Magnet

„Jokum spürte, wie etwas an ihm zerrte, an dem Magneten, die Kindheit war im Norden, die Zukunft im Süden, und er stand direkt dazwischen, wie er es immer getan hatte, zwischen dem, was gewesen war, und dem, was noch sein würde.“

Manche Fotografen werden durch Porträtaufnahmen berühmt. Jokum Jokumsen hingegen, war schon immer von den Dingen fasziniert. Als Archivar des Alltäglichen fotografiert er vergessene Alltagsgegenstände, die sonst niemanden interessieren. Sie sind der Schlüssel zu seinem Erfolg und führen ihn bis in die USA.

Magnet

Lars Saabye Christensen erzählt auf knapp 950 Seiten die Geschichte von Jokum Jokumsen, der schon immer einen etwas anderen Blick auf die Welt hatte. Mit seinen knapp 2 Metern ist er eine Ausnahmeerscheinung, schon im Studentenwohnheim in Oslo in den 1970er Jahren wunderte man sich über den großen Literaturwissenschaftsstudenten und Jazzliebhaber. Jokum ist heimlich in seine Mitbewohnerin Synne Sager verliebt, die Kunstgeschichte studiert und sich für Stillleben interessiert. Als Synnes Hamster Hubert stirbt, ist Jokum zur rechten Zeit am rechten Ort. Auf einem Leonard Cohen Konzert kommen sich die beiden näher. Synne schenkt Jokum eine Leica und bald darauf, sieht man den großen Mann nur noch mit einer Kamera in der Hand, den Blick auf den Boden gesenkt.

Die Beziehung der beiden ist nicht einfach. Jokum ist eher Jazz, Synne eher Stilleben. Vielleicht auch andersherum. Und das fängt schon bei den Elternhäusern an. Kommt Jokum aus einer intakten Familie, die sich sehr für sein Leben interessiert, ist Synne in einem reichen, aber ziemlich kaputten Elternhaus aufgewachsen. Vielleicht ist sie deswegen so kompliziert. Als Jokum erste Erfolge hat, entscheidet Synne ihre Doktorarbeit in Kunstgeschichte in San Francisco fortzuführen – sie kann promovieren und Jokum kann sich seiner Kunst widmen. Doch bald dreht sich das Blatt: Synne gibt ihre Doktorarbeit auf und wird Jokums Kuratorin. So entscheidet sie maßgeblich mit, wenn es um die Ausrichtung seiner Werke geht. Jokum ist diese Aufteilung nur recht, häufig wirkt er nur mäßig alltagskompetent, sodass Synnne wahrscheinlich den Eindruck gewinnt, sie müsste sich um vieles kümmern. Und der Plan geht auf: bald schon kann Jokum seine Werke im Museum of Modern Art New York präsentieren. Jokums persönliches Erfolgsgeheimnis ist ein Magnet, den ihm sein Vater geschenkt hat und der immer wieder eine Rolle spielt. Gleichzeitig ist es vor allen Dingen Synne, die den Kurs bei den Fotografien vorgibt, während Jokum seine Rolle als Künstler etwas anders sieht. Wie damals in Oslo ist er der Ansicht, dass die Bilder zu ihm kommen und dass er Dinge findet, nicht für einen Aha-Effekt arrangiert. Synne sieht das etwas anders. Alle Stilleben, die sie untersucht hat, sind letztlich perfekt arrangiert.

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

Während sich Synne und Jokum beruflich immer klarer als Künstlerpaar etablieren, bleiben Schattenseiten in der Beziehung nicht aus. Das ist zum einen, die Beziehung zu den Eltern, die sich bei Synne als sehr schwierig gestaltet, zum anderen auch der Versuch des Paares, selbst Eltern zu werden. Immer wieder wechseln sich lustige Szenen und tolle Dialoge mit vielen melancholischen Passagen ab, in denen Jokum für sich ausloten muss, was ein gelungenes Leben eigentlich bedeutet.

Erzählt wird die Geschichte von einem ehemaligen Mitbewohner von Jokum und Synne aus der Osloer WG. Auch die anderen ehemaligen Mitbewohner tauchen immer wieder auf. Der überzeugte Kommunist Bengt wird später zum Unternehmensberater und der Liedermacher Arve, auf den Jokum eine ganze Zeit sehr eifersüchtig ist, schreibt ein One-Hit-Wonder und wird danach vergessen. Die Erzählung springt durch verschiedene Zeiten und von Oslo nach San Francisco und zum Aufenthaltsort des Erzählers, der sich in einer Art Wohngruppe für psychisch Kranke befindet. Das kann anfänglich etwas verwirrend sein, sorgt aber dafür, dass die Geschichte einen unglaublichen Sog entwickelt. Denn der ehemalige Mitbewohner schreibt selbst an einem Buch. Es heißt „Magnet“ und es geht um die Beziehung von Jokum Jokumsen und Synne Sager.

Magnet ist ein Roman, den ich kaum aus den Händen legen konnte. Der Roman ist witzig, melancholisch und genial konstruiert (allein die Szene mit Hubert, dem Hamster und dem sich daran anschließende Kapitel sind schon eine Sache für sich). Außerdem gelingen Christensen immer wieder wunderschöne Metaphern, die Jokums und Synnes Entwicklung als Künstler*innen und als Paar einfangen. Neben sehr realistischen und immer wieder auf die zeitliche Verortung der Handlung verweisenden Passagen (das Leonard Cohen-Konzert, Jokum darf ein Foto für das neue Album von Tom Waits beisteuern usw.), gibt es gerade am Anfang auch Szenen, die in einer Art Zwischenwelt spielen, die ich gar nicht genau festlegen kann. Jokum schreibt seine letzte Klausur über Kafkas Prozess. Und auf einmal begegnen ihm auch in seinem alltäglichen Leben die Menschen aus der Erzählung. Genialer kann man kaum schreiben.

Magnet ist ein Buch, das mich absolut begeistert hat und dem ich sehr viele Leser*innen wünsche. Kennt ihr andere Romane von Lars Saabye Christensen? Ich habe Lust auf mehr.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank!

Lars Saabye Christensen: „Magnet“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt, 960 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

 

Licht und Zorn

 

„Zwischen ihrer Haut und seiner war nur ein winziges bisschen Raum, kaum genug für den Schweißfilm, der jetzt trocknete. Und doch hatte sich etwas Drittes in diesen hauchdünnen Spalt geschoben, ihre Ehe.“ (S.11)

 

Licht und Zorn

Jede Geschichte hat zwei Seiten. Diese Erkenntnis ist so banal, wie richtig. Lauren Groff baut auf diesem Fundament eine Ehedrama auf, dass es in sich hat. Die beiden Seiten der Ehe von Lotto und Mathilde werden zunächst aus Lottos Sicht geschildert (Licht) und anschließend um die Perspektive von Mathilde (Zorn) ergänzt. So werden im zweiten Teil, Eindrücke von Lotto in ein ganz neues Licht gerückt.

Lotto und Mathilde heiraten mit 22, ziemlich überstürzt, nachdem sie sich auf einer Party kennen gelernt haben. Der Roman beginnt mit einer Szene am Strand. Während Lotto verliebt um Mathilde herum turtelt und ihr begeistert erzählt, dass sie jetzt zu ihm gehören würde, besteht sie darauf, dass niemand irgendjemandem gehört, denn „zusammen sind wir etwas Neues“ (S. 11). Lotto glaubt ihr nicht, denn er geht davon aus, dass er alles über seine Frau weiß und immer alles über sie wissen wird. Wie wenig Lotto eigentlich wissen kann, wird im Laufe des Romans immer deutlicher.

Lottos Geschichte ist zunächst die Geschichte seiner Eltern. Der Vater erarbeitet sich ein finanzielles Polster, er stirbt, Lotto wird auf ein Internat geschickt, er hat verschiedenste Beziehungen und stürzt sich auf das Schultheater. Hier kann der Junge in verschiedenen Rollen glänzen. Bis er überraschend auf Mathilde trifft. Die unbekannte Schöne fasziniert Lotto, er heiratet sie spontan nach einer Party. Beide sind 22 und das Leben liegt vor ihnen. Lottos Mutter ist empört über die Entscheidung des Sohnes, vermutet, die neue Frau wolle nur an sein Geld. Lotto bricht den Kontakt zu seiner Mutter ab. Aber wer ist Mathilde eigentlich? Wer ist diese Frau, die aus Lottos Leben urplötzlich nicht mehr wegzudenken ist?

Mathilde unterstützt Lotto und kümmert sich um das Drumherum, damit Lotto als Schauspieler erfolgreich sein kann. Als für den eingeschlagenen Karriereweg sein Talent nicht reicht, unterstützt Mathilde ihn dabei, ein erfolgreicher Dramaturg zu werden. Sein  Durchbruch gelingt ihm mit einem Stück, das auf einem Erlebnis von Mathilde beruht, das Lotto unbekümmert für die Bühne ausschlachtet. Im Zentrum der Ereignisse steht ein Blutegel. Mathilde hatte sich als kleines Mädchen das Vampirwesen auf ihr Bein gesetzt. Dort blieb der Blutegel, tagelang. Vielleicht als Trost für das einsame Mädchen, vielleicht als Form der Bestrafung? Man weiß es nicht genau. Die Blutegelepisode ist nur ein kleiner Hinweis auf alles, was im zweiten Teil noch kommen soll.

Warum Mathilde das Leben mit Lotto, der ein ums andere Mal, verbal über die Strenge schlägt, ausgehalten hat, offenbart sich im zweiten Teil. Qualitativ erinnert die Auflösung einiger Szenen, bei denen Mathilde oft die Fäden zog, an Filme wie Fight Club. Ein Grund dafür, warum ich den Roman kaum aus der Hand legen konnte. So ausufernd  die Lebensgeschichte von Lotto, dem weißen, reichen Glückskind geschildert wird, so präzise und konkret wird es, wenn es um Mathildes Leben geht. Und es zeigt sich auch, dass Lotto Mathilde geholfen hat, mit den Traumata ihrer Jugend umgehen zu können. Er wusste davon natürlich nichts. Aber ob er ohne Mathilde jemals so erfolgreich gewesen wäre?

Lauren Groff spielt gekonnt mit dem lückenhaften Wissen der Leser*innen. Das Ehedrama ist genial geschrieben und Licht und Zorn deshalb ein echter Pageturner, der in jedem Fall Potenzial zum Lieblingsbuch hat.

Lauren Groff – Licht und Zorn. Übersetzt von Stefanie Jacobs.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert. Vielen Dank!

 

Wir sehen uns dort oben

Wir sehen uns dort oben II

 

Alles in allem war ja ein Krieg nie etwas anderes als der Versuch einer systematischen Tötung auf einem Kontinent. (S.55)

Die beiden Helden der Geschichte trifft man auf den ersten Seiten im Schützengraben liegend an, es ist Winter 1918 und nur langsam gehen die letzten Wochen bis zum Waffenstillstand im November ins Land. Auf den ersten Seiten des Romans wird der Krieg so brutal und grausam geschildert, wie man es sich nur vorstellen kann. Der Auftakt des Romans bildet die Basis für alle folgenden Entwicklungen, eine verbrecherische Aktion eines Vorgesetzten kettet das Leben von sehr unterschiedlichen Menschen auf ewig zusammen.

Im Wesentlichen geht es um drei Figuren, die schon auf den ersten fünfzig Seiten aufeinandertreffen:  Henri d’Aulnay-Pradelle, Leutnant der französischen Infanterie,  ist der Vorgesetzte des Soldaten Albert Maillard. Er schickt seine Soldaten in einen Kampf, der eigentlich schon gelaufen ist. Albert, ein schüchterner Bankangestellter, der noch nie mit einem Mädchen ausgegangen ist, wird an diesem grauen Novembermorgen in einem Bombentrichter verschüttet. Neben ihm liegt ein verwesender Pferdekopf, um ihn herum ist nur noch Erde und Matsch. Der Tod naht. Nur durch Zufall wird sein aus der Erde ragendes Bajonett von seinem Kameraden Édouard Péricourt entdeckt, der daraufhin beginnt, Albert auszugraben. Weil er gerade dabei ist, seinem Kameraden das Leben zu retten, wird Édouard von einem Granatensplitter getroffen, der ihm das halbe Gesicht wegreißt. Der angehende schwule Künstler, der aus einer einflussreichen Bankerdynastie kommt, wird den Rest seines Lebens mit einem entstellten Gesicht und verschmorten Stimmbändern herumlaufen. Albert und Édouard überleben, sind aber schwer gezeichnet.

Im Lazarett stellt Édouard klar, dass er in seinem Zustand auf keinen Fall nach Hause zurückkehren kann. Lieber stirbt er. Jetzt ergreift Albert die Initiative und kümmert sich aufopferungsvoll um den Verwundeten. Er besorgt ihm sogar eine neue Identität, damit Édouard keinen Gedanken mehr an seine Familie verschwenden muss, der er sich in seinem Zustand auf keinen Fall zeigen kann. Die alten Kameraden bleiben auch nach dem Krieg zusammen – und sind weitestgehend auf sich allein gestellt.  Édouard beginnt sich Masken zu basteln, damit niemand sein entstelltes Gesicht sehen muss.

Man hatte langsam die Nase voll von diesen Helden! Außerdem waren die wirklichen Helden tot! (S.155)

Auf die Kriegsheimkehrer wartet in Paris der gesellschaftliche Untergang. Keine finanzielle Hilfe, also kein Geld für Medizin oder die Miete. Pierre Lemaitre, der zuvor Kriminalgeschichten geschrieben hat, malt ein ziemlich düsteres Bild der französischen Nachkriegsgesellschaft.

Die Zeit, in der die Politiker mit der Hand auf dem Herzen erklärten, der Staat sei ’seinen lieben Frontsoldaten zu Ehre und Dank verpflichtet‘, war längst vorbei. Albert hatte ein offizielles Schreiben erhalten, in dem es hieß, die wirtschaftliche Situation des Landes erlaube es nicht, ihm seine alte Stelle zu geben. Deshalb sei es notwendig, all jene aus dem Dienst zu entlassen, die ‚unserem Land in diesem grausamen Krieg einen bedeutenden Dienst‘ erwiesen hätten und so weiter. (S.158)

Allerdings gibt es einen Mann, der vom Krieg profitiert. Der ehemalige Leutnant Pradelle, der Mitschuld an dem Unglück von Albert und Édouard trägt,  macht das Geschäft seines Lebens mit der Umbettung von Toten durch die Armee auf eigens eingerichtete Soldatenfriedhöfe und wird so zum Millionär. Sein Trick: wenn man die Leichen klein faltet oder wahlweise hackt, kann man die Särge kleiner bauen und so mehr Tote auf einem Friedhof unterbringen. Und wenn man polnische Totengräber anheuert, sind sie günstiger als französische. Außerdem lernt Pradelle eine hübsche Frau kennen, die Geld hat und einen Namen, den er auch gerne hätte. Dass Pradelle dabei ist, in Edouards Familie einzuheiraten, weiß der Leutnant nicht.

Brutal, kaltblütig, kaltherzig, fies, geldgeil – zu Pradelle fallen mir diverse Adjektive ein. Dass die Freunde Albert und Édouard allerdings selbst einen eigenen Coup starten, der Pradelles Unternehmen in den Schatten stellt, ist ein grandioser Streich von Lemaitre, der das Kriegsdrama im zweiten Teil in eine Gaunerkomödie verwandelt (ohnehin weicht die Schwere des Anfangs, die Verstrickungen von Pradelle mit der Schwester von Édouard gehen schon fast ins schlagerfilm-/operettenhafte).

Albert und Édouard planen Kriegsdenkmäler zu verkaufen. Jedes Dorf braucht ein Kriegsdenkmal und der Künstler Édouard malt die Szenen des Krieges so schablonenförmig, wie die Öffentlichkeit sie gerne hätte. Denn wen interessiert schon, wie es wirklich gewesen ist?  In einer Gesellschaft, in der Tote mehr wert sind, als die Überlebenden, eine ziemlich lukrative Angelegenheit.

Pierre Lemaitre ist für den Roman Wir sehen uns dort oben 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, der Roman war ein Bestseller in Frankreich. Kein Wunder, denn die Geschichte über diese besondere Freundschaft von zwei Außenseitern nach dem Ersten Weltkrieg ist grandios auf den Punkt und wirklich mitreißend geschrieben. Absolute Leseempfehlung.

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben. Aus dem Französischen von Antje Peter (Titel der Originalausgabe: Au revoir lá-haut). btb 2017.

Nachtlichter

Amy Liptrot hat mit ihrem Debüt Nachtlichter eine mutige Geschichte über die Einsamkeit in der wilden Natur der Orkneys geschrieben und liefert gleichzeitig tiefe Einblicke in das Leben nach ihrem Alkoholentzug.

NachtlichterDie Journalistin Amy Liptrot landet mit Anfang dreißig an dem Ort, an den sie eigentlich nie zurückwollte – in ihrer alten Heimat, den Orkneyinseln, einer abgelegenen Region im dünn besiedelten Schottland. Nur zwanzig der Inseln sind bewohnt, Cava, Faray, Fara, Eynhallows, Swona und Copinsay sind es nicht mehr. Sie sind  einsame Flecken Erde, „auf denen die leeren Häuser verfallen, den Elementen preisgegeben“, während die Felder sich langsam in Moore verwandeln. Warum Amy Liptrot ausgerechnet diese unwirtlichen Orte aufsucht, macht einen großen Teil der Faszination des Buches aus.

Auf der kleinen Insel Papay gelingt es Amy Liptrot für einen Moment innezuhalten. Als sie die Wellen beobachtet, wird ihr etwas klar: Alle Wellen können „nur eine bestimme Höhe erreichen, ehe sie abstürzen“. Es ist der Moment, der für sie einen Neuanfang markiert.

Während eine Welle zerschellt und Schaum in meine Richtung spritzt, wird mir klar, dass ich […] mich beim Trinken genauso gefühlt habe. (S.266)

Amy Liptrots Debüt zu lesen, gleicht gerade in den Anfangssequenzen einem voyeuristischen Akt. Es ist nicht ganz einfach zu lesen, wie viele Abstürze die Journalistin mitmachen muss und welche Schwierigkeiten ihr immer wieder begegnen, die in der Regel mit ihrer Alkoholsucht zusammenhängen. Das spannende und faszinierende an dieser Biografie ist hingegen, wie es Liptrot gelingt, in der Einsamkeit der Natur zu sich selbst zu finden. Während sie Basstölpel und Lummen beobachtet, Steinmauern baut und Schafe über die Weide trägt, merkt sie, dass das Leben in der Natur eine heilende Wirkung hat. Sie beschäftigt sich mit Nachtlichtern und Astronomie und kann über ihr Handy und ihren Laptop mit der Welt „da draußen“ kommunizieren. Erst hier entfaltet sich das, was der Observer  als „Sternstunde des New Nature Writing“ bezeichnet. Und um diesen krassen Kontrast zu verstehen, war der erste Teil, in dem Liptrot sich von Exzess zu Exzess quält, Jobs verliert, betrunken durch London auf der Suche nach Alkohol irrt und aus WG-Zimmern geschmissen wird, wahrscheinlich für die Schriftstellerin notwendig. Für die Leser*innen kann dieser Aufbau etwas langatmig werden.

Erst weit weg von der Zivilisation, an den wahrscheinlich einsamsten Orten der Welt, die sie seit ihrer Jugend verlassen wollte, findet sie zu sich selbst und lebt ein Leben wie ihre Eltern. Sie züchtet Schafe und lässt sich auf Papay nieder, einer Insel mit gerade einmal 70 Bewohner*innen. Hier schwimmt sie im Meer, fängt an zu schnorcheln und lebt sehr minimalistisch. Außerdem arbeitet sie für einen Umweltschutzverein und zählt den seltenen Wachtelkönig, einen bedrohten Vogel, den man nur nachts hören kann. Während sie versucht, den Vogel zu finden, reflektiert sie immer wieder ihre Situation und versucht zu verstehen, warum sie wieder im Nordwesten der Orkneys gelandet ist. Und dann spielt auch die Literatur wieder eine Rolle.

Schon vor meinem Sommerjob habe ich angefangen, Moby Dick zu lesen. Inzwischen lese ich das Buch schon so lange, dass es sich anfühlt, als befände ich mich selbst auf einer dreijährigen Walfangreise rund um die Welt; ich trage das Buch jeden Tag bei mir, schwer wie eine Harpune liegt es in meiner Umhängetasche. Ich bin der rasende Kapitän Ahab, nur jage ich anstelle eines Wals einen scheuen Vogel. (S.167)

Im englischsprachigen Raum scheint die Kategorie „New Nature Writing“ tatsächlich ein großes Ding zu sein. Ich habe mich ein bisschen an Wild -Der große Trip erinnert gefühlt, aber trotzdem schreibt Liptrot ganz anders, dafür nicht weniger faszinierend von ihrem Weg in ein glücklicheres Leben.

„Ich habe Diskolichter gegen Himmelslichter eingetauscht, aber ich bin immer noch von Tänzern umgeben. Ich werden von siebenundsechszig Monden umkreist.“ (S.269)

Amy Liptrot – Nachtlichter. Aus dem Englischen von Bettina Münch. btb 2017.

Das Bild habe ich letzte Woche in unserem Kroatienurlaub gemacht – ich habe es leider nicht nach Schottland geschafft. Aber Kroatien war auch sehr schön ;)

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen, vielen Dank.

Die Geschichte der Bienen

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.

Albert Einstein

Seit vielen Jahren wird bereits vor dem Bienensterben gewarnt. Erst letzte Woche hat Sarah Wiener, die vor allen Dingen als TV-Köchin bekannt ist, eine Petition gegen das Bienensterben gestartet. Und die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. 1990 gab es noch 1,1 Millionen Honigbienen in Deutschland, mittlerweile sind es noch 700 000 Bienen.

Die geschichte der bienenDie Norwegerin Maja Lunde  macht in ihrem internationalen Bestseller Die Geschichte der Bienen das Bienensterben und die Folgen für Mensch und Umwelt zum Thema. Aber es geht nicht nur um Bienen. Die Osloerin, die bereits zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher schrieb, erzählt die Geschichte von drei unterschiedlichen Menschen, die in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten leben und deren Schicksal durch die kleinen Insekten entscheidend mitbestimmt wird.

Zum einen gibt es den Samenhändler und Bienenforscher William Savage aus England. William hatte eigentlich vor, eine Karriere als Naturforscher zu beginnen. Aber sein Mentor glaubt nicht mehr an ihn und als Familienvater muss er dafür sorgen, dass seine Kinder und seine Frau einigermaßen versorgt sind. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, sein Laden läuft nicht, in der Forschung fühlt er sich verloren. Schwermütig liegt er tagelang im Bett und hofft wenigstens seinen ältesten Sohn Edward für eine naturwissenschaftliche Karriere erwärmen zu können. Aber Edward denkt nicht einmal daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Für den Vater überraschend, kann sich Williams Tochter Charlotte für die Forschung ihres Vaters begeistern. Gemeinsam basteln sie an einem Bienenstock, der es den Imkern erleichtern soll, den Honig zu ernten, ohne die Bienen zu gefährden. Die Bienen könnten stattdessen domestiziert werden, wie andere Nutztiere. William glaubt, am Höhepunkt seiner Forschung angekommen zu sein.

Ich fing mit Skizzen an, leichte Kohlestriche auf dem Papier, ungenauer Größenangaben, (…) und allmählich nahm er vor meinen Augen Form an, wurde deutlicher, die Striche wurden präziser, die Maße genauer. Und endlich, am 21. Tag, war der Bienenstock fertig.

Dann gibt es den Imker George, der in Ohio daran arbeitet, seinen Hof zu vergrößern. Wie viele seiner Kolleg*innen reist er mit seinen Bienen durch das Land, damit sie die Blüten bestäuben. Anders als seine Kolleg*innen versucht George alles, damit sich die Bienen wohl fühlen, damit sie nicht gestresst sind. Irgendwann soll sein Sohn die Farm und die Bienenstöcke übernehmen. Aber Tom hat kein Interesse an den Bienen, sondern möchte Journalist werden. Der Schock ist groß, als George zu den ersten Farmer*innen gehört, die 2007 vom Colony Collapse Disorder bedroht sind, einem spontanen Bienensterben, das viele Imker überraschend traf. Georges Existenz steht vor dem Aus – soll er weitermachen oder die Imkerei aufgeben?

Eine der spannendsten und eindrücklichsten Figuren ist die Arbeiterin Tao. Sie lebt im Jahr 2098 in China und bestäubt Blüten mit der Hand, weil es mittlerweile kaum noch Bienen oder andere Insekten auf der Welt gibt.

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, sowie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Bei einem Ausflug mit ihrem Mann Kuon und ihrem Sohn Wei-Wen kommt es zu einem Zwischenfall. Ihr Sohn wird nach Peking in ein Krankenhaus gebracht, aber niemand erklärt den Eltern, was passiert ist. Tao fährt nach Peking – in eine Stadt, die aufgrund der Nahrungsmittelknappheit fast ausgestorben ist und versucht ihren Sohn zu finden.

In jeder Episode, die um die Hauptfiguren William, George und Tao kreist, geht es um das Verhältnis der Menschen zu den Bienen. Maja Lunde zeigt anhand ihrer unterschiedlichen Figuren, welche Folgen das Bienensterben haben kann und in der Episode um Tao auch die globalen Folgen dieser Katastrophe. Das ist ein spannender Aspekt, der besonders in Taos Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Aber es werden nicht nur bestehende Probleme fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. In allen drei Episoden spielen auch immer wieder Familien und  die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der Bienen ist thematisch aktueller, als sicherlich die meisten von uns denken. Ich habe vor Kurzem den Dokumentarfilm More than Honey auf Netflix gesehen, den Maja Lunde auch als Inspirationsquelle im Nachwort nennt. Insofern ist es wirklich grandios, wie gekonnt Maja Lunde dieses wichtige Thema aufgreift. Ansonsten ist der Roman sehr klassisch konstruiert, es gibt keine Überraschungen, die sich irgendwo verbergen, keine doppelten Böden, keine ungeklärten Fragen, Formulierungen oder Wendungen, die einer besonderen Interpretation bedürfen.

Die Geschichte der Bienen ist eine unterhaltsame, spannende und wirklich gut gemachte Familiengeschichte, in der das Leben und Sterben der Bienen das verbindende Element zwischen ganz unterschiedlichen Figuren ist. Für mich ist Die Geschichte der Bienen ein Sommer-, Strand- und Urlaubsbuch, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2017. 508 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr hier: