Bleib bei mir

Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe. (S.23)

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Mitten in der Geschichte verkündet Yejide ihrem Mann Akin, dass sie beide Eltern werden. Sie ist sich sicher, dass sie dieses Mal eine Tochter bekommen. Auf dem „Berg der Wunder“ hat Yejide an einer rituellen Zeremonie teilgenommen und lässt sich fast ein ganzes Jahr nicht von ihrer Vorstellung einer Schwangerschaft abbringen, auch als Akin sie zu mehreren Ärzten bringt. Die Episode hat tragischkomische Elemente, aber der Auslöser für Yejides psychischen Zusammenbruch liegt in ihrem Umfeld.

Der Druck ein Kind zu bekommen, lastet schwer auf dem Paar. Im Nigeria der 1980er Jahre, sind es nicht nur zwei Menschen, die mit der Kinderlosigkeit klar kommen müssen. Die gesamte Familie mischt sich ein. So entscheidet Akins Mutter nach mehreren kinderlosen Jahren des Paares, dass endlich etwas passieren muss. Sie organisiert eine Zweitfrau für ihren Sohn. Obwohl Akin und Yejide sich gegen das traditionelle Modell der Polygamie aussprechen, können sie sich nicht gegen die Entscheidung des Familienrats durchsetzen. Yejide und Akin haben studiert, Yejide steht sogar durch einen Friseursalon finanziell auf eigenen Beinen und trotzdem müssen sie sich den Vorstellungen der anderen fügen. Yejide hofft, dass sie vielleicht doch noch schwanger wird und so die Zweitfrau Funmi wieder loswird.

Der Roman beginnt damit, dass Yejide die Zweitfrau auf einer Familienzusammenkunft präsentiert wird. Große Zeitsprünge bis ins Jahr 2008 und die wechselnde Erzählperspektive zwischen Akin und Yejide sorgen dafür, dass die Handlung an keiner Stelle langweilig wird. Mit einem guten Gefühl für Spannung und Timing beschreibt die Debütautorin Ayòbámi Adébáyo ein komplexes Ehedrama, in dem es um Verrat, Lügen und Hoffnung geht. Zudem wird die Ehe von Akin und Yejide durch ein weiteres Problem belastet: die erblich bedingte Sichelkrankheit, die häufig tödlich endet.

Besonders gut gefällt mir, wie geschickt der unterschiedliche Umgang der Protagonist*innen mit den zahlreichen Schicksalsschlägen (und das muss man als Leser*in aushalten) ausgelotet wird. Nebenbei erfährt man einiges über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Nigerias, die gekonnt in den Text eingestreut werden. Ambivalente Charaktere sorgen für eine unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte, die ich innerhalb weniger Tage gelesen habe. Angenehm kitschfrei und gleichzeitig sehr berührend, erzählt Adébáyo eine tragische Geschichte über Liebe, Verrat und Schicksal.

Ayòbámi Adébáyo war mit ihrem Roman für den Baileys Women’s Prize for fiction nominiert.

Ayòbámi Adébáyo: Bleib bei mir, Piper Verlag, 2018, 352 Seiten

 

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Blasse Helden

Anton ist nach Russland gekommen, weil er dabei sein will, wie sich das Land Stück für Stück öffnet und an den Westen annähert. Er wittert das schnelle Geld. Russland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und anders als alles, was Anton bisher kannte. Anton will Teil des neuen Russlands werden, das vor einem tiefen gesellschaftlichen Wandel steht.

„Es war berauschend, inmitten eines archaischen Konflikts zu sein. Und es war anders, als er sich vorgestellt hatte, anders als die heitere Maueröffnung in Berlin vor vier Jahren, als die Guten siegten und sich anschließend alle lieb hatten. Je weiter östlich er kam, desto unbarmherziger wurden die Auseinandersetzungen. Als Romantiker hatte er sich nach solchen Erlebnissen gesehnt, und hier traf er nun plötzlich auf diese irrwitzige Leidenschaft, für eine Idee oder Sache zu sterben. […] Er würdigte den Unterhaltungswert des Wahns und wollte die Thematik einsaugen, mittendrin Zeuge sein, ohne sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden.“ (S.79)

In sieben Kapiteln, eine Sammlung von Momentaufnahmen, begleitet man Anton vom Anfang bis zum Ende der 90er-Jahre, dem Russland Jelzins und den Veränderungen, die seine Regierungszeit mit sich brachte.

Die einzelnen Kapitel sind lose durch die für Anton wichtigen Faktoren miteinander verbunden: Frauen, die er zum Zeitpunkt des Kapitels liebt, Kunst (Oper, russische Literatur, Ballett) und gelegentliche moralische Zweifel, die Anton nicht fremd sind. Aber diese Zweifel sind klein, denn Anton profitiert von der korrupten Seite des Systems.

Dabei ist Anton, wenn es um die Sparte Heldentum geht, auch eher von der blassen Sorte, der sich der Entscheidung für die eine oder andere Seite eben konsequent verweigert. Er gefällt sich gut in der Rolle des kulturinteressierten Lebemannes mit Sinn für Gerechtigkeit, wenn ihn angesichts einer minderjährigen Prostituierten ein Hauch von funktionierendem Gewissen überfällt.

Seine Möglichkeiten das System zu ändern sind allerdings begrenzt – oder er nimmt sie als sehr begrenzt wahr. Seine moralische Flexibilität gibt ihm auch genug Möglichkeiten, an keiner Stelle die Verantwortung für sein Handeln übernehmen zu müssen. Dafür ist das Luxusleben, das er in Russland genießen kann, viel zu verführerisch. Ein Leben, das er in Deutschland nie hätte führen können.Blasse Helden

Seine Erlebnisse sind zum Teil nicht ohne. Da wird eine saufende Landbevölkerung beschrieben, die sich durch massive Alkoholexzesse und Gewaltorgien betäubt, Zahlungen von Bestechungsgeld gehören zur Tagesordnung und entrückte Superreiche feiern, als wären sie selbst Teil der wiederauferstandenen Zarenfamilie geworden. Und Anton lässt sich mitten in diese Welt hineinfallen und versucht, das Beste für sich herauszuholen.

Die unglaublich irrwitzigen Geschichten über Tanzbären auf Hauspartys sind hier so selbstverständlich Teil der Geschichte, wie in jedem fantastischen John Irving – Roman. Und das will was heißen. Auch Isarin schreibt anekdotenhaft über die wilden Tiere, die zu jeder guten Party dazugehören , dass es eine wahre Freude ist. Da der Schriftsteller ein Pseudonym gewählt hat und selbst viele Jahre in Russland geschäftlich unterwegs war, komme ich schon an der einen oder anderen Stelle ins Grübeln. Wird hier jetzt jedes Russlandklischee überhöht oder hat Herr Isarin wirklich mit einem Bären auf einer Party gesessen?

Ob man wirklich, wie Viktor Jerofejew im Klappentext ankündigt, Russland heute verstehen könne, wenn man dieses Buch gelesen hat, sei dahingestellt. Arthur Isarin gelingt ein faszinierender Blick in eine gesellschaftliche Phase, die ein Land an einem Wendepunkt zeigt, ohne die kurrupten Seiten dieses Wandels unter den Tisch fallen zu lassen. Und das ist – bei allen wilden Geschichten – letztlich in erster Linie unterhaltsam.

Arthur Isarin – Blasse Helden. Knaus Verlag 2018.

Das Licht und die Geräusche

„Hallig Hooge ist doch scheiße! Können wir nicht nach Barcelona?“ (S.33)

Bilkd Das Licht und die GeräuscheIn Das Licht und die Geräusche geht um drei Jugendliche. Boris, der aus Portugal nach Deutschland gezogen ist, Anna-Clara und Johanna, die Ich-Erzählerin. Johanna ist heimlich in Boris verliebt und Anna-Clara ist die zurückgelassene Freundin, die zunächst noch weit weg in Portugal ist. Aber es geht nicht nur um den Freundschafts-Verliebtheits-Eiertanz, den Johanna regelmäßig um Boris herum aufführt. Sie muss sich eben mit der Situation des fünften Rad am Wagens abfinden, denn Boris liebt sie nicht und das ist für das Mädchen sehr schwer auszuhalten.

„Wenn ich Ana-Clara lieben kann, wenn ich etwas Liebenswertes an ihr entdecken kann, dann kann ich Boris weiter lieben. Wenn ich nichts finde, was sich lieben lässt, kann ich Boris nicht mehr lieben. So einfach ist das, sage ich mir.“ (S.16)

Auf einer gemeinsamen Klassenfahrt nach Barcelona wird ein Mitschüler gemobbt. Johanna versucht die Situation zu verstehen, versucht zu verstehen, wer Opfer und wer Täter ist und gerät dabei in eine ziemlich auswegslose Situation. Immer wenn Johanna nicht weiter weiß, diskutiert sie mit Boris, denn der junge Mann scheint mehr Plan von den großen und wichtigen Themen zu haben. Was Freundschaft ist oder wo eine Beziehung, die darüber hinausgeht, anfängt, ist für Johanna gerade in solchen Momenten überhaupt nicht mehr zu verstehen. Der Roman bewegt sich recht sprunghaft hin und her, aber spätestens als Boris in angeheitertem Zustand auf einer Party in „irgendeinem Reihenhauskeller“ mit Johanna ernsthaft versucht zu diskutieren, was denn nun Gründe sind, die gegen einen Suizid sprechen und Johanna spontan nichts tiefsinnigeres als „Das Licht und die Geräusche“ einfällt, gewinnt die Handlung Kontur.

Kurz darauf ist Boris verschwunden. Ein Abschiedsbrief, in dem Boris andeutet, dass er nicht mehr in der Lage ist, „das Licht und die Geräusche“ wahrzunehmen, versetzt Johanna, Anna-Clara und die Eltern des Jungen in Aufruhe. Gemeinsam macht sich das Quartett auf, Boris auf Island wiederzufinden.

Der Stil des Romans ist filmisch. Es geht um kurze Szenen, sequenzartige Eindrücke, das, was Johanna als „Licht und Geräusche“ beschreibt. Auch wenn der Stil irgendwie unterhaltsam artifiziell daherkommt, frage ich mich, ob Jugendliche wirklich eine so minimal funktionierende Aufmerksamkeitsspanne haben. Gleichzeitig gibt es diese Momente im Roman, die einfach nicht aufgelöst werden. Ein Mann gräbt Johanna auf der Straße an, sie ist allein, die Situation potenziell gefährlich, das gleiche wiederholt sich, als die Jugendlichen mit einem Auto per Anhalter fahren – aber Johanna scheint die Gefahr nicht zu erkennen. Ich bin mir nicht sicher, ob es nur mir so geht, aber an manchen Stellen kann ich nicht glauben, dass sich Jan Schomburg viele Gedanken darüber gemacht hat, dass seine Hauptprotagonistin eben eine junge Frau ist und kein Holden Caulfield. Gleichzeitig werden viele Themen sehr sensibel verhandelt. Mobbing, Homosexualität, Machtdemonstrationen.

„Ich kann nur verlieren, wenn ich jetzt etwas sage. Und das liegt daran, dass ich eigentlich verstehen müsste, was gerade passiert. Zumindest habe ich das Gefühl, dass Boris voraussetzt, dass ich Bescheid weiß. Und obwohl ich überhaupt nicht Bescheid weiß, sage ich lieber nichts, damit wenigstens die Möglichkeit bestehen bleibt, ich würde es wissen. Aber ich habe echt keine Ahnung, was gerade in Boris vorgeht.“ (S. 134)

Für mich funktioniert der Roman am besten, wenn es um die gemeinsame Klassenfahrt nach Barcelona geht und die Erfahrungen, die Johanna macht, als sie Zeugin von Misshandlungen eines Klassenkameraden wird. Es scheint ohnehin eher um psychologische Gefüge zu gehen und aktuelle Befindlichkeiten, als um eine tatsächlich kohärent voranschreitende Handlung. So bleiben auch die Motive der Figuren im Dunkeln. Was zu Boris‘ Zusammenbruch führt, wird nicht geklärt. Ansonsten bietet die weitere Entwicklung zumindest Überraschungen und unerwartete Szenen am Ende.

„Das ist so die Art von Zufall, die zu wenig Sinn ergibt, um die Dinge irgendwie klarer zu machen, und aber gleichzeitig auch zu viel Sinn, als dass man es komplett ignorieren könnte.“ (S.162)

Jan Schomburg ist Regisseur („Über uns das All“), Das Licht und die Geräusche  sein Romandebüt, das für mich nicht ganz rund wirkt, dafür aber sprachlich überzeugen kann.

Jan Schomburg: Das Licht und die Geräusche. dtv München 2017. 256 Seiten.

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Mittelmeersplitter

Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean an Wille und Verstand. (Blaise Pascal)

Die erste große Liebe ist auch eine ziemlich große Sache. In Theresa Sperlings Jugendbuch wird eine Liebesgeschichte erzählt, die die Leser nicht nur ans Mittelmeer, sondern auch in die Tiefen der menschlichen Seele führt.  

MittelmeersplitterAnnika ist verliebt. Levian ist der jähzornige Außenseiter in ihrer Klasse. Trotz aller Warnsignale kann sie nicht anders, die beiden kommen sich näher. Doch häufig hat Annika keine Ahnung, was Levian gerade denkt oder fühlt. Levian ist sehr verschlossen und über seine Familie will er erst gar nicht sprechen. Annika nimmt die Herausforderung an. Sie will Levian verstehen, sie will seine Geheimnisse kennen, sie will ihm helfen und ihn retten, vielleicht vor sich selbst.

Mit einem Menschen sieben Stunden täglich in einem Raum zu sitzen, ohne jemals von ihm angesehen zu werden, ist ein komisches Gefühl. Und  derjenige, der es durchhält, tagelang niemanden anzusehen, ist ein ziemlich beängstigender Freak. Deshalb gab man Levian lieber auf und kehrte in den sicheren Schulalltag zurück. Soweit ich mich erinnern kann, war ich die Einzige, die nicht das Interesse an Levian verlor. Im Gegenteil. Alles an ihm zog mich an.

Mittelmeersplitter ist ein Jugendbuch, das sich sehr auf seine beiden Hauptfiguren fokussiert. Die anderen Figuren bleiben schmückendes Beiwerk, spielen aber für die Entwicklung der Handlung kaum eine Rolle. Erst in Italien, am Mittelmeer, gelingt es den beiden Figuren sich aufeinander einzulassen und erst nach und nach entfalten sich die dramatischen Hintergründe. Beide, Levian und Annika, haben ihr Päckchen zu tragen und sehr oft dreht sich die Handlung um den geheimnisvollen Partner Levian, den Annika zu entschlüsseln versucht.

Es ist der Autorin hochanzurechnen, dass die Figuren zum Glück nicht so stereotyp daher kommen und tatsächlich eine spannende Wendung auf die Leser*innen wartet, die damit auch die Erlebnisse und Behauptungen der Ich-Erzählerin in ein anderes Licht rücken. Stellt sich anfänglich noch die Frage, ob Leviathan nicht wirklich große Probleme hat und sich vor seiner Freundin versteckt, dreht sich bald das Blatt und Annika erscheint als unzuverlässige Erzählerin, der die subjektive Schilderung ihrer Erlebnisse vor die Füße zu fallen droht.

Doch wer das Meer wirklich liebt, muss einmal hinabgetaucht sein.

Ein insgesamt unterhaltender und spannender Jugendroman, der mich überzeugen konnte.

Theresa Sperling; Mittelmeersplitter. Lektora-Verlag 2016. 252 Seiten.

Harte Matches & Poserprosa – Hool

Die neue deutsche Literatur ist hart, Gewaltdarstellungen sind irgendwie ästhetisch schön und dann hauen sich Hooligans auf die Nase und wilde Tiere tauchen auf. Noch vor der Veröffentlichung landete Hool von Philipp Winkler auf der Longlist und dann auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ein erfolgreiches Debüt also, das für mich allerdings nicht ganz aufgeht.

Hool ist ein unglaublich harter Roman, der sich um das Leben von Heiko Kolbe und seinen Jungs dreht. Heiko ist Fan von Hannover 96 und wenn er sich mit seinen Jungs trifft, dann gibt es ordentlich was auf die Mütze. Heiko ist ein Hooligan und gehört zu der Gruppe sympathischer Zeitgenossen, die sich in ihrer Freizeit mit verfeindeten Hooligans, also gewalttätiger Fans anderer Vereine, treffen, um sich gegenseitig auf die Nase zu hauen. Es geht um Blut und Schweiß und Kampf und wenn Heiko gerade nicht andere Leute verhaut, jobbt er im Boxclub oder sitzt in der trostlosen Kneipe „Timpen“, um sich mit anderen verkrachten Existenzen auszutauschen. Das Gymnasium hat er abgebrochen.hool-1

Für Heiko gibt es nur das nächste Match und den Wunsch, endlich mal wieder was richtig großes an den Start zu bekommen, der Nachwelt ein Zeichen zu hinterlassen. Heiko ist ziemlich wütend, aber das kommt ja auch irgendwo her. Seine Mutter ist eines Tages sang- und klanglos aus der Wohnung der Familie verschwunden und hat die Kinder bei ihrem Mann gelassen. Der Alkoholiker hat sich daraufhin eine philippinische Frau aus dem Urlaub mitgebracht, die auch gleich als Ersatzmutter vorgestellt wird. Keine einfache Ausgangslage. Heikos Schwester ist die einzige, die den sozialen Aufstieg geschafft hat. Heikos Exfreundin nimmt zu viel Heroin. Und man ahnt es schon, der Junge hat eigentlich keinen schlechten Kern, aber sucht sich leider die falschen Freunde aus. Heiko verbringt seine Zeit beim Bodybuilding und bei den Matches und schimpft auf „Homos“ und „Flachwichser“. Sind nämlich alles keine echten Männer, zumindest nicht in Heikos Hooligan-Fußballwelt. Da werden noch eine vielbeschworene Härte und geheime Rituale gefeiert. Rechts ist Heiko nicht, er will die Politik aus dem Sport raus halten.  Aber das sehen nicht alle so.

Natürlich springen die Hools als Ersatzfamilie ein. Ulf, Kai, Axel und Jojo sind Heikos Familie, sie stehen zusammen für Hannover 69. Doch man wird älter. Die Jungs werden ruhiger, wollen sich aus der Szene zurück ziehen. Die eigene Familie, eine schwere Verletzung nach einer Schlägerei – es gibt viele Gründe. Heiko kann damit nicht umgehen. Ohne den Männerbund der Hools und die Fußball- und Matchrituale steht er vor dem Nichts.

„Du hast deine Familie, dein Haus, deinen scheißweißen Gartenzaun. Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt.“ (S.234)

Heiko zieht zu Armin, einem verwahrlosten Zeitgenossen, der in seiner Freizeit Hundekämpfe veranstaltet und dessen Lebenstraum es ist, einen eigenen Tiger zu halten.

Und spätestens hier, muss ich mich fragen, warum in nahezu jeder dritten Rezension zu Hool, hymnisch das „Authentische“ und „Echte“ dieser Geschichte beschrien wird. Ich weiß ja nicht, wo und wie ihr lebt. Aber Tiger im Garten zu halten, hat für mich nun mal wirklich nichts Echtes. Vielleicht wird das A-Wort so dringlich bemüht, weil  Hool eine Geschichte von „ganz unten“ ist, über kaputte Familien, Gewalt und Szenezugehörigkeit als einzigen Ausweg aus dem trüben Alltagsgrau. Auch das steckt im Text. Dabei ist Heiko keines Falls der stumpfe Gewaltmensch, der er vorgibt, bei den Matches zu sein.

Wenn es um die Schlägereien der Hooligans geht, überschlägt sich der Text. Der parataktische Stil sorgt für Tempo und Action und eine anfängliche Schnelligkeit, die sich leider nicht durch den ganzen Text zieht. Hat man einmal das erste Match hinter sich gelassen, wird alles sehr viel ruhiger erzählt.

Ein letzter Aufschrei. Der Wald verstummt. Dann prallen Körper aufeinander. Fäuste und Beine werden geschwungen. Ein Kölner vor mir. Ne Faust kommt mir entgegen. Ich nehm den Schwung mit. Tauche unterm Schlag durch. Werf mich gegen ihn. Er fällt nicht, zu stabil der Ficker. Ist am Prusten. Um mich herum fliegen sie vorbei. Verhakt. Verkantet. Im Schwitzkasten. Schlagend. (S.15)

Für mich sind die besten und tollsten Szenen von Hool, neben den Matches, alle, die im Zusammenhang mit Arnims Tigeraktion steht. In dem Moment, wo dieser schräge Kerl auftaucht, schlägt der Text von einer poetisch überformten Sozialstudie in eine andere Richtung um. Heiko und Arnim haben sich gefunden, wenn auch ihre Freundschaft nicht komplikationsfrei abläuft. Sie  sind sich auf unheimliche Weise ähnlich. Arnims Faszination für das Wilde, Animalische, Unkontrollierte, entspricht Heikos Wunsch nach dem echten Leben, der echten Faust im Gesicht. Ein zurück zu Natur und einem mystifizierten Urzustand, das archaisch anmutet und gleichzeitig rasant komisch erzählt wird.   Niedersachsen ist, nimmt man alle Szenen aus dem Roman zusammen, zwar ein unglaublich deprimierendes Stück Erde – aber Träumer wie Arnim sorgen wenigstens für Abwechslung. Arnim zwar eine sehr große Schraube locker, aber er glaubt noch an die guten Dinge im Leben. Das sind für ihn die Natur und wilde Tiere.

Neben dem Tiger, gibt es auch noch einen Geier, der Siegfried heißt. Und Siegfried, dieser riese Vogel, hockt tagein und tagaus auf einem Sessel und wartet. Als Heiko ihm ein Fenster öffnet, schafft er es nicht, wegzufliegen. Die Szene geht ans Herz und steht für so vieles in dieser Geschichte. Für Heikos verkorkste Existenz, für sein Gefangen-Sein in diesem Leben. Ein wütender, abgehängter, junger Mannes. Klasse Thema, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt bisher einen deutschsprachigen Roman über Hooligans und ihre Motivation sich für die Szene zu engagieren, gegeben hat. Ich glaube nicht.

Trotzdem gibt es einfach einige Sätze, bei denen ich unwillkürlich lachen muss und nicht, weil es gerade um Arnims Tigereskapaden geht. Ich muss lachen, weil Hool auch aus Poserprosa besteht, die vielleicht nur jemand schreiben kann, der gerade ganz viel Authentizität eimerweise auf’s Papier kippen will. Das hakt an einigen Stellen ein wenig.

„Selbst an trüben Tagen kann man meistens noch bis zum Kaliberg sehen, der je nach Wetter anders aussieht. Mal weiß wie Pommessalz, mal grau wie Beton.“ (S.29)

„Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte.“ (S.174)

„Die Nässe kriecht mir wie eine sexuelle Belästigung unter die Klamotten.“ (S.151)

Eigentlich mag ich den Pommessalzsatz. Aber ich traue harte-Schale-weicher-Kern-Heiko nicht zu, dass er auf einmal Pommessalz als Referenzgröße für klimatische Veränderungen wählt. Dafür muss man vielleicht anders denken als Heiko, der sich gerne haut. Das sind meine Unterstellungen gegenüber dieser komplexen Figur, die keinesfalls ein stereotyper Schläger ist. Heiko ist auch ein Kümmerer, aber besonders schlau oder sprachlich versiert erscheint er eben nicht. Das sind Kleinigkeiten, aber sie bringen mich ein bisschen aus dem Leseflow. Und dass Heiko dauernd nach „Zichten“ fragt und seine Schwester als alte „Schrappnelle“ bezeichnet, ist dann auch ziemlich lustig. Aber wie gesagt, das sind Kleinigkeiten.

Hool ist ein tolles Debüt, aber nicht so rund, wie ich es anfänglich gedacht habe. Weniger Poserprosa und mehr von Arnim, diesem gruselig-schrägen Tierliebhaber, das hätte mir ein bisschen besser gefallen. Trotzdem lohnt es sich, Hool zu lesen. Besonders wegen Arnim, Siegfried und dem „Tijer“.

Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag 2016.

Ein <3 für Sci-Fi – Sleeping Giants

Sleeping Giants ist der Debütroman von Sylvain Neuvel und ein absoluter Lesegenuss, wenn euer Herz für gute Science-Fiction schlägt. Einziger Wehrmutstropfen: Sleeping Giants ist nur der Auftakt der Reihe The Themis Files und Band 2 soll erst im nächsten Jahr erscheinen.

„I don’t believe in fate, but somehow ,small world‘ doesn’t begin to do this justice.“

(DR Rose Franklin)

Der Roman besteht aus  Interviews, Akten und Zeitungsartikeln, in denen es Neuvel gelingt, eine unnachahmliche Spannung aufzubauen. Im Prolog erfahren wir von einem kleinen Mädchen, das urplötzlich in ein Erdloch rutscht und sich unversehens in einer gigantischen Roboterhand wieder findet. Wer sie gebaut hat, aus welchem Material sie besteht – niemand weiß genaueres. Und die Geschichte wird vertuscht. Einige Jahre später wird  Rose zur Leiterin eines streng geheimen Forschungsprojektes, an dem nicht nur verschiedene internationale Unternehmen, sondern auch das Militär mitwirken. Denn überall auf der Welt tauchen gigantische Körperteile auf, die sich zu einer einzigen Figur zusammensetzen lassen. Und diese Figur lässt sich steuern…

„We always look forward.
We never look back.
But this thing . . . it’s different.
It challenges us. It rewrites history.
It dares us to question what we know about ourselves.
About everything.“

cover_jpg_rendition_460_707Zugegeben, Neuvel erfindet das Genre nicht neu und bedient sich hier und da literarischer Inspirationen. Ein riesiger Kopf der gefunden wird? In Castle of Otranto (1764) von Horace Walpole wird der Sohn des Helden Manfred von einem mysteriösen Riesenhelm erschlagen, im Labor der Forscher und in der Art ihrer Experimente fühle ich mich an Mary Shelleys Frankenstein (1818) erinnert und wem diese Referenzen zu weit weg erscheinen, der erinnere sich noch mal schnell an die Anime-Serie Neon Genesis Evangelion, die seit 1995 Maßstäbe in der Komplexität von Animes setzte. Auch in der Serie kommen überdimensionierte Kampfroboter vor, die allein von den sogenannten „Children“ gesteuert werden können. Ihnen gemeinsam ist, dass sie keine Mutter mehr haben und in dieselbe Schulklasse gehen.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Sleeping Giant in Neuvels Debüt. Die Piloten scheinen aus bisher noch unbekannten Gründen ausgewählt zu werden, so als würde sie sich der Roboter selbst aussuchen – und das führt im Laufe der Ereignisse zu ungeahnten moralischen und ethischen Fragestellungen, die von den Mitgliedern des Forscher*innenteams recht unterschiedlich beantwortet werden.

Neuvel schreibt unglaublich fesselnd und erst nach und nach enthüllen sich die unterschiedlichen politischen Verstrickungen und Geheimpläne der Regierung (Akte X lässt grüßen). Auch wenn ich sonst kaum Science-Fiction lese, bin ich nach dem ersten Band absolut begeistert. Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung sich diese Serie entwickeln wird, aber ich freue mich riesig auf den nächsten Teil.

Sylvain Neuvel –  Sleeping Giants. Book One of The Themis Files. 320 Seiten. Penguin.

 

Hart und zart – Das kalte Licht der fernen Sterne

Winter ist Schwarzweiß: Rabenschwarz und Schneeweiß. Winter sind Spuren, Fäkalien, Blut und Urin auf dem weißen Schnee. Winter sind verschwundene Wege, die nach starken Schneefällen freigeschaufelt werden müssen. Winter ist der hohe schwarze Himmel und das kalte Licht der fernen Sterne. (S. 24)

 

Anna Galkinas Debüt ist keine Gute-Nacht-Geschichte für Zartbesaitete. Hinter einer poetischen Erzählweise verbergen sich Geschichten, die manchmal schön, aber häufig auch sehr schrecklich sind.

9783627002244_1448893006000_xxlDie Leser_innen lernen Nastja kennen. Zwanzig Jahre nachdem sie ihre Heimat verlassen hat, kehrt sie zurück. In kurzen Episoden blickt sie zurück auf die 1980er Jahre und ihre Jugend in Moskau. Nastja erzählt Geschichten aus ihrem Leben, die verstören können. Wenn es zwischen ihr und ihrer Mama kracht, dann droht diese ihrer Sechsjährigen Tochter gerne damit, sie in eine Erziehungsanstalt zu schicken. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Oma lebt sie in einem winzigen Haus, ohne fließendes Wasser und Plumpsklo im Garten. Die Oma achtet akribisch darauf, dass sich auf den Zeitungen, die als Toilettenpapier verwendet werden, ja keine hochrangigen Politker befinden. Nicht auszudenken, wenn das Politbüro davon Wind bekäme! Es sind diese absurden Begebenheiten, die den Roman zu einem besonderen Leseerlebnis werden lassen.

Nastja beobachtet genau und berichtet ihre Erlebnisse als wäre sie eine unbeteiligte Person. Sie erzählt von der Lehrerin, die sehr nett ist. Zu allen Kindern, nur nicht zu ihrem eigenen Sohn, denn am Ende würde der Eindruck entstehen, dass sie ihn bevorzugt. Deswegen knallt sie seinen Kopf auf den Tisch bis er Nasenbluten hat. Und es gibt nicht nur schreckliche Lehrer_innen. Während Nastja darauf wartet, dass ihre große Liebe Thomas Anders von Modern Talking endlich nach Moskau kommt und ihre Mutter einen Club für Poesieliebhaber gründet und einen Mann sucht, kreisen die erzählten Episoden um Nastjas Alltag oder Geschichten von Bekannten und Freundinnen. Und um eins vorweg zu nehmen: die meisten Männer kommen ganz schlecht weg. Sie trinken, sie sind übergriffig und sie verhalten sich ekelhaft. In Kapiteln, die gerade einmal vier Seiten lang sind, verstecken sich hinter den scheinbar alltäglichen Begebenheiten, die wahren Tragödien des Lebens. Korruption, Gewalt in der Familie, Eltern, die Alkoholiker sind und Abtreibungen als Initiationsritus zum Erwachsen werden.

Besonders auffällig ist das „Schlampentrio“, das Nastja kennen lernt. War ich anfangs noch froh, dass sie endlich Freundinnen findet, entpuppt sich die Begegnung nur als eine weitere Reise in die Untiefen menschlicher Grausamkeit. Besonders zwei Begegnungen sind unglaublich extrem und zeigen die gesamte moralische Verwahrlosung der Beteiligten. Es geht um Massenvergewaltigung und Folter. Und das kam für mich unerwartet und steht doch nur im Kontext von den vielen unterschiedlichen Grausamkeiten und Übergriffen, die Nastja erlebt.

Aber es geht eben nicht nur um diese Gewalt. Der Roman zeigt Gewalt als eine Facette des Lebens, die unkommentiert neben vielen anderen Ereignissen steht. Dabei ist Das kalte Licht der fernen Sterne auch ein Coming-of-Age-Roman, denn es geht darum, wie schwierig es ist, erwachsen zu werden.

Als Nastja dann den ukrainischen Soldaten Dima kennen lernt, könnte sich das Blatt wenden. Dima will mehr als Sex und das ist immerhin schon eine Überraschung für Nastja. Die Liebe erscheint als winziger Hoffnungsschimmer, wie eine Seifenblase über einem Misthaufen. Und das lohnt sich auf jeden Fall zu lesen.

  

Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne. Frankfurter Verlagsanstalt 2016.