Drei Kameradinnen

Literarisches Jahreshighlight: In ihrem zweiten Roman erzählt Shida Bazyar kompromisslos und voller Wucht von drei Freundinnen und den zerstörerischen Folgen des Alltagsrassismus in Deutschland.

Hani, Kashi und Saya sind zusammen am Rand einer Kleinstadt aufgewachsen. Weder der Name der Stadt noch die Herkunftsländer der Protagonist*innen spielen eine Rolle, wie die Ich-Erzählerin Kasi feststellt, denn Frauen wie sie werden immer nach ihrer ursprünglichen Heimat gefragt. Da können die drei Freund*innen auch exzellentes Deutsch sprechen, die biodeutschen Fragesteller*innen interessiert das kaum. Es geht viel mehr darum, eine Schublade aufzumachen und Menschen festzulegen – ein Prozess, gegen den die Freund*innen sich immer schon gewehrt haben und der den Zusammenhalt des Trios nur verstärkt hat. Gemeinsam gegen den Rest der Welt. Die drei haben sich eine lange Zeit nicht gesehen und seit ihrer Jugend nur noch selten Kontakt. Eine gemeinsame Freundin aus der alten Siedlung heiratet, deswegen kehren alle drei zurück. Die Verbindung die noch nach all den Jahren besteht, ist so traurig, wie eindrücklich: sie hatten schon immer unterschiedliche Wege mit dem Alltagsrassismus, der ihnen begegnet, umzugehen.

„Uns gibt es in dieser Welt nicht. Hier sind wir weder Deutsche noch Flüchtlinge, wir sprechen nicht die Nachrichten und wir sind nicht die Expertinnen. Wir sind irgendein Joker, von dem sie noch nicht wissen, ob sie ihn einmal zu irgendetwas gebrauchen können.“

Drei Kameradinnen

Doch der Zeitpunkt des gemeinsamen Treffens fällt in die ersten Tage des NSU-Prozesses. Weder die Namen der Angeklagten noch die genauen Tatvorwürfe werden genannt. Sie sind eher ein weißes Rauschen im Hintergrund, das die vorsichtigen Begegnungen begleitet. Die Erzählerin Kasi weiß genau, was sie uns, den Leser*innen, hinwerfen kann und welche Informationen sie verschweigt. Sie wendet sich an uns, immer dann, wenn wir anfangen ein unhinterfragtes Vorurteil über die drei Freundinnen für bare Münze nehmen, immer dann, wenn wir es uns einen Tick zu einfach machen wollen. Das ist ein unglaublich verführerischer Reflex, denn die Geschichte beginnt nicht mit der Hochzeit und nicht mit dem ersten Schultag der Freundinnen. Sie beginnt mitten drin oder am Schluss: ein Zeitungsartikel mit dem Titel „Jahrhundertbrand in der Bornemannstraße“ verweist auf Sayas Mittäterschaft bei einem islamistischen Anschlag, der mehrere Menschen das Leben gekostet hat.

Die Konstruktion des Romans ist deshalb so einfach, wie überzeugend. Wir wissen von Anfang an, das etwas schlimmes geschehen sein muss, denn wenige Seiten später erfahren wir von Kasi, dass Saya wegen des Anschlags „im Knast“ sitzt. Weil Kasi sich eigentlich auf die Hochzeit gefreut hat und von der Nachricht absolut überfordert ist, setzt sie sich an den Schreibtisch und beginnt die gemeinsame Geschichte aufzuschreiben – in einer Nacht bis zum Morgengrauen. Kasi präsentiert uns ein Kaleidoskop von unterschiedlichen Erfahrungen der drei Freund*innen über Jahre hinweg, die von Mikroaggressionen bis hin zu offener Diskriminierung reichen. Der Auftrag an die Leser*innen: zuhören und nicht vorschnell urteilen. Das fällt gar nicht so leicht. Als ziemlich deutsche weiße Kartoffel, die sich nie mit den geschilderten Problemen auseinandersetzen musste, fühle ich mich manchmal beim Lesen ertappt.

„(…) man kann euch nun mal nur halb vertrauen; eigentlich will man es und tut es meistens auch. Aber dann weiß man trotzdem nicht, ob ihr von den Morden an nicht-weißen Personen eigentlich schon gehört habt, die uns nächtelang wach hielten und unsere Läden schließen ließen. Ob ihr eigentlich von den niedergebrannten Häusern wisst, wegen denen wir uns damals Walkie-Talkies zulegten und heute in jeder neuen Wohnung Rauchmelder anbringen. Oder ob ihr bei all diesen Vorfällen gerade im Urlaub wart. Am Mittelmeer vielleicht (…)“

Drei Kameradinnen

Bazyars Roman ist nicht nur klug komponiert, sie spielt auch mit sämtlichen erzählerischen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Die direkte Ansprache der Leser*innen ist ein wirkungsvoller Kniff, die generelle Unzuverlässigkeit der Erzählerin, die mich von Kapitel zu Kapitel das gerade neu zusammengesetztes Bild der drei Protagonist*innen erneut hinterfragen lässt, zeugt ebenfalls von der hohen Kunst der Autorin ein Porträt der Freund*innen zu entwerfen, das mich bedrückt und sogar wütend macht. Und das beginnt schon bei der Ankunft von Kasi in der Stadt: im Flugzeug wird sie von einem älteren deutschen Herrn auf Englisch angesprochen. Der Subtext ist, dass jemand wie sie doch kein Deutsch sprechen könne. Das macht Kasi wütend, während sie sich gleichzeitig für eine schwangere Mitpassagierin mit Kopftuch schämt, die im Flugzeug auf dem vermeintlich falschen Platz sitzt und so den Verkehr aufhält. Es wird sich herausstellen, dass der Platz gar nicht der falsche ist und die Frau eigentlich kein Kopftuch trägt, sondern es nur umgeworfen hat, damit ihre Haare nicht nass werden – doch sämtliche Vorurteile der Menschen im Flugzeug und gleichzeitig auch der Leser*innen werden einmal geschickt durchexerziert.

Während also auf der einen Seite die Ausschlussmechanismen der deutschen Mehrheitsgesellschaft thematisiert werden, zeigen sich in den Kindheitserinnerungen von Kasi, Bilder einer heilen Welt, in der sich die Mädchen umeinander kümmern. Kasi erzählt von Hani, die in der Siedlung anfing den Müll aufzusammeln und ein heruntergekommenes abgewracktes Auto zu putzen, damit die Gegend nicht so schäbig aussah. Dafür erfand sie einen alten Mann, der im Krankenhaus lag und sich deshalb nicht mehr um das Auto kümmern konnte – und alle Kinder der Siedlung, von der Geschichte überzeugt, halfen mit. Diese Erfahrungen bilden auch das starke Fundament der Freundschaft der drei Frauen und werden immer wieder lose neben die Erfahrungen der drei Kameradinnen im Laufe ihres Erwachsenenlebens gestellt.

Kasi hat einen Masterabschluss mit Bestnoten, findet aber keine Stelle und muss sich deshalb mit unbefriedigenden und deprimierenden Besuchen in der Agentur für Arbeit herumschlagen, während sie gleichzeitig eine Trennung verarbeiten muss. Ohne ihren deutschen weißen Freund, fühlt sie sich noch unsichtbarer in der Gesellschaft. Als er ihr noch zur Hilfe kommen will und ein Jobangebot in Bayern („Migrationshintergrund ausdrücklich erwünscht“) aus der Tasche zaubert, dass Kasi schon bei der Arbeitsagentur vor die Nase gesetzt bekommen hat, ist sie endgültig davon überzeugt, dass sie und der Ex in verschiedenen Welten leben. Saya gibt Workshops für Schulen und ist in der Bildungsarbeit aktiv und war schon immer bereit dafür, sich für das Wahre, Schöne und Gute einzusetzen. Sie ist die Idealistin – und soll doch am Ende einen Terroranschlag verübt haben? Wie kann das zusammengehören? Hani hingegen ist strebsam, zuverlässig und vor allen Dingen darum bemüht, nicht negativ aufzufallen. Sie macht sich lieber kleiner als sie ist und arbeitet als Büroangestellte in einer Organisation für den Tierschutz ohne großartige politische Reden schwingen zu wollen, auch das ist eine Überlebensstrategie. Das sie letztendlich auf ihrer Stelle gnadenlos ausgebeutet wird, nimmt sie so hin.

Das Scheitern der Ermittlungsbehörden im NSU-Mordkomplex und die dadurch entstandene Gewissheit, dass niemand die drei Kameradinnen vor rassistischer Gewalt schützen kann oder will, steht als unausgesprochener riesiger pinker Elefant im Raum. Bazyar fordert uns auf, genau hinzuschauen, festgelegte Bilder in Frage zu stellen und zeigt am Schluss, dass die Erzählerin selbst unzuverlässig ist. Es sind die blinden Flecken, die wir alle haben, auf die uns die Erzählerin hinweist, die Erzählung ist aber auch ein großer Spiegel, den die deutsche Mehrheitsgesellschaft vorgehalten bekommt, in dem die Perspektive sich ein bisschen verschieben kann und soll. Kurzum, große Erzählkunst.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar gewonnen und bedanke mich sehr herzlich beim Verlag!

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

leckere Kekse

letteratura

Literaturreich

Schwarzpulver

Das Debüt der Österreicherin Laura Lichtblau zeigt eine unheimliche Tendenz: Bürgerwehren machen Stimmung. Ein Sturm auf das Reichstagsgebäude? In Lichtblaus Roman auf jedem Fall im Rahmen des Möglichen. Die Radikalisierung der vermeintlich normalen Menschen, die zur Katastrophe führt, wirkt deshalb noch überzeugender. Immerhin ist am Ende nicht alles verloren, so viel kann verraten werden.

Dystopien haben und hatten schon immer eine wichtige Funktion: Sie sind gewissermaßen Stimmungsmesser für gesellschaftliche Entwicklungen, Tendenzen und Diskussionen, sie kritisieren bestehende gesellschaftliche Verhältnisse und wollen die Menschen zum verantwortungsvollen Handeln aktivieren. Laut BBC hat das Interesse an dystopischer Literatur seit den Präsidentschaftswahlen in den USA 2016 einen wahren Aufschwung erlebt: So befinden sich dystopische Klassiker wie George Orwells 1984, Sinclair Lewis’ It Can’t Happen Here, Ray Bradburys Fahrenheit 451 und Brave New World von Aldous Huxley sowie The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood unter den meist verkauften Büchern im Januar 2017. Die Weltentwürfe der Dystopie sind also dann erfolgreich und erreichen die Leser*innen, wenn sich die gezeigte Zukunftsvision nicht in einer vollkommen unwahrscheinlichen Realität abspielt, sondern bereits in der außerliterarischen Welt deutlich wird.

Der Roman Schwarzpulver kreist um drei verschiedene Figuren, die die Ereignisse der Rauhnächte, also der Zeit zwischen Weihnachten und Anfang Januar, in kurzen Kapiteln erzählen. Die Rauhnächte gelten seit jeher als Zeit der Hexen, als Phase der Orakelsprüche und sprechenden Tiere, Geister sollen vertrieben werden. Für die Figuren Elisa, genannt Burschi, Charlotte und Charlie ergeben sich in dieser Zeit ganz besondere Herausforderungen.

Burschi, die einen gut laufenden Internethandel mit geklauten Gegenständen betreibt, lernt eine besondere Frau kennen und verbringt einen erotischen Nachmittag mit Johanna. Johanna verschwindet immer wieder, denn sie ist Partisanin und kämpft im Untergrund gegen den Staat. Charlotte Venus, systemtreu und unkritisch, hat sich zur Scharfschützin bei der Bürgerwehr ausbilden lassen und schützt die Grenzen und öffentlichen Plätze, ihr 19-jähriger Sohn Charlie sucht in einem Praktikum bei einem alternativen Musiklabel für Untergrundrap ein Schlupfloch im totalitären System. Burschi und Charlie haben schon lange erkannt, dass der Staat das Problem ist.

„Ich sage dir […], dass die Partei keine Frauen mag, die Frauen lieben. Sie mögen keine Anglizismen, kein fremdländisches Essen, keine Menschen, die glücklich sind, sie mögen keinen Hip-Hop, keine Konzerte auf der Straße, keine Menschen, die aus anderen Ländern stammen, keine Familien ohne Kinder, keine Männer mit Lipgloss, keine Frauen mit Glatze, sie mögen keine Frauen, die erfolgreicher als Männer sind…“

Charlotte distanziert sich erst langsam von den Kolleg*innen, am Anfang agiert sie „zielführend“ und schießt ohne große Gewissensbisse. Sie erinnert sich in ausführlichen Rückblicken an die Entwicklung der Bürgerwehr, an den Zusammenhalt, das gemeinsame Racletteessen, die gemeinsame gesunde Wut gegenüber Kiffern und Schmarotzern, die doch nur die gutbürgerliche Ordnung stören. Wie belastend der Job als Scharfschützin ist, zeigt sich im wiederkehrenden Alkoholkonsum der Protagonistin und ihren Zweifeln, die sich langsam einstellen.

Besonders eindrücklich zeigen sich die dystopischen Elemente gerade dann, wenn die Leser*innen den Eindruck gewinnen, dass einige geschilderten Figuren wie Abziehbilder der Hygienedemos wirken. Hundezüchter, die sich über Rassegesetze auslassen, Parteifunktionäre, die Reden darüber schwingen, dass man Single-Frauen doch über Datingportale verpartnern könne, damit es mehr Schwangerschaften gibt und die allgengewärtige Angst davor, dass in Berlin bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Weicht jemand vom patriarchalen Familiensystem ab, wird die Kommission für Volksgesundheit aktiv, die alle „Abweichler“ umerziehen will. Auch Burschi wird aus ihrer WG fliegen, denn ihre Mitbewohner*innen haben Angst, denn alles was zu feministisch oder queer daherkommt, soll aus dem Stadtbild gestrichen werden. In der Konstruktion des autoritären Staatsapparates ist alles dabei, was in den letzten Jahren (und wahrscheinlich schon immer) an völkischer, rassistischer, homophober und frauenfeindlicher Propaganda so am Start ist. Lichtblau fängt diese aktuellen Momente ein und verwebt sie in ein Netz in ihrer Dystopie, die in einer unglaublich schönen, zarten und auch witzigen Sprache daherkommt. Als Charlotte, die irgendwann die Situation nicht mehr aushält „außer Rand und Band gerät“, bleibt ihr nur noch die Psychiatrie als letzter Zufluchtsort.

Der „langsam entstehende Aufruhr“, der sich im letzten Satz des Romans andeutet, kann eine Hoffnung sein. Vielleicht kann Lichtblaus deutschsprachige Dystopie Schwarzpulver einmal in einem Atemzug mit Juli Zehs Dystopie Corpus Delicti genannt werden, beide Romane laden auf intelligente Weise zum Nachdenken und Diskutieren ein. Zugunsten der Konstruktion des Systems und der literarischen Welt wirken einige Figuren eher klischeehaft. Das ist vielleicht aber auch ein gängiges Problem des Genres, in dem häufig jemand aufwachen muss, der zunächst das autoritäre System unterstützt. Das Schwarzpulver verweist übrigens auf das explosive Material in einer Schusswaffe und damit direkt auf das angedeutete Ende des Romans.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Literatur leuchtet

Laura Lichtblau – Schwarzpulver. C.H. Beck 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten, vielen Dank!


Wir holen alles nach

Eigentlich ist nichts passiert. Doch, es ist etwas passiert. Nein, doch nicht. Oder doch? In dem Roman Wir holen alles nach stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, die sich nicht immer richtig verhalten. Es ist eine Geschichte über das, was Menschen voreinander verbergen und die subjektiven Theorien, die sie trotzdem übereinander haben. Man glaubt etwas, über eine andere Person zu wissen, doch ob es wirklich zutrifft lässt sich nicht genau sagen.

Ellen ist Rentnerin und lebt in München. Hier wohnt sie gemeinsam mit ihrem Hund, gibt Nachhilfe, um sich ihre Rente aufzubessern und trägt jeden Morgen die Zeitung aus. Ihre Kinder leben schon lange nicht mehr Zuhause. Ellen versucht die Welt immer ein Stückchen besser zu machen. Sie versucht auf Plastik zu verzichten, sie isst wenig Fleisch. Bereits mit 40 Jahren war sie Witwe, sie hat sich an ein Leben alleine gewöhnt. Und sie glaubt, immer das Richtige zu tun.

Doch dann passiert es. Sie bekommt einen neuen Nachhilfeschüler. Elvis ist in der Grundschule und nicht so gut in Deutsch. Ellen hilft Elvis, Elvis hilft ihr. Sie gehen gemeinsam mit dem Hund spazieren, kochen und machen Hausaufgaben. Ellen gewöhnt sich sehr schnell an ihre Rolle als Ersatz-Omi und daran, dass Elvis regelmäßig zu ihr nach Hause kommt. Elvis ist manchmal sehr traurig, das macht Ellen große Sorgen. Stimmt etwas bei ihm Zuhause nicht? 

Sina ist die Mutter von Elvis. Sie hat einen stressigen Job, sie versucht sich um Elvis zu kümmern und sie braucht Zeit für ihren neuen Partner Torsten. „Wir holen alles nach!“, das sind ihre Worte, das sagt sie oft zu Elvis. Denn viel Zeit hat sie nicht für ihren Sohn. Torsten hatte ein Alkoholproblem, aber ist seit einiger Zeit trocken. Das behauptet er zumindest. Sina erlebt hautnah mit, wie die Scheidung mit Torstens Exfrau abläuft und wie wenig er seine Kinder sehen kann. Das macht sie traurig. Sie glaubt daran, dass Torsten mit Elvis alles besser machen kann. Aber dann wird sie von Ellen angesprochen, die sich Sorgen um Elvis macht und es steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Wie soll Sina reagieren? Gegenüber dieser Frau, die sie braucht und auf die sie trotzdem neidisch ist, denn sie verbringt mehr Zeit mit Elvis und warum hat sie, seine Mutter, nichts gemerkt? 

Martina Borger gelingt es meisterhaft und psychologisch sehr feinsinnig, die Verdachtsmomente der beiden Frauen und ihre Reaktionen darauf, auszuloten. Wie verhält sich Ellen gegenüber Elvis? Was macht sie mit dem Verdacht gegenüber Torsten? Wie reagiert Sina gegenüber Torsten? Was sollen sie tun, wenn Elvis nicht spricht? Aus dieser ungünstigen Ausgangslange entwickelt sich ein feingesponnenes Netz aus Gerüchten, Verdächtigungen, unausgesprochenen Anschuldigungen, die alle Beteiligten verändern werden. Der Roman ist sehr leise erzählt und trotzdem genau. Wie auf einem Seziertisch nimmt Martina Borger die Gefühle der beiden Frauen auseinander und eine unheilvolle Kettenreaktion entsteht. Ich konnte den Roman kaum zur Seite legen und das hatte ich nach den ersten Kapiteln nicht erwartet. Ein leiser Roman, sehr gelungen und eindrücklich erzählt.

Martina Borger – Wir holen alles nach. Diogenes 2020.

Ich an meiner Seite

Birgit Birnbacher erzählt in ihrem Roman davon, wie es ist, ganz unten angekommen zu sein. Letztes Jahr gewann sie den Bachmannpreis für einen Text über einen jungen Mann, der nach einem Gefängnisaufenthalt einen ungewöhnlichen Weg geht.

26 Monate saß der 22-jährige Arthur im Gefängnis. Endlich frei! Doch was bedeutet das eigentlich? Er hat die neuesten technischen Entwicklungen verpasst und muss sich erst wieder an die Normalität gewöhnen, also steht erst einmal die Jobsuche an. Aber Arthurs Lebenslauf ist nicht mehr lückenlos. Damit er nicht nach kurzer Zeit wieder rückfällig wird, muss er an einem Resozialisierungsprogramm bei dem sehr speziellen Therapeuten Vogl teilnehmen, ein komischer Kauz, der von allen nur Börd genannt wird.

„Sein Ansatz war damals vollkommen neu. Was er machte, war anders als alles, was bisher gemacht worden war. Um Theorie scherte er sich immer nur exakt so viel, wie es eben unbedingt notwendig war. Den ganzen Rest bestritt er mit Versuch und Irrtum, mit Intuition und Inbrunst, mit dem Willen, wirklich etwas zu bewegen.“

Ich an meiner Seite

Eine Idee von Börd besteht darin, dass Arthur regelmäßig Nachrichten an seinen Therapeuten schickt, in denen er über seine Vergangenheit und sich selbst nachdenkt. Arthur soll eine Optimalversion von sich selbst entwerfen, kurzum soll er zeigen, wie er sich selbst als „Hauptfigur“ seines Lebens gestalten will.

Sie sollen sich über diese Figur dermaßen klar werden, dass Sie sie in brenzligen Situationen ,spielen‘ können, in sie hineinschlüpfen. Sich über etwas hinweg retten, indem Sie so tun, als wären Sie diese Version von sich, die bessere, die weichgezeichnete, die klügere. Und deshalb nicht straffällig werden.

Ich an meiner Seite

Während Arthur sich immer mehr dieser optimalen Version seiner selbst annähert, scheint Börd selbst einige Baustellen zu haben. Arthur folgt Börds Therapieansatz und beginnt seine Vergangenheit zu erzählen.

Arthur wächst mit seinem Bruder Klaus auf. Sein leiblicher Vater verlässt die Familie für eine andere Frau (und ein neues Kind) und seine Mutter Marianne lernt Georg kennen. Gemeinsam planen sie auszuwandern, die Kinder kommen natürlich mit, auch wenn man sie nicht fragt. In Spanien gründen Marianne und Georg ein Hospiz. Damit lässt sich Geld verdienen. Während Marianne und Georg sehr viel arbeiten müssen, damit sich der Traum vom Wohlstand in der Fremde erfüllt, werden die Kinder sich selbst überlassen. Klaus flüchtet nach wenigen Wochen zurück nach Wien, Arthur bleibt. Eine fatale Entscheidung. Er landet in einer Dreiecksbeziehung mit seinen zwei besten Freund*innen und es kommt zu einem tödlichen Unfall. Aus Angst vor den vermeintlichen Konsequenzen, kehrt auch Arthur nach Wien zurück. Marianne schickt ihm erst Geld, kümmert sich dann aber wenig um Arthur. Zu Klaus nimmt er keinen Kontakt auf. Er versucht sich ohne Hilfe durchzuschlagen und gerät dabei auf die schiefe Bahn. Dabei braucht er einfach nur Geld um zu überleben.

Was Arthur für Straftaten begeht, wird lange Zeit nicht verraten. Das macht die Spannung des Romans aus. Hat er die Chancen verdient, die er bekommt? Als Leser*in ist man da erst noch unschlüssig. Außerdem ergeben sich schnelle Szenenwechsel zwischen Gegenwart und Therapiegesprächen, Gefängnisaufenthalt und Vergangenheit in Spanien. Gerade die Gefängnisszenen sind wirklich hart. Arthur wird das Gefängnis mit einer Art posttraumatischen Belastungsstörung verlassen, Selbstzweifel und Ängste plagen ihn. Ein Lichtblick in Arthurs Leben ist die ehemalige Schauspielerin Grazetta, die Arthur in Spanien im Hospiz seiner Eltern kennen gelernt hat. Grazetta kennt sich aus mit Hauptrollen und sie hinterlässt Arthur ein Geschenk, das ihm endlich die Chance gibt, nach der er gesucht hat. Dass dann doch wieder alles ganz anders kommt als gedacht, scheint für Arthur einfach zum Leben dazu zu gehören.

Nur für Arthur? Im Leben der literarischen Figur hängt so viel vom Zufall ab. Er gerät unverschuldet in undurchsichtige Situationen. Er bekommt Hilfe, wenn er nicht damit rechnet. Börds unkonventionelle Therapiemethoden sind vielleicht erfolgreich, vielleicht nicht. Ob Börd im Programm bleibt, ist unklar. Eigentlich ist er als Therapeut für das Projekt nicht mehr tragbar. Ist das fair? Sicherlich nicht. Birgit Birnbacher hat einen überzeugenden Roman geschrieben, der in einem relativ nüchternen Tonfall eine Resozialisierungsgeschichte erzählt, in der vieles falsch läuft, weil zur Wahrheit auch gehört, dass es Fehler im System gibt. Ob Arthur diese Strafe so verdient hat, bleibt für mich auch am Ende in der Schwebe.

Birgit Birnbacher – Ich an meiner Seite. Paul Zsolnay Verlag 2020.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

„Scharnow ist über(all).“

Bela B. hat ein Buch geschrieben. Das Debüt des Schlagzeugers der besten Band der Welt (aus Berlin!) überzeugt, die absolute Unvorhersehbarkeit der Handlung sorgt für eine Menge Spaß.

Scharnow ist Liebesgeschichte, Alien-Invasionsstory, Gesellschaftskritik und im wahrsten Sinne Pulp Fiction – und vor allen Dingen absolut unberechenbar. Es gibt den Pakt der Glücklichen auf der Suche nach Bier, irre Nazis, einen verstorbenen Literaturblogger, ein mordendes Buch, Aliens, ein Mangamädchen und einen syrischen Praktikanten, der sich unsterblich verliebt. Klingt absurd? Ist es auch. Man weiß nicht genau, was man liest. Coming-of-Age-Story oder Agententhriller, Superheldengeschichte oder Gesellschaftsstudie oder geht es vielleicht doch einfach nur um Aliens? Eigentlich ist es von allem ein bisschen und da ist es trotz des mehr als vierzig Personen umfassenden Registers am Anfang nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. Aber das macht gar nichts, der Unterhaltungswert der Erzählung gerät für Bela nie aus dem Blickwinkel.

Scharnow ist ein kleiner und recht verschlafener Ort irgendwo in Brandenburg. Neben dem Personenregister verweist eine Zeichnung auf den Aufbau der Siedlung, das erinnert an ein World-Building, wie man es von guter Fantasyliteratur gewohnt ist. Hier sieht man das gigantische Hochhaus, den Supermarkt, das Dönerimperium, den Parkplatz, den Wald. Bekannte Orte, könnte man meinen. Aber dann ist eben doch alles ein bisschen anders.

Ein Literaturblogger (sic!) stirbt unter mysteriösen Umständen. Eben jener Blogger, der im Klappentext des Romans, den man gerade in den Händen hält, mit den Worten „Scharnow ist über(all)“ zitiert wird. Selten wird so schön mit Metaebenen gespielt. Neben dem verstorbenen Blogger überfällt eine Bande eines selbsternannten Geheimbundes nackt einen Supermarkt und richtet großen Schaden an. Die Szene ist so drüber und wird gleichzeitig in einer solchen filmischen Präzision erzählt, dass man sich schon fast in einem Tarantinofilm glaubt. Aber damit nicht genug. Ein Superheld gibt sich ebenfalls der Öffentlichkeit zu erkennen und im Geheimen drohen gefährliche Aliens mit einer Invasion, aber ist die sie selbsternannte Bürgerwehr nicht noch gefährlicher?

Die Kapitel kreisen dabei um die verschiedenen Protagonist*innen, die in einer Plattenbausiedlung in Scharnow leben, sich entfernt kennen oder eben im selben Supermarkt einkaufen. Eigentlich sind sich die meisten handelnden Personen schon begegnet, aber die meisten kennen sich nur flüchtig, sodass es auch nicht auffällt, wenn dubiose Mächte zeitweise den Körper einer alten Dame bewohnen. Man hat sich ja vorher auch kaum etwas zu sagen gehabt, da fällt so eine Invasion á la Körperfresser kaum auf. Das ist eine tragische Quintessenz des Romans.

Jedes Kapitel strotzt vor Ideenreichtum und abgefahrenen Figuren, die in ihrer Klischeehaftigkeit wirklich liebevoll erfasst werden. Ja, es gibt solche Menschen. Garantiert. Und keiner von ihnen weiß, um was es wirklich am Tag X ging, dem Dreh- und Angelpunkt, um den die Story aufgebaut ist. Sprachlich wird der Roman, besonders bei den Dialogen, recht lässig vom Drummer aus der Hüfte geschossen, eben so, wie man es auch aus dem Italo-Western kennt.

„Zarmo, alter Killer, ich bin’s Trönse.“

„Trönse, bist du irre, hier anzurufen, wir wollten doch …“

„Alles gut, Alterchen, für unser Attentat interessiert sich keiner. Die Spackos, die da nackt in den Supermarkt rein sind, die hat irgendwer gefilmt, die sind ein richtiger Hit , sage ich dir. Und die Polizei kümmert sich nur um den fliegenden Mann.“

Scharnow, S. 347

In Bela B.s Debüt passiert eine Menge Unvorhergesehenes, Banales und Großes und das auf gerade einmal knapp 400 Seiten. Wer seit den Romanen von Walter Moers nicht wusste, dass Bücher eine mörderische Kraft entfalten können, ist zumindest nach der Lektüre von Scharnow schlauer geworden.

Bela B. Felsenheimer – Scharnow. Heyne Hardcore 2019.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Mikka liest das Leben

Ricys Reading Corner

Dunkle Zahlen

Der Anfang sorgt schon für viele Fragezeichen und eine ganze Menge Freude, wenn man auf besondere Geschichten steht. Und besonders ist der Roman Dunkle Zahlen von Matthias Senkel, der 2018 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, in jedem Fall. Laut Klappentext geht es um die internationale Programmierer-Spartakiade 1985 in Moskau, bei der die kubanische Nationalmannschaft spurlos verschwindet. Die Übersetzerin Mireya macht sich auf, die Nationalmannschaft zu suchen. Die Erwartungshaltung ist relativ klar, doch dann ist von der Nationalmannschaft überhaupt keine Rede mehr. Stattdessen sorgt Matthias Senkel für eine Überraschung nach der nächsten…

Ohne genaue Einführung beginnt der erste Textabsatz. Ein gewisser Motja wird von zwei Annuschkas darum gebeten, Teewasser für eine größere Gesellschaft aufzusetzen – was er auch tut, indem er in eine Maschine mit dem Namen GLM zwei Zahlen eingibt. Die nächste Seite zeigt einen schwarzen Bildschirm mit russischem Programmcode und der Erklärung, dass es sich hier um den Startbildschirm der Literaturmaschine GLM-3 handelt, die quasi auf Knopfdruck „das unvollendete Poem Dunkle Zahlen“ ausspuckt. Jetzt erst folgen Titelseite, Verlagsangabe, sowie der Vermerk „Deutsch von Matthias Senkel“ . Wir sollen also glauben, dass es sich hier um einen computergenerierten Roman aus dem russischen handelt, der lediglich von Matthias Senkel übersetzt wurde. Große Liebe!

Fast märchenhaft beginnt der Roman mit einem gefangenen Hecht, der dem jungen Leonid drei Wünsche verspricht, sofern er ihn wieder ins Wasser wirft. Leonid rettet dem goldenen Hecht das Leben. Im zweiten Kapitel geht es mit der angekündigten Spartakiade los, dann ist das Kapitel schon wieder zu Ende und wir springen nach Leningrad ins Jahr 1948. Hier treffen wir auf den jungen Leonid Ptuschkow, einen wissbegierigen Schüler, der in seinem Notizheft mathematische Operationen improvisiert. Zurück im Jahr 1985 muss Mireya Fuentes, die Dolmetscherin des kubanischen Teams der Programmierer-Spartakiade, feststellen, dass die Kader-Auswahl zwar in Moskau gelandet, aber aus unbekannten Gründen mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne gestellt wurde. Und dann wird es immer wilder. Nach einem enzyklopädieartigen Einschub über den Begriff der „dunklen Zahlen“, folgt eine Biografie des fiktiven Dichter-Programmierers Gavriil Efimović Teterewkin und kurz darauf wird im Kapitel „Nachwort“ (irgendwo in der Mitte des Buches!) von einem Zusammentreffen des „vermeintlichen Großneffens“ Teterewkins, Rodion Woronin, mit Lenin und Maxim Gorki auf der Ferieninsel Capri berichtet. Inklusive Bildmaterial. Hat man als Leser*in gerade Wikipedia aufgerufen um festzustellen, ob es Teterewkin wirklich gibt, folgt ein Wikipedia-Artikel im Text.

Doch die Erzählstränge werden wieder auf der Spartakiade zusammengeführt: der sowjetische Trainer, den Mireya kurze Zeit später während einer Versammlung im Untergeschoss des Hotels „Kosmos“, wo die Programmier-Spartakiade stattfindet, zusammen mit den anderen kennen lernt, ist niemand anders als Leonid Ptuschkow, der im bisherigen Romanverlauf erst als junger Mann auftrat! Er ist Programmierer, aber auch Dichter und macht sich an die Entwicklung einer golemartigen Textmaschine.

Und zwischendurch begreift man gar nicht mehr, welche Figur zu wem gehört. Aber nicht schlimm. Eine Figurenübersicht gibt es irgendwo ab Seite 300. Also weiter im Text: im Jahr 1999 treffen wir die Zwillinge Sjarhej und Palina Aljaksejewna Morschakin, Ex-Teilnehmer der Programmierer-Spartakiade, inzwischen Inhaber der Softwarefirma CSM. Ihr Hobby: Das Sammeln seltener Spielautomaten und historischer Rechner. Ein mysteriöser Schweizer hat ein ganz besonderes Objekt für sie: Eine echte GLM! Also das mysteriöse Gerät, das schon auf den ersten Seiten den Kaffee erwärmt hat.

Zurück im Jahr 1985 wird deutlich, dass während der Spartakiade alle Teilnehmer*innen engmaschig überwacht wurden. Das wusste auch Leonid, der sich im folgenden Kapitel im Jahr 2023 Tonbandaufnahmen dieser Überwachung anhört. Und es stellt sich heraus, dass die Spartakiade selbst eher in den Bereich potemkinsche Dörfer gehört:  als Vorsitzender der Programmierer-Spartakiadenkomitees arbeiteten Dmitri und Jewhenija zusammen, die im Auftrag des Geheimdienstes die Aufgaben der teilnehmenden Kader so gestaltete, dass komplexe Missionen wie etwa die Kalkulation von Raketenabfangmanövern von diesen unbewusst gelöst wurden. Und auch die GLM kommt wieder zum Einsatz: sie soll dazu dienen, die Urheber von politischen Witzen ausfindig zu machen. Wozu braucht man eine Rasterfahndung, wenn die GLM die Urheber von politischen Witzen innerhalb von Sekunden ausfindig machen kann? Die totale Überwachung.

„Erst dann wird es möglich, jeden Bürger lebensumspannend zu begleiten, seine Taten und Äußerungen automatisch auszuwerten, um jederzeit ein Gesamtbild seiner Gesinnung erstellen zu können und unverzüglich zu korrigieren, damit Verstöße gegen die öffentliche Ordnung überhaupt nicht erst zustande kommen.“ (S.307)

Logisch, dass im Text jetzt ein Witzearchiv und ein Abkürzungsschlüssel folgen. Aber bevor es langweilig wird, entwickelt Senkel noch eine vierte Handlungsebene: der belgische Geheimagent Dupon, getarnt als Mitarbeiter von IBM, wird 1987 in Paris mit einem Spezialauftrag betraut und macht sich auf den Weg nach Moskau, dort soll er eine geheimnisvolle rote Kladde transportieren.

Habe ich diesen Roman komplett verstanden? Error. Nada. Fehlanzeige. Hatte ich sehr viel Spaß diesen wahnwitzigen Text zu lesen? Ja, in jedem Fall! Die erzählerische Experimentierfreude von Senkel ist einfach grandios, auch wenn ich manchmal etwas zwischen den Seiten verloren gegangen bin.

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen. Matthes & Seitz Berlin 2018. 481 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Der Platz an der Sonne

“ Ich will was machen aus mir und meinem Leben. Das will doch jeder Mensch, oder? Ich meine, warum hat sich denn der olle Mose auf die Socken gemacht und das ganze Volk Gottes mit ihm? Weil sie aus der Scheiße rauswollten, deshalb! Weil sie was Besseres wollten als das, was ihnen zugeteilt war. Und weil in Ägypten da nichts zu machen war. Das sind die großen Helden, aber ich darf das nicht?“ (S. 475)

Die besten Ideen sind häufig die einfachsten.  Christian Torkler hat in seinem Debüt „Der Platz an der Sonne“ kurzerhand die Weltgeschichte umgeschrieben und dreht die Perspektive um: Was wäre, wenn wir aus Europa nach Afrika fliehen müssten?

Der Held dieses dystopischen Textes ist Joshua Brenner, Berliner, Jahrgang 1978.  Er macht sich auf den Weg und sucht sein Glück in Afrika. Roller, sein bester Freund von früher, hat ihm von dort eine Postkarte geschickt. Roller hat es geschafft. Er ist losgezogen- wie viele andere auch – aber er hat es geschafft und er hat Joshua sogar zu sich eingeladen. Nach vielen tragischen Schicksalsschlägen macht sich Joshua  auf ins Ungewisse.

Im Roman sind die politischen Entwicklungen, die zu dieser Umkehr der Perspektive führen, eine direkten Folge des Zweiten Weltkriegs. Während der sowjetischen Blockade Berlins und der Luftbrücke der USA, eskalierte der Kalte Krieg zu einem Dritten Weltkrieg und entwickelte sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Weltmächten, der innerhalb Deutschlands ausgetragen wurde. Mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Deshalb unterstützt die Afrikanische Union den verarmten Kontinent, auch wenn die meisten Entwicklungshilfegelder nicht bei der Bevölkerung ankommen. 

Nach dem Krieg ist Europa zerstört, Deutschland in sechs verschiedene Kleinstaaten zersplittert. Mit dem Friedensvertrag von Reikjavic 1961 teilt sich auch das Land in verschiedene Hoheitsgebiete: den Freistaat Bayern, den Süddeutschen Bund, die Bundesrepublik Rheinland, Westfalen und Nassau, die Sozialistische Volksrepublik Mitteldeutschland, die Norddeutsche Förderation und die Neue Preußische Republik, deren Hauptstadt Berlin ist. Alle Einzelstaaten sind verarmt, totalitär regiert, die Bevölkerung wird unterdrückt, Demokratiebestrebungen gewaltsam niedergeschlagen und eine funktionierende Infrastruktur sucht man vergeblich.  

In der Neuen Preußischen Republik leben die Menschen in Armut, es gibt einen wachsenden Schwarzmarkt und normale Arbeitsplätze sind kaum zu finden. Joshua  wächst in einfachsten Verhältnissen auf. Sein Vater ist eines Tages verhaftet worden und nie wieder gekommen. Seine Mutter arbeitet Tag und Nacht um die Familie zu ernähren. Obwohl Joshua relativ schlau ist und gerne lernt, kann er die Höhere Schule nicht besuchen, seine Mutter kann sich das Schulgeld nicht leisten. Erst verkauft Joshua mit seiner Mutter als Kleinunternehmer selbstgemachte Suppe, dann fährt er Taxi. Er versucht sich – so weit es eben möglich ist – aus kriminellen Strukturen herauszuhalten und sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Er arbeitet hart, versucht immer wieder neue Wege für sich zu entdecken und gibt nicht auf. Als er eine Bar eröffnet, merkt er, dass nicht nur das staatliche Behördensystem korrupt ist. Überall hat die Mafia ihre Finger im Spiel und nicht nur deswegen muss Joshua das Land verlassen. Er hat einfach keine Chance in Berlin je etwas zu werden und er hofft auf einen Platz an der Sonne in Afrika. 

Seine Odyssee führt ihn über Ostdeutschland, nach Frankfurt, über die Schweizer Alpen, durch Italien bis an die afrikanische Küste. Und diese Migrationgsgeschichte ist nichts für schwache Nerven. Joshua ist nicht der sympathischste Held und er macht nicht immer alles richtig. Aber was ihm auf dieser Reise alles passiert ist von so schrecklicher Ungerechtigkeit, das man beim Lesen fast verzweifeln möchte. Sein Leben ist bedroht, er verliert Freunde, er wird ausgebeutet, gefoltert, betrogen. Dabei sucht er einfach nur nach einer Chance und einem Quentchen Glück.


„– Genau. Die wollen uns nicht auf ihrer Fähre haben und die wollen uns nicht in ihrem Land haben. Aber wir kommen trotzdem.
– Und?
– Was machst du mit Leuten, die du nicht haben willst? Du schickst sie weg. Und zwar am besten dahin, wo sie hergekommen sind. Verstehst du jetzt, was ich meine? Wenn die Luke da aufgeht, heißt es für uns Benvenuti Italia!
– Aber das … das können die doch nicht machen!

– Ach ja? Wer soll sie daran hindern?
– Immerhin, sagt Joris, sind wir mit dem Leben davongekommen.
– Ja, sagt Achim, aber ist das nicht ein Scheißleben?“ (S. 470)

Christian Torklers Debüt ist wahrscheinlich der Roman des Jahres. Er ist nicht verschachtelt konstruiert, sondern linear erzählt und sprachlich bedient Torkler  sich dem Horizont, den Joshua Brenner nach wenigen Jahren Schule eben haben kann. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, wie viel passieren muss, damit Menschen ihre Heimat verlassen und welche Gefahren sie auf sich nehmen. Der Roman zeigt aber auch: es hätte  alles ganz anders sein können. Und das macht ihn so lesenswert. Denn unser Glück auf der richtigen Seite der Erde aufzuwachsen ist eben purer Zufall, es ist nicht verdient, sondern ein für uns allzu selbstverständliches Geschenk. Was würden wir machen, wenn es nicht so wäre? 

Christian Torkler: Ein Platz an der Sonne. Klett-Cotta 2018. 592 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier: 

Wortgelüste

Zeichen und Zeiten

Olga

olga-9783257070156

 

Olga ist ein Mädchen, das aus armen Verhältnissen stammt, keine Probleme macht und relativ schlau ist. Während die anderen Kinder spielen, steht sie lieber am Rand und schaut zu. Ihre Eltern sterben früh am Fleckfieber, sie wird von der Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgezogen. Olga lernt fleißig, damit sie selbst einmal Lehrerin werden kann. Und dann trifft sie Herbert, der sich in Olga verliebt und auch noch das Projekt verfolgt,  Deutschland zu neuem Ruhm zu verhelfen.

 

„Aber sie gehörte nicht wirklich dazu. Sie sehnte sich nach anderen, die ebenfalls nicht dazugehörten. Bis sie einen fand. Auch er war anders. Von Anfang an.“ (S.12)

Der Roman gliedert sich in drei Teile und beginnt mit Olgas Kindheit. Ihre Mutter war Polin, ihr Vater Deutscher, sie selbst kommt 1893 in Breslau zur Welt. Nachdem sie bei der Großmutter landet, flieht sie nach Heidelberg, dort stirbt sie Anfang der 1970er Jahre. „Olga“ ist nicht nur die fiktive Biografie einer ungewöhnlichen Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte und auch ein Stück erzählte Zeitgeschichte. Bismark, Kolonialismus, zwei Weltkriege – Olga erlebt alles mit und hat schon früh große Sorgen, wenn es um die deutsche Neigung geht, immer alles „zu groß“ zu wollen. Damit ist Olga, wie so oft, ihrer Zeit voraus. Auch ihr Herbert verfällt dieser Idee.

Der erste Teil des Romans ist aus auktorialer Sicht geschrieben. Er umfasst die Zeit von Breslau bis zu Olgas Ankunft in Heidelberg. Der zweite Teil wird aus Ich-Perspektive erzählt. Erzähler ist ein Pfarrerssohn. Olga arbeitet für seine Familie als Näherin und zu dem jungen Ferdinand entwickelt sich ein besonders Verhältnis. Anders als im Vorleser wird die Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann hier aber nicht erotisch aufgeladen. Sie ist trotzdem etwas ganz besonderes:

„Sie war alt. Aber das Verständnis, das ich bei ihr fand, neugierig und nachsichtig, und ihre Liebe, die sich an mir freute, mich aber nicht brauchte und nicht forderte – es hatte das noch bei den Großeltern gegeben, gab es aber sonst bei niemandem, nicht bei den Eltern, nicht beim Freund, nicht bei der Geliebten. Ich verlor etwas, das ich nie mehr finden würde . (S.159)

Der dritte Teil besteht aus Briefen, die Ferdinand lange nach dem Tod der Verfasserin findet und die zurückführen in die gemeinsame Zeit mit Herbert. Herbert ist der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, er soll einmal den Hof der Eltern übernehmen. Für Olga ist kein Platz in dieser Zukunftsversion, sie spielt nicht in Herberts Liga, gehört dem falschen Milieu, der falschen Klasse an. Obwohl sich Herbert und Olga heimlich treffen, macht er keinen Schritt in ihre Richtung, die Zukunft wird nicht geplant und am Ende siegen die Lust nach Abenteuern und Eroberungen über die enge und heimliche Beziehung zu Olga. Herberts Weg führt ihn nach Deutsch-Südwestafrika. Die Briefe erreichen Herbert nicht, er wird nie zurückkommen, denn er hat beschlossen, „ein Übermensch zu werden und Deutschland groß zu machen“. Olga wird  von einer riesigen Einsamkeit erfasst. Sie kann nicht mehr unterrichten, als sie 1945 fliehen muss, ist sie taub geworden und auf Hilfe von anderen angewiesen.    

Obwohl ich so viele Seiten über Olga lese, wirkt sie auf mich lange sehr eindimensional und bleibt mir als Figur in ihren Handlungen absolut fremd. Das ändert sich erst im letzten Teil. Durch die Briefe klären sich viele Andeutungen auf. Das ist wirklich gut, ziemlich auf den Punkt und – für Schlink typisch – schnörkellos erzählt. Außerdem erfahren wir als Leser*innen endlich, was Olga gedacht hat, wie sie sich fühlt, wie wütend sie auf Herbert ist, der sich aus falsch verstandenem Nationalstolz und Ehrgefühl einer Expedition ins Ungewisse anschließt. Durch Olgas Briefe an Herbert wird zudem ihre Beziehung noch einmal in ein neues Licht gerückt.

Das Gute an unserer Trennung ist, dass ich Dir schreiben kann, wie sehr ich Dich vermisse (S.245)

Schlink hat einen Roman über ein Frauenleben in Deutschland geschrieben, dem man etwas Zeit lassen muss, damit er funktioniert. Neben den vielen historischen Momenten, die fast leichtfüßig eingeflochten werden, stellt sich auch die Frage danach, was eine Liebesbeziehung aushalten kann und was nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Herbert und Olga und die klare Analyse des deutschen Größenwahns in unterschiedlichen Epochen lohnen sich aber auf jeden Fall.

Bernhard Schlink – Olga. Diogenes 2018. 320 Seiten.

 

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

 

Justizpalast

Das ist also unsere Gerechtigkeitsfabrik. Am Ende hoher, höhlenartiger Zimmer sitzen Richter wie Grottenolme auf Papierbergen, jeder für sich. Nach drei Wochen Aktenwühlerei fragte Thirza Frau Meindl nach den offenen Verfahren der beiden Kollegen und erhielt die Antwort: hundertdreißig und hundertfünfundvierzig.

(S. 101)

Thirza Zorniger hat es nicht leicht und hatte es nie leicht. Ihr Vater, ein erfolgreicher Schauspieler, hat die Familie verlassen. Die kleine Thirza kommt zu ihrem Großvater und zwei Tanten nach München. Hauptsache, sie funktioniert und macht keine großen Schwierigkeiten. Bei ihrem Großvater findet sie zwar stabile Verhältnisse, aber auch eine klare Vorstellung davon, wie das Leben zu sein hat. Als Thirza, genau wie der Großvater, Juristin werden möchte, bricht dieser in Gelächter aus. Ihr Großvater kann sich nicht vorstellen, dass Thirza in dieser Männerwelt bestehen kann. Die unaufgearbeitete Rolle des Großvaters während des Nationalsozialismus schwebt wie ein dunkler Schatten über der Geschichte.

Justizpalast

Thirza kämpft und will allen das Gegenteil beweisen. Sie beißt sich durch ihr Studium und gibt nicht auf, bis sie selbst eine Robe tragen darf. Sie wird Staatsanwältin, Richterin am Amtsgericht, dann am Landgericht, zum Schluss Vorsitzende einer Zivilkammer. Der Erfolg fällt Thirza nicht in den Schoss, sie gibt alles dafür. Allein, ihr Privatleben bleibt dabei auf der Strecke. Thirza ist auch in ihrer Freizeit eher Grottenolm. Sie fährt alleine in den Urlaub und manchmal geht sie sogar während ihres Urlaubs ins Gericht, so sieht Arbeitshaltung aus. Freunde hat sie kaum, diejenigen, die sie hat, sind ebenfalls Juristen. Thirza glaubt lange Zeit, dass diese Einsamkeit zu ihrem Leben dazu gehört. Der Justizpalast in München ist ihre Wirkungsstätte, die Fälle, mit denen sie zu tun hat, wirken mitunter erschreckend dröge und sehr echt.

Kein Wunder, denn Petra Morsbach hat mit über 50 Jurist*innen gesprochen und so Einblicke in den Arbeitsalltag am Gericht erhalten. Der Aktenstau, die offenen Verfahren, das Gefühl, den Geschädigten häufig nicht einmal Recht zuteil werden zu lassen – diese Aspekte des Richterberufs erfasst Morsbach klar und unglaublich präzise. Die kauzigen, arroganten, weisen und zum Teil überraschend leidenschaftlichen Jurist*innen, denen Thirza begegnet, haben eins gemeinsam: ihr Zuhause ist der Justizpalast. Thirza, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe, gibt ihr Bestes und doch ist das häufig nicht genug. Mindestens 100 Fälle aus Thirzas Alltag werden den Leser*innen auf den knapp 500 Seiten präsentiert. Die steinreiche Millionenerbin, die um ein paar tausend Euro vor Gericht kämpft, ist genau so teil dieser illustren Sammlung von Fällen wie die Nachbarn, die sich darüber in die Haare kriegen, dass die Bäume ein paar Zentimeter gekürzt werden sollen. Das ist mal traurig, mal skurril (eine Frau verliert ihren Mann durch einen Wal, nun ja, solche Dinge passieren), manchmal eben auch etwas trocken zu lesen.

Startet Thirza noch voller Elan und Idealismus in ihre Karriere, wird ihr spätestens als Richterin klar, dass erfolgreiche Strafprozesse nach vier goldenen Regeln ablaufen. Erstens, Vergleiche sind das A und O, zweitens, am besten niemand klagt, drittens, wird ein Urteil aufgehoben, hat irgendeine richterliche Instanz versagt, weil das Urteil nicht hieb-und stichfest begründet wurde und viertens, Recht und Gerechtigkeit sind zwei Paar Schuhe. Das Privatleben steht in starkem Kontrast zu dieser Welt der Akten und nicht immer gerechten Urteile. Nach einigen gescheiterten Versuchen findet Thirza mit Max dann doch das große Glück – wenn auch nicht für die Ewigkeit.

Morsbach hat einen herrlichen selbstironischen Stil, den man leicht überlesen kann. Thirza sagt zum Beispiel, sie als Hauptfigur, dürfe jetzt ohne Weiteres das Thema wechseln. Und als Thirza einmal ein Buch in die Hand nimmt, legt sie es mit den Worten: „Morsbach, keine Ahnung, was daran komisch sein soll“ wieder weg.

Hat man den Roman gelesen, hat man auch als juristischer Laie das Gefühl, irgendwie ein bisschen mehr verstanden zu haben. Davon wie Gesetze und das Justizsystem funktionieren und leider auch davon, wie Richter*innen, Sachbearbeiter*innen und alle Beamt*innen des Justizapparates leicht von dieser großen Aufgabe zerrieben werden können. Denn da Recht und Gerechtigkeit nicht immer zusammen fallen, kann es häufig nur eine Annäherung an ein vermeintlich gerechtes Urteil geben. Gerade deshalb ließ mich der Roman zum Ende hin, sehr melancholisch werden.  Misst sich das Können eines Richters an seinen gnadenlosen Urteilen, seinem Einfühlungsvermögen oder seinem Bearbeitungseifer, wenn es um offene Verfahren geht?

Als Petra Morsbach Anfang des Jahres in Bremerhaven war und bei der Literarischen Woche aus ihrem Roman Justizpalast las, war ich sofort begeistert und wollte den Roman unbedingt lesen. Mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht, der Roman ist toll. Im Gespräch, das sich der Lesung anschloss, erzählte Petra Morsbach, dass sie zehn Jahre für diesen Roman recherchiert habe. In einer heißen Phase, mietete sie sich eine Kabine auf einem Frachtschiff und schrieb ihren Roman auf hoher See, denn dort konnte sie nichts von ihrer Geschichte ablenken. Der Aufwand hat sich gelohnt. Für Justizpalast hat Morsbach den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2017 erhalten.

Petra Morsbach: Justizpalast. Knaus 2017.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank! 

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

 

Buch-Date

Was ist das Buch-Date? Hier hatte ich schon über die Aktion geschrieben, mir wurden drei Bücher von Wili empfohlen und ich habe mich für

Der Zwerg reinigt den Kittel 

entschieden, weil das Buch so schön pink ist und der Titel (Der Zweck heiligt die Mittel, anyone?) so toll klingt. Leider hat rebuy dann doch ein wenig länger gebraucht, als gedacht und ich musste ein wenig auf mein Päckchen warten, deswegen mit einiger Verspätung mein Beitrag.  Meiner Lesefreude hat das Warten allerdings keinen Abbruch getan.IMG_20180617_153622 (1)

 

Vier finster gestimmte Omas haben ihr vereinsamtes Dasein satt. Ihr geheimer Plan: sie machen auf pflegebedürftig und genießen den Lebensabend im Altenheim, ist ja fast wie ein Fünf-Sterne-Hotel und ein Erlebnisprogramm gibt es auch. Der Deal mit dem Pflegeheimleiter ist schnell eingefädelt. Karlotta, Marlen, Susanna und Almut  müssen nur bis zu ihrer Beurteilung den üblichen Verantwortlichen klar machen, dass sie auf jeden Fall zur Pflegestufe zwei gehören. Der Rest ist ein Kinderspiel – so stellen es sich die rüstigen Damen zumindest vor. Aber dann geht alles daneben und das Quartett landet im Knast. Der Vorwurf: schwere Körperverletzung mit Todesfolge. Almut, die Chefin der Bande, muss jetzt den Psychiater Klupp davon überzeugen, dass er bloß eine vernünftige Beurteilung über die Damen schreibt. Und das ist gar nicht so einfach.

Der Roman ist bitterböse und richtig fies. Eine Abrechnung mit Sparzwang in Altenheimen und der Vorstellung, dass alte Menschen irgendwie vernünftig verwahrt werden könnten. Beim Lesen bleibt einem oft das Lachen im Hals stecken – und das macht den Roman so gut. Weil er auf drastisch überspitzte Weise vieles darstellt, was schon schief läuft in der Pflege. Und nicht nur das. Ungefähr in der Mitte des Buches, dreht sich die Story absolut unerwartet. Neben allen schweren Themen geht es dann nämlich auch noch um die Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung.  Das klingt jetzt schwer zu ertragen, aber der Roman ist so witzig, klug und genial, dass jede Seite Spaß macht und gleichzeitig zum Nachdenken anregt, denn das Buch ist voll von gekonnter Gesellschaftskritik. Und der Titel mit dem Hinweis auf das Sprichwort Der Zweck heiligt die Mittel bekommt am Ende des Romans noch einmal eine ganz neue Bedeutungsebene.

Ganz großes Kino und eine super  Buch-Date-Empfehlung! :)

Anita Augustin – Der Zwerg reinigt den Kittel. Ullstein 2013.