41 Gesagt

Auf dem Gehsteig lag eine zerquetschte Pflaume, Wespen fraßen sich satt, neugeschlüpfte und alte. Wenn eine ganze Familie Platz hat auf einer Pflaume, wie muß das sein.

(Herta Müller: Heute wär ich mir lieber nicht begnet. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag (2009), S. 137.)

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[Rezension] Yann Martel – Schiffbruch mit Tiger

Schiffbruch mit Tiger wurde 2002 mit dem Booker Prize ausgezeichnet, es lag lange bei meiner Familie zuhause im Regal und ich erinnere mich daran, dass meine Mama es damals gelesen hat. Ich überflog ein paar Seiten ihrer Lektüre, konnte aber den Zusammenhang zwischen dem Ich-Erzähler, seinem Boot und einem ominösen Richard Parker, von dem immer wieder die Rede war, nur schwerlich herstellen.

Worum geht es? Der Ich-Erzähler Pi, seines Zeichens Christ, Moslem und Hindu, plant mit seiner Familie und dem familieneigenen Zoo von Indien nach Kanada auszuwandern. Allerdings erleidet er Schiffbruch und teilt sich das überlebenswichtige Rettungsboot fortan mit einem Tiger, den er Richard Parker nennt…

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich bin sicher, dass ich es nicht gelesen hätte, wenn es nicht auf der Rory-Gilmore-Leseliste gestanden hätte. Neben der offensichtlichen Schiffsbruchgeschichte wird auf einer anderen Ebene das Thema Glauben verhandelt, was sich schon an Pis drei Religionen zeigt. Das hat mir gut gefallen. Ohne zu viel zu verraten, entfaltet sich noch eine dritte unerwartete Ebene auf den letzten Seiten, die den Leser dazu einlädt, eine eigene Position zu Pis Schiffbruch einzunehmen. Wahrscheinlich ist in diesem Buch alles drin: es gab lustige Stellen, lehrreiche Anekdoten wie Wissenswertes über Zwei- und Dreifingerfaultiere (ui, toll!), neben vielen leidvollen Erfahrungen, ekligen Stellen und dramatischen Szenen. Obwohl auf den ersten hundert Seiten mein Lesedurchhaltevermögen doch sehr gefordert wurde, lohnt sich Schiffbruch mit Tiger auf jeden Fall.

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger. Übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.  382 Seiten. Frankfurt: S.Fischer (2003). ISBN: 3-596-15665-3

39 Gesagt

„What really knocks me out is a book that, when you’re all done reading it, you wish
the author that wrote it was a terrific friend of yours and you could call him
up on the phone whenever you felt like it.

That doesn’t happen much,
though….“                             

(J.D. Salinger: Catcher in the Rye, Penguin Modern Classics (1976), S. 22)

I <3 Holden Caulfield .

Lesestatistik Oktober

Oktobersturm (Christian Morgenstern)

Schwankende Bäume

im Abendrot –

Lebenssturmträume

vor purpurnem Tod –

Blättergeplauder –

wirbelnder Hauf –

nachtkalte Schauder

rauschen herauf.

Etwas verspätet eine Lesestatistik für Oktober. Der Oktober war stressig. Praktikum, Prüfung, Semesterbeginn und dann war ich auch noch krank. Ein paar Bücher habe ich trotzdem geschafft, insgesamt acht. Zwei wunderbare Bücher von der Rory-Gilmore-Leseliste. Zum einen Die Frau des Zeitreisendendas ich auch rezensiert habe, zum anderen das wunderbare Buch Die Bienenhüterin. Leider habe ich bisher noch keine Rezension geschafft, aber beide Bücher lohnen sich wirklich. Zur Bienenhüterin gibt es auch einen Film, so dass die für mich seltene Situation eintrat, dass ich den Film schon gesehen hatte, bevor ich das Buch gelesen habe. Für mich eigentlich eine verkehrte Reihenfolge. Nichtsdestotrotz, nachdem ich jetzt das Buch kenne, habe ich auch den Film wieder mehr zu schätzen gewusst. Merkwürdig, oder? Für die Uni habe ich Via tricolor von Storm und Die helle Kammer von Barthes gelesen. Ich kannte Barthes vorher nicht, aber seine Überlegungen über Fotografie gefallen mir sehr. Sie sind so elegant geschrieben. Im Oktober hat mir ganz besonders das hochgelobte Buch von John Green The fault in our stars gefallen. Ich hatte so viel darüber gelesen und habe es dann einfach eingekauft. Der finanziellen Lage zum Trotz. Und es ist toll! Es erfüllt alles was ich mir vorgestellt habe: Drama, Herzschmerz, sehr viel Gefühl und ich habe es in einer Nacht verschlungen. Zudem habe ich mich mit knapp einem Jahr Verspätung an Das Labyrinth der Träumenden Bücher von Moers herangewagt. Wie habe ich diesem Buch entgegengefiebert, das Lesen immer wieder aufgeschoben, abgewartet, ob endlich der richtige Moment für dieses Buch gekommen ist (immerhin in gebundener Ausgabe, ein Geburtstagsgeschenk von meinen Eltern). Und mit etwas Abstand betrachtet – nein, ich bin nicht enttäuscht worden. Der Mann ist genial, genauso wie die Mythenmetzschen Abschweifungen. Ein absolutes Lesevergnügen. Außerdem habe ich ein neues Flavia Buch gelesen (nein, nicht das allerneueste, das mit dem lilafarbenen Cover ;) ). Flavia ist toll. Mein Fahrrad heißt jetzt auch Gladis.

PS: Und ich habe im Oktober die Ärzte gesehen. Live. Und Bela war so nah. *kreisch* Und wieder hatten wir keine Kamera dabei und leider viel zu alte Handys. Egal. Es war sooooo schön. :)

[Rezension] Die Frau des Zeitreisenden

die Frau des ZeitreisendenIch habe mit der Rory-Lesechallenge angefangen. Und es macht so viel Spaß! Ich liebe Listen. Ich mag Einkaufszettel und To-do-Listen und Uni-Erledigungslisten und Geburtstagslisten und Listen, mit Orten, an die ich einmal reisen möchte. Außerdem haben Listen diese eigentümliche Eigenschaft, Kontrolle und Organisation zu versprechen, was mir gerade gefällt. Kurzum, Listen sind etwas sehr schönes, die Rory-Gilmore-Leseliste ist da keine Ausnahme. Und ich habe endlich so richtig angefangen und zwar mit einem wunderbaren Büchereibuch

Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffeneger

Clare liebt Henry, Henry liebt Clare. Eine normale Liebesgeschichte mit Höhen und Tiefen und einem HappyEnd? Normal ist hier nichts, denn Clare kennt Henry schon seit ihrem sechsten Lebensjahr und wusste schon immer, dass dieser Mann zu ihr gehört- obwohl er am kaum erforschten „Chrono-Syndrom“ leidet. Der seltene Gen-Defekt lässt Menschen aus der Zeit fallen. Die Sprünge oder Schübe treten besonders in Stressphasen auf und sorgen dafür, dass die Betroffenen orientierungslos zurück in ihre Kindheit fallen und ihrem jüngeren Ich begegnen oder eben weit in die Zukunft blicken können und einer alternden Variante ihrer Selbst gegenüberstehen. Doch wie funktioniert eine solche Beziehung, wenn der Liebste immer wieder verschwindet? Ich möchte nicht zu viel verraten, aber auf den ersten Seiten war mir das Konzept der Zeitsprünge nicht immer ganz klar, vor allen Dingen verwirrte es mich, dass immer angegeben war, wie alt Clare und Henry sind. Vermutlich damit die Leser spätere Ereignisse besser sortieren können. Dabei wechselt die Erzählperspektive abwechselnd zwischen Henry und Clare, die mit den unberechenbaren Zeitsprüngen klar kommen müssen. Innerhalb der erzählten Episoden dramatisieren sich die Ereignisse und im letzten Teil des Buches war ich absolut gefesselt und konnte es kaum aus der Hand legen. Und dann brauchte ich vor lauter Emotionsexplosion eine Packung Taschentücher (na ja, keine ganze – aber ein kleines Tränchen ist geflossen). Dabei habe ich auch darüber nachgedacht, wie bescheuert Clare doch ist. Aber irgendwie ist es auch wunderschön und verquer romantisch. Denn was kann sie denn tun, als auf ihn zu warten? Sie liebt ihn doch.

Fazit: Nachdem ich mich an den Plot gewöhnt hatte, war ich absolut hingerissen von Audrey Niffeneggers herzergreifender Science-Fiction-Liebesgeschichte, in der auf unkonventionelle Weise das „aufeinander Warten“ thematisiert wird. Große Liebeslektüre. Hach, ich brauch‘ ein Taschentuch.

Niffenegger, Audrey: Die Frau des Zeitreisenden.

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.

Frankfurt: S. Fischer (2008). 544 Seiten.

ISBN-10: 3596510678 ISBN-13: 978-3596510672