuchte ja einen Hammer und eine Säge um das Stück Kuchen essen zu können. Die kleine Stichelei wird zur lebenslangen Demütigung für das sensible Mädchen.

Françoise bekommt mit, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, der Vater ist Schönheitschirurg und verkehrt in den Kreisen der High Society, auch ihre Mutter Josée hat Affären und kümmert sich nicht um ihre Tochter
Françoise – bis diese nach New York abhaut, versucht sich das Leben zu nehmen, überlebt, wieder an Depressionen leidet und am Ende eine erfolgreiche Karriere als Künstlerin und Leiterin eines Comicverlages antritt.


Das Verhältnis von Françoise und ihrer Mutter Josée war immer angespannt. Seit 2009 überlegte Spiegelmann ein Buch über ihre Mutter und ihre Großmutter zu schreiben und greift damit ein Thema auf, dass auch ihren Vater immer umtrieben hat: Familie.

Nadja Spiegelman beschreibt, wie viel Zeit es gekostet hat, dass ihre Mutter ihr mit ihrer Geschichte vertrauen konnte. Hat man als Leser*in gerade das Gefühl, ein Gespür für Joseé bekommen zu haben und sie als herrschsüchtige und dominante Figur eingeordnet, folgt Nadja in der Mitte des Romans einer Einladung Josées nach Paris, wo die ältere Dame auf einem Hausboot lebt. Enkelin und Großmutter verstehen sich wunderbar – und Josée erinnert sich ganz anders an die Erlebnisse ihrer starrsinnigen Tochter Françoise, zum Teil widersprechen sich die erlebten Ereignisse diametral. Außerdem erzählt sie Nadja stattdessen von ihrer Kindheit und dem, was sie unter ihrer Mutter zu erleiden hatte. Durch die Erzählungen der Großmutter inspiriert, beginnt auch Nadja immer wieder die eigenen Erfahrungen mit den Erfahrungen ihrer Mutter zu vergleichen und nimmt auch die Erzählungen ihrer Großmutter über ihre eigene Mutter Mina mit auf, denn Josée ist als uneheliches Kind zur Welt gekommen.  

Es ist spannend zu lesen, wie sehr sich die Erinnerungen dieser beiden wichtigen Frauenfiguren in Nadjas Leben unterscheiden. Es gibt so viele blinde Flecken und so wenig Verständnis füreinander. Schon allein die Geschichte um die Zitronentarte, die für Françoise zur lebenslangen Schmach wurde und in der ihre Mutter keine gute Figur gemacht hat, erscheint in Josées Erinnerung als kleine Nichtigkeit, die niemanden lange interessiert hat. So unterschiedlich können Erinnerungen sein und so unzuverlässig ist letztlich das, was sich als prägender Moment in unserem Leben herauskristallisiert. Eine allgemein gültige Erkenntnis, die doch die Besonderheit dieses Romans ausmacht. Gleichzeitig ist es auch erschreckend festzustellen, dass es eine Gemeinsamkeit im Leben der unterschiedlichen und so verschiedenen Frauen gibt: sexuelle Gewalt in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Aber auch der Umgang mit diesen Gewalterfahrungen ist von Generation zu Generation verschieden.


Auch wenn man nicht das Gefühlt hat, dass es sich um einen Roman handelt, in dem viel passiert, sind die Beziehungen untereinander häufig von Missverständnissen, gänzlich unterschiedlich wahrgenommenen Ereignissen und auch Vernachlässigung geprägt. Durch die Gespräche mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter gelingt es Nadja, neben den sich wiederholenden Mustern von Selbstbehauptung und Aufbegehren gegen die festgelegten Familienstrukturen, zwei faszinierende Frauen und ihre Lebensgeschichte zu beschreiben. Beide mussten sich immer wieder auch gegen männliche Dominanz in ihrem Leben stellen und sich selbst behaupten. Je länger man liest, desto mehr gewinnt man den Eindruck, beide, Mutter und Großmutter, auf ihre ganz eigene Art zu verstehen.

Nadja Spiegelman ist so ein sehr kluger, autobiografischer Coming-of-Age-Roman gelungen, in dessen Zentrum Diskurse über Erinnerungen, (sexuelle) Identität und Familiengeschichten stehen, die erst durch neue Erzählungen, manchmal auch durch Wiederholungen, Neuinterpretationen und interpretierte Leerstellen entstehen. Durch die Rückblicke in die Lebenswelten ihrer Mutter und Großmutter, entsteht so auch eine Erzählung über die Emanzipationsgeschichten von jungen Frauen im 20. Jahrhundert. Absolut lesenswert.

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist. Aus dem Englischen von Sabine Kray (englischer Titel: I’m supposed to protect you from all this.) Aufbau Verlag 2018.

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Wege, die sich kreuzen

Mit Wege, die sich kreuzen hat Tommi Kinnunen einen ruhigen und sehr besonderen Generationenroman geschrieben, dessen tragische Wucht sich erst langsam entfaltet.


„Musst du ihn denn so anschreien?“Lahja kniff den Mund zusammen. „Das geht dich nichts an.“ „Wir wohnen aber alle im selben Haus.“ (S.78)


Wenn Kinnunen ein Talent hat, dann ist es sicherlich die besondere Gabe, außergewöhnlich glaubhafte Figuren aufs Papier zu zaubern. Sein Roman umfasst knapp hundert Jahre Zeitgeschichte im hohen Norden Finnlands. Der Roman beginnt 1895 mit der Hebamme Maria, die ihre kleine Tochter Lahja alleine großzieht. Wenn es schwierige Geburten gibt, wird Maria geholt. Unverdrossen schlägt sie sie sich mit dem Fahrrad durch Eis und Schnee zu Frauen, die ihre Hilfe brauchen. Einen Mann hat sie in ihrem Leben nicht nötig. Lahja ist eine genau so eigenwillige Person wie ihre Mutter. Sie wird Fotografin, kämpft sich in diesem Männerberuf durch und macht sich selbstständig. Sie bringt eine Tochter zur Welt, der Vater ihres Kindes verlässt sie und geht nach Amerika. Dann lernt Lahja Onni kennen, der ihre Tochter ohne Bedenken akzeptiert. Anders als Maria wünscht sich Lahja nichts sehnlicher als eine Familie, dabei ist ihr von Anfang an klar, dass sie Onni nicht alles geben kann, was er braucht und was er begehrt. Sie akzeptiert, dass er immer wieder für lange Wochenenden verschwindet. Trotzdem versuchen sich alle mit der Situation zu arrangieren. Sie leben gemeinsam in Marias Haus, das sie nach Lust und Laune erweitern und immer größer bauen. Doch im Krieg wird ihr Zuhause zerstört. Die Familie wird sich ein neues Haus bauen.


In der Familie gibt es unglaublich viele Konflikte. Nicht nur zwischen Onni, der durch sein Begehren und sein Versuch dieses mit dem Familienleben in Einlang zu bringen zerrieben wird und Lahja, sondern auch zwischen Lahja und ihrer Schwiegertochter Kaarina, die im neuen Haus mit der Familie leben wird. Hier entdeckt sie, dass Lahja einen furchtbaren Verrat begangen hat. 

Ich möchte gar nicht zu viel verraten. Die Geschichte ist unglaublich klug konstruiert. Maria, Laaja, Kaarina und Onni erzählen anhand der verschiedenen Lebensstationen und Straßen, in denen die Familie gelebt hat, die Ereignisse, die ihnen wichtig sind. So ergeben sich spannende Perspektivwechsel und Ergänzungen zu Erlebnissen, die vorher schon eine andere Person erzählt hat. In jedem Teil werden so einzelne Bruchstücke der Familiengeschichte offenbart oder zeigen die Auswirkungen des Krieges auf die Mitglieder der Familie. Der Roman ist traurig und zum Teil sehr hart, trotzdem erzählt Kinnunen gekonnt von Frauen, die ihre Familien beschützen und von loyalen Ehemännern, die alles dafür tun, damit es ihren Kindern gut gehen wird. Trotzdem verstricken sich alle Familienmitglieder in Geheimnisse und machen schreckliche Fehler, die auch noch spätere Generationen belasten werden. Ein Debütroman, der es in sich hat. Der Roman war in Finnland ein großer Leser*innen- und Kritiker*innenerfolg und führte wochenlang die finnische Bestsellerliste an. Außerdem wurde er für den renommierten Finlandia- Preis und den Europäischen Literaturpreis nominiert.

Tommi Kinnunen – Wege, die sich kreuzen.

Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Deutsche Verlags-Anstalt 2018.

336 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank!

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Kallocain

„Er hatte kein anderes Ziel vor Augen, als diese Frau zu entlarven, die hier herumlief und privatsentimentale und asoziale Gefühle in sich trug, sie bei einem Heulkrampf oder einer heftigen Antwort an den Pranger zu stellen und später auf sie zeigen und sagen zu können: Seht, was noch unter uns weilt und was wir hier dulden müssen!“ (S.34)

Der Chemiker Leo Kall lebt in einem totalitären Staat in der Zukunft. Zu Beginn der Handlung ist er 60 Jahre alt und sitzt im Gefängnis. Er schildert seine Erinnerungen an eine Zeit von vor über 20 Jahren. Damals lebt er mit seiner Frau Linda zusammen. Sie sind sehr ambitioniert darin, das totalitäre System zu stützen und lassen sich regelmäßig (wie alle) von einer Haushaltshilfe unterstützen und überwachen. Außerdem akzeptieren sie, dass ihre Schlafzimmer von „Polizeiauge“ und „Polizeiohr“ überwacht werden – das Private gibt es nicht mehr. Stattdessen wird jede Form von Privatsphäre ausgehöhlt.

Ein politisch unentschlossener Ehemann lässt sich nicht etwa scheiden, wenn seine Frau ihn der Polizei ausliefert, sondern wenn er den Verdacht hegt, dass sie trotz seiner Verfehlungen zu ihm halten könnte. Die Kinder sind nur an ausgewählten Tagen zu Hause, denn die Erziehung liegt in der Hand der Fachkräfte des Staates, die die Kinder zu Kriegsspielen animieren und dazu, die Verfehlungen ihrer Eltern zu melden. Tiefere Verbindungen zueinander sind untersagt. Wie in fast allen klassischen Dystopien, wird nicht geklärt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen dazu beigetragen haben, dass die Welt und die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Stattdessen werden die Gegebenheiten zunächst von allen Protagonist*innen akzeptiert und unterstützt.

Wir lernen Leo Kall kennen, der eifrig an einer neuen Droge arbeitet (Kallocain, benannt nach ihm, dem Erfinder der Chemiekeule). Kallocain, eine Art Wahrheitsserum, erlaubt es, einen Blick in die Geheimnisse und ver-borgenen Sehnsüchte und Wünsche der Mitmenschen (im Roman nur „Mitsoldaten“ genannt) zu werfen, denn unter Drogeneinfluss offenbaren ihm seine Versuchskaninchen alles.

Leo startet eine Versuchsreihe mit Mitgliedern des staatlichen Opfer-dienstes, die ihre Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Leo ist geschockt, als er von den Probanden, die unter Drogeneinfluss stehen, erfährt, dass sie keineswegs freiwillig und voller Begeisterung ihre Körper dem Staat opfern. Sie haben Depressionen, zweifeln an ihrem Dasein. Auch ihre Ehepartner sind nicht immer linientreu. Leo kann das nicht begreifen. 

„Bewirbt sich denn wirklich nur Abschaum beim Freiwilligen Opferdienst, fragte ich mich. Aber ich wusste natürlich, dass dies nicht zutraf. Ich wusste, dass hochwertige Eigenschaften erforderlich waren, damit jemand sich dort bewarb, dass Mut, Opferwille, Uneigennützigkeit, Entschlossenheit verlangt wurden, ehe man sich einem solchen Beruf überantwortete. Ebenso wenig konnte oder wollte ich mir vorstellen, dass dieser Beruf die Menschen zerstörte, die ihn wählten. Doch die Einblicke, die ich in die Privatsphäre der Versuchspersonen erhielt, waren niederschmetternd.“ (S.67)

Doch die Droge Kallocain eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die Macht des Staates auszubauen. Wenn die letzten privaten Momente darin bestehen, sich Gedanken zu machen, was wäre alles möglich, wenn allein der Gedanke an eine subversive Aktion gegen den Staat mit dem Tod bestraft werden könnte? Doch während die Vertreter des Staates erhoffen, durch den Einsatz der Droge Saboteur*innen und Terrorist*innen auf die Schliche zu kommen, entdeckt Leo eine ihm bisher unbekannte Seite seiner Mitmenschen: sie sehnen sich nach Liebe, Geborgenheit, Freiheit und nach einer anderen, besseren Welt.

In Kallocain schreibt Karin Boye sehr deutlich darüber, was es bedeutet, wenn ein totalitärer Staat seine Bürger*innen überwacht und sie dazu animiert, sich gegenseitig auszuspionieren. Am Schluss hat Leo zwar seine Geschichte aufgeschrieben ( ein Akt des Widerstands?), aber seine Geschichte lagert in einem Geheimarchiv und die Macht darüber hat die Zensurbehörde.

Die beeindruckende Dystopie, die in einer Liga mit 1984 und Fahrenheit spielt, ist rund acht Jahre früher als Orwells 1984 erschienen. Die Schwedin Karin Boye veröffentlichte ihren Roman 1940, nachdem sie in Deutschland und in der Sowjetunion auf Reisen war. 1922 debürtierte sie mit einem Lyrikband, mit fast 30 wurde sie Generalsekretärin der (schwedischen) Clarte, einem internationalen Literaten- und Intellektuellenzirkel des französischen Pazifisten Henri Barbusse, außerdem übersetzte sie den Roman Der Zauberberg von Thomas Mann und die wichtigsten Werke von T.S. Elliott ins Schwedische. Seit den 1930er Jahren gab sie eine Zeitschrift mit literarischen Essays heraus. Im April 1941 wählt Boye den Freitod.

Karin Boye – Kallocain. Aus dem Schwedischen und mit einem Nachwort von Paul Berf. btb 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!