Ghachar Ghochar

„Es stimmt, was man sagt– nicht wir kontrollieren das Geld, sondern das Geld uns. Wenn es wenig Geld gibt, ist es ganz kleinlaut, doch je mehr davon da ist, desto dreister wird es und desto stärker packt es uns am Kragen.“

9783351037338Ein Mann sitzt in seinem Lieblingscafé und sinniert über das Leben nach. Sein Ansprechpartner ist der Kellner Vincent, der aber zunehmend in den Hintergrund gerät. Der Ich-Erzähler blickt zurück auf seine Entscheidungen, seinen beruflichen Erfolg, seine Ehe und macht eine traurige Feststellung. Seitdem seine Familie zu Reichtum gekommen ist, ist alles „ghachar ghochar“ – hoffnungslos miteinander verstrickt oder verwickelt. Den Neologismus hat seine Frau Anita geprägt, er kennt es seit ihrer Hochzeitsnacht, als es ihm nicht gelang, den Sari seiner Frau zu öffnen. Der Ich-Erzähler ist angetan davon, dass Anita ihn in die geheime Sprache ihrer eigenen Herkunftsfamilie einweiht. Seitdem wird es von der Familie immer verwendet, wenn alles zu kompliziert erscheint. Er erinnert sich auch an seine Exfreundin Chitra, die mittlerweile für eine Frauenrechtsorganisation arbeitet und ihm schon früher von den Misshandlungen erzählt hat, die ihre Klientinnen erleiden mussten. Aber auch Chitra gerät in den Hintergrund. Trotzdem bleiben die Erinnerungen an Chitra als düsterer Hintergrund immer präsent.

Sie sagte Sachen wie: „Warum bricht man jemandem den Arm, nur weil der Tee einem nicht geschmeckt hat?“ Oder : „Bringt man seine Frau um, nur weil sie vergessen hat, den Schlüssel beim Nachbarn zu hinterlegen?“ Ich wusste, dass ein schlecht gemachter Tee keinen gebrochenen Arm nach sich ziehen sollte, ein nicht hinterlegter Schlüssel keinen Mord. Aber es ging doch auch nie um diesen Tee oder diesen Schlüssel, dachte ich. Die letzten Stränge, die eine Beziehung zusammenhalten, können schon aufgrund eines einzigen Blickes oder einer Sekunde des Schweigens reißen. (S. 14)

Der Erzähler bewegt sich in der Retrospektive durch frühere Wohnorte seiner Kindheit bis in die Gegenwart. Der namenlose Ich-Erzähler lebt zusammen mit seiner Schwester Malati, seinen Eltern, seiner Frau Anita und dem jüngeren Bruder seines Vaters, Chikkappa, der durch einen Gewürzhandel  zu Geld gekommen ist. Chikappa ist es zu verdanken, dass die Familie gesellschaftlich aufgestiegen ist, also versuchen alle Familienmitglieder, den Onkel bei Laune zu halten.

In jeder Familie gibt es bestimmte Rituale, ungeschriebene Regeln, Verhaltensweisen und Zeremonien, die sich Fremden nicht sofort erschließen. In dieser Familie hat jeder eine festgelegte Rolle, das wird spätestens klar, als der Ich-Erzähler heiratet und Anita mit in die Familie bringt. Malati und seine Mutter streiten sich, Chikappa bringt das Geld ins Haus, der Ich-Erzähler hat einen Alibi-Job im Gewürzhandel (er ist zwar der Geschäftsführer und bekommt monatlich sein Geld überwiesen, aber wird von seinem Onkel maßgeblich von den echten Geschäftsentscheidungen ferngehalten) und sein Vater wird irgendwann ein Testament schreiben und das Haus vererben. Anita muss sich erst in ihre Rolle einfinden. Als ihre Schwiegermutter ein spezielles Gericht kocht, dass bei Anita allein durch den Geruch Übelkeit auslöst, flieht der Ich-Erzähler ins Café: er kann den drohenden Streit der Frauen nicht ertragen, in den sich auch seine Schwester und sein Vater einmischen werden.

Als unerwartet eine junge Frau vor der Haustür auftaucht und behauptet, den Onkel näher zu kennen und ihn mit freundlichen Kosenamen bittet, zur Tür zu kommen, reagieren Anita und Malati sehr schnell. Getrieben von einer schockierenden Kaltherzigkeit, die mich überrascht hat, werfen sie gemeinsam die fremde Frau vor die Tür. Niemand soll den Familienfrieden stören. Vielleicht ist das der Punkt, an dem klar ist, dass Anita doch dazu gehört.

Die psychische und physische Abschottung der Familie setzt sich nicht nur durch die verschiedenen Wohnhäuser fort, in denen sie zusammenleben. Der Ich-Erzähler beschreibt im Detail, die Möblierung der unterschiedlichen Wohnungen und kleinen Appartements bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie so reich ist, dass sie anfängt, wahllos Möbel zu kaufen und ihr Haus vollzustellen. Diese Entwicklung hat fast klaustrophobische Momente. Gleichzeitig wird die Wohnungsburg, in der sich alle Familienmitglieder verschanzen, von innen bedroht: Ameisen finden ihren Weg in die Wohnung und niemand ist vor den kleinen Insekten sicher.

Vivek Shanbag hat fünf Kurzgeschichtenbände, drei Romane und zwei Dramen in der südindischen Sprache Kannada verfasst. Ghachar Ghochar ist sein erster Roman, der auch auf Deutsch übersetzt wurde. Es ist faszinierend zu lesen, wie sich der moralische Zerfall der Familie auf gerade einmal 150 Seiten vollzieht. Ganz große Leseempfehlung.

Vivek Shanbag – Ghachar Ghochar. Übesetzt von Daniel Schreiber. Aufbau Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei Netgalley angefragt. Vielen Dank!

 

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Bleib bei mir

Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe. (S.23)

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Mitten in der Geschichte verkündet Yejide ihrem Mann Akin, dass sie beide Eltern werden. Sie ist sich sicher, dass sie dieses Mal eine Tochter bekommen. Auf dem „Berg der Wunder“ hat Yejide an einer rituellen Zeremonie teilgenommen und lässt sich fast ein ganzes Jahr nicht von ihrer Vorstellung einer Schwangerschaft abbringen, auch als Akin sie zu mehreren Ärzten bringt. Die Episode hat tragischkomische Elemente, aber der Auslöser für Yejides psychischen Zusammenbruch liegt in ihrem Umfeld.

Der Druck ein Kind zu bekommen, lastet schwer auf dem Paar. Im Nigeria der 1980er Jahre, sind es nicht nur zwei Menschen, die mit der Kinderlosigkeit klar kommen müssen. Die gesamte Familie mischt sich ein. So entscheidet Akins Mutter nach mehreren kinderlosen Jahren des Paares, dass endlich etwas passieren muss. Sie organisiert eine Zweitfrau für ihren Sohn. Obwohl Akin und Yejide sich gegen das traditionelle Modell der Polygamie aussprechen, können sie sich nicht gegen die Entscheidung des Familienrats durchsetzen. Yejide und Akin haben studiert, Yejide steht sogar durch einen Friseursalon finanziell auf eigenen Beinen und trotzdem müssen sie sich den Vorstellungen der anderen fügen. Yejide hofft, dass sie vielleicht doch noch schwanger wird und so die Zweitfrau Funmi wieder loswird.

Der Roman beginnt damit, dass Yejide die Zweitfrau auf einer Familienzusammenkunft präsentiert wird. Große Zeitsprünge bis ins Jahr 2008 und die wechselnde Erzählperspektive zwischen Akin und Yejide sorgen dafür, dass die Handlung an keiner Stelle langweilig wird. Mit einem guten Gefühl für Spannung und Timing beschreibt die Debütautorin Ayòbámi Adébáyo ein komplexes Ehedrama, in dem es um Verrat, Lügen und Hoffnung geht. Zudem wird die Ehe von Akin und Yejide durch ein weiteres Problem belastet: die erblich bedingte Sichelkrankheit, die häufig tödlich endet.

Besonders gut gefällt mir, wie geschickt der unterschiedliche Umgang der Protagonist*innen mit den zahlreichen Schicksalsschlägen (und das muss man als Leser*in aushalten) ausgelotet wird. Nebenbei erfährt man einiges über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Nigerias, die gekonnt in den Text eingestreut werden. Ambivalente Charaktere sorgen für eine unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte, die ich innerhalb weniger Tage gelesen habe. Angenehm kitschfrei und gleichzeitig sehr berührend, erzählt Adébáyo eine tragische Geschichte über Liebe, Verrat und Schicksal.

Ayòbámi Adébáyo war mit ihrem Roman für den Baileys Women’s Prize for fiction nominiert.

Ayòbámi Adébáyo: Bleib bei mir, Piper Verlag, 2018, 352 Seiten

 

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All die Jahre

Es soll ein großes Abenteuer werden. Nora und Theresa Flynn wandern von Irland nach Amerika aus. Noras Verlobter Charlie ist schon vor Ort und wartet auf die beiden Schwestern. Aber dann kommt alles ganz anders als gedacht und Nora und Theresa sprechen mehrere Jahrzehnte nicht mehr miteinander.

All die JahreAll die Jahre ist ein Familienroman und gleichzeitig auch eine Geschichte einer Auswanderung, die zu scheitern droht. Während in ihrem irischen Dorf alles klar geregelt war, sehen sich die Schwestern in Boston mit vielen neuen Freiheiten konfrontiert, mit denen sie nie gelernt haben umzugehen. Nora reißt sich zusammen. Sie weiß, dass sie Charlie heiraten soll, auch wenn sie ihn nicht liebt. Das hatten die Familien schon in Irland abgesprochen. Nora ist ihr eigenes Leben weitestgehend egal. Sie erfüllt ihre Pflicht, arrangiert sich mit ihrer Ehe und hält nichts von Tagträumereien. Nora glaubt daran, dass es Theresa besser haben soll. Für ihre Schwester sollen in Boston alle Türen offen stehen, hier kann sie Lehrerin werden, immerhin war Theresa die beste Absolventin der Dorfschule. Aber Noras Plan geht nicht auf.

Theresa stürzt sich in ihre neue Freiheit und wird von einem verheirateten Mann schwanger. Der Vater des Kindes interessiert sich wenig für Theresa, er hat ja bereits eine eigene Familie. In den 1950er Jahren und im katholischen Umfeld der Schwestern ein Skandal. Nora zwingt die 18-jährige Theresa dazu, das Kind im Geheimen auf die Welt zu bringen, zusammen mit Charlie adoptiert sie dann den Sohn ihrer Schwester. Nora ist 21 und damit volljährig und darf entscheiden, was mit ihrem Neffen passiert. Sie erfüllt ihre Pflicht, glaubt sogar  daran, Theresa einen Gefallen zu tun. „Nora hat sich das Baby einfach genommen“, denkt Theresa. Die Schwestern werden fast fünfzig Jahre nicht miteinander reden.

Ihr Leben lang hatte ihre Schwester sie zähmen wollen, hatte versucht, sie für die Welt zurechtzumachen. Nora hatte einen dummen Mann geheiratet, den sie nicht liebte. Wieso machte die Tatsache seiner Existenz aus ihr eine bessere Mutter, als Theresa es für ihren eigenen Sohn war? (S. 104)

All die Jahre ist der dritte Roman von J. Courtney Sullivan, Sommer in Maine steht hier im Moment noch ungelesen im Regal. Aus verschiedenen Blickwinkeln und mit langen Rückblicken wird die Familiengeschichte der Schwestern erzählt. Geheimnisse und versteckte Vorwürfe gehören selbstverständlich zum Familienalltag der Raffertys.

Da gibt es John, einen aufstrebenden Politiker, der gemeinsam mit seiner Frau, die sich für etwas besseres hält, ein chinesisches Mädchen adoptiert hat; Bridget, die lesbisch ist und darüber nicht mit ihrer Mutter sprechen kann, obwohl sie seit Jahren mit ihrer Freundin zusammenlebt und mit ihr ein Kind plant; Brian, der nichts auf die Reihe kriegt und in der Bar seines Bruders Patrick arbeitet. Und da ist Patrick, das Lieblingskind von Nora – der Sohn von Theresa.

Im Haus ihrer Kindheit und Jugend waren Verdrängung und Unterdrückung von Gefühlen üblich. Nora und Charlie schliefen in getrennten Betten. Insgeheim nannten Bridget und John sie deshalb Ernie und Bert. (S.154)

Auch wenn bei den Raffertys nicht alles rund läuft, treffen sich die Geschwister regelmäßig und versuchen den Kontakt untereinander zu halten. Obwohl die Kinder in der amerikanischen Gesellschäft längst angekommen sind, können Charlie und Nora nicht von der alten Heimat lassen, Nora glaubt auch Jahre nach der Auswanderung noch daran, dass sie irgendwann zurückkehren wird. Als sie nach Jahrzehnten wieder die grüne Insel betritt, merkt sie selbst, dass sie sich etwas vorgemacht hat.

Offene Gespräche innerhalb der Familie sucht man vergebens. Weder kann Bridget ihrer erzkatholischen Mutter begreiflich machen, dass ihre Freundin nicht ihre Mitbewohnerin ist, noch hat Nora mit ihren Kindern darüber gesprochen, dass Patrick der Sohn ihrer Schwester ist. Und auch John und Patrick konkurrieren seit Jahren um die Anerkennung der Mutter. Nora zeigt wenig Gefühle und auch zu ihrer Schwester hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Theresa lebt als Nonne in einem Kloster, weitestgehend abgeschieden von der Welt. Als es zu einem Trauerfall in der Familie kommt, kündigt sich überraschend Theresa an.

Sullivan schreibt sehr locker und handwerklich versiert, eine Geschichte, die keine großen Überraschungen bereit hält. Außerdem gibt sie spannende Einblicke in die irische Auswanderercommunity in den 1960er Jahren in Boston. Durch die Perspektivwechsel zwischen Theresa und Nora und die verschiedenen Zeitsprünge ergibt sich so ein unterhaltsamer Familienroman, den man sehr schnell wegschmökern kann. Sullivan schafft es auch, Nora, die viele versteckte Probleme mit sich herum trägt und mir als Leser*in unglaublich fremd ist, als Figur zu gestalten, die fast sympathisch darin wirkt, unbedingt das richtige tun zu wollen.

Thematisch erinnert die Story ja auch ein bisschen an die Erfolgsserie Call a Midwife, die im London East End der 1950er Jahre spielt und in der sich die Hebammen und Nonnen neben den ständigen Hausgeburten häufig mit ähnlichen Problemlagen konfrontiert sehen wie die Geschwister Nora und Theresa – mit einer ungewollten Schwangerschaft. Allerdings wirken die Figuren hier noch glatter als in der BBC-Erfolgsproduktion. Und für diejenigen, die die Serie kennen, wird vielleicht deshalb klar, weshalb ich diesen Roman nicht schlecht fand, aber eben auch nicht fantastisch gut.

J. Courtney Sullivan – All die Jahre (Saints for all Occasions). Aus dem Englischen von Henriette Heise.  Deuticke im Paul Zsonlay Verlag Wien 2018. 460 Seiten.

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Die Geschichte der Bienen

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.

Albert Einstein

Seit vielen Jahren wird bereits vor dem Bienensterben gewarnt. Erst letzte Woche hat Sarah Wiener, die vor allen Dingen als TV-Köchin bekannt ist, eine Petition gegen das Bienensterben gestartet. Und die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. 1990 gab es noch 1,1 Millionen Honigbienen in Deutschland, mittlerweile sind es noch 700 000 Bienen.

Die geschichte der bienenDie Norwegerin Maja Lunde  macht in ihrem internationalen Bestseller Die Geschichte der Bienen das Bienensterben und die Folgen für Mensch und Umwelt zum Thema. Aber es geht nicht nur um Bienen. Die Osloerin, die bereits zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher schrieb, erzählt die Geschichte von drei unterschiedlichen Menschen, die in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten leben und deren Schicksal durch die kleinen Insekten entscheidend mitbestimmt wird.

Zum einen gibt es den Samenhändler und Bienenforscher William Savage aus England. William hatte eigentlich vor, eine Karriere als Naturforscher zu beginnen. Aber sein Mentor glaubt nicht mehr an ihn und als Familienvater muss er dafür sorgen, dass seine Kinder und seine Frau einigermaßen versorgt sind. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, sein Laden läuft nicht, in der Forschung fühlt er sich verloren. Schwermütig liegt er tagelang im Bett und hofft wenigstens seinen ältesten Sohn Edward für eine naturwissenschaftliche Karriere erwärmen zu können. Aber Edward denkt nicht einmal daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Für den Vater überraschend, kann sich Williams Tochter Charlotte für die Forschung ihres Vaters begeistern. Gemeinsam basteln sie an einem Bienenstock, der es den Imkern erleichtern soll, den Honig zu ernten, ohne die Bienen zu gefährden. Die Bienen könnten stattdessen domestiziert werden, wie andere Nutztiere. William glaubt, am Höhepunkt seiner Forschung angekommen zu sein.

Ich fing mit Skizzen an, leichte Kohlestriche auf dem Papier, ungenauer Größenangaben, (…) und allmählich nahm er vor meinen Augen Form an, wurde deutlicher, die Striche wurden präziser, die Maße genauer. Und endlich, am 21. Tag, war der Bienenstock fertig.

Dann gibt es den Imker George, der in Ohio daran arbeitet, seinen Hof zu vergrößern. Wie viele seiner Kolleg*innen reist er mit seinen Bienen durch das Land, damit sie die Blüten bestäuben. Anders als seine Kolleg*innen versucht George alles, damit sich die Bienen wohl fühlen, damit sie nicht gestresst sind. Irgendwann soll sein Sohn die Farm und die Bienenstöcke übernehmen. Aber Tom hat kein Interesse an den Bienen, sondern möchte Journalist werden. Der Schock ist groß, als George zu den ersten Farmer*innen gehört, die 2007 vom Colony Collapse Disorder bedroht sind, einem spontanen Bienensterben, das viele Imker überraschend traf. Georges Existenz steht vor dem Aus – soll er weitermachen oder die Imkerei aufgeben?

Eine der spannendsten und eindrücklichsten Figuren ist die Arbeiterin Tao. Sie lebt im Jahr 2098 in China und bestäubt Blüten mit der Hand, weil es mittlerweile kaum noch Bienen oder andere Insekten auf der Welt gibt.

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, sowie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Bei einem Ausflug mit ihrem Mann Kuon und ihrem Sohn Wei-Wen kommt es zu einem Zwischenfall. Ihr Sohn wird nach Peking in ein Krankenhaus gebracht, aber niemand erklärt den Eltern, was passiert ist. Tao fährt nach Peking – in eine Stadt, die aufgrund der Nahrungsmittelknappheit fast ausgestorben ist und versucht ihren Sohn zu finden.

In jeder Episode, die um die Hauptfiguren William, George und Tao kreist, geht es um das Verhältnis der Menschen zu den Bienen. Maja Lunde zeigt anhand ihrer unterschiedlichen Figuren, welche Folgen das Bienensterben haben kann und in der Episode um Tao auch die globalen Folgen dieser Katastrophe. Das ist ein spannender Aspekt, der besonders in Taos Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Aber es werden nicht nur bestehende Probleme fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. In allen drei Episoden spielen auch immer wieder Familien und  die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der Bienen ist thematisch aktueller, als sicherlich die meisten von uns denken. Ich habe vor Kurzem den Dokumentarfilm More than Honey auf Netflix gesehen, den Maja Lunde auch als Inspirationsquelle im Nachwort nennt. Insofern ist es wirklich grandios, wie gekonnt Maja Lunde dieses wichtige Thema aufgreift. Ansonsten ist der Roman sehr klassisch konstruiert, es gibt keine Überraschungen, die sich irgendwo verbergen, keine doppelten Böden, keine ungeklärten Fragen, Formulierungen oder Wendungen, die einer besonderen Interpretation bedürfen.

Die Geschichte der Bienen ist eine unterhaltsame, spannende und wirklich gut gemachte Familiengeschichte, in der das Leben und Sterben der Bienen das verbindende Element zwischen ganz unterschiedlichen Figuren ist. Für mich ist Die Geschichte der Bienen ein Sommer-, Strand- und Urlaubsbuch, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2017. 508 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

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So tun, als ob es regnet

IMG_20170528_150653Es war einmal, und ist doch nie geschehen …“ mit dieser Formulierung des Uneigentlichen beginnen rumänische Märchen. In dem Roman So tun, als ob es regnet wird diese Uneigentlichkeit in einer poetischen und ruhigen Sprache erzählt. Es geht um vier unterschiedliche Lebenswege von Menschen in Sibiu, Siebenbürgen, die auf die eine oder andere Art und Weise  mit der deutschsprachigen Minderheit in der Region zu tun haben.  Die Formulierung „So tun, als ob es regnet“ ist die Übersetzung des rumänischen Sprichworts

a se face că plouă

das eine geistige Abwesenheit bezeichnet. Man ist nicht richtig da, sondern träumt sich an einen anderen Ort, befindet sich mental irgendwo anders.

Die Erzählungen berühren einander, gehören zusammen, werden über vier Generationen hinweg erzählt und bilden doch Einzelschicksale ab. Die Erzählungen beginnen topographisch in den Karpaten und enden auf La Gomera.

Der Roman beginnt mit Jakob, er ist Soldat im Ersten Weltkrieg und befindet sich irgendwo auf dem Weg Richtung Budapest.  Unterwegs macht er in einem kleinen Karpatendorf Halt und lebt bei einer Bauernfamilie, die ihn aufnimmt. Er hat eine intensive Begegnung mit einem deutschen Soldaten und er entscheidet sich, den Mann nicht zu töten. Vielleicht weil ihm ein Gedicht von Trakl einfällt, vielleicht weil der feindliche Soldat auch Goethe liest. Mit der Frau des Hauses verbringt er eine Nacht, bevor er weiterziehen muss. Die Frau wird schwanger und bekommt eine Tochter, Henriette. Sie wird ihren Vater nie kennen lernen. Aber sie hat Glück, anders als ihre Schwestern wird sie nicht nach Russland deportiert, sondern es gelingt ihr, auch den Zweiten Weltkrieg zu überstehen. Henriettes Sohn Vicco lebt in Sibiu, hat wenig Kontakt zu seiner Mutter, die sich immer wieder in Deutschland aufhält und hadert mit der Gesamtsituation und der Überwachung durch den Geheimdienst. Ein befreundeter Schriftsteller sitzt im Securitate-Gefängnis, es bleibt fraglich, ob sein Manuskript noch zu retten ist.  Henriette wird ihren Sohn Vicco durch ihr  Verhalten überraschen. Hedda ist die Tochter von Vicco. Sie erinnert sich an die Urlaube bei ihrer Großmutter Henriette. Hedda ist die einzige, die von ihrer Großmutter etwas geerbt hat – ein Tagebuch, mit den Aufzeichnungen und Kriegserlebnissen der Großmutter. Hedda weiß, wie es ihrer Oma gelang zu überleben. Zu ihrem Vater Vicco, der in Deutschland lebt, hat sie auch nur wenig Kontakt. Sie gerät in eine Situation, in der sie sich verantwortlich fühlt, obwohl sie höchstwahrscheinlich gar nichts an der Ausgangslage hätte ändern können.

Jedes Ziel, jeder Wunsch diente dazu, irgendwo anzukommen, und wenn man nicht aufpasste, versäumte man den Moment, in dem man mit allen Sinnen spürte, wer man war. (S.162)

Der Roman entfaltet relativ schnell eine charakterliche Tiefe der Figuren, die vom Schicksal gebeutelt sind und in schwierige Entscheidungssituationen geraten. Andererseits bleibt aber auch fraglich, ob irgendeine der vier Hauptfiguren oder Nebenfiguren wirklich anders hätte handeln können.

Der Roman rauscht ein bisschen, wenn man ihn liest. Man bekommt das Gefühl, man sitzt an einem Regentag am Fenster und lässt alles um sich herum passieren, weil man ohnehin gerade nichts an der Wetterlage ändern kann. Das ist ganz schön, ein bisschen melancholisch, sehr leise und trotzdem tiefgründig. Auch wenn mir ein wenig die Dynamik gefehlt hat.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Leseschatz.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. 

Otto Müller Verlag 2017