91 [Project Short Film] # 2 „Cargo“

Das „Projekt“ fängt richtig an, mir Spaß zu machen. Kurzfilme sind nicht zwingend nur kurzweilig und unterhaltsam wie LEMONADE STAND, manche sind verstörend, andere erschreckend. Und das alles auf kleinstem Raum. In wenigen Minuten muss eine Story für die Zuschauenden etabliert werden, das Setting muss klar werden und es gibt nur wenig Zeit um den Handlungsaufbau voranzutreiben. Besonders gelungen sind solche Filme, in denen ein überraschender Twist das Ende unvorhersehbar macht. Genau wie in dieser Kurzfilmperle, die der Kategorie Zombiefilm eine neue Dimension eröffnet. „Cargo“ wurde in diesem Jahr auf dem australischen Tropfest ausgezeichnet, Regie führten Ben Howling und Yolanda Ramke.

[Rezension] Margaret Atwood – Oryx und Crake

oryx_und_crake-9783833301391_lKlappentext: Oryx und Crake entwirft eine dystopische Welt in einer möglicherweise nicht allzu fernen Zukunft: eine Welt der Umweltkatastrophen und des Klimawandels, der Sturmfluten und Epidemien, in der sich die wenigen Reichen in streng gesicherten Wohnkomplexen von den verarmten Massen abschotten. Doch inmitten dieser sterbenden, chaotischen Gesellschaft entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen der rätselhaften Oryx und dem Genforscher Crake, dessen Experimente jedoch zunehmend außer Kontrolle geraten …

Worum geht es?

Schon die Einleitung des Romans spricht Bände. Zitiert wird aus Swifts Gullivers Reisen und zwar der Satz, mit dem Gulliver sein Tagebuch begründet. Er hätte zwar außerordentliche Berichte verfassen können, doch darum sei es ihm nicht gegangen, stattdessen wolle er in „einfachstem Stil“ seiner vornehmsten Absicht nachkommen: nicht zu unterhalten, sondern zu unterrichten. Und darum geht es hier sicherlich auch. Aus der Retrospektive wird der Untergang der Menschheit anhand des Protagonisten Jimmy entwickelt, der sich mittlerweile allerdings nur noch Schneemensch nennt. Schneemensch lebt in einer Welt, in der es keine Zivilisation mehr gibt. Die Menschheit ist ausgelöscht, lange Zeit vermutet er der letzte seiner Art zu sein. Sein Überlebenskampf ist einsam und verlassen, er muss mutierte Wesen (Hunölfe, eine Kreuzung aus Hund und Wolf) abwehren, genauso wie die wildernden „Organschweine“, ist ständig auf der Suche nach Nahrungsmitteln und hat nur Kontakt zu merkwürdigen Wesen, die „Craker“ heißen. Die Craker, einfache, simple Wesen, die nicht zu Gewalt neigen, aber auch zu keiner hohen intellektuellen Leistung fähig sind, behandeln Jimmy aka Schneemensch als Auserwählten. Er soll ihnen, prophetengleich, Nachrichten von Crake, ihrem Schöpfer bringen und von Oryx, seiner Geliebten. Doch beide sind tot und Schneemensch weiß nicht mehr, wie er in einer menschenleeren Welt überleben soll, zudem flüstert ihm immer wieder die Stimme von Oryx Satzfetzen ins Ohr. Schneemensch beginnt den Verstand zu verlieren, da er sich selbst für diese apokalyptische Situation verantwortlich sieht …

In der Retrospektive erfährt der Leser, wie Jimmy Crake kennen lernte. Erst war Crake der Neue in der Klasse, dann wurden sie Freunde und hielten auch während der Unizeit Kontakt. Jimmy hatte sich für die Kunstakademie „Martha Graham“ entschieden, ein trostloser Bau, in dem alles Mögliche unterrichtet wird. Jimmy, als Wortmensch, belegt das Fach „Problematiken“. Und viele dieser angehenden veganen Künsterler_innen hatten selbst einen Haufen davon angesammelt. Auch Jimmy ist nicht der einfachste Mensch. Seitdem seine Mutter verschwand als er ein Kind war, ist er emotional instabil. Seine Mutter, die selbst Wissenschaftlerin war und ihren Ehemann verließ, da sie seine Projekte im hermetisch abgeriegelten Örtchen für die Reichen verantwortungslos fand, ist Jimmys Achillesferse. Crake hingegen ist längst erfolgreich im System. Er kontrolliert ultrageheime Riesenprojekte und lässt sich auch dazu herab, seinen alten Freund Jimmy einmal zu sich einzuladen und ihm einen Job zu verschaffen. Er präsentiert ihm die „Craker“ und Oryx, die sich um die Wesen kümmert. Oryx, die Frau, die Crake liebt, die aber auch von Jimmy geliebt wird und die den beiden als erstes vor Jahren als Jugendliche begegnete …

Das sage ich…

Der Roman entfaltet eine unglaubliche Sogkraft und ich hoffe, dass ich durch meine Beschreibung nicht zu viel verraten habe. Nur soviel: der Klappentext ist für mich keinesfalls stimmig, ich hatte ganz andere Erwartungen an den Text und bin entsprechend überrascht worden. Der Roman ist sehr dicht geschrieben und anfänglich hatte ich nur Fragezeichen im Kopf. Doch nach und nach beginnen sich die Leerstellen zu füllen und allmählich entfalten sich die Verbindungen der Protagonist_innen untereinander, so dass Crake wahnwitziges Projekt in seiner Absurdität und seinem Schrecken immer deutlicher wird. Besonders gefallen hat mir, dass für fast alle anfänglichen Unklarheiten im Verlauf von Schneemenschs Suche Erklärungen gegeben werden und viele dystopische Entwicklungen gar nicht so weit hergeholt erscheinen. Die Arroganz der Naturwissenschaftler gegenüber den Geistes-oder Literaturwissenschaftlern, den Wortmenschen, ist dabei nur ein Phänomen, das ich auch aus meinem persönlichen Umfeld kenne, das Crake allerdings auf die Spitze treibt.

So meint Crake, dass man sich einen Haufen Liebesqualen ersparen können, wenn „die Sache“ (also Liebe, Sex etc.) hormonell zyklisch und unvermeidbar angelegt wäre wie im Tierreich: es gäbe keinen unfairen Wettbewerb mehr und alle wären zufrieden. Jimmy entgegnet ihm, dass die Menschen dann „Hormonroboter“wären und dass die Unvereinbarkeit der Menschen miteinander immer ein Motor für den künstlerischen Ausdruck gewesen sei. Crake meint hingegen, Kunst sei für den Künstler immer nur „ein Mittel, Sex zu kriegen“ und nichts anderes. Auf Jimmys Einwand, dass diese Analogie für Künstlerinnen nicht greife, entgegnet Crake lediglich: „Künstlerinnen sind biologisch verwirrt.“ Das spricht für sich, Crake ist alles andere als sympathisch, sondern tatsächlich ein machtbesessener Egozentriker, dessen analytisches Genie die Menschheit zerstören wird. Einen krasseren Abgesang auf Crakes fehlerhaftes Urteil kann es nicht geben.

Margaret Atwood, von der ich bisher nur „A Handmaid’s Tale“ kenne, da ich den Roman im Englischunterricht lesen musste, hat mit „Oryx und Crake“ eine spannende und unheimliche Dystopie geschrieben, in der Oryx, die wichtigste Frau des Geschehens, als ewige Projektionsfläche der Männerfantasien herhalten muss und nicht nur deshalb an Wedekinds „Lulu“ erinnert.

                                                                                                                  Sehr lesenswert!

Margret Atwood: Oryx und Crake. Übersetzt von Barbara Lüdemann. Berlin – Verlag. 380 Seiten.

ISBN: 978-3-8333-0963-2

Wer die Nachtigall stört

wer die nachtigall störtKlappentext: „Absolut genial“ (The New Yorker). Harper Lee beschwört den Zauber und die versponnene Poesie einer Kindheit im tiefen Süden der vereinigten Staaten. Die Geschwister Scout und Jem wachsen in einer Welt von Konflikten zu tolerant denkenden Menschen heran. Menschliche Güte und stiller Humor zeichnen diesen Roman aus, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde und die Herzen von Millionen Lesern im Sturm eroberte. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle wurde mit drei Oscars ausgezeichnet. „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Du hast Harper Lee gelesen“ (FAZ).

Worum geht es?

Der elfjärige Jem und die achtjährige Scout wachsen in den Südstaaten, in den 1930er Jahren, bei ihrem Vater Atticus auf. Atticus ist Anwalt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch diejenigen Klienten anzunehmen, deren Chancen nicht gerade rosig aussehen. Sein momentaner Fall ist Tom Robinson, ein Familienvater, der der V*rg*waltigung bezichtigt wird. Doch Tom ist nicht allein aufgrund der schwierigen Ausgangslage ein scheinbar hoffnungsloser Fall: er ist schwarz und niemand rechnet damit, dass die Jury einen Schwarzen, der ein weißes Mädchen v*rg*waltigt haben soll, freisprechen wird. Doch Atticus gibt nicht auf, er ist von Toms Unschuld überzeugt. Toms angebliches Opfer stammt aus einer höchst unseriösen Familie und wurde zudem, so hat es den Anschein, von ihrem Vater dazu gebracht, die Anschuldigungen zu erheben. Es folgt ein harte,r langandauernder Indizienprozess. Für Scout, aus deren Perspektive die Leser_innen das Geschehen erfahren, ist die Situation doppelt schwierig. Nicht nur in der Schule, auch in der Kleinstadt werden sie und ihr Bruder von Kindern und Erwachsenen beschimpft und dass nur, weil ihr Vater Tom tatsächlich (!) verteidigt und ihn nicht, wie angenommen, ins Messer laufen lässt. Wer einen Schwarzen verteidigt, begeht ein Sakrileg, so sieht es zumindest die weiße Mittelschicht und die heruntergekommene Familie des angeblichen Opfers. Die Situation wird immer bedrohlicher und Atticus muss sich und seine Kinder schützen …

In dieser konfliktreichen Situation erleben Scout, Jem und ihr gemeinsamer Freund Dill (Scouts „Verlobter“), allerdings auch viele unbeschwerte Tage. Am spannendsten ist für die Kinder der geheimnisvolle Nachbar Boo Radley. Boo soll vor Jahren von seinem erzkonservativ christlichen Vater eingesperrt worden sein und hat seitdem das Haus nie mehr verlassen. Sein Vater ist längst tot, stattdessen ist sein ältester Bruder eingezogen, der nun den Hausvorstand mimt, aber Boo bleibt verschwunden. Wie geheimnisvoll! Wie spannend – und welch eine Herausforderung für die drei Kinder. Sie beginnen Boo Nachrichten zu schreiben, wagen sich bis an die Haustür vor und flüchten dann doch, aber im Haus nebenan rührt sich wenig. Einmal glaubt Scout ein Lachen zu hören, aber mehr auch nicht. Bis sie eines Tages liebevolle Geschenke in einem Astloch finden, die nur von Boo stammen können, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben. Während Jem und Dill beginnen, sich „erwachsenen“ Dinge zuzuwenden, zum Beispiel dem Prozess um Robinson, immerhin wird Jem bald zwölf – ist Scout weiter fasziniert von Boo, der genau wie eine Nachtigall, nicht gestört werden darf …

Das sage ich … 

Ich habe den Roman für die „Rory-Gilmore“-Challenge gelesen und habe mich so gefreut, ihn entdeckt zu haben. Scout, Atticus und Jem sind wahnsinnig sympathische Charaktere. Besonders Atticus, dieser aufrichtige Anwalt, der für seine Kinder nicht nur Vater, sondern auch Freund und moralisches Vorbild ist, hat mir wahnsinnig gut gefallen. Atticus ist einer von den „Guten“, von denjenigen, die an das Gesetz glauben und die daran glauben, dass sich am Ende die Wahrheit durchsetzen wird. Mit dem weit verbreiteten Rassismus und den Anfeindungen durch seine Nachbar_innen und Bekannten hat er einfach nicht gerechnet, da so ein Verhalten für ihn nicht rational nachvollziehbar ist. Durch Scouts „naive“ Perspektive wird den Lesenden schnell klar, wie tief Rassismus in der Kleinstadt verwurzelt ist und wie gefährlich die Situation für Atticus ist.  Auch wenn Scout nicht alles versteht, ist sie dafür bereit, Atticus vor den anderen Kindern zu verteidigen und sich sogar für ihn zu prügeln, auch wenn man das als „junge Lady“ eigentlich nicht macht. Meiner Meinung nach wird das „Erwachsenwerden“ von Scout und Jem mitreißend beschrieben. Es ist kaum nachzuvollziehen, wie herablassend Schwarze als Menschen zweiter Wahl behandelt wurden, mit dem gleichzeitigen Hinweis darauf, dass doch in einer Demokratie alle gleich seien. Interessanterweise entdecken nur die Kinder diese Doppelmoral der Erwachsenen und Scout und Jem haben mit Atticus tatsächlich jemanden an ihrer Seite, der versucht, das allgemeine Unrecht etwas gerechter zu gestalten. Die Geschichte ist toll und wartet mit einer unerwarteten Wendung auf und die Charaktere sind sowieso wunderbar. Unbedingte Leseempfehlung!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill A Mockingbird). Übersetzt von Claire Malignon.  rororo, Auflage 32 (3. November 1978). 416 Seiten.

ISBN-10: 3499142813   ISBN-13: 978-3499142819

[Rezension] Michel Houellebecq – Plattform

4d9dcfc0dbaef_Cover_Michel_Houellebecq_Plattform_rowohltWorum geht es?

In „Plattform“, erschienen 2001, protokolliert Houellebecq die Geschichte eines tragischen Lebens. Michel ist ein frustrierter Beamter im Pariser Kulturministerium, der schon lange keine echte Begeisterung mehr für sein langweiliges Dasein aufbringen kann. Auch dass sein Vater ermordet wird, tangiert ihn kaum. Durch die Erbschaft kommt ihm etwas Geld zu und er beschließt eine Pauschalreise nach Thailand zu unternehmen. Denn auch wenn er seine Träume ansonsten als „beschränkt“ beschreibt, vertritt er doch den typischen europäischen Traum:

„Wie alle Bewohner Westeuropas möchte ich reisen. Aber es gibt da gewisse Schwierigkeiten: die Sprachbarrieren, die schlecht organisierten öffentlichen Verkehrsmittel, die Gefahr, bestohlen oder übers Ohr gehauen zu werden. Um die Dinge beim Namen zu nennen: Mein Wunsch besteht im Grunde darin, Tourismus zu betreiben.“ (S.32)

Trotz der augenscheinlichen Schwierigkeiten, ist Thailand ein entspannter Ort. Michel besucht die einschlägigen Massageclubs, in denen auch etwas mehr als Massage geboten wird („Diese kleinen Thai-Nutten sind ein wahrer Segen, ein Geschenk des Himmels, sagte ich mir.“), und fühlt sich auch nicht durch die moralisch entrüsteten weiblichen Mitreisenden gestört, die ihn auf die Degradierung der Frauen als Sexobjekte hinweisen. Valérie, ebenfalls Mitreisende, hat hingegen kein Problem mit Michels Wünschen. Die beiden kommen sich näher, der Sex zwischen ihnen ist fantastisch und auch nach dem Urlaub bahnt sich soetwas wie eine Beziehung an. Das erste Mal lernt Michel eine tiefe sexuelle Obsession kennen, für die er noch nicht einmal bezahlen muss. Valéries ist erfolgreich im Job, noch keine Dreißig und hat schon viel erreicht. Momentan sieht es in ihrem Marktsegment, der Tourismusbranche, allerdings schlecht aus. Pauschalreisen, so müssen die beiden feststellen, sind einfach nicht auf das Publikum zugeschnitten: es gibt peinliche Karaokeabende und ein Programm, das nicht einmal im Seniorenheim auf Zustimmung stoßen würde.

Auch Valeries Chef, Jean-Yves, ist verzweifelt und sieht die kleine Firma den Bach heruntergehen. Nur ein weiteres Problem, neben seiner scheiternden Ehe und der schwierigen Beziehung zu den Kindern. Da macht Michel einen folgenschweren Vorschlag: die „Plattform“ zum Glück. Das Konzept ist simpel und bedient die Bedürfnisse der sexsuchenden Euopäer_innen und lässt sich zudem in jedem „dritte Welt“ – Land gut ansiedeln: Wenn mehrere hundert Milliarden Menschen alles haben, bloß keine sexuelle Erfüllung und mehrere Milliarden Menschen nichts haben als ihren Körper, dann ist das, wie Michel feststellt, eine „Situation des idealen Tauschs“. Valérie, Jean-Yves und Michel wollen daher dem verlorenen französischen, deutschen, spanischen und italienischem Liebesglück in den exotischen Ferienclubs zur Erfüllung verhelfen. Obwohl Jean-Yves sich fragt, ob die Welt, die die drei hier erschaffen, wohl die richtige ist, siegt am Ende das kapitalistische Kalkül. Das Projekt wird unter der Hand beworben und schreibt in den ersten Monaten fantastische Zahlen, eine Auslastung von 95% ist die Folge. Michel und Valérie, die alles dafür tut, dass das Konzept läuft, sind im siebten Himmel. Jean-Yves findet Entspannung bei den Thailänderinnen, das Konzept des fröhlichen Sextourismus läuft fast zu gut – dann passiert die Katastrophe …

Das sage ich … *SPOILER*

„Plattform“ ist mein erster Houellebecq. Irgendwann fiel mir das Buch im SecondHand-Buchladen in die Hände. Besonders gefiel mir das Zitat von Jens Jessen aus der Zeit, dass auf der ersten Seite steht: „Houllebecq ist ein Trüffelschwein für Verletzungspotentiale.“ Der Roman macht es mir nicht leicht, ihm vorurteilsfrei zu begegnen. Auf der einen Seite gibt es abstoßende Schilderungen von V*rg*w*ltigungen, die en passant eingestreut werden, andererseits gibt es eine Reproduktion von Stereotypen und Rassismen am laufenden Band. Der Protagonist ist deshalb alles andere als sympathisch. Und überhaupt – natürlich ist die Utopie von Michel, Valérie und Jean-Yves nichts anderes als Sextourismus. Doch es gibt Menschen, die von diesem Arrangement profitieren und tatsächlich glücklich werden. Es geht also um die guten Sextourist_innen, deren pazifistische Utopie dann von den bösen Islamisten gestört wird? Der Roman verweigert sich schwarz-weiß Zuordnungen, die ich selbst auch schnell aufmache. Andererseits, muss ich mich als Leserin, die die Haltung der Hauptfiguren kritisiert, sozusagen mit dem islamischen Terror am Ende zufrieden geben, da endlich Sodom und Gomorrha ein Riegel vorgeschoben wird? Kann ich das wollen? Vollstrecken die Terroristen am Ende das, was ich mir innerlich schon gewünscht habe? Dass es so nicht gehen kann? Dass das Verhalten der Protagonist_innen ausbeuterisch ist? Trotz einiger Längen des Buchs, rettet das überraschende Ende einiges und regt zum Nachdenken an. Obwohl ich anfänglich das Buch in die Ecke pfeffern wollte, da mich die Haltung des Erzählers einfach nur abgestoßen hat, bin ich froh, bis zum Ende gelesen zu haben. Denn Michel war ernsthaft in Valérie verliebt und bietet durch seine Geschichte auch einen anderen Ausblick auf das Geschehen – denn die Idee des Clubs war, Menschen glücklich zu machen. Ob der Zweck allerdings immer die Mittel heiligt, bleibt hier fraglich, genauso fraglich bleibt die Präsentation Michels als hilfloses Opfer am Ende, die auf Figurenebene zwar stimmig ist, in Anbetracht des Gesamtkontextes allerdings verstörend wirkt. Die Leser_innen können sich einer moralischen Bewertung des Geschehens kaum entziehen.

Auch ein Blick Richtung Wikipedia hilft ein wenig, die Rolle Houellebecqs als agent provocateur einzuordnen. Wahrscheinlich ist Houellebecq einer dieser Typen, die dir fiese Sachen mitten ins Gesicht sagen und dann entschuldigend lächeln, so von wegen: „Hey, aber immerhin bin ich ehrlich, so ist die Welt eben.“ Kranke Leute machen kranke Dinge und fühlen sich super dabei, die Normalen, die mit Anstand, krebsen kränkelnd rum.

       „Das Erhabene gibt der Seele die schöne Ruhe“ (Johann Wolfgang von …) – In your face, Goethe.

Michel Houellebecq: Plattform. Übersetzt von Uli Wittmann. Rowohlt Taschenbuch 2003.

340 Seiten.

ISBN: 3-499-23395-6

87 [Project Short Film] # 1 „Lemonade Stand“

Ich habe ein wenig hin – und herüberlegt, was ich gerne ändern möchte, wie ich im Moment meinen Blog weiterführen möchte. Neben den monatlichen Lesestatistiken, Rezensionen, Lieblingsworten, Lieblingsmusik und verschiedenen alltäglichen Kleinigkeiten, habe ich mir überlegt, eine neue Kategorie zu eröffnen. Kurzfilme fand ich schon immer toll – und youtube ist in dieser Hinsicht eine echte Wunderkiste. Deswegen habe ich mir überlegt, hier erstmal alle zwei Wochen einen Kurzfilm vorzustellen, der mir besonders gefallen hat.

Los geht es mit einem wunderbaren Film über Zitronenlimonade und der subtilen Macht von Lieblingssocken. Der Film LEMONADE  STAND wurde letztes Jahr auf dem australischen Kurzfilmfestival Tropfest zum Gewinnerfilm gekürt und besticht durch seine Indieästhetik, seine liebevoll eingefügten Handzeichnungen und seinen skurilen Humor. Regie führte Alethea Jones, die eine sehr sympathische Homepage hat.

Viel Spaß!

86 Leserückblick Juni

Gelesene Bücher: 13 (mit insgesamt 4889 Seiten)

Gelesene Bücher für die Rory – Gilmore – Leseliste: 2

1. Kurt Vonnegut JR. – Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug | 2. Azar Nafisi – Lolita lesen in Teheran

Rezensionen: 2

1. Haruki Murakami – Kafka am Strand |   2. Robert Menasse – Sinnliche Gewissheit

Beendete Reihe: Die Tribute von Panem (zwar mit viel Verspätung, aber ich bin ganz zufrieden)

Würde ich nicht noch mal lesen: Elisabeth Redfern – Die Schwester der Engel

Es lag bei mir auf dem SuB, also bin ich froh, dass der Bücherberg etwas geschrumpft ist, aber richtig gefallen hat es mir nicht. Dabei liegt es nicht an der Geschichte, die hat einen gut aufgebauten Spannungsbogen, aber die Figuren und das Genre liegen mir eher nicht und gerade die Figuren wirkten auf mich zu eindimensional und zu vorhersagbar in ihren Handlungen. Das Buch ist ins öffentliche Bücherregal gewandert und findet von dort hoffentlich schnell in die Hände eines glücklichen Finders.

Monatsliebling: Haruki Murakami – Kafka am Strand (und dann ganz lange erstmal nichts ;) )

SuB-Abbau? Vom SuB habe ich sechs Bücher gelesen, dafür aber auch 5 neu eingekauft. ;)

(Fast) Alles außer Bücher im Juni:

geschafft: den Auftritt im Theater (überraschend in der ersten Reihe – wuhaa!) | gefeiert: unsere Referatsgruppe und unsere tolle Zusammenarbeit – eine fantastische Auszugsparty – eine Abschiedsparty| ekstatisch verehrt: Arno Schmidt| geliebt: Zeit im Zoo mit dem Liebsten| wiederentdeckt: Skittles (echt, die Dinger sind toll!)| gehört: Alexi Murdoch, Angus & Julia Stone|gesehen: Vielleicht lieber morgen – Game of Thrones – Revenge | vorgenommen: weniger Bücher zu kaufen, dafür mehr zu lesen und vielleicht auch zu rezensieren | geärgert: über bescheuerte Fragen über „meine Zukunft“ von einer besorgten, mir allerdings gänzlich unbekannten, Person auf einer ansonsten tollen Party – über Seminare in den Erziehungswissenschaften – über meine viel zu hohe Büchereirechnung| gewartet: auf die Antwort einer tollen Praktikumsstelle (die allerdings noch nicht eingetroffen ist)|gewundert: darüber, wie das Leben manchmal so spielt| gefühlt: Reiselust

http://www.munich-citylife.de

[Rezension] Robert Menasse – Sinnliche Gewissheit

 

Menasse Sinnliche GewissheitIn der „Bar jeder Hoffnung“ (wie bezeichnend!) in Sao Paulo, treffen sich jeden Abend die österreichischen und deutschen Migrant_innen bei Kneipier Oswald, der ihnen etwas Heimeligkeit in der Fremde bietet. Roman, der Ich-Erzähler, seines Zeichens Dozent für Germanistik und permanent damit beschäftigt, durch seine Themenschwerpunkte nicht anzuecken (Darf man mit den etwachsenen Studentinnen Abtreibungen diskutieren, ja oder nein?), ist ebenfalls in der Bar anzutreffen. Denn hier starten seine sexuellen Abenteuer, sei es mit der wunderschönen Dame, die ihm das Marionettenspielen beibringt (Wer ist hier die Marionette?) oder mit der Bürokollegin, deren Eltern nach dem zweiten Weltkrieg nach Brasilien auswanderten.

Ohnehin scheint es sehr viel Deutschtümelei zu geben, an diesem exotischen Ort. Sowie mysteriöse Verstrickungen in die deutsche Geschichte.Und dann gibt es noch den heimlichen Star der Bar, Professor Singer, der sich in Judith verliebt hat, die sehr mit Kokain beschäftigt ist. Und es gibt die permanente Suche des entgeisterten Roman, der nicht so richtig voranzukommen scheint.Egal was passiert, seine sexuellen Affären, der nahezu lebensbedrohliche Autounfall mit der Bürokollegin – ja und?

Es gibt keine Entwicklung, am Ende sitzen doch wieder alle bei Oswald und diskutieren über den Vorteil der Malerei gegenüber der Fotografie, etwas wirklich abbilden zu können. Oder andersherum. Denn das ist ja auch die Frage, was bedeutet Realität in diesem regressiven Universum? Roman sagt, er beschäftige sich nun eben mit der Rückentwicklung des Menschen, während sein Leben an ihm vorbeizieht. Er sitzt in der Kneipe, patscht an die Fensterfront vor ihm und kommt nicht raus. Judith ist ähnlich gestrickt, was Roman aber erst später von Professor Singer erfährt: Judith versucht die Rückentwicklung( oder den intellektuellen Höhenflug?) durch Kokain zu beschleunigen, so wie es einer ihrer Freundinnen passierte (gebildete Akademikerin, die nach dem Drogenexzess den geistigen Zustand eines Kleinkindes erreichte).

Alle, die sie da sitzen, lassen das Leben an sich vorbeirauschen, so dass die einzige Versicherung der eigenen Existenz in der „sinnlichen Gewissheit“ liegt, eine Formulierung Hegels, den Professor Singer jedem empfiehlt zu lesen …

Robert Menasse hat einen sehr, sehr dichten Roman geschrieben, dessen genaue Verstrickungen überraschend sind. Neben Fragen nach Identität, Fremdheitserleben, Heimat und dem Gefühl des Heimatverlustes, wird letztlich eine Sinnsuche porträtiert, mit der der Ich-Erzähler überfordert ist. Ich bin ganz sicher, dass mit den Hegelanspielungen noch viel mehr anzufangen ist und dass ich sicherlich viele Anspielungen nicht verstehen konnte (vielleicht ist das aber auch nur eine Arno Schmidtsche Nachwirkung).

Letztlich zeigt sich ein Suchender, der sich immer wieder fragt, warum alles so geworden ist, warum er nicht mehr reagieren kann. Ein Roman, der mich genauso verwirrt, wie fasziniert hat. Rückentwicklung als Ziel? Um irgendwann – zu verschwinden? Weil alles nichtig ist und nichts mehr Bedeutung hat? Roman hätte sicherlich auch nichts gehabt, dass er auf Pierre Anthons Berg der Bedeutung hätte legen können. Weil er bisher nichts „Authentisches“ finden konnte. Die Frage ist, ob das (für ihn) wirklich ein Problem darstellt, da er durch seine Distanz zum Leben ohnehin den Eindruck macht, als habe er etwas wichtiges nie gelernt oder vergessen: die Nähe zu anderen Menschen und zu sich selbst.

Robert Menasse: Sinnliche Gewissheit. Suhrkamp Taschenbuch. 1996. 329 Seiten.

ISBN-10: 3518391887 ISBN-13: 978-3518391884