Walkaway

Können wir aus der Welt, die wir kennen, einfach aussteigen ? Der amerikanische Blogger, Journalist und Schriftsteller Cory Doctorow hat mit seinem Roman Walkaway eine spannende Dystopie geschrieben, in der es genau darum geht: die Aussteiger*innen gehen einfach weg. Sie suchen ihre Rettung im Default, einer neutralen Zone, dort gibt es eine Welt ohne Geld und Bewusstsein auf einem Computerchip.

„Das Bier war selbstleuchtend und biolumineszent. Hubert Etcetera fragte sich besorgt, was wohl in den transgenen Jesusmikroben stecken mochte, die fähig waren, Wasser in Bier zu verwandeln.“

Alles beginnt mit einer ausschweifenden Party, die ziemlich detailreich geschildert wird. Doch die Schattenseiten zeigen sich schnell: die Menschen werden überwacht. Jobs gibt es ohnehin nicht mehr, nur die Superreichen profitieren vom System. Seth, Hubert (der noch 18 andere Namen hat), und Natalie lernen sich auf der Party kennen. Als überraschend ein gemeinsamer Freund stirbt, bleibt ihnen nur noch die Flucht in die neutrale Zone, die gleichzeitig einen Bruch mit den bisherigen Lebensgewohnheiten bedeutet. Für die Superreichen (die sogenannten „Zottas“) sind die Menschen des Walkaway Terrorist*innen. Aber Seth, Hubert und Natalie werden gut aufgenommen. Sie lernen Limpopo kennen, eine erfahrene Walkaway, die ihnen die grundlegenden Regeln der Gemeinschaft erklärt.

Die Technik ist so weit fortgeschritten, dass man alles mit einem 3D-Drucker kostenlos herstellen kann. Kleidung, Ausrüstung und Gerätschaften. Die Walkaways sind aus kapitalistischen Zusammenhängen ausgestiegen. Es gibt kein Geld, es gibt kein Belohnungssystem, es gibt keine Anführer*innen. Manche Neuankömmlinge tun erst einmal gar nichts, aber auch das ist für die Gemeinschaft in Ordnung. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie mithelfen wollen. Ohne Zwang und ohne Verpflichtungen. Jede*r sucht sich in dieser utopischen Gesellschaftsform einen Job, der zu ihm/ihr passt, weil er/sie dadurch der Gemeinschaft hilft. Die globale Bewegung ist so anziehend, dass immer wieder neue Menschen dazustoßen. Wenn die Zottas die Aussteiger*innen angreifen und ihre Unterkünfte zerstören, gehen die Walkaways einfach weg. Sie können an anderen Orten ihr Leben wieder aufbauen.

Seth, Hubert Etcetera und Natalie nutzen ihre Chance, um sich bei den Walkaways neu zu erfinden. Sie geben sich neue Namen und versuchen sich an die neue Gemeinschaft zu gewöhnen. Das geht nicht ohne Reibereien und Konflikte. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass Doctorow unglaublich viel über Gruppenprozesse und die dahinter liegenden soziologischen Theorien weiß. Das hat mir gefallen, sorgt aber auch für einige Längen. Hinzu kommt, dass Doctorow viele Begriffe neu erfindet, die den Lesefluss zunächst etwas einschränken. Hat man aber den etwas holprigen Anfang geschafft, entwickelt sich der Roman zu einem Pageturner, in dem Doctorow viele unerwartete Ereignisse einbaut. Überraschend wird Natalie, die im Walkaway „Iceweasel“ heißt, von ihrem Vater, einem reichen Zotta, entführt. Er versucht seine Tochter umzuerziehen, damit sie sich die Ideale der Walkaways aus dem Kopf schlägt und genau wie ihre Herkunftsfamilie lebt. Aber damit ist Iceweasel nicht einverstanden und sie bekommt unerwartet Hilfe. Den Walkaways ist es durch intensive Forschung gelungen, neue Technologien auf bisher unbekannte Weise zu nutzen. Ihnen gelingt es, das Bewusstsein eines Walkaways in eine Cloud zu laden. Obwohl sein Körper bereits verstorben ist, wird sein Geist unsterblich. Diese Idee erinnerte mich schon stark an Hologrammatica. Waren in dieser Science-Fiction-Welt aber immerhin noch andere Körper als „Gefäße“ für das eigene Bewusstsein vorgesehen, die man nach Belieben tauschen kann, wird in Doctorows Version ganz auf die Körper verzichtet. Ein kleiner Preis für die Unsterblichkeit

Leider wirken einige Passagen des Romans, besonders am Anfang, doch sehr theoretisch, gerade wenn es um die Konstitution einer neuen Welt geht, hat Doctorow sich von vielen verschiedenen soziologischen Theoretiker*innen inspirieren lassen, deren unterschiedlichen Beschreibungen der Wirklichkeit sich nicht ganz nahtlos in die Welt des Romans einfügen. Nach diesem eher holprigen Anfang, wird die Geschichte aber spannend, sobald die drei Protagonist*innen im Walkaway sind. Besonders gefallen hat mir die Selbstverständlichkeit mit der vermeintliche Grenzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgelöst werden. Namen, Körper, Gender, Begehren, sind nicht statisch, sondern können von den Walkaways ganz neu interpretiert werden.

Walkaway ist eine sehr spannende und gut gemachte Dystopie, die viele gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt und in einen neuen Zusammenhang stellt. Lässt man sich von den ersten 200 Seiten nicht abschrecken, kann man mit diesem Roman sehr viel Spaß haben.

Cory Doctorow – Walkaway. Übersetzt von Jürgen Langowski. Heyne 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

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Zeichen und Zeiten

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Mikka liest

Gefährten

Nach Kristian wünsche ich mir einen Mann ohne Schnickschnack, wie ein Roggenbrot, wie ein blauer Himmel. Doch gleichzeitig wünsche ich mir immer auch etwas Heftiges, etwas Überwältigendes, was die Seele dazu treibt, sich immer weiter zu drehen. (Alma, S.327)

Alma und Kristian, Camilla und Charles, Edward und Alwilda sind Freund*innen und leben in Kopenhagen. Eine durchgängige Handlung gibt es nicht. In verschiedenen Episoden folgen die Leser*innen der Clique durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehungen zueinander. In den verschiedenen inneren Monologen wird herumgewitzelt, Literatur empfohlen und jede Befindlichkeit und Gemütsregung genussvoll ausgebreitet. Es geht um die Freund*innenschaft zueinander, die eigene Unzulänglichkeit und den Tod. Eine eigene Familien gründet niemand, stattdessen beschäftigen sich die Gefährten und besonders die Frauen in den Paarbeziehungen vor allen Dingen mit sich selbst und mit ihren Eltern. 

Die Gefährten sind Mitte Vierzig. Kristian ist Arzt, Alma ist Lehrerin, Edward ist Künstler und Camilla, Charles und Alwilda schreiben. Früher war Alwilda mal mit  Edward zusammen, aber nach dem gemeinsamen Suizid seiner Eltern verlässt sie ihn. Edward kauft sich daraufhin einen Hund. Camilla steht im Zentrum der Erzählung. Sie ist mit Charles zusammen, der an einem Rückenleiden erkrankt ist, an der Krankheit wird die Beziehung auch scheitern. Alwilda ist Camillas beste Freundin, sie kennen sich seit ihrer frühesten Jugend. Camillas Mutter ist an Krebs erkrankt und ihre Tochter kümmert sich um sie. Nach ihrem Tod kauft sich Camilla ein Pferd. 

Besonders gefallen haben mir die zahlreichen literarischen Anspielungen und Verweise auf andere Texte. Und das geht von der englischen Romantik über Harry Potter bis zu Pu, dem Bären. Der Roman beginnt damit, dass Kristian und Alma in North Yorkshire auf den Spuren der Lake Poets, also Wordsworth und Coleridge, reisen. Kristian denkt über die Brontë-Schwestern nach und entdeckt sogar Parallelen seiner eigenen Ehe mit der wirklich sturmgebeutelten Beziehung von Catherine und Heathcliff in Wuthering Heights.

„Sie wirkte wie eine Gefangene, und ich fühlte mich unterlegen. Wie die magerste Gurke im Einmachglas“ (Kristian, S. 40)

Aber auch Alma und Camilla reisen noch einmal gemeinsam durch England. Camilla ist eine eifrige Vielleserin. Iris Murdoch, Thomas Bernhard, Vladmir Nabokov und John Fowles gehören zu ihren Lieblingsschriftsteller*innen. Wenn sie Alma ihre Bücher leiht und diese sie nicht sehr bald zurückbringt, fühlt sie sich nicht gut. Während der gemeinsamen Reise schwelgen die Freund*innen in den Texte von Virginia Woolf und Sylvia Plath. Überhaupt ist das Thema Suizid immer wieder im Text präsent, mal sehr unterschwellig, mal ganz direkt, zum Beispiel wenn Camillas Cousine sich daran erinnert, dass ihre Mutter (Camillas Tante) ebenfalls einen Suizidversuch überlebt hat. 

Der Text kommt sehr leichtfüßig und poetisch daher, auch wenn man das bei der beschriebenen Tiefe und Tragik der Themen kaum glauben kann.  Immer wieder ist der Roman neben den tragischen Momenten auch von einer unglaublichen Komik durchzogen. Übrigens wird keine der Paarbeziehungen bis zum Ende des Romans aufrechterhalten. Auch wenn in Camillas Fall nicht einmal eine andere Frau auftauchen muss. In den inneren Monologen der Gefährten bleibt sehr viel Zeit für Erinnerungen an Gespräche, Statements zu Verhaltensweisen der anderen und insgesamt findet  ein reger und sehr unterhaltsamer Austausch über Älterwerden, Sex, Liebe, Ehebruch und Angst um die Welt an sich statt. 

Das klingt nach einem großen Durcheinander und einem ziemlich traurigen Buch. Aber das ist es nicht. Christina Hesselholdt hat einen mitreißenden, hochliterarischen und sehr klugen Roman über das Leben geschrieben, in dem viel Schweres sehr leichtfüßig, berührend und auf komisch abgründige Weise erzählt wird. Die Kapitelüberschriften wie „Wenn die Asche Augen hätte“ gehen in eine ähnliche Richtung. Ein absurdkomisch und tragisches Kapitel,  in dem Edward beschließt die Asche seiner Mutter auf dem Meer zu verstreuen, ihm dann allerdings ein Windstoß die Asche ins Gesicht pustet und er noch sehr lange an den staubigen Geschmack seiner Mutter denken muss, ist da nur ein Beispiel. Auch die prägnante und bissige Beschreibung von Camillas und Charles‘ Ehe gehört dazu. 


„Charles und meine Ehe geht mit der Ära Osama bin Ladens einher, im September 2001 waren wir so verliebt, dass wir erst am Vormittag des 12. begriffen, was am 11. geschehen war, und die Auflösung unserer Beziehung vollzog sich in den Tagen um bin Ladens Tod. Zwei Bilder rahmen unsere Ehe ein: 1. Körper in freiem Fall 2. Ein zerschossenes Gesicht.“ (Camilla, S. 136)


Als Camilla, die mal wieder eine neue Wohnung sucht, in der auch ihre vielen Bücher untergebracht werden können, auf einen schreibenden Makler trifft, lässt sich Camilla zu der Aussage hinreißen, dass es „auf dieser Welt bald mehr Schriftsteller gibt als Leser.“ (S.154). Wenn schon alles im Leben schief läuft und sowieso alles zu Ende geht, muss sich über ein Ende der Literatur glücklicherweise niemand Sorgen machen.

Christina Hesselholdt ist in Dänemark bereits mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt worden und zählt zu den wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen dänischen Literatur. Gefährten ist ihr erstes Buch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Christina Hesselholdt – Gefährten. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Hanser Berlin 2018. 448 Seiten.

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Nacht und Tag Blog

Letteratura

Dunkle Zahlen

Der Anfang sorgt schon für viele Fragezeichen und eine ganze Menge Freude, wenn man auf besondere Geschichten steht. Und besonders ist der Roman Dunkle Zahlen von Matthias Senkel, der 2018 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, in jedem Fall. Laut Klappentext geht es um die internationale Programmierer-Spartakiade 1985 in Moskau, bei der die kubanische Nationalmannschaft spurlos verschwindet. Die Übersetzerin Mireya macht sich auf, die Nationalmannschaft zu suchen. Die Erwartungshaltung ist relativ klar, doch dann ist von der Nationalmannschaft überhaupt keine Rede mehr. Stattdessen sorgt Matthias Senkel für eine Überraschung nach der nächsten…

Ohne genaue Einführung beginnt der erste Textabsatz. Ein gewisser Motja wird von zwei Annuschkas darum gebeten, Teewasser für eine größere Gesellschaft aufzusetzen – was er auch tut, indem er in eine Maschine mit dem Namen GLM zwei Zahlen eingibt. Die nächste Seite zeigt einen schwarzen Bildschirm mit russischem Programmcode und der Erklärung, dass es sich hier um den Startbildschirm der Literaturmaschine GLM-3 handelt, die quasi auf Knopfdruck „das unvollendete Poem Dunkle Zahlen“ ausspuckt. Jetzt erst folgen Titelseite, Verlagsangabe, sowie der Vermerk „Deutsch von Matthias Senkel“ . Wir sollen also glauben, dass es sich hier um einen computergenerierten Roman aus dem russischen handelt, der lediglich von Matthias Senkel übersetzt wurde. Große Liebe!

Fast märchenhaft beginnt der Roman mit einem gefangenen Hecht, der dem jungen Leonid drei Wünsche verspricht, sofern er ihn wieder ins Wasser wirft. Leonid rettet dem goldenen Hecht das Leben. Im zweiten Kapitel geht es mit der angekündigten Spartakiade los, dann ist das Kapitel schon wieder zu Ende und wir springen nach Leningrad ins Jahr 1948. Hier treffen wir auf den jungen Leonid Ptuschkow, einen wissbegierigen Schüler, der in seinem Notizheft mathematische Operationen improvisiert. Zurück im Jahr 1985 muss Mireya Fuentes, die Dolmetscherin des kubanischen Teams der Programmierer-Spartakiade, feststellen, dass die Kader-Auswahl zwar in Moskau gelandet, aber aus unbekannten Gründen mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne gestellt wurde. Und dann wird es immer wilder. Nach einem enzyklopädieartigen Einschub über den Begriff der „dunklen Zahlen“, folgt eine Biografie des fiktiven Dichter-Programmierers Gavriil Efimović Teterewkin und kurz darauf wird im Kapitel „Nachwort“ (irgendwo in der Mitte des Buches!) von einem Zusammentreffen des „vermeintlichen Großneffens“ Teterewkins, Rodion Woronin, mit Lenin und Maxim Gorki auf der Ferieninsel Capri berichtet. Inklusive Bildmaterial. Hat man als Leser*in gerade Wikipedia aufgerufen um festzustellen, ob es Teterewkin wirklich gibt, folgt ein Wikipedia-Artikel im Text.

Doch die Erzählstränge werden wieder auf der Spartakiade zusammengeführt: der sowjetische Trainer, den Mireya kurze Zeit später während einer Versammlung im Untergeschoss des Hotels „Kosmos“, wo die Programmier-Spartakiade stattfindet, zusammen mit den anderen kennen lernt, ist niemand anders als Leonid Ptuschkow, der im bisherigen Romanverlauf erst als junger Mann auftrat! Er ist Programmierer, aber auch Dichter und macht sich an die Entwicklung einer golemartigen Textmaschine.

Und zwischendurch begreift man gar nicht mehr, welche Figur zu wem gehört. Aber nicht schlimm. Eine Figurenübersicht gibt es irgendwo ab Seite 300. Also weiter im Text: im Jahr 1999 treffen wir die Zwillinge Sjarhej und Palina Aljaksejewna Morschakin, Ex-Teilnehmer der Programmierer-Spartakiade, inzwischen Inhaber der Softwarefirma CSM. Ihr Hobby: Das Sammeln seltener Spielautomaten und historischer Rechner. Ein mysteriöser Schweizer hat ein ganz besonderes Objekt für sie: Eine echte GLM! Also das mysteriöse Gerät, das schon auf den ersten Seiten den Kaffee erwärmt hat.

Zurück im Jahr 1985 wird deutlich, dass während der Spartakiade alle Teilnehmer*innen engmaschig überwacht wurden. Das wusste auch Leonid, der sich im folgenden Kapitel im Jahr 2023 Tonbandaufnahmen dieser Überwachung anhört. Und es stellt sich heraus, dass die Spartakiade selbst eher in den Bereich potemkinsche Dörfer gehört:  als Vorsitzender der Programmierer-Spartakiadenkomitees arbeiteten Dmitri und Jewhenija zusammen, die im Auftrag des Geheimdienstes die Aufgaben der teilnehmenden Kader so gestaltete, dass komplexe Missionen wie etwa die Kalkulation von Raketenabfangmanövern von diesen unbewusst gelöst wurden. Und auch die GLM kommt wieder zum Einsatz: sie soll dazu dienen, die Urheber von politischen Witzen ausfindig zu machen. Wozu braucht man eine Rasterfahndung, wenn die GLM die Urheber von politischen Witzen innerhalb von Sekunden ausfindig machen kann? Die totale Überwachung.

„Erst dann wird es möglich, jeden Bürger lebensumspannend zu begleiten, seine Taten und Äußerungen automatisch auszuwerten, um jederzeit ein Gesamtbild seiner Gesinnung erstellen zu können und unverzüglich zu korrigieren, damit Verstöße gegen die öffentliche Ordnung überhaupt nicht erst zustande kommen.“ (S.307)

Logisch, dass im Text jetzt ein Witzearchiv und ein Abkürzungsschlüssel folgen. Aber bevor es langweilig wird, entwickelt Senkel noch eine vierte Handlungsebene: der belgische Geheimagent Dupon, getarnt als Mitarbeiter von IBM, wird 1987 in Paris mit einem Spezialauftrag betraut und macht sich auf den Weg nach Moskau, dort soll er eine geheimnisvolle rote Kladde transportieren.

Habe ich diesen Roman komplett verstanden? Error. Nada. Fehlanzeige. Hatte ich sehr viel Spaß diesen wahnwitzigen Text zu lesen? Ja, in jedem Fall! Die erzählerische Experimentierfreude von Senkel ist einfach grandios, auch wenn ich manchmal etwas zwischen den Seiten verloren gegangen bin.

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen. Matthes & Seitz Berlin 2018. 481 Seiten.

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Ein Winter in Paris

Ich begriff schnell, dass mir die Zugangscodes fehlten: kulturell, sprachlich und die Kleiderordnung betreffend. Zu dem, was gut war und was nicht. Während der ersten Wochen habe ich mich redlich bemüht, sie mir anzueignen, doch sie änderten sich ständig, und ich blieb irgendwie immer außen vor. Irgendwann gab ich auf. (S.20)

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Victor ist Englischlehrer und Schriftsteller. Völlig unerwartet erreicht ihn ein Brief aus der Vergangenheit, Absender ist der Vater eines ehemaligen Mitschülers. Der Inhalt des Briefes versetzt Victor gedanklich zurück in den Winter des Jahres 1984. Victor ist gerade am renommierten Pariser Lycee D. angenommen worden. Hier soll er auf die Aufnahmeprüfungen für das Grand Ècole vorbereitet werden, damit er ein Lehrerexamen ablegen darf. Die „Concours“ gelten als schwierig und nur wenige Schüler*innen schaffen überhaupt die Vorbereitungskurse.

Victor ist ein Außenseiter, er kommt aus der Provinz, stammt aus einem nicht-akademischen Milieu und hat keine Freunde in der neuen Klasse. Seine Eltern stehen ihm zwar nicht im Weg, aber verstehen kaum, womit er sich eigentlich in der Schule beschäftigt. Unterstützung erfährt er kaum. Er arbeitet zwar hart, aber auch die Lehrer*innen trauen ihm wenig zu. Der Leistungsdruck ist allgegenwärtig. Die Bekanntschaft mit Mathieu und die gemeinsame Zigarette jeden Morgen, ist für Victor ein kleiner Lichtblick in seinem Schulalltag, in dem er permanent zu scheitern droht. Doch dann stürzt sich Mathieu eines Morgens die Treppe hinunter und stirbt. Victor ist durch Zufall als erstes vor Ort.

„Es war unglaublich, wenn man sich klar machte, wie starr das ganze System war. Mathieus Körper war nur ein Stein gewesen, den jemand in einen Teich geworfen hatte. Der Aufprall hatte zwar einige Ringe erzeugt, die sich für einige Sekunden ausbreiteten, doch danach war die Wasseroberfläche wieder glatt geworden.“

Mathieus Selbstmord löst bei Klassenkamerad*innen, Lehrer*innen und Eltern Verwirrung und Bestürzung aus, auch wenn die Schulleitung nach dem Prinzip „business as usual“ verfährt. Doch für Victor ändert sich alles. Plötzlich steht er im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der beliebteste Schüler der Klasse lädt ihn ein und auch Mathieus Vater sucht Kontakt zu ihm. Mathieus Suizid sorgt dafür, dass Victor auf einmal als jemand wahrgenommen wird, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Mitschüler, die vorher nicht einmal mit ihm gesprochen haben, wollen sich mit ihm über private Probleme austauschen, die Mädchen aus der Klasse finden ihn interessant. Das kommt Victor, der sich seit seiner Ankunft in Paris nach Bestätigung und Freundschaft sehnt, nicht immer ungelegen. Dabei stand seine Freundschaft zu Mathieu gerade erst am Anfang, sie kannten sich  flüchtig. Aber das ändert nichts an der Wahrnehmung der anderen:  er wird als Experte für Mathieus Leben gehandelt und beginnt zu erzählen.

Sehr feinfühlig  berichtet Jean-Philipp Blondel von einem Ereignis, das einen jungen Menschen aus seinem festgefügten Alltag reißt und ihn vieles in Frage stellen lässt, das zuvor noch als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Blondel schreibt sehr konzentriert, immer auf den Punkt und schafft es auf knapp 200 Seiten, Victors komplexe Gefühlsschwankungen nach Mathieus Suizid überzeugend darzustellen. Dabei schont er den Protagonisten nicht. Immer wieder fragt man sich während des Lesens, ob Victor überhaupt das Recht hat, eine kurze Bekanntschaft so derart auszuschlachten. Auf der anderen Seite ist er vermutlich der einzige Mensch gewesen, mit dem Mathieu tatsächlich engeren Kontakt hatte. Und Victor ist unglaublich allein.

„Ich bekam erneut eine Gänsehaut. Dreimal schon. Dreimal in einer Woche. Hautkontakt. Meine Mitmenschen fanden den Weg zu meiner Haut. Noch ein bisschen mehr davon, und ich würde mich wieder lebendig fühlen.“

Victors Prozess der Selbstreflexion ist faszinierend zu lesen. Der Roman ist melancholisch und trotzdem sehr eindringlich geschrieben. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke 2018.

 

Eine weitere Rezension findet ihr bei Literaturreich.

 

Olga

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Olga ist ein Mädchen, das aus armen Verhältnissen stammt, keine Probleme macht und relativ schlau ist. Während die anderen Kinder spielen, steht sie lieber am Rand und schaut zu. Ihre Eltern sterben früh am Fleckfieber, sie wird von der Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgezogen. Olga lernt fleißig, damit sie selbst einmal Lehrerin werden kann. Und dann trifft sie Herbert, der sich in Olga verliebt und auch noch das Projekt verfolgt,  Deutschland zu neuem Ruhm zu verhelfen.

 

„Aber sie gehörte nicht wirklich dazu. Sie sehnte sich nach anderen, die ebenfalls nicht dazugehörten. Bis sie einen fand. Auch er war anders. Von Anfang an.“ (S.12)

Der Roman gliedert sich in drei Teile und beginnt mit Olgas Kindheit. Ihre Mutter war Polin, ihr Vater Deutscher, sie selbst kommt 1893 in Breslau zur Welt. Nachdem sie bei der Großmutter landet, flieht sie nach Heidelberg, dort stirbt sie Anfang der 1970er Jahre. „Olga“ ist nicht nur die fiktive Biografie einer ungewöhnlichen Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte und auch ein Stück erzählte Zeitgeschichte. Bismark, Kolonialismus, zwei Weltkriege – Olga erlebt alles mit und hat schon früh große Sorgen, wenn es um die deutsche Neigung geht, immer alles „zu groß“ zu wollen. Damit ist Olga, wie so oft, ihrer Zeit voraus. Auch ihr Herbert verfällt dieser Idee.

Der erste Teil des Romans ist aus auktorialer Sicht geschrieben. Er umfasst die Zeit von Breslau bis zu Olgas Ankunft in Heidelberg. Der zweite Teil wird aus Ich-Perspektive erzählt. Erzähler ist ein Pfarrerssohn. Olga arbeitet für seine Familie als Näherin und zu dem jungen Ferdinand entwickelt sich ein besonders Verhältnis. Anders als im Vorleser wird die Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann hier aber nicht erotisch aufgeladen. Sie ist trotzdem etwas ganz besonderes:

„Sie war alt. Aber das Verständnis, das ich bei ihr fand, neugierig und nachsichtig, und ihre Liebe, die sich an mir freute, mich aber nicht brauchte und nicht forderte – es hatte das noch bei den Großeltern gegeben, gab es aber sonst bei niemandem, nicht bei den Eltern, nicht beim Freund, nicht bei der Geliebten. Ich verlor etwas, das ich nie mehr finden würde . (S.159)

Der dritte Teil besteht aus Briefen, die Ferdinand lange nach dem Tod der Verfasserin findet und die zurückführen in die gemeinsame Zeit mit Herbert. Herbert ist der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, er soll einmal den Hof der Eltern übernehmen. Für Olga ist kein Platz in dieser Zukunftsversion, sie spielt nicht in Herberts Liga, gehört dem falschen Milieu, der falschen Klasse an. Obwohl sich Herbert und Olga heimlich treffen, macht er keinen Schritt in ihre Richtung, die Zukunft wird nicht geplant und am Ende siegen die Lust nach Abenteuern und Eroberungen über die enge und heimliche Beziehung zu Olga. Herberts Weg führt ihn nach Deutsch-Südwestafrika. Die Briefe erreichen Herbert nicht, er wird nie zurückkommen, denn er hat beschlossen, „ein Übermensch zu werden und Deutschland groß zu machen“. Olga wird  von einer riesigen Einsamkeit erfasst. Sie kann nicht mehr unterrichten, als sie 1945 fliehen muss, ist sie taub geworden und auf Hilfe von anderen angewiesen.    

Obwohl ich so viele Seiten über Olga lese, wirkt sie auf mich lange sehr eindimensional und bleibt mir als Figur in ihren Handlungen absolut fremd. Das ändert sich erst im letzten Teil. Durch die Briefe klären sich viele Andeutungen auf. Das ist wirklich gut, ziemlich auf den Punkt und – für Schlink typisch – schnörkellos erzählt. Außerdem erfahren wir als Leser*innen endlich, was Olga gedacht hat, wie sie sich fühlt, wie wütend sie auf Herbert ist, der sich aus falsch verstandenem Nationalstolz und Ehrgefühl einer Expedition ins Ungewisse anschließt. Durch Olgas Briefe an Herbert wird zudem ihre Beziehung noch einmal in ein neues Licht gerückt.

Das Gute an unserer Trennung ist, dass ich Dir schreiben kann, wie sehr ich Dich vermisse (S.245)

Schlink hat einen Roman über ein Frauenleben in Deutschland geschrieben, dem man etwas Zeit lassen muss, damit er funktioniert. Neben den vielen historischen Momenten, die fast leichtfüßig eingeflochten werden, stellt sich auch die Frage danach, was eine Liebesbeziehung aushalten kann und was nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Herbert und Olga und die klare Analyse des deutschen Größenwahns in unterschiedlichen Epochen lohnen sich aber auf jeden Fall.

Bernhard Schlink – Olga. Diogenes 2018. 320 Seiten.

 

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Das weibliche Prinzip

Vor wenigen Jahren hat sich die amerikanische Autorin Meg Wolitzer mit dem Roman Die Interessanten in meinen persönlichen Olymp der Lieblingsbücher geschrieben. Es geht um sechs Teenager, die sich in einem Sommercamp für kunstbegabte Jugendliche treffen. Ein fantastisches Buch. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an Wolitzers neuen Roman Das weibliche Prinzip, in dem Wolitzer nicht nur über Macht und Emanzipation schreibt, sondern auch von enttäuschten Erwartungen und Generationskonflikten. Eine spannende Mischung.

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Greer Kadetzky ist eine sehr talentierte junge Frau, die eigentlich auf ein Ivy-League-College gehört hätte. Dass alles anders kommt als geplant, liegt an ihren Hippie-Eltern, die neben dem täglichen Graskonsum leider nicht dazu kommen, fristgerecht ein Studiendarlehen für ihre Tochter zu beantragen. Sie begnügt sich mit dem mittelklassigen College vor Ort und wohnt zuhause, mit ihrem Freund Cory führt sie fortan eine Fernbeziehung. Auf einer Party wird Greer von einem Typen bedrängt. Sie ist nicht die einzige. Als sie sich mit den anderen Opfern der Belästigungen zusammenschließt und gegen ihn aussagt, passiert  – nichts. Wie leider viel zu oft.

Die bekannte Feministin, Aktivistin und Herausgeberin einer Zeitschrift, Faith Frank, hält an Greers College einen Vortrag. Faith ist mutig, stellt die richtigen Fragen und kann das Publikum begeistern. Auch wenn sie keinen genauen Plan mehr von den aktuellen Problemen hat, die ihr Publikum der unter 30-jährigen betrifft (unsichere Jobperspektiven, Befristungen, Backlash, you name it), ist die 60-jährige ein gern gesehener Gast.  Greer ist hingerissen. Während der Podiumsdiskussion stellt Greer Faith entscheidende Fragen: Was kann konkret gegen Belästigungen unternommen werden und wie können sich Frauen überhaupt in einer männerdominierten Welt durchsetzen. Eigentlich wäre es die Frage von Zee gewesen, Greers besten Freundin, die sich schon seit Jahren in feministischen Kontexten bewegt. Aber Greer ist schneller oder das Schicksal will es eben so.

Es ist ein Zufall, dass sich Faith nach langer Zeit wieder an Greer erinnert und ihr eine Stelle in einer neugegründeten Stiftung für Frauenrechte anbietet. Das ist für Greer, die Faith heiß und innig verehrt, wie ein Ritterschlag. Einen anderen Job hätte sie ohnehin nicht bekommen, zu schreiben wäre die einzige Möglichkeit.

Greer stellte sich inzwischen vor, Schriftstellerin zu werden. Sie malte sich aus, Essays und Artikel, irgendwann vielleicht sogar Bücher mit feministischem Schwerpunkt zu schreiben, obwohl sie anfangs sicher am späten Abend würde schreiben müssen. Sie bräuchte ein Einkommen, mit dem sie das Schreiben finanzieren konnte. Sie wollte kein Leben wie ihre Eltern führen. Aber wenn sie einen richtigen Job hätte, also nicht in Armut abrutschen würde, könnte sie versuchen, in ihrer freien Zeit zu schreiben, und vielleicht hätte sie ja ein Quäntchen Glück. (S.90)

Greer beginnt in der Stiftung, auch wenn die Bezahlung noch zu wünschen übrig lässt. Während sie sich mit großem Engagement auf ihre erste feste Stelle in New York stürzt, wird Cory als Wirtschaftsberater nach Manila geschickt. Nicht nur die Beziehung von Greer und Cory bröckelt, Greer hat sich auch den Einstieg in die Arbeitswelt etwas anders vorgestellt.

Genau wie in ihrem Roman Die Interessanten gelingt es Wolitzer, sehr komplexe und authentische Figuren zu entwerfen, deren Lebenswege sich zwar rund lesen, aber  doch eher in einem sehr ruhigen Erzähltempo durch das Buch plätschern. Während Faith und Greer, zwei ambitionierte Frauen aus verschiedenen Generationen, versuchen, dem großen Ziel der Gleichberechtigung ein Stückchen näher zu kommen, sorgt individuelles Machtstreben danach, dass von Solidarität und einer großen gemeinsamen Sache wenig übrig bleibt. Auf dem Weg zu mehr Einfluss und mehr Macht gehen Faith und Greer Kompromisse ein und entfernen sich massiv von ihren Idealen. Die Start-Up-Mentalität in Faiths Stiftung hat einen Konformitätszwang zur Folge, in dem sogar das Privatleben auf die Bedürfnisse der Chefin Faith abgestimmt werden. Greer gibt alles und noch mehr für einen Job, in dem sie letztlich ausgebeutet wird. Das geht sogar soweit, dass die Vegetarierin Greer vorgibt, Fleisch zu mögen – nur um der Chefin zu gefallen, die die Kolleginnen der Stiftung zu einem Grillabend eingeladen hat.  Aber auch Faith kann nicht so selbstbestimmt handeln, wie sie es sich vielleicht gewünscht hat, damals, als es noch Ideale gab. Ihre Stiftung wird am Ende eine Mogelpackung, die das Charitybedürfnis der reichen, weißen Oberschicht bedient. Und auch Cory hat es nicht leicht. Dem strahlenden Absolventen fällt die Realität auf die Füße, als er sich mit einer sehr schwierigen Entscheidung konfrontiert sieht.

Meg Wolitzer hat schon in ihrem Essay „The second shelf“ feministische Themen aufgegriffen, zum Beispiel die Diskriminierung schreibender Frauen auf dem Literaturmarkt. Trotz so deutlicher Aussagen in ihrem Essay, bleibt der Roman zum Thema an vielen Stellen sehr vage. Ich war  nicht davon ausgegangen, einen Kommentar zu #metoo oder sexistischen Strukturen in der Arbeitswelt zu bekommen, trotzdem hatte ich das Gefühl, da wäre manchmal noch eine klarere Positionierung möglich gewesen. Hätte man einen Roman zum Thema schreiben wollen. Der Text entzieht sich solchen Kategorisierungen, weil er auf das Figurenensemble bezogen, am Ende sogar das Ausnahmetalent Cory mit einem schwierigen Schicksalsschlag versieht, der ihn automatisch in die Rolle des Kümmerers drängt – und damit nicht mehr attraktiv für die Damenwelt macht. Jede noch so kleine Figur wird ausführlich mit ihren Fehlern und Schwächen dargestellt. Das war bei den Interessanten ein großer Pluspunkt, hier wird es mir manchmal ein wenig zu viel. Trotzdem habe ich den Roman sehr gerne gelesen, denn durch jede Zeile schimmert das Talent der Autorin, gesellschaftliche Strömungen der Zeit  in eine Geschichte zu gießen, die sich leicht lesen lässt. Ein #Aufschrei ist dieser Roman allerdings nicht.

Ich bedanke mich bei vorablesen.de und Dumont für das Rezensionsexemplar!

 

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Bleib bei mir

Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe. (S.23)

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Mitten in der Geschichte verkündet Yejide ihrem Mann Akin, dass sie beide Eltern werden. Sie ist sich sicher, dass sie dieses Mal eine Tochter bekommen. Auf dem „Berg der Wunder“ hat Yejide an einer rituellen Zeremonie teilgenommen und lässt sich fast ein ganzes Jahr nicht von ihrer Vorstellung einer Schwangerschaft abbringen, auch als Akin sie zu mehreren Ärzten bringt. Die Episode hat tragischkomische Elemente, aber der Auslöser für Yejides psychischen Zusammenbruch liegt in ihrem Umfeld.

Der Druck ein Kind zu bekommen, lastet schwer auf dem Paar. Im Nigeria der 1980er Jahre, sind es nicht nur zwei Menschen, die mit der Kinderlosigkeit klar kommen müssen. Die gesamte Familie mischt sich ein. So entscheidet Akins Mutter nach mehreren kinderlosen Jahren des Paares, dass endlich etwas passieren muss. Sie organisiert eine Zweitfrau für ihren Sohn. Obwohl Akin und Yejide sich gegen das traditionelle Modell der Polygamie aussprechen, können sie sich nicht gegen die Entscheidung des Familienrats durchsetzen. Yejide und Akin haben studiert, Yejide steht sogar durch einen Friseursalon finanziell auf eigenen Beinen und trotzdem müssen sie sich den Vorstellungen der anderen fügen. Yejide hofft, dass sie vielleicht doch noch schwanger wird und so die Zweitfrau Funmi wieder loswird.

Der Roman beginnt damit, dass Yejide die Zweitfrau auf einer Familienzusammenkunft präsentiert wird. Große Zeitsprünge bis ins Jahr 2008 und die wechselnde Erzählperspektive zwischen Akin und Yejide sorgen dafür, dass die Handlung an keiner Stelle langweilig wird. Mit einem guten Gefühl für Spannung und Timing beschreibt die Debütautorin Ayòbámi Adébáyo ein komplexes Ehedrama, in dem es um Verrat, Lügen und Hoffnung geht. Zudem wird die Ehe von Akin und Yejide durch ein weiteres Problem belastet: die erblich bedingte Sichelkrankheit, die häufig tödlich endet.

Besonders gut gefällt mir, wie geschickt der unterschiedliche Umgang der Protagonist*innen mit den zahlreichen Schicksalsschlägen (und das muss man als Leser*in aushalten) ausgelotet wird. Nebenbei erfährt man einiges über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Nigerias, die gekonnt in den Text eingestreut werden. Ambivalente Charaktere sorgen für eine unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte, die ich innerhalb weniger Tage gelesen habe. Angenehm kitschfrei und gleichzeitig sehr berührend, erzählt Adébáyo eine tragische Geschichte über Liebe, Verrat und Schicksal.

Ayòbámi Adébáyo war mit ihrem Roman für den Baileys Women’s Prize for fiction nominiert.

Ayòbámi Adébáyo: Bleib bei mir, Piper Verlag, 2018, 352 Seiten

 

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