Zugvögel

Klimawandel und Artensterben sind aktuelle Phänomene, die unsere Gesellschaft treffen. Maja Lunde hat einen ganzen Romanzyklus diesem Problem gewidmet. Die australische Autorin Charlotte McConaghy greift das Problem in ihrem Debüt auf eine vielschichtige Weise auf  und stellt die Auswirkungen des Klimawandels und das Artensterben der letzten Zugvögel in einen Zusammenhang mit einer hochspannenden Frage nach persönlichen Erinnerungen. Am Ende des Romans wird man die besondere und eigenwillige Protagonistin sicherlich nicht vergessen.

Franny Stone ist eine besondere Frau. Ihr Lebensziel besteht darin, den letzten existierenden Schwarm der Küstenschwalben auf ihrer Reise nach Grönland zu begleiten. Franny hat weder Fördermittel, noch einen wissenschaftlichen Auftrag. Trotzdem stürzt sie sich in das Abenteuer und versucht eine Schiffscrew von ihrer Mission zu überzeugen. Nicht ohne Profitversprechen. Da in der Zukunft keine Fischschwärme mehr aufzufinden sind, müssen Seeleute und Fischer immer weiter hinausfahren und gefährliche Routen nehmen, hinzukommt, dass die gesamte Industrie bald vor dem Aus steht und Verbote der Fischerei drohen. Franny verspricht der Crew des Schiffes „Saghanis“ und dem mürrischen Kapitän Ennis, dass ihre Küstenschwalben auf der 30.000 Kilometer langen Route auch die Fischschwärme aufspüren werden, denn Franny hat einige Schwalben mit Peilsendern ausgestattet. Doch wie passt so ein Verhalten eigentlich mit ihrer Antihaltung gegenüber der Fischerei zusammen und was ist Frannys eigentliches Ziel? Die Story ist clever erzählt und absolut mitreißend.

Die Saghanis ist ein besonderes Schiff. Die Crew hält zusammen, obwohl sich die Mitglieder über die Ornithologin Franny wundern. Als Franny aber nachts schlafwandelt und von Crewmitgliedern gerettet werden muss, steht mit einem Mal auch die psychische Gesundheit der Ich-Erzählerin im Vordergrund. Genau wie die Crew, wissen wir als Leser*innen nicht genau,  warum sie sich so merkwürdig verhält. Ein Schlüsselerlebnis von Franny hat mit Raben zu tun und entfachte ihre Liebe zu den Vögeln, der Schiffsname Saghanis bedeutet Raabe auf der Sprache der Inuit, die Crew sind für Franny ebenfalls Menschen, die ihren Drang nach Freiheit verstehen. Der Koch Basil, die Mechanikerin Lea und Samuel, der sechs Kinder hat und auch die Crew zusammenhält. 

„Sie sind Zugvögel, die es vom Land wegzieht, und sie lieben es hier draußen auf dem Meer, das ihnen ein anderes Leben bietet, sie lieben dieses Schiff und – sosehr sie sich kabbeln und streiten – lieben sie doch auch einander.“

Zugvögel, S. 129.

Doch die großen Probleme lauern nicht nur in der unmittelbaren Gegenwart auf dem Schiff. Nach und nach Entfalten sich die dunklen Seiten der Protagonisten Franny, die mehrere Jahre im Gefängnis gesessen hat. Aber welches Verbrechen hat sie begangen? Und welches Geheimnis verbirgt sich hinter ihrer Beziehung zu dem bekannten Ornithologen Niall?

Für mich waren diese Rückblicke unfassbar spannend, denn McConaghy hat einen so fantastischen Schreibstil, dass die Seiten nur so dahinfliegen. Naturbeobachtungen und dramatische Ereignisse der Vergangenheit wechseln sich ab. Der Roman ist ein wahres Schmökervergnügen. Dabei hat Franny kein leichtes Leben hinter sich, denn dramatische Ereignisse von Vernachlässigungen und traumatischen Erfahrungen aus ihrer Kindheit sind der Grund für Frannys Anpassungsschwierigkeiten in der Gegenwart. Frannys Anker im Leben waren immer die Vögel und Erlebnisse in der Natur. Doch die schwerste Aufgabe steht ihr auf dieser Schiffsreise erst noch bevor. 

Das Ende des Romans hat mich sehr berührt. Zugvögel ist ein Roman für Menschen, die  die Schönheit des Meeres lieben und die Protagonist*innen mit Ecken und Kanten mögen. Ein wirklich runder Roman, dessen einziges Manko ist, dass McConaghy am Schluss wirklich versucht alle aufgeworfenen Fragen aufzufangen und das war für mich gar nicht zwingend nötig.

Charlotte McConaghy – Zugvögel (= Migration). Übersetzt von Tanja Handels

S. Fischer 2020.

Schwarzpulver

Das Debüt der Österreicherin Laura Lichtblau zeigt eine unheimliche Tendenz: Bürgerwehren machen Stimmung. Ein Sturm auf das Reichstagsgebäude? In Lichtblaus Roman auf jedem Fall im Rahmen des Möglichen. Die Radikalisierung der vermeintlich normalen Menschen, die zur Katastrophe führt, wirkt deshalb noch überzeugender. Immerhin ist am Ende nicht alles verloren, so viel kann verraten werden.

Dystopien haben und hatten schon immer eine wichtige Funktion: Sie sind gewissermaßen Stimmungsmesser für gesellschaftliche Entwicklungen, Tendenzen und Diskussionen, sie kritisieren bestehende gesellschaftliche Verhältnisse und wollen die Menschen zum verantwortungsvollen Handeln aktivieren. Laut BBC hat das Interesse an dystopischer Literatur seit den Präsidentschaftswahlen in den USA 2016 einen wahren Aufschwung erlebt: So befinden sich dystopische Klassiker wie George Orwells 1984, Sinclair Lewis’ It Can’t Happen Here, Ray Bradburys Fahrenheit 451 und Brave New World von Aldous Huxley sowie The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood unter den meist verkauften Büchern im Januar 2017. Die Weltentwürfe der Dystopie sind also dann erfolgreich und erreichen die Leser*innen, wenn sich die gezeigte Zukunftsvision nicht in einer vollkommen unwahrscheinlichen Realität abspielt, sondern bereits in der außerliterarischen Welt deutlich wird.

Der Roman Schwarzpulver kreist um drei verschiedene Figuren, die die Ereignisse der Rauhnächte, also der Zeit zwischen Weihnachten und Anfang Januar, in kurzen Kapiteln erzählen. Die Rauhnächte gelten seit jeher als Zeit der Hexen, als Phase der Orakelsprüche und sprechenden Tiere, Geister sollen vertrieben werden. Für die Figuren Elisa, genannt Burschi, Charlotte und Charlie ergeben sich in dieser Zeit ganz besondere Herausforderungen.

Burschi, die einen gut laufenden Internethandel mit geklauten Gegenständen betreibt, lernt eine besondere Frau kennen und verbringt einen erotischen Nachmittag mit Johanna. Johanna verschwindet immer wieder, denn sie ist Partisanin und kämpft im Untergrund gegen den Staat. Charlotte Venus, systemtreu und unkritisch, hat sich zur Scharfschützin bei der Bürgerwehr ausbilden lassen und schützt die Grenzen und öffentlichen Plätze, ihr 19-jähriger Sohn Charlie sucht in einem Praktikum bei einem alternativen Musiklabel für Untergrundrap ein Schlupfloch im totalitären System. Burschi und Charlie haben schon lange erkannt, dass der Staat das Problem ist.

„Ich sage dir […], dass die Partei keine Frauen mag, die Frauen lieben. Sie mögen keine Anglizismen, kein fremdländisches Essen, keine Menschen, die glücklich sind, sie mögen keinen Hip-Hop, keine Konzerte auf der Straße, keine Menschen, die aus anderen Ländern stammen, keine Familien ohne Kinder, keine Männer mit Lipgloss, keine Frauen mit Glatze, sie mögen keine Frauen, die erfolgreicher als Männer sind…“

Charlotte distanziert sich erst langsam von den Kolleg*innen, am Anfang agiert sie „zielführend“ und schießt ohne große Gewissensbisse. Sie erinnert sich in ausführlichen Rückblicken an die Entwicklung der Bürgerwehr, an den Zusammenhalt, das gemeinsame Racletteessen, die gemeinsame gesunde Wut gegenüber Kiffern und Schmarotzern, die doch nur die gutbürgerliche Ordnung stören. Wie belastend der Job als Scharfschützin ist, zeigt sich im wiederkehrenden Alkoholkonsum der Protagonistin und ihren Zweifeln, die sich langsam einstellen.

Besonders eindrücklich zeigen sich die dystopischen Elemente gerade dann, wenn die Leser*innen den Eindruck gewinnen, dass einige geschilderten Figuren wie Abziehbilder der Hygienedemos wirken. Hundezüchter, die sich über Rassegesetze auslassen, Parteifunktionäre, die Reden darüber schwingen, dass man Single-Frauen doch über Datingportale verpartnern könne, damit es mehr Schwangerschaften gibt und die allgengewärtige Angst davor, dass in Berlin bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Weicht jemand vom patriarchalen Familiensystem ab, wird die Kommission für Volksgesundheit aktiv, die alle „Abweichler“ umerziehen will. Auch Burschi wird aus ihrer WG fliegen, denn ihre Mitbewohner*innen haben Angst, denn alles was zu feministisch oder queer daherkommt, soll aus dem Stadtbild gestrichen werden. In der Konstruktion des autoritären Staatsapparates ist alles dabei, was in den letzten Jahren (und wahrscheinlich schon immer) an völkischer, rassistischer, homophober und frauenfeindlicher Propaganda so am Start ist. Lichtblau fängt diese aktuellen Momente ein und verwebt sie in ein Netz in ihrer Dystopie, die in einer unglaublich schönen, zarten und auch witzigen Sprache daherkommt. Als Charlotte, die irgendwann die Situation nicht mehr aushält „außer Rand und Band gerät“, bleibt ihr nur noch die Psychiatrie als letzter Zufluchtsort.

Der „langsam entstehende Aufruhr“, der sich im letzten Satz des Romans andeutet, kann eine Hoffnung sein. Vielleicht kann Lichtblaus deutschsprachige Dystopie Schwarzpulver einmal in einem Atemzug mit Juli Zehs Dystopie Corpus Delicti genannt werden, beide Romane laden auf intelligente Weise zum Nachdenken und Diskutieren ein. Zugunsten der Konstruktion des Systems und der literarischen Welt wirken einige Figuren eher klischeehaft. Das ist vielleicht aber auch ein gängiges Problem des Genres, in dem häufig jemand aufwachen muss, der zunächst das autoritäre System unterstützt. Das Schwarzpulver verweist übrigens auf das explosive Material in einer Schusswaffe und damit direkt auf das angedeutete Ende des Romans.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Literatur leuchtet

Laura Lichtblau – Schwarzpulver. C.H. Beck 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten, vielen Dank!


Das eiserne Herz des Charlie Berg

Ein Debüt, das überraschen kann – „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ ist Liebesgeschichte, Künstlerroman, Krimi und ironische Beobachtung der Kulturlandschaft zugleich.

Charlie ist mit seinem Opa unterwegs, gemeinsam gehen sie auf die Jagd. Eigentlich befindet sich Charlie mental schon auf dem Sprung. Das Abitur hat er geschafft, jetzt ist endlich Zeit für den einsamen Leuchtturm und sein erstes Romanprojekt. In dem Moment, als Charlie den Hirsch sieht, den er erlegen will, sendet ihm das Tier eine Botschaft: „Wer mich tötet, wird sterben, so wie ich sterbe.“ Kurze Zeit später ist Charlie allein im Wald, der Hirsch ist tot, sein Opa ebenfalls und ein mysteriöser Fremder, der aus dem Nichts aufgetaucht ist, ist auch tot. Charlie wird den Tod nicht mehr los, dazu kommt sein schwaches Herz, das in verschiedenen Szenen des Romans aus dem Takt kommt oder zu brechen droht.

Dabei hat der 19-jährige angehende Romancier doch ohnehin schon genug Probleme. Charlies Familie ist etwas chaotisch, das mag daran liegen, dass sein Vater lieber kiffend Musik macht, als sich um Charlie und seine autistische Schwester Franzi zu kümmern, die seitenweise aus Romanen zitieren kann und die halbe Stadtbibliothek gelesen hat oder daran, dass seine Mutter sich nicht für die Familie interessiert und lieber als Regisseurin Karriere macht. Charlies Großeltern sind zum Glück ganz in Ordnung, am liebsten trifft sich die Familie zum Geschichten erzählen bei Hirschgulasch. Die Geschichte, die sich dann ereignet, ist eine ganz besondere Gulaschgeschichte, denn völlig unerwartet taucht Charlies Kindheitsliebe Mayra aus Mexiko auf, mit der Charlie regelmäßig Videobotschaften austauscht (es sind die 90er Jahre). Mayra befindet sich auf der Flucht vor ihrem Ehemann, der sich auf Drogengeschäfte eingelassen hat und das ist noch nicht alles.

Charlie wird den Tod nicht los, genau wie der Mörder in Süskinds Parfüm, hat er eine besondere Gabe, die ihm immer wieder hilft: sein Geruchssinn ist nahezu perfekt, zur Entspannung mischt er verschiedene Düfte und verbindet sie mit besonderen Menschen. Charlie kann Gefühle riechen, er riecht, wenn jemand gerade Sex hatte oder erschnuppert, wie sich eine Person fühlt. Doch das nützt ihm leider gar nichts, denn er steht nach dem unseligen Jagdunfall unter Mordverdacht und stolpert von einem Problem ins nächste und seine chaotische Familie ist an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt.

Als wäre das Lügengebäude, in dem ich seit Opas Tod Unterschlupf gefunden hatte, nicht schon baufällig genug. Mein ganzes Leben verwandelte sich allmählich in eine notdürftig kaschierte Lüge. Meine Wehrdienstuntauglichkeit hatte ich mir mit Hilfe einer Urkundenfälschung ermogelt, beim Jagen ohne Jagdschein hatte ich einen Mann lebensgefährlich verletzt, besaß Geld, dass ihm gehörte und plante, meinen Patenonkel freizukaufen, einen vom Goetheinstitut geförderten Marihuanakonsumenten, der es für eine gute Idee gehalten hatte, Drogen aus Thailand nach Deutschland zu schmuggeln.

Das einsame Herz des Charlie Berg

Doch dann ergibt sich ein Lichtblick in Charlies Leben: er darf bei dem regionalen Literaturfestival seiner Heimat lesen. Sein ehemaliger Deutschlehrer hat, ohne sein Wissen, einen alten Text seines Lieblingsschülers eingereicht, den Charlie eigentlich nur als Fingerübung für den großen Roman betrachtet hat. Doch dann kommt natürlich wieder alles anders als geplant.

Mich hat der Roman begeistert, auch wenn einige Szenen etwas drüber waren und mich stellenweise an frühe Romane von Irving erinnert. Schön ist, dass Stuertz Genrekonventionen vollkommen schnuppe sind. Der Text überrascht die Leser*innen, schlägt vollkommen unerwartete Wendungen und ist alles in allem ein Roman, der unfassbar viel Spaß macht. Das eiserne Herz des Charlie Berg ist auf jeden Fall mein Sommerhighlight in diesem Jahr.

Sebastian Stuertz: Das eiserne Herz des Charlie Berg. btb 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert.

Wir holen alles nach

Eigentlich ist nichts passiert. Doch, es ist etwas passiert. Nein, doch nicht. Oder doch? In dem Roman Wir holen alles nach stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, die sich nicht immer richtig verhalten. Es ist eine Geschichte über das, was Menschen voreinander verbergen und die subjektiven Theorien, die sie trotzdem übereinander haben. Man glaubt etwas, über eine andere Person zu wissen, doch ob es wirklich zutrifft lässt sich nicht genau sagen.

Ellen ist Rentnerin und lebt in München. Hier wohnt sie gemeinsam mit ihrem Hund, gibt Nachhilfe, um sich ihre Rente aufzubessern und trägt jeden Morgen die Zeitung aus. Ihre Kinder leben schon lange nicht mehr Zuhause. Ellen versucht die Welt immer ein Stückchen besser zu machen. Sie versucht auf Plastik zu verzichten, sie isst wenig Fleisch. Bereits mit 40 Jahren war sie Witwe, sie hat sich an ein Leben alleine gewöhnt. Und sie glaubt, immer das Richtige zu tun.

Doch dann passiert es. Sie bekommt einen neuen Nachhilfeschüler. Elvis ist in der Grundschule und nicht so gut in Deutsch. Ellen hilft Elvis, Elvis hilft ihr. Sie gehen gemeinsam mit dem Hund spazieren, kochen und machen Hausaufgaben. Ellen gewöhnt sich sehr schnell an ihre Rolle als Ersatz-Omi und daran, dass Elvis regelmäßig zu ihr nach Hause kommt. Elvis ist manchmal sehr traurig, das macht Ellen große Sorgen. Stimmt etwas bei ihm Zuhause nicht? 

Sina ist die Mutter von Elvis. Sie hat einen stressigen Job, sie versucht sich um Elvis zu kümmern und sie braucht Zeit für ihren neuen Partner Torsten. „Wir holen alles nach!“, das sind ihre Worte, das sagt sie oft zu Elvis. Denn viel Zeit hat sie nicht für ihren Sohn. Torsten hatte ein Alkoholproblem, aber ist seit einiger Zeit trocken. Das behauptet er zumindest. Sina erlebt hautnah mit, wie die Scheidung mit Torstens Exfrau abläuft und wie wenig er seine Kinder sehen kann. Das macht sie traurig. Sie glaubt daran, dass Torsten mit Elvis alles besser machen kann. Aber dann wird sie von Ellen angesprochen, die sich Sorgen um Elvis macht und es steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Wie soll Sina reagieren? Gegenüber dieser Frau, die sie braucht und auf die sie trotzdem neidisch ist, denn sie verbringt mehr Zeit mit Elvis und warum hat sie, seine Mutter, nichts gemerkt? 

Martina Borger gelingt es meisterhaft und psychologisch sehr feinsinnig, die Verdachtsmomente der beiden Frauen und ihre Reaktionen darauf, auszuloten. Wie verhält sich Ellen gegenüber Elvis? Was macht sie mit dem Verdacht gegenüber Torsten? Wie reagiert Sina gegenüber Torsten? Was sollen sie tun, wenn Elvis nicht spricht? Aus dieser ungünstigen Ausgangslange entwickelt sich ein feingesponnenes Netz aus Gerüchten, Verdächtigungen, unausgesprochenen Anschuldigungen, die alle Beteiligten verändern werden. Der Roman ist sehr leise erzählt und trotzdem genau. Wie auf einem Seziertisch nimmt Martina Borger die Gefühle der beiden Frauen auseinander und eine unheilvolle Kettenreaktion entsteht. Ich konnte den Roman kaum zur Seite legen und das hatte ich nach den ersten Kapiteln nicht erwartet. Ein leiser Roman, sehr gelungen und eindrücklich erzählt.

Martina Borger – Wir holen alles nach. Diogenes 2020.

Die Schauspielerin

Norah hat immer ein Leben als „Tochter von“ gelebt, ihre berühmte Mutter ist in Irland eine Größe. Sie wird oft gefragt: Was für eine Mutter war Katherine O’Dell? Und Norah kann nur sagen, dass sie eben ihre Mutter war.

Eine Studentin möchte ein Interview mit Norah führen und schreibt über die Frauenfiguren im irischen Film, das stört Norah. Sie ist Schriftstellerin und sie kann es nicht mehr ertragen, dass die Presse und nun auch neugierige Student*innen der Gender-Studies über ihre Mutter schreiben und das Bild von ihr in der Öffentlichkeit bestimmen. Überraschend für ihre Fans, verübte Katherine einen Angriff auf einen berühmten Regisseur und landete in einer Psychiatrie. Hat es Zeichen für den Zusammenbruch gegeben? Wer war die sagenumwobene Katherine O’Dell wirklich? Norah befindet sich in der schwierigen Situation, die einzige Zeugin der Privatperson O’Dell zu sein, die sich in der Öffentlichkeit in der geheimnisvollen Rolle der großen Diva gefiel. Wie hat Norah überhaupt ihre Kindheit überstanden, wenn sich alles immer nur um die Kunst der Mutter drehte? Fragen, die sich die Tochter nach dem Besuch der Studentin stellt.

Norahs Mutter war kompliziert, das lässt sich mit Sicherheit festhalten. Geheimnisvoll und rätselhaft zugleich, schafft sie es in den 1950er Jahren durch ihr herausragendes Talent auf die große Kinoleinwand. Sie wirkt an einem Werbespot über Butter mit und der Slogan der Firma wird in Irland zum geflügelten Wort. Jeder kennt die Schauspielerin, die für das Theater und den Kunstfilm aber durch die Kommerzialisierung auch nicht mehr interessant ist. Denn der legendäre Werbespot, der die Schauspielerin unvergesslich machen soll, ist gleichzeitig auch ein langsamer Abschied aus dem Rampenlicht. Katherine O’Dell wird älter und ist nicht mehr gefragt, sie versucht alles, aber sie wird nie wieder an den früheren Ruhm anknüpfen können. Dabei lässt ihr Können nicht nach, aber das Interesse an ihr als Person.

Enright beginnt ihren Roman mit den Erinnerungen von Norah an ihren 21. Geburtstag. Die Feier steht dabei weniger im Mittelpunkt, als Katherine O’Dell und das Who-Is-Who der Theaterszene. Ein Klatschreporter macht Aufnahmen, überall stehen Schauspieler*innen herum und am Ende wird Norah mit falschem Namen in der Zeitung stehen. Sie ist eben nicht so wichtig, wie die Hauptperson des Abends – ihre Mutter, immer wieder. Dabei befindet sich O’Dells Stern schon lange im Sinkflug, in Hollywood spielt sie (tatsächlich) keine Rolle mehr, zwischendurch steht sie in London auf der Bühne. Bis die Situation eskaliert, Katherine in der Psychiatrie eingewiesen wird und mit gerade einmal 58 Jahren stirbt.

Norah, mittlerweile so alt wie ihre Mutter, stellt sich den eigenen Erinnerungen an ihre Mutter, ohne die Augen vor ihren Fehlern zu verschließen. Je genauer sie die Karriere ihrer Mutter, die an verschiedenen Bühnen Erfolg hatte, bis sie beim Film landete, betrachtet, desto tiefer dringt sie auch in die eigene Vergangenheit vor und zu dem Geheimnis, das ihre Mutter ihr nie verraten hat. Katherine hat Norah nie erzählt, wer ihr Vater ist.

Als Teenager verwendete ich meine Energien darauf, vor meiner Mutter wegzulaufen beziehungsweise zu ihr zurück. Wir hatten schon zu zweit mehr als genug Liebe und Ärger, wir waren ständig miteinander beschäftigt und hatten keinen Bedarf an einem „Vater“, der sich eingemischt hätte und eingeschritten wäre. Wir kamen ziemlich gut ohne ihn zurecht, besser gesagt ohne sie alle: den guten Mann, den bösen Mann, den Geliebten, das Monster, den Vampir, den Ritter in der schimmernden Rüstung, diese vielen unterschiedlichen Männer, die die Abwesenheit meines Vaters freigesetzt hatte.

Die Schauspielerin

Anne Enright hat einen sehr gelungenen Mutter-Tochter-Roman geschrieben. Die fiktive Biografie der Tochter einer Schauspielerin kann auch vor dem Hintergrund aktueller feministischer Debatten wie #metoo gelesen werden und überzeugt deshalb umso mehr.. Ich habe den Roman in einem Atemzug gelesen und kann ihn für Filmfans und Menschen, die sich für das Theater interessieren, sehr empfehlen.

Anne Enright – Die Schauspielerin. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Penguin Verlag 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

Die Detektive vom Bhoot-Basar

TW/ CN: Rape

Es ist etwas passiert. In den Slums einer nordindischen Stadt verschwinden Kinder. Niemand weiß, wer dahinter steckt.

Als erstes verschwindet der Stotterer Bahadur. Vielleicht ist er weggelaufen, sein Vater soll getrunken haben, bestimmt hat er woanders sein Glück gefunden. So sagen es die Leute auf den Straßen und so glauben es die Kinder der illegalen Siedlung, dem sogenannten Basti. Im Basti gibt es kein fließendes Wasser und Smog hängt in der Luft. Natürlich versuchen es die Schlauen woanders. Doch dann verschwindet auch Omvir, der Sohn des Bügel-Wallah und Aanchal, die einen Freund hat und regelmäßig Englisch lernt, damit sie irgendwann einen richtigen Job bekommen kann, vielleicht sogar bei den Hifi-Leuten, in den luxussanierten Hochhäusern der Stadt. Das ist schon ziemlich merkwürdig. Immer mehr Kinder und Jugendliche verschwinden und es ist kein Ende in Sicht. Und die Polizei? Hält die Füße still und schickt die Eltern der Verschwundenen wieder nach Hause.

Jai Johaari ist der Einzige, der den Fall aufklären kann. Er ist zwar erst neun Jahre alt, aber er guckt regelmäßig Police Patrol und Live Crime und weiß genau, wie man Verbrecher befragen muss und wie gelungene Ermittlungsarbeit aussieht. Irgendwann wird er mal ein erfolgreicher Detektiv sein. So stellt er sich das zumindest vor. Und seine Freundin Pari, die immer bessere Noten bekommt und sehr schlau ist und sein muslimischer Freund Faiz, der zwei ältere Brüder und einen echten Job hat, müssen ihm natürlich bei der Aufklärungsarbeit helfen. Bahadur war in ihrer Klasse und auch wenn die Lehrer sich wenig für die Kinder interessieren, die Menschen im Basti halten zusammen und das Trio beginnt mit der aufreibenden Detektivarbeit. Als Leser*innen sind wir dabei gleichermaßen nahe an den jungen Detektiv*en, als auch an den potenziellen Opfern, denen je ein Kapitel gewidmet ist. Ihre Kapitel enden damit, dass jemand geblendet wird oder dass eine merkwürdige Stimme lockt oder dass ein Tuch mit Chloroform aus dem Nichts erscheint.

Im Nachwort stellt die Autorin klar, dass dieser Teil der Geschichte der grausamen Realität geschuldet ist. Anappara arbeitete von 1997 bis 2008 als Journalistin in Indien und recherchierte zum Schwerpunkt Ausbildung und Schule. Sie interviewte Schuldirektor*innen und Lehrer*innen und stellte fest, dass für viele Kinder in den Bastis, anders als in der indischen Mittelschicht, europäische Selbstverständlichkeiten die Ausnahme sind. Sie arbeiten als Müllsammler, haben mehrere Jobs oder werden durch religiös bedingte Gewalt dazu gezwungen, die Schule zu beenden. Sie war von der Resilienz dieser Kinder beeindruckt. Pro Tag sollen 180 Kinder in den Slums in Indien verschwinden und die Polizei ermittelt nur in den wenigsten Fällen.

Die Konstellation der Geschichte hat trotz des ernsten Hintergrunds ein bisschen etwas von Emil und die Detektive, allerdings auf indisch und in einer Welt, die brutal und magisch zugleich ist. Während die Kinder ihren Aktionsradius auf ihr Viertel und den Bhoot-Basar ausdehnen, den Markt mit Garküchen auf dem Faiz arbeitet, machen sie viele Beobachtungen, die sich nicht immer so leicht erklären lassen. Denn im Basti gibt es Geschichten, die dein Leben retten können. So erzählt man es sich zumindest. Die Bhoots sind die guten Geister des Basti.

In den Geisterlegenden geht es zum Beispiel um den sagenumwobenen Bandenführer Mantel, der den Schwachen hilft und eine erfolgreiche Gang geleitet hat. Die letzten Gangmitglieder tragen dazu bei, dass die Erzählungen über ihn, Geschichten über seine Fürsorge, aber auch über seine Strenge, nicht verschwinden. Und es gibt die Straßen-ki-Rani, eine Frau, deren Tochter nach einer V*rg*waltigung starb. Ihr Geist beschützt belästigte Frauen und sucht V*rg*waltiger heim. Und natürlich gibt es Tempelgeister und gute Dschinns, wobei Jai lange den Verdacht hegt, dass ein böser Dschinn hinter den Entführungen steckt. Jai gibt alles, muss aber feststellen, dass Pari und Faiz häufig die besseren Fragen stellen und die schlaueren Schlussfolgerungen ziehen. Pari glaubt gar nicht erst an Jaris Dschinn-Theorie.

Neben den atmosphärischen Schilderungen der Marktsituationen, wird die Erzählung aus der Perspektive von Jai nie langweilig. Er zofft sich mit seiner Schwester, er diskutiert mit Pari, er arbeitet heimlich auf dem Basar und er beobachtet ganz genau, was um ihn herum passiert. In der Übersetzung werden viele indische Alltagswörter beibehalten und in einem Glossar erklärt, das trägt zur Stimmung bei. So ist ein Wallah zum Beispiel jemand, der einen bestimmten Beruf ausübt. Ein Tee-Wallah macht Tee, ein Bügel-Wallah bügelt.

Außerdem befinden sich die Kinder des Basti nicht in einer luftleeren Blase. Konflikte zwischen den Slumbewohner*innen und den reichen Anwohner*innen der Luxuswohnungen deuten sich an, dem Basti droht eine Räumung. Korrupte Polizist*innen unterstützen die Reichen, aber nicht die Basti-Bewohner, dubiose Gurus bieten ihre Hilfe bei der Suche nach den Kindern an, die Konflikte zwischen Muslimen und Hindus sind unterschwellig immer präsent und Gangs kontrollieren das Viertel. Jai ist zwar erst neun Jahre alt, aber er kennt sich in der Welt des Bhoot-Basar ganz genau aus. Ein Happy-End wird es nicht geben, dafür reichen die Emil-Vibes nicht. Aber eine sehr gelungene magische und gesellschaftskritische Erzählung über erfolgreiche Ermittlungen von drei jungen Detektiven und das Versagen der Polizei.

Deepa Anappara – Die Detektive vom Bhoot-Basar. Aus dem Englischen von pociao und Roberte de Hollanda. Rowohlt 2020.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

The read pack

Ich an meiner Seite

Birgit Birnbacher erzählt in ihrem Roman davon, wie es ist, ganz unten angekommen zu sein. Letztes Jahr gewann sie den Bachmannpreis für einen Text über einen jungen Mann, der nach einem Gefängnisaufenthalt einen ungewöhnlichen Weg geht.

26 Monate saß der 22-jährige Arthur im Gefängnis. Endlich frei! Doch was bedeutet das eigentlich? Er hat die neuesten technischen Entwicklungen verpasst und muss sich erst wieder an die Normalität gewöhnen, also steht erst einmal die Jobsuche an. Aber Arthurs Lebenslauf ist nicht mehr lückenlos. Damit er nicht nach kurzer Zeit wieder rückfällig wird, muss er an einem Resozialisierungsprogramm bei dem sehr speziellen Therapeuten Vogl teilnehmen, ein komischer Kauz, der von allen nur Börd genannt wird.

„Sein Ansatz war damals vollkommen neu. Was er machte, war anders als alles, was bisher gemacht worden war. Um Theorie scherte er sich immer nur exakt so viel, wie es eben unbedingt notwendig war. Den ganzen Rest bestritt er mit Versuch und Irrtum, mit Intuition und Inbrunst, mit dem Willen, wirklich etwas zu bewegen.“

Ich an meiner Seite

Eine Idee von Börd besteht darin, dass Arthur regelmäßig Nachrichten an seinen Therapeuten schickt, in denen er über seine Vergangenheit und sich selbst nachdenkt. Arthur soll eine Optimalversion von sich selbst entwerfen, kurzum soll er zeigen, wie er sich selbst als „Hauptfigur“ seines Lebens gestalten will.

Sie sollen sich über diese Figur dermaßen klar werden, dass Sie sie in brenzligen Situationen ,spielen‘ können, in sie hineinschlüpfen. Sich über etwas hinweg retten, indem Sie so tun, als wären Sie diese Version von sich, die bessere, die weichgezeichnete, die klügere. Und deshalb nicht straffällig werden.

Ich an meiner Seite

Während Arthur sich immer mehr dieser optimalen Version seiner selbst annähert, scheint Börd selbst einige Baustellen zu haben. Arthur folgt Börds Therapieansatz und beginnt seine Vergangenheit zu erzählen.

Arthur wächst mit seinem Bruder Klaus auf. Sein leiblicher Vater verlässt die Familie für eine andere Frau (und ein neues Kind) und seine Mutter Marianne lernt Georg kennen. Gemeinsam planen sie auszuwandern, die Kinder kommen natürlich mit, auch wenn man sie nicht fragt. In Spanien gründen Marianne und Georg ein Hospiz. Damit lässt sich Geld verdienen. Während Marianne und Georg sehr viel arbeiten müssen, damit sich der Traum vom Wohlstand in der Fremde erfüllt, werden die Kinder sich selbst überlassen. Klaus flüchtet nach wenigen Wochen zurück nach Wien, Arthur bleibt. Eine fatale Entscheidung. Er landet in einer Dreiecksbeziehung mit seinen zwei besten Freund*innen und es kommt zu einem tödlichen Unfall. Aus Angst vor den vermeintlichen Konsequenzen, kehrt auch Arthur nach Wien zurück. Marianne schickt ihm erst Geld, kümmert sich dann aber wenig um Arthur. Zu Klaus nimmt er keinen Kontakt auf. Er versucht sich ohne Hilfe durchzuschlagen und gerät dabei auf die schiefe Bahn. Dabei braucht er einfach nur Geld um zu überleben.

Was Arthur für Straftaten begeht, wird lange Zeit nicht verraten. Das macht die Spannung des Romans aus. Hat er die Chancen verdient, die er bekommt? Als Leser*in ist man da erst noch unschlüssig. Außerdem ergeben sich schnelle Szenenwechsel zwischen Gegenwart und Therapiegesprächen, Gefängnisaufenthalt und Vergangenheit in Spanien. Gerade die Gefängnisszenen sind wirklich hart. Arthur wird das Gefängnis mit einer Art posttraumatischen Belastungsstörung verlassen, Selbstzweifel und Ängste plagen ihn. Ein Lichtblick in Arthurs Leben ist die ehemalige Schauspielerin Grazetta, die Arthur in Spanien im Hospiz seiner Eltern kennen gelernt hat. Grazetta kennt sich aus mit Hauptrollen und sie hinterlässt Arthur ein Geschenk, das ihm endlich die Chance gibt, nach der er gesucht hat. Dass dann doch wieder alles ganz anders kommt als gedacht, scheint für Arthur einfach zum Leben dazu zu gehören.

Nur für Arthur? Im Leben der literarischen Figur hängt so viel vom Zufall ab. Er gerät unverschuldet in undurchsichtige Situationen. Er bekommt Hilfe, wenn er nicht damit rechnet. Börds unkonventionelle Therapiemethoden sind vielleicht erfolgreich, vielleicht nicht. Ob Börd im Programm bleibt, ist unklar. Eigentlich ist er als Therapeut für das Projekt nicht mehr tragbar. Ist das fair? Sicherlich nicht. Birgit Birnbacher hat einen überzeugenden Roman geschrieben, der in einem relativ nüchternen Tonfall eine Resozialisierungsgeschichte erzählt, in der vieles falsch läuft, weil zur Wahrheit auch gehört, dass es Fehler im System gibt. Ob Arthur diese Strafe so verdient hat, bleibt für mich auch am Ende in der Schwebe.

Birgit Birnbacher – Ich an meiner Seite. Paul Zsolnay Verlag 2020.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.