Sonnenkönige

sonnenkc3b6nige.jpg„Meinst du beginn ich, meinst du als Online-Redakteur? Mit Vertrag? Mit Urlaub und Krankenversicherung?“

 

Schön wär’s, aber so einfach ist es in Marianne Jungmaiers dritten Roman Sonnenkönige dann doch nicht. Im Mittelpunkt stehen Aidan und seine WG aus Twentysomethings, die versuchen ihren Platz im Leben zu finden. Prekäre Beschäftigung ist der Standard, über die Zukunft wird nicht viel nachgedacht. Aidan schreibt nebenher für ein Musikmagazin, aber eine Festanstellung ist nicht drin. Es gibt aber drei Frauen in seinem Leben. Mit Hannah aus der Redaktion führt Aidan eine glückliche und offene Beziehung. Mit Cherry, die gerade an ihrer Promotion schreibt, und ihrer Freundin Sam besucht er  Sadomasoparties.  Drogen gehören zum guten Ton. Als er auf einer Party den Amerikaner Bill kennen lernt, hat die Ziellosigkeit ein Ende. Aidan beginnt mit einem besonderen Projekt: im Keller bastelt er einen gigantischen Drachen. Seit seiner Kindheit sind Drachen für ihn besondere mystische Wesen, ein Drachentatoo drückt seine Verbundenheit mit der wilden Sagengestalt aus. Zusammen mit Bill möchte er das Kunstwerk in der Wüste Nevadas auf dem Favilla-Festival, das stark an die Riesenparty Burning Man erinnert, verbrennen und damit irgendwie auch ein Ritual begründen, das ihm eine neue Perspektive auf das Leben bieten kann. Wozu fährt man sonst auch in die Wüste? Richtig, um die Erleuchtung zu finden.

„Fünfzigtausend Menschen aus der ganzen Welt versammelten sich jeden August in der Wüste Nevadas, um ihre Freiheit, ihren Selbstausdruck, ihre Kunst zu feiern.“

Aidan wird von allen Figuren noch am stärksten charakterisiert, er erzählt die Geschichte und bleibt doch merkwürdig farblos. Auch Cherry, Sam und Hannah wirken wie unscheinbare Statistinnen, die sich irgendwie in einer Hippie-Bondage-Drogenwelt bewegen, die mich erst in der Wüste Nevadas richtig packen konnte (und das ist leider ein viel kürzerer Teil als der Rest der Handlung, die irgendwo in Berlin spielt). Warum die Figuren so an ihrem Dasein leiden, wird häufig nicht richtig klar und bleibt merkwürdig stark an der Oberfläche. Ohnehin eignen sich die Figuren kaum für eine tiefe Charakterisierung: Cherry lässt sich fesseln, weil sie ein Trauma aus der Kindheit verarbeiten muss. Aber dieser Nebensatz interessiert mich leider genau so wenig, wie Aidans Begründung für das Drachenkunstwerk: „Da steckt viel drin, Kindheit, Vater, so Dinge.“ Und an dieser Stelle sprechen wir von der Hauptfigur, dem Ich-Erzähler, der ähnlich schwer zu fassen ist, wie der ganze Rest der Figuren, die zwischen Party und Kater und der nächsten Party, selten eine Pause machen.

Marianne Jungmaier hat einen tollen Stil und ich habe den Roman gern gelesen. Er funktioniert für mich aber nur als schöne Momentaufnahme, bei der sicherlich noch viel mehr drin gewesen wäre: viel mehr Background, viel mehr Tiefe der Figuren, viel mehr Klarheit in der Motivation ihrer Handlungen. Was mir gefällt sind die musikalischen Zitate und Aidan, von dem ich gerne viel mehr erfahren hätte. So bleibt ein wunderschön geschriebenes und berauschendes Ende, aber auch ein wenig das Gefühl, ein Buch gelesen zu haben, bei dem doch etwas gefehlt hat.

Marianne Jungmaier: Sonnenkönige. Kremayr Scheriau 2018.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Bookster HRO

 

 

Wiegenlied für kleine Ganoven

„Wenn man ein Kind dazu bringen will, einen zu lieben, dann sollte man sich einfach mehrere Stunden im Schrank verstecken. Das Kind wird auf die Knie gehen und beten, dass man zurückkehrt. Es wird einen zum Gott erklären. Einsame Kinder haben vermutlich die Bibel geschrieben.“  (71)

Das Rotlichtviertel Montreals: Die elfjährige Baby lebt zusammen mit ihrem Vater Jules ein extrem chaotisches Leben. Er war erst fünfzehn als sie auf die Welt kam und hat sein eigenes Leben nicht im Griff. Das Geld ist ständig knapp, wie bei allen im Viertel.

Wir waren pleite auf eine Art, wie nur Kinder pleite sein können. Unsere Zehen waren schwarz gefärbt von undichten Stiefeln. Wir hatten entzündete Ohrläppchen und grüne Ränder um die Finger von billigem Schmuck. Niemand besaß jemals auch nur einen Schokoriegel. (22)

Babys Mutter starb kurz nach ihrer Geburt. Seitdem ist Jules heroinabhängig. Damit seine Tochter es nicht merkt, nennen er und seine Freunde die Drogen „Schokomilch“, aber natürlich weiß Baby Bescheid. Immer wieder verschwindet er und lässt Baby mehrere Tage allein. Manchmal müssen sie umziehen, weil Jules, der sein ganzes Geld für Drogen ausgibt, die Miete nicht mehr bezahlen kann. Optimale Verhältnisse sind das nicht. Baby ist dabei, wenn Jules mit seinen Freunden Drogen nimmt. Auch Jules hatte es nicht leicht. Auf Babys Fragen, was mit ihrer Mutter eigentlich passiert sei, kann er nicht antworten. Stattdessen denkt er sich immer wieder ein neues Abenteuer aus, bei dem sie ums Leben kam. Genauso erzählt er immer wieder von seiner eigenen Kindheit und wie er nicht mehr in der Schule mitkam, wegen einer Lernbehinderung.

Ich hörte diese schrecklichen Sachen unheimlich gern, da sie für mich wie Grimms Märchen waren. Die Geschichten über Val des Loups halfen mir, mich besser zu fühlen als andere Kinder. Im Gegensatz zu ihnen war ich aus einem Land großer Geheimnisse und Schmerzen gekommen. (28)

Babys letzte Beschreibung wirkt fast paradigmatisch für den Roman: leicht macht er es den Leser_innen nicht. Immer wieder sagt Jules Baby, dass er ihr Ass im Ärmel sei, anderen würde es noch viel schrecklicher gehen. Und das stimmt. Baby ist nicht wirklich unglücklich in dieser instabilen Situation: sie geht zur Schule, sie schreibt gute Noten, sie liebt ihren Papa Jules und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Wenn es einmal nicht gut läuft, dann kann Baby sich immerhin Situationen vorstellen, in denen alles gut werden wird.

Ich entdeckte einen großen Stein auf der Erde. Ich hob ihn auf und tat so, als wäre er ein verletzter Vogel, und hielt ihn in der Hand und streichelte ihn. Ich redete ihm gut zu, am Leben zu bleiben, flüsterte ihm zu, dass er schon bald wieder fliegen können würde. Dann steckte ich ihn in meine Jackentasche, zu den anderen Steinen, die ich gerettet hatte. (18)

Doch Jules wird krank, er bekommt Tuberkulose und muss wegen des Entzugs auch noch länger im Krankenhaus bleiben. Baby ist sich selbst überlassen, lebt kurzzeitig im Heim, dann bei einer Freundin von Jules und ihren Söhnen. Zum ersten Mal merkt Baby, wie Familie eigentlich funktioniert und fühlt sich wunderbar.

Schließlich stand ich auf und kletterte zu Zachary ins Bett. In dieser Nacht schlief ich tiefer als jemals zuvor. Neben Zachary zu liegen, war wie mitten in einem Kirschkuchen zu schlafen, den man gerade aus dem Ofen geholt hat. (50)

Als sie wieder bei ihrem Vater einzieht, hat sich ihr Verhältnis geändert. Jules ist überfordert mit seiner Tochter, die mittlerweile kein Kind mehr ist. Baby ist durch den Wind: warum hat Jules sie früher gemocht und jetzt nicht mehr? Warum kann sie nicht wieder seine kleine niedliche Tochter sein?

Aber Jules hatte irgendwie aufgehört, mich auf eine bestimmte Art zu lieben, auf die er mich geliebt hatte, als er noch ein Junkie war. Ich wünschte mir, sie hätten ihm im Entzug gesagt, dass es okay war, Zeit mit mir zu verbringen und zu tanzen und Eis zu essen und Cola aus grüngelb gemusterten Teetassen zu trinken. Ich wünschte mir, sie hätten ihm erklärt, dass das alles nicht Teil der Heroinsucht war. (137)

Jules ist vor allen Dingen ein überforderter Vater und jemand, der nicht für Baby da sein kann. Baby fehlt so etwas wie Stabilität, eine echte Freundschaft, eine Mutter, ein Vater, der für sie da ist. Aber so jemanden gibt es nicht. Mit ihrem Älterwerden entfernt sie sich noch mehr von der einzigen Person, die ihr Halt geben kann – Jules. Dabei sucht sie doch nichts anderes als Aufmerksamkeit, jemanden, der sich für sie interessiert. Und diese Aufmerksamkeit gibt es besonders bei Zuhältern und Drogendealern …

Der Roman handelt von sehr viel Überforderung, Einsamkeit und Alleinsein. Besonders von Einsamkeit. Als Baby beginnt abzurutschen, kommt auch noch das Thema Prostitution dazu. Neben Drogen, kaputten Familienverhältnissen und Gewalt also auch noch das Thema Kinderprostitution. Das ist ziemlich harter Tobak. Auch die anderen Kinder im Viertel erleben ähnliches. Sie werden geschlagen, vernachlässigt, ignoriert. Aber Baby geht an diesen Situationen nicht vollends kaputt. Sie ist stark, sie ist klug und irgendwo hat sie auch immer noch Jules, den sie nie komplett aus ihrem Leben streichen möchte, da sich Vater und Tochter doch zu ähnlich sind.

„Jules und ich waren winzige Menschen. Wir waren zart. Wir waren  beinahe zerstört. Wir waren verletzlich. Wie zwei Streber auf einem Schulhof voller Raufbolde hätten wir unsere Briefmarken und Sammelkarten ausgestorbener Tiere tauschen können. Dieser Menschentyp wären wir gewesen, wenn unsere Situation eine  andere gewesen wäre.“ (374)

Heather O’Neill hat in Wiegenlied für kleine Ganoven einen berührenden Roman geschrieben, dessen Faszination darin liegt, dass er trotz der harten, unmenschlichen Situationen leicht und poetisch erzählt wird. Die sprachlichen Bilder, von denen ich hier nur Ausschnitte zitiert habe, sind wunderschön – schlafen in einem Kirschkuchen. Der Kontrast zu den Erlebnissen von Baby wirkt dadurch noch härter und wenn man wirklich darüber nachdenkt, was sie erlebt, ist das Buch einfach nur unsagbar traurig. Und trotzdem bleibt dieses Kirschkuchengefühl die ganze Zeit beim Lesen präsent und das liegt an der geschilderten Vater-Tochter-Beziehung. Die Beziehung von Jules und Baby ist auch hart und verletzend und schwierig, sie reißt aber nie ab, egal, was für einen Mist der andere macht und in welchen Schwierigkeiten er auch stecken mag. Ein tolles Debüt und garantiert nicht der letzte Roman, den ich von Heather O’Neill lesen werde.

Heather O’Neill: Wiegenlied für kleine Ganoven (=Lullabies for Little Criminals). Übersetzt von Ursula Finke. btb 2012.

ISBN: 447-32125790

[Rezension] Drogen, Tod und Hysterie – Pippa Lee

pippa leeEs gibt kein richtiges Leben im falschen, das wusste schon Adorno. „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“, fragt sich der Talkshowphilosoph Precht in einem seiner Bestseller. Precht und Adorno weisen mit ihren Überlegungen dabei genau in die Richtung, die Pippa Lee im Verlauf des Romans zu finden versucht. Auch wenn ihr Ariadnefaden dabei ziemlich wilde Kreise und Zickzackwege aushalten muss, begibt sich die Protagonistin endlich mit Mitte Fünfzig auf eine Sinnsuche, die ihre Leben in Frage stellt. Der Zeitpunkt könnte allerdings nicht ungünstiger gewählt sein: Pippa ist gerade eben mit Ehemann Herb, der schmucke dreißig Jahre älter ist als sie, in ein Senior_innendorf gezogen. Das macht man halt so, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das „Runzeldorf“, wie Pippa den Ort liebevoll nennt, ist auch gar nicht so schlecht. Doch dann beginnen sich langsam mysteriöse Zwischenfälle zu häufen – ein Unbekannter verwüstet die Küche. Nach dem ersten Schock und einem Blick auf das Überwachungsvideo wird allerdings klar: „Runzeldorf“ ist ein sicherer Ort, die Verwüstungen begeht Pippa im Schlaf. Beginnende Demenz oder psychischer Stress? Herb schickt Pippa zum Arzt, der ihr zunächst zu Ruhe rät und ihr dann Beruhigungspillen verschreibt. Die Kinder werden nicht informiert, alles bleibt beim Alten. Pippa hat genug Zeit um über ihr Leben nachzudenken und lässt alles noch einmal Revue passieren.

Die tablettenabhängige Mutter, ihre erste große Liebe mit 17 – er ist Lehrer. Dann der Rauswurf von Zuhause, Experimente mit Drogen. Exzesse. Erlebnisse, die sie im Nachhinein abstoßend findet und vor denen sie ihre Kinder, gerade ihre Tochter Grace, immer schützen wollte. Und gerade deshalb hat sie ihre Tochter immer etwas auf Abstand gehalten – nur nicht zu viel Nähe zulassen, nur nicht zeigen, wie ähnlich sich Mutter und Tochter sind. Bloß nicht die Kontrolle verlieren! Pippas Angst vor der Diagnose lässt sie an ihrem Leben verzweifeln. Ein Leben, das sie nur noch mühevoll zusammen halten kann. Ein Leben, in das sie eigentlich gar nicht passt und das sie nie so gewollt hat. Das Grübeln beginnt. Wer ist eigentlich Pippa Lee und was hat sie an diesem Ort verloren? Als ihr in einem dieser verwirrten Zustände der Sohn der Nachbarin über den Weg läuft, ist nichts mehr so wie früher…

Große Erwartungen und zerplatzte Träume, Stabilität und Exzess – Pippa, die nach außen das beschauliche Leben einer Hausfrau mimt, ist eigentlich jemand ganz anderes, aber hat es ihr gesamtes Leben lang verpasst, sich selbst zu finden. Das, was wir präsentiert bekommen, ist so etwas wie eine Midlifecrisis, denn „Runzeldorf“ soll der letzte Wohnort von Herb sein. Doch wie passt Pippa da herein? Durch ihre Lebensreflexion entsteht ein anderes Bild von Pippa, ein Bild, das wir als Lesende nur schwer mit der Pippa vom Anfang des Romans zusammenbringen können. Sie ist eben nicht nur das Heimchen am Herd, sie kann und ist so viel mehr. Und da drängt sich die Frage auf, wie vielen Leuten es wohl noch so geht. Wer wohl noch alles feststellt, dass mit Mitte Fünfzig noch lange nicht Schluss ist. Der sich eben nicht schon lebendig begraben lassen will, sondern das Carpe Diem aus der Mottenkiste holt. War da nicht was, mit 17, 19, 20, 25? Was ist mit den ganzen Lebensträumen? Pippas Leben bietet viele Überraschungen, leider sind einige Episoden etwas zäh erzählt, Pippa scheint noch weniger greifbar als ohnehin schon und das  hemmt die Lesefreude. Nichtsdestotrotz lohnt es sich weiterzulesen: der große Showdown, der Pippas Abhängigkeit zu Herb festzuschreiben scheint, steht noch bevor.

Für Lesende, die Lust auf einen leicht erzählten Roman haben, aber auch nicht dramatische Momente jeglicher Art scheuen (und hier wird wirklich einiges aufgefahren). Pippa Lee hat nichts von der Drastik von Trainspotting, aber Exzess und Sinnsuche sind wichtige Elemente der Handlung. Fazit des Romans: Never judge a book by it’s cover – you’ll never know who the next Pippa Lee will be. ;)

Rebecca Miller – Pippa Lee (2008). Aus dem Amerikanischen von Reinhild Böhnke. S.Fischer Verlag. 368 Seiten.

ISBN: 978-3-596-18065-3