Kallocain

„Er hatte kein anderes Ziel vor Augen, als diese Frau zu entlarven, die hier herumlief und privatsentimentale und asoziale Gefühle in sich trug, sie bei einem Heulkrampf oder einer heftigen Antwort an den Pranger zu stellen und später auf sie zeigen und sagen zu können: Seht, was noch unter uns weilt und was wir hier dulden müssen!“ (S.34)

Der Chemiker Leo Kall lebt in einem totalitären Staat in der Zukunft. Zu Beginn der Handlung ist er 60 Jahre alt und sitzt im Gefängnis. Er schildert seine Erinnerungen an eine Zeit von vor über 20 Jahren. Damals lebt er mit seiner Frau Linda zusammen. Sie sind sehr ambitioniert darin, das totalitäre System zu stützen und lassen sich regelmäßig (wie alle) von einer Haushaltshilfe unterstützen und überwachen. Außerdem akzeptieren sie, dass ihre Schlafzimmer von „Polizeiauge“ und „Polizeiohr“ überwacht werden – das Private gibt es nicht mehr. Stattdessen wird jede Form von Privatsphäre ausgehöhlt.

Ein politisch unentschlossener Ehemann lässt sich nicht etwa scheiden, wenn seine Frau ihn der Polizei ausliefert, sondern wenn er den Verdacht hegt, dass sie trotz seiner Verfehlungen zu ihm halten könnte. Die Kinder sind nur an ausgewählten Tagen zu Hause, denn die Erziehung liegt in der Hand der Fachkräfte des Staates, die die Kinder zu Kriegsspielen animieren und dazu, die Verfehlungen ihrer Eltern zu melden. Tiefere Verbindungen zueinander sind untersagt. Wie in fast allen klassischen Dystopien, wird nicht geklärt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen dazu beigetragen haben, dass die Welt und die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Stattdessen werden die Gegebenheiten zunächst von allen Protagonist*innen akzeptiert und unterstützt.

Wir lernen Leo Kall kennen, der eifrig an einer neuen Droge arbeitet (Kallocain, benannt nach ihm, dem Erfinder der Chemiekeule). Kallocain, eine Art Wahrheitsserum, erlaubt es, einen Blick in die Geheimnisse und ver-borgenen Sehnsüchte und Wünsche der Mitmenschen (im Roman nur „Mitsoldaten“ genannt) zu werfen, denn unter Drogeneinfluss offenbaren ihm seine Versuchskaninchen alles.

Leo startet eine Versuchsreihe mit Mitgliedern des staatlichen Opfer-dienstes, die ihre Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Leo ist geschockt, als er von den Probanden, die unter Drogeneinfluss stehen, erfährt, dass sie keineswegs freiwillig und voller Begeisterung ihre Körper dem Staat opfern. Sie haben Depressionen, zweifeln an ihrem Dasein. Auch ihre Ehepartner sind nicht immer linientreu. Leo kann das nicht begreifen. 

„Bewirbt sich denn wirklich nur Abschaum beim Freiwilligen Opferdienst, fragte ich mich. Aber ich wusste natürlich, dass dies nicht zutraf. Ich wusste, dass hochwertige Eigenschaften erforderlich waren, damit jemand sich dort bewarb, dass Mut, Opferwille, Uneigennützigkeit, Entschlossenheit verlangt wurden, ehe man sich einem solchen Beruf überantwortete. Ebenso wenig konnte oder wollte ich mir vorstellen, dass dieser Beruf die Menschen zerstörte, die ihn wählten. Doch die Einblicke, die ich in die Privatsphäre der Versuchspersonen erhielt, waren niederschmetternd.“ (S.67)

Doch die Droge Kallocain eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die Macht des Staates auszubauen. Wenn die letzten privaten Momente darin bestehen, sich Gedanken zu machen, was wäre alles möglich, wenn allein der Gedanke an eine subversive Aktion gegen den Staat mit dem Tod bestraft werden könnte? Doch während die Vertreter des Staates erhoffen, durch den Einsatz der Droge Saboteur*innen und Terrorist*innen auf die Schliche zu kommen, entdeckt Leo eine ihm bisher unbekannte Seite seiner Mitmenschen: sie sehnen sich nach Liebe, Geborgenheit, Freiheit und nach einer anderen, besseren Welt.

In Kallocain schreibt Karin Boye sehr deutlich darüber, was es bedeutet, wenn ein totalitärer Staat seine Bürger*innen überwacht und sie dazu animiert, sich gegenseitig auszuspionieren. Am Schluss hat Leo zwar seine Geschichte aufgeschrieben ( ein Akt des Widerstands?), aber seine Geschichte lagert in einem Geheimarchiv und die Macht darüber hat die Zensurbehörde.

Die beeindruckende Dystopie, die in einer Liga mit 1984 und Fahrenheit spielt, ist rund acht Jahre früher als Orwells 1984 erschienen. Die Schwedin Karin Boye veröffentlichte ihren Roman 1940, nachdem sie in Deutschland und in der Sowjetunion auf Reisen war. 1922 debürtierte sie mit einem Lyrikband, mit fast 30 wurde sie Generalsekretärin der (schwedischen) Clarte, einem internationalen Literaten- und Intellektuellenzirkel des französischen Pazifisten Henri Barbusse, außerdem übersetzte sie den Roman Der Zauberberg von Thomas Mann und die wichtigsten Werke von T.S. Elliott ins Schwedische. Seit den 1930er Jahren gab sie eine Zeitschrift mit literarischen Essays heraus. Im April 1941 wählt Boye den Freitod.

Karin Boye – Kallocain. Aus dem Schwedischen und mit einem Nachwort von Paul Berf. btb 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

Der Platz an der Sonne

“ Ich will was machen aus mir und meinem Leben. Das will doch jeder Mensch, oder? Ich meine, warum hat sich denn der olle Mose auf die Socken gemacht und das ganze Volk Gottes mit ihm? Weil sie aus der Scheiße rauswollten, deshalb! Weil sie was Besseres wollten als das, was ihnen zugeteilt war. Und weil in Ägypten da nichts zu machen war. Das sind die großen Helden, aber ich darf das nicht?“ (S. 475)

Die besten Ideen sind häufig die einfachsten.  Christian Torkler hat in seinem Debüt „Der Platz an der Sonne“ kurzerhand die Weltgeschichte umgeschrieben und dreht die Perspektive um: Was wäre, wenn wir aus Europa nach Afrika fliehen müssten?

Der Held dieses dystopischen Textes ist Joshua Brenner, Berliner, Jahrgang 1978.  Er macht sich auf den Weg und sucht sein Glück in Afrika. Roller, sein bester Freund von früher, hat ihm von dort eine Postkarte geschickt. Roller hat es geschafft. Er ist losgezogen- wie viele andere auch – aber er hat es geschafft und er hat Joshua sogar zu sich eingeladen. Nach vielen tragischen Schicksalsschlägen macht sich Joshua  auf ins Ungewisse.

Im Roman sind die politischen Entwicklungen, die zu dieser Umkehr der Perspektive führen, eine direkten Folge des Zweiten Weltkriegs. Während der sowjetischen Blockade Berlins und der Luftbrücke der USA, eskalierte der Kalte Krieg zu einem Dritten Weltkrieg und entwickelte sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Weltmächten, der innerhalb Deutschlands ausgetragen wurde. Mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Deshalb unterstützt die Afrikanische Union den verarmten Kontinent, auch wenn die meisten Entwicklungshilfegelder nicht bei der Bevölkerung ankommen. 

Nach dem Krieg ist Europa zerstört, Deutschland in sechs verschiedene Kleinstaaten zersplittert. Mit dem Friedensvertrag von Reikjavic 1961 teilt sich auch das Land in verschiedene Hoheitsgebiete: den Freistaat Bayern, den Süddeutschen Bund, die Bundesrepublik Rheinland, Westfalen und Nassau, die Sozialistische Volksrepublik Mitteldeutschland, die Norddeutsche Förderation und die Neue Preußische Republik, deren Hauptstadt Berlin ist. Alle Einzelstaaten sind verarmt, totalitär regiert, die Bevölkerung wird unterdrückt, Demokratiebestrebungen gewaltsam niedergeschlagen und eine funktionierende Infrastruktur sucht man vergeblich.  

In der Neuen Preußischen Republik leben die Menschen in Armut, es gibt einen wachsenden Schwarzmarkt und normale Arbeitsplätze sind kaum zu finden. Joshua  wächst in einfachsten Verhältnissen auf. Sein Vater ist eines Tages verhaftet worden und nie wieder gekommen. Seine Mutter arbeitet Tag und Nacht um die Familie zu ernähren. Obwohl Joshua relativ schlau ist und gerne lernt, kann er die Höhere Schule nicht besuchen, seine Mutter kann sich das Schulgeld nicht leisten. Erst verkauft Joshua mit seiner Mutter als Kleinunternehmer selbstgemachte Suppe, dann fährt er Taxi. Er versucht sich – so weit es eben möglich ist – aus kriminellen Strukturen herauszuhalten und sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Er arbeitet hart, versucht immer wieder neue Wege für sich zu entdecken und gibt nicht auf. Als er eine Bar eröffnet, merkt er, dass nicht nur das staatliche Behördensystem korrupt ist. Überall hat die Mafia ihre Finger im Spiel und nicht nur deswegen muss Joshua das Land verlassen. Er hat einfach keine Chance in Berlin je etwas zu werden und er hofft auf einen Platz an der Sonne in Afrika. 

Seine Odyssee führt ihn über Ostdeutschland, nach Frankfurt, über die Schweizer Alpen, durch Italien bis an die afrikanische Küste. Und diese Migrationgsgeschichte ist nichts für schwache Nerven. Joshua ist nicht der sympathischste Held und er macht nicht immer alles richtig. Aber was ihm auf dieser Reise alles passiert ist von so schrecklicher Ungerechtigkeit, das man beim Lesen fast verzweifeln möchte. Sein Leben ist bedroht, er verliert Freunde, er wird ausgebeutet, gefoltert, betrogen. Dabei sucht er einfach nur nach einer Chance und einem Quentchen Glück.


„– Genau. Die wollen uns nicht auf ihrer Fähre haben und die wollen uns nicht in ihrem Land haben. Aber wir kommen trotzdem.
– Und?
– Was machst du mit Leuten, die du nicht haben willst? Du schickst sie weg. Und zwar am besten dahin, wo sie hergekommen sind. Verstehst du jetzt, was ich meine? Wenn die Luke da aufgeht, heißt es für uns Benvenuti Italia!
– Aber das … das können die doch nicht machen!

– Ach ja? Wer soll sie daran hindern?
– Immerhin, sagt Joris, sind wir mit dem Leben davongekommen.
– Ja, sagt Achim, aber ist das nicht ein Scheißleben?“ (S. 470)

Christian Torklers Debüt ist wahrscheinlich der Roman des Jahres. Er ist nicht verschachtelt konstruiert, sondern linear erzählt und sprachlich bedient Torkler  sich dem Horizont, den Joshua Brenner nach wenigen Jahren Schule eben haben kann. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, wie viel passieren muss, damit Menschen ihre Heimat verlassen und welche Gefahren sie auf sich nehmen. Der Roman zeigt aber auch: es hätte  alles ganz anders sein können. Und das macht ihn so lesenswert. Denn unser Glück auf der richtigen Seite der Erde aufzuwachsen ist eben purer Zufall, es ist nicht verdient, sondern ein für uns allzu selbstverständliches Geschenk. Was würden wir machen, wenn es nicht so wäre? 

Christian Torkler: Ein Platz an der Sonne. Klett-Cotta 2018. 592 Seiten.

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Wortgelüste

Zeichen und Zeiten

Gefunden


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Ist doch mal wieder typisch dafür, wie es auf der Welt zugeht: Die Leute, die Bücher lieben, können sie sich nicht leisten, während die Leute, die genügend Geld haben, Betriebswirtschaft studieren, damit sie noch mehr Geld einsacken und dafür sorgen können, dass die Buchleser auch in Zukunft machtlos bleiben. Dem armen V0lk bleiben nur die öffentlichen Bibliotheken. 

aus Glister von John Burnside, S. 95

Main Street

Mit Main Street hat Sinclair Lewis 1920 eine Weltverbesserungssatire geschrieben, die überraschend zeitlos und ziemlich unterhaltsam  den tiefen Graben zwischen Provinz und Metropole beschreibt. 

Die Main Street führt durch das fiktive 3.000-Seelendörfchen Gopher Prairie. Hierhin hat es Carol Kennicott verschlagen, eine junge und attraktive Bibliothekarin aus Chicago, die aus Liebe zu ihrem Ehemann Will aufs Land zieht. Will ist Landarzt, 40 Jahre alt und ein ziemlich bodenständiger Typ, Carol hat gerade ihren Collegeabschluss gemacht und ist eine Träumerin.

„Was sie zusammenführte, war halb Biologie, halb Mysterium; in ihren Gesprächen blitzte unter Allerweltsfloskeln bisweilen ein Funke Poesie auf.“

Für Will ist Gopher Prairie der Himmel auf Erden. Dabei wird schon zu Anfang klar, dass der kleine Ort bloß „außergewöhnlich war für die Augen eines Kennicotts“.  Es ist ihr zukünftiger Mann, der Carols Mission und auch ihr immer wiederkehrendes Scheitern initiiert: „Mach unsre Stadt… na ja … mach sie kunstsinnig!“ Carol fackelt nicht lang und macht sich auf, Gopher Prairie mit Kultur zu beglücken. Mal sieht sie ihre Aufgabe darin, sich der Städteplanung in ihrer neuen Heimat zu widmen, mal gründet sie einen Theaterclub. Mit unverbesserlichem Optimismus versucht sie immer wieder, die Bewohner*innen des kleinen Dorfes aufzurütteln und für neue Ideen, Fortschritt und Aufklärung zu begeistern.  Kein Wunder, dass sie sich mit dieser Haltung nicht viele Freunde in der Stadt macht, denn wer lässt sich schon gerne sagen, dass er eigentlich ein Hinterwäldler ist?

Außerdem unterschätzt Carol die einflussreichen Familien vor Ort, die schon immer in Gopher Prairie gelebt haben, eine Mischung aus stumpfsinnigen Kleingeistern, Spekulanten,  Farmern und ihren Ehefrauen, die die Bibel als höchstes Kulturgut sehen und deren einzige Forderung an die Kunst eben darin besteht, dass sie bloß erbaulich zu sein habe. Eine aktive Gruppe, die sich vehement gegen Auflösungsprozesse der vorhandenen Strukturen einsetzt. Für Ausländer*innen (in diesem Buch sind es die deutschen und schwedischen Einwanderer*innen, denen die Ortsansässigen gerne Krankheiten und moralische Verwerflichkeit andichten), ist in diesem Weltbild  nur ein Platz als Bedienstete*r vorhanden. Sozialist*innen sollten nach Ansicht der vielen tapferen und guten Menschen in Gopher Prairie direkt aufgehängt werden und am Ende des Tages hat natürlich der Mann im Haus das Sagen. Als Carol sich mit ihrem Hausmädchen anfreundet, kommt das einer Revolution gleich. 

Carol versucht alles und scheitert grandios. Ihre Ideen werden nicht nur von ihrem Ehemann belächelt. Auf knapp 1000 Seiten muss Carol viele Schlachten schlagen und sich auch immer wieder geschlagen geben. In ihrem unabdingbaren Willen, die Stadt voran zu bringen, ist es ihr auch egal, dass sie sogar einen jungen Schneiderlehrling wegen seines modischen Aussehens als Gleichgesinnten identifiziert und schon fast glaubt, allein durch seine Anwesenheit der romantischen Dichtung von Keats  näher zu sein (was natürlich nicht stimmt).  Auch wenn sich immer wieder kurzfristige Allianzen mit anderen Kulturinteressierten ergeben (die Mitglieder ihres Theaterclubs, ihres Lesekreises, die Lehrerin Vida), ist Carol ziemlich allein mit ihrer Begeisterung.

In verschiedenen kleinen Anekdoten und Ereignissen, die das Dorfleben beschreiben, schildert Sinclair Lewis,  Carols Entwicklung und die Entwicklung ihrer Ehe mit Will. Das ist oft sehr komisch, häufig auch tragisch. Mit sehr viel Liebe zum Detail schildert Lewis die Eigenheiten und kommentiert sarkastisch die Verschrobenheiten der Bewohner*innen von Gopher Prairie ohne sich über den Rhythmus des Kleinstadtlebens zu erheben. 

 
„Mrs. Bogart gehörte nicht zum ätzenden Typ ‚guter Einfluss‘. Sie war von der weichen, klammen, dicken, seufzenden, an Verdauungsstörungen leidenden, anhänglichen, melancholischen und deprimierend zuversichtlichen Sorte. Auf jedem Hühnerhof finden sich ein paar alte, ungehaltene Hennen, die Mrs. Bogart ähneln, und wenn die sonntags zum Mittagessen als Frikassee mit großen Klößen auf den Tisch kommen, tut das der Ähnlichkeit keinen Abbruch.“ 


Als Carol einige Zeit aus ihrer Ehe ausbricht und zwei Jahre in Washington bleibt, stellt sie fest, dass auch in den von ihr idealisierten Orten „ein gehöriger Schuss Main Street“ vorhanden ist. Trotzdem kehrt sie zurück und gibt nicht auf. Carols Kampf gegen die Engstirnigkeit ihrer Umgebung und ihre Emanzipationsgeschichte wirken erschreckend  modern, der ironisch-bissige Roman an keiner Stelle überholt oder altbacken, dabei ist er fast 100 Jahre alt. Aber die Themen, die Lewis beschreibt, sind auch heute noch aktuell: Spießbürgerlichkeit, Angst vor Fremden, Angst vor Veränderungen. 

Sinclair Lewis: Main Street.
Übersetzt von Christa E. Seibicke.

Manesse Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!  

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Sätze und Schätze

Letterheart

Ein Winter in Paris

Ich begriff schnell, dass mir die Zugangscodes fehlten: kulturell, sprachlich und die Kleiderordnung betreffend. Zu dem, was gut war und was nicht. Während der ersten Wochen habe ich mich redlich bemüht, sie mir anzueignen, doch sie änderten sich ständig, und ich blieb irgendwie immer außen vor. Irgendwann gab ich auf. (S.20)

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Victor ist Englischlehrer und Schriftsteller. Völlig unerwartet erreicht ihn ein Brief aus der Vergangenheit, Absender ist der Vater eines ehemaligen Mitschülers. Der Inhalt des Briefes versetzt Victor gedanklich zurück in den Winter des Jahres 1984. Victor ist gerade am renommierten Pariser Lycee D. angenommen worden. Hier soll er auf die Aufnahmeprüfungen für das Grand Ècole vorbereitet werden, damit er ein Lehrerexamen ablegen darf. Die „Concours“ gelten als schwierig und nur wenige Schüler*innen schaffen überhaupt die Vorbereitungskurse.

Victor ist ein Außenseiter, er kommt aus der Provinz, stammt aus einem nicht-akademischen Milieu und hat keine Freunde in der neuen Klasse. Seine Eltern stehen ihm zwar nicht im Weg, aber verstehen kaum, womit er sich eigentlich in der Schule beschäftigt. Unterstützung erfährt er kaum. Er arbeitet zwar hart, aber auch die Lehrer*innen trauen ihm wenig zu. Der Leistungsdruck ist allgegenwärtig. Die Bekanntschaft mit Mathieu und die gemeinsame Zigarette jeden Morgen, ist für Victor ein kleiner Lichtblick in seinem Schulalltag, in dem er permanent zu scheitern droht. Doch dann stürzt sich Mathieu eines Morgens die Treppe hinunter und stirbt. Victor ist durch Zufall als erstes vor Ort.

„Es war unglaublich, wenn man sich klar machte, wie starr das ganze System war. Mathieus Körper war nur ein Stein gewesen, den jemand in einen Teich geworfen hatte. Der Aufprall hatte zwar einige Ringe erzeugt, die sich für einige Sekunden ausbreiteten, doch danach war die Wasseroberfläche wieder glatt geworden.“

Mathieus Selbstmord löst bei Klassenkamerad*innen, Lehrer*innen und Eltern Verwirrung und Bestürzung aus, auch wenn die Schulleitung nach dem Prinzip „business as usual“ verfährt. Doch für Victor ändert sich alles. Plötzlich steht er im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der beliebteste Schüler der Klasse lädt ihn ein und auch Mathieus Vater sucht Kontakt zu ihm. Mathieus Suizid sorgt dafür, dass Victor auf einmal als jemand wahrgenommen wird, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Mitschüler, die vorher nicht einmal mit ihm gesprochen haben, wollen sich mit ihm über private Probleme austauschen, die Mädchen aus der Klasse finden ihn interessant. Das kommt Victor, der sich seit seiner Ankunft in Paris nach Bestätigung und Freundschaft sehnt, nicht immer ungelegen. Dabei stand seine Freundschaft zu Mathieu gerade erst am Anfang, sie kannten sich  flüchtig. Aber das ändert nichts an der Wahrnehmung der anderen:  er wird als Experte für Mathieus Leben gehandelt und beginnt zu erzählen.

Sehr feinfühlig  berichtet Jean-Philipp Blondel von einem Ereignis, das einen jungen Menschen aus seinem festgefügten Alltag reißt und ihn vieles in Frage stellen lässt, das zuvor noch als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Blondel schreibt sehr konzentriert, immer auf den Punkt und schafft es auf knapp 200 Seiten, Victors komplexe Gefühlsschwankungen nach Mathieus Suizid überzeugend darzustellen. Dabei schont er den Protagonisten nicht. Immer wieder fragt man sich während des Lesens, ob Victor überhaupt das Recht hat, eine kurze Bekanntschaft so derart auszuschlachten. Auf der anderen Seite ist er vermutlich der einzige Mensch gewesen, mit dem Mathieu tatsächlich engeren Kontakt hatte. Und Victor ist unglaublich allein.

„Ich bekam erneut eine Gänsehaut. Dreimal schon. Dreimal in einer Woche. Hautkontakt. Meine Mitmenschen fanden den Weg zu meiner Haut. Noch ein bisschen mehr davon, und ich würde mich wieder lebendig fühlen.“

Victors Prozess der Selbstreflexion ist faszinierend zu lesen. Der Roman ist melancholisch und trotzdem sehr eindringlich geschrieben. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke 2018.

 

Eine weitere Rezension findet ihr bei Literaturreich.

 

Olga

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Olga ist ein Mädchen, das aus armen Verhältnissen stammt, keine Probleme macht und relativ schlau ist. Während die anderen Kinder spielen, steht sie lieber am Rand und schaut zu. Ihre Eltern sterben früh am Fleckfieber, sie wird von der Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgezogen. Olga lernt fleißig, damit sie selbst einmal Lehrerin werden kann. Und dann trifft sie Herbert, der sich in Olga verliebt und auch noch das Projekt verfolgt,  Deutschland zu neuem Ruhm zu verhelfen.

 

„Aber sie gehörte nicht wirklich dazu. Sie sehnte sich nach anderen, die ebenfalls nicht dazugehörten. Bis sie einen fand. Auch er war anders. Von Anfang an.“ (S.12)

Der Roman gliedert sich in drei Teile und beginnt mit Olgas Kindheit. Ihre Mutter war Polin, ihr Vater Deutscher, sie selbst kommt 1893 in Breslau zur Welt. Nachdem sie bei der Großmutter landet, flieht sie nach Heidelberg, dort stirbt sie Anfang der 1970er Jahre. „Olga“ ist nicht nur die fiktive Biografie einer ungewöhnlichen Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte und auch ein Stück erzählte Zeitgeschichte. Bismark, Kolonialismus, zwei Weltkriege – Olga erlebt alles mit und hat schon früh große Sorgen, wenn es um die deutsche Neigung geht, immer alles „zu groß“ zu wollen. Damit ist Olga, wie so oft, ihrer Zeit voraus. Auch ihr Herbert verfällt dieser Idee.

Der erste Teil des Romans ist aus auktorialer Sicht geschrieben. Er umfasst die Zeit von Breslau bis zu Olgas Ankunft in Heidelberg. Der zweite Teil wird aus Ich-Perspektive erzählt. Erzähler ist ein Pfarrerssohn. Olga arbeitet für seine Familie als Näherin und zu dem jungen Ferdinand entwickelt sich ein besonders Verhältnis. Anders als im Vorleser wird die Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann hier aber nicht erotisch aufgeladen. Sie ist trotzdem etwas ganz besonderes:

„Sie war alt. Aber das Verständnis, das ich bei ihr fand, neugierig und nachsichtig, und ihre Liebe, die sich an mir freute, mich aber nicht brauchte und nicht forderte – es hatte das noch bei den Großeltern gegeben, gab es aber sonst bei niemandem, nicht bei den Eltern, nicht beim Freund, nicht bei der Geliebten. Ich verlor etwas, das ich nie mehr finden würde . (S.159)

Der dritte Teil besteht aus Briefen, die Ferdinand lange nach dem Tod der Verfasserin findet und die zurückführen in die gemeinsame Zeit mit Herbert. Herbert ist der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, er soll einmal den Hof der Eltern übernehmen. Für Olga ist kein Platz in dieser Zukunftsversion, sie spielt nicht in Herberts Liga, gehört dem falschen Milieu, der falschen Klasse an. Obwohl sich Herbert und Olga heimlich treffen, macht er keinen Schritt in ihre Richtung, die Zukunft wird nicht geplant und am Ende siegen die Lust nach Abenteuern und Eroberungen über die enge und heimliche Beziehung zu Olga. Herberts Weg führt ihn nach Deutsch-Südwestafrika. Die Briefe erreichen Herbert nicht, er wird nie zurückkommen, denn er hat beschlossen, „ein Übermensch zu werden und Deutschland groß zu machen“. Olga wird  von einer riesigen Einsamkeit erfasst. Sie kann nicht mehr unterrichten, als sie 1945 fliehen muss, ist sie taub geworden und auf Hilfe von anderen angewiesen.    

Obwohl ich so viele Seiten über Olga lese, wirkt sie auf mich lange sehr eindimensional und bleibt mir als Figur in ihren Handlungen absolut fremd. Das ändert sich erst im letzten Teil. Durch die Briefe klären sich viele Andeutungen auf. Das ist wirklich gut, ziemlich auf den Punkt und – für Schlink typisch – schnörkellos erzählt. Außerdem erfahren wir als Leser*innen endlich, was Olga gedacht hat, wie sie sich fühlt, wie wütend sie auf Herbert ist, der sich aus falsch verstandenem Nationalstolz und Ehrgefühl einer Expedition ins Ungewisse anschließt. Durch Olgas Briefe an Herbert wird zudem ihre Beziehung noch einmal in ein neues Licht gerückt.

Das Gute an unserer Trennung ist, dass ich Dir schreiben kann, wie sehr ich Dich vermisse (S.245)

Schlink hat einen Roman über ein Frauenleben in Deutschland geschrieben, dem man etwas Zeit lassen muss, damit er funktioniert. Neben den vielen historischen Momenten, die fast leichtfüßig eingeflochten werden, stellt sich auch die Frage danach, was eine Liebesbeziehung aushalten kann und was nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Herbert und Olga und die klare Analyse des deutschen Größenwahns in unterschiedlichen Epochen lohnen sich aber auf jeden Fall.

Bernhard Schlink – Olga. Diogenes 2018. 320 Seiten.

 

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Luft nach oben – Manhattan Beach

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Der Bleigürtel wiegt schlappe 48 Kilo, die Stahlschuhe 18 Kilo und der Messinghelm knappe 30 Kilogramm. Ein Jahr nach Pearl Harbour ist Tauchen nur etwas für harte Jungs, die so stark sind, dass sie den schweren Anzug inklusive Zubehör tragen können, ohne in Ohnmacht zu fallen. Für Anna, die selbstbewusste Hauptfigur in Jennifer Egans neuestem Roman Manhattan Beach, sieht so ihr Berufsziel aus. Sie arbeitet schon in einer Marinewerft und will noch hoch, bzw. eher tief hinaus. Sie möchte Taucher*in werden und bei der Marine Karriere machen.

Während sich die meisten Kerle über sie lustig machen, zieht Anna ihren Plan durch. Schon auf der Werft hatte sie bessere Chancen als zuvor: viele Männer sind im Krieg und Arbeiter*innen werden gebraucht. Zuhause ist es nicht einfach. Annas Vater ist spurlos verschwunden und hat  ihre Mutter mit Annas schwerbehinderten Schwester sitzen lassen. Anna muss zum Familieneinkommen beitragen. Als sie in einem Nachtclub den aufsteigenden Star der New Yorker Unterwelt, Dexter Styles, kennen lernt, bahnt sich eine unheilvolle Romanze an. Dexter kann sich nicht an Anna erinnern, aber sie weiß sofort, wer er ist. Als kleines Mädchen nahm ihr Vater sie mit zu einem Treffen mit Dexter. Ging es um illegale Geschäfte, mit denen sich der charismatische Mafiosi sein Einkommen sichert? Anna versucht nicht nur ihren Traum von der Unterwasserwelt zu verfolgen, sondern nimmt sich ebenfalls vor, alles über die Verbindungen von Dexter und ihrem Vater herauszufinden. Fast 500 Seiten lang fragt man sich: ist Dexter etwa der Mörder von Annas Vater oder hat ihr Vater eben doch seine Familie im Stich gelassen?

Jennifer Egan hat mit Manhattan Beach einen vielschichtigen Roman geschrieben, der sich ziemlich leicht lesen lässt und überraschend atmosphärisch daher kommt. Zugegeben, der Stoff der ganzen Geschichte hätte wahrscheinlich für mehr als einen Roman gereicht. Auf der einen Seite, nimmt Egan die Leser*innen mit in die Welt der Gangster und halbseidenen Clubbetreiber*innen der 1940er Jahre in New York, erzählt nebenbei noch eine Familiengeschichte über das Leben mit einem Kind/Geschwisterkind mit Handicap in einer dezidiert nichtinklusiven Gesellschaft, hat das große Thema Tiefseetauchen aufgemacht, berichtet Details aus dem Leben von Annas Vater Eddie (inklusive Schiffbruch – ohne Tiger), der unter anderem politisch aktiver Gewerkschaftler war und verhandelt natürlich noch eine Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau in einer von Männern dominierten Arbeitswelt. Ach so – ein bisschen Liebe und viel Erotik zwischen Dexter und Anna darf natürlich auch nicht fehlen. Das sind eigentlich sehr viele Geschichten für gerade einmal 500 Seiten und nicht alle sind gleich stark, obwohl Egan ein in seinen Ambivalenzen und Fehlern durchaus glaubwürdiges und sehr sympathisches Figurenensemble aufs Papier zaubert.

Bekannt geworden ist Jennifer Egan mit ihrem Roman Der größere Teil der Welt, eine Hommage an die sich wandelnde Musikindustrie, dafür gab es 2011 den Pulitzer-Preis. Auch für Manhattan Beach hat die Autorin eine Menge recherchiert, wie ein Interview, das dem Text vorangestellt ist, zeigt. Fast zehn Jahre lang, sammelte sie Material über New York während des Zweiten Weltkriegs und die Ausbildung der Tiefseetaucher, auch wenn es in den 1940er Jahren noch keine Taucherinnen gab. Das ist eine ziemliche Leistung, hat aber vielleicht auch dafür gesorgt, dass die Geschichte nicht an allen Stellen so rund ist, wie ich es mir gewünscht hätte.

Waren der Schiffbruch von Eddie und Annas erster Tauchgang meine Lieblingsszenen des Romans, wirken viele Passagen, in denen Annas Schwester eine wichtige Rolle spielt, eher wie klischeehaftes „Füllmaterial“ für ein ohnehin schon thematisch sehr ambitioniertes Buch.  Überhaupt verstehe ich nicht, warum Annas Schwester eine überirdische – aber eben leider schwerbehinderte – Schönheit sein muss. Damit es noch tragischer wird, dass Annas Vater die Familie verlassen hat? Damit ihr Tod eine erwartbare Komponente der Geschichte werden kann? Damit ihre Mutter als Figur innerhalb der Geschichte noch mehr leiden muss und Anna einen weiteren Grund hat, ihren Traum vom Tauchen zu verfolgen, weil ihre Mutter ihr als abschreckendes Beispiel im Nacken sitzt?  Ich weiß es nicht genau. Es hätte der Überzeugungskraft des Romans aber sicherlich keinen Abbruch getan, eine starke Frauenfigur zu entwerfen, die ausnahmsweise mal ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hat.

Auch sprachlich konnte mich Egan nicht immer überzeugen. Über Dexter heißt es an einer Stelle, es öffne sich „in seinem Inneren langsam ein dunkler Regenschirm der Sorge“. Wahrlich gangstermäßig. Außerdem nervt es mich massiv, dauernd von „Farbigen“ und „Schwuchteln“ zu lesen. Ich weiß, dass diese Sprache das Milieu der harten Kerle auf der Werft wiederspiegeln soll, ich hätte diesen Sprachduktus aber trotzdem nicht gebraucht, denn ich verstehe auch so, welches Milieu Egan den Leser*innen verkaufen will. Da ist, nicht nur beim Tauchen, noch deutlich Luft nach oben…

Jennifer Egan – Manhattan Beach. Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens. Fischer Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

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