Vom Suchen und Festhalten – Länger als sonst ist nicht für immer

Wenn niemand bei dir is’ und du denkst, daß keiner dich sucht, und du hast die Reise ins Jenseits vielleicht schon gebucht, und all die Lügen geben dir den Rest: Halt dich an deiner Liebe fest. (Rio Reiser)

Was bedeutet zu Hause sein? Und was erwarten wir von unseren Eltern? In Pia Ziefles neuem Roman Länger als sonst ist nicht für immer werden drei Lebenswege miteinander verwoben, drei Schicksale miteinander verknüpft, die für sich alleine schon Stoff genug für einen ganzen Roman geboten hätten.

länger als sonst ist nicht für immerLew sucht seinen Vater in Indien. Ira pflegt ihren Vater der im Sterben liegt und zu dem sie kein unkompliziertes Verhältnis hat. Und Fido, der vernachlässigte Protagonist in dieser Runde, ist ein Zugvogel – der mal für Ira da ist und dann auch wieder nicht. Gemeinsamer Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist die Bäckerei von Evi. Evi macht wunderbaren Kuchen und hat ein riesengroßes Herz. Sie nimmt alle Suchenden bei sich auf und schafft eine Konstante im ständigen Gehen und Ankommen, sie schafft ein zu Hause. Ein zu Hause, wie schon für Fidos Mutter, die in Deutschland nach Arbeit suchte. Und für Fidos Großvater – der in Deutschland nach seiner Tochter suchte, die sich irgendwann entschloss nicht mehr in ihr jugoslawisches Heimatland zurückzukehren. Fido, ihr Sohn, bleibt beim Großvater in Deutschland zurück. Als er alt genug ist, macht er sich selbst auf den Weg, ist unterwegs und nur sporadischer Gast bei Evi. Und Ira bleibt zurück – Ira, die sich nicht nur um ihren Vater, sondern auch um Evis Bäckerei kümmern muss. Familienbetrieb. Obwohl Ira gar nicht Evis Tochter ist. Familie sein ist eben mehr als verwandt zu sein, Familie sein heißt, sich aufeinander verlassen zu können. Wenn alles andere zusammenbricht.

Und eins ist schnell klar, wenn sich auch viele andere Details erst langsam entfalten: Eltern kommen in diesen drei sehr unterschiedlichen Familiengeschichten nicht gut weg. Sie scheitern, an sich selbst oder an den Umständen und  manchmal ist ein Scheitern auch so etwas wie ein Sieg, wenn dafür etwas noch Schlimmeres verhindert werden kann. Verlassen werden und verlassen sein sind die zentralen Motive dieses wunderbaren und poetisch zart erzählten Romans. Kinder, die auf der Suche nach ihren Wurzeln sind. Und Geheimnisse, die es schwer machen, ein zu Hause zu finden. Vieles bleibt in der Schwebe und einige Details der Handlung lassen sich nur erahnen.

Lew sucht seinen Vater, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Seine Eltern verschwanden von einem Tag auf den anderen und ließen ihre Söhne in der ehemaligen DDR zurück. Lew und sein Bruder wurden adoptiert. Eine fremde Familie, ein neues Zuhause, dass allerdings nicht von Dauer war. Den Kindern wurde nichts erklärt. Und Lew hörte auf vom Turmspringen zu träumen. Ira kümmert sich um Cornelius, ihren Vater. Sie ahnt nichts von seinen inneren Kämpfen, die er durchlitten hat. Vor der Abreise verliebt Lew sich in Ira. Ach so, und natürlich gibt es ein Kind. Aber wie das eben so ist mit Familien in diesem Roman – wer eigentlich der Vater ist, bleibt unausgesprochen.

Halt dich an deiner Liebe fest von Rio Reiser ist nicht nur der Romanhandlung als Motiv vorangestellt, sondern bildet auch eine Klammer zwischen den Protagonist_innen und ihren Schicksalen. Sie versuchen unter den schwierigsten Umständen ein zu Hause zu finden, eine Zukunft aufzubauen, ein glückliches Leben zu führen. Aber manche Geheimnisse wiegen schwer und andere werden glücklicherweise nie enthüllt.

„Wo bin ich?“, flüsterte er und suchte nach Ira, um sich an ihr festzuhalten. „Du hast dich auf den Weg gemacht“, sagt sie, „und ich werde bei dir bleiben, bis du angekommen bist.“ (S.157)

Der Roman ist wunderbar dicht erzählt. Abwechselnd erfahren wir von Iras und von Lews Umgang mit der Vergangenheit und dem Verlassenwerden. Viele Details bleiben kleinste Andeutungen und fordern heraus. Es sind die Kinder, die die Trümmer, die die Eltern hinterlassen haben, wegtragen müssen. Die erst als Erwachsene neu anfangen können.

Am Ende hätte ich gerne so viel mehr erfahren, besonders über Fido, der leider neben den sehr großen Geschichten von Lew und Ira eine viel zu kleine Rolle einnimmt. Thematisch ist der Roman übervoll: Zwangsadoption, Republikflucht, Pädophilie, Suizid, Sterbehilfe. Das ist überraschend und macht den besonderen Reiz der Erzählung aus. Hinter jeder zarten Beschreibung verbirgt sich ein tiefes Schlagloch, in das ich fast hineinfalle und aus dem ich nur langsam wieder herausklettern kann.

Ein schneller Roman für zwischendurch ist Länger als sonst ist nicht für immer sicherlich nicht. Auch die Handlungen der Protogonist_innen sind für mich nicht immer nachvollziehbar gewesen. Genau so wenig waren mir die gesellschafts-politischen Diskurse über Erziehung und bestimmte Vorstellungen von Elternschaft, die in einigen alternativen Kreisen gefeiert wurden, bewusst. Länger als sonst ist nicht für immer, ist ein Roman, der dazu einlädt zu diskutieren und miteinander ins Gespräch zu kommen, gerade weil viele Stellen nicht explizit gemacht werden. Eine spannende Einladung zur Interpretation, für die man aber auch etwas Zeit und Muße braucht.

Pia Ziefle: Länger als sonst ist nicht für immer. Arche 2014.

ISBN: 978-3-7160-2715-8

Vielen Dank an Lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die tolle Leserunde! :)

Der lange Schatten des Schreibtischs – Das große Haus

„Ein Rätsel: An einem Winterabend des Jahres 1944 wird in Budapest ein Stein geworfen. Er fliegt durch die Luft zum erleuchteten Fenster eines Hauses hinauf, in dem ein Vater am Schreibtisch arbeitet, eine Mutter liest und ein Junge mit offenen Augen von einem Schlittschuhrennen auf der gefrorenen Donau träumt. Die Scheibe zersplittert, der Junge hält sich die Hände über den Kopf, die Mutter schreit. In diesem Moment hört das Leben, das sie kennen, auf. Wo landet der Stein?(S. 367)

Ein Schreibtisch ist mehr als ein Schreibtisch ist mehr als …? In Nicole Krauss‘ Roman wird das wuchtige und eigentliche hässliche Möbelstück  zu einem Mythos und zum verbindenden Element zwischen vier Figuren, deren Lebenswege sich keinesfalls kreuzen, sich aber manchmal berühren. Der Schreibtisch hat neunzehn Schubladen, es gibt eine Schublade, die verschlossen bleibt. Und irgendwie konnte ich nicht verhindern, dass diese Schublade auch zum Symbol meines Leseerlebnisses wurde. Irgendwie richtig fassen kann ich diesen Roman nicht, vieles bleibt zu geheimnisvoll, zu überfrachtet. Und einen Schlüssel, abgesehen von dem Zitat oben, das immerhin erst auf Seite 367 auftaucht, bekam ich leider auch nicht.

Doch worum geht es? Der Schreibtisch ist so etwas wie ein missing link zwischen den Charakteren, obwohl er nicht unbedingt in jeder Erzählung vorkommt. Trotzdem wirkt er als „groteskes, bedrohliches Monstrum“ mit neunzehn Schubladen fast wie ein eigenständiges Wesen, dass sich in die Lebenswelt der Protagonisten drängt. Der Schreibtisch hat auch eine Geschichte, angeblich soll er einmal dem berühmten Dichter Lorca gehört haben. Als ich den Schreibtisch am Anfang des Romans treffe, gehört er einer New Yorker Schriftstellerin. Sie hat ihn von Daniel Varsky, einem chilenischen Dichter bekommen. Ursprünglich als Leihgabe, die sie allerdings nie zurückgeben muss. Varsky wird von der Geheimpolizei Pinochets entführt und zu Tode gefoltert. An diesem Schreibtisch sind zwei ihrer Romane entstanden, er ist für sie das Symbol ihrer Kreativität, die Bestätigung ihrer Fähigkeiten. Der Schreibtisch ist ihr kreativer Motor. Umso erschrockener ist sie, als nach 25 Jahren die Tochter von Varsky auftaucht und den Schreibtisch als letztes Andenken an ihren Vater zurückfordert. Die New Yorkerin erleidet eine schwere Lebenskrise und reist nach Israel, um sich einen neuen Schreibtisch zu besorgen.

In Israel treffe ich den Schreibtisch nicht und auch nicht mehr die Schriftstellerin, aber einen alten Mann, dessen Sohn zu Besuch ist. Die beiden haben sich lange nicht gesehen, aber auch nichts mehr zu sagen. Der Sohn ist erfolgreicher Anwalt in London, der Vater ebenfalls Anwalt – doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Früher wollte der Junge Schriftsteller werden, er schrieb heimlich an einen Roman über ein Monstrum, das an den Schreibtisch erinnert, doch das Unverständnis seines Vaters entmutigten ihn.

Ich unterstütze den Plan nicht, sagte ich dir. Warum?, fragtest du mit zornigen kleinen Augen. Was willst du schreiben?, fragte ich. Du hast mir eine verschlungene Geschichte über vier oder fünf oder sechs oder gar acht Leute erzählt, die alle in Zimmern liegen und mit einem System von Elektroden und Drähten an einen großen weißen Hai angeschlossen sind. Die ganze Nacht treibt der verdrahtete Hai in einem riesigen erleuchteten Becken und träumt die Träume dieser Leute. Nein, nicht die Träume, die Albträume, all die Sachen die schwer zu ertragen sind. So schlafen sie, und durch die Drähte fließen die schrecklichen Sachen aus ihnen heraus in den mordsmäßigen Fisch mit vernarbter Hund, der das ganze gesammelte Elend erträgt. Nachdem du fertig warst, ließ ich ein gutes Maß an Schweigen verstreichen, ehe ich den Mund auftat. Wer sind diese Leute?, fragte ich. Leute eben, sagtest du mit schriller, dann brechender Stimme. Im Quell deiner Augen sah deine Mutter das Leiden eines Kindes, das unter der Knute eines Tyrannen aufgewachsen ist, aber am Ende hatte die Tatsache, dass du nie ein Schriftsteller geworden bist, nichts mit mir zu tun. (S.67)

Letztlich wurde der Sohn Anwalt – ohne zu wissen, dass sein Vater heimlich seine Romanskizzen las und begeistert war. Jetzt steht der Sohn vor der Tür, er hat seinen Job hingeworfen, einfach so und beginnt nachts durch die Straßen zu streifen, wie er es schon als kleiner Junge getan hat. In England findet währenddessen ein Literaturprofessor etwas über ein Geheimnis seiner an Demenz erkrankten Frau, übrigens auch einer Schriftstellerin, heraus. Sie hatte nie viel von ihrer Vergangenheit erzählt und er beließ es dabei, seine Frau hatte ein KZ überlebt, während ihre Familie ermordet wurde. Doch das Geheimnis seiner Frau lässt ihn an seiner Ehe zweifeln. Wo bleibt der heimliche Hauptdarsteller des Ganzen? Sie hat ihren Schreibtisch, unseren – den Schreibtisch (!) – vor langer Zeit an einen jungen chilenischen Schriftsteller verschenkt.

Doch es gibt noch eine vierte Geschichte in Oxford. Isabella verliebt sich in einen Kommilitonen, in Joav. Joav hat eine Zwillingsschwester, die Klavier studiert, und die drei unternehmen viel zusammen und leben dann auch zusammen, doch die Zwillinge sind eine so besondere Einheit, dass Isabella nie richtig dazugehört, obwohl es eine wunderbare Zeit ist:

Ich sage: das Haus, in dem ich mit ihnen zusammenlebte, und nicht: unser Haus, weil ich trotz meines siebenmonatigen Aufenthalts dort nie das Gefühl irgendeiner Zugehörigkeit bekam, noch wurde ich je als etwas anderes betrachetet denn als privilegierter Gast. (S.145)

In den folgenden Monaten begannen wir – Joav, Leah, ich […]-, uns in häusliche Gewohnheiten einzurichten. Leah übte mit großer Hingabe Stücke von Bolcom und Debussy für ihr erstes Konzert im Purcell Room, ich absolvierte meine Zeiten in der Bibliothek, Jav fing an, ernsthaft für seine Prüfungen zu lernen […]. An den Wochenenden liehen wir einen Stapel Filme aus. Wir aßen, wann wir Lust hatten, und schliefen wann wir Lust hatten. Ich war glücklich dort. Manchmal, wenn ich früh vor den anderen aufwachte und, in eine Decke gehüllt, durch die Zimmer wanderte oder in der leeren Küche meinen Tee trank, überkam mich das seltene Gefühl, die immer so erdrückende und unverständliche Welt habe tatsächlich, trotz aller Undurchsichtigkeit, eine Ordnung und ich einen Platz darin. (S.206)

Der Vater der Zwillinge ist Antiquitätenhändler. Und hier treffe ich endlich den heimlichen Hauptprotagonisten wieder. Der Vater der Zwillinge versucht alle Möbelstücke wieder zu beschaffen, die die Gestapo 1944 nach der Verhaftung seiner Eltern, zwangsenteignete und mit dem „Goldzug“ aus Ungarn schaffte. Er geht zu Auktionen, er sichtet Kataloge, er freundet sich mit Möbelrestauratoren an, er ist besessen auf der Suche nach einem Schreibtisch (da isser, das unendlich omnipräsente Monstrum), damit er das ehemalige Arbeitszimmer der Familie rekonstruieren kann.

Das große Haus ist ein spannender Roman, der so viele Facetten hat, wie der ominöse Schreibtisch Schubladen. Fast ist alles etwas zu viel, zu  Teil gehe ich etwas verloren, weiß nicht mehr, in wessen Monolog ich mich gerade befinde, Orientierung ist ohnehin schwierig, Namen werden kaum genannt. Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte entfaltet sich ohne mich, gibt mir das Gefühl mehr zu sein, als eigentlich dahintersteckt. Gleichzeitig denke ich aber auch: das kommt dir bekannt vor, so ging es doch auch der Schriftstellerin, so ging es doch auch dem Sohn. Doch  sehr viele Spuren bleiben vage, Schubladen bleiben verschlossen, genau wie der Hauptprotagonist Schreibtisch selbst und das ist ziemlich deprimierend:

Es gab ein paar Kratzer, aber sonst keine Spuren von denen, die daran gesessen hatten. (S.375)

Am Ende ist es vielleicht der Antiquitätenhändler, der einen Schlüssel für den Roman liefert. Er erinnert an den Gelehrten Rabbi Jochanan ben Zakkai, der den Grundstein für den Talmud legte und dessen Schule später als „das große Haus“ bezeichnet wurde:

Zweitausend Jahre sind vergangen, pflegte mein Vater mir zu sagen, und heute ist jede jüdische Seele um das Haus herum gebaut, das im Feuer verbrannt ist, so groß, dass sich jeder Einzelne von uns nur an ein winziges Bruchstück erinnern kann: ein Muster an der Wand, einen Ast im Holz einer Tür, eine Erinnerung an den Leichteinfall auf dem Fußboden. Aber wenn alle jüdischen Erinnerungen, die jedes Einzelnen, zusammengebracht und auch das letzte heilige Bruchstück dem Ganzen hinzugefügt würde, könnte das Haus wiederaufgebaut werden, sagte Weisz, oder vielmehr ein so vollkommenes Gedächtnis des Hauses, dass es in seinem Werden das Original selbst wäre. (S.363)

Gedankenblitz: Also ist das große Haus vielleicht auch so etwas wie der Hai von dem Sohn? Oder wie der SchreibtischJa, nein – oder, doch? Und genau so erging es mir die ganze Zeit beim Lesen. War da nicht was? Wie passt das zusammen? Gab es das nicht schon einmal? Wo sind Parallelen? Das große Haus ist ein fordernder Roman, kein Roman der leicht zugänglich ist. Doch auch wenn ich nicht immer alle Wendungen nachvollziehen konnte und viele Schubladen vielleicht auch einfach so angelegt waren, dass ich den Schlüssel ohnehin nicht finden konnte, hat der Roman unglaubliches Suchtpotenzial. Wenn man etwas Zeit und Muße hat, sich auf eine sehr komplexe Geschichte einzulassen, die nicht immer alles einhält, was sie vordergründig vielleicht vorgibt zu sein, ist Das große Haus sicherlich genau das Richtige. Ein Hauch von postmodernem Schreiben nennt man das wohl. Und das ist ziemlich abgefahren!

Nicole Krauss: Das große Haus (=The great House). Übersetzt von Grete Osterwald. Rowohlt Verlag 2011.

ISBN: 447-31081865