Vintage

Eine mysteriöse Gitarre, die Welt des Blues, ein abgerockter Elvisimitator, ein vergessenes Musikgenie und ein ungewisser Roadtrip, sorgen  in Vintage  für eine Menge Spannung.

VintageThomas ist Musiker und Gelegenheitsjournalist, als ihm der Deal seines Lebens präsentiert wird. Ein reicher schottischer Lord und passionierter Gitarrensammler tritt an Thomas heran und bittet ihn um Hilfe. Lord Winsley ist ein Musikliebhaber durch und durch. Er lädt Thomas in seine Residenz ein. Das Boleskine House , in der Nähe von Loch Ness, war lange Zeit der Wohnsitz von Jimmy Page, der das Anwesen in der Anfangszeit von Led Zeppelin erwarb. Die Atmosphäre hat trotzdem eher was von Graf Dracula, das liegt unter anderem daran, dass der Lord eine große Vorliebe für Aleister Crowley hegt. Aber da befindet er sich ja in guter Gesellschaft. Die Beatles, die Stones, Black Sabbath, Led Zeppelin und Bowie sollen sich alle mal eine Zeit lang mit dem britischen Okkultisten und seinen Schriften auseinandergesetzt haben.

Thomas Auftrag ist es nun, zu beweisen, dass es die Gibson Moderne, die legendärste Gitarre aller Zeiten, wirklich gegeben hat. Kann Thomas die Existenz der Gitarre beweisen, verspricht ihm der (dunkle) Lord eine Million. Ein Zehntel des Schätzwertes des Instruments. Das motiviert natürlich. Auch wenn seine Kollegen die Existenz dieser Gitarre anzweifeln.

André versorgte mich mit zahlreichen Details und Überlegungen dazu, wie die Moderne beschaffen sein könnte, beziehungsweise vor allem dazu, wie sie angesichts der damaligen Fertigungstechniken nicht beschaffen sein konnte. Ihm selbst war schon die eine oder andere Kopie untergekommen. Er erzählte mir von Sammlern, die jahrzehntelang vergeblich nach dieser Gitarre gefahndet hatten, und von anderen, die behaupteten, sie gefunden zu haben, sie aber nicht herausrückten. (S.65)

Thomas stürzt sich in die Recherche und reist auf den Spuren der Moderne einmal quer durch Amerika. Dabei trifft er auf unterschiedliche Menschen, die alle mit Musik zu tun haben und von dem Geheimnis um die mysteriöse Gitarre wissen. Wenn es um so viel Geld geht, ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis der erste Tote gefunden wird. Weiß Thomas, worauf er sich da eingelassen hat?

Ich mag Musik, aber ich kenne mich weder mit Blues, noch mit verschiedenen Gitarren richtig aus. Aber das hat mich gar nicht gestört. Hervier schafft es, in seinen Text unterschiedliche Bezüge zu echten Rockstars und Bluesstücken einzubauen. Neben dem spannenden Roadtrip hatte ich also das Gefühl, nebenbei noch Wissenswertes über Musikgeschichte lockerflockig präsentiert zu bekommen. Auf der Verlagsseite gibt es zusätzlich noch ein Mixtape, auf dem die unterschiedlichen Songs, auf die sich Hervier bezieht, angehört werden können. Das sind kleine Details, die ich wahnsinnig gerne mag. Nicht umsonst habe ich mich in meinem Studium auch  mit Popmusik beschäftigt und bin treue Spex-Abonnentin (ihr wisst, was ich meine…). Ein weiteres fancy Detail, das ich mag: die Kapitelüberschriften, die wie ein guter Song aufgebaut sind (Intro – Erste Strophe – Refrain – Zweite Strophe – Refrain – Dritte Strophe – Bridge – Solo (1. Teil) – Solo (2. Teil) – Refrain – Outro).

Vintage ist ein Rock- und Bluesthriller für Musiknerds und alle, die es werden wollen. Ziemlich cool, witzig, spannend und von einem Menschen geschrieben, der Musik liebt und sich verdammt gut auskennt. Das Ende setzt der ganzen Geschichte dann noch einmal die Krone auf und kam für mich absolut überraschend. Super Buch, super Musik. Für meinen Geschmack hätte der Roman ruhig noch ein bisschen dicker sein können. ;)

Grégoire Hervier – Vintage. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs. Diogenes 2017.

 

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

 

 

„Jeder Mensch ist anders!“ – Schuld war Elvis

Hebrons Leben stand von Anfang an unter einem Stern, den man nicht unbedingt schlecht nennen konnte, aber ihn als gut zu bezeichnen, würde ihren folgenden Lebensjahren nicht gerecht werden. (S. 7)

Als ich das erste Mal den Roman in einer Buchhandlung gesehen habe, wusste ich, dass ich unbedingt dieses Buch lesen musste. Mir gefiel der Titel, das Cover, vielleicht war ich gerade noch durch das 1950er Jahre – Seminar an der Uni inspiriert und dachte, dass „irgendwas mit Elvis“ schon passt. Eigentlich geht es aber nicht um Elvis, sondern um eine ziemlich verkorkste Familie.

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In Rebecca Maria Salentins Debüt Schuld war Elvis wird auf knapp 500 Seiten eine Familien- und Entwicklungsgeschichte beschrieben, die in den 1970er Jahren in der Eifel beginnt. Anfang und Ende des Romans bestehen aus demselben Satz, so als habe sich auf den 500 Seiten nichts geändert: „Und Hebron schrie.“ (S.2, S. 506).

Doch es ändert sich eine Menge in Hebrons Leben und in ihrer Beziehung zu ihrer chaotischen Familie. Damit die Leser_innen nicht den Überblick verlieren, gibt es eine Ahnentafel der Familien Hunger und Apelstejn auf den letzten beiden Seiten. Das ist gerade in der Mitte des Buches wirklich hilfreich, denn Hebrons Leben ist so besonders und die Verstrickungen ihrer Familie komplexer als ich zunächst dachte.

„Es gibt keine zwei vergleichbaren Leben! Niemals! Jeder Mensch ist anders!“, wird natürlich jetzt jeder aufschreien, ebenso empört wie überzeugt. Und ja, er hat recht, und nein, hat er nicht.

Es gibt eine Andersartigkeit, die selbst unter anderen anders ist. Und unter dieser Andersartigkeit hatte Hebron von Anfang an zu leiden. “ (S. 7)

Hebrons Mutter Meggie hat Pech mit den Männern. Hebrons Vater ist kurz nach ihrer Geburt nach Israel abgehauen und ihr ganzes weiteres Leben lang, wird Hebron eine männliche Bezugsperson fehlen. Meggie schafft es zwar, immer wieder schwanger zu werden, aber eine offizielle Hochzeit mit einem der potentiellen Partner gibt es nie. Das sorgt für Gesprächsstoff in der Kleinstadt Düren und dafür, dass Hebron sehr früh in ihrem Leben nicht nur große Schwester, sondern viel zu oft auch Ersatzmama sein muss. Denn Meggies Männer kann man allesamt in der Pfeife rauchen (und Meggie eigentlich auch). Hebrons erster Ersatzpapa, der Vater ihrer Zwillingsbrüder, verstirbt tragisch bei einem Autorennen. Der nächste Mann, der als Ersatzvater in Frage kommen könnte, ist der Gartenarbeit zugewandt und hegt und pflegt zwar mit Hingabe seine Hanfplantage, findet Kinder aber eher anstrengend. Und wer der Vater vom mopsigen, aber glücklichen Francis ist, verrät Meggie gar nicht erst.

Zum Glück gibt es noch helfende Tanten, aber Fanny, Penny, Peggy, Sally, Daisy und Betty können ihrer verkorksten Schwester  nicht jedes Mal aus der Patsche helfen. Als Hebron die Situation nicht mehr aushält und ihr Suizidversuch ungehört verpufft, macht sie sich auf die Suche nach ihrem Vater und fährt kurzer Hand nach Israel.

Allerdings handelt es sich hier eher um das Grundgerüst der Handlung. Immer wieder800px-Elvis_Presley_1970 werden die Geschichten der Großeltern, der Onkel und Tanten und der ganzen Familie Hunger um Hebrons Leben herumgestrickt, denn natürlich gehört alles zusammen. Das ist manchmal etwas viel und driftet leider schnell ins Anekdotenhafte ab. Der Erzählmodus ist dabei gleichbleibend ironisch. Mit einem leichten Augenzwinkern werden die Streiche der Zwillingsbrüder Wim und Billy, ihre Raufereien mit ihren Cousins Geronimo und Casanova oder aber Hebrons erste Leseversuche, die allein durch den Anblick von Elvis  auf einer Illustrierte und Hebrons Instant-Verliebtheit, zu Stande kamen, beschrieben.

Das kann über 500 Seiten etwas zu launig werden und hat leider dafür gesorgt, dass mich die Geschichte stellenweise nicht ganz überzeugen konnte. Egal ob Kriegserlebnisse, Suizidversuche, eine unmögliche Mutter und eine tragische Kindheit, der heitere Erzählmodus bleibt bestehen und wirkt dabei auf Dauer etwas ermüdend. Da hätte es für mich nicht die gefühlt zehnte Erzählung über Hebrons Onkel‘ (ebenfalls Zwillinge) sein müssen, obwohl mich gerade dieser humoristische Erzählstil am Anfang noch begeistert hat. Zudem kommt Salentin wirklich in jedem Kapitel von einer kleinen Geschichte über eine Anekdote zu einer anderen Nebensächlichkeit um erst langsam wieder zu Meggie und Hebron zurückzukehren, die für mich eindeutig den Hauptteil des Romans ausmachen.

Geht es allerdings um Hebrons eigene Suche nach ihrem Vater und ihr Aufeinandertreffen mit Samuel Apelstejn gefällt mir der Roman ausgesprochen gut. Bei einer Figur wie Hebron ist natürlich damit zurechnen, dass die Begegnung nicht einfach wird und dass es so etwas wie ein Happy End gar nicht geben kann, aber vielleicht einen Neuanfang.

Rebecca Maria Salentin: Schuld war Elvis. C. Bertelsmann 2015. 506 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexmplar beim Bloggerportal angefragt. Vielen Dank!