[Rezension] Von fliegenden Blutegeln – Kafka am Strand

Kafka-am-StrandHaruki Murakamis Roman Kafka am Strand ist seit seinem Erscheinungsjahr 2005 in Japan ein absoluter Bestseller. Inspiriert durch das Buch In 80 Büchern um die Welt von Feridun Zaimoglu, das Autor_innen und Bücher aus der ganzen Welt vorstellt und so eine literarische Weltumsegelung ermöglicht, bin ich auf Murakami aufmerksam geworden. Warum erst jetzt, habe ich mich gefragt. Während ich vor einigen Jahren noch Ryu Murakami für In der Misosuppe gefeiert habe und nicht verstehen konnte, weshalb sein Namensvetter so viel erfolgreicher erschien, bin ich jetzt schlauer. Kafka am Strand ist ein so besonderer und wunderschöner Liebes- und (natürlich, ist ja mein liebstes Genre!) Entwicklungsroman, dem ich jedem empfehlen kann, der ein Fan des Magischen Realismus ist.

Was ist Magischer Realismus?

Terry Pratchett, der Meister der Scheibenwelt, beschreibt Magischen Realismus als „polite way of saying you write fantasy“, wodurch der „Fantasy“-Begriff von vielen Leser_innen eher akzeptiert werde. Das ist sicherlich richtig, wobei die Ursprünge des Magischen Realismus in der Malerei zu finden sind und seit der Mitte des 19. Jahrhunderts  in Deutschland, Italien und Spanien und dann besonders in Lateinamerika auch in der Literatur zu finden sind. Im Magischen Realismus werden dabei Wunderlichkeiten in den realistisch erzählten Alltag eingebettet, so dass die Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem aufgelöst wird, die Leser_innen diese Grenze aber noch deutlich erkennen können, wenn beispielsweise Mythen und folkloristische Anklänge zu einem Text verwoben werden. Das Konzept, dass Fantasie und Magie, ohne Probleme neben einer realistischen Erzählweise bestehen können, gefällt mir außerordentlich gut (und liegt mir tatsächlich eher als pure „Fantasy“, danke Terry) und ist genau so auch bei Kafka am Strand zu finden.

Worum geht es?

Der fünfzehnjährige Kafka Tamura hält es zuhause nicht mehr aus. Sein Alter Ego Krähe, der ihn schon seit längerem begleitet, weist ihn auf die Prophezeiung hin, die sein Vater gemacht habe und die nicht von ungefähr an die Story des armen Ödipus erinnert. Zur Wiederholung: Ödipus tötet seinen Vater und schläft mit seiner Mutter. Kafka scheint ähnliches bevorzustehen, deshalb haut er von zuhause ab. Die ominöse Prophezeiung führt ihn in eine fremde Stadt, in der er Frau Saeki trifft, die wunderschöne und geheimnisvolle Leiterin einer Bibliothek, natürlich verliebt er sich in Saeki und bleibt. Obwohl Kafka (der Name allein!) noch am Anfang betont: „Das klingt vielleicht wie der Beginn eines Märchens. Aber es ist kein Märchen, in keinem Sinne.“, werden die Leser_innen bald eines besseren belehrt. Eine Reise beginnt, in der sich Kafka mit Identität, Wahrnehmung und dieser merkwürdigen Komponente „Wirklichkeit“ auseinandersetzen muss. Denn nicht nur Kafka ist unterwegs und sucht. Auch Saeki sucht, obwohl sie ihre Liebe schon vor langer Zeit verloren zu haben scheint. Besonders aufschlussreich für die Geschichte ist dabei eine Sage, die Oshima, Saekis Büchereigehilf_in, berichtet. Am Anfang der Menschheit, waren alle Menschen zu zweit, sozusagen doppelt. Doch die Götter machten sich einen grausamen Spaß daraus, die Menschen, die zusammengehörten, auseinanderzuschneiden, so dass seit dem jeder auf der Suche nach seiner zweiten passenden Hälfte wäre. Auch der alte Mann Nakata sucht. Denn anders als andere hat Nakata schon immer nur einen halben Schatten besessen. Dafür kann er mit Katzen sprechen und wenn er seinen Schirm öffnet, regnet es Blutegel. Nakata kennt auch eine Prophezeiung und macht sich auf die Suche nach einem Stein. Begleitet wird er vom LKW-Fahrer Hoshino, der zwar nicht ganz genau weiß, was der alte Irre möchte, sich durch Nakata aber an seinen Großvater erinnert fühlt und ihn deshalb begleitet …

Ich möchte nicht zuviel vorweg nehmen, aber die ungefähre Struktur des Romans ist hoffentlich klar geworden. Kafka am Strand hat mich so begeistert, dass ich die knapp 900 Seiten verschlungen habe. Und dann, ab Seite 500 bin ich immer langsamer geworden. Weil ich nicht wollte, dass diese Geschichte zuende geht. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass es eine Stelle gibt, die mir etwas Bauchschmerzen bereitet, da sie durchaus Triggerpotential hat (SPOILER: So vergewaltigt Kafka seine Schwester im Schlaf, allerdings „nur“ im Traum. Doch ließ mich diese Szene verwirrt zurück, weil doch die ganze Handlung so eine Mehrdeutigkeit zulässt, dass nie sicher sein kann, was Traum war und was nicht. Extrem schwierige Stelle, wie ich finde.Auch der Protagonist ist danach betroffen, aber dass hat mir nicht gereicht.)

Insgesamt hat mir der Roman, der so vielschichtig ist und sich eindeutigen Interpretationen ein Stück weit entzieht, sehr gefallen. Denn letztendlich geht es die ganze Zeit um eine Suche, die Suche nach dem Sinn des Lebens.

(Außerdem: Die Bücher von btb mit dem Softcover (nennt man das so?) sind wunderschön!! Wenn die Rezension nicht genügt ;))

Haruki Murakami: Kafka am Strand (Originaltitel: Umibe no Kafuka). Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe            btb Random-House 2009.

896 Seiten. ISBN-10: 3442740436  ISBN-13: 978-3442740437

80 The Broken Circle – Review

Elise und Didier. Zwei, die sich auf den ersten Blick ineinander verlieben. Er spielt Banjo in einer Bluegrassband  und manchmal redet er zu viel,  sie hat ein Tatoostudio und hört gerne zu – zwei Menschen haben sich gefunden. Elise versteht Didiers Sehnsucht nach Amerika, nach der Idee von Freiheit und Unendlichkeit. Und Didier liebt Elise. Als sie schwanger wird, ist die Überraschung zwar groß, aber sie beschließen zusammenzuhalten. Ihre Liebe ist perfekt, ihr kleines Mädchen Maybelle wird geboren und es scheint immer nur aufwärts zu gehen. Alles scheint wunderbar zu sein – doch dann wird Maybelle krank, ernsthaft krank. Der Film erzählt in Rückblenden vom ersten Kennenlernen bis zur Geburt von Maybelle und bleibt gleichzeitig doch in der schmerzhaften Gegenwart der Protagonisten. Ich habe mich gefragt, ob die beiden wohl etwas geändert hätten, wenn sie gewusst hätten, was passiert – wahrscheinlich nicht. Die Folkmusik der gemeinsamen Band ist dabei so berührend und erinnert ein ganz wenig an Mumford and Sons. Dieser Film ist so traurig, so unendlich traurig. Gänsehautgefühl und Taschentuchalarm. Aber gut. Auf in die Kinos und ansehen! Und vielleicht danach noch ein bisschen zusammensitzen und über den Film sprechen um nicht so ergriffen/angegriffen alleine durch die Welt zu laufen. So haben wir das gemacht und das war ziemlich gut. :)

79 Leserückblick Mai

Gelesen: 13 Bücher und 2 Erzählungen (mit insgesamt 4017 Seiten)

Gelesene Bücher für die Rory-Gilmore-Lesechallenge: 2

1. Sylvia Plath – Die Glasglocke / 2. Kate Chopin – Das Erwachen

Rezensiert:

1. Marina Lewycka – Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch

2. Mohsin Hamid – Der Fundamentalist, der keiner sein wollte

3. David Mitchell – Der dreizehnte Monat

Monatslieblinge:Åsa Linderborg: Ich gehöre keinem (wunderschön!!!)

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Das Buch von Linderborg muss ich unbedingt noch haben. Es ist so schön und unbedingt zu empfehlen!

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 Alles außer Bücher:

für die Seele: ein paar Tage bei einer Freundin verbringen und auf einmal ist alles leichter/für’s Ohr: Awolnation – Sail /für’s Hirn: Arno Schmidt, du abgefahrener Freak! /das erste Mal: ein neues Tanztraining ausprobiert und für gut befunden – obwohl mir mein alter Trainer fehlt/entdeckt: den Zoo in Gelsenkirchen und ein neues Lieblingstier/gesehen: den wunderbaren Film The Broken Circle – ansehen, Taschentücher bereithalten- losweinen!/gefeiert: acht Jahre wir <3

[Rezension] Marina Lewycka – Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch

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Nadias Vater möchte nach dem Tod seiner Frau erneut heiraten – und schleppt eine wasserstoffblonde ukrainische Schönheit an, die ihren pubertierenden Sohn, sowie eine Vorliebe für teure Küchengeräte mit in die Ehe bringt. Da ist das Chaos schon vorprogrammiert. Dass sie 36 und Nadjas Vater 84 ist, spielt für das traute Glück keine Rolle – aber Nadia wird schnell klar, dass es Valentina nicht um ihren Vater, sondern viel mehr um das gute Leben in England geht. Obwohl Nadia seit Jahren nicht mehr mit ihrer Schwester gesprochen hat, ergibt sich nun die passenden Gelegenheit: ihr Vater muss dringend aus den Händen dieser windigen Eheschwindlerin befreit werden! Papa hat allerdings ganz andere Pläne: ehrgeizig arbeitet er an seiner ersten Buchveröffentlichung, einem Sachbuch, das sich mit der industriellen Entwicklung des Traktors beschäftigt.

Mir hat der Roman sehr gefallen. Die abgedrehten Charakterere und der verrückten Zickenkrieg zwischen den Schwestern und Valentina (die Blondine nennt die Soziologieprofessorin Nadia gerne „flachbrüstiges Monster“, während Nadia von ihr als „flauschige rosarote Granate“ spricht) wird temporeich umgesetzt und brachte mich zum Lachen. Gleichzeitig entfaltet sich aber auch eine tiefsinnige Familiengeschichte, die mit der Eheschließung der Großeltern beginnt und durch Nikolais liebesbeflügelte Ergüsse über den ukrainischen Traktor um die Geschichte der Ukraine und des Stalinismus erweitert werden. Im Mittelpunkt steht dabei immer die schwierige Beziehung der Schwestern zueinander: auf der einen Seite Nadia, die sich als Feministin sieht, durch die 68er geprägt wurde und Dozentin für Soziologie ist – auf der anderen Seite ihre große Schwester Vera, die ein Geheimnis hat, dass Nadia nicht ahnen kann. Nadia, die als Friedenskind geboren wurde, beginnt langsam zu verstehen, warum Vera mit ihrer naiven Sicht auf die Dinge nicht viel anfangen kann, denn Vera, das Kriegskind, hat mit ihrer Mutter zusammen ein deutsches Arbeitslager nur knapp überlebt. Erst durch die ukrainische Blondine beginnt Vera langsam zu begreifen, was ihre Familie schon alles durchstehen musste.

Wer nur eine witzige Geschichte sucht, ist mit diesem Roman, der zwischen Komik und Tragik schwankt, sicherlich nicht gut beraten. Trotzdem hat mir gerade diese Mischung aus bitteren Erfahrungen und überdrehten komischen Episoden sehr gefallen, so dass ich am Ende fast schon Mitleid mit Valentina hatte.

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch.

Aus dem Englischen von Elfi Hartenstein. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2006. 360 Seiten.

ISBN: 978-3-423-21101-7

66 [Montagsfrage] Welche Bücher hast du in der Schule gelesen?

Gerade eben habe ich diese Frage bei paperthin entdeckt und da ich mich erst letzte Woche mit einer Freundin über unsere Schullektüre unterhalten habe, dachte ich, ich mache einfach mal mit.

Mittelstufe

Deutsch:

– Hans-Georg Noack Rolltreppe abwärts

Ein Buch, das so ein hohes Nervpotential hatte, dass ich wirklich darunter gelitten habe. Vielleicht lag es auch an unserem Deutschlehrer, ich kann es nicht sagen, aber dieses nervige „schlimmer geht immer“ war mir einfach zu viel.Und wer (!) gibt seinen anvertrauten Jugendlichen heute noch Hundenamen? X-)

– Susan E. Hinton Die Outsider

Bei diesem Buch hat unser Deutschlehrer einmal nicht daneben gelegen. Die Outsider fand ich richtig toll. <3 Und noch mehr hat mich begeistert, dass Hinton das Buch mit gerade einmal 16 Jahren geschrieben hat. Chapeau! Es war mir auch egal, dass es natürlich um irgendwelche kleinkriminellen Jugendliche ging, aber wahrscheinlich lässt sich meine Liebe zu Coming-Of-Age-Geschichten genau mit diesem Werk begründen. Und die Namen! Ponyboy und Sodapop. Egal, geliebt. Leider mussten wir uns auch diese Verfilmung mit Tom Cruise und Patrick Swayze angucken – ein Wehrmutstropfen bleibt wohl immer.

– Bertolt Brecht Mutter Courage und ihre Kinder

Hat mir gefallen, gefällt mir immer noch. Brecht ist super!

Friedrich Dürrenmatt Der Richter und sein Henker

War so weit ganz in Ordnung.

– Max Frisch Homo Faber

Gemocht und der Film war auch in Ordnung.

– Zoe Jenny Das Blütenstaubzimmer

Ich habe es gelesen – aber ich habe keine Ahnung mehr, worum es eigentlich ging. Und ich war mehr als nur körperlich anwesend. Hm. Merkwürdig, dass es so ganz aus meiner Erinnerung verschwunden ist, düster erinnere ich mich an einen Mutter-Tochter-Konflikt? Na ja, vielleicht schau ich nochmal rein.

Englisch:

– Narinder Dhami  Bend it like Beckham

Indisches Mädchen, das unbedingt Fußballerin werden möchte. Ja, kann man lesen – muss man aber nicht. ;)

Oberstufe (Danke, Zentralabi)

Deutsch:

– Bertolt Brecht Das Leben des Galilei (s.o.)

– Gotthold Ephraim Lessing Emilia Galotti

„Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.“ Hat gefallen, schrecklich war nur die erneute gruselige Theateraufführung, die mein Deutschlehrer (diesmal ein anderer) noch auf VHS besaß. Als Hausaufgabe sollten wir eine Rezension schreiben. Ich habe die Inszenierung gnadenlos verrissen, wurde dafür gelobt und danach nur ängstlich angesschaut („Alter, meinst du, die schreibt so auch über unser Literaturkursstück?“).

Bernhard Schlink Der Vorleser

Schwierig, lag aber vor allen Dingen an den unterschiedlichen Interpretationen.  Mit meinem Papa konnte ich total super über den Roman sprechen, mein Deutschlehrer hingegen war dann doch eher einer gegenteiligen Interpretation zugeneigt – ich mein, für mich war Hannah die Hexe, die sich an einem Minderjährigen vergreift, der dann ein Emotionskrüppel wird und jahrelang leidet. Warum sollte ich Mitleid mit ihr haben? Ne, echt nicht.

– Theodor Fontane Irrungen, Wirrungen

Auch hier, wenn auch bei Effi entlehnt: ein weites Feld. ;) Nicht, dass ich Fontane gänzlich abgeneigt gewesen wäre, aber wahrscheinlich habe ich seine Qualitäten erst im Studium so richtig zu schätzen gelernt.

Englisch:

– Margret Atwood A Handmaid’s Tale

Ich hätte lieber 1984 gelesen, aber dass konnte ich leider nicht entscheiden. Eigentlich eine sehr spannende Dystopie, aber durch das Thema einfach nicht so richtig gemacht, für eine Diskussion in der Oberstufe – oder wir waren viel zu albern. Wir haben uns alle sehr über diese Fortpflanzungszeremonie (Wife+Handmaid+Commander) amüsiert und unsere Lehrerin fand den Roman mehr als bescheuert, was sie auch sehr offen gezeigt hat und bei mir immer dazu führte, dass ich nicht begeistert mitmachte. Schade eigentlich.

– T.C.Boyle Tortilla Curtain

Wie gesagt, ich mag dieses „Es wird immer schlimmer“ nicht, vor allen Dingen nicht, wenn es mir im Rahmen des Themenkomplexes Globalization im LK aufgenötigt wird. Vor allen Dingen das Ende war einfach zu viel, zu viel, zu viel. Giftige Chemikalien im Putzmittel, Sintflut etc.

– Shakespeare Macbeth – Kein Spaß.

Oh man, das klingt jetzt alles wirklich so, als hätte ich sehr gelitten. Dabei stimmt das nicht. Meine Interpretationen waren immer super, ich konnte die Lektüren meistens an ein bis zwei Abenden durchlesen und generell hat mir die Beschäftigung mit echter Literatur (und nicht so abgespeckten Lesebuchvarianten) in der Schule immer Spaß gemacht. Wobei es mich nun doch überrascht, dass die Themenfelder Jugend-kriminalität (im weitesten Sinne) zumindest in der Mittelstufe doch so überpräsent war – kann aber wie gesagt auch an der persönlichen Vorliebe unseres Deutschlehrers gelegen haben. Schade, dass mich nur ein Buch so richtig begeistert hat. Aber einige andere haben mich dafür so (positiv) geärgert, dass ich erst Recht mitgemacht habe. So schlecht können die Lektüren also nicht gewesen sein – immerhin war ich innerlich genervt – also beteiligt. Ich glaube, ich entdecke gerade die geheime Intention der Schulbuchlektüre. Merk‘ ich mir für später – und während ich jetzt noch diabolisch lache, frage ich mich doch, warum wir so wenig Klassiker gelesen haben. Wenn die Schule mir nur ein bisschen mehr Weimarer Klassik geboten hätte (wenigstens den Faust, hallo?) wäre ich auch nicht im zweiten Semester so voller Begeisterung in das Goethe und Schiller Seminare gerannt, um dann enttäuscht festzustellen, dass es noch andere Sachen als Kabale und Liebe gibt (Stichwort: Historiendrama). Also so richtig zufrieden bin ich mit der Auswahl der Lektüren nicht gewesen – ich denke aber auch, dass ich einige vergessen habe. ;)

65 [Rezension] Henning Mankell – Tea-Bag

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     Europa endlos, Europa endlos … – Komm näher, hierher

(Brockdorff Klanglabor)

Der gefeierte Lyriker Jesper Humlin steht vor einem neuen Auftrag. Sein Agent verlangt von ihm, dass er einen Kriminalroman verfasst, da seine Gedichte einfach nicht genug Publikum interessieren. Jesper ist alles andere als begeistert. Hinzu kommt eine kriselnde Ehe, ein unerfüllter Kinderwunsch und schließlich seine schräge Mutter, die sich auf ihre alten Tage mit einer ganz besonderen Art der Dienstleistung über Wasser hält (Stichwort: reife/erfahrene Dame). Da begegnet Jesper auf einer seiner Lesungen der jungen Frau Tea-Bag, die sich illegal in Schweden aufhält. Jesper knüpft Kontakt und lernt auch ihre Freundinnen Tanya und Leyla kennen. Auf die Initiative eines alten Freundes hin, nehmen die Mädchen an einer Schreibwerkstatt mit Jesper teil und gewähren ihm kurze Einblicke in ihr Leben auf der Flucht. Dabei merkt Jesper, dass es noch weitaus größere Probleme gibt, als fallende Aktienkurse …

Mir hat der Roman gefallen. Die drei unterschiedlichen Perspektiven der Flüchtlinge werden genau beschrieben, da jede von ihnen Zeit in Jespers Schreibwerkstatt bekommt. Dadurch werden ihre Geschichten nachvollziehbar und man erfährt, weshalb sie nach Schweden gekommen sind. Mir gefiel besonders der Wandel des ironischen, distanzierten Jesper, der sich erst in der Konfrontation mit den Schicksalen der Frauen langsam verändert. Und trotzdem ist es dem Lyriker durch die alltäglichen Reibereien des Literaturbetriebes nicht möglich, eine Geschichte über Tea-Bag, Tanja und Leyla zu schreiben, die er für wichtig und lesenswert erachtet – weil sein Verlag anderer Ansicht ist. Die schwedischen Figuren sind häufig sehr ironisch und liefern sich unterhaltsame Wortgefechte, auch wenn nicht alle angerissenen Handlungsstränge zuende erzählt werden. Da ist es schwierig zu den Schicksalen der drei Frauen umzuschalten. Andererseits wird dadurch umso deutlicher, dass ihre Schicksale keine Besonderheiten sind, genau so täglich überall passieren. Und was wissen wir, als diejenigen mit einem Pass, von den Schwierigkeiten der illegalisiert lebenden Menschen? Auch wenn einige Schicksale hart am Klischee vorbeischrammen und mir deshalb nicht ganz zusagten, lohnt sich das Buch für zwischendurch. Es ist klar, dass es Mankell um eine generelle Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik geht, da spielt es keine Rolle, dass alle Flüchtlinge ihre Texte in lupenreiner, poetischer Sprache vortragen. Tea-Bags emotionales Abschlussplädoyer, dass eine gelungene Kritik an der ‚Festung Europa‘ darstellt, ist sehr zu empfehlen und hilft über einige wirre Passagen hinweg.

Und weil es gerade so gut thematisch passt, hier noch die entsprechende musikalische Untermalung.

Henning Mankell: Tea-Bag. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. dtv (2005). 384 Seiten. ISBN-10: 3423133260. ISNB-13: 978-3423133265.