50 Gesagt

Von der Zukunft zu träumen, ist auch eine Art Nostalgie.

(John Green – Eine wie Alaska)

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48 Gesagt

tumblr_lyobwqww3y1r1deapo1_500Everybody has a secret world inside of them. All of the people of the world, I mean everybody. No matter how dull and boring they are on the outside, inside them they’ve all got unimaginable, magnificent, wonderful, stupid, amazing worlds. Not just one world. Hundreds of them. Thousands maybe.

Neil Gaiman, The Sandman

[Rezension] Olivier Adam – Keine Sorge, mir geht’s gut

Lilis Bruder Loïc ist verschwunden. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, von einem Tag auf den anderen. Es soll einen Streit zwischen ihm und dem Vater gegeben haben. Aber Lili weiß nichts Konkretes. Ohne den Bruder ist es für sie nicht leicht, fast zwei Jahre bleibt er verschwunden. Doch bevor sie in einem depressiven Loch versinkt und magersüchtig wird, erreicht sie eine Postkarte von ihrem Bruder. Die Nachrichten werden häufiger, es sind nur winzige Mitteilungen: „Mir geht es gut“, „Ich hab dich lieb“. Nichts darüber hinaus, dass seinen Aufenthaltsort verraten könnte. Doch dann beschließt Lili ihn zu suchen und entdeckt dabei ein trauriges Familiengeheimnis.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Besonders Adams Schreibstil fällt auf. Kurzzeitig hatte ich das Gefühl, es handele sich fast um einen Film, der vor meinem inneren Auge ablief. Die Aufzählungen der unterschiedlichen Einkäufe von Lilis Kunden im Supermarkt wirkte für mich keinesfalls langatmig, sondern wie eine genaue Beschreibung der einkaufenden Menschen. Überhaupt gefiel mir der Schreibstil. Kaum wörtliche Rede. Viele Beschreibungen, wenig Innenperspektive. Das schafft einerseits eine große Distanz zu den Figuren und könnte schnell stereotyp wirken (die schöne Tochter, die reichen Partygäste etc.), bietet andererseits aber auch viel Platz für eigene Geschichten, die der Leser in die Erzählung hineinlegen kann. Zudem passt es zu Lilis Leben. Sie ist auch zu sich selbst distanziert, seit ihr Bruder weg ist. Fast hat man den Eindruck, sie suche durch ihre sexuellen Abenteuer eigene Orientierung, die ihr bisher nur der Bruder geben konnte. Bis zum Schluss war mir nicht klar, wodurch sich Lilis sehr starke Bindung an den Bruder erklären lässt. Nur durch kurze Einschübe wird deutlich, wie sehr sie sich immer an ihm orientiert hat, er für sie ein Fixstern im Durcheinander war. Das war für mich eher schwer nachzuvollziehen. Trotzdem hat mir der Roman gefallen. Denn nicht nur Lili ist betroffen, auch ihre Eltern. Und so sehr sie auch versucht, sich von ihnen zu lösen, desto mehr ist sie in eine enge Familiengeschichte verstrickt, in der die Eltern alles versuchen, um ihrer Tochter zu helfen. Mit dem Wissen, dass sie schoneinmal gescheitert sind.  Ein melancholisches und ruhiges Buch.

Olivier Adam war gerade 25 Jahre alt, als er diesen Debütroman schrieb. Der gleichnamige Film erschien 2007 und die Hauptdarsteller Kad Merad und Mélanie Laurent wurden für ihre schauspielerischen Leistungen mit einem César geehrt. Als der Film bei uns im Kino lief, habe ich ihn leider verpasst. Allerdings gibt es ja rebuy. Ich werde ihn mal auf meine Wunschliste setzen (oh nein, war nicht gerade erst Weihnachten? ;) ).

Olivier Adam: Keine Sorge, mir geht’s gut. 192 Seiten. München: Piper (3.Auflage, 2008). Originaltitel: Je vais bien, ne t’en fais pas. Übersetzt von Carina von Enzensberg. ISBN: 9783492252430.

46 Gesagt

I took a speed reading course and read ‚War and Peace‘ in twenty minutes. It involves Russia.

(Woody Allen)

Lesen braucht Zeit. Lesen braucht Muße. Lesen braucht auch ein bisschen Lust zu genießen. Und im Moment versinke ich im vorweihnachtlichen Stress. So viel zu erledigen, so viel zu besorgen. Und ganz ehrlich, warum haben allein diese Woche vier wichtige Menschen Geburtstag? Uncool.

42 Leserückblick November

Es ist nicht gut vom November zu sprechen, solange er da ist. (Ernst Wiechert)

Ich möchte mich ganz nach diesen weisen Worten Wiecherts richten, deswegen erst jetzt eine kleine Lesestatistik für den November. Im November habe ich sechs sehr unterschiedliche Bücher gelesen.

1. Für die Uni habe ich von Wilhelm Raabe Der Lar gelesen. Mein absolutes Highlight diesen Monat. Die Erzählung macht einfach unglaublich Spaß, bietet viele zu interpretierende Momente und die Figuren sind so herrlich verschroben. Schon allein, dass Karl von Bogislaus immer „Puppe“ genannt wird! Außerdem die „skönke oke“ des mysteriösen Affentiers. <3

2. & 3. Sprachlich wunderbar waren Herta Müllers Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet und natürlich Christa Wolfs Nachdenken über Christa T. Beide in einer Nacht durchgelesen und gefeiert.

4. Atmosphärisch hatte Der Gott der Alpträume von Paula Fox eindeutig die schönsten Leseaugenblicke. Außerdem ist Paula Fox die Oma von Courtney Love und die ist ja bekanntlich die Witwe von Kurt Cobain – Nirvana und New Orleans ist also gar nicht so weit voneinander weg, wie man meinen könnte.

5. Richtige Alpträume hatte ich dann aber von Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel, das ich für die Rory-Gilmore-Lesechallenge gelesen habe. Keine Ahnung, warum mich ausgerechnet dieses Buch so verstört hat. Die Verfilmung des Buches läuft ab 2013 im Kino, ich bin noch unsicher.

6. Frau im Schatten von Dorinde van Oort war insofern ein außergewöhnliches Buch, als dass es in meinem Lesemonat schon deutlich aufgefallen ist. Der Roman war ein Bestseller in den Niederlanden und handelt von einer verstrickten Familiengeschichte, die dazu auch noch halbbiographisch motiviert ist. Bei der Trauerfeier für ihre mit hundert Jahren verstorbene Stiefgroßmutter, bemerkt die Erzählerin Emma Mansbourg, dass über die Verstorbene zum Teil recht scharfzüngig gesprochen wird. Sie spricht ihren Vater an, der sich allerdings über die Hintergründe bedeckt hält. Kurz danach bemerkt Emma, dass ihr Vater alte Dokumente und Briefe verbrennt. Sie beginnt, unter großer Kritik der verbleibenden Familienmitglieder, mit einer intensiven Recherche und entdeckt, dass ihre Großmutter ein Kind geboren hat, dass offiziell für tot erklärt wurde, tatsächlich aber lebte. Im Verlaufe der Recherche verstricken sich die Zusammenhänge und die Leser stellen fest, dass die Großmutter Ann nicht nur Opfer, sondern auch Täterin in einer komplizierten Familiengeschichte wurde. Teilweise extrem spannend. Dann wieder sehr langatmig. Trotzdem eine berührende Familientragödie, die durch die alten Schwarz-Weiß-Fotos im Mittelteil des Buches eine erstaunliche Nähe zu den Figuren entstehen lässt. Man sieht sie ja. Sie sind echt. Es hat sie gegeben. Damit wäre ich wieder bei Barthes. ;)

41 Gesagt

Auf dem Gehsteig lag eine zerquetschte Pflaume, Wespen fraßen sich satt, neugeschlüpfte und alte. Wenn eine ganze Familie Platz hat auf einer Pflaume, wie muß das sein.

(Herta Müller: Heute wär ich mir lieber nicht begnet. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag (2009), S. 137.)