Nirvana – Das Projekt

Gestern wäre Kurt Cobain 50 Jahre alt geworden. Ich stellte also IN UTERO und NEVERMIND auf Repeat und dachte ein bisschen über den Sänger von Nirvana nach. Und ich plane ein Projekt, das mit meiner Lieblingsband zu tun hat, aber dazu später mehr.

Kurt Cobain begegnete mir das erste Mal auf einer CD, die ich bei meinem Papa im Regal fand. IN UTERO sah echt gruselig aus und hörte sich fantastisch an. Noch nie in meinem Leben hatte ich so eine Musik gehört. Kurz danach gab es ein Special über Nirvana auf MTV, zu einer Zeit – damals- , als man für gute Musikvideos noch kein Geld bezahlen musste. Jetzt fühle ich mich sehr alt.

24 Stunden Nirvana, Musikvideos, Specials, alte Interviews und das legendäre MTV Unplugged. Mein 13-jähriges Ich entwickelte einen ziemlichen Crush für den schmächtigen blonden Sänger, der sich in seinen Liedern sprichwörtlich seine Seele aus dem Leib kotzte. Ich verstand die Lyrics nicht immer, aber ich war schon sehr verliebt. In eine Rocklegende, die zu dem Zeitpunkt schon mehrere Jahre tot war. Ich begann die Alben von Nirvana zu sammeln, Zeitungsausschnitte aufzuheben und Poster von Kurt in meinem Zimmer aufzuhängen.

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(Einige Jahre vorher hing da noch die Kelly Family – ok, Internet, ich weiß, es braucht immer einen Mutigen, der/die die Wahrheit ausspricht. Ich hab’s hingeschrieben, wie ihr seht verlief meine musikalische Sozialisation  wild, ereignisreich und relativ eklektisch.)

Da jedes Jahr dieselben Specials auf MTV wiederholt wurden und jede von mir gefeierte Zeitschrift von Bravo bis Popcorn (Kennt die noch jemand? Gibt’s die noch?) das Material der vorherigen Specials recycelte, wuchs mein Sammelordner relativ schnell. Ich kaufte mir eine Band-Biographie. Später sah ich mir einen Film von Gus van Sant an, den ich nicht verstand (Last Days, 2005). Außerdem las ich alles über Courtney Love. Und von Verschwörungstheorien zu Kurts Tod. Und dem Club 27. Ich wusste, dass der Titel des am meisten gespielten Songs von Nirvana Smells like Teen Spirit der Legende nach, durch ein schnödes Deo inspiriert wurde (Stichwort: Bikini Kill) und dass Kurt und Courtney ihre Tochter Francis „Bean“ nannten, weil sie fanden, dass Francis auf dem Ultraschallbild so klein „wie eine Bohne“ aussah. Weiterlesen „Nirvana – Das Projekt“

Ein leises Ende – Letzte Freunde

Jane Gardam konnte mich mit den ersten beiden Teilen der Trilogie um Old Filth begeistern. Gerade der erste und der zweite Teil zeigen, wie gekonnt Gardam uns als Leser_innen in eine Richtung lenkt, um dann im zweiten Teil ein komplett anderes Bild einer Person zu zeichnen. Raffiniert erzählt, witzig und spannend – in der Trilogie finde ich alles, was mich bei Leselaune hält.
letzte-freunde-2-bearbeitetIm dritten Teil kommt Dulcie zu Wort und wir erfahren interessante Details
über Veneerings Leben, der ja doch eigentlich einen ganz anderen Namen hatte. An diesen Stellen gefällt mir der Roman am besten und es ist spannend zu sehen und zu begreifen, wie wenig sich die Figuren eigentlich wirklich gekannt haben. War Veneerings Vater nun ein Spion oder doch ein Zirkusartist? Vieles bleibt angedeutet. Auch die Rivalität der beiden alten Anwälte hat deutlich tiefere Wurzeln als ich zunächst vermutet hatte. Das gefällt mir. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass die jüngere Generation (hier verdeutlicht am Beispiel der neuen Mieter, die in Veneerings altem Haus wohnen) sich kaum vorstellen kann, was die Raj-Waisen erlebt haben und dass sie im besten Fall als schrullige und etwas merkwürdige alte Menschen abgetan werden.

 Durch den Fokus auf zwei Randfiguren (Fiscal-Smith und Dulcie) werden Leerstellen aus den anderen Romanen gefüllt und wir als Leser_innen erfahren, was die anderen über Betty, Veneering und Old Filth gedacht haben. Das ist amüsant und geht ans Herz. Dulcie hat nie verstanden, warum ausgerechnet Fiscal-Smith als Trauzeuge bei Old Filths Hochzeit erscheint. Die Verstrickungen zwischen Old Filth und Veneering und Betty waren schon in den ersten beiden Teilen unterhaltsam und tragisch und daran hat sich nichts geändert. An vielen vermeintlich unscheinbaren Stellen zeigt sich das wahre Talent von Jane Gardam. Ihr gelingt es, eine Trilogie um ein Figurenensemble aufzubauen und immer mit neuen Details zu überraschen. Gleichzeitig arbeitet sie mit verschiedenen Leerstellen, die das Gespür der Leser_innen verlangen.

Der Roman beginnt mit dem Satz „Die Titanen waren nicht mehr.“ Feathers und Veneering sind tot und ihre Geheimnisse und Lebenslügen sind mit ihnen gestorben. Am Ende der Triologie angelangt, bin ich froh, diese Romane gelesen zu haben. Ansonsten bleibt vieles sehr ruhig, fast zu ruhig. Wer ein spektakuläres Ende erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden. Über dem gesamten Roman liegt eine leise Melancholie, die sich auch nicht vertreiben lässt, wenn ich das Buch zuklappe. Es ist ein leises Ende, das Gardam zeigt. Und nach längerem Nachdenken, kann ich nur sagen: es passt perfekt zu den Figuren des Romans.

Jane Gardam: Letzte Freunde. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin 2016.

ISBN: 978-3-446-25290-5

Buch-Date III

Ein Date ist eine schöne Sache, ein Date mit einem Buch manchmal sogar noch besser. Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram haben zum dritten Buchdate gerufen. Nachdem mir von Tausend schon drei Bücher empfohlen wurden, darf ich jetzt Zeilenende drei Bücher empfehlen. Weil ich letzte Woche krankheitsbedingt darniederlag, leider alles etwas verspätet.

Und das waren Zeilenendes Hinweise:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?

Siegfried Lenz – Das Vorbild (Super Stil)
Michael Nast – Generation Beziehungsunfähig (Unter viel ermüdendem Blabla zumindest ein paar intelligente Gedanken entdeckt)
Jonathan Stroud – Bartimäus. Das Amulett von Samarkand (durchschnittlich gute Urban Fantasy Geschichte mit viel Luft nach oben)

Dein Lieblings-Genre?

Science Fiction

Deine drei liebsten Autor*innen?

John Irving, C. S. Forester, Stanislaw Lem

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?

Die „Zu“-Bücher: Zu blutrünstig, Zu gruselig, Zu schmalzig, Zu unsauber recherchiert (Spezialkriterium für Historische Romane 😉 ) Ansonsten lese ich alles von leichter Unterhaltung aus dem Regal „Starke Frauen“ bis zu schwerer Übersetzung (das Gegenteil von Unterhaltung) aus der Abteilung „Metaphysik für Fortgeschrittene“.

Tja, was soll ich sagen. Metaphysik für Fortgeschrittene ist jetzt so gar nicht meins, aber ich habe da ein paar andere Ideen. 😉

1) Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik

Die Gelehrtenrepublik (1957) ist ziemlich durch und macht sehr viel Spaß und ich habe gerade Lust, dir Arno the Schmidt zu empfehlen. Worum geht es? Der fiktive Urgroßneffe von Arno Schmidt, Charles Henry Winer (höhö!), macht als ausgewählter Reporter eine Reise zur IRAS (International Republic for Artists & Sciences). Wir schreiben das Jahr 2008, Europa ist dank atomarer Katastrophe verstrahlt und wichtige Künstler und Wissenschaftler finden auf der Insel IRAS ideale Bedingungen um in aller Ruhe Hochkultur zu produzieren. Das ganze läuft natürlich anders ab, als Charles Henry sich den Besuch der hohen Stätte der Kultur so vorstellt. Es gibt wilden Zentaurensex, viele Fragen um Kunst, Kultur und das Leben von Schriftstellern und noch ein bisschen Kalten Krieg dazu. Sehr lesenswertes Ding und auch wenn ich meine Masterarbeit darüber geschrieben habe – würde ich den Roman immer wieder lesen. ;) Und auch wenn in der Wissenschaft diskutiert wird, ob Arno jetzt Science-Fiction geschrieben hat, oder nicht – dystopisch wird es auf jeden Fall!

2) Xu Zechen – Im Laufschritt durch Peking

Dunhuan, Mitte zwanzig, will in Peking eine Menge Kohle machen und schließt sich einer Bande von Dokumentenfälschern an, bis er im Knast landet. Drei Monate sitzt er, dann kommt er wieder raus und landet erneut auf der schiefen Bahn. Er lernt Xiaorong kennen, mit der er illegal DVDs verkauft, aber dann kommt ihr Ex zurück und Dunhuang ist wieder alleine. Der Sandsturm kommt und dann trifft er Qibao… Im Laufschritt durch Peking ist das letzte Buch, das ich gelesen habe. Und es ist toll. Xu Zechen schreibt sehr lakonisch, direkt und atmosphärisch schön. Es geht darum, in einer riesigen Stadt wie Peking irgendwie zu Geld zu kommen, wenn man eigentlich keine Möglichkeiten hat, etwas zu ändern. Ich habe mich – zumindest von der Atmosphäre her – an Lost in Translation erinnert, aber Im Laufschritt durch Peking ist sehr viel temporeicher und tragischer.

3) Sylvain Neuvel – Sleeping Giants

Meine Rezension findest du hier.

 

Lieber Ulf,

ich bin schon sehr gespannt, für welches Buch du dich entscheiden wirst und wünsch dir ganz viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

[Rezension] Weihnachtsgeschenk für Serienfans- Eat like a Gilmore

The Girls are back in town! Als Netflix im November eine neue Serie Gilmore Girls präsentierte, war die Fangemeinde gespalten. Ich habe mittlerweile mit vier Freund*innen das Revival durchdiskutiert, denn ich hatte immensen Redebedarf nach den #famouslastwords. Unendlich viel Redebedarf. Gut, dass andere Fans nicht nur reden, sondern gleich ein Kochbuch schreiben.

Seit der Donna-Reed-Episode wollte Kristi Carlson ein Kochbuch für die Fans der Gilmore Girls herausgeben, das ist mittlerweile schon fünfzehn Jahre her. Dank Kickstarter konnte das tolle Projekt der Autorin aus Michigan schließlich realisiert werden. Echte Fans kommen bei der Kochbuchidee natürlich ins Grübeln. Essen wie Lorelai und Rory? Chinesisch bestellen, Pizza liefern lassen und Al’s Pancake World ansteuern – wozu brauchen wir da ein Kochbuch? Weder Mutter noch Tochter sind dafür bekannt, dass sie in der Serie viel Zeit in der Küche verbringen. Eher im Gegenteil. Es wird gelesen (deswegen bin ich auch mit dieser monströsen Rory-Gilmore-Lesechallenge beschäftigt – vermutlich bis ich achtzig bin), es werden Filme geguckt und für kulinarische Höhepunkte sorgen andere. Entsprechend gliedert sich auch das Kochbuch in unterschiedliche Örtlichkeiten von Stars Hollow in denen es eben mehr Auswahl gibt, als bei Al. Sortiert nach „Luke’s Diner“,  „Sookies Küche“, „Rory kocht“, „Emilys Haus“ und dem wunderbaren Punkt „Stadtspezialitäten“, kann man einen kulinarischen Rundgang durch Stars Hollow wagen. Das gefällt mir sehr.

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Ich bin keine großartige Küchenfee, aber ich probiere manchmal gerne Dinge aus. Und das macht noch mehr Spaß, wenn dazu noch die passende Folge erwähnt wird, in der das Gericht vorkommt. Erinnert sich noch jemand an die Folge, in der Rory, Lane und Paris den Gründerväter-Punsch probieren und der Abend für Rory in Lorelais Badezimmer endet? Das Rezept gibt es im Kochbuch, die Mischung aus Wodka, Brandy und Apfelwein erklärt auch den Ausgang des Abends.;) Wer schon einmal Sookies Gurken-Minz-Sandwiches probieren wollte, kriegt mit diesem Rezept genug Inspirationen und Lukes Cheeseburger oder Emilys Lachshäppchen und der fantastische Coctail „The Birthday Girl“ dürfen natürlich auch nicht fehlen. Neben Burger & Sandwich findet man eben auch Muffins, Brote, Suppen, Pasta- oder Fleischgerichte. Und das extra Kaffee Kaffee Kaffee – Kapitel lässt einen auch jeden langen Tag oder ausgedehnten Serienmarathon überstehen.

Neben den tollen Bildern gefällt mir vor allen Dingen, dass die Rezepte möglichst leicht verständlich sind und keine ellenlange Liste an Küchenequipment erfordert. Man muss keine Sookie sein, um die Muffin oder Scones Rezepte nach zu backen, allerdings braucht man manchmal spezielle Zutaten, die nicht jeder Supermarkt hat. Für Twinkies braucht man zum Beispiel Fluff – aber auch das habe ich schon einmal in einem deutschen Supermarkt gesehen.

Und warum schreibe ich euch gerade jetzt über das Kochbuch? Ich finde, es ist ein super tolles Weihnachtsgeschenk, das Fanherzen höher schlagen lässt und manchen vielleicht mit den neuen vier Folgen versöhnt. Für beste Freund*innen und Fans der Serie wärmstens zu empfehlen. :)

Kristi Carlson: Eat like a Gilmore. Das inoffizielle Kochbuch für Fans der Gilmore Girls. Fotos von Bonnie Matthews.

ISBN: 978-3-95631-533-6

Shaker Media 2016

Das Kochbuch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

„Buch-Date“ – Kinder der Hoffnung

Was ist noch gleich ein „Buchdate„? Beim Buchdate, initiiert von Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram, geht es darum, ein Buch empfohlen zu bekommen und Bücher zu empfehlen. Nialebt hat mir Bücher empfohlen und ich habe ihr Bücher empfohlen. Ich habe mich für Kinder der Hoffnung von Marc Levy entschieden.

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Marc Levy erzählt in Kinder der Hoffnung die Geschichte einer Gruppe französischer Jugendlicher, die sich in den 1940er Jahren der Résistance anschließen und gegen die deutschen Besatzer und die mit den Deutschen kollaborierende französische Miliz kämpfen. Marc Levy erzählt eine sehr persönliche Geschichte, denn es ist die Geschichte seines Vaters, der den Holocaust überlebte. Die Handlung spielt in Toulouse, das bis 1942 in der sogenannten „zone libre“ lag. Der Ich-Erzähler, der sich in der Widerstandsgruppe Jeannot nennt und sein jüngerer Bruder Claude, wollen natürlich bei den Aktionen der Résistance dabei sein. Anfänglich noch voll jugendlichem Idealismus, merken sie erst nach und nach, in welche Gefahr sie sich begeben. Es beginnt mit Flugblätteraktionen und das Leben im Widerstand ist ein faszinierendes Spiel. Die Jugendlichen lehnen den vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Besatzern ab. Doch dabei bleibt es nicht. Die Jugendlichen politisieren sich schnell, denn die Reaktionen auf ihre anfänglich so spielerische Rebellion lassen nicht lange auf sich warten.

Als er an diesem Abend nach Hause kommt, kann Caussat nicht ahnen, dass er drei Tage später denunziert und verhaftet sein und zwei Jahre in den Kerkern der Zentrale in Nîmes verbringen wird. Delacourt weiß nicht, dass er in wenigen Monaten von der französischen Polizei in einer Kirche von Agen, in die er sich geflüchtet hat, zu Tode geprügelt wird. Clouet ahnt nicht, dass er in einem Jahr in Lyon erschossen wird. […] Du siehst, für die Freunde hat alles wie ein Kinderspiel angefangen, ein Spiel von Kindern, die nicht die Zeit hatten, erwachsen zu werden. (S. 20)

Die Résistancegruppe, der sich Claude und Jeannot angeschlossen haben, beschließt, radikaler vorzugehen. Sie legen Bomben in Verwaltungsgebäude der Miliz, sie töten einen deutschen Offizier für jeden ermordeten Kämpfer der Résistance, sie jagen Fabriken in die Luft und sie beschädigen Züge, die Kriegsmaterial an die Front bringen sollen. Und andere Jugendliche aus Spanien und Italien kommen dazu, die schon länger unter dem Faschismus ihrer Heimatländer leiden müssen. Als die Gruppe schließlich denunziert und verhaftet wird, werden viele von ihnen hingerichtet. Gerichtsverhandlungen sind ohnehin nur noch Farce, das Todesurteil ist schon geschrieben. Die Überlebenden sollen nach Dachau transportiert werden, weil die Alliierten näher rücken. Nur wenige überleben den Transport. Als ein Freund im Sterben liegt, nimmt Jeannot ihm das Versprechen ab, eines Tages die Geschichte der Widerstandsgruppe zu erzählen. Sie darf nicht in Vergessenheit geraten.

Marc Levy hat ein erschütterndes Buch geschrieben. Und trotzdem liest es sich so leicht und locker wie ein spannender Abenteuerroman. Das ist zumindest irritierend. Doch mit dieser Irritation spielt Levy. Es finden sich lustige Szenen in seinem Text, es geht um jugendliche Trotzphasen, erstes Verliebt-Sein, Freundschaft und gleichzeitig werden die Schrecken des Krieges nicht vergessen.

„Der Krieg war nie wie im Film, das kannst du mir glauben. Keiner meiner Kameraden hatte etwas von einem Robert Mitchum, und wenn Odette auch nur ansatzweise Beine wie Lauren Bacall gehabt hätte, dann hätte ich sicher versucht, sie zu küssen, statt wie ein Idiot vor dem Kino zu zögern. Zumal sie am nächsten Tag an der Ecke Rue des Acacias von zwei Nazis erschossen wurde. Seither habe ich etwas gegen Akazien.“ (S.21)

Trotzdem liest sich das Buch  wie eine gelungene Verfilmung und ist genau so emotional erzählt. Das war für mich gewöhnungsbedürftig und macht doch den Reiz dieses Romans aus, in dem erlebte Grausamkeiten irgendwann zur Normalität und Lebensrealität der Jugendlichen werden. Da vergisst man leicht, dass die jüngsten Widerstandskämpfer gerade sechzehn Jahre alt waren und die meisten von ihnen gestorben sind. Marc Levy ist es gelungen, ein Buch zu schreiben, das sehr unterhaltsam ist und gleichzeitig den Zweiten Weltkrieg nah in unsere Gegenwart holt, in dem er die Jugendlichen beschreibt, die keine anderen Träume oder Wünsche zu haben scheinen, als Jugendliche heute. Das gefällt mir sehr. Dass die Résistance und das Leben im besetzten Frankreich ansonsten – abgesehen von Abenteuerfaktor und konspirativen Treffen – wenig detailliert beschrieben wird, ist dann nur noch ein kleines Manko des Romans.

Marco Levy – Kinder der Hoffnung.

Aus dem Französischen von Bettina Runge und Eliane Hagedorn.  Knaur 2008.

ISBN: 978-3-426-66301-1

[Rezension] Harte Matches & Poserprosa – Hool

Die neue deutsche Literatur ist hart, Gewaltdarstellungen sind irgendwie ästhetisch schön und dann hauen sich Hooligans auf die Nase und wilde Tiere tauchen auf. Noch vor der Veröffentlichung landete Hool von Philipp Winkler auf der Longlist und dann auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ein erfolgreiches Debüt also, das für mich allerdings nicht ganz aufgeht.

Hool ist ein unglaublich harter Roman, der sich um das Leben von Heiko Kolbe und seinen Jungs dreht. Heiko ist Fan von Hannover 96 und wenn er sich mit seinen Jungs trifft, dann gibt es ordentlich was auf die Mütze. Heiko ist ein Hooligan und gehört zu der Gruppe sympathischer Zeitgenossen, die sich in ihrer Freizeit mit verfeindeten Hooligans, also gewalttätiger Fans anderer Vereine, treffen, um sich gegenseitig auf die Nase zu hauen. Es geht um Blut und Schweiß und Kampf und wenn Heiko gerade nicht andere Leute verhaut, jobbt er im Boxclub oder sitzt in der trostlosen Kneipe „Timpen“, um sich mit anderen verkrachten Existenzen auszutauschen. Das Gymnasium hat er abgebrochen.hool-1

Für Heiko gibt es nur das nächste Match und den Wunsch, endlich mal wieder was richtig großes an den Start zu bekommen, der Nachwelt ein Zeichen zu hinterlassen. Heiko ist ziemlich wütend, aber das kommt ja auch irgendwo her. Seine Mutter ist eines Tages sang- und klanglos aus der Wohnung der Familie verschwunden und hat die Kinder bei ihrem Mann gelassen. Der Alkoholiker hat sich daraufhin eine philippinische Frau aus dem Urlaub mitgebracht, die auch gleich als Ersatzmutter vorgestellt wird. Keine einfache Ausgangslage. Heikos Schwester ist die einzige, die den sozialen Aufstieg geschafft hat. Heikos Exfreundin nimmt zu viel Heroin. Und man ahnt es schon, der Junge hat eigentlich keinen schlechten Kern, aber sucht sich leider die falschen Freunde aus. Heiko verbringt seine Zeit beim Bodybuilding und bei den Matches und schimpft auf „Homos“ und „Flachwichser“. Sind nämlich alles keine echten Männer, zumindest nicht in Heikos Hooligan-Fußballwelt. Da werden noch eine vielbeschworene Härte und geheime Rituale gefeiert. Rechts ist Heiko nicht, er will die Politik aus dem Sport raus halten.  Aber das sehen nicht alle so.

Natürlich springen die Hools als Ersatzfamilie ein. Ulf, Kai, Axel und Jojo sind Heikos Familie, sie stehen zusammen für Hannover 69. Doch man wird älter. Die Jungs werden ruhiger, wollen sich aus der Szene zurück ziehen. Die eigene Familie, eine schwere Verletzung nach einer Schlägerei – es gibt viele Gründe. Heiko kann damit nicht umgehen. Ohne den Männerbund der Hools und die Fußball- und Matchrituale steht er vor dem Nichts.

„Du hast deine Familie, dein Haus, deinen scheißweißen Gartenzaun. Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt.“ (S.234)

Heiko zieht zu Armin, einem verwahrlosten Zeitgenossen, der in seiner Freizeit Hundekämpfe veranstaltet und dessen Lebenstraum es ist, einen eigenen Tiger zu halten.

Und spätestens hier, muss ich mich fragen, warum in nahezu jeder dritten Rezension zu Hool, hymnisch das „Authentische“ und „Echte“ dieser Geschichte beschrien wird. Ich weiß ja nicht, wo und wie ihr lebt. Aber Tiger im Garten zu halten, hat für mich nun mal wirklich nichts Echtes. Vielleicht wird das A-Wort so dringlich bemüht, weil  Hool eine Geschichte von „ganz unten“ ist, über kaputte Familien, Gewalt und Szenezugehörigkeit als einzigen Ausweg aus dem trüben Alltagsgrau. Auch das steckt im Text. Dabei ist Heiko keines Falls der stumpfe Gewaltmensch, der er vorgibt, bei den Matches zu sein.

Wenn es um die Schlägereien der Hooligans geht, überschlägt sich der Text. Der parataktische Stil sorgt für Tempo und Action und eine anfängliche Schnelligkeit, die sich leider nicht durch den ganzen Text zieht. Hat man einmal das erste Match hinter sich gelassen, wird alles sehr viel ruhiger erzählt.

Ein letzter Aufschrei. Der Wald verstummt. Dann prallen Körper aufeinander. Fäuste und Beine werden geschwungen. Ein Kölner vor mir. Ne Faust kommt mir entgegen. Ich nehm den Schwung mit. Tauche unterm Schlag durch. Werf mich gegen ihn. Er fällt nicht, zu stabil der Ficker. Ist am Prusten. Um mich herum fliegen sie vorbei. Verhakt. Verkantet. Im Schwitzkasten. Schlagend. (S.15)

Für mich sind die besten und tollsten Szenen von Hool, neben den Matches, alle, die im Zusammenhang mit Arnims Tigeraktion steht. In dem Moment, wo dieser schräge Kerl auftaucht, schlägt der Text von einer poetisch überformten Sozialstudie in eine andere Richtung um. Heiko und Arnim haben sich gefunden, wenn auch ihre Freundschaft nicht komplikationsfrei abläuft. Sie  sind sich auf unheimliche Weise ähnlich. Arnims Faszination für das Wilde, Animalische, Unkontrollierte, entspricht Heikos Wunsch nach dem echten Leben, der echten Faust im Gesicht. Ein zurück zu Natur und einem mystifizierten Urzustand, das archaisch anmutet und gleichzeitig rasant komisch erzählt wird.   Niedersachsen ist, nimmt man alle Szenen aus dem Roman zusammen, zwar ein unglaublich deprimierendes Stück Erde – aber Träumer wie Arnim sorgen wenigstens für Abwechslung. Arnim zwar eine sehr große Schraube locker, aber er glaubt noch an die guten Dinge im Leben. Das sind für ihn die Natur und wilde Tiere.

Neben dem Tiger, gibt es auch noch einen Geier, der Siegfried heißt. Und Siegfried, dieser riese Vogel, hockt tagein und tagaus auf einem Sessel und wartet. Als Heiko ihm ein Fenster öffnet, schafft er es nicht, wegzufliegen. Die Szene geht ans Herz und steht für so vieles in dieser Geschichte. Für Heikos verkorkste Existenz, für sein Gefangen-Sein in diesem Leben. Ein wütender, abgehängter, junger Mannes. Klasse Thema, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt bisher einen deutschsprachigen Roman über Hooligans und ihre Motivation sich für die Szene zu engagieren, gegeben hat. Ich glaube nicht.

Trotzdem gibt es einfach einige Sätze, bei denen ich unwillkürlich lachen muss und nicht, weil es gerade um Arnims Tigereskapaden geht. Ich muss lachen, weil Hool auch aus Poserprosa besteht, die vielleicht nur jemand schreiben kann, der gerade ganz viel Authentizität eimerweise auf’s Papier kippen will. Das hakt an einigen Stellen ein wenig.

„Selbst an trüben Tagen kann man meistens noch bis zum Kaliberg sehen, der je nach Wetter anders aussieht. Mal weiß wie Pommessalz, mal grau wie Beton.“ (S.29)

„Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte.“ (S.174)

„Die Nässe kriecht mir wie eine sexuelle Belästigung unter die Klamotten.“ (S.151)

Eigentlich mag ich den Pommessalzsatz. Aber ich traue harte-Schale-weicher-Kern-Heiko nicht zu, dass er auf einmal Pommessalz als Referenzgröße für klimatische Veränderungen wählt. Dafür muss man vielleicht anders denken als Heiko, der sich gerne haut. Das sind meine Unterstellungen gegenüber dieser komplexen Figur, die keinesfalls ein stereotyper Schläger ist. Heiko ist auch ein Kümmerer, aber besonders schlau oder sprachlich versiert erscheint er eben nicht. Das sind Kleinigkeiten, aber sie bringen mich ein bisschen aus dem Leseflow. Und dass Heiko dauernd nach „Zichten“ fragt und seine Schwester als alte „Schrappnelle“ bezeichnet, ist dann auch ziemlich lustig. Aber wie gesagt, das sind Kleinigkeiten.

Hool ist ein tolles Debüt, aber nicht so rund, wie ich es anfänglich gedacht habe. Weniger Poserprosa und mehr von Arnim, diesem gruselig-schrägen Tierliebhaber, das hätte mir ein bisschen besser gefallen. Trotzdem lohnt es sich, Hool zu lesen. Besonders wegen Arnim, Siegfried und dem „Tijer“.

Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag 2016.

ISBN: 978-3-351-03645-4

[Rezension] Viel zu viel Vergangenheit – Straus Park

Gerade erst waren die Niederlande und der flämische Sprachraum Thema auf der Buchmesse in Frankfurt. Wenn ihr verschlungene Familiengeschichten mögt, solltet ihr diesen Roman lesen.

Sie zog ihn auf einen antiken Teppich, und immer wieder schmeckte er nicht nur sie, sondern auch den Staub von viel zu viel Vergangenheit. Er wäre auf ewig in ihr geblieben, hier, auf dem kratzigen Gewebe oder egal wo sonst, aber sie war schnell und er begriff, dass danach alles vorbei sein konnte. (S.10)

straus_park_bearbeitetSex mit Kunsthistorikerinnen ist für Amos Grossman eine neue Erfahrung. Auch wenn der Erbe einer jüdischen Familie wirklich kein Kind von Traurigkeit ist. Von seiner ersten Ehefrau hat er sich scheiden lassen, obwohl er damals noch an die große Liebe glaubte. Die gemeinsame Tochter sieht er sporadisch. Als wir ihn kennen lernen, hat er nur noch Sex mit seiner Geschäftspartnerin Alison und klagt sein Leid regelmäßig einem Therapeuten. Zu seiner Familie hat er kaum Kontakt,sein Geschichtsstudium(Harvard!)  hat er abgebrochen, nachdem seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Amos verwaltet den ehemaligen Familiensitz  am Straus Park und hütet das Erbe. Ansonsten wankt er ziellos durch sein Leben und bevor die Midlife-Crisis unbarmherzig an seiner Tür klopft,   begegnet er einer verführerisch schönen Kunsthistorikerin und verliebt sich. Denn diese Frau, das ist sie endlich. Die eine, echte, wahre Liebe.

Es gibt eine Art Liebe, dachte er, eine weichgespülte Variante, die gedeiht, weil man weiß, dass sie bald zu Ende geht. Kamikazeliebe, kurz und dumm. Nicht die Art von Liebe, der Amos Grossmann in handtuchbreite Schuhläden in der Lower East folgen würde. Er kannte sie nur allzu gut, diese weichgespülten Varianten. Für gewöhnlich zog sich Amos diese Art von Liebe zu, wie man sich eine Erkältung zuzieht. (S.84)

Julie Dane forscht über die Herkunft europäischer Kunstschätze aus dem 18. Jahrhundert in den USA. Amos verliebt sich sofort in die charmante Engländerin, die unerwartet vor seiner Tür steht, geht mit ihr Schuhe kaufen  und stellt den Kontakt zu anderen Kunstsammler*innen her. Es kommt zu einer stürmischen Affäre, deren leidenschaftliche Höhepunkte bereits am Anfang des Romans in epischer Breite ausgelotet werden. Das ist unterhaltsam.

Doch dann kippt die Szenerie. Bis hierhin ist alles simpel und nicht überraschend. Man kann es sich förmlich ausmalen, wie Julie und Amos mit ihren Café Lattes an der Upper West Side entlang schlendern und das Leben genießen. Das Julie daheim auf der Insel eigentlich liiert ist, stört wenig. Würde eine vertraute Stimme „xoxo, Gossip Girl“ kommentieren – es würde passen.giphy

Doch Paul Baeten Gronda legt spätestens im zweiten Teil des Romans einen düsteren Schatten auf diese Szenerien der Belanglosigkeit. Und damit habe ich nicht gerechnet. Der zweite Teil führt die Leser*innen ins Jahr 1937, zunächst nach Deutschland und dann in die Niederlande.

Friedrich Großmann war genau wie viele andere in seiner Position vor allem darauf aus gewesen, sich so deutsch wie möglich zu geben und hätte alles Jüdische am liebsten vergessen oder wenn möglich verleugnet. […] Dass der deutsche Staat sein Feind sein sollte, dass seine Landsleute ihn, einen Arzt und obendrein einen Kriegsveteranen, jemand, der ihre Kinder auf die Welt gebracht hatte – dass sie ihn ausspeien würden, das wollte er nicht glauben, wenn er es sich überhaupt vorstellen konnte. (S.143)

In Amsterdam leben Charlotte und Markus. Sie sind Amos‘ Großeltern. Charlotte hat ihren Vater Friedrich in Deutschland auf der Flucht vor den Nazis zurückgelassen. Es war ein Beschluss ihrer Familie, dass sie und ihr Ehemann als erstes nach Amsterdam gehen. Die Eltern werden nie nachkommen. Charlotte und Markus leben in verschiedenen Verstecken, sie kommen bei Freunden unter oder bei Freunden von Freunden. Markus droht an der Verfolgung zu zerbrechen, Charlotte hingegen will die Situation nach wie vor im Griff behalten können. Deshalb wirft sie sich einem NS-Offizier an den Hals und verrät ihm peu á peu, wo sich ihre Freunde verstecken – denn wenn sie ihn mit Informationen  versorgt, lässt er sie und ihren Mann hoffentlich in Ruhe. Außerdem gefällt ihr der Nervenkitzel und endlich winkt ihr als Geliebte eines Offiziers auch der soziale Aufstieg. Charlottes Geplauder sorgt direkt für Verhaftungen und Ermordungen, es sorgt dafür, dass ihre engsten Freunde direkt ins Lager abtransportiert werden.

„Ich will damit nur sagen, dass der Krieg nicht ewig dauern wird.“ Und als er nach diesen Worten ihren Hals küsste, scheu und behutsam, als ob er sie zerbrechen könnte, begriff sie nicht nur, was er vorhatte, sondern auch, dass er sie liebte. Otto Frei, der Mann, den man den Bluthund nannte und der eine Art Gerichtsvollzieher des Todes war, er liebte sie, eine jüdische Bäuerin aus Ketzin, die ihre eigenes Volk verkaufte. (S.209)

Paul Baeten Gronda erzählte eine Geschichte über Opfer und Täter, über Schuld und Leidenschaft, ohne dabei zu moralisieren. Dabei gelingt es ihm, immer wieder den Bogen in die Gegenwart zu spannen und Julie und Amos Liebesgeschichte in den Blick zu nehmen. Der Roman hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es geht um Liebe, Leidenschaft und Verrat. Vor allen Dingen geht es aber auch um jüdischen Kunstbesitz in der NS-Zeit und Spuren von viel zu viel Vergangenheit, die bis in die Gegenwart führen. Und man kann es sich denken: die Geschichten von Amos‘ und Julies Familien sind auf tragische Weise miteinander verbunden.

Paul Baeten Gronda: Straus Park. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas.
Luchterhand Verlag, München 2016
320 Seiten.