Ein Winter in Paris

Ich begriff schnell, dass mir die Zugangscodes fehlten: kulturell, sprachlich und die Kleiderordnung betreffend. Zu dem, was gut war und was nicht. Während der ersten Wochen habe ich mich redlich bemüht, sie mir anzueignen, doch sie änderten sich ständig, und ich blieb irgendwie immer außen vor. Irgendwann gab ich auf. (S.20)

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Victor ist Englischlehrer und Schriftsteller. Völlig unerwartet erreicht ihn ein Brief aus der Vergangenheit, Absender ist der Vater eines ehemaligen Mitschülers. Der Inhalt des Briefes versetzt Victor gedanklich zurück in den Winter des Jahres 1984. Victor ist gerade am renommierten Pariser Lycee D. angenommen worden. Hier soll er auf die Aufnahmeprüfungen für das Grand Ècole vorbereitet werden, damit er ein Lehrerexamen ablegen darf. Die „Concours“ gelten als schwierig und nur wenige Schüler*innen schaffen überhaupt die Vorbereitungskurse.

Victor ist ein Außenseiter, er kommt aus der Provinz, stammt aus einem nicht-akademischen Milieu und hat keine Freunde in der neuen Klasse. Seine Eltern stehen ihm zwar nicht im Weg, aber verstehen kaum, womit er sich eigentlich in der Schule beschäftigt. Unterstützung erfährt er kaum. Er arbeitet zwar hart, aber auch die Lehrer*innen trauen ihm wenig zu. Der Leistungsdruck ist allgegenwärtig. Die Bekanntschaft mit Mathieu und die gemeinsame Zigarette jeden Morgen, ist für Victor ein kleiner Lichtblick in seinem Schulalltag, in dem er permanent zu scheitern droht. Doch dann stürzt sich Mathieu eines Morgens die Treppe hinunter und stirbt. Victor ist durch Zufall als erstes vor Ort.

„Es war unglaublich, wenn man sich klar machte, wie starr das ganze System war. Mathieus Körper war nur ein Stein gewesen, den jemand in einen Teich geworfen hatte. Der Aufprall hatte zwar einige Ringe erzeugt, die sich für einige Sekunden ausbreiteten, doch danach war die Wasseroberfläche wieder glatt geworden.“

Mathieus Selbstmord löst bei Klassenkamerad*innen, Lehrer*innen und Eltern Verwirrung und Bestürzung aus, auch wenn die Schulleitung nach dem Prinzip „business as usual“ verfährt. Doch für Victor ändert sich alles. Plötzlich steht er im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der beliebteste Schüler der Klasse lädt ihn ein und auch Mathieus Vater sucht Kontakt zu ihm. Mathieus Suizid sorgt dafür, dass Victor auf einmal als jemand wahrgenommen wird, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Mitschüler, die vorher nicht einmal mit ihm gesprochen haben, wollen sich mit ihm über private Probleme austauschen, die Mädchen aus der Klasse finden ihn interessant. Das kommt Victor, der sich seit seiner Ankunft in Paris nach Bestätigung und Freundschaft sehnt, nicht immer ungelegen. Dabei stand seine Freundschaft zu Mathieu gerade erst am Anfang, sie kannten sich  flüchtig. Aber das ändert nichts an der Wahrnehmung der anderen:  er wird als Experte für Mathieus Leben gehandelt und beginnt zu erzählen.

Sehr feinfühlig  berichtet Jean-Philipp Blondel von einem Ereignis, das einen jungen Menschen aus seinem festgefügten Alltag reißt und ihn vieles in Frage stellen lässt, das zuvor noch als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Blondel schreibt sehr konzentriert, immer auf den Punkt und schafft es auf knapp 200 Seiten, Victors komplexe Gefühlsschwankungen nach Mathieus Suizid überzeugend darzustellen. Dabei schont er den Protagonisten nicht. Immer wieder fragt man sich während des Lesens, ob Victor überhaupt das Recht hat, eine kurze Bekanntschaft so derart auszuschlachten. Auf der anderen Seite ist er vermutlich der einzige Mensch gewesen, mit dem Mathieu tatsächlich engeren Kontakt hatte. Und Victor ist unglaublich allein.

„Ich bekam erneut eine Gänsehaut. Dreimal schon. Dreimal in einer Woche. Hautkontakt. Meine Mitmenschen fanden den Weg zu meiner Haut. Noch ein bisschen mehr davon, und ich würde mich wieder lebendig fühlen.“

Victors Prozess der Selbstreflexion ist faszinierend zu lesen. Der Roman ist melancholisch und trotzdem sehr eindringlich geschrieben. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke 2018.

 

Eine weitere Rezension findet ihr bei Literaturreich.

 

Olga

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Olga ist ein Mädchen, das aus armen Verhältnissen stammt, keine Probleme macht und relativ schlau ist. Während die anderen Kinder spielen, steht sie lieber am Rand und schaut zu. Ihre Eltern sterben früh am Fleckfieber, sie wird von der Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgezogen. Olga lernt fleißig, damit sie selbst einmal Lehrerin werden kann. Und dann trifft sie Herbert, der sich in Olga verliebt und auch noch das Projekt verfolgt,  Deutschland zu neuem Ruhm zu verhelfen.

 

„Aber sie gehörte nicht wirklich dazu. Sie sehnte sich nach anderen, die ebenfalls nicht dazugehörten. Bis sie einen fand. Auch er war anders. Von Anfang an.“ (S.12)

Der Roman gliedert sich in drei Teile und beginnt mit Olgas Kindheit. Ihre Mutter war Polin, ihr Vater Deutscher, sie selbst kommt 1893 in Breslau zur Welt. Nachdem sie bei der Großmutter landet, flieht sie nach Heidelberg, dort stirbt sie Anfang der 1970er Jahre. „Olga“ ist nicht nur die fiktive Biografie einer ungewöhnlichen Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte und auch ein Stück erzählte Zeitgeschichte. Bismark, Kolonialismus, zwei Weltkriege – Olga erlebt alles mit und hat schon früh große Sorgen, wenn es um die deutsche Neigung geht, immer alles „zu groß“ zu wollen. Damit ist Olga, wie so oft, ihrer Zeit voraus. Auch ihr Herbert verfällt dieser Idee.

Der erste Teil des Romans ist aus auktorialer Sicht geschrieben. Er umfasst die Zeit von Breslau bis zu Olgas Ankunft in Heidelberg. Der zweite Teil wird aus Ich-Perspektive erzählt. Erzähler ist ein Pfarrerssohn. Olga arbeitet für seine Familie als Näherin und zu dem jungen Ferdinand entwickelt sich ein besonders Verhältnis. Anders als im Vorleser wird die Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann hier aber nicht erotisch aufgeladen. Sie ist trotzdem etwas ganz besonderes:

„Sie war alt. Aber das Verständnis, das ich bei ihr fand, neugierig und nachsichtig, und ihre Liebe, die sich an mir freute, mich aber nicht brauchte und nicht forderte – es hatte das noch bei den Großeltern gegeben, gab es aber sonst bei niemandem, nicht bei den Eltern, nicht beim Freund, nicht bei der Geliebten. Ich verlor etwas, das ich nie mehr finden würde . (S.159)

Der dritte Teil besteht aus Briefen, die Ferdinand lange nach dem Tod der Verfasserin findet und die zurückführen in die gemeinsame Zeit mit Herbert. Herbert ist der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, er soll einmal den Hof der Eltern übernehmen. Für Olga ist kein Platz in dieser Zukunftsversion, sie spielt nicht in Herberts Liga, gehört dem falschen Milieu, der falschen Klasse an. Obwohl sich Herbert und Olga heimlich treffen, macht er keinen Schritt in ihre Richtung, die Zukunft wird nicht geplant und am Ende siegen die Lust nach Abenteuern und Eroberungen über die enge und heimliche Beziehung zu Olga. Herberts Weg führt ihn nach Deutsch-Südwestafrika. Die Briefe erreichen Herbert nicht, er wird nie zurückkommen, denn er hat beschlossen, „ein Übermensch zu werden und Deutschland groß zu machen“. Olga wird  von einer riesigen Einsamkeit erfasst. Sie kann nicht mehr unterrichten, als sie 1945 fliehen muss, ist sie taub geworden und auf Hilfe von anderen angewiesen.    

Obwohl ich so viele Seiten über Olga lese, wirkt sie auf mich lange sehr eindimensional und bleibt mir als Figur in ihren Handlungen absolut fremd. Das ändert sich erst im letzten Teil. Durch die Briefe klären sich viele Andeutungen auf. Das ist wirklich gut, ziemlich auf den Punkt und – für Schlink typisch – schnörkellos erzählt. Außerdem erfahren wir als Leser*innen endlich, was Olga gedacht hat, wie sie sich fühlt, wie wütend sie auf Herbert ist, der sich aus falsch verstandenem Nationalstolz und Ehrgefühl einer Expedition ins Ungewisse anschließt. Durch Olgas Briefe an Herbert wird zudem ihre Beziehung noch einmal in ein neues Licht gerückt.

Das Gute an unserer Trennung ist, dass ich Dir schreiben kann, wie sehr ich Dich vermisse (S.245)

Schlink hat einen Roman über ein Frauenleben in Deutschland geschrieben, dem man etwas Zeit lassen muss, damit er funktioniert. Neben den vielen historischen Momenten, die fast leichtfüßig eingeflochten werden, stellt sich auch die Frage danach, was eine Liebesbeziehung aushalten kann und was nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Herbert und Olga und die klare Analyse des deutschen Größenwahns in unterschiedlichen Epochen lohnen sich aber auf jeden Fall.

Bernhard Schlink – Olga. Diogenes 2018. 320 Seiten.

 

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Das weibliche Prinzip

Vor wenigen Jahren hat sich die amerikanische Autorin Meg Wolitzer mit dem Roman Die Interessanten in meinen persönlichen Olymp der Lieblingsbücher geschrieben. Es geht um sechs Teenager, die sich in einem Sommercamp für kunstbegabte Jugendliche treffen. Ein fantastisches Buch. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an Wolitzers neuen Roman Das weibliche Prinzip, in dem Wolitzer nicht nur über Macht und Emanzipation schreibt, sondern auch von enttäuschten Erwartungen und Generationskonflikten. Eine spannende Mischung.

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Greer Kadetzky ist eine sehr talentierte junge Frau, die eigentlich auf ein Ivy-League-College gehört hätte. Dass alles anders kommt als geplant, liegt an ihren Hippie-Eltern, die neben dem täglichen Graskonsum leider nicht dazu kommen, fristgerecht ein Studiendarlehen für ihre Tochter zu beantragen. Sie begnügt sich mit dem mittelklassigen College vor Ort und wohnt zuhause, mit ihrem Freund Cory führt sie fortan eine Fernbeziehung. Auf einer Party wird Greer von einem Typen bedrängt. Sie ist nicht die einzige. Als sie sich mit den anderen Opfern der Belästigungen zusammenschließt und gegen ihn aussagt, passiert  – nichts. Wie leider viel zu oft.

Die bekannte Feministin, Aktivistin und Herausgeberin einer Zeitschrift, Faith Frank, hält an Greers College einen Vortrag. Faith ist mutig, stellt die richtigen Fragen und kann das Publikum begeistern. Auch wenn sie keinen genauen Plan mehr von den aktuellen Problemen hat, die ihr Publikum der unter 30-jährigen betrifft (unsichere Jobperspektiven, Befristungen, Backlash, you name it), ist die 60-jährige ein gern gesehener Gast.  Greer ist hingerissen. Während der Podiumsdiskussion stellt Greer Faith entscheidende Fragen: Was kann konkret gegen Belästigungen unternommen werden und wie können sich Frauen überhaupt in einer männerdominierten Welt durchsetzen. Eigentlich wäre es die Frage von Zee gewesen, Greers besten Freundin, die sich schon seit Jahren in feministischen Kontexten bewegt. Aber Greer ist schneller oder das Schicksal will es eben so.

Es ist ein Zufall, dass sich Faith nach langer Zeit wieder an Greer erinnert und ihr eine Stelle in einer neugegründeten Stiftung für Frauenrechte anbietet. Das ist für Greer, die Faith heiß und innig verehrt, wie ein Ritterschlag. Einen anderen Job hätte sie ohnehin nicht bekommen, zu schreiben wäre die einzige Möglichkeit.

Greer stellte sich inzwischen vor, Schriftstellerin zu werden. Sie malte sich aus, Essays und Artikel, irgendwann vielleicht sogar Bücher mit feministischem Schwerpunkt zu schreiben, obwohl sie anfangs sicher am späten Abend würde schreiben müssen. Sie bräuchte ein Einkommen, mit dem sie das Schreiben finanzieren konnte. Sie wollte kein Leben wie ihre Eltern führen. Aber wenn sie einen richtigen Job hätte, also nicht in Armut abrutschen würde, könnte sie versuchen, in ihrer freien Zeit zu schreiben, und vielleicht hätte sie ja ein Quäntchen Glück. (S.90)

Greer beginnt in der Stiftung, auch wenn die Bezahlung noch zu wünschen übrig lässt. Während sie sich mit großem Engagement auf ihre erste feste Stelle in New York stürzt, wird Cory als Wirtschaftsberater nach Manila geschickt. Nicht nur die Beziehung von Greer und Cory bröckelt, Greer hat sich auch den Einstieg in die Arbeitswelt etwas anders vorgestellt.

Genau wie in ihrem Roman Die Interessanten gelingt es Wolitzer, sehr komplexe und authentische Figuren zu entwerfen, deren Lebenswege sich zwar rund lesen, aber  doch eher in einem sehr ruhigen Erzähltempo durch das Buch plätschern. Während Faith und Greer, zwei ambitionierte Frauen aus verschiedenen Generationen, versuchen, dem großen Ziel der Gleichberechtigung ein Stückchen näher zu kommen, sorgt individuelles Machtstreben danach, dass von Solidarität und einer großen gemeinsamen Sache wenig übrig bleibt. Auf dem Weg zu mehr Einfluss und mehr Macht gehen Faith und Greer Kompromisse ein und entfernen sich massiv von ihren Idealen. Die Start-Up-Mentalität in Faiths Stiftung hat einen Konformitätszwang zur Folge, in dem sogar das Privatleben auf die Bedürfnisse der Chefin Faith abgestimmt werden. Greer gibt alles und noch mehr für einen Job, in dem sie letztlich ausgebeutet wird. Das geht sogar soweit, dass die Vegetarierin Greer vorgibt, Fleisch zu mögen – nur um der Chefin zu gefallen, die die Kolleginnen der Stiftung zu einem Grillabend eingeladen hat.  Aber auch Faith kann nicht so selbstbestimmt handeln, wie sie es sich vielleicht gewünscht hat, damals, als es noch Ideale gab. Ihre Stiftung wird am Ende eine Mogelpackung, die das Charitybedürfnis der reichen, weißen Oberschicht bedient. Und auch Cory hat es nicht leicht. Dem strahlenden Absolventen fällt die Realität auf die Füße, als er sich mit einer sehr schwierigen Entscheidung konfrontiert sieht.

Meg Wolitzer hat schon in ihrem Essay „The second shelf“ feministische Themen aufgegriffen, zum Beispiel die Diskriminierung schreibender Frauen auf dem Literaturmarkt. Trotz so deutlicher Aussagen in ihrem Essay, bleibt der Roman zum Thema an vielen Stellen sehr vage. Ich war  nicht davon ausgegangen, einen Kommentar zu #metoo oder sexistischen Strukturen in der Arbeitswelt zu bekommen, trotzdem hatte ich das Gefühl, da wäre manchmal noch eine klarere Positionierung möglich gewesen. Hätte man einen Roman zum Thema schreiben wollen. Der Text entzieht sich solchen Kategorisierungen, weil er auf das Figurenensemble bezogen, am Ende sogar das Ausnahmetalent Cory mit einem schwierigen Schicksalsschlag versieht, der ihn automatisch in die Rolle des Kümmerers drängt – und damit nicht mehr attraktiv für die Damenwelt macht. Jede noch so kleine Figur wird ausführlich mit ihren Fehlern und Schwächen dargestellt. Das war bei den Interessanten ein großer Pluspunkt, hier wird es mir manchmal ein wenig zu viel. Trotzdem habe ich den Roman sehr gerne gelesen, denn durch jede Zeile schimmert das Talent der Autorin, gesellschaftliche Strömungen der Zeit  in eine Geschichte zu gießen, die sich leicht lesen lässt. Ein #Aufschrei ist dieser Roman allerdings nicht.

Ich bedanke mich bei vorablesen.de und Dumont für das Rezensionsexemplar!

 

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Bleib bei mir

Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe. (S.23)

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Mitten in der Geschichte verkündet Yejide ihrem Mann Akin, dass sie beide Eltern werden. Sie ist sich sicher, dass sie dieses Mal eine Tochter bekommen. Auf dem „Berg der Wunder“ hat Yejide an einer rituellen Zeremonie teilgenommen und lässt sich fast ein ganzes Jahr nicht von ihrer Vorstellung einer Schwangerschaft abbringen, auch als Akin sie zu mehreren Ärzten bringt. Die Episode hat tragischkomische Elemente, aber der Auslöser für Yejides psychischen Zusammenbruch liegt in ihrem Umfeld.

Der Druck ein Kind zu bekommen, lastet schwer auf dem Paar. Im Nigeria der 1980er Jahre, sind es nicht nur zwei Menschen, die mit der Kinderlosigkeit klar kommen müssen. Die gesamte Familie mischt sich ein. So entscheidet Akins Mutter nach mehreren kinderlosen Jahren des Paares, dass endlich etwas passieren muss. Sie organisiert eine Zweitfrau für ihren Sohn. Obwohl Akin und Yejide sich gegen das traditionelle Modell der Polygamie aussprechen, können sie sich nicht gegen die Entscheidung des Familienrats durchsetzen. Yejide und Akin haben studiert, Yejide steht sogar durch einen Friseursalon finanziell auf eigenen Beinen und trotzdem müssen sie sich den Vorstellungen der anderen fügen. Yejide hofft, dass sie vielleicht doch noch schwanger wird und so die Zweitfrau Funmi wieder loswird.

Der Roman beginnt damit, dass Yejide die Zweitfrau auf einer Familienzusammenkunft präsentiert wird. Große Zeitsprünge bis ins Jahr 2008 und die wechselnde Erzählperspektive zwischen Akin und Yejide sorgen dafür, dass die Handlung an keiner Stelle langweilig wird. Mit einem guten Gefühl für Spannung und Timing beschreibt die Debütautorin Ayòbámi Adébáyo ein komplexes Ehedrama, in dem es um Verrat, Lügen und Hoffnung geht. Zudem wird die Ehe von Akin und Yejide durch ein weiteres Problem belastet: die erblich bedingte Sichelkrankheit, die häufig tödlich endet.

Besonders gut gefällt mir, wie geschickt der unterschiedliche Umgang der Protagonist*innen mit den zahlreichen Schicksalsschlägen (und das muss man als Leser*in aushalten) ausgelotet wird. Nebenbei erfährt man einiges über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Nigerias, die gekonnt in den Text eingestreut werden. Ambivalente Charaktere sorgen für eine unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte, die ich innerhalb weniger Tage gelesen habe. Angenehm kitschfrei und gleichzeitig sehr berührend, erzählt Adébáyo eine tragische Geschichte über Liebe, Verrat und Schicksal.

Ayòbámi Adébáyo war mit ihrem Roman für den Baileys Women’s Prize for fiction nominiert.

Ayòbámi Adébáyo: Bleib bei mir, Piper Verlag, 2018, 352 Seiten

 

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Sonnenkönige

sonnenkc3b6nige.jpg„Meinst du beginn ich, meinst du als Online-Redakteur? Mit Vertrag? Mit Urlaub und Krankenversicherung?“

 

Schön wär’s, aber so einfach ist es in Marianne Jungmaiers dritten Roman Sonnenkönige dann doch nicht. Im Mittelpunkt stehen Aidan und seine WG aus Twentysomethings, die versuchen ihren Platz im Leben zu finden. Prekäre Beschäftigung ist der Standard, über die Zukunft wird nicht viel nachgedacht. Aidan schreibt nebenher für ein Musikmagazin, aber eine Festanstellung ist nicht drin. Es gibt aber drei Frauen in seinem Leben. Mit Hannah aus der Redaktion führt Aidan eine glückliche und offene Beziehung. Mit Cherry, die gerade an ihrer Promotion schreibt, und ihrer Freundin Sam besucht er  Sadomasoparties.  Drogen gehören zum guten Ton. Als er auf einer Party den Amerikaner Bill kennen lernt, hat die Ziellosigkeit ein Ende. Aidan beginnt mit einem besonderen Projekt: im Keller bastelt er einen gigantischen Drachen. Seit seiner Kindheit sind Drachen für ihn besondere mystische Wesen, ein Drachentatoo drückt seine Verbundenheit mit der wilden Sagengestalt aus. Zusammen mit Bill möchte er das Kunstwerk in der Wüste Nevadas auf dem Favilla-Festival, das stark an die Riesenparty Burning Man erinnert, verbrennen und damit irgendwie auch ein Ritual begründen, das ihm eine neue Perspektive auf das Leben bieten kann. Wozu fährt man sonst auch in die Wüste? Richtig, um die Erleuchtung zu finden.

„Fünfzigtausend Menschen aus der ganzen Welt versammelten sich jeden August in der Wüste Nevadas, um ihre Freiheit, ihren Selbstausdruck, ihre Kunst zu feiern.“

Aidan wird von allen Figuren noch am stärksten charakterisiert, er erzählt die Geschichte und bleibt doch merkwürdig farblos. Auch Cherry, Sam und Hannah wirken wie unscheinbare Statistinnen, die sich irgendwie in einer Hippie-Bondage-Drogenwelt bewegen, die mich erst in der Wüste Nevadas richtig packen konnte (und das ist leider ein viel kürzerer Teil als der Rest der Handlung, die irgendwo in Berlin spielt). Warum die Figuren so an ihrem Dasein leiden, wird häufig nicht richtig klar und bleibt merkwürdig stark an der Oberfläche. Ohnehin eignen sich die Figuren kaum für eine tiefe Charakterisierung: Cherry lässt sich fesseln, weil sie ein Trauma aus der Kindheit verarbeiten muss. Aber dieser Nebensatz interessiert mich leider genau so wenig, wie Aidans Begründung für das Drachenkunstwerk: „Da steckt viel drin, Kindheit, Vater, so Dinge.“ Und an dieser Stelle sprechen wir von der Hauptfigur, dem Ich-Erzähler, der ähnlich schwer zu fassen ist, wie der ganze Rest der Figuren, die zwischen Party und Kater und der nächsten Party, selten eine Pause machen.

Marianne Jungmaier hat einen tollen Stil und ich habe den Roman gern gelesen. Er funktioniert für mich aber nur als schöne Momentaufnahme, bei der sicherlich noch viel mehr drin gewesen wäre: viel mehr Background, viel mehr Tiefe der Figuren, viel mehr Klarheit in der Motivation ihrer Handlungen. Was mir gefällt sind die musikalischen Zitate und Aidan, von dem ich gerne viel mehr erfahren hätte. So bleibt ein wunderschön geschriebenes und berauschendes Ende, aber auch ein wenig das Gefühl, ein Buch gelesen zu haben, bei dem doch etwas gefehlt hat.

Marianne Jungmaier: Sonnenkönige. Kremayr Scheriau 2018.

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Bookster HRO

 

 

Blasse Helden

Anton ist nach Russland gekommen, weil er dabei sein will, wie sich das Land Stück für Stück öffnet und an den Westen annähert. Er wittert das schnelle Geld. Russland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und anders als alles, was Anton bisher kannte. Anton will Teil des neuen Russlands werden, das vor einem tiefen gesellschaftlichen Wandel steht.

„Es war berauschend, inmitten eines archaischen Konflikts zu sein. Und es war anders, als er sich vorgestellt hatte, anders als die heitere Maueröffnung in Berlin vor vier Jahren, als die Guten siegten und sich anschließend alle lieb hatten. Je weiter östlich er kam, desto unbarmherziger wurden die Auseinandersetzungen. Als Romantiker hatte er sich nach solchen Erlebnissen gesehnt, und hier traf er nun plötzlich auf diese irrwitzige Leidenschaft, für eine Idee oder Sache zu sterben. […] Er würdigte den Unterhaltungswert des Wahns und wollte die Thematik einsaugen, mittendrin Zeuge sein, ohne sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden.“ (S.79)

In sieben Kapiteln, eine Sammlung von Momentaufnahmen, begleitet man Anton vom Anfang bis zum Ende der 90er-Jahre, dem Russland Jelzins und den Veränderungen, die seine Regierungszeit mit sich brachte.

Die einzelnen Kapitel sind lose durch die für Anton wichtigen Faktoren miteinander verbunden: Frauen, die er zum Zeitpunkt des Kapitels liebt, Kunst (Oper, russische Literatur, Ballett) und gelegentliche moralische Zweifel, die Anton nicht fremd sind. Aber diese Zweifel sind klein, denn Anton profitiert von der korrupten Seite des Systems.

Dabei ist Anton, wenn es um die Sparte Heldentum geht, auch eher von der blassen Sorte, der sich der Entscheidung für die eine oder andere Seite eben konsequent verweigert. Er gefällt sich gut in der Rolle des kulturinteressierten Lebemannes mit Sinn für Gerechtigkeit, wenn ihn angesichts einer minderjährigen Prostituierten ein Hauch von funktionierendem Gewissen überfällt.

Seine Möglichkeiten das System zu ändern sind allerdings begrenzt – oder er nimmt sie als sehr begrenzt wahr. Seine moralische Flexibilität gibt ihm auch genug Möglichkeiten, an keiner Stelle die Verantwortung für sein Handeln übernehmen zu müssen. Dafür ist das Luxusleben, das er in Russland genießen kann, viel zu verführerisch. Ein Leben, das er in Deutschland nie hätte führen können.Blasse Helden

Seine Erlebnisse sind zum Teil nicht ohne. Da wird eine saufende Landbevölkerung beschrieben, die sich durch massive Alkoholexzesse und Gewaltorgien betäubt, Zahlungen von Bestechungsgeld gehören zur Tagesordnung und entrückte Superreiche feiern, als wären sie selbst Teil der wiederauferstandenen Zarenfamilie geworden. Und Anton lässt sich mitten in diese Welt hineinfallen und versucht, das Beste für sich herauszuholen.

Die unglaublich irrwitzigen Geschichten über Tanzbären auf Hauspartys sind hier so selbstverständlich Teil der Geschichte, wie in jedem fantastischen John Irving – Roman. Und das will was heißen. Auch Isarin schreibt anekdotenhaft über die wilden Tiere, die zu jeder guten Party dazugehören , dass es eine wahre Freude ist. Da der Schriftsteller ein Pseudonym gewählt hat und selbst viele Jahre in Russland geschäftlich unterwegs war, komme ich schon an der einen oder anderen Stelle ins Grübeln. Wird hier jetzt jedes Russlandklischee überhöht oder hat Herr Isarin wirklich mit einem Bären auf einer Party gesessen?

Ob man wirklich, wie Viktor Jerofejew im Klappentext ankündigt, Russland heute verstehen könne, wenn man dieses Buch gelesen hat, sei dahingestellt. Arthur Isarin gelingt ein faszinierender Blick in eine gesellschaftliche Phase, die ein Land an einem Wendepunkt zeigt, ohne die kurrupten Seiten dieses Wandels unter den Tisch fallen zu lassen. Und das ist – bei allen wilden Geschichten – letztlich in erster Linie unterhaltsam.

Arthur Isarin – Blasse Helden. Knaus Verlag 2018.

Verlosung zum Welttag des Buches

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Liebe Buchmenschen,

ich wünsche euch einen wunderschönen Welttag des Buches!

1995 erklärte die UNESCO den Tag zum internationalen Feiertag für Bücher, das Lesen und alle Autor*innen auf der Welt. Dabei haben sich die netten Menschen von der UNESCO von einem Brauch aus Katalonien inspirieren lassen: zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg am 23. April werden Rosen und Bücher verschenkt. Eine schöne Tradition. Außerdem ist der 23. April der vermeintliche Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes.

Letztes Jahr gab es anlässlich des Feiertages noch die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“, die allerdings mittlerweile nicht mehr stattfindet. Das finde ich sehr schade. Also habe ich einen Blick in mein Buchregal geworfen und mir überlegt, mit welchen Büchern ich euch vielleicht eine kleine Freude machen kann. Und im Gegensatz zu Rosen, kann ich Bücher besser verschicken und sie piksen nicht. Win-Win für alle Beteiligten.

Das sind diese Schätzchen:

Alles, was ich nicht erinnere von Jonas Hassen Khemiri

All die Jahre von J. Courtney Sullivan

 

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Beide Romane sind von mir gelesen worden, sind aber in einem sehr guten Zustand.  Wenn ihr ein Buch gewinnen möchtet, hinterlasst mir einfach bis zum 29. April einen Kommentar, in dem ihr mir von einem Roman erzählt, der euch in der letzten Zeit absolut begeistern konnte. Schreibt dazu, welches Buch ihr gewinnen möchtet. Ich freue mich darüber, eure Buchtipps zu lesen.

Habt noch einen schönen buchigen Feiertag! :)

 

Mitmachen ist ganz einfach:

– ihr seid Follower*innen dieses Blogs
–  ihr seid 18 Jahre oder habt die Erlaubnis des Erziehungs-/Sorgeberechtigten
– Bewerber*innen erklären sich im Gewinnfall bereit, öffentlich genannt zu werden
– die Adressen der Gewinner*innen speichere ich nur zum Zusenden des Gewinnes, danach werden die Adressen gelöscht 
– ein Anspruch auf Barauszahlung des Gewinns besteht nicht und der Rechtsweg ist ausgeschlossen
– ich übernehme keine Haftung für den Postversand
– Versand der Gewinne erfolgt nur innerhalb Deutschlands
– das Gewinnspiel läuft vom 24. April bis zum 29. April, 23.59 Uhr, danach werde ich die Gewinner*innen mit random.org auslosen
– die Bekanntgabe der Gewinner*innen erfolgt am 30. April 2018 hier auf meinem Blog