Buch-Date V – Shakespeare, Smiths und Sommercamp

Das Buch-Date geht mittlerweile schon in die fünfte Runde! Wow! da musste ich natürlich wieder dabei sein. Es geht darum, dass sich Blogger*innen gegenseitig drei Bücher empfehlen, initiiert wurde der Spaß von wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende.  Aus den drei Empfehlungen wird ein Buch ausgesucht und am 22. Juli werden die Rezensionen gepostet. Meine letzten Empfehlungen findet ihr hier und hier. Eine Übersicht über alle Rezensionen findet ihr dann beim Zeilenende.

Ich darf floreca drei Romane empfehlen und das waren ihre Antworten auf die Fragen:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?
Aus Ermangelung an Alternativen (hallo Buchdate!) drei beliebige Thriller. Alle übrigens sehr spannend und zu empfehlen.
Sabine Thiesler – Der Kindersammler
Andreas Gruber – Todesmärchen
Eric Berg – Kalt

Dein Lieblings-Genre?
Jugendliteratur (insb. Coming of Age), gute Bücher über Menschen (=Roman), Fantasy (gern auch Dystopie, gern auch Jugend)

Deine drei liebsten Autor*innen?
Max Barry (eins), Matt Ruff (zwei), Tonke Dragt (zweieinhalb), Kai Meyer (drei)

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?
Chick Lit, reiner Liebeskrams, historische Romane

Okay, ich denke, wir können uns vielleicht auf gute Bücher einigen, denn Chick Lit ist auch nicht meins und historische Romane nur, wenn sie wirklich gut sind. ;) „Gute Bücher über Menschen“ klingt ja schon einmal vielversprechend und auch mit Dystopien und Coming-of-Age-Geschichten kann ich etwas anfangen.

Los geht’s!

DDas Licht der letzten Tageas Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

Ich habe den Roman in den letzten zwei Tagen gelesen und bin immer noch begeistert. Atmosphärisch dicht und erschreckend realistisch beschreibt St. John Mandel die Auswirkungen einer Grippepandemie, die es in sich hat. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, in der „Jetzt“-Zeit begegnen wir dem Schauspieler Arthur, der gerade als König Lear auf der Bühne steht und zwanzig Jahre später begleiten wir das Schauspielerensemble Die letzte Symphonie, das durch die verwaisten Städte fährt und für die Überlebenden der Katastrophe Shakespeare aufführt. Mich hat der Roman begeistert, weil er tatsächlich ein postapokalyptisches Szenario schildert, das ich so noch nie gelesen habe und gleichzeitig nicht zu deprimierend gestaltet ist. Außerdem gefällt mir, dass die Autorin selbst die kleinsten anfänglichen Begebenheiten auflöst, so dass sie sich im Nachhinein zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Mir hat das sehr gefallen. Und stell dir vor: kein Liebeskrams.

The perks of Being a Wallflower  von Stephen Chbosky  Cover Das also ist mein Leben

Der Roman ist unter dem Titel Das also ist mein Leben auf Deutsch erschienen und ist unter dem Titel Vielleicht lieber morgen mit Emma Watson, Logan Lerman und Ezra Miller verfilmt worden. Es geht um Charlie, Charlie ist fünfzehn, hört gerne The Smiths und Nirvana (ja, genau—) und hat ziemlich viele Dinge über die er nachdenken muss. Das Übliche, also die Liebe und das nicht so Übliche, nämlich Scheiß aus seiner Kindheit. Ich liebe dieses Buch, ich liebe den Film, ich habe den Roman schon so oft empfohlen und ich glaube, es gibt niemanden, der nicht irgendetwas mit dem Text anfangen konnte. Wenn du gerne Coming-of-Age-Geschichten liest, ist das hier mein all-time-favourit, weil einfach so viele schöne Sätze in diesem Text zu finden sind, die mitten ins Herz gehen. Und es ist ein Briefroman, der sich über ein Jahr im Leben von Charlie erstreckt, in dem man alles über seine Situation, einiges aus seiner Kindheit und etwas über seine Zukunft erfährt. Schönes Ding.

Die InteressantenDie Interessanten von Meg Wolitzer

Der Roman ist ein unglaublicher Pageturner und ein wirklich gutes Buch über Menschen, das mit einer Coming-of-Age-Geschichte anfängt  ;). Eine ausführliche Rezension von mir zu diesem genialen Buch findest du hier.

 

 

 

Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Buch-Date. Ich bin mega gespannt darauf, für welchen Roman du dich wohl entscheiden wirst und freue mich schon darauf, deine Rezension zu lesen.

 

 

Die Interessanten – Lass dich drücken, Mittelmäßigkeit!

Cover Die InteressantenManchmal kann ein Augenblick das gesamte Leben verändern. Für Julie Jacobson ändert sich ihr Leben an einem warmen Sommerabend irgendwann im Jahr 1974 an einem magischen Ort, der in der Ferienlager Broschüre „Spirit in the Woods“ genannt wird. Ein pädagogisch abgesicherter Ort, an dem die künstlerische Ader der meist gut betuchten Jugendlichen gefördert wird und an dem sich eine Clique der coolen Kids spätnachts noch zu konspirativen Treffen verabredet um im Kerzenschein über europäische Literatur und ihre Begeisterung für Günter Grass zu philosophieren. Warum Julie ausgerechnet bei diesem Treffen dabei ist, weiß sie selber nicht so genau. Sie ist sehr unsicher, hat eine Dauerwelle, mit der sie aussieht wie ein Pudel und versucht gerade noch den Tod ihres Vater zu verarbeiten. Ihre einzige Eintrittskarte zu dieser Hochburg der selbsternannten Kunstschaffenden besteht in einem Stipendium, das ihr irgendwie zugefallen ist. Und dann sitzt sie im Zelt und ist auf einmal witzig. Sie ist so schlagfertig, dass sie an diesem Abend nicht mehr die schüchterne Julie ist, sondern nur noch „Jules“ genannt wird. Jules ist besonders, Jules ist interessant und Jules hat was zu sagen. Auf ihre Initiative hin, nennt sich die Clique fortan „Die Interessanten“. Sie schwören feierlich, nie ein gewöhnliches, langweiliges und mittelmäßiges Leben zu führen.

Hat sich hier im Spirit in the woods vielleicht schon die künstlerische Elite von morgen versammelt? Ethan ist der kreative Kopf der Gruppe, ein Ausnahmetalent, das durch grandiose Ideen für Trickfilme glänzt und stundenlang im Filmschuppen des Camps herumbastelt – bei Jules aber aufgrund „außergewöhnlicher Hässlichkeit“ abblitzt. Nicht ihr Typ. Goodman ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Sehr gutaussehend, gesegnet mit reichen Eltern, einem fantastischen Wohnsitz an der Upper East Side und seine Schwester Ash ist genau so hübsch und unbeschwert wie er. Hätte die Clique ein Machtzentrum, säßen Ash und Goodman am Hebel. Cathy ist angehende Tänzerin, die alle Männer um den Finger wickelt und Jonah der Sohn einer Folksängerin, der sich selbst als Musiker versucht (und dessen Name Jonah Bay doch sehr an die Folkikone der Zeit Joan Baez erinnert).

Viele Jahre später hat sich an der Cliquenkonstellation kaum etwas geändert – nur Cathy und Goodman fehlen. Warum möchte ich nicht verraten, nur soviel, Jules hat ihre ehemalige Freundin fallengelassen wie eine heiße Kartoffel und Goodman ist untergetaucht, gegen ihn läuft ein Haftbefehl. Aber von der Vergangenheit will niemand mehr sprechen, denn so ist das Leben und jeder muss sehen, wo er bleibt. Ash, Ethan, Jules und Jonah leben nach wie vor in New York und haben regelmäßig Kontakt, besuchen sich, sind beste Freunde und doch gibt es feine Risse im Gesamtgefüge. Denn das Leben ist nun einmal nicht gerecht und die Vorstellungen, die man mit 15 noch hochhält, lassen sich vielleicht nie verwirklichen. Es gibt kein Abo auf Erfolg, genauso wenig bleibt man für immer „interessant“. Gerade Jules knabbert an der Freundschaft mit Ash und Ethan, die mittlerweile ein hochangesehenes und sehr erfolgreiches Künstlerpaar sind. Jules Leben ist anders verlaufen. Sie ist Therapeutin geworden, ihre anfänglichen Schauspielambitionen im Bereich Comedy hat sie aufgegeben. Ihr Ehemann ist kein Künstler, sondern Ultraschalltechniker im Krankenhaus und ihre Tochter ist einfach nicht so besonders wie die Tochter von Ash und Ethan. Ethan hat ein Millionenimperium mit seinen Trickfilmen aufgebaut und seine Frau Ash ist in der feministischen Theaterszene unterwegs. Reality bites!  Als Cathy ihre Hilfe brauchte, war Ash eine der ersten, die zu ihrem Bruder hielt. Genau wie alle anderen.

Jules ist unglaublich neidisch auf ihre besten Freunde und ihren finanziellen Erfolg und bedauert sich selbst und ihr langweiliges Leben. Was, wenn damals im Camp doch alles anders gekommen wäre? Wäre sie dann die erfolgreiche Frau an Ethans Seite? Es dauert, bis sie bemerkt, dass es nicht der selbstgewählte Status der „Interessanten“ ist, der die anderen so leicht durchs Leben schweben lässt. Es ging schon immer um andere Dinge. Und sie selbst hat sich auf tragische Weise von der Macht und dem Einfluss ihrer Freunde moralisch korrumpieren lassen. Sie weiß Dinge über Ash, von denen Ethan keine Ahnung hat.

Ich habe immer gedacht, Talent sei alles, dabei war es immer schon das Geld. Oder die Gesellschaftsschicht. Und wenn nicht die, dann zumindest die Verbindungen.

Die Interessanten ist ein Roman, den man im besten Sinne als episch bezeichnen kann. Meg Wolitzer spannt einen Bogen von den 1970er Jahren bis heute und verwebt die Lebensgeschichten der verschiedenen Cliquenmitgliedern mit unterschiedlichen Diskursen der Zeitgeschichte. Sekten, Drogen, HIV, 9/11, Gentrifizierung, die Pharmaindustrie – da werden ziemlich viele Fässer aufgemacht, aber ich habe an keiner Stelle das Gefühl, dass die Themen außer Kontrolle geraten. Stattdessen werden auf sehr elegante und gekonnte Weise sämtliche Höhen und Tiefen des Lebens sehr menschlich und nachvollziehbar beschrieben. Es geht um die eigenen Wünsche und Vorstellungen, aber auch um tiefe Freundschaft. Wann sind Freunde noch Freunde? Wie sehr können wir uns verändern ohne unsere Freundschaft zu gefährden und wie viel Verschwiegenheit können wir alten Freunden abverlangen? Und worauf gründen sich eigentlich die Vorstellungen von uns selbst? Wann lassen wir das Camp hinter uns und werden erwachsen? Und wie leicht lässt sich am Ende die eigene Mittelmäßigkeit erhobenen Hauptes ertragen?

Die Interessanten ist Coming-of-Age-Roman und epochenübergreifendes Gesamtkunstwerk in einem, die Lektüre macht süchtig. Ich will einfach nur noch mehr lesen und ich bin traurig, als das Buch dann irgendwann doch zu Ende ist. 600 Seiten für so viel Inhalt ist fast zu kurz. Die Interessanten ist kein Wohlfühlbuch, aber ein Lieblingsschmöker, den ich absolut empfehlen kann. Und ich habe eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Die Klappentexterin vergleicht den Roman mit einem Regenbogen und das passt ganz wunderbar.

Meg Wolitzer – Die Interessanten (=The Interestings). Dumont 2015.