[Rezension] Marina Lewycka – Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch

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Nadias Vater möchte nach dem Tod seiner Frau erneut heiraten – und schleppt eine wasserstoffblonde ukrainische Schönheit an, die ihren pubertierenden Sohn, sowie eine Vorliebe für teure Küchengeräte mit in die Ehe bringt. Da ist das Chaos schon vorprogrammiert. Dass sie 36 und Nadjas Vater 84 ist, spielt für das traute Glück keine Rolle – aber Nadia wird schnell klar, dass es Valentina nicht um ihren Vater, sondern viel mehr um das gute Leben in England geht. Obwohl Nadia seit Jahren nicht mehr mit ihrer Schwester gesprochen hat, ergibt sich nun die passenden Gelegenheit: ihr Vater muss dringend aus den Händen dieser windigen Eheschwindlerin befreit werden! Papa hat allerdings ganz andere Pläne: ehrgeizig arbeitet er an seiner ersten Buchveröffentlichung, einem Sachbuch, das sich mit der industriellen Entwicklung des Traktors beschäftigt.

Mir hat der Roman sehr gefallen. Die abgedrehten Charakterere und der verrückten Zickenkrieg zwischen den Schwestern und Valentina (die Blondine nennt die Soziologieprofessorin Nadia gerne „flachbrüstiges Monster“, während Nadia von ihr als „flauschige rosarote Granate“ spricht) wird temporeich umgesetzt und brachte mich zum Lachen. Gleichzeitig entfaltet sich aber auch eine tiefsinnige Familiengeschichte, die mit der Eheschließung der Großeltern beginnt und durch Nikolais liebesbeflügelte Ergüsse über den ukrainischen Traktor um die Geschichte der Ukraine und des Stalinismus erweitert werden. Im Mittelpunkt steht dabei immer die schwierige Beziehung der Schwestern zueinander: auf der einen Seite Nadia, die sich als Feministin sieht, durch die 68er geprägt wurde und Dozentin für Soziologie ist – auf der anderen Seite ihre große Schwester Vera, die ein Geheimnis hat, dass Nadia nicht ahnen kann. Nadia, die als Friedenskind geboren wurde, beginnt langsam zu verstehen, warum Vera mit ihrer naiven Sicht auf die Dinge nicht viel anfangen kann, denn Vera, das Kriegskind, hat mit ihrer Mutter zusammen ein deutsches Arbeitslager nur knapp überlebt. Erst durch die ukrainische Blondine beginnt Vera langsam zu begreifen, was ihre Familie schon alles durchstehen musste.

Wer nur eine witzige Geschichte sucht, ist mit diesem Roman, der zwischen Komik und Tragik schwankt, sicherlich nicht gut beraten. Trotzdem hat mir gerade diese Mischung aus bitteren Erfahrungen und überdrehten komischen Episoden sehr gefallen, so dass ich am Ende fast schon Mitleid mit Valentina hatte.

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch.

Aus dem Englischen von Elfi Hartenstein. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2006. 360 Seiten.

ISBN: 978-3-423-21101-7

66 [Montagsfrage] Welche Bücher hast du in der Schule gelesen?

Gerade eben habe ich diese Frage bei paperthin entdeckt und da ich mich erst letzte Woche mit einer Freundin über unsere Schullektüre unterhalten habe, dachte ich, ich mache einfach mal mit.

Mittelstufe

Deutsch:

– Hans-Georg Noack Rolltreppe abwärts

Ein Buch, das so ein hohes Nervpotential hatte, dass ich wirklich darunter gelitten habe. Vielleicht lag es auch an unserem Deutschlehrer, ich kann es nicht sagen, aber dieses nervige „schlimmer geht immer“ war mir einfach zu viel.Und wer (!) gibt seinen anvertrauten Jugendlichen heute noch Hundenamen? X-)

– Susan E. Hinton Die Outsider

Bei diesem Buch hat unser Deutschlehrer einmal nicht daneben gelegen. Die Outsider fand ich richtig toll. <3 Und noch mehr hat mich begeistert, dass Hinton das Buch mit gerade einmal 16 Jahren geschrieben hat. Chapeau! Es war mir auch egal, dass es natürlich um irgendwelche kleinkriminellen Jugendliche ging, aber wahrscheinlich lässt sich meine Liebe zu Coming-Of-Age-Geschichten genau mit diesem Werk begründen. Und die Namen! Ponyboy und Sodapop. Egal, geliebt. Leider mussten wir uns auch diese Verfilmung mit Tom Cruise und Patrick Swayze angucken – ein Wehrmutstropfen bleibt wohl immer.

– Bertolt Brecht Mutter Courage und ihre Kinder

Hat mir gefallen, gefällt mir immer noch. Brecht ist super!

Friedrich Dürrenmatt Der Richter und sein Henker

War so weit ganz in Ordnung.

– Max Frisch Homo Faber

Gemocht und der Film war auch in Ordnung.

– Zoe Jenny Das Blütenstaubzimmer

Ich habe es gelesen – aber ich habe keine Ahnung mehr, worum es eigentlich ging. Und ich war mehr als nur körperlich anwesend. Hm. Merkwürdig, dass es so ganz aus meiner Erinnerung verschwunden ist, düster erinnere ich mich an einen Mutter-Tochter-Konflikt? Na ja, vielleicht schau ich nochmal rein.

Englisch:

– Narinder Dhami  Bend it like Beckham

Indisches Mädchen, das unbedingt Fußballerin werden möchte. Ja, kann man lesen – muss man aber nicht. ;)

Oberstufe (Danke, Zentralabi)

Deutsch:

– Bertolt Brecht Das Leben des Galilei (s.o.)

– Gotthold Ephraim Lessing Emilia Galotti

„Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.“ Hat gefallen, schrecklich war nur die erneute gruselige Theateraufführung, die mein Deutschlehrer (diesmal ein anderer) noch auf VHS besaß. Als Hausaufgabe sollten wir eine Rezension schreiben. Ich habe die Inszenierung gnadenlos verrissen, wurde dafür gelobt und danach nur ängstlich angesschaut („Alter, meinst du, die schreibt so auch über unser Literaturkursstück?“).

Bernhard Schlink Der Vorleser

Schwierig, lag aber vor allen Dingen an den unterschiedlichen Interpretationen.  Mit meinem Papa konnte ich total super über den Roman sprechen, mein Deutschlehrer hingegen war dann doch eher einer gegenteiligen Interpretation zugeneigt – ich mein, für mich war Hannah die Hexe, die sich an einem Minderjährigen vergreift, der dann ein Emotionskrüppel wird und jahrelang leidet. Warum sollte ich Mitleid mit ihr haben? Ne, echt nicht.

– Theodor Fontane Irrungen, Wirrungen

Auch hier, wenn auch bei Effi entlehnt: ein weites Feld. ;) Nicht, dass ich Fontane gänzlich abgeneigt gewesen wäre, aber wahrscheinlich habe ich seine Qualitäten erst im Studium so richtig zu schätzen gelernt.

Englisch:

– Margret Atwood A Handmaid’s Tale

Ich hätte lieber 1984 gelesen, aber dass konnte ich leider nicht entscheiden. Eigentlich eine sehr spannende Dystopie, aber durch das Thema einfach nicht so richtig gemacht, für eine Diskussion in der Oberstufe – oder wir waren viel zu albern. Wir haben uns alle sehr über diese Fortpflanzungszeremonie (Wife+Handmaid+Commander) amüsiert und unsere Lehrerin fand den Roman mehr als bescheuert, was sie auch sehr offen gezeigt hat und bei mir immer dazu führte, dass ich nicht begeistert mitmachte. Schade eigentlich.

– T.C.Boyle Tortilla Curtain

Wie gesagt, ich mag dieses „Es wird immer schlimmer“ nicht, vor allen Dingen nicht, wenn es mir im Rahmen des Themenkomplexes Globalization im LK aufgenötigt wird. Vor allen Dingen das Ende war einfach zu viel, zu viel, zu viel. Giftige Chemikalien im Putzmittel, Sintflut etc.

– Shakespeare Macbeth – Kein Spaß.

Oh man, das klingt jetzt alles wirklich so, als hätte ich sehr gelitten. Dabei stimmt das nicht. Meine Interpretationen waren immer super, ich konnte die Lektüren meistens an ein bis zwei Abenden durchlesen und generell hat mir die Beschäftigung mit echter Literatur (und nicht so abgespeckten Lesebuchvarianten) in der Schule immer Spaß gemacht. Wobei es mich nun doch überrascht, dass die Themenfelder Jugend-kriminalität (im weitesten Sinne) zumindest in der Mittelstufe doch so überpräsent war – kann aber wie gesagt auch an der persönlichen Vorliebe unseres Deutschlehrers gelegen haben. Schade, dass mich nur ein Buch so richtig begeistert hat. Aber einige andere haben mich dafür so (positiv) geärgert, dass ich erst Recht mitgemacht habe. So schlecht können die Lektüren also nicht gewesen sein – immerhin war ich innerlich genervt – also beteiligt. Ich glaube, ich entdecke gerade die geheime Intention der Schulbuchlektüre. Merk‘ ich mir für später – und während ich jetzt noch diabolisch lache, frage ich mich doch, warum wir so wenig Klassiker gelesen haben. Wenn die Schule mir nur ein bisschen mehr Weimarer Klassik geboten hätte (wenigstens den Faust, hallo?) wäre ich auch nicht im zweiten Semester so voller Begeisterung in das Goethe und Schiller Seminare gerannt, um dann enttäuscht festzustellen, dass es noch andere Sachen als Kabale und Liebe gibt (Stichwort: Historiendrama). Also so richtig zufrieden bin ich mit der Auswahl der Lektüren nicht gewesen – ich denke aber auch, dass ich einige vergessen habe. ;)

65 [Rezension] Henning Mankell – Tea-Bag

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     Europa endlos, Europa endlos … – Komm näher, hierher

(Brockdorff Klanglabor)

Der gefeierte Lyriker Jesper Humlin steht vor einem neuen Auftrag. Sein Agent verlangt von ihm, dass er einen Kriminalroman verfasst, da seine Gedichte einfach nicht genug Publikum interessieren. Jesper ist alles andere als begeistert. Hinzu kommt eine kriselnde Ehe, ein unerfüllter Kinderwunsch und schließlich seine schräge Mutter, die sich auf ihre alten Tage mit einer ganz besonderen Art der Dienstleistung über Wasser hält (Stichwort: reife/erfahrene Dame). Da begegnet Jesper auf einer seiner Lesungen der jungen Frau Tea-Bag, die sich illegal in Schweden aufhält. Jesper knüpft Kontakt und lernt auch ihre Freundinnen Tanya und Leyla kennen. Auf die Initiative eines alten Freundes hin, nehmen die Mädchen an einer Schreibwerkstatt mit Jesper teil und gewähren ihm kurze Einblicke in ihr Leben auf der Flucht. Dabei merkt Jesper, dass es noch weitaus größere Probleme gibt, als fallende Aktienkurse …

Mir hat der Roman gefallen. Die drei unterschiedlichen Perspektiven der Flüchtlinge werden genau beschrieben, da jede von ihnen Zeit in Jespers Schreibwerkstatt bekommt. Dadurch werden ihre Geschichten nachvollziehbar und man erfährt, weshalb sie nach Schweden gekommen sind. Mir gefiel besonders der Wandel des ironischen, distanzierten Jesper, der sich erst in der Konfrontation mit den Schicksalen der Frauen langsam verändert. Und trotzdem ist es dem Lyriker durch die alltäglichen Reibereien des Literaturbetriebes nicht möglich, eine Geschichte über Tea-Bag, Tanja und Leyla zu schreiben, die er für wichtig und lesenswert erachtet – weil sein Verlag anderer Ansicht ist. Die schwedischen Figuren sind häufig sehr ironisch und liefern sich unterhaltsame Wortgefechte, auch wenn nicht alle angerissenen Handlungsstränge zuende erzählt werden. Da ist es schwierig zu den Schicksalen der drei Frauen umzuschalten. Andererseits wird dadurch umso deutlicher, dass ihre Schicksale keine Besonderheiten sind, genau so täglich überall passieren. Und was wissen wir, als diejenigen mit einem Pass, von den Schwierigkeiten der illegalisiert lebenden Menschen? Auch wenn einige Schicksale hart am Klischee vorbeischrammen und mir deshalb nicht ganz zusagten, lohnt sich das Buch für zwischendurch. Es ist klar, dass es Mankell um eine generelle Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik geht, da spielt es keine Rolle, dass alle Flüchtlinge ihre Texte in lupenreiner, poetischer Sprache vortragen. Tea-Bags emotionales Abschlussplädoyer, dass eine gelungene Kritik an der ‚Festung Europa‘ darstellt, ist sehr zu empfehlen und hilft über einige wirre Passagen hinweg.

Und weil es gerade so gut thematisch passt, hier noch die entsprechende musikalische Untermalung.

Henning Mankell: Tea-Bag. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. dtv (2005). 384 Seiten. ISBN-10: 3423133260. ISNB-13: 978-3423133265.

64 „Come on, let’s be psychos together“ (The Perks of Being a Wallflower)

Buch vs. Film?

Manche Bücher sind einfach besonders. Hätte ich The Perks of Being a Wallflower“ (deutsch: Vielleicht lieber morgen) von Stephen Chbosky mit vierzehn gelesen, wäre es mein Lieblingsbuch geworden. Und jetzt ist es einfach nur ein Buch, das mir so sehr gefällt, dass es für immer einen Platz in meinem Buchregal (und meinem Herzen ;) )hat und das ich Silvester für die Rory-Gilmore-Lesechallenge gelesen haben. Es handelt sich um eine Coming-Of-Age-Geschichte in Briefform, 1999 von MTV publiziert, in der es um den Jungen Charlie und das letzte Jahr in der HighSchool geht. Charlie ist zunächst sehr isoliert, sein bester Freund hat sich umgebracht, aber durch die Freundschaft zu Sam und ihrem Stiefbruder Patrick wandelt sich der zurückhaltende Junge. Statt ständig allein als Mauerblümchen in der Ecke zu sitzen, fängt er an auf Partys zu gehen, tritt bei der Rocky-Horror-Picture-Show auf, verliebt sich, beginnt zu schreiben und seine Gedichte auch vorzutragen und sich klarer über sich selbst zu werden. Im Laufe der Handlung werden dabei die verschiedensten Themen aufgegriffen, zum Teil nur gestreift, zum Teil ausführlich in die Handlung miteinbezogen: u.a. Freundschaft, Gewalt in der Schule und zuhause, Suizid, die Suche nach sich selbst, Drogenkonsum, Homosexualität, erste Liebe, Traumata. Das ergibt im Buch ein unglaubliches dichtes Geflecht von Beziehungen, Erfahrungen, Erlebnissen – ein Buch für die Seele.

Der Film hat mir sehr gefallen!!  Auch wenn er meiner Meinung nach, nicht an den Roman herankommt. Im Roman sind noch so viele Nebenstränge wichtig, so viele kleinere Dinge, die Charlie in seiner Umgebung beobachtet. So viele Nebencharaktere wären im Film sicherlich zu viel gewesen – aber sie haben mir gefehlt. Die Geschichte wirkt im Film nicht so mehrdimensional – wenn auch mit schönen Bildern und einem hammergeilen (!) Soundtrack unterlegt. Der Cast ist super. Emma Watson spielt Sam und ich dachte nicht einen Moment an Hermine. Persönlich hätte ich mehr Szenen mit Nina Dobrev gewünscht (ich weiß, Serienjunkie und so). Sie spielt die Schwester von Charlie und im Buch wird ihr sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet. Zudem wird im Buch sehr viel klarer, warum Charlie an seinen BlackOuts und Panikattacken leidet und weshalb er psychisch angegriffen ist. Dabei wird es allerdings nie überdramatisch oder kitschig. Natürlich kennt der Leser nur Charlies Perspektive, das macht das Buch aber auch so besonders, denn Charlie macht sich viele Gedanken um die Menschen in seiner Umgebung. Hinzu kommen viele literarische und popkulturelle Anspielungen. So hat Charlie, der ein großes Interesse für Literatur hat und hat eine wöchentliche Essayaufgabe von seinem Lehrer bekommen, in der er sich zum Beispiel mit To kill a Mockingbird, The Great Gatsby oder Walden (im Gegensatz zu Charlie habe ich das Buch aufgegeben, was ein schlauer Fünfzehnjähriger ;)) auseinandersetzt. Ein bisschen erinnerte mich das an Dead Poets Society, mein absolutes Lieblingsbuch als ich noch jünger war. Auch Charlie liest diesen Roman, aber anders als Todd oder Neil muss er nicht gegen ein zu strenges Elternhaus rebellieren. Seine Familie unterstützt ihn, wo sie nur kann – und kann ihn trotzdem nicht vor allem beschützen. Während Todd, Neil und ihre Freunde durch die Wälder tanzen, um das Mark des Lebens auszusaugen, sind Charlie, Sam und Patrick einfach unendlich. Und das ist wunderwunderschön und ergreifend zu lesen (los, kauf das Buch!), lohnt sich aber auch anzuschauen (Gänsehaut-Film). :)

Stephen Chbosky: The Perks of Being a Wallflower. MTV Books (2012)
ISBN-10: 1451696191  ISBN-13: 978-1451696196

[Rezension] M.J.Hyland – Die Liste der Lügen

Irland in den 70er Jahren: John Egan ist anders als die anderen Kinder in seinem Alter. Er ist größer als die meisten Zwöfjährigen und wird aufgrund seiner frühreifen Entwicklung nicht nur in der Schule mit Schwierigkeiten konfrontiert, sondern auch zuhause. Auch hier liegt einiges im Argen. Seine Mutter kann mit seiner Entwicklung nicht umgehen und ist ihm entweder zu nah oder verweigert ihm ihre Nähe, was John emotional verstört. Seine Eltern haben große finanzielle Schwierigkeiten. Sie müssen zur Großmutte ziehen, die wiederum den Eindruck gewinnt, dass die Eltern von John herumschmarotzern, die Ehe der Eltern kriselt. John beobachtet seine Umgebung genau und John macht das, was er (vermeintlich) am besten kann: er deckt nach und nach die Lügen der Erwachsenen auf und hält sie in einer Liste tagebuchartig fest. Denn John glaubt ein menschlicher Lügendetektor zu sein: sobald ihn ein Erwachsener oder ein Schulkamerad anlügt, machen sich bei ihm körperliche Symptome bemerkbar. Schwindelanfälle, plötzliche Schwäche, Übelkeit – und schon hat John eine weitere Lüge enttarnt. Seine Hoffnung (oder sein Wahn?) besteht darin, mit dieser Fähigkeit ins Guinessbuch der Rekorde aufgenommen zu werden. Doch als menschlicher Lügendetektor hat man es in der Welt der Erwachsenen, in der Lügen aus Höflichkeit und Selbstschutz dazugehören, nicht leicht und die Katastrophe nimmt ihren Lauf … Hyland-Die-Liste-der-Lügen.gif

Eigentlich dachte ich, dass bei diesen Zutaten (Irland, Coming-of-Age-Geschichte, die unglaublich verrückte Ausgangssituation des „menschlichen Lügendetektors“, ein bisschen Sozialkritik und Familiendrama) eigentlich nichts schief gehen könnte. Hinzu kam das hohe Lob von Coetzee (Schande, Das Leben der Tiere, Elisabeth Costello) auf der Rückseite: „Literatur von allerhöchsten Gnaden“. Und irgendetwas ging für mich dann doch schief. Der verrückte Aufhänger reicht eben nicht aus, um einen konstant witzigen oder dramatischen Roman zu verfassen. Der Anfang ist relativ schleppend und ich hatte Schwierigkeiten in die Handlung einzusteigen und mit John als Figur warm zu werden, deshalb habe ich die ersten knapp hundertfünfzig Seiten einfach quergelesen. Zwischendurch war ich mir nicht mehr sicher, wie ich diesen Roman zu lesen hatte. Sollte ich ergriffen und dramatisch berührt sein, von dem Schicksal des Jungen, der in der Welt der Erwachsenen nicht zurecht kommt und sich in seine eigene Welt der Rekorde flüchtet? Gleichzeitig gab es viele witzige Stellen, die mir allerdings bei meiner Verwirrung nicht weiterhalfen. Ist John verrückt oder nicht? Ist er nun ein „Lügendetektor“ oder ist er ein zurückgewiesenes psychisch auffälliges Kind aus einer instabilen Familie? Und wenn das so ist (es kann ja auch beides zutreffen, so what?), wieso komme ich nicht an diese Figur John heran? Ist das Ende ein Zeichen dafür, dass er eine (post)pubertäre Phase der frühen Adoleszenz überwunden hat, nach dem Motto: Ende gut, alles gut – wenn die Erwachsenen lügen, haben sie eben ihre Gründe? Ziemlich banale Wendung, dafür dass vorher ein „menschlicher Lügendetektor“ Seite für Seite verkauft wurde und die Welt der Erwachsenen von so vielen Konflikten geprägt ist. Vielleicht liegt die Zähigkeit des Textes auch an der Übersetzung, aber im Rückblick kann ich mir das Lob von Coetzee nicht erklären. Ein Buch, dass ich nicht empfehlen würde – insgesamt blieben bei mir einfach zu viele Fragezeichen.

M.J. Hyland: Die Liste der Lügen. Übersetzt von Ingo Herzke. Pieper 2007.

ISBN: 978-3-492-05115-6 / 978-3-492-25300-0

[Rezension] Doris Lessing – Die gute Terroristin

Alice Mellings lebt in einem besetzten Haus in London. Sie hat sich dieses Leben ausgesucht. Frei von gesellschaftlichen Zwängen und in permanenter Ablehnung der bürgerlichen Werte, die für sie ihre Elten verkörperten, lebt diese mittlerweile Mitte Dreißigjährige ein „revolutionäres Leben“ – oder das, was sie dafür hält. Wer ist ein „echter“ Revolutionär? Wer gehört wirklich zu den Radikalen? Wer möchte tatsächlich etwas ändern? Alice fühlt sich ziemlich radikal, gleichzeitig ist sie mitfühlend und sensibel. Ständig kämpft sie um Aufmerksamkeit, während sie versucht, die Wohngemeinschaft zusammenzuhalten. Sie versucht (oft vergeblich) die anderen zu motivieren, will das Haus „gemütlich“ und letztendlich doch wieder „gut bürgerlich“ herrichten, besorgt den Mitbewohnern Jobs und hilft wo sie kann, während der Rest der Bande sich auf Demonstrationen stürzt oder Stress mit der Polizei provoziert. Alice steht zuhause am Herd und empfängt die Gestrandeten und Abgekämpften mit einer warmen Mahlzeit oder kümmert sich um den passenden Blumenstrauß auf dem Tisch. Gleichzeitig beklaut sie ihre Eltern und merkt in ihrer Rebellion nicht, dass sie in der Beziehung mit Jasper Dinge wiederholt, die sie ihren Eltern ankreidet. Sie liebt ihn entsagungsvoll, er aber bleibt distanziert. Kein Wunder, denn eigentlich fühlt er sich zu Männern hingezogen. Also kocht sie Suppe, wie sie es zuhause bei den heimischen Festen und Empfängen der Mutter, damals, als die Firma des Vaters noch lief, gelernt hat. Und dann gibt es da noch diesen Nachbarn, aus dem anderen besetzen Haus, der angeblich mit den Russen zusammenarbeitet um Agenten auszubilden – er hält viel von Alice. Dabei ist doch Jasper derjenige, der die großen Reden hält. Als eine neue Mitbewohnerin hinzukommt, die sich mit dem Bau von Bomben auskennt, ändert sich die Situation. Statt Suppe und Diskussionen, gibt es nun (endlich) etwas Handfestes zu tun: die Gruppe beschließt ein Attentat.

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Der Roman ist leicht und schnell zu lesen und ist auch spannend erzählt. Leider wirkt die Hauptfigur Alice alles andere als erwachsen und ihre „Revolution“ wirkt zum Teil postpubertär und für mich nicht ganz nachzuvollziehen. Sie hat ihre Ideale, aber hauptsächlich auch Wut und wird dabei ungerecht, gegenüber denen, die ihr eigentlich am nächsten stehen müssten. Warum führt sie diese merkwürdige Beziehung mit Jasper, den sie umschwärmt? Warum lässt sie sich alles gefallen? Warum hasst sie ihre Eltern so sehr und bleibt gleichzeitig so zurückhaltend, wenn es um ihre eigenen Bedürfnisse in der Gruppe geht? Gleichzeitig verliert Alice den Kontakt zu vielen ehemaligen Mitbewohnern, die ihr etwas bedeutet haben, während der Grotßeil der noch Anwesenden aus kaputten Verlierertypen besteht, die ihre politische Meinung als Ausrede für asoziales Verhalten benutzen. Besonders die Frauenfiguren treten eher helfend und verstehend auf, während die männlichen Protagonisten (abgesehen von Philipp) einen ziemlichen Egotrip fahren. Es ist eben doch nicht so leicht, eine Gruppe von (vermeintlich?) Ausgestoßenen zu vereinen und zu harmonisieren – die idealistische Alice kämpft auf verlorenem Posten. Und dennoch lässt sie sich alles gefallen. Sie hofft auf eine Veränderung der Welt, opfert sich für andere auf und bleibt letztlich doch das „kleine Mädchen“, das abhängig von den Männern auf ihren Einsatz als „gute Terroristin“ wartet.

Auch die „großen Revolutionen“ – und diesen Schluss lässt der Roman zu – scheitern oder gelingen auf der Beziehungsebene. Gerade wenn alle TerroristInnen gleich, aber einige eben doch gleicher sind als die anderen.

Doris Lessing: Die gute Terroristin. btb-Verlag (2003). ISBN: 3442730090. 448 Seiten.