„Scharnow ist über(all).“

Bela B. hat ein Buch geschrieben. Das Debüt des Schlagzeugers der besten Band der Welt (aus Berlin!) überzeugt, die absolute Unvorhersehbarkeit der Handlung sorgt für eine Menge Spaß.

Scharnow ist Liebesgeschichte, Alien-Invasionsstory, Gesellschaftskritik und im wahrsten Sinne Pulp Fiction – und vor allen Dingen absolut unberechenbar. Es gibt den Pakt der Glücklichen auf der Suche nach Bier, irre Nazis, einen verstorbenen Literaturblogger, ein mordendes Buch, Aliens, ein Mangamädchen und einen syrischen Praktikanten, der sich unsterblich verliebt. Klingt absurd? Ist es auch. Man weiß nicht genau, was man liest. Coming-of-Age-Story oder Agententhriller, Superheldengeschichte oder Gesellschaftsstudie oder geht es vielleicht doch einfach nur um Aliens? Eigentlich ist es von allem ein bisschen und da ist es trotz des mehr als vierzig Personen umfassenden Registers am Anfang nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. Aber das macht gar nichts, der Unterhaltungswert der Erzählung gerät für Bela nie aus dem Blickwinkel.

Scharnow ist ein kleiner und recht verschlafener Ort irgendwo in Brandenburg. Neben dem Personenregister verweist eine Zeichnung auf den Aufbau der Siedlung, das erinnert an ein World-Building, wie man es von guter Fantasyliteratur gewohnt ist. Hier sieht man das gigantische Hochhaus, den Supermarkt, das Dönerimperium, den Parkplatz, den Wald. Bekannte Orte, könnte man meinen. Aber dann ist eben doch alles ein bisschen anders.

Ein Literaturblogger (sic!) stirbt unter mysteriösen Umständen. Eben jener Blogger, der im Klappentext des Romans, den man gerade in den Händen hält, mit den Worten „Scharnow ist über(all)“ zitiert wird. Selten wird so schön mit Metaebenen gespielt. Neben dem verstorbenen Blogger überfällt eine Bande eines selbsternannten Geheimbundes nackt einen Supermarkt und richtet großen Schaden an. Die Szene ist so drüber und wird gleichzeitig in einer solchen filmischen Präzision erzählt, dass man sich schon fast in einem Tarantinofilm glaubt. Aber damit nicht genug. Ein Superheld gibt sich ebenfalls der Öffentlichkeit zu erkennen und im Geheimen drohen gefährliche Aliens mit einer Invasion, aber ist die sie selbsternannte Bürgerwehr nicht noch gefährlicher?

Die Kapitel kreisen dabei um die verschiedenen Protagonist*innen, die in einer Plattenbausiedlung in Scharnow leben, sich entfernt kennen oder eben im selben Supermarkt einkaufen. Eigentlich sind sich die meisten handelnden Personen schon begegnet, aber die meisten kennen sich nur flüchtig, sodass es auch nicht auffällt, wenn dubiose Mächte zeitweise den Körper einer alten Dame bewohnen. Man hat sich ja vorher auch kaum etwas zu sagen gehabt, da fällt so eine Invasion á la Körperfresser kaum auf. Das ist eine tragische Quintessenz des Romans.

Jedes Kapitel strotzt vor Ideenreichtum und abgefahrenen Figuren, die in ihrer Klischeehaftigkeit wirklich liebevoll erfasst werden. Ja, es gibt solche Menschen. Garantiert. Und keiner von ihnen weiß, um was es wirklich am Tag X ging, dem Dreh- und Angelpunkt, um den die Story aufgebaut ist. Sprachlich wird der Roman, besonders bei den Dialogen, recht lässig vom Drummer aus der Hüfte geschossen, eben so, wie man es auch aus dem Italo-Western kennt.

„Zarmo, alter Killer, ich bin’s Trönse.“

„Trönse, bist du irre, hier anzurufen, wir wollten doch …“

„Alles gut, Alterchen, für unser Attentat interessiert sich keiner. Die Spackos, die da nackt in den Supermarkt rein sind, die hat irgendwer gefilmt, die sind ein richtiger Hit , sage ich dir. Und die Polizei kümmert sich nur um den fliegenden Mann.“

Scharnow, S. 347

In Bela B.s Debüt passiert eine Menge Unvorhergesehenes, Banales und Großes und das auf gerade einmal knapp 400 Seiten. Wer seit den Romanen von Walter Moers nicht wusste, dass Bücher eine mörderische Kraft entfalten können, ist zumindest nach der Lektüre von Scharnow schlauer geworden.

Bela B. Felsenheimer – Scharnow. Heyne Hardcore 2019.

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Mikka liest das Leben

Ricys Reading Corner

Graffiti Palast – Urban Mystery

Eine faszinierende Reise durch eine Stadt voller Gegensätze, in der Realität und Mystik verschwimmen. A. G. Lombardi entführt die Leser*innen in eine magische Welt voller Zeichen und Geheimnisse.

Die Hauptfigur Monk ist Semiotiker und Urbanologe und untersucht die Zeichen des Graffiti in seiner Stadt. Die Handlung spielt in L.A. im Jahr 1965, also während der Watts-Unruhen, als es im Süden der Stadt zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Innerhalb von sechs Tagen starben 34 Menschen und über 4000 Menschen wurden verhaftet. Auslöser war die rassistisch motivierte Festnahme von zwei jungen Schwarzen und ihrer Mutter durch das LAPD, Lombardo beschreibt die Szene in seiner Romanhandlung. Danach kam es zu Sachbeschädigungen bis schließlich sogar die Nationalgarde eingriff und die betroffenen Stadtteile abriegelte. 

Monk wird Zeuge der Auseinandersetzung, aber kann diese Zeichen leider nicht deuten. Er will eigentlich nur ein paar Graffitis überprüfen, die er als Zeichen der Stadt liest und deren versteckten Botschaften er zu entschlüsseln versucht. Durch die Graffitis kommunizieren verschiedene Gangs miteinander, Drogenumschlagplätze werden markiert und Reviere eingegrenzt. Monk ist Helfershelfer verschiedener Big Player in der Stadt, auch wenn man sich zunächst fragt, was die Gangster mit dem Wissenschaftler zu tun haben. Doch Monk wird akzeptiert, denn die Gangs interessieren sich für die geheimen Zeichen und versteckten Nachrichten ihrer Rivalen, kurzum für die Codes der Stadt. Monk ist unterwegs, nur kurz, denn seine Freundin feiert eine Party und er muss noch kurz etwas erledigen. Sie ist schwanger. Die Unruhen in der Stadt kreuzen Monk s Pläne und Handys gibt es noch nicht. Monk verschwindet und bleibt sechs Tage verschollen. Gangster und Polizei suchen ihn, denn im Chaos der Unruhen wollen sie an sein Notizbuch kommen.

Monks Reise durch die abgeriegelte Stadt wird eine abgefahrene Fahrt in unwirkliche Gegenden, über die man sich sonst nur in Urban Legends erzählt und gleichzeitig auch eine Reise in die us-amerikanische Geschichte mit ihren rassistischen und kolonialen Wurzeln. Gleichzeitig erinnert Monks Reise an die klassische Odyssee. Monk wird vom Gesang der sirenenhaften Nachtclubsängerinnen angezogen und gerät in Gefahr. Er trifft Drogenbosse , die sein Notizbuch haben wollen und taucht ganz tief ein in die Geschichte der Stadt. Und auch in seine eigene Vergangenheit. Er lernt einen Mückenjäger kennen und isst mit ihm Erdnussbutter, er raucht Opium mit einem Yakuza-Chef, er lernt die schwarze Rose kennen, die eine Radiosendung moderiert und weder als Amerikanerin noch als Japanerin anerkannt ist, er muss sich vor Vodoozauber schützen und er bekommt ominöse Hilfe durch einen Physiker, der ihn immer im richtigen Moment in der Telefonzelle anruft und er erinnert sich in einem alten Kinosaal an seine frühe Kindheit. Und natürlich trifft er Graffiti-Künstler, die gesellschaftskritische Kunst machen.

Der Roman ist ein wirkliches Erlebnis, denn Monk gelingt es die Zeichen der Zeit immer besser zu deuten. Ich habe den Roman an einem Abend durchgelesen und war begeistert vom Sound der Geschichte. Ich musste ein wenig an den Film Mystic River denken – wenn man sich auf die vielen Wendungen des Textes einlässt, kann man sich nur über den Einfallsreichtum und die Erzählkunst von Lombardo freuen.

A.G. Lombardo – Graffiti Palast. Antje Kunstmann Verlag 2019.

Eltern und Fenchelfelder – Schöner als überall

Im Debüt von Kristin Höller geraten zwei Mitte Zwanziger in eine Krise, man könnte auch sagen in eine Krise ihrer Männlichkeit oder Freundschaft oder alles dazwischen.

„Wenn ich mir vorstelle, dass das später meine Zukunft ist und dass ich mich für ganz viele Sachen interessieren muss, um solche Abende zu überstehen, muss ich mich zwingen, nicht mein Glas fallen zu lassen.“

Schöner als überall, S. 56

Martin und sein bester Freund fahren in einem Transporter über die Autobahn. Auf der Ladefläche liegt ein gestohlenen Speer von einer Riesenbronzestatue, weil man den eben mitnehmen musste. Betrunkene Menschen kommen auf solche Ideen. Sie wollen so schnell wie möglich nach Hause. Dahin, wo der Fenchel wächst. Also stehen sie schon am Anfang der Erzählung, tja, hm, ohne Speer da. Und Martin muss sich selbst irgendwie wieder sortieren.

Martin macht alles für Noah, denn Noah ist sein bester Freund. Auch wenn Noah mittlerweile eigentlich ein ziemliches Ekelpaket geworden ist. Aber das ist egal, denn früher waren sie beste Freunde. Früher, das war lange vor dem Abitur und zu der Zeit, als sich alle noch schworen für Ewigkeiten befreundet zu sein.

Seitdem ist viel passiert, Martin ist weggezogen, aber ist kreuzunglücklich in seiner Unistadt und Noah ist berühmt geworden, weil er in diesem einen Film mitgespielt hat. Und weil aus ihm ja auch noch etwas werden kann, etwas Großes. So stellt Martin sich das zumindest vor.

Und dann machen sie sich auf den Weg zurück und Martin entdeckt die Dinge, die man entdeckt, wenn man Anfang 20 ist und nach Hause kommt. Alles ist vertraut und trotzdem anders und die eigenen Eltern sind irgendwie niedlich, aber auch schon ziemlich alt und sie wollen nur das Beste für einen selbst, aber verdammt nochmal, woher soll man denn wissen, was das Beste ist, das kann doch keiner wissen. Und dann ist da auch noch Mugo, also eigentlich Muttergottes, also Maria, aber eben Mugo. Eigentlich mochte Martin sie schon seit Ewigkeiten und er versteht gar nicht, warum Mugo in dieser Kleinstadt geblieben ist und warum er und Mugo, also vielleicht wird das noch was, aber eigentlich auch nicht. Tja und dann muss Martin sich entscheiden, macht er alles, was Noah sagt oder alles, was Mugo sagt und was will er denn nochmal von diesem Leben?

Alles hier sieht aus wie eine Kulisse, wie die Attrappe einer Provinz, hergerichtet für einen Kinofilm über wütende Jugendliche

Schöner als überall, S. 78

Zugegeben, mich hat dieses schöne und gefühlvolle Debüt auch etwas ratlos zurückgelassen. Irgendwie Tschick in einer Lightversion. Dennoch bleiben die Probleme der Protagonist*en universell, jede*r wird das kennen. Man kommt wieder nach Hause, man ist Kind, aber eigentlich schon viel weiter, aber bei den Eltern ist die Zeit ein bisschen stehen geblieben. Es gibt diese Freundschaften, die man über die Zeit rettet, obwohl man sich kaum noch etwas zu sagen hat. Deswegen gab es wahnsinnig berührende Szenen zwischen Martin und seinen Eltern, die mir gefallen haben. Und die Szenen zwischen Martin und Nils, bei denen ich mich oft gefragt habe, ob Martin mehr von Nils will als Freundschaft. Damit konnte ich etwas anfangen, das war echt, das war richtig gut.

Gleichzeitig entdeckt Martin aber auch, dass er Erwartungen und Ideen auf seine Mitmenschen projiziert hat, die wahrscheinlich gar nicht passen. Gerade am Anfang fiel mir der Zugang zu Martins Gefühlen doch recht schwer, ich konnte mir nämlich nicht vorstellen, dass jemand mit Mitte Zwanzig so eine Inkompetenz für das eigene Dasein haben könnte, wie Martin sie ausstrahlt.

Warum Mugo eine so fantastische Frau ist, hat sich mir bis zum Ende nicht erschlossen. Aber vielleicht musste das auch so sein. Martin scheint es selbst nicht zu wissen. Am Ende des Romans habe ich mich unfassbar alt gefühlt und gedacht, dass ich keine Coming-of-Age-Romane mehr lesen kann. Denn ich verstand nicht, warum Martin so ein Problem hat, mit seinem verschwundenen Speer und mit Noah und Mugo, denn richtige Probleme sehen doch ganz anders aus. Eigentlich gibt es doch gar kein Problem in Martins Leben. Vielleicht ist das auch das Problem.

Kristin Höller – Schöner als überall. Suhrkamp 2019.

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literatwo

Wortgelüste

Durch die Nacht

//TW: Suizid//

Abgesehen von einem kurzen Prosatext über 23 Sorten verschiedene Sorten Alkohol sind die Texte Stig Sæterbakken bisher nicht aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt worden. Der Roman Durch die Nacht ist der letzte Text, den er vor seinem Freitod 2012 veröffentlicht hat. Es geht um einen Mann, dessen Leben komplett aus den Fugen gerät. Sein Sohn hat sich das Leben genommen und die Trauer um den Tod seines Kindes lässt den Ich-Erzähler Karl Meyer nicht mehr zu Ruhe kommen. Ausgelöst durch die Trauer um seinen Sohn beginnt eine fieberhafte Reise durch die Nacht, deren Ende eine große Überraschung für die Leser*innen bereit hält.

Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann.“

Durch die Nacht

Ole-Jakob war der 18-jährige Sohn des Ich-Erzählers. Lange Zeit ist nicht klar, wie Ole-Jakob gestorben ist. Die Möglichkeit, dass er sich das Leben genommen hat, wird implizit angedeutet. Warum sonst sollte Ole-Jakob das Auto seines Vaters frontal gegen einen Lastwagen fahren? Doch zunächst wissen die Leser*innen nicht genau, was passiert. Sie begleiten Karl Meyer dabei, wie er anfängt, kurze episodenhafte Szenen aus dem Leben seines Sohnes aufzurollen, während er selbst die Familie verlässt und sich auf einen eigenen Weg nach Antworten macht. Der Tod des Sohnes hat die Familie auseinandergerissen. Karls Frau Eva ist nicht mehr ansprechbar und zerschlägt in ihrer Hilflosigkeit den Fernseher mit einer Axt, die gemeinsame Tochter kommt auch für Karl nur noch am Rande vor. Doch war die Familie nicht schon lange vor Ole-Jakobs‘ Tod kaputt? Karl hat seine Frau mit Mona betrogen. Mona ist 20 Jahre jünger als Eva und für Mona verlässt Karl seine Familie. War das der Grund für Ole-Jakobs Freitod? Nach dem Tod von Ole-Jakob lässt Karl endgültig sein altes Leben hinter sich. Es beginnt eine alptraumhafte Reise durch Europa, er reist nach Deutschland und dann in die Slowakei. Sein Schwager Boris hat ihm ein geheimes Häuschen empfohlen, in dem jede*r Mensch zu sich selbst finden könne – sofern er sich denn traut. Boris ist Science-Fiction-Autor und für Karl kein richtig ernst zu nehmender Gesprächspartner. Trotzdem glaubt Karl ihm die Geschichte vom geheimnisvollen Haus, das man entweder erlöst verlässt oder das dafür sorgt, dass man wahnsinnig wird. Ein dubioser Unbekannter (teuflisch? mafiös? man weiß es nicht), erläutert Karl in einem Nachtclub das Haus und die Ereignisse dort auf folgende Weise:

„Was ich sagen will und was ich dir sagen muss, ist Folgendes: Noch hast du die Möglichkeit, dich zurückzuziehen. Aber von dem Moment an, in dem du die Schlüssel bekommst, gibt es keinen Weg zurück. Und dann kann dir auch keiner mehr helfen. Du bist allein mit dem, was passiert. Es hängt kein Zettel mit einer Notrufnummer am Eingang, um es so auszudrücken.“

Durch die Nacht

War Meyers Reise zum Haus schon eine Odyssee, beginnt jetzt eine surreale alptraumhafte Phase, die nicht mehr viel mit der Realität zu tun zu haben scheint. Andererseits haben sich bereits von Anfang an Zeichen eingeschlichen, die an der psychischen Stabilität von Meyer Zweifel wach werden lassen. Hat er nicht von Anfang an Zeitsprünge in seinem Erleben festgestellt? Verweisen nicht allein sein Science-Fiction-Freund Boris und das Haus selbst auf Haunted-House-Geschichten, die wir als Leser*innen alle kennen? Wer erinnert sich nicht an den Untergang des Hauses Usher von Egar Allen Poe, in der es um eine unglückliche Familie geht oder die ikonische Szene aus Shining, in der Jack Nicholson, ein wahnsinnig werdender Familienvater -eben auch mit einer Axt – einen Türrahmen zerschlägt? Wie zuverlässig ist der Allerweltsmensch Karl Meyer in der unglücklichen Situation, in der er sich befindet?

„Wir wissen nichts voneinander, dachte ich. Wir kennen einander nicht. Menschen, die am Abgrund stehen, kennen sich nicht.“

Durch die Nacht

Karl Meyers Reise in den Horror der eigenen Existenz ist faszinierend und gleichermaßen verstörend zu lesen. Ich hatte das Glück, den Roman mit einem Tandempartner aus Holland lesen zu dürfen, der zur Zeit in Norwegen lebt. Und das war eine unglaubliche Bereicherung, denn der Text hat durchaus seine Momente, die man gerne sofort mit jemand anderem bespricht. Durch die Nacht ist die Anatomie eines Trauerprozesses und dabei auch ein Roman, der viel mehr Fragen aufwirft, als sie abschließend zu klären. Sæterbakken schont seine Leser*innen nicht, wahrscheinlich hat der Roman deshalb auch für eines meiner intensivsten Leseerlebnisse seit langem gesorgt.

Ich bedanke mich sehr herzlich für das Rezensionsexemplar und die wunderbare Tandemlesezeit mit meinem Tandempartner! Danke!

Stig Sæterbakken – Durch die Nacht. Aus dem Norwegischen von Karl-Ludwig Wetzig. Dumont 2019.

Radio Activity

TW/CN: sexualisierte Gewalt

Radio machen kann so schön sein. Besonders dann, wenn ein paar Radiorebellen verjährte Verbrechen an die Öffentlichkeit bringen wollen. Karin Kalisas Roman ist packend geschrieben und weist auf eine unfassbare Ungerechtigkeit in der Gesetzgebung hin. Wichtig und erschütternd zugleich.

Holly Gomighty ist die sympathische Stimme von Tee und Teer, einem Guerilla-Radio das auf der Frequenz 100.7 die größte Stadt an der Nordsee aufrütteln will. Die Truman-Capote-Referenz ist nicht zu übersehen, auch wenn Holly im Radio zwar ein sonniges Gemüt hat, aber auch einen ziemlich ausgeklügelten Plan. Holly heißt eigentlich Nora. Ziemlich überstürzt hat die ehemalige Balletttänzerin New York verlassen und ihren langjährigen Tanzpartner ebenfalls. Sie ist in ihre alte Heimat zurückgekehrt, hat alle Kontakte abgebrochen und hat relativ schnell einen Job bei dem unabhängigen Radiosender bekommen. Ihre Ansagen treffen genau den Nerv der Zuhörer*innen:

„Guten Morgen, Seeleute… Ihr Leute auf See und an der See, hier schicke ich euch ein Bandoneon vorbei, das euch auf Nordmeerwellen in den Tag trägt. Damit ihr euch daran erinnert, warum ihr hier lebt trotz Werftenkrise und Konjunkturflaute, warum ihr nicht aufgegeben habt … und warum Normalnull für euch das Höchste ist. Bleibt dran, wenn ihr wissen wollt, wie das Wetter in den nächsten Tagen wird.“

Radio Activity, S. 53.

Nora schafft es unter dem Künstlernamen Holly Gomighty Fördergelder einzusacken und ein eigenes Programm auf die Beine zu stellen. Und das erinnert von Stimmung und Spirit her, ein bisschen an den Film Radio Rock Revolution. Doch ihre begeisterten Kollegen wissen nicht, dass Nora ein ganz eigenes Projekt mit dem Radiosender verbindet. Noras Mutter ist gestorben. Deswegen ist die Balletttänzerin nach Bremerhaven zurückgekehrt. Am Theater, dem ehemaligen Arbeitsort der Mutter, trifft sie ehemalige Weggefährten und erinnert sich an früher. Kurz vor ihrem Tod vertraut ihre Mutter Nora an, dass sie als Kind Opfer eines Sexualstraftäters geworden ist. Der Täter ist ein angesehener Apotheker, der für seine Taten noch nicht einmal belangt wurde. Und mittlerweile sind sie verjährt. Der Apotheker ist über 90 Jahre alt. Noras Mutter hat ihr ganzes Leben unter den Folgen seiner Taten gelitten.

Nora kann diese Ungerechtigkeit nicht akzeptieren. Sie beginnt ein besonderes Quiz zu veranstalten, dessen Ziel sie nur selbst kennt. Doch einige ihrer Zuhörer*innen passen ganz besonders auf. Nora versucht ihre Zuhörer*innen gegen den Täter zu mobilisieren. Der Rechtsrefendar Simon entdeckt als erstes, was Nora vor hat. Gemeinsam versuchen sie einen anderen Weg einzuschlagen, bevor es zu spät ist. Dass dabei die Grenzen der Legalität etwas ausgedehnt werden, ist die eine Sache. Die andere Sache ist die, ob Nora und Simon vielleicht doch mehr gemeinsam haben, als den Kampf für Gerechtigkeit?

Radio Activity ist eine unglaublich bewegende Leseerfahrung. Der Roman macht wütend, sehr sogar. Temporeich und poetisch erzählt Karin Kalisa von Schuld und der mutigen Suche nach Gerechtigkeit. Zudem legt Kalisa den Fokus auf eine Gesetzeslücke, die es Überlebenden erschwert, eine Tat zur Anzeige zu bringen. Allein deshalb hat der vielschichtige Roman ein großes Publikum verdient.

Karin Kalisa – Radio Activity. C.H.Beck 2019.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten, vielen Dank!

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Roadtrip mit Huhn -Marianengraben

CN/ TW: Tod

Paulas kleiner Bruder Tim ist gestorben. Er ist ertrunken. Paula muss mit dem Verlust klar kommen. In ihrem Debütroman erzählt Jasmin Schreiber von Trauer, Freundschaft und dem Leben.

Der Marianengraben im Pazifischen Ozean ist 11.000 Kilometer tief. An der tiefsten Stelle des Meeres leben viele unentdeckte Tiere und Pflanzen. Es ist dunkel und die Lebewesen leuchten. Paulas kleiner Bruder Tim liebte Fische, besonders die leuchtenden Fische und die Fische mit den großen Zähnen. Also wunderliche Viecher, die es sonst nirgendswo auf der Welt gibt. Für Paula ist der Marianengraben seit Tims Tod das Symbol ihrer Trauer.

Auch mir war das mit den elftausend Metern eigentlich zu abstrakt. Erst als ich selbst dort ankam, also ganz unten in der Dunkelheit, wo es kein Licht mehr gibt, keine Farben und kaum noch Sauerstoff, bekamen diese elf Kilometer und all diese Ziffern und Größenordnungen eine greifbare Qualität für mich – elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.

Marianengraben, S.11

Seit Tims Tod ist Paula in einer Depression gefangen und findet sich regelmäßig bei einem Therapeuten wieder. Die Kapitelüberschriften sind Kilometerangaben und zeigen, wie weit Paula noch von der rettenden Meeresoberfläche entfernt ist. Und es ist kein Geheimnis, das Paula von ganz unten nach oben schwimmen muss. Aber das muss sie glücklicherweise nicht alleine. Ihr Therapeut rät ihr, den Friedhof zu besuchen. Paula konnte das lange Zeit nicht. Als sie sich schließlich doch eines nachts dazu entschließt, das Grab ihres Bruders zu besuchen, trifft sie mitten in der Nacht den Rentner Helmut. Helmut versucht, die Asche seiner großen Liebe auszugraben um ein Versprechen einzuhalten, dass er seiner Helga zu Lebzeiten gegeben hat. Gemeinsam machen sich Paula und Helmut mit einem Wohnmobil auf in die Alpen. Paula und Helmut sind ein merkwürdiges Gespann, er ist schon über achtzig und Paula ist Mitte zwanzig, eigentlich haben sie kaum etwas gemeinsam. Aber beide haben einen geliebten Menschen verloren. Und Helmuts Hund und ein Huhn nehmen sie auch noch mit. Und endlich sind sie nicht mehr alleine.

Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“

Marianengraben, S.125

Der Roadtrip wird durch Erinnerungen an Tim durchbrochen, die die Ich-Erzählerin nicht mehr loslassen. Es sind Gespräche mit ihrem kleinen Bruder, an die sie sich erinnert. Erst durch die Gespräche mit Helmut, gelingt es Paula langsam aus ihrer Depression aufzutauchen. Warum Helmut nach Hause fährt, bleibt allerdings erst noch – im Kontext der Erzählung relativ vorhersehbares – ein Geheimnis. Aber auch hier wird es um Abschiede gehen.

Jasmin Schreiber hat ein Debüt vorgelegt, das einerseits slapstickartige Szenen und andererseits tieftraurige Passagen enthält. Der Roman ist so geschrieben, dass ich mir eine Verfilmung direkt vorstellen könnte, denn die Geschichte hat unglaublich viel Potenzial. Dazu trägt auch das Huhn bei, das Helmut und Paula mitnehmen und die gefühlvollen, aber nicht kitschigen Dialoge der beiden Hauptprotagonist*en. Jasmin Schreiber gelingt es dabei, ein schweres Thema sehr leicht zu erzählen. Bemerkenswert ist, dass sie die Balance zwischen Tragik und Komik genau trifft. Paula hat zwar das Gefühl, dass ihr Leben vorbei wäre, aber auch während sie im Marianengraben sitzt, geht das Leben weiter. Das ist schön und schrecklich zugleich.

Jasmin Schreiber kennt sich mit dem Thema Abschied und Tod aus. Die studierte Biologin und Bloggerin begleitet seit mehreren Jahren ehrenamtlich trauernde Menschen und arbeitet auch als Sternenkindfotografin. Sternenkinder sind Kinder, die kurz nach der Geburt sterben oder bereits tot auf die Welt kommen. Ihre Erlebnisse dokumentiert sie auf ihrem Blog Sterben üben. Im April kommt Jasmin Schreiber für eine Lesung im Rahmen der Out Loud – Reihe nach Bremen.

Sehe ich euch da? :)

Jasmin Schreiber – Marianengraben. Eichborn 2020. 252 Seiten.

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Der Beginn

//TW: Suizid//

“Wenn ich früher darüber fantasiert hatte, meinem Leben ein Ende zu setzen, hatte ich eine feierliche, fast rituelle Handlung vor mir gesehen, mit Abschiedsbrief, Anzug und einem Ort, der mir viel bedeutete, und mein letzer Gedanken, bevor plötzlich Panik in mir hochstieg und ich versuchte auszuweichen, war: Ich hätte etwas mehr daraus machen sollen.” 

Der Beginn, S. 79

Der Klimaforscher und Naturschützer Terje ist mit hoher Geschwindigkeit und ohne sich anzuschnallen in den Gegenverkehr gerast. Mit voller Absicht. Im Krankenhaus warten seine Frau, seine Mutter und seine Schwester, die schockiert sind und sich nicht erklären können, was Terje zu diesem Suizidversuch bewogen haben könnte. In kleinen, fragmentarischen Episoden sinniert Terje darüber nach, warum er sich so verhalten hat. Bis er schließlich stirbt. 

Während Terje nach außen hin vermutlich ganz normal wirkte, zeigen sich in seinen Lebenserinnerungen vor allen Dingen Schmerz und Enttäuschungen, denen Terje mit einer riesen Portion schwarzem Humor begegnet.

„“Jetzt wirst du psychotisch Terje, dachte ich, aber ich wusste, das war nur Wunschdenken, ich war nicht imstande, in eine Psychose zu flüchten, dazu steckte ich zu sehr in mir fest.“

Der Beginn, S. 188

Dabei sind den aufmerksamen Leser*innen schon längst Lücken in seiner Erzählung aufgefallen, er vergisst Dinge oder stolpert über Zeitfenster, die ihm auf einmal fehlen… 

„Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden“, das wusste schon Søren Kierkegaard. Der norwegische Autor Carl Frode Tiller folgt diesem Prinzip:  Er erzählt das Leben seines Protagonisten rückwärts, sodass der Leser nach und nach versteht, wie es zum Suizidversuch des Protagonisten kommen konnte. Und da macht es einem die Hauptfigur nicht gerade leicht. 

Warum sind ihm merkwürdige Insekten wichtiger als seine eigene Ehefrau? Warum interessiert er sich kaum für seine Tochter, warum schimpft er über seine Schwester und seine Mutter, die Sozialhilfe beziehen und auf ihn angewiesen sind? Warum jagt er den Freund der Schwester weg und warum ist er einfach nur so ein gigantisches Ekelpaket? Man ahnt es schon, eigentlich ist Terje ein empathischer und liebevoller Mensch, der allerdings einiges verkraften musste, vielleicht mehr als andere tragen musste oder vielleicht einfach eine sensiblere Seele als andere hat. Und mit Sicherheit auch an einer Depression erkrankt ist, die niemand erkannt hat. Die Gründe dafür liegen weit zurück, irgendwo am Beginn des Lebens von Terje. 

Eine Mutter, die Alkoholikerin ist, spielt bei dieser Entwicklung genau so eine entscheidende Rolle, wie ein abwesender Vater, dessen Tod vermutlich auch ein Suizid war, hinzu kommt eine Schwester, die in dieser schweren Zeit sehr viel mehr für ihren kleinen Bruder regeln musste und dabei sicherlich auch vieles falsch gemacht hat. Doch reichen diese Anfänge aus um zu erklären, warum Terje keinen anderen Ausweg gesehen hat? Nicht allein.

Terje macht Fehler, scheitert an seinen eigenen Ansprüchen und hat dennoch ein riesengroßes Herz für den Klimaschutz und die Umwelt. Die Naturbeschreibungen machen einen großen Teil des Romans aus und zeigen, dass Terje auch mit Leidenschaft für Dinge eintreten wollte. Allerdings stand er auch hier wieder auf verlorenem Posten, denn mit Artenschutz wird niemand reich. Terje wird als Querkopf wahrgenommen, der für Insekten und Amphibien kämpft, weil seiner Meinung nach jedes Tierchen einen Platz auf der Welt verdient hat, denn Ökosysteme bestehen nicht aus überflüssigen Wesen. Jedes hat eine Aufgabe. Man kann nicht aufhören sich zu fragen, was Terjes Aufgabe gewesen wäre.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert, vielen Dank!

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Zeilentänzer

Kuhle Bücher

Leben wie Lavinia – Pixeltänzer

Künstlerische Avantgarden der Vergangenheit und Start-Up-Kultur der Gegenwart – geht das zusammen? Wir folgen der Protagonistin Beta auf eine geheimnisvolle Schnitzeljagd durch Berlin und entdecken dabei eine fast vergessene Kunstform – den Maskentanz.

Berit Glanz hat ein Debüt geschrieben, das wunderbar konstruiert ist und zwei Welten zusammenbringt, die sehr viel mehr gemeinsam haben, als es zunächst scheint. Da ist das Berliner Start-Up, in dem Beta arbeitet mit der typischen Sprache, die diese Leute sprechen. Beta ist eine von ihnen. Sie sagt: „Ich bin Junior-Quality-Assurance-Tester, und im letzten Feedback-Gespräch hinter der Milchglasscheibe wurde mir eine Can-Do-Ausstrahlung bescheinigt.“ 

Was auch immer das heißen mag. 

Beta ist ein Techniknerd, in ihrer Freizeit druckt sie gerne Tiermodelle mit ihrem 3D-Drucker aus und für das Start-Up programmiert sie eine App. Die App heißt „Dawntastic“. Jeden Morgen wird der Nutzer von einem unbekannten User geweckt, man unterhält sich 5 Minuten, bevor man in seinen eigenen langweiligen Alltag startet. Dann verschwindet jede*r wieder im digitalen Nirvana. Beta nutzt die App selbst und trifft den merkwürdigen Nutzer „Toboggan“. Sie unterhalten sich über das Atari-Spiel „Pittfall“, bei dem man ein Männchen durch Treibsand lotsen muss. Wenn der Sand die Figur verschlingt, erscheint ein merkwürdiger Ton, an den sich beide erinnern, auch wenn es das Spiel nicht mehr gibt. Toboggan trägt eine bunte Maske und schickt Beta auf eine Schnitzeljagd durch die Zeit, indem er ihr Geschichten über eine expressionistische Künstlerin schreibt. Er versteckt die Geschichte der Künstlerin im Quellcode von Betas Blog. Ihr Name war Lavinia Schulz, sie hat wirklich gelebt und die Masken gebaut, die der Toboggan trägt. Das ist die andere Ebene des Romans.

Wie in einem Fortsetzungsroman erfährt Beta vom Leben dieser unangepassten Künstlerin und wird immer mehr in Lavinias Welt aus Tanz, Kunst und Armut hineingezogen. Vor knapp hundert Jahren setzte sich die junge Frau ebenfalls mit der großen Frage auseinander, wie viel Anpassung wichtig ist um ein wahrhaftiges Leben zu führen.

Ein Tipp: lest bitte nicht den Artikel bei Wikipedia, die Spoiler sind zu groß! Und das ist eigentlich lustig, denn der Toboggan selbst schickt Beta den Link zu dem Wikipedia-Eintrag über Lavinias Künstlergruppe. Lavinia hat versucht von ihrer Kunst zu leben, Masken entworfen und mit ihnen getanzt. Ihre Geschichte endet tragisch.

Beta fährt ins Museum nach Hamburg und betrachtet die Masken, die nur durch einen Zufall wieder gefunden wurden. Sie besucht den Geburtsort von Lavinia im Spreewald und fängt an, auch ihre eigene Arbeit zu hinterfragen. Wie kann man heute noch ein Zeichen setzen, so wie es die avantgardistischen Künstler*innen taten? Denn auch heute wären diese Zeichen notwendig. Gegen die Durchdigitalisierung der Welt, die Anforderungen des Marktes und des Kapitalismus und einer höher-schneller-weiter-Mentalität der Branche aus der Beta selbst kommt. Und natürlich fragt sie sich, ob sie überhaupt in den Urlaub gefahren ist, wenn sie nicht darüber postet. Wer sind wir ohne Selbstdarstellungen? Und wie haben Menschen früher diesen Drang nach Aufmerksamkeit befriedigt? Betrachtet man Lavinia, ist die Antwort klar. Lavinia war Teil der Künstlergruppe „Der Sturm“, 1918 trat sie nackt auf und provozierte die Kunstwelt mit ihrer Radikalität. 

Die Ideen, die Berit Glanz in ihrem Roman so mühelos verwebt, sind grandios und es ist auch ein wenig erschreckend wie nah sich das Leben in der Weimarer Republik und die Start-Up-Szene heute sein können. Beide Erzählstränge sind durch ihre Verknüpfung gelungen. Auch wenn man glaubt, einige Beschreibungen der Selbstvermarktung in der neuen Gründerszene so oder so ähnlich schon einmal gelesen zu haben, eröffnet sich den Leser*innen durch die Figur der Künstlerin Lavinia eine neue Ebene. Trotzdem bleibt die „work hard play hard“-Mentalität der Techszene und ihr ständiger Fokus auf Kosten-Nutzen-Rechnungen und leere Slogans, die die Mitarbeiter*innen motivieren sollen, eine erschreckend leere und sinnlose Angelegenheit. So weit, so erwartbar. Das eigene Leben wird zum Wohl der Firma, des Erfolgs, des Teams hinten angestellt. Da ist Beta mit ihren subversiven Ideen eine Ausnahme. Sie träumt, sie druckt Tierchen aus und sie hat viel Fantasie. Natürlich klaut sie aus einer Laune heraus, die neue Spielerei des Chefs. Sie entlässt den Computerfisch, dem gerade eine Minikamera installiert wurde, in die Spree, damit er einmal etwas richtiges sehen kann und nicht nur das Büroaquarium. Das war mit Abstand meine Lieblingsszene.

Außerdem hat Berit Glanz noch zusätzlich eine Webseite erstellt, auf der man Links und Infos über Lavinia zusammen mit Beta entdecken kann. Das habe ich so bisher noch nicht gesehen und macht richtig Spaß.

Beta versucht einen Ausbruch aus dem System, eine Minirebellion und so werden am Schluss auch die Erzählstränge zusammen geführt. Das ist schön, auch wenn mich die Auflösung um die Identität des Toboggan etwas enttäuscht zurückgelassen haben. Trotzdem bin ich sehr gespannt auf die kommenden Werke der Autorin.

Berit Glanz: Pixeltänzer. Schöffling 2019.

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Feiner Buchstoff

Poesierausch

Buch-Haltung

Der Verräter

Im Roman „Der Verräter“ entwirft Paul Beatty eine ziemlich finstere Dystopie. Ein Schwarzer wird zum Sklavenhalter und will gleich auch noch die „Rassen“trennung wieder einführen. Der Clou: es funktioniert prächtig.

„Ich finde ein bisschen Rassentrennung und Sklaverei haben noch niemandem geschadet“, stellt Hero am Anfang des Romans fest, als er sich vor dem Obersten Gerichtshof verantworten muss. Hero hat nämlich in dem heruntergekommenen Örtchen Dickens, Segregation und Sklaverei wieder eingeführt und damit gegen die Zusatzartikel 13 und 14 der amerikanischen Verfassung verstoßen. Die Artikel regeln die Abschaffung der Sklaverei (seit 1865) und die Gleichbehandlung (seit 1866). Hero ist schwarz. Vielleicht ist das ein Grund, warum der Roman von vielen us-amerikanischen Verlagen zunächst abgelehnt wurde.

Eigentlich verdient Hero sein Geld mit Melonen- und Marihuanaanbau. Sein Vater ist ein glühender Verfechter der Bürgerrechte. Als er von einem Polizisten erschossen wird, schreitet Hero zur Tat. Womit hat das Schlamassel denn angefangen? Genau, mit Bürgerrechten für alle. In seinem Heimatort, bisher eher Schandfleck der Umgebung und bewohnt von Latinos und Schwarzen, will Hero eine Besserung sehen. Bemüht um das Wohl seiner Mitmenschen, versucht er also die Errungenschaften von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung wieder zurückzunehmen.

Der selbsternannte „Niggerflüsterer“ bekommt Hilfe von Hominy Jenkins. Der ehemalige Kinderstar aus „Die kleinen Strolche“ kann mit dem zweifelhaften Ruhm, den er vor Ewigkeiten geerntet hat, nichts mehr anfangen. Als Hero ihn zufällig vor dem Selbstmord bewahrt, hat der Alte nur einen Wunsch: “ Peitsch mir mein wertloses schwarzes Leben aus dem Leib.“ Gesagt, getan. Hominy darf fortan Heros Sklave sein. Und Hero ist sich keiner Schuld bewusst. Durch die Einführung der Segregation, glaubt Hero der Welt einen großen Dienst erwiesen zu haben, denn so habe er sich und alle anderen „aus dem Gefühl der Kollektivschuld ausgeklinkt, die das dritte Cello, die Verwaltungssekretärin, die Regalauffüllerin, die Sie-ist-nicht-wirklich-attraktiv-aber-schwarz-Siegerin des Schönheitswettbewerbs davon abhält, am Montagmorgen bei der Arbeit jeden weißen Motherfucker über den Haufen zu schießen“.

Doch mit dem Privatsklaven und der donnerstäglichen Auspeitschung ist es nicht getan. Das Duo infernale geht noch weiter. Hominy wünscht sich einen ordentlichen Bus, in dem Schwarze hinten und Weiße vorne sitzen. Die Busfahrerin ist zunächst irritiert und stellt dann fest, dass die Fahrt ausgezeichnet klappt. Jeder sitzt an seinem Platz und verhält sich ruhig. Warum also bei Bussen aufhören? Auch das Bildungssystem ist in Dickens nicht das Beste, doch seit Hominy und Hero die „Rassentrennung“ wieder einführen und Schwarze auf öffentliche Schulen und Weiße auf Privatschulen gehen, profitieren alle. Und sogar die Kriminalitätsrate sinkt rapide. Aber wo ist die Grenze der Zumutbarkeit einer solchen Rolle rückwärts? Und ist es überhaupt eine Rückwärtsrolle, wenn sich doch alle Bewohner*innen von Dickens viel wohler fühlen?

Beattys Erzählweise ist unzuverlässig, schnell, wie von einem unsichtbaren Beat getrieben. Vor dem N-Wort darf man keine Angst haben, er benutzt es so oft, dass es schon fast unangenehm wird. Er nutzt philosophische Wahrheiten und soziologische und psychologische Erkenntnisse über die Entstehung von Rassismus und Vorurteilen und lässt sie gekonnt in den Text einfließen, zum Beispiel über die Figur von Heros Vater, der als Entwicklungspsychologe vorgestellt wird. Außerdem bedient Beatty sich aus einem Fundus popkultureller und literarischer Anspielungen, die doch immer wieder nur eins zeigen: Rassismus kommt in unendlich vielen Varianten vor. Er schreibt über Polizeigewalt und Zugehörigkeit und fordert heraus, festgeschriebene Identitäten genauer zu hinterfragen. Dabei zeigt er immer wieder, wie willkürlich vermeintliche Grenzen gesetzt werden.

„Der Verräter“ ist eine absolut geniale Provokation, die gleichermaßen schockiert wie auch über Alltagsrassismus und rassistische Strukturen aufklärt und dadurch zeigt, welche Spannungen in der US-amerikanischen Gesellschaft nach wie vor noch vorhanden sind. Man weiß als Leser*in nicht, ob man lachen oder erschütternd sein sollte. Der Roman wurde mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet.

Paul Beatty – Der Verräter. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Luchterhand 2015.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

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Auf der Suche nach dem Kolibri

Anders als das verspiele Cover vermuten lässt, verbirgt sich hinter dem Roman Auf der Suche nach dem Kolibri keine sentimentale Herzschmerzgeschichte. Stattdessen erzählt Dellaira eine romantische Geschichte, deren tragische und erschreckend aktuelle Hintergründe sich erst nach und nach und angenehm unverkitscht entfalten.

Die Geschichte wird von zwei Hauptprotagonist_innen getragen und abwechselnd aus Marylins und Angies Perspektive erzählt. Marylin ist eine alleinerziehende Mutter, die sich sehr darum bemüht, ihre 17-jährige Tochter Angie zu unterstützen und immer für sie da zu sein. Marylin selbst hatte keine glückliche Kindheit, sondern sollte als Kindermodel das Einkommen ihrer Mutter garantieren und am besten eine Karriere als Schauspielerin hinlegen. Eigene Hobbies, Freunde oder die Schule mussten hinter den hochtrabenden Plänen der Mutter zurückstecken. Als Marylin ihre große Liebe James kennen lernt, kann sie sich von ihrer Mutter befreien. Sie will Fotografin werden und selbst hinter der Kamera stehen. Doch dann stirbt James bei einem Autounfall und Marylin ist alleine. Angie fragt selten nach James, sie will Marylin nicht traurig machen, doch sie spürt, dass ihre Mutter ihr wichtige Details über den Tod ihres Vaters verschwiegen hat.

Durch einen Zufall erfährt Angie, dass der kleine Bruder ihres Vaters noch lebt. Ihr Onkel Justin ist gar nicht, wie von Marylin behauptet, auch bei dem schweren Verkehrsunfall ihres Vaters verstorben. Angie fackelt nicht lange. Zusammen mit ihrem Exfreund Sam (der jetzt nur noch ein Freund ist, aber wer weiß?) reist Angie nach Los Angeles und begibt sich auf die Suche nach ihrem Onkel, natürlich mit der leisen Hoffnung im Hinterkopf, dass ihre Mutter nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Lebte ihr Vater vielleicht die ganze Zeit in L.A.?

Auf der Suche nach dem Kolibri ist eine melancholische Coming-of-Age-Geschichte, die sehr viel mehr ist, als es zunächst den Anschein hat und die mich sehr überraschen konnte. Das Geheimnis um James‘ Tod und die Fragen, die Angie an ihre Familie hat, lassen Mutter und Tochter wieder zueinanderfinden. Die Geschichte hat mich sehr berührt und mitten ins Herz getroffen. Dellaira greift wichtige Themen auf. Neben der Suche nach dem eigenen Ich und der eigenen Rolle im Leben, geht es auch um Rassismus und die Folgen von rassistischen Ideologien. Marylin ist Weiß, James ist Schwarz, Angie ist ihr gemeinsames Kind.

Ich bedanke mich bei Lovelybooks und dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

/Werbung/ Ava Dellaira: Auf der Suche nach dem Kolibri. Übersetzt von Jessica Komina und Sandra Knuffinke. Magellan 2019.

Über die Autorin

Ava Dellaira hat schon als Kind mit dem Schreiben angefangen. Sie ist Absolventin des Iowa Writer’s Workshop und war Koproduzentin der Filmadaption von Stephen Chboskys Bestseller Vielleicht lieber morgen. Neben Drehbüchern schreibt sie auch Romane, ihr Debüt Loveletters to the Dead liegt noch auf meinem SuB und war ein internationaler Erfolg. Ava Dellaira stammt aus Albuquerque, New Mexico und lebt heute in Los Angeles.

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