Der Preis, den man zahlt

Der Preis den man zahltSiegen Loyalität und Liebe oder Verrat und Gewalt? Der Preis, den man zahlt ist der Auftakt einer Reihe um den Spion Lorenzo Falcó. Vor einer historischen Kulisse setzt der spanische Autor Arturo Pérez-Reverte eine spannende Agentenstory in Szene.

„So ein Krieg ist ein echtes Spektakel“, sagte sie. (S.167)

Der Spion und Frauenheld Lorenzo Falcó steht vor dem vermeintlich wichtigsten Auftrag seines Lebens. Die Handlung spielt im Jahr 1936. Er erhält den Auftrag, in Alicante einen hochrangigen politischen Gefangenen zu befreien. Die Aktion ist so wichtig, dass sie sogar als kriegsentscheidend eingestuft wird. Obwohl Lorenzo Falcó eigentlich als einsamer Wolf unterwegs ist und gerne alleine arbeitet, muss er in diesem Fall seine Solopläne auf Eis legen. Um den politischen Gefangenen aus dem Gefängnis zu befreien, hat Falcó die Aufgabe, sich einer Gruppe junger Falangist_innen anzuschließen. Unter ihnen ist auch Eva Rengel, eine undurchsichtige Frau, deren Motive auch innerhalb der Gruppe nicht klar zu deuten sind.

Falcó hat für sich eine klare Rolle in dem Spiel der Geheimdienste und Kriegsparteien gefunden. Er ist sich selbst der nächste und hat keine politischen Überzeugungen.

Sollten sie doch töten oder sterben, sie mochten schon wissen, warum und wofür. Ob aus Dummheit, Bosheit oder ehrbaren Beweggründen. Lorenzo Falcos Krieg war ein anderer, und die Seiten waren klar definiert: hier er selbst, dort alle anderen. (S.103)

Trotzdem gilt er in der faschistischen Gruppe als Mann mit Erfahrung. Die anderen sind jung und naiv und haben zum Teil noch nie eine Waffe gehalten. Aber sie bringen eine Menge Fanatismus, Radikalität und jugendlichen Übermut mit. Falcó beginnt schon bald an der realistischen Durchführbarkeit der Aktion zu zweifeln. Eva kann ihn allerdings beeindrucken. Sie ist mutig, besonnen und in der Lage ohne mit der Wimper zu zucken, jemanden hinzurichten. Eine Frau, die Falcó nicht vergessen kann.

Niemand in der Gruppe kennt seine Mitstreiter_innen genau, aber für die Befreiungsaktion muss man sich auf die anderen verlassen können. In diesem gefühlsmäßigen Chaos kommen Eva Rengel und Falcó Lorenzo sich nahe. Und die Aktionen im Untergrund sind nach wie vor gefährlich.

Bis die Befreiungsaktion durchgeführt werden kann, hat Deutschland allerdings schon General Franco anerkannt – niemand weiß, wie sich diese Situation auf die inneren Ränkespiele innerhalb der Falange auswirken kann. Ein weiteres Risiko für Falcó, der sich zu fragen beginnt, warum ausgerechnet er für diese Mission eingesetzt wurde.

Dass Falcó so ein harter Kerl ist, wird leider an der einen oder anderen Stelle überbetont.  Wenn er die Frau des deutschen Botschafters verführt, die „blonde Walküre“ Greta, und er beim Anblick ihrer großen und „schwer wogenden“ Brüste an „Wagner-Musik“ denkt, nun ja, dann muss ich leider wirklich lachen. Aber gut, auch ich habe wirklich verstanden, dass Falcó ein sehr harter Mann ist, dem sich die Damenwelt nicht entziehen kann. Während Falcos Spionagegeschichte wirklich geschickt konstruiert wird, verhält es sich also mit der Rolle des Charmeurs und geschickten Verführers dann eher holzhammerig.

Der Preis, den man zahlt ist insgesamt ein spannender und gut gemachter Spionagethriller. Falcó wirkt zunächst wie eine absolut pragmatische Figur, die nur an sich selbst denkt. Er ist geschickt darin, seinen Job zu erledigen und legt eine Menge Chauvinismus an den Tag – bis er sich in Eva verliebt. Eva ist eine Figur, die lange ein Rätsel bleibt. Es gefällt mir, dass alle Beteiligten in dieser rasanten Spionagegeschichte ein Doppelspiel treiben. Es bleibt daher von Anfang bis zum Ende spannend.

Auch die geschichtlichen Hintergründe sind fantastisch recherchiert und geben Einblicke in den spanischen Bürgerkrieg. Ein absoluter Pluspunkt, aber auch nicht überraschend. Bevor Perez-Reverte zu einem der erfolgreichsten Schriftseller Spaniens wurde, arbeitete er 21 Jahre lang als Kriegsreporter. Vielleicht erklärt sein vorheriger Job auch, warum einige Verhörszenen so brutal und detailreich geschildert werden. Das war mir definitiv zu viel und hätte für mich nicht sein müssen.

Arturo Pérez-Reverte: Der Preis, den man zahlt. Aus dem Spanischen von Petra Zickmann. Insel Verlag Berlin 2017. 295 Seiten.

Ich habe den Roman bei vorablesen.de gewonnen. Vielen Dank!

 

 

 

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Buchblog Award 2017 – „Dabei sein ist alles“

NetGalley und der Deutsche Börsenverein vergeben in diesem Jahr das erste Mal den Buchblog-Award für den besten deutschsprachigen Blog. Einen Sonderpreis gibt es für den schönsten Bookstagram-Account. Die Preise werden in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse vergeben. Eine wirklich große Sache also.

Manchmal neige ich zu Kurzschlussreaktionen. In einem wahnwitzigen Moment in der Bewerbungsphase, dachte ich mir ganz sportlich: „Warum denn eigentlich nicht?“

Mein Blog ist klein und ich kann es mir kaum erklären, aber ich habe es tatsächlich auf die Longlist geschafft. Jetzt stehe ich da – neben unzähligen fantastischen Buchblogger*innen. Großes Kino.

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Ich freue mich sehr und fühle mich geehrt, auch wenn ich mir keine realistischen Chancen auf irgendetwas ausrechne. Wenn es um die Shortlist geht, halte ich das eher so wie damals zu Schulzeiten mit den Bundesjugendspielen…

Dabei sein ist alles! 

Vom 01. bis zum 11. September läuft ein Voting für die Shortlist. Falls ihr Lust habt, klickt doch einmal hier vorbei und lasst mir eure Stimme da. Als Dank bekommt ihr von mir virtuelle Kekse und ich wünsche euch ewige Schönheit. Ich freu mich sehr.

Merci! 

Skulptur Projekte – Nuclear Temple

Auf dem alten Zoogelände in Münster steht eine drei Meter hohe und 2,5 Tonnen schwere Stahlskulptur. Es handelt sich um den „Nuclear Temple“ und ich fand die Skulptur richtig toll. Der Künstler Thomas Schütte ist zum vierten Mal in Münster dabei und damit einmal mehr, als bei der Documenta in Kassel. 2017 hat er in Marl als Pendant zur Kirschensäule in Münster eine Melonensäule errichtet. Das ist für mich eigentlich schon genug Grund, um irgendwann in meinem Leben mal nach Marl zu fahren.  Aber zurück zur Skulptur.IMG_20170729_140623

Sie hat auf jeden Fall etwas von einem Tempel, irgendeinem antiken Kuppelbau vielleicht, an jeder der achte Seiten gibt es einen Torbogen. Das Material ist relativ ungewöhnlich, der runde Tempel besteht aus rostigen Stahlblechen. Im Innenraum befinden sich 16 Stahlwände, die alle auf das Zentrum des „Tempels“ ausgerichtet sind.  Angeblich soll der Kuppelbau an das ehemalige Elefantenhaus im alten Zoo erinnern und verweist damit auch auf Münsters Kolonialgeschichte, wie Nicola Torke im Begleitheft zu den Skulpturprojekten schreibt. In Münsters  Zoologischem Garten wurden von 1879 bis Ende der zwanziger Jahre Menschen ausgestellt. Besonders beliebt waren die „Völker Afrikas“, ein Renner war die „Sudanesen-Karawane“. 1894  kamen mehr als 2000 Besucher täglich in den Zoo, um während der achttägigen Show einen Blick auf die ausgestellten Menschen zu werfen. Die Kasse klingelte und das besondere Spektakel des „großen afrikanischen Hammelfestes“ (vielleicht mit live-Schlachtung – wer weiß) versprach noch mehr Profit. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade diese „Völkerschauen“ zur Verfestigung und Akzeptanz rassistischer und kolonialistischer Perspektiven beitrugen. Auch auf dieses düstere Kapitel Geschichte verweist der Tempel.

Es gibt Menschen, die versuchen, in diese kleinen Türen hineinzukriechen.IMG_20170729_141014 Wirklich hineinkriechen, können aber nur kleine Kinder. Manche von ihnen haben gesehen, dass Licht durch die Kuppel ins Innere des Tempels fällt. Durch die eingesetzten Stahlwände wirkt es so, als wäre der innere Kern des Tempels zersplittert. Nuclear – der Begriff verweist auf zwei Sachverhalte. Zum einen auf den Wesenskern eines Objekts, zum anderen auf atomare Katastrophen. Und sieht der Tempel nicht auch ein bisschen aus wie eine Atombombe? Ob Schütte jetzt auf Hiroshima und Nagasaki anspielt oder eine weitaus aktuellere Katastrophe im Kopf hat, wie Fukushima 2011, sei einmal dahingestellt. Ich habe mich sofort gefragt, ob der Tempel nicht vielleicht auch eine Art Bunker sein soll. Ein Schutzraum (Tempel klingt für mich da passend) für die Zeit nach einer atomaren Katastrophe. Ein Raum, in den nur Kinder passen, weil sie es wert sind, gerettet zu werden. Die Erwachsenen müssen leider draußen bleiben…

Mir hat an dieser Skulptur besonders gut gefallen, dass sie so offen für unterschiedlichste Assoziationen ist.

Was fällt euch ein, wenn ihr den Tempel seht?

 

Die Skulptur Projekte 2017 sind in Münster noch bis zum 1. Oktober zu sehen. Der Nuclear Temple ist eins von 35 Objekten, die überall in der Stadt verteilt sind.

Der Eintritt ist frei.

Die Geschichte der Bienen

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.

Albert Einstein

Seit vielen Jahren wird bereits vor dem Bienensterben gewarnt. Erst letzte Woche hat Sarah Wiener, die vor allen Dingen als TV-Köchin bekannt ist, eine Petition gegen das Bienensterben gestartet. Und die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. 1990 gab es noch 1,1 Millionen Honigbienen in Deutschland, mittlerweile sind es noch 700 000 Bienen.

Die geschichte der bienenDie Norwegerin Maja Lunde  macht in ihrem internationalen Bestseller Die Geschichte der Bienen das Bienensterben und die Folgen für Mensch und Umwelt zum Thema. Aber es geht nicht nur um Bienen. Die Osloerin, die bereits zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher schrieb, erzählt die Geschichte von drei unterschiedlichen Menschen, die in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten leben und deren Schicksal durch die kleinen Insekten entscheidend mitbestimmt wird.

Zum einen gibt es den Samenhändler und Bienenforscher William Savage aus England. William hatte eigentlich vor, eine Karriere als Naturforscher zu beginnen. Aber sein Mentor glaubt nicht mehr an ihn und als Familienvater muss er dafür sorgen, dass seine Kinder und seine Frau einigermaßen versorgt sind. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, sein Laden läuft nicht, in der Forschung fühlt er sich verloren. Schwermütig liegt er tagelang im Bett und hofft wenigstens seinen ältesten Sohn Edward für eine naturwissenschaftliche Karriere erwärmen zu können. Aber Edward denkt nicht einmal daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Für den Vater überraschend, kann sich Williams Tochter Charlotte für die Forschung ihres Vaters begeistern. Gemeinsam basteln sie an einem Bienenstock, der es den Imkern erleichtern soll, den Honig zu ernten, ohne die Bienen zu gefährden. Die Bienen könnten stattdessen domestiziert werden, wie andere Nutztiere. William glaubt, am Höhepunkt seiner Forschung angekommen zu sein.

Ich fing mit Skizzen an, leichte Kohlestriche auf dem Papier, ungenauer Größenangaben, (…) und allmählich nahm er vor meinen Augen Form an, wurde deutlicher, die Striche wurden präziser, die Maße genauer. Und endlich, am 21. Tag, war der Bienenstock fertig.

Dann gibt es den Imker George, der in Ohio daran arbeitet, seinen Hof zu vergrößern. Wie viele seiner Kolleg*innen reist er mit seinen Bienen durch das Land, damit sie die Blüten bestäuben. Anders als seine Kolleg*innen versucht George alles, damit sich die Bienen wohl fühlen, damit sie nicht gestresst sind. Irgendwann soll sein Sohn die Farm und die Bienenstöcke übernehmen. Aber Tom hat kein Interesse an den Bienen, sondern möchte Journalist werden. Der Schock ist groß, als George zu den ersten Farmer*innen gehört, die 2007 vom Colony Collapse Disorder bedroht sind, einem spontanen Bienensterben, das viele Imker überraschend traf. Georges Existenz steht vor dem Aus – soll er weitermachen oder die Imkerei aufgeben?

Eine der spannendsten und eindrücklichsten Figuren ist die Arbeiterin Tao. Sie lebt im Jahr 2098 in China und bestäubt Blüten mit der Hand, weil es mittlerweile kaum noch Bienen oder andere Insekten auf der Welt gibt.

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, sowie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Bei einem Ausflug mit ihrem Mann Kuon und ihrem Sohn Wei-Wen kommt es zu einem Zwischenfall. Ihr Sohn wird nach Peking in ein Krankenhaus gebracht, aber niemand erklärt den Eltern, was passiert ist. Tao fährt nach Peking – in eine Stadt, die aufgrund der Nahrungsmittelknappheit fast ausgestorben ist und versucht ihren Sohn zu finden.

In jeder Episode, die um die Hauptfiguren William, George und Tao kreist, geht es um das Verhältnis der Menschen zu den Bienen. Maja Lunde zeigt anhand ihrer unterschiedlichen Figuren, welche Folgen das Bienensterben haben kann und in der Episode um Tao auch die globalen Folgen dieser Katastrophe. Das ist ein spannender Aspekt, der besonders in Taos Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Aber es werden nicht nur bestehende Probleme fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. In allen drei Episoden spielen auch immer wieder Familien und  die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der Bienen ist thematisch aktueller, als sicherlich die meisten von uns denken. Ich habe vor Kurzem den Dokumentarfilm More than Honey auf Netflix gesehen, den Maja Lunde auch als Inspirationsquelle im Nachwort nennt. Insofern ist es wirklich grandios, wie gekonnt Maja Lunde dieses wichtige Thema aufgreift. Ansonsten ist der Roman sehr klassisch konstruiert, es gibt keine Überraschungen, die sich irgendwo verbergen, keine doppelten Böden, keine ungeklärten Fragen, Formulierungen oder Wendungen, die einer besonderen Interpretation bedürfen.

Die Geschichte der Bienen ist eine unterhaltsame, spannende und wirklich gut gemachte Familiengeschichte, in der das Leben und Sterben der Bienen das verbindende Element zwischen ganz unterschiedlichen Figuren ist. Für mich ist Die Geschichte der Bienen ein Sommer-, Strand- und Urlaubsbuch, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2017. 508 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roys Roman Das Ministerium des äußersten Glücks ist endlich auch auf Deutsch erhältlich. Nachdem sie für ihr Debüt Der Gott der kleinen Dinge 1997 den Man-Booker-Preis gewann, blieb es zunächst still um die Autorin. Zumindest im Bereich der Belletristik. Sie schrieb stattdessen politische Essays und war als Aktivistin mit unterschiedlichen sozialen und umweltpolitischen Themen beschäftigt. Auch deshalb musste sie immer wieder fürchten, verhaftet zu werden. Ich wollte das neue Buch von Arundhati Roy sofort lesen, denn Der Gott der kleinen Dinge ist eines meiner Lieblingsbücher. Aber ich habe doch ein bisschen länger für die knapp 550 Seiten gebraucht, als ich anfangs gedacht habe…

Es hatte mit der Art und Weise zu tun, wie sie lebte, als wäre sie ihr eigenes Land, ein Land, das keine Visa ausstellte und keine Konsulate zu haben schien. Wohl war, es war nie ein besonders freundliches Land gewesen, selbst in den besten Zeiten nicht. (S.276)

Roy IJede Nacht schläft Anjum zwischen zwei unterschiedlichen Gräbern. Sie rollt sich ihre Schlafmatte aus und schafft sich einen Platz an einem Ort, der für Menschen wie sie, wie geschaffen ist. Anjum sagt über sich selbst, sie sei eine „mehfil, ich bin eine Versammlung von allem und niemand, von allen und nichts“. Anjum ist ein transidentitärer Mensch, aufgewachsen als Junge, geflohen vor der Familie, findet sie irgendwann das Haus der Träume, einem Ort für Hijras.  Mittlerweile lebt sie auf einem Friedhof. In Indien werden intersexuelle Menschen so bezeichnet. Man erkennt sie schon von weitem, die meisten Menschen haben Angst vor ihnen, denn sie sind von den Göttern auserwählt und laut Aberglauben dazu in der Lage, andere zu verfluchen. Anjum hat eine schlimme Vergangenheit hinter sich, aber trotz ihrer traumatischen Erlebnisse schafft sie sich einen Ort, der ohne Grenzen und Gewalt ein friedliches Miteinander möglich macht. Ihr Ministerium des äußersten Glücks, in dem auch schon mal Shakespeare zitiert wird, ist ein Ruhepol in einem Land, das auch von kriegerischen Konflikten nicht verschont bleibt.

Normalität in unserem Teil der Welt ist so etwas wie ein weichgekochtes Ei: Seine langweilige Oberfläche verbirgt zuinnerst einen Dotter von ungeheuerlicher Gewalttätigkeit. Es ist unsere ständige Angst vor dieser Gewalttätigkeit, unsere Erinnerungen an ihre vergangenen Werke und das Grauen vor ihren zukünftigen Manifestationen, die die Regeln niederlegen, wie ein so komplexes und heterogenes Volk, wie wir es sind, weiterhin koexistieren kann – weiterhin zusammenleben, einander tolerieren und von Zeit zu Zeit einander abschlachten kann. Solange die Mitte hält, solange der Dotter nicht ausläuft, ist alles in Ordnung. (S.195)

Der Roman dreht sich nicht nur um Anjum, die den Ort für alle erschaffen kann, die nach ein bisschen Glück suchen. Es gibt den jungen Saddam Hussein, der sich so genannt hat, weil ihn die würdevolle Haltung des Diktators vor seiner Hinrichtung beeindruckt hat. Er findet relativ schnell einen Weg zu Anjum. Aber dann gibt es noch ein anderes Quartett, dessen Beziehungen so komplex und verwirrend sind, wie der Konflikt um die Region Kaschmir. Seit 1947, im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit Indiens, schwelt der Konflikt zwischen Pakistan und Indien um die Region Kaschmir, neben territorialen Ansprüchen geht es immer auch um religiöse Differenzen zwischen Hindus und Muslimen.

Im Ministerium des äußersten Glücks geht es neben Anjum um vier Freunde, die alle von den Konflikten innerhalb der Gesellschaft bedroht sind und ihre eigenen Schlüsse aus diesen Bedrohungen ziehen. Zum einen Naga, ein Journalist und Agent, dann der Kashmiri Musa, der sich in den Konflikt um sein Land einmischt, seine Geliebte, die Architektin Tilo und der Ich-Erzähler, der selbst einmal ein Agent gewesen ist. An der Universität haben sie sich in einer Theatergruppe kennen gelernt und auch in der Gegenwart sind ihre Schicksale miteinander verknüpft. Besonders Tilo ist eine Figur, die sehr viel erlebt hat und die ich auch nach Ende des Buches nicht vergessen kann. Sie heiratet Naga und nicht ihren Geliebten Musa, vielleicht weil sie Schutz braucht, aber „ein weniger großzügiger Mensch würde behaupten, weil sie ein Versteck brauchte“ (S.276) Die Wege der Figuren kreuzen sich wieder, spätestens dann, als ein Baby gefunden wird.

Es ist für mich sehr schnell deutlich geworden, dass Roy viele Themen, die sie in ihren politischen Essays aufgreift, auch als Hintergrund in den Roman einfließen lässt. Das erfordert eine Menge Konzentration und hin und wieder mal einen guten Wikipedia-Eintrag (und der Wikipedia-Eintrag zum Kaschmirkonflikt ist das leider nicht). Anders als Der Gott der kleinen Dinge ist Das Ministerium des äußersten Glücks sicherlich nicht so leicht zugänglich. Trotzdem lohnt sich die Auseinandersetzung mit diesem Buch. Die Figuren sind fantastisch, in jedem Nebensatz steckt noch eine Geschichte, die nur in diesem Moment nicht erzählt wird. Manchmal weiß man nicht genau, ob eine Geschichte stimmt. Häufig treffen sich Menschen im Roman und erzählen sich davon, was anderen passiert sein soll oder was ihnen passiert ist. Vieles wirkt im ersten Moment diffus, weil viele Dinge nicht sofort angesprochen werden.

Das Ministerium des äußersten Glücks ist ein bewegender Indienroman, der sehr viel Zeit braucht und auch sehr viel Geduld von seinen Leser*innen fordert. Das hängt auch damit zusammen , dass sich viele Perspektivwechsel und Zusammenhänge zwischen den Figuren und ihren Geschichten oft erst einige Seiten später klären – aber dafür mit einer unglaublichen poetischen und erzählerischen Wucht. Die Konstruktion der Geschichte ist beeindruckend, die sprachliche Gestaltung fantastisch. Roy lässt nicht zu, dass ihre Figuren ermordet werden – sie werden „gefaltet“. Und das ist nur ein Beispiel von vielen poetischen Wendungen, die sich im Text verstecken, die man zunächst überliest und die dann doch nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? Indem man sich langsam in alle verwandelt. Nein. Indem man sich langsam in alles verwandelt. (S.540)

Es sind auch viele Nebenfiguren, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Figuren, die ich beim ersten Lesen als lächerlich oder verrückt empfunden habe und Seiten später erfährt man dann, dass diese Figur einen Angriff auf das eigene Dorf überlebt hat, bei dem viele andere hingerichtet wurden. Da kommen Listen, Träume, unvollständige Erzählungen des Ich-Erzählers und Zeugenaussagen zusammen, um ganz langsam ein Bild von Indien in der Gegenwart entstehen zu lassen, das mich sehr beeindruckt hat. Und neben allen schrecklichen und erschütternden Bildern, die Arundhati Roy zeichnet, bleibt am Ende doch noch ein kleiner Ort des Glücks bestehen. Ausgerechnet auf einem Friedhof.

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks (The Ministry of Utmost Happiness). Aus dem Englischen von Anette Gruber. S. Fischer Verlag 2017.

560 Seiten.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

[The Book Blogger Tag]

Ich habe einen tag gefunden, der mir gut gefallen hat und da ich bisher noch nicht oft bei solchen Aktionen mitgemacht habe, dürft ihr jetzt meine Antwort lesen.

 

1. Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?

Das sind mehrere. Zum einen der Essayband von Karl-Ove Knausgard, in dem ich immer mal wieder lese. Dann „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde und außerdem ein Buch über Nordkorea von Rüdiger Frank und „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles.

2. Auf welche Neuerscheinung freust du dich dieses Jahr am meisten?

Ich habe mich sehr auf das neue Buch von Arundhati Roy gefreut, dazu bekommt ihr auch bald eine Rezension und ich freue mich auf Underground Rail Road.

3. Was ist das traurigste Buch, das du jemals gelesen hast?

Das ist eine schwierige Frage. Ich fand Ein wenig Leben zum Teil sehr traurig, aber gleichzeitig auch richtig gut und nicht nur „traurig“. Zumindest hat mich der Roman von Hanya Yanagihara emotional total mitgenommen. Lest dieses Buch! Unbedingt.

4. Welches Buch hat dein Leben besonders geprägt?

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Ich denke, dass es immer wieder Bücher gibt, die eine bestimmte Phase meines Lebens geprägt haben. Das ist – natürlich – Harry Potter und das gesamte Potter-Universum, einfach weil ich danach nie wieder so in ein Fandom eingetaucht bin und mich die sieben Romane sehr lange in meinem Leben begleitet haben. Ich habe das erste Buch mit 11 gelesen und dann immer passend nach dem Erscheinen der deutschen Übersetzung. Bei Band 7 konnte ich dann allerdings nicht mehr warten und musste mir den Roman auf Englisch kaufen. Und jetzt stört mich diese unvollständige Sammlung im Regal – kennt sonst noch jemand das Problem? ;)

5. Wonach sortierst du deine Bücher und wo stapelst du sie?

Ich hatte mal nach Farben sortierte Bücher, aber bin dann dazu übergegangen alphabetisch zu stapeln. Mein innerer Monk feiert das.

6. Was ist das lustigste Buch, das du bisher gelesen hast?

Lustig? Muss ein Taschenbuch gewesen sein. Höhö.

7. An welchen Orten liest du überhaupt?

Ich lese gerne am Wochenende morgens im Bett, ich lese gerne auf meinem Lesesessel und ich lese gerne auf dem Sofa und in der Bahn. Nur im Bus kann ich nicht lesen, da wird mir schlecht.

8. Was ist das spannendste was dir im Bezug zu Büchern bisher passiert ist?

Die Frage ist, wie weit man diesen Bezug auslegen möchte. Ich arbeite als Minijobberin in einer Buchhandlung – da kann man schon interessante Gespräche mit Kund*innen führen. Das ist spannend. Ich bin in meinem Assistentinnenjob für einen Literaturverein mal mit Benedict Wells Taxi zu seiner Lesung gefahren. Das war schon aufregend für mich, aber Benedict Wells ist so ein sympathischer Mensch, da hätte ich mir wirklich vorher keinen Kopf machen müssen.

9. Welches Kinderbuch ist dir besonders in Erinnerung geblieben und warum?

Ich fand Die Teppichpiloten von Knister toll, aber ich fand sehr viele Bücher toll. Es geht um Jakob und seinen Opa, die in einem Museum einen fliegenden Teppich finden. Am meisten mochte ich die Wortspiele. Der Opa nennt sich irgendwann als furchtloser Teppichpilot Hatte Ma Haar. Fand ich super.

10. Wer ist deine Lieblingsautorin / dein Lieblingsautor?

Joey Goebel bleibt da doch ungeschlagen, Herta Müller sowieso, Walter Moers ist da ein Kandidat, Arno Schmidt, Thomas Mann… wie – nur eine*n?! Wie soll das gehen?

11. Wo kaufst du deine Bücher?

Bei medimops, bei rebuy, bei booklooker, beim Amazon Marketplace, auf Flohmärkten, in der Büchergilde Buchhandlung hier in Bremerhaven, bei Thalia….

12. Was ist das gruseligste Buch, das du bisher gelesen hast?

Shining von King. Ich hatte mich wirklich sehr auf die Fortsetzung gefreut, aber Doctor Sleep war wahrscheinlich meine bisherige Enttäuschung des Jahres. Es war wirklich platt und vorhersehbar und überhaupt nicht mehr gruselig. Auf Stephen King habe ich jetzt erst einmal nicht mehr so viel Lust.

13. Welche Buchticks hast du?

Ich bin sehr pingelig, wenn es darum geht, Bücher zu verleihen und leihe Bücher wirklich nur an gute Freunde aus, bei denen ich weiß, dass sie mein Buch gut behandeln. Meine Ausgabe von Ein wenig Leben ist so schon nach Detroit gereist, aber ohne mich. Toll, meine Bücher sehen mehr von der Welt als ich…  Am liebsten sind mir die Menschen, die mir das Buch noch extra verpackt zurückgeben. <3

14. Welches Buch ist das günstigste und welches das teuerste in deinem Regal?

Ich weiß, dass Zettel’s Traum in meinem Regal definitiv das teuerste Buch ist. Und wahrscheinlich auch das dickste. Und das größte. Und das Buch, das am wenigsten gut zu transportieren ist. Und das mit den meisten Spalten … und vielleicht auch das Buch, das am schwersten zu lesen ist. ;)

15. Welches Buch hat dich am meisten enttäuscht?

Zack, verdrängt. Ich weiß es nicht mehr. Meine Enttäuschung des Jahres habe ich ja schon genannt. So eine nicht zu vergessende Enttäuschung, die ich hier auch festgehalten habe, ist Elf Minuten von Paulo Coehlo. Wenn euch dieses Buch interessiert, findet ihr ein Verriss dazu auch auf diesem Blog. ;)

Wenn ihr auch Lust habt, die Fragen zu beantworten, ich habe den tag bei livricieux gefunden.

Skulptur Projekte 2017

IMG_20170114_132926Wer sich für moderne Kunst interessiert, hat in diesem Sommer die Qual der Wahl. In Kassel ist die Dokumenta, in Venedig sind die Filmfestspiele, in Münster gibt es die Skulpturen Projekte. Da Münster meine Heimatstadt ist, war für mich die Entscheidung einfach. Abgesehen davon, dass ich gerade kein Geld habe, um nach Venedig zu fahren. Alle zehn Jahre treffen sich in Münster internationale Künstler_innen und verändern den öffentlichen Raum und das ist wirklich toll.

Man kommt gar nicht Drumherum – an jeder Ecke gibt es etwas zu sehen. Über dreißig Exponate, Plastiken, Installationen und Performances laden die Besucher_innen dazu ein, sich Zeit für moderne Kunst zu nehmen. Und das betrifft nicht nur die aktuelle Ausstellung. Viele Künstler_innen haben ihre Werke gleich an dem Ort der Ausstellung gelassen. Mein ewiger Favorit sind die pop-art – Kirschen von Thomas Schütte von den Skulptur Projekten 1987. Weil ich es mag, dass gigantische Kirschen in der Stadt auf einer Säule stehen. Super Ding!

Im LWL-Museum für Kunst und Kultur gibt es unter anderem auch das schöne Kunstwerk Untitled (Books) von Rachel Whiteread, die auf einem Balkon im Museum eine in Gips gegossene Bücherwand für die Skulptur Projekte 1997 installierte. Sieben Regelbretter umrahmen eine Tür, die verschlossen bleibt. Interessant an dem Kunstwerk ist aber nicht nur die verschlossene Tür (behaupten wir Buchblogger*innen nicht immer, dass Bücher dazu in der Lage sind, verschlossene Türen zu öffnen?). In der Regalwand befinden sich keine tatsächlichen Bücher, die wurden nämlich innerhalb des künstlerischen Prozesses kaputt gemacht, sondern es sind nur noch die Abdrücke von ehemals existierenden Büchern zu sehen. Sie haben Spuren hinterlassen, aber niemand kann mehr wissen, welche Bücher eigentlich in diesem Regal gestanden haben, welche Bücher vielleicht als wichtig und lesenswert erachtet wurden (von wem auch immer? wem gehört das Regal?), welche Bücher es nicht mehr gibt. Whiteread spielt also nicht nur mit der Vergänglichkeit des Mediums Buch, sondern auch mit der Vergänglichkeit von Archiven und modernen Wissensspeichern. Das hat mir gut gefallen. *

Die Skulptur Projekte 2017 sind noch bis zum 01. Oktober zu sehen, der Eintritt ist frei. Manche Performances gibt es nur einmal am Tag, bei anderen Ausstellungen muss man etwas Zeit mitnehmen und mit einer Warteschlange rechnen. Bis zum Oktober möchte ich gerne noch ein paar Skulpturen gesehen haben. Bis dahin stelle ich euch einfach hier vor, was mir besonders gut gefallen hat.

 

*Und demnächst kommt auch noch ein Bild, meine Speicherkarte wehrt sich gerade…