Buch-Date VI – Harun und das Meer der Geschichten

Anfang September haben Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende die neuen Dates ausgelost, die sich dieses Mal um Kinder-und Jugendliteratur drehen.

Unbenannt

Mir wurden drei Bücher von Wili empfohlen, nämlich

„Tranquilla Trampeltreu“ von Michael Ende

„Hörbe mit dem großen Hut“ von Otfried Preußler

„Harun und das Meer der Geschichten“ von Salman Rushdie.

RushdieIch habe mich für Rushdie entschieden und wurde nicht enttäuscht. Es geht um Harun, der „in der traurigsten aller Städte“ lebt, eine Stadt, die so traurig ist, dass ihre Bewohner sogar vergessen haben, wie sie heißt. Aber das stört Harun nicht, denn sein Vater Raschid ist Geschichtenerzähler und hat so viel Fantasie, dass selbst die traurigste Stadt zu einem wunderbaren Ort wird. Die Fans von Raschid nennen ihn „Genie der Fantasie“, seine Widersacher nennen ihn „Schah von Blah“, denn Raschids Geschichtenschatz geht nie zu Neige. Bis zu dem traurigen Tag, an dem Haruns Mutter Soraya mit dem  fiesen Nachbarn durchbrennt, der schon immer wenig von Raschid und seinem Können gehalten hat. Harun beginnt an den Fähigkeiten seines Papas zu zweifeln und Raschid bringt statt poetischen Worten nur noch ein „Krächz“ zustande.

Schon wieder meine Schuld, dachte Harun zutiefst zerknirscht. Mir allein ist das alles zuzuschreiben. Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind? Diese Frage habe ich gestellt und meinem Vater damit das Herz gebrochen. Also muss ich auch alles wieder ins Lot bringen. (S.24)

Während Raschid immer verzweifelter wird, macht Harun eine großartige Entdeckung. Die Fähigkeit seines Vaters, andere mit Geschichten zu verzaubern, stammt vom Erzählwasser aus dem Meer der Geschichten. Zufällig ist Harun wach, als ein Wasser-Dschinn gerade dabei ist, den Geschichtenhahn von seinem Vater abzudrehen. Angeblich ist Raschids Erzählwasserabo abgelaufen – aber das kann Harun nicht einfach hinnehmen. Zusammen mit dem Wasser-Dschinn Wenn macht er sich auf einem goldenen Wiedehopf, der eine Mischung aus Tier und Maschine ist, auf den weiten Weg nach Kahani, wo das Meer der Geschichten liegt, um die Gabe seines Vaters zu retten.

Verschiedene Teile des Meeres enthielten verschiedene Erzählformen, und da alle Geschichten, die jemals erzählt worden waren, sowie viele, die gerade erzählt und ausgedacht wurden, hier zu finden waren, stellte das Meer der Geschichtenströme die größte Bibliothek des Universums dar. Und da die Geschichten hier in flüssiger Form aufbewahrt wurden, behielten sie die wundersame Fähigkeit, sich zu verändern, sich in neue Versionen ihrer selbst zu verwandeln, sich mit anderen Geschichten zu vereinen und dadurch zu wieder neuen Geschichten zu werden, so dass das Meer der Geschichtenströme, im Gegensatz zu einer Bibliothek, weit mehr war als ein Lagerraum für Erzählungen. Denn es war nicht tot, sondern lebendig. (S.79)

Um genau zu verstehen, was schief gelaufen ist, muss Harun mit dem großen Walross sprechen, das in einer Behörde sitzt und für die Verwaltung der Erzählwasserabonnements zuständig ist. In Kahani stellt Harun schnell fest, dass nicht nur sein Vater bedroht ist. Das gesamte Meer der Geschichten wird vergiftet, also sind alle Geschichten der Menschheit in Gefahr. Zusätzlich wird Harun auch noch in eine „Prinzessin-Rettungs-Geschichte“ verwickelt.

Salman Rushdie ist ein toller Erzähler, der vordergründig ein Märchen erzählt, in dem der Kampf Gut gegen Böse ausgetragen wird und das doch noch eine weitere Ebene hat. Wie in Die unendliche Geschichte oder Die Stadt der träumenden Bücher beschreibt Rushdie, wie die Fantasie durch Bürokraten und Despoten unterdrückt wird und verschwindet. Rushdie hat das Buch auf der Flucht geschrieben, nachdem Ajatollah Khomeini 1988 gegen den Schriftsteller eine Fatwa ausrief, weil Rushdie Die satanischen Verse veröffentlicht hatte. Mittlerweile liegt das Kopfgeld auf Rushdie bei 4 Millionen Dollar, zum Jahrestag der Fatwa wurde es 2016 auf Betreiben verschiedener iranischer Medien noch einmal erhöht.

Vielen Dank für diese wunderbare Buchempfehlung, Salman Rushdies andere Romane sind auf jeden Fall auf meine zukünftige Leseliste gewandert. Golden House klingt nämlich auch sehr spannend und ist gerade erschienen. Danke :)

Salman Rushdie – Harun und das Meer der Geschichten (Harun and the Sea of Stories). Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler 1991.

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Buch-Date VI – Meine Empfehlungen

Ich bin wieder beim Buch-Date dabei, das von Wortgeflumselkritzelkram und dem Zeilenende ins Leben gerufen wurde.

Unbenannt

Das Buch-Date steht dieses Mal im Zeichen der Kinder-und Jugendliteratur. Ich darf Laura von fantasiegeflüster drei Bücher empfehlen und das waren die Antworten, an denen ich mich orientieren kann:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?
Hunters Moon – Bettina Strauss
Elias & Laia – Sabaa Tahir
Wacholdersommer – Antje Babendererde

Dein Lieblings-Genre?
Ich versuche mich eigentlich gern mal an allem. Besonders gern lese ich aber von fernen Fantasywelten.

Deine drei liebsten Autor*innen?
Marah Woolf
J.R.R. Tolkien
Ava Reed

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?
Horror und zu schnulziges 🙂

Und als Zusatzfrage: Wie ist dein Verhältnis zu Kinder- und Jugendbüchern – liebst du sie oder fühlst du dich zu alt oder gar zu jung für sie?
Ich stöbere ab und zu ganz gern in dem Genre – aber ich bin ehrlich. Wenn ich eins gelesen habe, muss danach was ganz anders her 😉

Liebe Laura,

ich habe lange überlegt. Denn so Empfehlungen sind immer verflixt schwierig. Trommelwirbel! Los geht’s!

1. Walter Moers – Ensel und Krete

Ensel und Krete von Walter MoersEnsel und Krete ist das erste Buch von Hildegunst von Mythenmetz, das von Walter Moers freundlicherweise aus dem Zamonischen ins Deutsche übersetzt wurde. Die Geschichte ist ein Märchen und deswegen passend für dieses Buch-Date. Es geht um das  Geschwisterpaar Ensel und Krete, zwei junge Fhernhachenzwerge, die im Großen Wald Zamoniens viele Abenteuer erleben. Die beiden putzigen Halbzwerge treffen einen Stollentroll, finden eine zauberhafte Orchidee und natürlich gibt es eine fiese Hexe. Insgesamt ein fantastisch geniales Abenteuer, das man gelesen haben muss. Und passt zu den fernen Fantasiewelten. Horror gibt es bei den Halbzwergen nicht, es wird nur sehr – abgedreht. Ein typischer Moers, äh, Mythenmetz eben.

2. Angie Thomas – The Hate U give

Für mich die Jugendbuchentdeckung des Jahres. Ein wirklich wichtiger Roman, meine ausführliche Rezension findest du hier. The Hate U give.jpg

3. Alan Bradley – Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet. (Band 1)

Bradley_AFlavia_de_Luce_1_95997.jpgIch bin ein riesiger Fan der Reihe! Es geht um Flavia, eine elfjährige Detektivin, die irgendwann in den 1950er Jahren zusammen mit ihrem Vater und ihren Schwestern Ophelia, eine angehende Musikerin und Daphne, einem verträumten Bücherwurm, auf dem Anwesen Buckshaw lebt. Flavias Mutter kam kurz nach ihrer Geburt bei einer Bergtour ums Leben – ihre Leiche wurde allerdings nie gefunden (ich finde, das hat Potenzial….). Flavias Hobby sind Gifte aller Art und sie kennt sich wahnsinnig gut mit Chemie aus – kein Wunder, auf dem Anwesen hat sie ihr eigenes Labor eingerichtet. Flavia ist sauschlau, häufig schlauer als der Dorfpolizist und sie kann es nicht verhindern, aber ihr fallen die Mordopfer quasi in jedem Band vor die Füße… Ich habe den siebten Teil hier rezensiert, aber es macht Sinn, ganz vorne anzufangen ;)

Liebe Laura,

ich hoffe, du kannst mit meinen Vorschlägen etwas anfangen. Ich verspreche dir, die Bücher sind garantiert nicht schnulzig. Ehrenwort.

Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen.

Buch Date V – Mein Date mit Khaled Hosseini

Ich habe beim Buch-Date mitgemacht. Beim Buch-Date geht es darum, einem anderen Blogger Bücher zu empfehlen. ScreenQueen hat mir ein paar tolle Romane empfohlen und ich habe mich für Khaled Hosseini entschieden. Eine Übersicht über alle Dating-Beiträge bekommt ihr beim Zeilenende.

Tausend strahlende Sonnen ist nach dem Weltbestseller Drachenläufer im Jahr 2008 erschienen. Die Geschichte dreht sich um zwei afghanische Frauen, die ein schweres Schicksal teilen. Mariam wird mit 15 Jahren mit dem 30 Jahre älteren Raschid verheiratet. Sie muss ihre Heimat verlassen und lebt fortan in Kabul. Ihre Mutter hat sich kaum um sie gekümmert, als uneheliche Tochter hatte Mariam kaum Rechte und ihr Vater ließ sie oft links liegen. Die Heirat mit dem älteren Mann sorgt zumindest in den Augen ihrer Mutter für finanzielle Sicherheit. Als weiteren Rat gibt sie ihrer Tochter ein Wort mit auf den Weg: „tahamul“. Das bedeutetTausend strahlende Sonnen „aushalten“.

Laila wächst im Gegensatz zu Mariam sehr behütet auf und ist von ihrem Vater, der selbst als Lehrer gearbeitet hat, immer zur Schule geschickt worden.  Doch durch die politischen Umwälzungen und den Krieg ist es für die Kinder gar nicht so einfach regelmäßig zur Schule zu gehen. Als die Kommunisten an die Macht kommen und Lailas Brüder zu Märtyrern werden, kann Lailas Mutter die Situation kaum noch ertragen. Die Familie hat sich gerade zur Flucht entschlossen, da sterben Lailas Eltern bei  einem schweren Bombenangriff.

Als Laila dann auch noch erfährt, dass auch ihre Jugendliebe Tarik gestorben ist, bleibt ihr keine Wahl. Sie ist schwanger und kann nicht mehr lange ihre Situation verheimlichen. Laila wird Raschids Zweitfrau und lebt fortan in einem Haushalt mit Mariam. Zeitgleich kommen auch noch die Taliban an die Macht und Frauen dürfen ohne Burka das Haus nicht mehr verlassen.

In diesem Winter kam sich Laila wie eingemauert vor. Sehnsüchtig dachte sie an den offenen Himmel ihrer Kindheit, an die Tage, an denen sie mit Babi den buzkashi-Turnieren zugesehen hatte oder mit Mami in Mandaii zum Einkaufen gegangen war, oder als sie unbeschwert durch die Straßen gelaufen und sich mit Giti und Hasina über Jungs unterhalten hatte. Und sie dachte an die Tage, als sie und Tarik an irgendeinem mit Klee überwucherten Bachufer gesessen, Rätsel und Süßigkeiten ausgetauscht und in den Sonnenuntergang geblickt hatten. (S.213)

Obwohl Mariam und Laila aus ganz verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stammen, beginnen sie zu verstehen, dass sie sich nur gemeinsam gegen ihren gewalttätigen Ehemann Raschid zur Wehr setzen können.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Das Schicksal der beiden Frauen wird vor dem Hintergrund der wechselnden politischen Situationen in Afghanistan geschildert. Die Erzählung beginnt 1959 – mit der Geburt von Mariam- und schildert neben den Schicksalen der Frauen auch die gesellschaftlichen Umwälzungen, die nach dem Einmarsch der Mudschaheddin und dem Sturz der sowjetischen Regierung bis hin zur Einführung der Scharia durch die Taliban erfolgen. Obwohl das Schicksal von Mariam und Laila sehr traurig ist, gelingt es Housseini eine beeindruckende Geschichte von der Freundschaft zweier Frauen zu erzählen, in die das Hintergrundwissen über Afghanistan fast nebenbei einfließt. Es geht um Willkür, Schicksal und viele traurige Ereignisse, aber auch um Mut und Solidarität.

Vielen, vielen Dank für diese Leseempfehlung! :)

 

Khaled Hosseini – Tausend strahlende Sonnen. Aus dem Amerikanischen von Michael Windgassen. Bloomsbury Berlin 2008.

 

 

Buch-Date V – Shakespeare, Smiths und Sommercamp

Das Buch-Date geht mittlerweile schon in die fünfte Runde! Wow! da musste ich natürlich wieder dabei sein. Es geht darum, dass sich Blogger*innen gegenseitig drei Bücher empfehlen, initiiert wurde der Spaß von wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende.  Aus den drei Empfehlungen wird ein Buch ausgesucht und am 22. Juli werden die Rezensionen gepostet. Meine letzten Empfehlungen findet ihr hier und hier. Eine Übersicht über alle Rezensionen findet ihr dann beim Zeilenende.

Ich darf floreca drei Romane empfehlen und das waren ihre Antworten auf die Fragen:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?
Aus Ermangelung an Alternativen (hallo Buchdate!) drei beliebige Thriller. Alle übrigens sehr spannend und zu empfehlen.
Sabine Thiesler – Der Kindersammler
Andreas Gruber – Todesmärchen
Eric Berg – Kalt

Dein Lieblings-Genre?
Jugendliteratur (insb. Coming of Age), gute Bücher über Menschen (=Roman), Fantasy (gern auch Dystopie, gern auch Jugend)

Deine drei liebsten Autor*innen?
Max Barry (eins), Matt Ruff (zwei), Tonke Dragt (zweieinhalb), Kai Meyer (drei)

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?
Chick Lit, reiner Liebeskrams, historische Romane

Okay, ich denke, wir können uns vielleicht auf gute Bücher einigen, denn Chick Lit ist auch nicht meins und historische Romane nur, wenn sie wirklich gut sind. ;) „Gute Bücher über Menschen“ klingt ja schon einmal vielversprechend und auch mit Dystopien und Coming-of-Age-Geschichten kann ich etwas anfangen.

Los geht’s!

DDas Licht der letzten Tageas Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

Ich habe den Roman in den letzten zwei Tagen gelesen und bin immer noch begeistert. Atmosphärisch dicht und erschreckend realistisch beschreibt St. John Mandel die Auswirkungen einer Grippepandemie, die es in sich hat. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, in der „Jetzt“-Zeit begegnen wir dem Schauspieler Arthur, der gerade als König Lear auf der Bühne steht und zwanzig Jahre später begleiten wir das Schauspielerensemble Die letzte Symphonie, das durch die verwaisten Städte fährt und für die Überlebenden der Katastrophe Shakespeare aufführt. Mich hat der Roman begeistert, weil er tatsächlich ein postapokalyptisches Szenario schildert, das ich so noch nie gelesen habe und gleichzeitig nicht zu deprimierend gestaltet ist. Außerdem gefällt mir, dass die Autorin selbst die kleinsten anfänglichen Begebenheiten auflöst, so dass sie sich im Nachhinein zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Mir hat das sehr gefallen. Und stell dir vor: kein Liebeskrams.

The perks of Being a Wallflower  von Stephen Chbosky  Cover Das also ist mein Leben

Der Roman ist unter dem Titel Das also ist mein Leben auf Deutsch erschienen und ist unter dem Titel Vielleicht lieber morgen mit Emma Watson, Logan Lerman und Ezra Miller verfilmt worden. Es geht um Charlie, Charlie ist fünfzehn, hört gerne The Smiths und Nirvana (ja, genau—) und hat ziemlich viele Dinge über die er nachdenken muss. Das Übliche, also die Liebe und das nicht so Übliche, nämlich Scheiß aus seiner Kindheit. Ich liebe dieses Buch, ich liebe den Film, ich habe den Roman schon so oft empfohlen und ich glaube, es gibt niemanden, der nicht irgendetwas mit dem Text anfangen konnte. Wenn du gerne Coming-of-Age-Geschichten liest, ist das hier mein all-time-favourit, weil einfach so viele schöne Sätze in diesem Text zu finden sind, die mitten ins Herz gehen. Und es ist ein Briefroman, der sich über ein Jahr im Leben von Charlie erstreckt, in dem man alles über seine Situation, einiges aus seiner Kindheit und etwas über seine Zukunft erfährt. Schönes Ding.

Die InteressantenDie Interessanten von Meg Wolitzer

Der Roman ist ein unglaublicher Pageturner und ein wirklich gutes Buch über Menschen, das mit einer Coming-of-Age-Geschichte anfängt  ;). Eine ausführliche Rezension von mir zu diesem genialen Buch findest du hier.

 

 

 

Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Buch-Date. Ich bin mega gespannt darauf, für welchen Roman du dich wohl entscheiden wirst und freue mich schon darauf, deine Rezension zu lesen.

 

 

Buch-Date III

mein-kleiner-orangenbaumIch habe beim Buch-Date mitgemacht und Romane empfohlen und drei spannende Empfehlungen von Tausend bekommen. Und dann habe ich mich für den kleinen Orangenbaum entschieden, denn die anderen Empfehlungen trafen meinen Buchgeschmack leider so gut, dass ich sie schon kannte. :)

Ich sollte einfach öfter mal Literatur aus Südamerika lesen. Irgendwie habe ich da einen blinden Fleck. Überhaupt ist meine Lektüreauswahl sehr englisch/deutschsprachig. Das sollte ich dringend mal ändern. Dank der Empfehlung von Tausend, habe ich jetzt auch mal ein wenig meinen literarischen Horizont erweitert.

In dem Roman Mein kleiner Orangenbaum geht es um den kleinen Sesé und ein Jahr in seinem Leben, in dem sich viele für ihn elementare Veränderungen abspielen, die von seiner Umgebung noch nicht einmal bemerkt werden. Sesé lebt mit seiner Familie in Bangu. Die Familie hat nicht viel Geld und weil der Vater seinen Job verliert, muss die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen. Als Belohnung dürfen sich die Kinder je einen Baum im Garten aussuchen, aber Sesé ist zu langsam und ihm bleibt nur ein mickriger Orangenbaumwinzling. Eine ziemlich Enttäuschung für den intelligenten Jungen, der sich mit gerade einmal fünf Jahren schon selbst das Lesen beigebracht hat.

In Sesés Familie gehört Gewalt zum Alltag und das ist nicht einfach zu  lesen. Sesé allerdings, geht kreativ mit seiner Situation um und legt einen unerschütterlichen Optimismus an den Tag. Ich habe mich oft gefragt, woher der Junge in seiner Situation seinen Lebensmut nimmt. Aber Sesé hat viel Fantasie und auch ein Talent dafür, Streiche auszuhecken. Weil er bezüglich seines Alters ein wenig flunkert, darf er auch schon zur Schule gehen. Dort ist er zwar der kleinste, aber auch der intelligenteste Schüler. Langweilig wird ihm selten. Ein öder Garten wird für ihn im Handumdrehen zum Zoo und seinem kleinen Bruder erzählt er jede Geschichte, die ihm gerade in den Sinn kommt. Für die Familie bleibt Sesé aber das „Teufelskind“ und er hat einen unglaublich schweren Stand. Ein Lichtblick bleibt die Schule und seine Lehrerin.

Wenn man ihr auch immer wieder erzählte, ich sei der übelste Bengel aus meiner Straße – sie glaubte es nicht. Sie glaubte auch nicht, dass keiner so viele Schimpfwörter wisse wie ich. Dass kein Straßenjunge es mit mir aufnehmen könne, sie glaubte es einfach nicht. In der Schule war ich ein Engel. (S.115)

Vom Teufelskind zum Engel – und das oft an einem einzigen Tag. Kein Wunder, dass es Sesé nicht besonders gut geht. Aber als er den „besten Menschen von der Welt“ kennen lernt und außerdem noch Freundschaft mit seinem winzigen Orangenbaum schließt, der sogar mit ihm spricht, scheint sich sein Leben um 180 Grad zu drehen.

Der brasilianische Schriftsteller José Mauro de Vasconcelos schrieb den autobiografisch inspirierten Roman innerhalb weniger Tage. Leider kann ich kein Portugiesisch und konnte das Buch auch nicht auf Englisch finden (bzw. nur zu sehr überhöhten Preisen), deswegen musste die deutsche Übersetzung herhalten. Ich hatte vorher keine genaue Vorstellung von diesem Roman und ich möchte auch nicht den Fehler machen, euch zu viel zu verraten.

Mein kleiner Orangenbaum ist ein toller Roman, poetisch erzählt und gleichzeitig auch sehr traurig. Während ich in einem Kapitel vor Lachen unter dem Tisch liege, weil Sesé eine herzerfrischende Naivität an den Tag legt, muss ich drei Seiten weiter erst einmal schlucken, weil die Situation für Sesé so unfassbar ungerecht ist.  Der kleine Orangenbaum wird Sesés Vertrauter und sein Freund – während es der Familie kaum gelingen mag, Sesés Talent zu erkennen. Stattdessen wird der Junge sehr viel alleine gelassen und muss viele Dinge mit sich selbst ausmachen. Stilistisch ist eine eher minimalistische Schreibweise angesagt, die zu Sesés Art passt, die Welt zu erklären. Wenig Schnörkel, dafür eine Direktheit, die manchmal weh tut. Das Ende, so viel kann ich verraten, geht richtig ans Herz. Mit 199 Seiten ist der Roman nicht sehr lang, aber er gehört zu diesen wirklich seltenen Büchern, von denen ich mir nicht vorstellen kann, sie jemals zu vergessen.

José Mauro de Vasconcelos – Mein kleiner Orangenbaum. Aus dem Portugiesischen von Marianne Jolowicz. Urachhaus 2009.

Einen Sammelbeitrag über alle anderen Bücherdates findet ihr hier.

 

Buch-Date III

Ein Date ist eine schöne Sache, ein Date mit einem Buch manchmal sogar noch besser. Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram haben zum dritten Buchdate gerufen. Nachdem mir von Tausend schon drei Bücher empfohlen wurden, darf ich jetzt Zeilenende drei Bücher empfehlen. Weil ich letzte Woche krankheitsbedingt darniederlag, leider alles etwas verspätet.

Und das waren Zeilenendes Hinweise:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?

Siegfried Lenz – Das Vorbild (Super Stil)
Michael Nast – Generation Beziehungsunfähig (Unter viel ermüdendem Blabla zumindest ein paar intelligente Gedanken entdeckt)
Jonathan Stroud – Bartimäus. Das Amulett von Samarkand (durchschnittlich gute Urban Fantasy Geschichte mit viel Luft nach oben)

Dein Lieblings-Genre?

Science Fiction

Deine drei liebsten Autor*innen?

John Irving, C. S. Forester, Stanislaw Lem

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?

Die „Zu“-Bücher: Zu blutrünstig, Zu gruselig, Zu schmalzig, Zu unsauber recherchiert (Spezialkriterium für Historische Romane 😉 ) Ansonsten lese ich alles von leichter Unterhaltung aus dem Regal „Starke Frauen“ bis zu schwerer Übersetzung (das Gegenteil von Unterhaltung) aus der Abteilung „Metaphysik für Fortgeschrittene“.

Tja, was soll ich sagen. Metaphysik für Fortgeschrittene ist jetzt so gar nicht meins, aber ich habe da ein paar andere Ideen. 😉

1) Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik

Die Gelehrtenrepublik (1957) ist ziemlich durch und macht sehr viel Spaß und ich habe gerade Lust, dir Arno the Schmidt zu empfehlen. Worum geht es? Der fiktive Urgroßneffe von Arno Schmidt, Charles Henry Winer (höhö!), macht als ausgewählter Reporter eine Reise zur IRAS (International Republic for Artists & Sciences). Wir schreiben das Jahr 2008, Europa ist dank atomarer Katastrophe verstrahlt und wichtige Künstler und Wissenschaftler finden auf der Insel IRAS ideale Bedingungen um in aller Ruhe Hochkultur zu produzieren. Das ganze läuft natürlich anders ab, als Charles Henry sich den Besuch der hohen Stätte der Kultur so vorstellt. Es gibt wilden Zentaurensex, viele Fragen um Kunst, Kultur und das Leben von Schriftstellern und noch ein bisschen Kalten Krieg dazu. Sehr lesenswertes Ding und auch wenn ich meine Masterarbeit darüber geschrieben habe – würde ich den Roman immer wieder lesen. ;) Und auch wenn in der Wissenschaft diskutiert wird, ob Arno jetzt Science-Fiction geschrieben hat, oder nicht – dystopisch wird es auf jeden Fall!

2) Xu Zechen – Im Laufschritt durch Peking

Dunhuan, Mitte zwanzig, will in Peking eine Menge Kohle machen und schließt sich einer Bande von Dokumentenfälschern an, bis er im Knast landet. Drei Monate sitzt er, dann kommt er wieder raus und landet erneut auf der schiefen Bahn. Er lernt Xiaorong kennen, mit der er illegal DVDs verkauft, aber dann kommt ihr Ex zurück und Dunhuang ist wieder alleine. Der Sandsturm kommt und dann trifft er Qibao… Im Laufschritt durch Peking ist das letzte Buch, das ich gelesen habe. Und es ist toll. Xu Zechen schreibt sehr lakonisch, direkt und atmosphärisch schön. Es geht darum, in einer riesigen Stadt wie Peking irgendwie zu Geld zu kommen, wenn man eigentlich keine Möglichkeiten hat, etwas zu ändern. Ich habe mich – zumindest von der Atmosphäre her – an Lost in Translation erinnert, aber Im Laufschritt durch Peking ist sehr viel temporeicher und tragischer.

3) Sylvain Neuvel – Sleeping Giants

Meine Rezension findest du hier.

 

Lieber Ulf,

ich bin schon sehr gespannt, für welches Buch du dich entscheiden wirst und wünsch dir ganz viel Spaß beim Lesen!