Eine Liebe, in Gedanken

 

„Eine hatte Freiheit gesucht.
Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt.
Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit.“

Eine Liebe in Gedanken (2)

Selten hat mich ein Buch so bewegt, wie der neue Roman von Kristine Bilkau. Das Thema ist nicht einfach: nach dem Tod der eigenen Mutter räumt die Erzählerin die Wohnung aus und findet alte Liebesbriefe. Sie entdeckt, dass ihre Mutter einen Freund gehabt hat, von dem sie nie erzählt hat und beginnt alte Tagebücher zu lesen, in denen ihre Mutter Antonia sich in Edgar verliebt. Die größte Liebe ihres Lebens.

„Toni“ ist verträumt, erwartet viel vom Leben, wünscht sich, nach Paris zu gehen und lernt Edgar kennen, der ihr diese Wünsche erfüllen kann. In einer Zeit, als junge Singlefrauen noch argwöhnisch von Vermieterinnen beäugt wurden und Antonia beim Frauenarzt vergeblich darum bittet, die Pille verschrieben zu bekommen (erst ab 30 und für verheiratete Frauen*), findet die Liebe der beiden in Gedanken und Briefen statt und wird irgendwann doch sehr körperlich. Toni wird schwanger, entscheidet sich gegen das Kind und Edgar bekommt ein Jobangebot in Hongkong. Toni träumt vom Auswandern, aber Edgar wird sie nie ins Ausland nachholen. Und dann ist diese große Liebe auch schon wieder vorbei.

Mit den Tagebuchaufzeichnungen im Hinterkopf, begibt sich die Ich-Erzählerin auf die Suche nach Edgar.

Kristine Bilkau gelingt es meisterhaft ein Porträt einer Zeit zu zeichnen, in der zwar die moralische Strenge der 1950er gelockert wird, aber die sexuelle Befreiung der Frau reines Wunschdenken ist. Toni scheitert nicht nur an ihren großen Wünschen, sondern letztlich auch an gesellschaftlichen Erwartungen und man wird das Gefühl nicht los, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Umso erschreckender, welche Vorstellungen eines gelungenen Lebens noch bis vor einigen Jahren herrschten und wie vielen Erwartungen junge Frauen* zu entsprechen hatten.

Die Ich-Erzählerin arrangiert ein Treffen mit Edgar und kann dabei den Gedanken nicht abschütteln, dass dieser Mensch unter anderen Umständen ihr Vater geworden wäre. Wie anders hätte ihre Familie sein können? Mich haben viele Überlegungen unglaublich getroffen, als ich dieses schmale Buch innerhalb weniger Tage gelesen habe. Und während die junge Toni so voller Träume und Hoffnungen ist, ist es umso tragischer zu lesen, dass sich die wenigsten Dinge erfüllen werden, die sie sich im Leben wünscht.

„Ich überlegt, wie ich das Leben meiner Mutter zusammenfassen konnte. Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wer sie als junge frau gewesen war, wer sie geworden war, doch es konnte ja immer nur ein Ausschnitt bleiben, Geschichten, von mir erdacht. Wie nah ich der Frau von damals und der Frau, die sie geworden war, hatte kommen können, das würde ich nie wissen.“

Bilkau erzählt nicht nur eine Geschichte über eine unglückliche Liebe, sondern auch über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, deren Intensität und Tiefe sich erst nach und nach entfaltet und die mich tief berührt hat. Erst nach dem Tod ihrer Mutter, gelingt es ihrer Tochter sie außerhalb ihres Familiengefüges als eigenen, ganz besonderen Menschen zu sehen, der sich sein Leben ganz anders vorgestellt hat. Auch viele Jahre nach dem Ende der Beziehung fährt Toni heimlich zum Haus von Edgars Eltern um zu sehen, ob er zu Besuch ist. Sie kann ihn nicht vergessen, wird nie sesshaft, führt ein chaotisches Leben. Ihre Tochter hat ihr dieses Chaos nie verzeihen können, aber versteht auch erst mit dem Tod der Mutter, dass sie die Chance vertan hat, nachzufragen, wie es wirklich damals gewesen ist. Ein Roman, den man nicht so schnell vergisst.

Kristine Bilkau – Eine Liebe, in Gedanken. Luchterhand 2018.

 

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei vorablesen.de gewonnen. Vielen Dank!

 

Wiesenstein

IMG_20180322_072826Gerhart Hauptmann, Nobelpreisträger und Autor von Werken wie Bahnwärter Thiel und Die Weber, verlässt gemeinsam mit seiner Frau Margarete und einem Stab von Dienstboten im März 1945 ein Sanatorium und fährt zurück in die Heimatvilla. Das Anwesen Wiesenstein liegt in Schlesien, im Riesengebirge. Die Hauptmanns planen ein luxuriöses Leben im Chaos des Krieges. Ein Schutzbrief des sowjetischen Kulturoffiziers Sekolow ermöglicht es Hauptmann Wiesenstein nach wie vor zu bewohnen. Als „Festung in Saus und Graus“, als „Schutzhülle {m]einer Seele“ steht die Burg wie ein uneinnehmbarer Ort in der Nähe von Görlitz. Ein Masseur, eine Zofe, ein Butler, ein Gärtner, eine Köchin und eine Sekretärin stehen bereit, um dem großen Schriftsteller und seiner Frau Margarete den Lebensabend so fürstlich wie möglich zu gestalten. Die Romanhandlung verlässt diesen Ort auch kaum, auf Wiesenstein entfaltet sich ein intensives Kammerspiel das die letzten Tage des Nobelpreisträgers umfasst.

Auf Wiesenstein, so hofft Hauptmann, kann er zur Ruhe kommen. Seine Bekanntheit reicht über die Landesgrenzen hinaus, seine Stücke haben ihn zum gefeierten Schriftsteller gemacht. Wegen seiner sozial engagierten Dramen ist er auch  zum Kriegsende hin bei den Russen und Polen sehr beliebt, auch wenn er sich nie gegen den Nationalsozialismus positioniert hat, sondern oft genau wusste, von wem er in welcher Situation profitieren konnte.

Klare politische Statements scheinen ihm ohnehin nicht sehr gelegen zu haben. Pleschinski zeigt einen Schriftsteller, der sich oft nicht entscheiden konnte und für den stets die Kunst höhere Priorität als das politische Alltagsgeschäft hatte. Das ist nicht unbedingt leicht zu lesen, wünscht man sich doch jemanden, der eine klare Haltung hat. Es ist oft nicht leicht zu entscheiden, ob Hauptmann senil oder arrogant oder vielleicht zu ängstlich ist, um sich anders zu verhalten. Oder vielleicht einfach mit einem riesen großen künstlerischen Eskapismus gesegnet, der ihn auch dunkle Zeiten überstehen ließ. Ein Schriftsteller, der vor dem Ersten Weltkrieg gefeiert und dem schon in der Nachkriegszeit seine Nähe zu den Nationalsozialisten auf die Füße fiel. Pleschinski geht hier den großen Fragen nach: Wie viel Nähe zu den Machthabern ist legitim? Wie sehr dürfen sich Künstler*innen von autoritären Regimen hofieren lassen um beispielsweise Freunde oder die eigenen Kinder zu schützen?

Auf Wiesenstein lädt Hauptmann standesgemäße zu Feiern und Kinoabenden als wären Friedenszeiten. Man lästert über die Schriftsteller im Exil oder amüsiert sich über Dr. Spitz – so nannte Hauptmann Thomas Mann. Mann wiederum soll darunter gelitten haben, dass er „nur“ Mann, der andere immerhin „Hauptmann“ war – im Zauberberg parodiert er den Schriftstellerkollegen in der Figur des Mynheer Peeperkorn. Sprachduktus und Stottern inklusive. Hauptmann wird ihm diese künstlerische Freiheit nicht verzeihen.

Manchmal schmeißt Hauptmann sich in seine Mönchskutte, die er aus Italien mitgebracht hat, zieht sich in sein Turmzimmer zurück und trinkt und schreibt die ganze Nacht (vieles ist wunderschön: „In jedem Mensch ruht ein Tanz“). Sein Personal, die Krankenschwester Maxa, seine Sekretärin Annie Pollak und sein Masseur Paul Metzkow passen sich dem Lebensrhythmus an, auch wenn in den Dörfern um Wiesenstein herum, Flüchtlingstrecks vorbeiziehen und die Angst vor den fremden Soldaten immer größer wird. Aus den verschiedenen Perspektiven der Bewohner wird das Leben auf Wiesenstein greifbarer, auch wenn Wiesenstein Schutz bietet, weiß niemand, was als nächstes passieren wird. Die Zeit scheint auf der Burg still zu stehen.

Völlig unvorhersehbar war der Masseur mittlerweile zum Lieblingsvorleser des Hausherrn aufgerückt. Was im Lande geschah, drang nur spärlich zum Wiesenstein durch. Der Wiesenstein schien tatsächlich Sicherheit zu gewähren. Lesen und Vorlesen überbrückte nicht nur die Zeit, es füllte sie sogar. Metzkow entwickelte sich zum Hauptmann-Kenner. Keiner seiner alten Bekannten, sofern sie noch lebten, würde das glauben.  (S.293)

Auch die Nachkriegszeit und die anschließenden Plünderungen werden umfassend dargestellt und zeigen gekonnt und schockierend die Folgen des Krieges auf. Gert Hauptmann stirbt am 6. Juni 1946, seine Frau kurz darauf. Hans Pleschinski schreibt sehr ausführlich über die letzten Tage im Hause Hauptmann. Viele Figuren sind historisch belegt und Pleschinski reichert den Roman mit vielen unbekannteren Originaltexten an, die der junge Masseur Metzkow zum ersten Mal liest. Das ist wirklich gelungen und macht neugierig auf andere Werke des Schriftstellers. Wenn allerdings Annie Pollak als Stichwortgeberin für Interpretationsansätze  von Hauptmanns unterschiedlichen Texten herhalten muss, wirkt der Text etwas schwerfällig.   Trotzdem konnte mich der Roman beeindrucken.

Hans Pleschinski – Wiesenstein. C.H. Beck 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei einer Leserunde von Lovelybooks gewonnen. Vielen Dank! 

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Literatur leuchtet

 

Das Licht und die Geräusche

„Hallig Hooge ist doch scheiße! Können wir nicht nach Barcelona?“ (S.33)

Bilkd Das Licht und die GeräuscheIn Das Licht und die Geräusche geht um drei Jugendliche. Boris, der aus Portugal nach Deutschland gezogen ist, Anna-Clara und Johanna, die Ich-Erzählerin. Johanna ist heimlich in Boris verliebt und Anna-Clara ist die zurückgelassene Freundin, die zunächst noch weit weg in Portugal ist. Aber es geht nicht nur um den Freundschafts-Verliebtheits-Eiertanz, den Johanna regelmäßig um Boris herum aufführt. Sie muss sich eben mit der Situation des fünften Rad am Wagens abfinden, denn Boris liebt sie nicht und das ist für das Mädchen sehr schwer auszuhalten.

„Wenn ich Ana-Clara lieben kann, wenn ich etwas Liebenswertes an ihr entdecken kann, dann kann ich Boris weiter lieben. Wenn ich nichts finde, was sich lieben lässt, kann ich Boris nicht mehr lieben. So einfach ist das, sage ich mir.“ (S.16)

Auf einer gemeinsamen Klassenfahrt nach Barcelona wird ein Mitschüler gemobbt. Johanna versucht die Situation zu verstehen, versucht zu verstehen, wer Opfer und wer Täter ist und gerät dabei in eine ziemlich auswegslose Situation. Immer wenn Johanna nicht weiter weiß, diskutiert sie mit Boris, denn der junge Mann scheint mehr Plan von den großen und wichtigen Themen zu haben. Was Freundschaft ist oder wo eine Beziehung, die darüber hinausgeht, anfängt, ist für Johanna gerade in solchen Momenten überhaupt nicht mehr zu verstehen. Der Roman bewegt sich recht sprunghaft hin und her, aber spätestens als Boris in angeheitertem Zustand auf einer Party in „irgendeinem Reihenhauskeller“ mit Johanna ernsthaft versucht zu diskutieren, was denn nun Gründe sind, die gegen einen Suizid sprechen und Johanna spontan nichts tiefsinnigeres als „Das Licht und die Geräusche“ einfällt, gewinnt die Handlung Kontur.

Kurz darauf ist Boris verschwunden. Ein Abschiedsbrief, in dem Boris andeutet, dass er nicht mehr in der Lage ist, „das Licht und die Geräusche“ wahrzunehmen, versetzt Johanna, Anna-Clara und die Eltern des Jungen in Aufruhe. Gemeinsam macht sich das Quartett auf, Boris auf Island wiederzufinden.

Der Stil des Romans ist filmisch. Es geht um kurze Szenen, sequenzartige Eindrücke, das, was Johanna als „Licht und Geräusche“ beschreibt. Auch wenn der Stil irgendwie unterhaltsam artifiziell daherkommt, frage ich mich, ob Jugendliche wirklich eine so minimal funktionierende Aufmerksamkeitsspanne haben. Gleichzeitig gibt es diese Momente im Roman, die einfach nicht aufgelöst werden. Ein Mann gräbt Johanna auf der Straße an, sie ist allein, die Situation potenziell gefährlich, das gleiche wiederholt sich, als die Jugendlichen mit einem Auto per Anhalter fahren – aber Johanna scheint die Gefahr nicht zu erkennen. Ich bin mir nicht sicher, ob es nur mir so geht, aber an manchen Stellen kann ich nicht glauben, dass sich Jan Schomburg viele Gedanken darüber gemacht hat, dass seine Hauptprotagonistin eben eine junge Frau ist und kein Holden Caulfield. Gleichzeitig werden viele Themen sehr sensibel verhandelt. Mobbing, Homosexualität, Machtdemonstrationen.

„Ich kann nur verlieren, wenn ich jetzt etwas sage. Und das liegt daran, dass ich eigentlich verstehen müsste, was gerade passiert. Zumindest habe ich das Gefühl, dass Boris voraussetzt, dass ich Bescheid weiß. Und obwohl ich überhaupt nicht Bescheid weiß, sage ich lieber nichts, damit wenigstens die Möglichkeit bestehen bleibt, ich würde es wissen. Aber ich habe echt keine Ahnung, was gerade in Boris vorgeht.“ (S. 134)

Für mich funktioniert der Roman am besten, wenn es um die gemeinsame Klassenfahrt nach Barcelona geht und die Erfahrungen, die Johanna macht, als sie Zeugin von Misshandlungen eines Klassenkameraden wird. Es scheint ohnehin eher um psychologische Gefüge zu gehen und aktuelle Befindlichkeiten, als um eine tatsächlich kohärent voranschreitende Handlung. So bleiben auch die Motive der Figuren im Dunkeln. Was zu Boris‘ Zusammenbruch führt, wird nicht geklärt. Ansonsten bietet die weitere Entwicklung zumindest Überraschungen und unerwartete Szenen am Ende.

„Das ist so die Art von Zufall, die zu wenig Sinn ergibt, um die Dinge irgendwie klarer zu machen, und aber gleichzeitig auch zu viel Sinn, als dass man es komplett ignorieren könnte.“ (S.162)

Jan Schomburg ist Regisseur („Über uns das All“), Das Licht und die Geräusche  sein Romandebüt, das für mich nicht ganz rund wirkt, dafür aber sprachlich überzeugen kann.

Jan Schomburg: Das Licht und die Geräusche. dtv München 2017. 256 Seiten.

Andere Rezensionen findet ihr bei

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Buchrevier

Buchbloggerin

 

Mittelmeersplitter

Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean an Wille und Verstand. (Blaise Pascal)

Die erste große Liebe ist auch eine ziemlich große Sache. In Theresa Sperlings Jugendbuch wird eine Liebesgeschichte erzählt, die die Leser nicht nur ans Mittelmeer, sondern auch in die Tiefen der menschlichen Seele führt.  

MittelmeersplitterAnnika ist verliebt. Levian ist der jähzornige Außenseiter in ihrer Klasse. Trotz aller Warnsignale kann sie nicht anders, die beiden kommen sich näher. Doch häufig hat Annika keine Ahnung, was Levian gerade denkt oder fühlt. Levian ist sehr verschlossen und über seine Familie will er erst gar nicht sprechen. Annika nimmt die Herausforderung an. Sie will Levian verstehen, sie will seine Geheimnisse kennen, sie will ihm helfen und ihn retten, vielleicht vor sich selbst.

Mit einem Menschen sieben Stunden täglich in einem Raum zu sitzen, ohne jemals von ihm angesehen zu werden, ist ein komisches Gefühl. Und  derjenige, der es durchhält, tagelang niemanden anzusehen, ist ein ziemlich beängstigender Freak. Deshalb gab man Levian lieber auf und kehrte in den sicheren Schulalltag zurück. Soweit ich mich erinnern kann, war ich die Einzige, die nicht das Interesse an Levian verlor. Im Gegenteil. Alles an ihm zog mich an.

Mittelmeersplitter ist ein Jugendbuch, das sich sehr auf seine beiden Hauptfiguren fokussiert. Die anderen Figuren bleiben schmückendes Beiwerk, spielen aber für die Entwicklung der Handlung kaum eine Rolle. Erst in Italien, am Mittelmeer, gelingt es den beiden Figuren sich aufeinander einzulassen und erst nach und nach entfalten sich die dramatischen Hintergründe. Beide, Levian und Annika, haben ihr Päckchen zu tragen und sehr oft dreht sich die Handlung um den geheimnisvollen Partner Levian, den Annika zu entschlüsseln versucht.

Es ist der Autorin hochanzurechnen, dass die Figuren zum Glück nicht so stereotyp daher kommen und tatsächlich eine spannende Wendung auf die Leser*innen wartet, die damit auch die Erlebnisse und Behauptungen der Ich-Erzählerin in ein anderes Licht rücken. Stellt sich anfänglich noch die Frage, ob Leviathan nicht wirklich große Probleme hat und sich vor seiner Freundin versteckt, dreht sich bald das Blatt und Annika erscheint als unzuverlässige Erzählerin, der die subjektive Schilderung ihrer Erlebnisse vor die Füße zu fallen droht.

Doch wer das Meer wirklich liebt, muss einmal hinabgetaucht sein.

Ein insgesamt unterhaltender und spannender Jugendroman, der mich überzeugen konnte.

Theresa Sperling; Mittelmeersplitter. Lektora-Verlag 2016. 252 Seiten.

So tun, als ob es regnet

IMG_20170528_150653Es war einmal, und ist doch nie geschehen …“ mit dieser Formulierung des Uneigentlichen beginnen rumänische Märchen. In dem Roman So tun, als ob es regnet wird diese Uneigentlichkeit in einer poetischen und ruhigen Sprache erzählt. Es geht um vier unterschiedliche Lebenswege von Menschen in Sibiu, Siebenbürgen, die auf die eine oder andere Art und Weise  mit der deutschsprachigen Minderheit in der Region zu tun haben.  Die Formulierung „So tun, als ob es regnet“ ist die Übersetzung des rumänischen Sprichworts

a se face că plouă

das eine geistige Abwesenheit bezeichnet. Man ist nicht richtig da, sondern träumt sich an einen anderen Ort, befindet sich mental irgendwo anders.

Die Erzählungen berühren einander, gehören zusammen, werden über vier Generationen hinweg erzählt und bilden doch Einzelschicksale ab. Die Erzählungen beginnen topographisch in den Karpaten und enden auf La Gomera.

Der Roman beginnt mit Jakob, er ist Soldat im Ersten Weltkrieg und befindet sich irgendwo auf dem Weg Richtung Budapest.  Unterwegs macht er in einem kleinen Karpatendorf Halt und lebt bei einer Bauernfamilie, die ihn aufnimmt. Er hat eine intensive Begegnung mit einem deutschen Soldaten und er entscheidet sich, den Mann nicht zu töten. Vielleicht weil ihm ein Gedicht von Trakl einfällt, vielleicht weil der feindliche Soldat auch Goethe liest. Mit der Frau des Hauses verbringt er eine Nacht, bevor er weiterziehen muss. Die Frau wird schwanger und bekommt eine Tochter, Henriette. Sie wird ihren Vater nie kennen lernen. Aber sie hat Glück, anders als ihre Schwestern wird sie nicht nach Russland deportiert, sondern es gelingt ihr, auch den Zweiten Weltkrieg zu überstehen. Henriettes Sohn Vicco lebt in Sibiu, hat wenig Kontakt zu seiner Mutter, die sich immer wieder in Deutschland aufhält und hadert mit der Gesamtsituation und der Überwachung durch den Geheimdienst. Ein befreundeter Schriftsteller sitzt im Securitate-Gefängnis, es bleibt fraglich, ob sein Manuskript noch zu retten ist.  Henriette wird ihren Sohn Vicco durch ihr  Verhalten überraschen. Hedda ist die Tochter von Vicco. Sie erinnert sich an die Urlaube bei ihrer Großmutter Henriette. Hedda ist die einzige, die von ihrer Großmutter etwas geerbt hat – ein Tagebuch, mit den Aufzeichnungen und Kriegserlebnissen der Großmutter. Hedda weiß, wie es ihrer Oma gelang zu überleben. Zu ihrem Vater Vicco, der in Deutschland lebt, hat sie auch nur wenig Kontakt. Sie gerät in eine Situation, in der sie sich verantwortlich fühlt, obwohl sie höchstwahrscheinlich gar nichts an der Ausgangslage hätte ändern können.

Jedes Ziel, jeder Wunsch diente dazu, irgendwo anzukommen, und wenn man nicht aufpasste, versäumte man den Moment, in dem man mit allen Sinnen spürte, wer man war. (S.162)

Der Roman entfaltet relativ schnell eine charakterliche Tiefe der Figuren, die vom Schicksal gebeutelt sind und in schwierige Entscheidungssituationen geraten. Andererseits bleibt aber auch fraglich, ob irgendeine der vier Hauptfiguren oder Nebenfiguren wirklich anders hätte handeln können.

Der Roman rauscht ein bisschen, wenn man ihn liest. Man bekommt das Gefühl, man sitzt an einem Regentag am Fenster und lässt alles um sich herum passieren, weil man ohnehin gerade nichts an der Wetterlage ändern kann. Das ist ganz schön, ein bisschen melancholisch, sehr leise und trotzdem tiefgründig. Auch wenn mir ein wenig die Dynamik gefehlt hat.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Leseschatz.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. 

Otto Müller Verlag 2017

 

 

 

 

 

Wiederholte Verdächtigungen

reichelt100_v-edgewiseKatharinas Freund Christoph ist verschwunden. Einfach so, ohne offensichtlichen Grund. Morgens ist er noch da, dann kommt er nicht mehr zurück. Katharina erhält eine SMS, dass er sich in irgendeine Aktion „idiotisch verrannt“ habe, das war’s. Katharina bleibt nichts anderes übrig als zu warten und zu rätseln und sich zu fragen, ob sie vielleicht schon von Anfang an Christoph nicht richtig verstanden hat. Auch seine Schwester Anne hat keine Ahnung, was hinter Christophs Verschwinden stecken könnte. Dabei hat Anne viel mit Christoph zu tun, der sich regelmäßig auch um ihren Sohn Finn kümmert. Auch Christophs Eltern verhalten sich rätselhaft und seine Freunde wissen auch nicht weiter.

Katharina versucht mit der schwierigen Situation so rational wie möglich umzugehen. Sie ist Schriftstellerin und versucht sich der Situation und Christoph wieder zu nähern, indem sie auf Distanz geht, ihre Analysekompetenzen nutzt, mit den realen Bedingungen so umgeht, als würde sie an einem Roman arbeiten:

Wenn Katharina über die Figuren in ihren Texten nachdenkt, wenn sie den Überblick verliert über die Themen, die Orte, die Gegenstände und Erzählstränge, dann nimmt sie ein großes Blatt Papier und versucht alles, was wichtig ist, auf diesem Blatt unterzubringen. Figuren, Themen, Gegenstände, Fragen. Es sind nur vorläufige Skizzen, in denen sie ständig Veränderungen vornimmt und mit dicken Pfeilen Verbindungen kennzeichnet. Manchmal erkennt sie auf diese Weise Zusammenhänge oder Symmetrien, die ihr bis dahin verborgen geblieben waren. (S. 25)

Als Leser_in geht es mir hier genau wie Katharina. Ich weiß nicht, was eigentlich mit Christoph passiert ist und beginne sofort zu spekulieren. Stimmt es, dass in der Beziehung zu Katharina alles in Ordnung war oder stimmt das nicht? Läuft sein Dissertationsprojekt vielleicht doch nicht so rund? Ist er mit seinem Wohnort nicht zufrieden? Was hat Anne mit Christophs Verschwinden zu tun und liegt es am Ende an den roten Pünktchen auf Finns Haut, die dafür gesorgt haben, dass Christoph untergetaucht ist? Als Christoph dann nach vier Tagen wieder da ist, haben sich die vielen Fragen aber keinesfalls aufgelöst.

Jutta Reichelt hat einen feinsinnig komponierten Roman geschrieben, der an keiner Stelle schwer oder schwierig wirkt. Schon das Motto des Textes, ein Zitat von Herta Müller („Das Schweigen ist keine Pause zwischen dem Reden, sondern eine Sache für sich.“), sprach mich sofort an und die Begeisterung für den Text ließ nicht nach. Es geht um Familiengeheimnisse und vergangene Ereignisse, die ihre langen Schatten bis in die Gegenwart werfen. Nicht alle Geheimnisse werden aufgelöst, einiges bleibt Leerstelle und lässt mir viel Interpretationsspielraum. Das gefällt mir sehr, denn hier muss ich akzeptieren, dass es Gründe gibt, die ich mir nur erschließen kann, die nicht explizit gemacht, mir nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden. Vielleicht habe ich deshalb so gerne und so lange an diesem Text gelesen, mich mit ihm beschäftigt und auseinandergesetzt. Die Geschichte bleibt so spannend bis zum Schluss und wird nur durch kleine alltägliche Begebenheiten aufgelockert, die doch immer wieder auf das große Ganze verweisen. So beginnt Katharina mit einigen handwerklichen Arbeiten um sich abzulenken, um das ständige Fragen vielleicht etwas abzubremsen. Sie beginnt alte Möbel zu restaurieren.

Wie schon bei der Treppe kommt es ihr jetzt wieder fast wie ein Zaubertrick vor, dass der gerade noch so harte Lack innerhalb von Sekunden Blasen wirft, wenn er einem Strahl heißer Luft ausgesetzt ist. Aber es funktioniert nicht immer. Manchmal bleibt der Lack, wie er war, nur dass auf einmal das Holz zu kokeln beginnt. Schwarze Flecken, die dann mühsam abgeschliffen werden müssen. (S. 58)

Die Beziehung von Katharina und Christoph wird ebenfalls einer riesigen Belastungsprobe ausgesetzt. Die Ereignisse der Vergangenheit wirken wie ein unaufhörlicher Schwelbrand, wie ein gefährliches Kokeln im Hintergrund, dass von den Beteiligten zunächst gar nicht richtig erkannt werden kann. Jeder Mensch reagiert anders auf so eine unterschwellige Bedrohung. In Wiederholte Verdächtigungen wird gekonnt die große Frage gestellt, ob es uns überhaupt gelingen kann, einen Menschen wirklich zu kennen. Was macht unser Ich aus? Werden wir zu anderen Menschen, wenn wir Geheimnisse erfahren, von denen wir nichts ahnen konnten? Wann beginnt eine Geschichte? Ist es überhaupt möglich, mit den schwarzen Flecken oder verborgenen Symmetrien der Vergangenheit umzugehen? Der Roman ist nicht nur fesselnd geschrieben, er beschäftigte mich auch über die schmalen 182 Seiten hinaus. Er lässt mich nachdenklich zurück, weil mich dieser schwarze Fleck von Christopher doch viel mehr berührt hat, als ich anfänglich gedacht habe. Wiederholte Verdächtigungen ist ein wirklich starker Roman, den ich euch nur ans Herz legen kann.

Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen. Klöpfer&Meyer 2015.

ISBN: 978-3-86351-093-0

Vielen Dank an die tolle Leserunde bei Lovelybooks :)