Walkaway

Können wir aus der Welt, die wir kennen, einfach aussteigen ? Der amerikanische Blogger, Journalist und Schriftsteller Cory Doctorow hat mit seinem Roman Walkaway eine spannende Dystopie geschrieben, in der es genau darum geht: die Aussteiger*innen gehen einfach weg. Sie suchen ihre Rettung im Default, einer neutralen Zone, dort gibt es eine Welt ohne Geld und Bewusstsein auf einem Computerchip.

„Das Bier war selbstleuchtend und biolumineszent. Hubert Etcetera fragte sich besorgt, was wohl in den transgenen Jesusmikroben stecken mochte, die fähig waren, Wasser in Bier zu verwandeln.“

Alles beginnt mit einer ausschweifenden Party, die ziemlich detailreich geschildert wird. Doch die Schattenseiten zeigen sich schnell: die Menschen werden überwacht. Jobs gibt es ohnehin nicht mehr, nur die Superreichen profitieren vom System. Seth, Hubert (der noch 18 andere Namen hat), und Natalie lernen sich auf der Party kennen. Als überraschend ein gemeinsamer Freund stirbt, bleibt ihnen nur noch die Flucht in die neutrale Zone, die gleichzeitig einen Bruch mit den bisherigen Lebensgewohnheiten bedeutet. Für die Superreichen (die sogenannten „Zottas“) sind die Menschen des Walkaway Terrorist*innen. Aber Seth, Hubert und Natalie werden gut aufgenommen. Sie lernen Limpopo kennen, eine erfahrene Walkaway, die ihnen die grundlegenden Regeln der Gemeinschaft erklärt.

Die Technik ist so weit fortgeschritten, dass man alles mit einem 3D-Drucker kostenlos herstellen kann. Kleidung, Ausrüstung und Gerätschaften. Die Walkaways sind aus kapitalistischen Zusammenhängen ausgestiegen. Es gibt kein Geld, es gibt kein Belohnungssystem, es gibt keine Anführer*innen. Manche Neuankömmlinge tun erst einmal gar nichts, aber auch das ist für die Gemeinschaft in Ordnung. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie mithelfen wollen. Ohne Zwang und ohne Verpflichtungen. Jede*r sucht sich in dieser utopischen Gesellschaftsform einen Job, der zu ihm/ihr passt, weil er/sie dadurch der Gemeinschaft hilft. Die globale Bewegung ist so anziehend, dass immer wieder neue Menschen dazustoßen. Wenn die Zottas die Aussteiger*innen angreifen und ihre Unterkünfte zerstören, gehen die Walkaways einfach weg. Sie können an anderen Orten ihr Leben wieder aufbauen.

Seth, Hubert Etcetera und Natalie nutzen ihre Chance, um sich bei den Walkaways neu zu erfinden. Sie geben sich neue Namen und versuchen sich an die neue Gemeinschaft zu gewöhnen. Das geht nicht ohne Reibereien und Konflikte. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass Doctorow unglaublich viel über Gruppenprozesse und die dahinter liegenden soziologischen Theorien weiß. Das hat mir gefallen, sorgt aber auch für einige Längen. Hinzu kommt, dass Doctorow viele Begriffe neu erfindet, die den Lesefluss zunächst etwas einschränken. Hat man aber den etwas holprigen Anfang geschafft, entwickelt sich der Roman zu einem Pageturner, in dem Doctorow viele unerwartete Ereignisse einbaut. Überraschend wird Natalie, die im Walkaway „Iceweasel“ heißt, von ihrem Vater, einem reichen Zotta, entführt. Er versucht seine Tochter umzuerziehen, damit sie sich die Ideale der Walkaways aus dem Kopf schlägt und genau wie ihre Herkunftsfamilie lebt. Aber damit ist Iceweasel nicht einverstanden und sie bekommt unerwartet Hilfe. Den Walkaways ist es durch intensive Forschung gelungen, neue Technologien auf bisher unbekannte Weise zu nutzen. Ihnen gelingt es, das Bewusstsein eines Walkaways in eine Cloud zu laden. Obwohl sein Körper bereits verstorben ist, wird sein Geist unsterblich. Diese Idee erinnerte mich schon stark an Hologrammatica. Waren in dieser Science-Fiction-Welt aber immerhin noch andere Körper als „Gefäße“ für das eigene Bewusstsein vorgesehen, die man nach Belieben tauschen kann, wird in Doctorows Version ganz auf die Körper verzichtet. Ein kleiner Preis für die Unsterblichkeit

Leider wirken einige Passagen des Romans, besonders am Anfang, doch sehr theoretisch, gerade wenn es um die Konstitution einer neuen Welt geht, hat Doctorow sich von vielen verschiedenen soziologischen Theoretiker*innen inspirieren lassen, deren unterschiedlichen Beschreibungen der Wirklichkeit sich nicht ganz nahtlos in die Welt des Romans einfügen. Nach diesem eher holprigen Anfang, wird die Geschichte aber spannend, sobald die drei Protagonist*innen im Walkaway sind. Besonders gefallen hat mir die Selbstverständlichkeit mit der vermeintliche Grenzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgelöst werden. Namen, Körper, Gender, Begehren, sind nicht statisch, sondern können von den Walkaways ganz neu interpretiert werden.

Walkaway ist eine sehr spannende und gut gemachte Dystopie, die viele gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt und in einen neuen Zusammenhang stellt. Lässt man sich von den ersten 200 Seiten nicht abschrecken, kann man mit diesem Roman sehr viel Spaß haben.

Cory Doctorow – Walkaway. Übersetzt von Jürgen Langowski. Heyne 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

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Zeichen und Zeiten

let us read some books

Mikka liest

Der Platz an der Sonne

“ Ich will was machen aus mir und meinem Leben. Das will doch jeder Mensch, oder? Ich meine, warum hat sich denn der olle Mose auf die Socken gemacht und das ganze Volk Gottes mit ihm? Weil sie aus der Scheiße rauswollten, deshalb! Weil sie was Besseres wollten als das, was ihnen zugeteilt war. Und weil in Ägypten da nichts zu machen war. Das sind die großen Helden, aber ich darf das nicht?“ (S. 475)

Die besten Ideen sind häufig die einfachsten.  Christian Torkler hat in seinem Debüt „Der Platz an der Sonne“ kurzerhand die Weltgeschichte umgeschrieben und dreht die Perspektive um: Was wäre, wenn wir aus Europa nach Afrika fliehen müssten?

Der Held dieses dystopischen Textes ist Joshua Brenner, Berliner, Jahrgang 1978.  Er macht sich auf den Weg und sucht sein Glück in Afrika. Roller, sein bester Freund von früher, hat ihm von dort eine Postkarte geschickt. Roller hat es geschafft. Er ist losgezogen- wie viele andere auch – aber er hat es geschafft und er hat Joshua sogar zu sich eingeladen. Nach vielen tragischen Schicksalsschlägen macht sich Joshua  auf ins Ungewisse.

Im Roman sind die politischen Entwicklungen, die zu dieser Umkehr der Perspektive führen, eine direkten Folge des Zweiten Weltkriegs. Während der sowjetischen Blockade Berlins und der Luftbrücke der USA, eskalierte der Kalte Krieg zu einem Dritten Weltkrieg und entwickelte sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Weltmächten, der innerhalb Deutschlands ausgetragen wurde. Mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Deshalb unterstützt die Afrikanische Union den verarmten Kontinent, auch wenn die meisten Entwicklungshilfegelder nicht bei der Bevölkerung ankommen. 

Nach dem Krieg ist Europa zerstört, Deutschland in sechs verschiedene Kleinstaaten zersplittert. Mit dem Friedensvertrag von Reikjavic 1961 teilt sich auch das Land in verschiedene Hoheitsgebiete: den Freistaat Bayern, den Süddeutschen Bund, die Bundesrepublik Rheinland, Westfalen und Nassau, die Sozialistische Volksrepublik Mitteldeutschland, die Norddeutsche Förderation und die Neue Preußische Republik, deren Hauptstadt Berlin ist. Alle Einzelstaaten sind verarmt, totalitär regiert, die Bevölkerung wird unterdrückt, Demokratiebestrebungen gewaltsam niedergeschlagen und eine funktionierende Infrastruktur sucht man vergeblich.  

In der Neuen Preußischen Republik leben die Menschen in Armut, es gibt einen wachsenden Schwarzmarkt und normale Arbeitsplätze sind kaum zu finden. Joshua  wächst in einfachsten Verhältnissen auf. Sein Vater ist eines Tages verhaftet worden und nie wieder gekommen. Seine Mutter arbeitet Tag und Nacht um die Familie zu ernähren. Obwohl Joshua relativ schlau ist und gerne lernt, kann er die Höhere Schule nicht besuchen, seine Mutter kann sich das Schulgeld nicht leisten. Erst verkauft Joshua mit seiner Mutter als Kleinunternehmer selbstgemachte Suppe, dann fährt er Taxi. Er versucht sich – so weit es eben möglich ist – aus kriminellen Strukturen herauszuhalten und sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Er arbeitet hart, versucht immer wieder neue Wege für sich zu entdecken und gibt nicht auf. Als er eine Bar eröffnet, merkt er, dass nicht nur das staatliche Behördensystem korrupt ist. Überall hat die Mafia ihre Finger im Spiel und nicht nur deswegen muss Joshua das Land verlassen. Er hat einfach keine Chance in Berlin je etwas zu werden und er hofft auf einen Platz an der Sonne in Afrika. 

Seine Odyssee führt ihn über Ostdeutschland, nach Frankfurt, über die Schweizer Alpen, durch Italien bis an die afrikanische Küste. Und diese Migrationgsgeschichte ist nichts für schwache Nerven. Joshua ist nicht der sympathischste Held und er macht nicht immer alles richtig. Aber was ihm auf dieser Reise alles passiert ist von so schrecklicher Ungerechtigkeit, das man beim Lesen fast verzweifeln möchte. Sein Leben ist bedroht, er verliert Freunde, er wird ausgebeutet, gefoltert, betrogen. Dabei sucht er einfach nur nach einer Chance und einem Quentchen Glück.


„– Genau. Die wollen uns nicht auf ihrer Fähre haben und die wollen uns nicht in ihrem Land haben. Aber wir kommen trotzdem.
– Und?
– Was machst du mit Leuten, die du nicht haben willst? Du schickst sie weg. Und zwar am besten dahin, wo sie hergekommen sind. Verstehst du jetzt, was ich meine? Wenn die Luke da aufgeht, heißt es für uns Benvenuti Italia!
– Aber das … das können die doch nicht machen!

– Ach ja? Wer soll sie daran hindern?
– Immerhin, sagt Joris, sind wir mit dem Leben davongekommen.
– Ja, sagt Achim, aber ist das nicht ein Scheißleben?“ (S. 470)

Christian Torklers Debüt ist wahrscheinlich der Roman des Jahres. Er ist nicht verschachtelt konstruiert, sondern linear erzählt und sprachlich bedient Torkler  sich dem Horizont, den Joshua Brenner nach wenigen Jahren Schule eben haben kann. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, wie viel passieren muss, damit Menschen ihre Heimat verlassen und welche Gefahren sie auf sich nehmen. Der Roman zeigt aber auch: es hätte  alles ganz anders sein können. Und das macht ihn so lesenswert. Denn unser Glück auf der richtigen Seite der Erde aufzuwachsen ist eben purer Zufall, es ist nicht verdient, sondern ein für uns allzu selbstverständliches Geschenk. Was würden wir machen, wenn es nicht so wäre? 

Christian Torkler: Ein Platz an der Sonne. Klett-Cotta 2018. 592 Seiten.

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Wortgelüste

Zeichen und Zeiten

VOX

u1_978-3-10-397407-2.66914111Jeder Mensch verwendet pro Tag durchschnittlich 16.000 Wörter. Wenn wir uns morgens verabschieden, wenn wir im Büro sitzen und uns mit den Kolleg_innen unterhalten, wenn wir ein Brötchen beim Bäcker kaufen und einen kurzen Smalltalk halten. Linguist_innen haben schon vor Jahrzehnten eine signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern festgestellt, wenn es um den Gebrauch von Wörtern geht. Selbst wenn Frauen genau so viel sprechen wie Männer, wird es so wahrgenommen, als redeten sie deutlich mehr. Man kennt das Klischee: Frauen schnattern belanglos vor sich hin, Männer sprechen weise Worte und kommen dabei auch vernünftig auf den Punkt.

In Christina Dalchers Dystopie VOX entwirft die Autorin ein unfassbares Szenario. Frauen sind per Gesetz dazu angehalten, pro Tag nur 100 Wörter zu verwenden. Sprechen sie mehr, bekommen sie Stromschläge durch ein Armband verpasst. Die Ansage ist klar: Frauen halten die Klappe, kümmern sich um die Kinder und fallen ansonsten nicht so viel auf. Dann stören sie auch nicht so viel.

Erzählt wird die Geschichte von Jean McClellan, einer ehemaligen Neurolinguistin, die nicht mehr ihrer Forschung nachgehen darf. Sie hat sich nie besonders für Politik interessiert, aber schon ihre ehemalige beste Freundin  Jackie hatte sie gewarnt:

„Konservative Männer, die ihren Gott und ihr Land lieben.“ Sie seufzte. „Frauen nicht so sehr.“ „Das ist doch lächerlich“, erwiderte ich. „Sie hassen Frauen nicht“. „Was glaubst du, wer momentan am wütendsten ist? In unserem Land, meine ich.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Afroamerikaner?“ „Nein, Du Dussel. Der heterosexuelle weiße Mann. Er ist stinkwütend. Er fühlt sich entmannt. Eine Meute machthungriger kleiner Jungs, die es satthaben, dauernd ermahnt zu werden, einfühlsamer zu sein.“

Es kommt so, wie Jackie es prophezeit: eine Partei religiöser Fundamentalisten stellt den Präsidenten und Frauen werden langsam aus beruflichen und gesellschaftlich relevanten Positionen vertrieben. Dass die Anfänge dieser Entwicklung nicht bis ins Detail beschrieben wurden, störte mich nicht. Auch in Fahrenheit 451 werden die Leser_innen in eine dystopische Welt geworfen, deren Entstehungsbedingungen nicht sehr klar sind. Ungenauigkeiten und fehlende Informationen über die Entwicklung hin zum Status Quo sind Teil des Genres der literarischen Dystopie.

Jean kann in ihrer eigenen Familie beobachten, was die Politik der Regierung für Auswirkungen hat. Ihr ältester Sohn wird Mitglied der Bewegung der „Reinen“ und fängt an, seine Mitschüler_innen zu verraten. Ihre Tochter Sonia hingegen, gewöhnt es sich an, mit einem Wortzähler nach Hause zu kommen, auf dem eine Null steht. Weil Sonia den ganzen Tag über kein Wort gesprochen hat, wird sie von der Schule mehrfach ausgezeichnet. Ihre Mutter macht sich große Sorgen. Sie glaubt, dass Sonia die sprachlichen Defizite, die ihr antrainiert werden, nie wieder los wird.

»Mit sechs müsste Sonia über eine Armee von zehntausend Lexemen verfügen, individuelle Soldaten, die sich versammeln, strammstehen und den Befehlen ihres kleinen, noch formbaren Gehirns gehorchen. Müsste, wenn Lesen, Schreiben und Rechnen nicht auf ein einziges Fach reduziert worden wären: simple Arithmetik. Schließlich wird von meiner Tochter erwartet, eines Tages einzukaufen und einen Haushalt zu führen, eine ergebene und pflichtbewusste Ehefrau zu sein. Dafür braucht man Mathematik, keine Rechtschreibung. Keine Literatur, keine Stimme.« (S. 17)

Die Geschichte nimmt eine interessante Wendung, als der Bruder des Präsidenten einen schweren Unfall hat. Das Gehirnareal, das für die Sprache zuständig ist, wird massiv verletzt. Er kann nur noch unzusammenhängende Sätze formulieren. Jean hat in diesem  früher in der Hirnforschung gearbeitet und soll jetzt im Auftrag des Geheimdienstes an einem Heilmittel arbeiten. Dafür soll ihr für einige Wochen das Armband abgenommen werden. Was wird Jean mit ihrer neuen Freiheit anfangen?

Jean wird Teil der geheimen Forschergruppe. Hier trifft sie ihre ehemaligen italienischen Kollegen und Love-Interest Lorenzo wieder und leider reiht sich dann ein Klischee ans nächste. Er fährt gerne schnelle Autos, in seinem Büro steht stets eine Espressomaschine und er ist wahnsinnig toll im Bett und überhaupt ein Held. Ganz anders als Jeans Ehemann Patrick, der auch noch für den Präsidenten arbeitet und trotzdem nie darauf gekommen ist, seiner Frau zu helfen. Während die Grundidee gelungen und sehr provokant ist, ist spätestens bei Auftauchen der Figur Lorenzo ein deutlicher Qualitätsunterschied zu spüren. Wenn Jean nur noch in die starken Arme ihres Lovers sinken möchte, dann frage ich mich, was ich hier gerade lese und bin ein wenig gelangweilt.

Margarete Atwood, die Königin der Dystopie, hat mit A Handmaid’s Tale / Der Report einer Magd einen Klassiker der feministischen Dystopie geschrieben. An dieses Vorbild kommt Dalcher leider nicht heran, auch wenn der Kontakt der Hauptprotagonisten Jean mit dem „Widerstand“, den es tatsächlich auch gibt, doch deutlich an Atwood erinnert.

Bleibt in Fahrenheit 451 oder bei A Handmaid’s Tale ein offenes Ende, das zum Nachdenken anregt und viele Fragen unbeantwortet lässt, sorgt Dalcher mit einem Happy End dafür, dass ich kaum noch Fragen an die gesellschaftliche Entwicklung der USA in der Geschichte stellen muss. Die Stellschrauben werden zurückgedreht, die Bösen werden geschlagen, Jeans Familie findet ihr Glück in Italien (und die Entscheidung zwischen Ehemann und Lover wird Jean abgenommen). Das ist wirklich schon fast zu viel des Guten.

Trotzdem bleiben viele Beobachtungen, die Dalcher macht, erschreckend nah an der Realität. Und das macht den Roman sehr lesenswert.

„Ich lernte, wie leicht es für den Mann im Papierwarenladen ist, zu mir zu sagen: ‚Tut mir leid, Madam. Ich kann Ihnen das nicht verkaufen.‘ Ich lernte, wie schnell ein Handyvertrag annulliert werden kann und wie effizient junge Soldaten beim Anbringen von Kameras sind. Ich lernte, sobald ein Plan vorhanden ist, kann alles über Nacht passieren.“

 

Christina Dalcher: VOX. Übersetzt von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle.

Fischer 2018

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Hier kommt Alex – Uhrwerk Orange

Clockwork Orange? Du meinst den Film von Stanley Kubrick, oder? Nein, diesmal nicht. Zumindest nicht nur. Der Roman zur Verfilmung wurde 1962 von Anthony Burgess geschrieben. Es geht um Alex und seine Gang, die Droogs. Mit ihnen ist er unterwegs, sie hängen in Bars herum, genießen merkwürdige Getränke (mit Milch (!) versetzte Drogen), rauben Passanten aus, schlagen Unbeteiligte zusammen oder vergewaltigen Frauen. „Horrorschau“, nenne die Droogs ihre Freizeitaktivitäten. Die Toten Hosen greifen die Geschichte in ihrem Konzeptalbum Ein kleines bisschen Horrorschau (1988), das mit dem Titel Hier kommt Alex beginnt, auf. Das Stück beginnt mit Beethovenklängen…

Beethoven? Die Hosen beweisen ihre Textkenntnis. Alex ist nämlich ein ausgemachter Klassik-Fan. Hat er genug von „Horrorschau“ und Gewaltexzessen, zieht er sich in sein Zimmer zurück und genießt die Musik.

Dann, meine Brüder, kam es. Oh, Seligkeit und Himmel. Ich lag ganz nagoi auf dem Bett. Die Hände hinter meinem Gulliver auf dem Kissen, die Glotzies geschlossen und sluschte dem Strom der lieblichen Klänge. Oh, es war gestaltgewordene Pracht und Herrlichkeit. Die Posaunen dröhnten rotgolden unter meinem Bett, und hinter meinem Gulliver flammten die Trompeten in silbernem Feuer, und dort bei der Tür rollten die Pauken wie ferner Donner und vibrierten in meinen Kischkas. Oh, es war das Wunder der Wunder. Und dann, wie ein Vogel aus himmlischem Metall gesponnen, unwirklich und schwerelos, kam das Violinsolo über all den anderen Streichinstrumenten, und diese Streicher webten einen seidenen Käfig um mein Bett. Der weiche, runde Ton der Oboen erhob sich in einem melancholischen Seitenthema, während die Solovioline ihre einsamen Kantilenen sang. Ich war in der höchsten Seligkeit, meine Brüder. (S.37)

Doch bei einem neuen Überfall wird die Gang erwischt, einige Droogs können fliehen, doch Alex kommt in eine Jugendstrafanstalt. Auch die Politik ist auf die gewalttätige Jugend aufmerksam geworden und besonders renitenten Straftätern wird eine neue Behandlung angeboten. Sie dauert nur zwei Wochen, danach winkt die Freiheit. Alex ist angetan, allein der Anstaltspfarrer meldet seine Bedenken an und schüttet Alex, dem Gefangenen 6537, in sehr betrunkenem Zustand sein Herz aus: „Es könnte sich erweisen, dass es nicht schön ist, gut zu sein, kleiner 6537.“

Alex willigt ein. Im ersten Teil waren die Droogs die Aggressoren, im nächsten Teil ist es der Staat. Alex wird gefoltert, sein Willen soll gebrochen werden, damit er endlich geheilt werden kann und nie wieder jemanden verletzt. Dabei erweist sich die Folter als perfides Mittel der Manipulation. Alex werden Gewaltszenen gezeigt, die ausgerechnet mit klassischer Musik hinterlegt werden. Er wird darauf konditioniert, Gewalt abzulehnen, verliert dadurch aber auch seine musikalische Leidenschaft und seine Gefühle. Hatte ich im ersten Teil noch wenig Mitleid mit dem verrückten Klassikliebhaber, sondern war eher schockiert, kann er mir jetzt nur noch leid tun. Spätestens als Alex aus der Besserungsanstalt entlassen wird, unfähig zu jeder Form der Gewalt, zeigen sich die Schattenseiten der Behandlung. Alex trifft auf seine ehemaligen Opfer, seine Eltern, seine ehemaligen Weggefährten. Und er ist nicht mehr dazu in der Lage, sich zu wehren. Spätestens hier, befinde ich mich in einem riesigen moralischen Dilemma. Alex ist fürchterlich. Aber vor allen Dingen tut er mir Leid, er ist eine riesige weiche Orange und die Gewalt seiner ehemaligen Opfer, droht ihn zu zerquetschen. Oder was will Burgess mit dem Titel sagen?

Anthony Burgess erklärt den merkwürdigen Titel seines Romans folgendermaßen:

1945, als ich von der Army kam, hörte ich einen achtzigjährigen Cockney in einem Londoner Pub von jemandem sagen, er sei „schräg wie eine aufgezogene Orange“. Der Ausdruck faszinierte mich als eine Äußerung volkstümlicher Surrealistik. Die Gelegenheit, die Redensart auch als Titel zu benutzen, kam 1961, als ich mich daran machte, einen Roman mit dem Thema Gehirnwäsche zu schreiben. Der Mensch ist ein Mikrokosmos, er ist ein Gewächs, organisch wie eine Frucht, er hat Farbe, Zerbrechlichkeit und Süße. Ihn zu manipulieren, zu konditionieren, bedeutet, ihn in ein mechanisches Objekt zu verwandeln – eine Uhrwerk Orange.

2013 ist eine Neuübersetzung von Ulrich Blumenbach erschienen, zuletzt hat Blumenbach Unendlicher Spaß von David Foster Wallace übersetzt. Er soll das Nasdat, den Jugendslang der Droogs, auf eine etwas andere Art und Weise einfangen, als Walter Brumm, der auch meine Ausgabe von Burgess übersetzt hat. In den späteren Übersetzungen gibt es sogar einen eigenen Nasdat-Glossar. Die Sprache der Droogs wirkt erst ein wenig gewöhnungsbedürftig, da wird getollschockt, wenn sie jemanden zusammen schlagen oder die Dewotschkas, junge Frauen, werden fies angegraben. Große Inspiration für Burgess soll James Joyce gewesen sein. Mich hat die Sprache fasziniert und ich konnte mich sehr schnell in den Droog-Slang einfinden. In der Klett-Ausgabe gibt es auch noch einen ganzen Schwung von Begleitmaterial zum Text, wenn sich noch jemand für die Hintergründe der Geschichte interessiert. Und der Film von Kubrick, der für fünf Oscars nominiert wurde, zeigt eine ganz eigene faszinierende Ästhetisierung von Gewalt.

Burgess ist eine fesselnde Dystopie gelungen, in der die Gewalt des Staates gegenüber dem Individuum thematisiert wird.  Nasdat, Newspeak – Orwell und Burgess sind sich da in gewisser Weise ähnlich, auch die zeitliche Verortung weist Parallelen auf. Burgess‘ Handlung spielt 1983, Orwell’s Handlung – wie wir alle wissen – 1984. Davon merke ich in Burgess’Universum nicht allzuviel. Alex kauft sich seine Musik in einem Plattenladen, mehr ist nicht wichtig. Die Droogs könnten auch eine Gang in den 1950ern oder 1960ern sein. Auf eine merkwürdige Art und Weise wirkt der schmale Roman aber auch anachronistisch.

Burgess beschreibt in seinem Roman auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Zu einer Zeit, in der sich die Jugendkultur gerade erst entwickelte und die erste Phase der seichten Teenagerrebellion, inspiriert durch Elvis Presley, gerade abebbte, schreibt Burgess Anfang der 1960er Jahre von der gewalttätigen Jugend, die ihre Religion in Plattenläden sucht. Sie haben einen eigenen Dresscode, eigene Rituale, eine eigene Sprache und sind, oh Schreck, verloren für die bürgerliche Welt. Und das lange, bevor es ein Musikfestival wie Woodstock gab und „die Jugend“ in den unterschiedlichen Subkulturen  auf Identitätssuche ging. Horrorschau! So kriminell wie Burgess es sich vorstellt, ist die verlorene Jugend dann nämlich doch nicht geworden. Trotz Plattenläden.

Im letzten Kapitel wird Alex dann natürlich auch „gutbürgerlich“, der ehemalige Problem-jugendliche träumt von einer spießigen, normalen Existenz. Ursprünglich wollte der US-Verleger dieses Kapitel streichen, „zu britisch“ so der Tenor. Dabei ist es so wichtig, denn es zeigt, dass sich jeder Mensch ändern kann, wenn er will und dass wir eben keine Roboter sind, die nur nach dem immer gleichen Reiz-Reaktions-Schema funktionieren. Und am Ende haben die bösen Jungs auch das Potenzial, gute Bürger zu werden. Böse Mädchen gibt es bei Burgess nicht. Schöne neue Welt.

Anthony Burgess: Uhrwerk Orange. Der Roman zum weltberühmten Film Clockwork Orange.

München. Heyne 1962.

Übersetzt von Walter Brumm

ISBN: 3-543-00250-4

Apocalypse, now – Herr der Fliegen

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Jasagen.

(Friedrich Nietzsche)

3-596-21462-9_237295Kindern wird gerne nachgesagt, dass sie eine reine Seele, wahlweise auch ein reines Herz haben. Ihre Arglosigkeit und ihre Unschuld sind ein Vorbild für die moralisch verkommenen Erwachsenen. Es hat lange Zeit gedauert, bis sich eine so verklärte Vorstellung von Kindern gesellschaftlich durchsetzte. In Willam Goldings Roman Herr der Fliegen, der 1954 erschien, wird allerdings ein ganz anderes Bild von Kindern gezeigt, ein Mythos wird dekonstruiert, wenn nicht sogar komplett auseinander genommen. Ein bisschen erinnerte mich diese kindliche Radikalität an den Roman Nichts von Janne Teller, in dem am Ende auch die Erwachsenen keine Ahnung haben, was sich am Berg der Bedeutung eigentlich so genau abspielt. Im Roman Herr der Fliegen wird ein anderes Setting gewählt, das allerdings genauso abgeschlossen und unzugänglich für die Erwachsenen ist, wie die verschlossene Scheune: eine Gruppe britischer Kinder im Alter von 6-12 Jahren landet auf einer einsamen Insel im Pazifik (und damit wird schon am Anfang ein typisches Setting für eine Robinsonade gewählt). Die Gründe für ihren Flugzeugabsturz bleiben im Dunkeln, es muss wohl etwas mit einer Atombombe zu tun haben. Schnell wird klar, dass sie sich als Gruppe organisieren müssen, um auf der Insel zu überleben. Was in Lost noch ansatzweise funktioniert, verwandelt sich in Herr der Fliegen in eine Katastrophe.

Anstatt darüber glücklich zu sein, den Flugzeugabsturz überlebt zu haben und gemeinsam an improvisierten Hütten zu bauen, bildet sich bereits am Anfang eine kleine Splittergruppe um ihren Anführer Jack. Die Kinder kennen sich aus einem Chor und machen alles, was Jack von ihnen verlangt. Im gegenüber steht eine anfänglich größere Gruppe um den Jungen Ralph. Ralph ist nicht besonders intelligent, aber sehr hübsch. Und er hat einen entscheidenden Vorteil: er hat ein Muschelhorn gefunden, mit dem er die anderen Kinder zu Versammlungen einberufen kann. Deshalb wird er zum Anführer gewählt. Ihm zur Seite steht der dickliche, asthmatische Piggy, ziemlich intelligent für sein Alter. Wenn Beauty und Brain sich zusammentun, kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?

Seine Stimme klang wie ein Flüstern im Vergleich zu dem rauen Ton des Muschelhorns. Er hob das Horn an die Lippen, holte tief Lust und blies noch einmal. Wieder kam der dröhnende Ton und sprang dann plötzlich, als Ralph noch kräftiger blies, eine Oktave höher. Jetzt war es ein schrilles Schmettern, noch durchdringender als zuvor. Piggy rief etwas, sein Gesicht strahlte vor Freude, und die Brillengläser glänzten. Vögel kreischten und kleines Tier lief durch das Dickicht. Ralph ging der Atem aus; der Ton fiel wieder eine Okatave tiefer, wurde zu einem dumpfen Geblubber, zu einem bloßen Rauschen. (S.24)

Doch die Kinder haben anderes im Sinn. Die Idee von Beauty sich den Regeln der Zivilisation auch unter widrigen Umständen zu unterwerfen, wird abgeschmettert. Die Kinder wollen mit Jack Schweine jagen, sie wollen Fleisch, und keine langweiligen Hütten bauen. Ralphs Idee, ein Feuer zu machen und dadurch Schiffe auf ihre Lage aufmerksam zu machen, missfällt. Irgendjemand muss ja schließlich das Feuer bewachen und warum sollte man sich darum kümmern, wenn es doch endlich keine nervenden Erwachsenen und keine Regeln mehr gibt? Die Situation droht zu eskalieren. Hinweise dafür gibt es genug:

„Das war’n feines Spiel!“

„Ja, nur ein Spiel“, sagte Ralph unsicher. „Ich bin beim Rugby auch mal schwer verletzt worden -“

„Wir müssten eine Trommel haben“, sagte Maurice, „dann wär’s erst richtig.“

Ralph blickte ihn an. „Wie richtig?“

„Ich weiß nicht so wie. Wir brauchen ein Feuer und eine Trommel und dann geht alles im Takt.“

„Und’n Schwein brauchen wir“, sagte Robert, „wie bei ’ner richtigen Jagd.“

„Oder jemand, der das Schwein macht“, sagte Jack. „Einer müsste sich verstellen als Schwein und dann so tun, als ob er mich umwerfen wollte und so -“ (S.161)

Doch bei Spielen bleibt es nicht. Es dauert nicht lange und die kleinen Wilden werfen sich in ihre Kampfmonturen und fallen übereinander her. Das paradiesische Idyll verwandelt sich ratzfatz in die Hölle auf Erden, als die Kinder  anfangen Piggy (Schweinejagd…) und Ralph über die Insel zu jagen. Gewalt, Rache, Ausbeutungsfantasien – die Kinder kennen keine Grenzen.

William Golding hat für den Roman 1983 den Literaturnobelpreis bekommen. Die Message ist einfach und unumstößlich, Homo homini lupus est, das Böse ruht im Innern, wie Simon ganz am Anfang auf der Insel, mit Schaudern, feststellt. Sobald die Zivilisation verschwindet, fallen die Schwachen den Starken zum Opfer, der dicke asthmatische Brillenträger hat keine Chance und diejenigen, die auf Regeln beharren, werden gnadenlos verfolgt. Eine ziemlich bittere Einstellung. Um diese Ausgangsidee zu untermauern, nimmt Golding in seiner Anti-Utopie in Kauf, dass einige Figuren eher schematisch angelegt sind, Gut und Böse sind klar getrennt. Ein, so scheint mir, typisches Verfahren in den 1950er Jahren um die Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zu verarbeiten. Doch die schematische Struktur hat mich kaum gestört. Die Robinsonade funktioniert gerade durch ihre Vereinfachungen und ist eine beeindruckende, pessimistische Parabel über das Wesen des Menschen.

William Golding: Herr der Fliegen (Lord of the Flies 1954). 2012

[Rezension] Come on baby, light my fire – Fahrenheit 451

Dies war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.

(Heinrich Heine)

It was a Pleasure to Burn. (S.5)

Bei 451 Fahrenheit, das entspricht 232,8 Grad Celsius fängt Papier angeblich an zu brennen. [Für Chemienerds, Besserwissende und BigBangTheory-Fans: Stimmt nicht, Bradbury hat sich vertan, Papier brennt bei 451 Grad Celsius.] Guy Montag kennt sich aus mit diesem HotStuff – er ist Feuerwehrmann. Allerdings lebt er in einer Welt, in der Feuerwehrmänner nicht Feuer löschen, sondern Feuer legen. Er gehört zu einer Spezialeinheit, deren Aufgabe es ist, Bücher zu verbrennen. Denn mit Büchern hat das ganze Elend erst angefangen: Menschen werden zu emotional, fangen an Dinge in Frage zu stellen und wollen auf einmal gar nicht mehr so richtig funktionieren. Das kommt nicht gut, in einem Staat, der darauf baut, dass niemand Fragen stellt. Guy Montag hingegen ist ein Supertyp: er brennt alles nieder, was ihm irgendwie in die Quere kommt. Gerne Bücher, denn die sind gefährlich und machen Menschen unglücklich. Seine Frau Mildred hingegen scheint nicht ganz happy zu sein. Sie taucht ab, irgendwo in eine Welt, die sie nur mit kleinen muschelförmigen Radios, die sie in Ohren trägt ( Mensch, Ray – heute nennt man die Dinger Kopfhörer) ertragen kann und mit ihrer „Familie“, den Protagonisten einer auf Dauerschleife laufenden Soapopera, deren Leben für Mildred realer ist, als ihr eigener vegetativer Zustand. Als Mildred versucht, sich mit einer Überdosis das Leben zu nehmen und von Sanitätern mit merkwürdigen Maschinen leergepumpt wird und sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern kann, sich aber sofort das muschelförmige Radio wieder ins Ohr stopft, als sei nichts gewesen, beginnt Guy langsam zu realisieren, dass in seinem Leben einiges schief läuft.

Denn die Welt in der Montag lebt, ist ziemlich marode und das macht ihn fertig. Doch es war gar nicht mal so sehr Mildreds Suizidversuch, es war auch die alte Frau, die sich lieber mit ihren Büchern verbrennen ließ, als das Haus zu verlassen. Und die 17-jährige Nachbarin Clarisse McClellan, sorgt auch dafür, dass Guy sich nicht mehr so richtig wohlfühlt in seiner Haut. „Bist du glücklich?“ hatte sie ihn gefragt, eine Frage, die Guy überfordert. Niemand fragt mehr nach Glück und Clarisse ist überhaupt eine merkwürdige Jugendliche. Statt in den funparks andere Jugendliche zu schikanieren und umzubringen, wie das der normale Teeny so macht, geht sie abends im Wald spazieren und beobachtet den Mond. Außerdem fragt sie nicht „Wie?“, sondern tatsächlich nach dem „Warum?“. Sie ist nicht ganz normal, eher „an odd one“, wie Guy bemerkt. Außerdem glaubt sie das Gerede ihres Onkels, dass die Menschen früher tatsächlich zusammen draußen saßen und sich unterhalten haben. Guy ist verwirrt. Aus Neugier packt er bei einer Buchverbrennung dann tatsächlich mal ein Buch ein, Gedichte, und die letzte vorhandene Ausgabe der Bibel. Doch wie kann er diesen Diebstahl mit dem Slogan der Feuerwehrleute zusammenbringen: „Monday burn Millay, Wednesday Whitman, Friday Faulkner, burn ‚em to ashes, then burn the ashes“(S.12)?

Als Clarisse und ihre ganze Familie „verschwindet“, wie viele kritische Geister, ist für Guy klar, dass er etwas ändern muss. Er erinnert sich an einen alten Englischprofessor, Faber, den er einmal im Park getroffen hat. Obwohl Guy in seiner mit Salamandern verzierten Feuerwehruniform auftrat, führten sie ein nettes Gespräch und Guy widerstand dem Impuls, Faber das Buch, das er mit Sicherheit versteckt bei sich trug, zu entreißen und ihn zu verhaften. Es war ein sonniger Tag und Faber war ein netter Mann. Guy will etwas ändern. Irgendwo muss es doch noch ein paar versprengte Bibilophile geben, oder nicht? Faber vielleicht? Guy schöpft neue Hoffnung, vermutet sogar, dass sein Vorgesetzter, der doch so viel über Literatur weiß, vielleicht ein echtes Interesse an Büchern hat. Doch die Suche nach Verbündeten ist schwierig, gefährlich. Denn Bücher sind in dieser Welt der absolute Feind und die Feuerwehrleute, Guy Montags Kollegen, die Bewahrer des Status Quo:

A book is a loaded gun in the house next door. Burn it. Take the shot from the weapon. Breach man’s mind. Who knows who might be the target of the well-read man? Me? I won’t stomach them for a minute. And so when houses were finally fireproof completely, all over the world […] there was no longer need of firemen for the old purpose. They were given the new job, as custodians of our peace of mind, the focus of our understandable and rightful dread of being inferior; official censors, jugdes and executors.  (S.77)

Außerdem steht den Feuerwehrleuten ein neues Gerät zu Verfügung. Ein neuer „Hound“, eine Mischung aus Technik und Lebewesen, ein Spürapparat für Rebellen, der seitdem Guy den Gedichtband besitzt, ziemlich nervös wird, wenn Guy ihm begegnet…

Mir hat Fahrenheit 451 sehr gut gefallen. Bradbury hat den Roman 1950 innerhalb von wenigen Tagen tief im Keller der Bibliothek der University of California geschrieben, auf einer Münzschreibmaschine, so dass ihn das ganze Unterfangen tatsächlich 9 Dollar 80 gekostet haben soll (so behauptet Wikipedia). Der Stress hat sich gelohnt, das Buch ist toll geschrieben und unterhaltsam zu lesen. Die Idee ist klasse und wurde im Film Equilibrium mit Sahneschnittchen Christian Bale 2002 von Regisseur Kurt Wimmer noch einmal aufgegriffen: allerdings beschränkt sich die Zerstörungswut der Eliteeinheit der Grammtikon-Kleriker im Film nicht auf Bücher, sondern auf jede Form von Kunst und Kitsch, die Gefühle hervorruft.

Im Vergleich zu anderen Dystopien, z.B. Atwoods A Handmaid’s Tale oder Orwells 1984, wird allerdings deutlich, dass Bradbury die Welt, in der sein Protagonist lebt, nicht sehr differenziert beschreibt. Über das politische System gibt es so gut wie keine Aussagen, es scheint einen ständigen Krieg zu geben und die neue Generation wird kriegstreiberisch und brutal erzogen, allerdings wissen wir als Lesende darüber auch nur wenig. Zentral sind die Begriffe Zerstörung und Aufbau, denn es hat wohl schon den dritten Atomkrieg gegeben – doch von den Folgen wissen die Bewohner_ innen auch nichts. Doch dieses Nichtwissen macht auch den Charme des Buches aus: wir wissen genau so viel wie der Protagonist Montag, aber nicht mehr. Guy kann sich aus einem diktatorischen System befreien und hat angefangen, endlich wie Clarisse nach dem Warum zu fragen. Und genau deshalb bleibt am Ende auch so etwas wie Hoffnung übrig.

Ray Bradbury – Fahrenheit 451. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 9270  (1991).

ISBN: 978-3-15-009270-5.