Olga

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Olga ist ein Mädchen, das aus armen Verhältnissen stammt, keine Probleme macht und relativ schlau ist. Während die anderen Kinder spielen, steht sie lieber am Rand und schaut zu. Ihre Eltern sterben früh am Fleckfieber, sie wird von der Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgezogen. Olga lernt fleißig, damit sie selbst einmal Lehrerin werden kann. Und dann trifft sie Herbert, der sich in Olga verliebt und auch noch das Projekt verfolgt,  Deutschland zu neuem Ruhm zu verhelfen.

 

„Aber sie gehörte nicht wirklich dazu. Sie sehnte sich nach anderen, die ebenfalls nicht dazugehörten. Bis sie einen fand. Auch er war anders. Von Anfang an.“ (S.12)

Der Roman gliedert sich in drei Teile und beginnt mit Olgas Kindheit. Ihre Mutter war Polin, ihr Vater Deutscher, sie selbst kommt 1893 in Breslau zur Welt. Nachdem sie bei der Großmutter landet, flieht sie nach Heidelberg, dort stirbt sie Anfang der 1970er Jahre. „Olga“ ist nicht nur die fiktive Biografie einer ungewöhnlichen Frau, sondern auch eine Liebesgeschichte und auch ein Stück erzählte Zeitgeschichte. Bismark, Kolonialismus, zwei Weltkriege – Olga erlebt alles mit und hat schon früh große Sorgen, wenn es um die deutsche Neigung geht, immer alles „zu groß“ zu wollen. Damit ist Olga, wie so oft, ihrer Zeit voraus. Auch ihr Herbert verfällt dieser Idee.

Der erste Teil des Romans ist aus auktorialer Sicht geschrieben. Er umfasst die Zeit von Breslau bis zu Olgas Ankunft in Heidelberg. Der zweite Teil wird aus Ich-Perspektive erzählt. Erzähler ist ein Pfarrerssohn. Olga arbeitet für seine Familie als Näherin und zu dem jungen Ferdinand entwickelt sich ein besonders Verhältnis. Anders als im Vorleser wird die Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann hier aber nicht erotisch aufgeladen. Sie ist trotzdem etwas ganz besonderes:

„Sie war alt. Aber das Verständnis, das ich bei ihr fand, neugierig und nachsichtig, und ihre Liebe, die sich an mir freute, mich aber nicht brauchte und nicht forderte – es hatte das noch bei den Großeltern gegeben, gab es aber sonst bei niemandem, nicht bei den Eltern, nicht beim Freund, nicht bei der Geliebten. Ich verlor etwas, das ich nie mehr finden würde . (S.159)

Der dritte Teil besteht aus Briefen, die Ferdinand lange nach dem Tod der Verfasserin findet und die zurückführen in die gemeinsame Zeit mit Herbert. Herbert ist der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, er soll einmal den Hof der Eltern übernehmen. Für Olga ist kein Platz in dieser Zukunftsversion, sie spielt nicht in Herberts Liga, gehört dem falschen Milieu, der falschen Klasse an. Obwohl sich Herbert und Olga heimlich treffen, macht er keinen Schritt in ihre Richtung, die Zukunft wird nicht geplant und am Ende siegen die Lust nach Abenteuern und Eroberungen über die enge und heimliche Beziehung zu Olga. Herberts Weg führt ihn nach Deutsch-Südwestafrika. Die Briefe erreichen Herbert nicht, er wird nie zurückkommen, denn er hat beschlossen, „ein Übermensch zu werden und Deutschland groß zu machen“. Olga wird  von einer riesigen Einsamkeit erfasst. Sie kann nicht mehr unterrichten, als sie 1945 fliehen muss, ist sie taub geworden und auf Hilfe von anderen angewiesen.    

Obwohl ich so viele Seiten über Olga lese, wirkt sie auf mich lange sehr eindimensional und bleibt mir als Figur in ihren Handlungen absolut fremd. Das ändert sich erst im letzten Teil. Durch die Briefe klären sich viele Andeutungen auf. Das ist wirklich gut, ziemlich auf den Punkt und – für Schlink typisch – schnörkellos erzählt. Außerdem erfahren wir als Leser*innen endlich, was Olga gedacht hat, wie sie sich fühlt, wie wütend sie auf Herbert ist, der sich aus falsch verstandenem Nationalstolz und Ehrgefühl einer Expedition ins Ungewisse anschließt. Durch Olgas Briefe an Herbert wird zudem ihre Beziehung noch einmal in ein neues Licht gerückt.

Das Gute an unserer Trennung ist, dass ich Dir schreiben kann, wie sehr ich Dich vermisse (S.245)

Schlink hat einen Roman über ein Frauenleben in Deutschland geschrieben, dem man etwas Zeit lassen muss, damit er funktioniert. Neben den vielen historischen Momenten, die fast leichtfüßig eingeflochten werden, stellt sich auch die Frage danach, was eine Liebesbeziehung aushalten kann und was nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Herbert und Olga und die klare Analyse des deutschen Größenwahns in unterschiedlichen Epochen lohnen sich aber auf jeden Fall.

Bernhard Schlink – Olga. Diogenes 2018. 320 Seiten.

 

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Uns gehört die Nacht

Eine junge Frau sitzt in einem Hotelzimmer. In der Hand hält sie ein Gewehr und zielt damit auf ihren Freund. Aber wie konnte es soweit kommen? Diese aufwühlende Szene steht am Anfang einer ganz besonderen Liebesgeschichte.

New Haven 1986. Elise, eine junge Frau aus eher schwierigen Verhältnissen, zieht in ein heruntergekommenes Haus. Im Haus gegenüber ist eine Studenten-WG. Jamey,  einer der Nachbarn, Yale-Student und Sprössling einer Familie von Investmentbankern, und Elise beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die bald zu mehr wird, als beide zu Anfang gedacht hätten. Jamey verliebt sich Hals über Kopf in Elise.

„Jamey bewunderte die Sternschnuppen ihres Geists, die pudrige Galaxie ihrer Gedanken. Elises Intelligenz ist anders sortiert als seine. Sie liest nie mehr als ein paar Seiten eines Buchs, aber sie liebt es, darüber zu reden, was sie gelesen hat. Sie denkt in wilden Gärten, während er seine Gedanken am Spalier zieht, an einem Gerüst aus Einführung, These, Argumentation und Schluss.“(S.205)

Elise und Jamey könnten unterschiedlicher nicht sein. Elise Perez, Halb-Puertoricanerin, kennt ihren Vater nicht und wuchs mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern zwischen Drogenabhängigen und Kleinkriminellen auf. Der Partner ihrer Mutter war gewalttätig, mit ein Grund, warum Elise von Zuhause abgehauen ist. Sie hat keinen Schulabschluss und jobbt ohne große berufliche Ambitionen zu hegen, in einem Geschäft für Kleintiere. Aber ihr gesellschaftlicher Status, ihre fehlende Bildung und ihre gesamte Lebensart, die sie so von Jamey unterscheidet, sind ihm egal. Er lädt sie nach New York ein, und was als Zeitvertreib beginnt, wird zu einer Liebesbeziehung, die er einerseits Uns gehört die Nachtgenießt, aber andererseits gegenüber seinen Freunden und seiner Familie verleugnet.

Es geht also nicht nur um Liebe und Sex und die Erfüllung, die beide gefunden zu haben scheinen. Es geht auch um Macht, Einfluss und Klassenzugehörigkeit. Denn dieses Versteckspiel kann nicht lange gut gehen und bald  wird Jamey von seiner Familie gezwungen, eine Entscheidung treffen, die sein zukünftiges Leben maßgeblich beeinflussen wird. Entweder, er entscheidet sich für die Annehmlichkeiten, die seine privilegierte Herkunft bietet, für ererbtes Geld, für gute Kontakte, für eine standesgemäße Partnerin und beendet seine Beziehung zu Elise. Oder er entscheidet sich für seine Freundin und damit für den gesellschaftlichen Abstieg. Kann Jamey sich von seiner Familie lösen und mit Elise einen Neuanfang wagen?

„Vielleicht sind Jamey und Elise ihr eigenes Volk, vielleicht gehören sie zu niemandem sonst, zu nichts Größerem als zueinander. Können wir so leben? Darüber denkt Elise nach, als sie sich müde die schwarzen Turnschuhe aufschnürt an deren Sohlen Gold klebt.“ (S.329)

Jamey weiß nie, woran er bei Elise ist und ist häufig verunsichert, durch ihre impulsive Art. Außerdem weiß er, dass niemand aus seiner Familie und erst recht nicht seine Freunde, Verständnis dafür aufbringen, dass er mit Elise zusammen ist. Und manchmal kann er nicht genau sagen, ob sie ihn ausnutzt oder nicht. Elise ist eine sehr starke Persönlichkeit, aber sie war noch nie mit einem Menschen wie Jamey zusammen. Sie weiß nicht, wie sie sich seinen Freunden gegenüber verhalten soll und sie hat große Angst davor, dass Jamey sie irgendwann auf die Straße setzt, weil er genug von ihr hat. Denn sie hat das Gefühl, dass jemand wie er, jede haben könnte. Die alte Geschichte, dass hier zwei Menschen aus sehr verschiedenen Welten aufeinander treffen – man könnte sich an Pretty Woman erinnert fühlen – wird von Jardine Libaire sehr glaubwürdig und mit großem Feingefühl erzählt.

Uns gehört die Nacht ist der sechste Roman der texanischen Autorin und überzeugt durch eine grandios beobachteten Beschreibung der Gefühlswelt der beiden Hauptfiguren, ihren Zweifeln, ihren Ängsten und gleichzeitig ihrer großen Liebe zueinander. Trotzdem kann man als Leser_in nicht die Anfangsszene vergessen und wartet deshalb auf den Bruch, auf das Chaos, auf den Streit, der diese Katastrophe ausgelöst hat.  Jardine Libaire wartet mit so vielen unerwarteten Wendungen auf, dass ich den Roman kaum aus der Hand legen konnte. Ein absolut fesselnder und intensiver Roman, den ich in wenigen Tagen gelesen habe. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht. Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz. Diogenes 2018, 464 Seiten

 

 

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Lied der Weite

Mit dem Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ hat der amerikanische Schriftsteller Kent Haruf viele Leser*innen begeistert, der Roman wurde mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt. Es geht um zwei Menschen, die sehr einsam sind und beschließen, etwas gegen ihre Einsamkeit zu unternehmen. 2014 verstarb Kent Haruf.

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Im Diogenesverlag erscheint jetzt ein neuer – alter – Roman des Schriftstellers, der bereits 2001 unter einem anderen Titel bei Goldmann verlegt wurde. Der neue Titel „Lied der Weite“ ist dabei  deutlich näher am Originaltitel „Plainsong“. Der Roman ist ruhig, der Grundton melancholisch.

 

 

 

 

Die Tür in der gegenüberliegenden Wand war geschlossen. Das Mädchen war nach dem Abendessen in ihr Zimmer gegangen, und seitdem hatten sie nichts mehr von ihr gehört. Sie wussten nicht, was sie davon halten sollten. Im Stillen fragten sie sich, ob alle siebzehnjährigen Mädchen nach dem Abendessen verschwanden. (S.167)

Es geht um Victoria, die mit 17 Jahren ungewollt schwanger wird. Ihre Mutter setzt sie vor die Tür. Zum Glück hilft ihr eine Lehrerin und bringt das Mädchen kurzerhand bei zwei alten Viehzüchtern unter, den Brüdern McPheron. Die brummigen Männer geben sich zwar Mühe, aber das Zusammenleben mit Victoria verläuft nicht ohne Schwierigkeiten.

Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um zwei Brüder, Bobby und Ike, die von ihrer depressiven Mutter vernachlässigt werden. Der Vater hat die Familie verlassen, kümmert sich aber noch jede zweite Woche um die Jungs. Ihre Mutter liegt nur noch im Bett und die beiden Brüder suchen sich einen Nebenjob um ihrer Mutter eine Freude zu machen. Sie kaufen ein Parfüm, es heißt „Evening in Paris“.

Langsam löste sie die Schleifen, wickelte das bunte Papier ab. Als sie sah, was in den Schachteln war, fing sie an zu weinen. Die Tränen rannen ihr über die Wangen, sie kümmerte sich nicht darum. O mein Gott, sagte sie. Mit den Schachteln in den Händen umarmte sie weinend die beiden Jungen. O mein Gott, was soll ich nur machen.

Kent Haruf lässt sämtliche seiner sechs Romane in der fiktiven Kleinstadt Holt spielen. Hier passiert nicht viel. Es gibt Schlägereien, Gewalt in der Familie, einen Lehrer, der versucht alles richtig zu machen und dabei doch vieles falsch macht, eine Lehrerin, die ein Mädchen rettet und nebenbei verendet auch noch ein Pferd.

Die Themen Gewalt in der Familie, Alkoholismus und Einsamkeit, erleben fast alle Protagonist*innen der Geschichte. Trotzdem gibt es immer wieder überraschende Momente der Menschlichkeit, wenn sich Figuren gegenseitig helfen ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Lied der Weite ist eine sehr ruhige Geschichte. So idyllisch (trotz der schwierigen Themen), dass ich anfänglich gar nicht genau wusste, in welcher Zeit die Handlung spielt. Es gibt kein Internet, Handys werden nicht erwähnt, stattdessen ist von Viehzüchtern und Farmen und dem weiten Land die Rede. Kein Wunder, dass die Kleinstadt Holt ein wenig anachronistisch anmutet. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass letztlich in Holt immer noch „alles in Ordnung“ ist. In Notlagen helfen sich die Menschen und greifen dabei auch auf ungewöhnliche Lösungen zurück. Victoria wird geholfen und zwar innerhalb der dörflichen Strukturen, die in Holt bestehen und ohne dass sich irgendjemand einmischt, der nicht dazugehört. Das liest sich sehr schön, aber vor allen Dingen auch sehr melancholisch. Vielleicht, weil es solche Strukturen heute nur noch selten gibt? Mir hat der Roman gerade deshalb sehr gefallen.

Kent Haruf – Lied der Weite. Diogenes 2017.

Ich bedanke mich bei Diogenes und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar.

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Vintage

Eine mysteriöse Gitarre, die Welt des Blues, ein abgerockter Elvisimitator, ein vergessenes Musikgenie und ein ungewisser Roadtrip, sorgen  in Vintage  für eine Menge Spannung.

VintageThomas ist Musiker und Gelegenheitsjournalist, als ihm der Deal seines Lebens präsentiert wird. Ein reicher schottischer Lord und passionierter Gitarrensammler tritt an Thomas heran und bittet ihn um Hilfe. Lord Winsley ist ein Musikliebhaber durch und durch. Er lädt Thomas in seine Residenz ein. Das Boleskine House , in der Nähe von Loch Ness, war lange Zeit der Wohnsitz von Jimmy Page, der das Anwesen in der Anfangszeit von Led Zeppelin erwarb. Die Atmosphäre hat trotzdem eher was von Graf Dracula, das liegt unter anderem daran, dass der Lord eine große Vorliebe für Aleister Crowley hegt. Aber da befindet er sich ja in guter Gesellschaft. Die Beatles, die Stones, Black Sabbath, Led Zeppelin und Bowie sollen sich alle mal eine Zeit lang mit dem britischen Okkultisten und seinen Schriften auseinandergesetzt haben.

Thomas Auftrag ist es nun, zu beweisen, dass es die Gibson Moderne, die legendärste Gitarre aller Zeiten, wirklich gegeben hat. Kann Thomas die Existenz der Gitarre beweisen, verspricht ihm der (dunkle) Lord eine Million. Ein Zehntel des Schätzwertes des Instruments. Das motiviert natürlich. Auch wenn seine Kollegen die Existenz dieser Gitarre anzweifeln.

André versorgte mich mit zahlreichen Details und Überlegungen dazu, wie die Moderne beschaffen sein könnte, beziehungsweise vor allem dazu, wie sie angesichts der damaligen Fertigungstechniken nicht beschaffen sein konnte. Ihm selbst war schon die eine oder andere Kopie untergekommen. Er erzählte mir von Sammlern, die jahrzehntelang vergeblich nach dieser Gitarre gefahndet hatten, und von anderen, die behaupteten, sie gefunden zu haben, sie aber nicht herausrückten. (S.65)

Thomas stürzt sich in die Recherche und reist auf den Spuren der Moderne einmal quer durch Amerika. Dabei trifft er auf unterschiedliche Menschen, die alle mit Musik zu tun haben und von dem Geheimnis um die mysteriöse Gitarre wissen. Wenn es um so viel Geld geht, ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis der erste Tote gefunden wird. Weiß Thomas, worauf er sich da eingelassen hat?

Ich mag Musik, aber ich kenne mich weder mit Blues, noch mit verschiedenen Gitarren richtig aus. Aber das hat mich gar nicht gestört. Hervier schafft es, in seinen Text unterschiedliche Bezüge zu echten Rockstars und Bluesstücken einzubauen. Neben dem spannenden Roadtrip hatte ich also das Gefühl, nebenbei noch Wissenswertes über Musikgeschichte lockerflockig präsentiert zu bekommen. Auf der Verlagsseite gibt es zusätzlich noch ein Mixtape, auf dem die unterschiedlichen Songs, auf die sich Hervier bezieht, angehört werden können. Das sind kleine Details, die ich wahnsinnig gerne mag. Nicht umsonst habe ich mich in meinem Studium auch  mit Popmusik beschäftigt und bin treue Spex-Abonnentin (ihr wisst, was ich meine…). Ein weiteres fancy Detail, das ich mag: die Kapitelüberschriften, die wie ein guter Song aufgebaut sind (Intro – Erste Strophe – Refrain – Zweite Strophe – Refrain – Dritte Strophe – Bridge – Solo (1. Teil) – Solo (2. Teil) – Refrain – Outro).

Vintage ist ein Rock- und Bluesthriller für Musiknerds und alle, die es werden wollen. Ziemlich cool, witzig, spannend und von einem Menschen geschrieben, der Musik liebt und sich verdammt gut auskennt. Das Ende setzt der ganzen Geschichte dann noch einmal die Krone auf und kam für mich absolut überraschend. Super Buch, super Musik. Für meinen Geschmack hätte der Roman ruhig noch ein bisschen dicker sein können. ;)

Grégoire Hervier – Vintage. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs. Diogenes 2017.

 

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Krisenstimmung – Die Gesichter der Wahrheit

Bis 2007 wuchs der „keltische Tiger“ jedes Jahr. Doch die Finanzkrise traf Irland ziemlich hart. In Donal Ryans neuem Roman kommen 21 Menschen zu Wort, die mit der großen Politik eigentlich wenig am Hut haben. Sie beschreiben ihre Hoffnungen, Wünsche, Träume in diesen schwierigen Zeiten – und am Ende geht es um Entführung und Mord.die-gesichter-der-wahrheit-9783257069631

Pokey Burke ist für alles verantwortlich. Der ehemalige Chef der örtlichen Baufirma hat sich einfach aus dem Staub gemacht und die Bewohner*innen seines Heimatortes mit unfertigen Häusern und unbezahlten Gehältern zurückgelassen. Die Stimmung kocht schnell hoch in dieser kleinen Stadt und jeder der Akteur*innen hat eine etwas andere Sicht der Dinge. Doch dabei bleibt es nicht. Der drohende soziale Abstieg schlägt in Angst um und in Hoffnungslosigkeit.

„Ich habe gestern den ganzen Tag darüber nachgedacht, meinen Vater umzubringen. Es gibt Mittel und Wege, einen Mann umzubringen, ohne dass es nach Mord aussieht, besonders einen alten, gebrechlichen. Es wäre sowieso kein Mord, ich würde der Natur nur ein bisschen auf die Sprünge helfen. Es ist die pure Bosheit, die ihn am Leben hält.“ (S.14)

Da gibt es Bobby, der jeden Tag seinen alkoholabhängigen Vater besucht, nur um zu sehen, ob dieser noch lebt. Oder eben aus anderen Gründen.  Es gibt Bobbys Frau Triona, der alle irgendwann die Schuld geben. Und es gibt Frank, Bobbys Vater, der am Ende wirklich gar nichts für das ganze Schlamassel kann. Und obwohl es Probleme zwischen Vater und Sohn gibt, sind sich beide auch unglaublich ähnlich. Aber das merken die Leser*innen dann doch relativ spät. Ein Kind verschwindet, ein anderes Kind ist früher schon einmal verschwunden. Es kommen die örtliche Prostituierte zu Wort und  Leiharbeiter aus anderen Ländern, die von Pokey Burke über den Tisch gezogen wurden. Das ganze Dorf ist betroffen – und trotzdem werden schnell Gräben gezogen.

„Pokey Burke? Sie seufzte. Ich sah sie an und zuckte mit den Schultern. Sie verdrehte die Augen zur Decke. Dann lächelte sie mich an, aber es war ein Lächeln, das Tut-mir-Leid bedeutet. Ich verstand die Wörter nicht, die sie dann sagte, aber ihre Stimme war freundlich. Während die Frau auf ihren Computerbildschirm schaute, flüsterte Schornie hinter mir ganz laut: „Hey, Chef, sie sagt, dass es dich … gar .. nicht … gibt! Und alle Männer und Frauen in der Schlange lachten.“ (S.34)

Donal Ryan schreibt in einer schlichten, schnörkellosen, manchmal harten Sprache. Seine Protagonisten sind verzweifelt, wütend, hassen ihr Leben. Und sind irgendwo auch in ihren Möglichkeiten gefangen. Besonders die Figur Bobby ist interessant. Er gerät in eine Abwärtsspirale, die er kaum beeinflussen kann und es ist fast rührend, wie deutlich ihn seine Frau in einem späteren Kapitel verteidigt. So entdeckt man als Leser*in nach und nach ganz andere Seiten der Protagonist*innen, die sie in ihren eigenen Monologen verschwiegen haben oder nicht offenbaren wollten.Vom Aufbau her, erinnert der Roman an Marktplatz der Heimlichkeiten von Angelika Waldis. Ryan schafft dadurch eine atmosphärisch dichte Erzählung, die durch die Vielstimmigkeit seiner Protagonisten einen spannenden Blick auf ein Land in der Krise und auf einen schicksalhaften Abend wirft. Es ist der harte, unnachgiebige Sound dieses vielstimmigen Chores, der mich überzeugen konnte. Und es hat mich umso mehr gefreut, dass sich am Ende die anfänglichen losen Fäden zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen lassen.

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit. Diogenes 2016. 240 Seiten.