Infausti sumus – Die Unglückseligen

Wenn eine Molekularbiologin, die auf der Suche nach Unsterblichkeit ist, einem Physiker aus der Goethezeit über den Weg läuft und vermutlich noch der Teufel seine Finger im Spiel hat, kommt ein ziemlich wilder und gleichzeitig wunderbarer Wissenschaftsroman heraus – der mich anfänglich allerdings einige Nerven gekostet hat. IMG_20160905_170007

Johanna Mawet steht mit beiden Beinen im Leben und hauptsächlich im Labor. Sie untersucht die Zellteilung von Zebrafischen und begibt sich dabei auf die Suche nach ihrem eigenen Stein der Weisen. Ihr Ziel ist eine Formel für die Unsterblichkeit. Unverhofft läuft ihr ein verwahrlost wirkender Typ im Hawaiihemd an der amerikanischen Ostküste über den Weg, der mit vertrautem Akzent spricht. Er behauptet, Johann Wilhelm Ritter zu sein. Ein Physiker aus der Goethezeit, der 1776 in Schlesien geboren wurde, den es tatsächlich gab und der vermutlich auch die ersten Akkus erfunden haben soll. Wenn er nicht gerade mit Goethe oder Herder abhing. Laut Wikipedia starb der Frühromantiker und Philosoph zwar 1810, aber nicht in Thea Dorns Roman. Hier hat Ritter das erreicht, was Johannas Zebrafischen noch nicht gelungen ist. Quasi Unsterblichkeit. Johanna ist skeptisch, kümmert sich aber um den verwirrten Mann, der so seltsam alterslos erscheint und gleichzeitig einen Sprachduktus wie Karl Moor pflegt. Wer ist dieser Kerl? Ein hilfloser Irrer oder hat er tatsächlich Recht, mit dem, was er da von sich gibt? Als Johann sich schließlich einen Finger abschneidet, um seine Unsterblichkeit zu beweisen, hätte es eigentlich mit Johannas Geduld vorbei sein müssen. Doch wächst da nicht so etwas wie ein Knubbel nach?

Johanna schickt, praktisch veranlagt wie sie ist, erst mal Ritters DNA ins Labor und lässt sie sequenzieren. Die Ergebnisse bestätigen sein Alter. Eine fulminante Entdeckung! Das könnte ein Sieg der Wissenschaft über die Natur werden. Kaum sind die Ergebnisse da, bleibt dem ungleichen Paar nur die Flucht vor den misstrauischen Kollegen. Nach Deutschland. Und Ritter kommt natürlich mit, denn zu dem Zeitpunkt ist er schon längst in die unerschrockene Kollegin verliebt. Hier  unterwirft sich Johanna gemeinsam mit dem Experten Johann, den Methoden des Galvinismus. Elektroschocks haben schließlich auch bei ihm zur Unsterblichkeit geführt. Johann ist mittlerweile zwar  nicht mehr von vielen seiner ehemaligen Forschungsansichten überzeugt, denn er glaubt, dass gewisse Grenzen  der Forschung nicht übertreten werden dürfen.  Für Johanna hingegen, die den ewigen Glauben an Fortschritt und Forschung wie eine Fahne hochhält, sind das unzumutbare Ansichten.

„Infausti sumus“, beschwor er sie. „Unglückselige. Unglückbringende. Heillos verloren. – Doch wären wir’s nicht, wie dürften auf der Gnade Geschenk wir hoffen?“ Kam ihnen ein zweiter nächtlicher Zug entgegen? Oder was rauschte sonst in ihren Ohren? „Hören Sie auf!“, brüllte Johanna, als müsste sie zehn Züge übertönen. „Hören Sie auf, von Gnade zu faseln! Der Gnade Geschenk! Nie wieder will ich diesen Christenkitsch hören! Ich habe ein für alle Mal genug von dieser… dieser Trostakrobatik, die irgendwelche Wüstenzyniker in die Welt gesetzt haben, damit noch der ärmste Schlucker ‚Halleluja!‘ ruft, wenn ihm das Genick gebrochen wird!“ […] „Aus der Tatsache, das bislang alle Menschen sterben mussten, folgt nicht, dass es auch gut ist, dass alle Menschen sterben. Sie sagen, das Leben wird sinnlos, wenn es kein Ende mehr hat. Ich sage, das Leben ist sinnlos, wenn es bloß entsteht, um im nächsten Augenblick schon zugrunde zu gehen.“ (S. 210)

Doch als die Experimente andauern und statt Unsterblichkeit nur Bewusstlosigkeit eintritt, gerät Johannas wissenschaftliches Weltbild ins Wanken. Kann es etwa sein, dass Johanns biblisches Alter doch mit einer viel gewaltigeren Kraft zu tun hat? Ist Johann einen Pakt mit dem Teufel eingegangen? Johanna weiß hier weniger als die Leser_innen – denn der Teufel ist schon von Anfang an als Erzähler im Text präsent und lässt kein Ereignis unkommentiert:

„Verehrte Leser, ich kapituliere: Dies Kapitel ist und bleibt ein Ragout.“

Faustisch also das Ganze. Trotzdem hat mich Thea Dorns Roman anfänglich einige Nerven gekostet. Der Stil ist zwar interessant und dem klassischen Vorbild nachempfunden, aber das ist auf Dauer eben doch sehr gewöhnungsbedürftig. Zudem spielt der Roman in unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen. Die Erlebnisse von Johann und Johanna in der heutigen Zeit, aber auch Johanns Erinnerungen an seine ersten wissenschaftlichen Experimente und seine eigene Suche nach der Urformel und an sein Familienleben.

Es wird relativ schnell deutlich, dass sich beide Forscher_innen mit ihren unorthodoxen Ideen ins soziale Abseits verfrachtet haben – Ritters Erlebnisse werden quasi von Johanna wiederholt. Zwangseinweisung inklusive. Es war unglaublich schwierig, sich auf die unterschiedlichen Erzählebenen einzulassen und gerade Ritters Sprachduktus lässt sich nicht gerade einfach lesen. Aber nachdem ich mir ein bisschen mehr Zeit für den Roman genommen habe, konnte ich ihn ab Seite 200 einfach nur genießen.

Thea Dorn weiß unglaublich viel über die Diskurse des 18. Jahrhunderts und bringt immer neue Motive mit in den Text. Abtreibung, Humangenetik, Immortalist_innen – das ist eine ganze Menge Stoff, der doch sehr leicht und ziemlich abgefahren erzählt wird. Je tiefer Johann und Johanna in die Unsterblichkeitsforschung eintauchen, desto spielerischer geht Dorn mit der literarischen Form um. Da tauchen auf einmal Comicsprechblasen im Text auf, ein Kongress wird in Dramenform beschrieben und eine kleine Fledermaus hat einen ganz besonderen Auftritt. Und dann macht der Roman nach den anfänglichen Längen auch endlich wieder Spaß.

Natürlich stehen sich auch Johanns und Johannas Auffassungen von Wissenschaften konträr gegenüber. Während Johann bedauert, dass er im jugendlichen Übermut ernsthaft gedacht hat, dass Unsterblichkeit ein hohes Ziel ist, verliert sich die eigentlich rationale Wissenschaftlerin Johanna in einer wahnhaften Suche nach der Unsterblichkeit. Da sind sexuelle Dienstleistungen für Kollegen nur der Weg zum Höhepunkt des Romans: dem Pakt mit dem Teufel.

Denis Scheck hat die Unglückseligen im Literaturmagazin als „Glücksfall für die deutsche Gegenwartsliteratur“ bezeichnet. Der Roman ist auf jeden Fall sehr unterhaltsam und ich habe bisher noch keinen vergleichbaren wunderbar wilden Wissenschaftsroman gelesen, der so viele unterschiedliche Themen unter einen ganz neuen Hut bringt.

Thea Dorn: Die Unglückseligen. Knaus Verlag 2016.

 

Gratis Comic Tag 2016 – 5 Lesetipps

 

Heute könnt ihr in ausgewählten Comicläden ein paar tolle Schätze abgreifen und damit der Branche zu ein bisschen Aufwind verhelfen. Und das ist auch dringend nötig, denn längst lesen nicht mehr nur Besserwissernerds Texte mit wunderbaren Zeichnungen. Alle sollten Comics lesen, egal wo. Damit ihr das ohne Probleme umsetzen könnt, habe ich mal in meinem Bücherregal geguckt, was für Schätze sich da noch verstecken. Meine fünf Tipps für diesen Tag findet ihr weiter unten.

Doch warum überhaupt die Festlichkeit? Es ist Gratis Comic Tag und einen Überblick über alle geplanten Aktionen zu diesem Tag der Freude und der Kunst gibt es hier. Außerdem heißt es doch sowieso eigentlich Graphic Novel (das wusste schon Seth Cohen) und trotzdem gibt es immer noch Menschen, die ernsthaft glauben, dass Asterix oder Tim und Struppi das einzige sind, was das Genre zu bieten hat und die sich vielleicht auch deshalb, gar nicht so richtig an ein Comic heranwagen. Aber Comics sind eben mehr als Funny Animals oder Calvin und Hobbes (nichts gegen Calvin und Hobbes). Auch Pablo Picasso hat die Großmutter der heutigen Graphic Novels, die KrazyKat-Comics (1913-1944) von George Herriman ziemlich abgefeiert. Und die ganzen coolen Hipsterliteraten wie F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein und E. E. Cummings fanden die Mieze auch ziemlich gut. Charlie Chaplin soll die Katze ebenfalls sehr geliebt haben. Tja und dann kam der historische Downfall.

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In den 1950er Jahren änderte sich die Stimmung gegenüber dem Genre maßgeblich. In der Schmutz- und Schund-Kampagne in Deutschland, wurden Comics als Übel der Gesellschaft konstruiert, das die unschuldige Jugend moralisch mit POOOW und BOOOM verwahrlosen lasse. Während Wilhelm Buschs Werk noch schnell zur richtigen und gehobenen Literatur auserkoren wurde, die sich satirisch lustig macht, waren KrazyKat-Comics bald unterste Schublade. Das passte zu kritischen Stimmen aus Übersee, denn 1954 erschien das Standardwerk zur Verdammung des Comics: Seduction of the Innocent. Verfasser war der Psychologe Fredric Wertham, der an einem Fallbeispiel eines jugendlichen Mörders durchexerzierte, dass allein Kino, Fernsehen, die schrecklichen Medien und besonders die Comics, für die Taten verantwortlich waren. Außerdem konstruierte er noch schnell eine Leseschwäche herbei, die alle Kinder und Jugendlichen befiele, sobald sie nur noch Sätze in Sprechblasen lesen würden. 2012 stellte sich heraus, dass Wertham  sich seine ganze Studie nur ausgedacht hatte, aber das wusste man in der BRD der 1950er Jahre natürlich nicht. Da ging man eher dazu über, Comics öffentlich zu verbrennen und schön auf das populäre, aber „schmutzige“ Medium Comic draufzuhauen. Im Anschluss an die Debatte gründete sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Schriften, die Zensur übte, wenn die Comics zu „gewalttätig“ waren. Erst in den 1970er Jahren gewann der Comic auch die wissenschaftliche Aufmerksamkeit, die ihm schon längst hätte zu Teil werden müssen.

Heute ist deshalb der Tag, an dem das Comic gefeiert werden soll. Mir ist ganz egal, ob ihr Comic oder Graphic Novel sagt, wenn ihr heute nur einmal dieses wundertolle Medium in die Hand nehmt. Da ich noch einige tolle Comics auf meinem SuB liegen hatte, habe ich mich in den letzten Tagen mal durch meinen Besitz gelesen und präsentiere euch jetzt ein paar interessante Graphic Novels, in denen es auch wirklich keine Superhelden geben wird. Versprochen. Denn die Comics, die ich euch vorstellen möchte, gehören für mich sowieso zur Belletristik und deswegen auch auf diesen Blog.

1. Flix – Faust. Der Tragödie erster Teil.

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Goethes Faust sollte man doch kennen. Was Flix hier aus dem Klassiker herausholt, ist schon beeindruckend. Der Künstler stellte auch schon in seinem Debüt die Frage „Who the fuck is Faust?“ und in diesem Werk beantwortet er die Frage auf naheliegende Weise. Heinrich Faust ist Taxifahrer in Berlin, Gretchen eine Muslima, die eigentlich Margarethe heißt (weil ihr Vater eine Vorliebe für die Schreinemakers hat) und das ganze Drama um Fausts Seele geht nur los, weil Meph und Gott eine Wette um eine – Entschuldigung!- zwei Kisten Ramazotti am laufen haben. Ich habe seitenweise gelacht, weil Flix Comics voll toller, skurriler und liebenswerter Einfälle sind. Don Quijote ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

2. Jiro Taniguchi – Die Sicht der Dinge

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Als Yoichi die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, kehrt er das erste Mal nach 15 Jahren in seine Heimatstadt zurück. Der Grafiker hatte es all die Jahre vermieden, nach Hause zu kommen, weil er einen stillen Groll gegen seinen Vater mit sich herum trägt. Laut Yoichis Sicht der Dinge, hat sein Vater durch seine Langeweile und seinen Alltagstrott dafür gesorgt, dass seine Mutter das Haus verlassen musste. Während der Totenwache und intensiven Gesprächen mit seinen Verwandten, geht Yoichi auf, dass er viele seiner Ansichten revidieren muss. Die ruhigen Bilder, der konzentrierte Text – Taniguchi lädt dazu ein, die besondere Atmosphäre des Friseursalons der Kindheit von Yoichi auf sich wirken zu lassen. Eine traurige Geschichte, bei der ich mir ein kleines Schniefen am Ende nicht verkneifen konnte.

3. Sid Jacobson/ Ernie Colón – Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie

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In enger Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam, haben die beiden Zeichner Sid Jacobson und Ernie Colón, das Leben von Anne Frank in einem Graphic Novel verewigt. Auszüge aus ihrem Tagebuch, Originalfotografien und Dokumente sind mit in dieses intensiv recherchierte und fesselnd geschriebene Werk geflossen. Annes Geschichte steht in einem Netz aus Geschichten. Es beginnt mit der Heirat ihrer Eltern in Frankfurt, die Erlebnisse während des Nationalsozialismus, die gemeinsame Flucht nach Amsterdam und die Jahre im Versteck bis hin zum Tod der Familie in unterschiedlichen  KZ’s. Annes Vater wird der einzige Überlebende bleiben. Vielleicht mutet es für einige Leser*innen merkwürdig an, eine so ernsthafte Geschichte als Graphic Novel zu lesen. Ich finde ihn sehr  gelungen und kann den Band nur empfehlen.

4. Adrian Tomine – Halbe Wahrheiten

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Ben Tanaka ist Anfang 30 und ziemlich orientierungslos. Seinen Freunden geht es ähnlich, die haben auch alle was mit Kunst und Film studiert. Ben leitet zwar ein Kino, aber privat läuft es nicht so gut. Seine langjährige Freundin Miko muss für einen Filmjob nach New York und auf einmal sind alle anderen Frauen interessanter als sie.

Halbe Wahrheiten hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, viele Szenen kamen mir so vertraut vor, obwohl ich nicht Ben bin. Halbe Wahrheiten spiegelt ein Lebensgefühl des ewigen Nicht-Ankommens, egal, wie viel man schon beruflich erreicht hat. Gleichzeitig werden lakonisch Fragen nach kultureller und sexueller Identität aufgeworfen, die von Adrian Tomne ziemlich brilliant in Szene gesetzt werden. Must-Read.

5. David Small – Stiche. Erinnerungen.

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David Smalls autobiographische Graphic Novel besticht schon durch die besondere Optik. Schwarz-weiß-Grau. Im Leben von David gibt es keine Farben. Er ist sechs, zwölf, vierzehn, fünfzehn als im ungeheuerliche Dinge widerfahren. Es sind besonders die atmosphärischen Zeichnungen, die auch noch Tage nach der Lektüre, nachwirken. Davids Leben ist ein Alptraum, ein Krankenhaus-Horrorfilm. Wenig Text, dafür aussagekräftige Zeichnungen, in denen die verstörende Welt der Wissenschaft der 1950er Jahre wieder lebendig wird. David ist derjenige, der unter den Experimenten seiner Familie zu leiden hat, die es nicht besser wussten und ihre eigenen Geheimnisse mit sich herumtragen. Schaurig und düster. Absolut empfehlenswert.

Was sind eure Lieblingscomics? Welche Comics darf man im Moment nicht verpassen?

Und wie feiert ihr diesen besonderen Tag?

Ich freu‘ mich über eure Kommentare und wünsche euch einen schönen Gratis Comic-Tag. :)

Flix: Faust. Der Tragödie erster Teil. Carlsen 2014.

Jiro Taniguchi: Die Sicht der Dinge. Carlsen 2008.

Sid Jacobson/ Ernie Colón: Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie. Carlsen 2010.

Adrian Tomine: Halbe Wahrheiten. Reprodukt 2008.

David Small – Stiche. Erinnerungen. Carlsen 2009.