Die Geschichte der Bienen

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.

Albert Einstein

Seit vielen Jahren wird bereits vor dem Bienensterben gewarnt. Erst letzte Woche hat Sarah Wiener, die vor allen Dingen als TV-Köchin bekannt ist, eine Petition gegen das Bienensterben gestartet. Und die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. 1990 gab es noch 1,1 Millionen Honigbienen in Deutschland, mittlerweile sind es noch 700 000 Bienen.

Die geschichte der bienenDie Norwegerin Maja Lunde  macht in ihrem internationalen Bestseller Die Geschichte der Bienen das Bienensterben und die Folgen für Mensch und Umwelt zum Thema. Aber es geht nicht nur um Bienen. Die Osloerin, die bereits zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher schrieb, erzählt die Geschichte von drei unterschiedlichen Menschen, die in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten leben und deren Schicksal durch die kleinen Insekten entscheidend mitbestimmt wird.

Zum einen gibt es den Samenhändler und Bienenforscher William Savage aus England. William hatte eigentlich vor, eine Karriere als Naturforscher zu beginnen. Aber sein Mentor glaubt nicht mehr an ihn und als Familienvater muss er dafür sorgen, dass seine Kinder und seine Frau einigermaßen versorgt sind. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, sein Laden läuft nicht, in der Forschung fühlt er sich verloren. Schwermütig liegt er tagelang im Bett und hofft wenigstens seinen ältesten Sohn Edward für eine naturwissenschaftliche Karriere erwärmen zu können. Aber Edward denkt nicht einmal daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Für den Vater überraschend, kann sich Williams Tochter Charlotte für die Forschung ihres Vaters begeistern. Gemeinsam basteln sie an einem Bienenstock, der es den Imkern erleichtern soll, den Honig zu ernten, ohne die Bienen zu gefährden. Die Bienen könnten stattdessen domestiziert werden, wie andere Nutztiere. William glaubt, am Höhepunkt seiner Forschung angekommen zu sein.

Ich fing mit Skizzen an, leichte Kohlestriche auf dem Papier, ungenauer Größenangaben, (…) und allmählich nahm er vor meinen Augen Form an, wurde deutlicher, die Striche wurden präziser, die Maße genauer. Und endlich, am 21. Tag, war der Bienenstock fertig.

Dann gibt es den Imker George, der in Ohio daran arbeitet, seinen Hof zu vergrößern. Wie viele seiner Kolleg*innen reist er mit seinen Bienen durch das Land, damit sie die Blüten bestäuben. Anders als seine Kolleg*innen versucht George alles, damit sich die Bienen wohl fühlen, damit sie nicht gestresst sind. Irgendwann soll sein Sohn die Farm und die Bienenstöcke übernehmen. Aber Tom hat kein Interesse an den Bienen, sondern möchte Journalist werden. Der Schock ist groß, als George zu den ersten Farmer*innen gehört, die 2007 vom Colony Collapse Disorder bedroht sind, einem spontanen Bienensterben, das viele Imker überraschend traf. Georges Existenz steht vor dem Aus – soll er weitermachen oder die Imkerei aufgeben?

Eine der spannendsten und eindrücklichsten Figuren ist die Arbeiterin Tao. Sie lebt im Jahr 2098 in China und bestäubt Blüten mit der Hand, weil es mittlerweile kaum noch Bienen oder andere Insekten auf der Welt gibt.

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, sowie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Bei einem Ausflug mit ihrem Mann Kuon und ihrem Sohn Wei-Wen kommt es zu einem Zwischenfall. Ihr Sohn wird nach Peking in ein Krankenhaus gebracht, aber niemand erklärt den Eltern, was passiert ist. Tao fährt nach Peking – in eine Stadt, die aufgrund der Nahrungsmittelknappheit fast ausgestorben ist und versucht ihren Sohn zu finden.

In jeder Episode, die um die Hauptfiguren William, George und Tao kreist, geht es um das Verhältnis der Menschen zu den Bienen. Maja Lunde zeigt anhand ihrer unterschiedlichen Figuren, welche Folgen das Bienensterben haben kann und in der Episode um Tao auch die globalen Folgen dieser Katastrophe. Das ist ein spannender Aspekt, der besonders in Taos Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Aber es werden nicht nur bestehende Probleme fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. In allen drei Episoden spielen auch immer wieder Familien und  die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der Bienen ist thematisch aktueller, als sicherlich die meisten von uns denken. Ich habe vor Kurzem den Dokumentarfilm More than Honey auf Netflix gesehen, den Maja Lunde auch als Inspirationsquelle im Nachwort nennt. Insofern ist es wirklich grandios, wie gekonnt Maja Lunde dieses wichtige Thema aufgreift. Ansonsten ist der Roman sehr klassisch konstruiert, es gibt keine Überraschungen, die sich irgendwo verbergen, keine doppelten Böden, keine ungeklärten Fragen, Formulierungen oder Wendungen, die einer besonderen Interpretation bedürfen.

Die Geschichte der Bienen ist eine unterhaltsame, spannende und wirklich gut gemachte Familiengeschichte, in der das Leben und Sterben der Bienen das verbindende Element zwischen ganz unterschiedlichen Figuren ist. Für mich ist Die Geschichte der Bienen ein Sommer-, Strand- und Urlaubsbuch, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2017. 508 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

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Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roys Roman Das Ministerium des äußersten Glücks ist endlich auch auf Deutsch erhältlich. Nachdem sie für ihr Debüt Der Gott der kleinen Dinge 1997 den Man-Booker-Preis gewann, blieb es zunächst still um die Autorin. Zumindest im Bereich der Belletristik. Sie schrieb stattdessen politische Essays und war als Aktivistin mit unterschiedlichen sozialen und umweltpolitischen Themen beschäftigt. Auch deshalb musste sie immer wieder fürchten, verhaftet zu werden. Ich wollte das neue Buch von Arundhati Roy sofort lesen, denn Der Gott der kleinen Dinge ist eines meiner Lieblingsbücher. Aber ich habe doch ein bisschen länger für die knapp 550 Seiten gebraucht, als ich anfangs gedacht habe…

Es hatte mit der Art und Weise zu tun, wie sie lebte, als wäre sie ihr eigenes Land, ein Land, das keine Visa ausstellte und keine Konsulate zu haben schien. Wohl war, es war nie ein besonders freundliches Land gewesen, selbst in den besten Zeiten nicht. (S.276)

Roy IJede Nacht schläft Anjum zwischen zwei unterschiedlichen Gräbern. Sie rollt sich ihre Schlafmatte aus und schafft sich einen Platz an einem Ort, der für Menschen wie sie, wie geschaffen ist. Anjum sagt über sich selbst, sie sei eine „mehfil, ich bin eine Versammlung von allem und niemand, von allen und nichts“. Anjum ist ein transidentitärer Mensch, aufgewachsen als Junge, geflohen vor der Familie, findet sie irgendwann das Haus der Träume, einem Ort für Hijras.  Mittlerweile lebt sie auf einem Friedhof. In Indien werden intersexuelle Menschen so bezeichnet. Man erkennt sie schon von weitem, die meisten Menschen haben Angst vor ihnen, denn sie sind von den Göttern auserwählt und laut Aberglauben dazu in der Lage, andere zu verfluchen. Anjum hat eine schlimme Vergangenheit hinter sich, aber trotz ihrer traumatischen Erlebnisse schafft sie sich einen Ort, der ohne Grenzen und Gewalt ein friedliches Miteinander möglich macht. Ihr Ministerium des äußersten Glücks, in dem auch schon mal Shakespeare zitiert wird, ist ein Ruhepol in einem Land, das auch von kriegerischen Konflikten nicht verschont bleibt.

Normalität in unserem Teil der Welt ist so etwas wie ein weichgekochtes Ei: Seine langweilige Oberfläche verbirgt zuinnerst einen Dotter von ungeheuerlicher Gewalttätigkeit. Es ist unsere ständige Angst vor dieser Gewalttätigkeit, unsere Erinnerungen an ihre vergangenen Werke und das Grauen vor ihren zukünftigen Manifestationen, die die Regeln niederlegen, wie ein so komplexes und heterogenes Volk, wie wir es sind, weiterhin koexistieren kann – weiterhin zusammenleben, einander tolerieren und von Zeit zu Zeit einander abschlachten kann. Solange die Mitte hält, solange der Dotter nicht ausläuft, ist alles in Ordnung. (S.195)

Der Roman dreht sich nicht nur um Anjum, die den Ort für alle erschaffen kann, die nach ein bisschen Glück suchen. Es gibt den jungen Saddam Hussein, der sich so genannt hat, weil ihn die würdevolle Haltung des Diktators vor seiner Hinrichtung beeindruckt hat. Er findet relativ schnell einen Weg zu Anjum. Aber dann gibt es noch ein anderes Quartett, dessen Beziehungen so komplex und verwirrend sind, wie der Konflikt um die Region Kaschmir. Seit 1947, im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit Indiens, schwelt der Konflikt zwischen Pakistan und Indien um die Region Kaschmir, neben territorialen Ansprüchen geht es immer auch um religiöse Differenzen zwischen Hindus und Muslimen.

Im Ministerium des äußersten Glücks geht es neben Anjum um vier Freunde, die alle von den Konflikten innerhalb der Gesellschaft bedroht sind und ihre eigenen Schlüsse aus diesen Bedrohungen ziehen. Zum einen Naga, ein Journalist und Agent, dann der Kashmiri Musa, der sich in den Konflikt um sein Land einmischt, seine Geliebte, die Architektin Tilo und der Ich-Erzähler, der selbst einmal ein Agent gewesen ist. An der Universität haben sie sich in einer Theatergruppe kennen gelernt und auch in der Gegenwart sind ihre Schicksale miteinander verknüpft. Besonders Tilo ist eine Figur, die sehr viel erlebt hat und die ich auch nach Ende des Buches nicht vergessen kann. Sie heiratet Naga und nicht ihren Geliebten Musa, vielleicht weil sie Schutz braucht, aber „ein weniger großzügiger Mensch würde behaupten, weil sie ein Versteck brauchte“ (S.276) Die Wege der Figuren kreuzen sich wieder, spätestens dann, als ein Baby gefunden wird.

Es ist für mich sehr schnell deutlich geworden, dass Roy viele Themen, die sie in ihren politischen Essays aufgreift, auch als Hintergrund in den Roman einfließen lässt. Das erfordert eine Menge Konzentration und hin und wieder mal einen guten Wikipedia-Eintrag (und der Wikipedia-Eintrag zum Kaschmirkonflikt ist das leider nicht). Anders als Der Gott der kleinen Dinge ist Das Ministerium des äußersten Glücks sicherlich nicht so leicht zugänglich. Trotzdem lohnt sich die Auseinandersetzung mit diesem Buch. Die Figuren sind fantastisch, in jedem Nebensatz steckt noch eine Geschichte, die nur in diesem Moment nicht erzählt wird. Manchmal weiß man nicht genau, ob eine Geschichte stimmt. Häufig treffen sich Menschen im Roman und erzählen sich davon, was anderen passiert sein soll oder was ihnen passiert ist. Vieles wirkt im ersten Moment diffus, weil viele Dinge nicht sofort angesprochen werden.

Das Ministerium des äußersten Glücks ist ein bewegender Indienroman, der sehr viel Zeit braucht und auch sehr viel Geduld von seinen Leser*innen fordert. Das hängt auch damit zusammen , dass sich viele Perspektivwechsel und Zusammenhänge zwischen den Figuren und ihren Geschichten oft erst einige Seiten später klären – aber dafür mit einer unglaublichen poetischen und erzählerischen Wucht. Die Konstruktion der Geschichte ist beeindruckend, die sprachliche Gestaltung fantastisch. Roy lässt nicht zu, dass ihre Figuren ermordet werden – sie werden „gefaltet“. Und das ist nur ein Beispiel von vielen poetischen Wendungen, die sich im Text verstecken, die man zunächst überliest und die dann doch nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? Indem man sich langsam in alle verwandelt. Nein. Indem man sich langsam in alles verwandelt. (S.540)

Es sind auch viele Nebenfiguren, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Figuren, die ich beim ersten Lesen als lächerlich oder verrückt empfunden habe und Seiten später erfährt man dann, dass diese Figur einen Angriff auf das eigene Dorf überlebt hat, bei dem viele andere hingerichtet wurden. Da kommen Listen, Träume, unvollständige Erzählungen des Ich-Erzählers und Zeugenaussagen zusammen, um ganz langsam ein Bild von Indien in der Gegenwart entstehen zu lassen, das mich sehr beeindruckt hat. Und neben allen schrecklichen und erschütternden Bildern, die Arundhati Roy zeichnet, bleibt am Ende doch noch ein kleiner Ort des Glücks bestehen. Ausgerechnet auf einem Friedhof.

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks (The Ministry of Utmost Happiness). Aus dem Englischen von Anette Gruber. S. Fischer Verlag 2017.

560 Seiten.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

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The Hate U give

Wenn ihr in diesem Sommer Zeit für nur ein Jugendbuch habt (zum Beispiel, weil ihr gar keine Jugendbücher lest oder diese nur im Sommer lest oder überhaupt zu wenig Zeit zum Lesen habt – Gründe gibt es viele) – dann lest The Hate U give von Angie Thomas. Punkt.

The Hate U give.jpg

Starr ist 16 Jahre alt und hat endlich eine Balance für die unterschiedlichen Welten gefunden, in denen sie lebt. Einerseits ist da das schwarze* Problemviertel, in dem sie aufgewachsen ist und mit ihrer Familie lebt und andererseits das weiße* Viertel, in dem ihre Privatschule steht und sie als „Quotenschwarze“ gilt. Ihre Mitschüler*innen reden gerne vom „gehtto“, wenn sie über Starrs Viertel sprechen – die meisten von ihnen waren noch nie dort. Starr hat sich daran gewöhnt, dass diese beiden Welten ,in denen sie lebt, nicht miteinander vereinbar sind.

Starrs Leben ändert sich mit einem Schlag, als ihr bester Freund Khalil von einem Polizisten bei einer Routinekontrolle seines Fahrzeugs erschossen wird. Khalil war unbewaffnet. Landesweit berichten die Medien über Khalils Tod. Von vielen wird er als Drogendealer abgestempelt, andere protestieren in seinem Namen gegen Polizeigewalt. Die Polizei und die Gangs des Viertels fangen an Druck auf Starrs Familie auszuüben, denn Starr saß im Auto ist die einzige Zeugin des Vorfalls…

They probably heard me crying. Great. What’s worse than being the Angry Black Girl? The Weak Black Girl.  (S.116)

Angie Thomas hat ein Buch geschrieben, das wirklich jede_r lesen sollte. Es geht um Alltagsrassismus, Racial Profiling und rassistische Polizeigewalt und fiktionalisiert so Ereignisse, die 2013 unter dem Hashtag #BlackLivesMatter auf Twitter und verschiedenen SocialMedia-Kanälen thematisiert wurden.

Neben vielen anderen Fällen von rassistischer Polizeigewalt, sorgten drei Todesfälle in den Jahren 2013 und 2014 für Aufsehen. 2013 wurde der 17-jährige Trayvon Martin in Californien von dem Nachbarschaftswachtmann George Zimmermann erschossen. Zimmerman behauptete, er habe in Notwehr gehandelt, als er den am Boden liegenden Jugendlichen erschossen habe und Trayvon habe sich zudem verdächtig verhalten. Trayvon war unbewaffnet. Zimmerman wurde freigesprochen.

 2014 wurde der 18-jährige Michael Brown von dem weißen* Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen. Brown war unbewaffnet, Wilson feuerte insgesamt zwölf Schüsse auf den Jugendlichen ab, einige Zeugen sagen, Brown habe sich „bedrohlich“ auf den Polizisten zubewegt. Als die Grand Jury entscheidet, dass es kein Verfahren geben soll, kommt es in der Folge der Ereignisse zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in Ferguson.

 Im selben Jahr stirbt der 43-jährige schwarze* Michael Garner bei seiner gewaltsamen Polizeiaktion in New York. Garner wurde von der Polizei verdächtigt, illegal Zigarretten zu verkaufen. Garner verneinte das und wehrte sich gegen eine körperliche Untersuchung, daraufhin wird er von dem Polizisten Daniel Pantaleo in einen für Einsatzkräfte eigentlich verbotenen Würgegriff genommen. Obwohl Garner, der an Asthma litt, mehrmals rief, dass er nicht atmen könne, warfen mehrere Polizisten den Mann zu Boden und behielten ihn in dem Würgegriff. Garner starb vor Ort. Keiner der anwesenden Polizisten versuchte Garner wiederzubeleben. Die Grand Jury klagt die Polizisten nicht an.

 In diesem gesellschaftlichen Klima beginnt Angie Thomas, die in Mississipi lebt und Creative Writing studiert hat, ihren Debütroman zu schreiben, der aktueller nicht sein kann und zum Bestseller wird. Inspiration für den Titel ist für die ehemalige Rapperin der Musiker und Rapper Tupac Shakur (1971-1996), der auch für Khalil einen Heldenstatus inne hat. 2Pac war Mitglied der HipHop-Gruppe Thug Life und hat in seiner kurzen Musikkarriere über 75 Millionen Alben verkauft. Im Amerikanischen Slang werden Kriminelle häufig als Thugs bezeichnet. Tupac deutet den Begriff Thug Life für sich um.

„Listen! The Hate U – the Letter U – Give Little Infants Fucks Everybody. T-H-U-G L-I-F-E. Meaning what society gives us as youth, it bites them in the ass when we wild out. Get it?“ (S.21)

Starr muss sich nach dem Tod von Khalil nicht nur mit ihren besorgten Eltern herumschlagen. Sie hat selbst Angst vor der Polizei und Angst davor, wie es mit den Kings (den Gangchefs ihres Viertels) weiter geht. Außerdem hat sie niemandem in ihrer Schule von dem Abend erzählt. Nach Khalils Tod ändert sich ihr Leben. Vieles, was für sie selbstverständlich war, ist es nicht mehr. Ihre neue Wachsamkeit für die eigene Situation führt auch dazu, dass sie anfängt, ihr eigenes Leben zwischen den verschiedenen Welten zu hinterfragen.

The Hate U give ist ein Roman, den man so schnell nicht vergisst. Weil er wahr ist und weh tut. Thematisiert werden race, identity, Freundschaft, Liebe und besonders das gesellschaftliche Klima, das in den USA herrscht. Angie Thomas zeigt die konkreten und tödlichen Folgen von Vorurteilen und Rassismus und macht so Alltagsrassismus greifbar – auch für Weiße* Menschen wie mich, die diese Diskriminierung – zum Glück – nie erleben mussten. Zum Schluss möchte ich noch John Green zitieren, denn das kann nie verkehrt sein: „Angie Thomas has written a stunning, brilliant, gut-wrenching novel that will be remembered as a classic of our time.“ The Hate U give hat eine Menge Potenzial zum modernen Klassiker zu werden. Lest dieses Buch.

 Angie Thomas: The Hate U give. Walker Books 2017.

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