Nachtlichter

Amy Liptrot hat mit ihrem Debüt Nachtlichter eine mutige Geschichte über die Einsamkeit in der wilden Natur der Orkneys geschrieben und liefert gleichzeitig tiefe Einblicke in das Leben nach ihrem Alkoholentzug.

NachtlichterDie Journalistin Amy Liptrot landet mit Anfang dreißig an dem Ort, an den sie eigentlich nie zurückwollte – in ihrer alten Heimat, den Orkneyinseln, einer abgelegenen Region im dünn besiedelten Schottland. Nur zwanzig der Inseln sind bewohnt, Cava, Faray, Fara, Eynhallows, Swona und Copinsay sind es nicht mehr. Sie sind  einsame Flecken Erde, „auf denen die leeren Häuser verfallen, den Elementen preisgegeben“, während die Felder sich langsam in Moore verwandeln. Warum Amy Liptrot ausgerechnet diese unwirtlichen Orte aufsucht, macht einen großen Teil der Faszination des Buches aus.

Auf der kleinen Insel Papay gelingt es Amy Liptrot für einen Moment innezuhalten. Als sie die Wellen beobachtet, wird ihr etwas klar: Alle Wellen können „nur eine bestimme Höhe erreichen, ehe sie abstürzen“. Es ist der Moment, der für sie einen Neuanfang markiert.

Während eine Welle zerschellt und Schaum in meine Richtung spritzt, wird mir klar, dass ich […] mich beim Trinken genauso gefühlt habe. (S.266)

Amy Liptrots Debüt zu lesen, gleicht gerade in den Anfangssequenzen einem voyeuristischen Akt. Es ist nicht ganz einfach zu lesen, wie viele Abstürze die Journalistin mitmachen muss und welche Schwierigkeiten ihr immer wieder begegnen, die in der Regel mit ihrer Alkoholsucht zusammenhängen. Das spannende und faszinierende an dieser Biografie ist hingegen, wie es Liptrot gelingt, in der Einsamkeit der Natur zu sich selbst zu finden. Während sie Basstölpel und Lummen beobachtet, Steinmauern baut und Schafe über die Weide trägt, merkt sie, dass das Leben in der Natur eine heilende Wirkung hat. Sie beschäftigt sich mit Nachtlichtern und Astronomie und kann über ihr Handy und ihren Laptop mit der Welt „da draußen“ kommunizieren. Erst hier entfaltet sich das, was der Observer  als „Sternstunde des New Nature Writing“ bezeichnet. Und um diesen krassen Kontrast zu verstehen, war der erste Teil, in dem Liptrot sich von Exzess zu Exzess quält, Jobs verliert, betrunken durch London auf der Suche nach Alkohol irrt und aus WG-Zimmern geschmissen wird, wahrscheinlich für die Schriftstellerin notwendig. Für die Leser*innen kann dieser Aufbau etwas langatmig werden.

Erst weit weg von der Zivilisation, an den wahrscheinlich einsamsten Orten der Welt, die sie seit ihrer Jugend verlassen wollte, findet sie zu sich selbst und lebt ein Leben wie ihre Eltern. Sie züchtet Schafe und lässt sich auf Papay nieder, einer Insel mit gerade einmal 70 Bewohner*innen. Hier schwimmt sie im Meer, fängt an zu schnorcheln und lebt sehr minimalistisch. Außerdem arbeitet sie für einen Umweltschutzverein und zählt den seltenen Wachtelkönig, einen bedrohten Vogel, den man nur nachts hören kann. Während sie versucht, den Vogel zu finden, reflektiert sie immer wieder ihre Situation und versucht zu verstehen, warum sie wieder im Nordwesten der Orkneys gelandet ist. Und dann spielt auch die Literatur wieder eine Rolle.

Schon vor meinem Sommerjob habe ich angefangen, Moby Dick zu lesen. Inzwischen lese ich das Buch schon so lange, dass es sich anfühlt, als befände ich mich selbst auf einer dreijährigen Walfangreise rund um die Welt; ich trage das Buch jeden Tag bei mir, schwer wie eine Harpune liegt es in meiner Umhängetasche. Ich bin der rasende Kapitän Ahab, nur jage ich anstelle eines Wals einen scheuen Vogel. (S.167)

Im englischsprachigen Raum scheint die Kategorie „New Nature Writing“ tatsächlich ein großes Ding zu sein. Ich habe mich ein bisschen an Wild -Der große Trip erinnert gefühlt, aber trotzdem schreibt Liptrot ganz anders, dafür nicht weniger faszinierend von ihrem Weg in ein glücklicheres Leben.

„Ich habe Diskolichter gegen Himmelslichter eingetauscht, aber ich bin immer noch von Tänzern umgeben. Ich werden von siebenundsechszig Monden umkreist.“ (S.269)

Amy Liptrot – Nachtlichter. Aus dem Englischen von Bettina Münch. btb 2017.

Das Bild habe ich letzte Woche in unserem Kroatienurlaub gemacht – ich habe es leider nicht nach Schottland geschafft. Aber Kroatien war auch sehr schön ;)

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen, vielen Dank.

So tun, als ob es regnet

IMG_20170528_150653Es war einmal, und ist doch nie geschehen …“ mit dieser Formulierung des Uneigentlichen beginnen rumänische Märchen. In dem Roman So tun, als ob es regnet wird diese Uneigentlichkeit in einer poetischen und ruhigen Sprache erzählt. Es geht um vier unterschiedliche Lebenswege von Menschen in Sibiu, Siebenbürgen, die auf die eine oder andere Art und Weise  mit der deutschsprachigen Minderheit in der Region zu tun haben.  Die Formulierung „So tun, als ob es regnet“ ist die Übersetzung des rumänischen Sprichworts

a se face că plouă

das eine geistige Abwesenheit bezeichnet. Man ist nicht richtig da, sondern träumt sich an einen anderen Ort, befindet sich mental irgendwo anders.

Die Erzählungen berühren einander, gehören zusammen, werden über vier Generationen hinweg erzählt und bilden doch Einzelschicksale ab. Die Erzählungen beginnen topographisch in den Karpaten und enden auf La Gomera.

Der Roman beginnt mit Jakob, er ist Soldat im Ersten Weltkrieg und befindet sich irgendwo auf dem Weg Richtung Budapest.  Unterwegs macht er in einem kleinen Karpatendorf Halt und lebt bei einer Bauernfamilie, die ihn aufnimmt. Er hat eine intensive Begegnung mit einem deutschen Soldaten und er entscheidet sich, den Mann nicht zu töten. Vielleicht weil ihm ein Gedicht von Trakl einfällt, vielleicht weil der feindliche Soldat auch Goethe liest. Mit der Frau des Hauses verbringt er eine Nacht, bevor er weiterziehen muss. Die Frau wird schwanger und bekommt eine Tochter, Henriette. Sie wird ihren Vater nie kennen lernen. Aber sie hat Glück, anders als ihre Schwestern wird sie nicht nach Russland deportiert, sondern es gelingt ihr, auch den Zweiten Weltkrieg zu überstehen. Henriettes Sohn Vicco lebt in Sibiu, hat wenig Kontakt zu seiner Mutter, die sich immer wieder in Deutschland aufhält und hadert mit der Gesamtsituation und der Überwachung durch den Geheimdienst. Ein befreundeter Schriftsteller sitzt im Securitate-Gefängnis, es bleibt fraglich, ob sein Manuskript noch zu retten ist.  Henriette wird ihren Sohn Vicco durch ihr  Verhalten überraschen. Hedda ist die Tochter von Vicco. Sie erinnert sich an die Urlaube bei ihrer Großmutter Henriette. Hedda ist die einzige, die von ihrer Großmutter etwas geerbt hat – ein Tagebuch, mit den Aufzeichnungen und Kriegserlebnissen der Großmutter. Hedda weiß, wie es ihrer Oma gelang zu überleben. Zu ihrem Vater Vicco, der in Deutschland lebt, hat sie auch nur wenig Kontakt. Sie gerät in eine Situation, in der sie sich verantwortlich fühlt, obwohl sie höchstwahrscheinlich gar nichts an der Ausgangslage hätte ändern können.

Jedes Ziel, jeder Wunsch diente dazu, irgendwo anzukommen, und wenn man nicht aufpasste, versäumte man den Moment, in dem man mit allen Sinnen spürte, wer man war. (S.162)

Der Roman entfaltet relativ schnell eine charakterliche Tiefe der Figuren, die vom Schicksal gebeutelt sind und in schwierige Entscheidungssituationen geraten. Andererseits bleibt aber auch fraglich, ob irgendeine der vier Hauptfiguren oder Nebenfiguren wirklich anders hätte handeln können.

Der Roman rauscht ein bisschen, wenn man ihn liest. Man bekommt das Gefühl, man sitzt an einem Regentag am Fenster und lässt alles um sich herum passieren, weil man ohnehin gerade nichts an der Wetterlage ändern kann. Das ist ganz schön, ein bisschen melancholisch, sehr leise und trotzdem tiefgründig. Auch wenn mir ein wenig die Dynamik gefehlt hat.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Leseschatz.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. 

Otto Müller Verlag 2017

 

 

 

 

 

Himbeeren mit Sahne im Ritz

Lust auf Nachtisch? Auf kleine, kurze Erzählungen mit Witz und Ironie? Hatte ich auch. Himbeeren mit Sahne im Ritz, ein Kurzgeschichtenband von Zelda Fitzgerald, klang erst einmal ziemlich gut.

Himbeeren mit Sahne im Ritz bearbeitetFitzgerald? Ui, muss ich lesen. Und nein, nicht ihn. Sie! Zelda. Das It-Girl der Zwanziger Jahre war nicht nur Balletttänzerin und Malerin, sie konnte auch schreiben und soll auch bei vielen Texten ihres Mannes – vorsichtig  formuliert – „involviert“ gewesen sein. Und zwar nicht nur als Muse, sondern als kreativer Kopf. Tatsächlich hat Scott einfach Teile ihrer Tagebücher zu „Inspirationszwecken“ genutzt. Vermarktet wurden die Geschichten dann unter seinem Namen, das kam besser beim Publikum an.

Nachdem Zelda nicht mehr als Koautorin genannt wurde, brachte zum Beispiel die Veröffentlichung von Das Mädchen und der Millionär nicht mehr schlappe 500, sondern sage und schreibe 4000 Dollar ein. Man kann sich vorstellen, wie deprimierend diese Erfahrung für Zelda gewesen sein muss. Ihr erstes Buch, Save Me the Waltz, konzipiert als Enthüllungsroman, wurde von ihrem Ehemann um über 100 Seiten gekürzt. Details aus dem Privatleben des Paares wurden von Scott gestrichen, zu dem Zeitpunkt hatte Zelda schon angedroht, ihren Ehemann zu verlassen und auch finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.  Scott notierte 1933 in sein Notizbuch:

„Angriff auf allen Ebenen: Theaterstück (unterdrücken), Roman (verzögern), Bilder (unterdrücken), Charakter (angreifen), Kind (entfremden), Tagesablauf (durcheinanderbringen, um Schwierigkeiten zu machen). Kein Maschinenschreiben. Wahrscheinliches Resultat: neuer Nervenzusammenbruch.“

Scott Donaldson: Fool for Love. F. Scott Fitzgerald, New York 1983, S. 86

Zelda war immer wieder in unterschiedlichen Psychiatrien, auch wenn die Ärzte es ablehnten, ihrem Mann einen Freifahrtschein auszustellen, der es ihm erlaubt hätte, sie jederzeit einweisen zu lassen. Scott konnte sich nicht durchringen, in die Scheidung einzuwilligen. 1940 konnte Zelda aus der Klinik entlassen werden, weil ihr behandelnder Arzt eine Patientin vergewaltigt hatte.  Ihr Mann war zu dem Zeitpunkt schon verstorben. Zelda selbst starb 1948 bei einem Brand in einer anderen Nervenklinik.

„Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte.“

(aus der Erzählung Unsere Leinwandkönigin)

In dem Kurzgeschichtenband, übersetzt von Eva Bonné, findet sich unter den elf Kurzgeschichten auch eine bisher unveröffentlichte Erzählung. Alle Erzählungen drehen sich um selbstbewusste Frauen, die ihr Glück und ihre Selbstverwirklichung in der Kunst suchen. Showgirls, angehende Schauspielerinnen und Tänzerinnen – sie alle suchen keinen Mann für’s Leben, sondern verbreiten den Glamour von Champagner, Perlen und großen Träumen. Es geht um Selbstinszenierung und rauschende Partys, aber es finden sich auch viele assoziative Passagen oder Aphorismen.

„Für viele Menschen ist die Liebe so trügerisch wie die Marmelade in „Alice im Wunderland“ – gestern Marmelade, morgen Marmelade, nur heute gibt es keine.“

(aus der Erzählung Miss Ella)

Zelda Fitzgerald hat einen Blick für kleine Details und atmosphärische Beschreibungen, auch wenn ihre Charaktere oft wie Figuren auf einer Bühne wirken. Relativ eindimensional und ohne ausgeprägte hervorstechende Eigenschaften. Abgesehen von ihrem Dasein als Flappergirls im Jazz Age (was auch immer das heißen mag) und ihren großen Träumen, haben sie wenig gemeinsam – und doch sind ihre Geschichten ähnlich.

Sie war sehr kaleidoskopisch. Manchmal saß sie nur da, trank Unmengen und verfiel gegen Ende des Abends in einen britischen Akzent; bei anderen Gelegenheiten rührte sie keinen Alkohol an, aß einen Teller Spargel mit Sauce hollandaise nach dem anderen und schwor, ins Kloster zu gehen.

(aus der Erzählung Die erste Revuetänzerin)

Und das wurde mit der Zeit leider recht langweilig. Die Geschichten ähneln sich, die Probleme ähneln sich – da kann auch die feine Ironie der Erzählerstimme nicht mehr helfen. Der charmante Plauderton, in dem die Erzählungen gehalten sind und der mich zunächst für den Band eingenommen hat, reicht einfach nicht aus um die Belanglosigkeit der Erzählungen zu tragen. Die Geschichten verschwimmen ineinander und irgendwann spielt es keine Rolle mehr, ob Daisy oder Gracie oder Gay gerade Champagner mit ihren Freunden trinken oder von ihrem Durchbruch als Leinwandsternchen träumen. Sie sind  sich ja doch alle zu ähnlich, als dass ich im Nachhinein noch wüsste, wer wie an seinem Dasein vor sich hin leidet und auf den großen Moment wartet. Die Kurzgeschichten sind nett, wenn man nicht alle auf einmal lesen möchte. Aber anders als bei Alice Monroe oder Julie Orringer fehlt das gewisse Etwas, dass die Geschichten zu einem besonderen Leseerlebnis machen. Schade. Ich gehe jetzt Himbeeren essen. Ohne Sahne. Auf dem Balkon.

Zelda Fitzgerald – Himbeeren mit Sahne im Ritz. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eva Bonné. Manesse Verlag 2016.

Ich habe den Kurzgeschichtenband als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank an den Verlag.

 

Ein leises Ende – Letzte Freunde

Jane Gardam konnte mich mit den ersten beiden Teilen der Trilogie um Old Filth begeistern. Gerade der erste und der zweite Teil zeigen, wie gekonnt Gardam uns als Leser_innen in eine Richtung lenkt, um dann im zweiten Teil ein komplett anderes Bild einer Person zu zeichnen. Raffiniert erzählt, witzig und spannend – in der Trilogie finde ich alles, was mich bei Leselaune hält.
letzte-freunde-2-bearbeitetIm dritten Teil kommt Dulcie zu Wort und wir erfahren interessante Details
über Veneerings Leben, der ja doch eigentlich einen ganz anderen Namen hatte. An diesen Stellen gefällt mir der Roman am besten und es ist spannend zu sehen und zu begreifen, wie wenig sich die Figuren eigentlich wirklich gekannt haben. War Veneerings Vater nun ein Spion oder doch ein Zirkusartist? Vieles bleibt angedeutet. Auch die Rivalität der beiden alten Anwälte hat deutlich tiefere Wurzeln als ich zunächst vermutet hatte. Das gefällt mir. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass die jüngere Generation (hier verdeutlicht am Beispiel der neuen Mieter, die in Veneerings altem Haus wohnen) sich kaum vorstellen kann, was die Raj-Waisen erlebt haben und dass sie im besten Fall als schrullige und etwas merkwürdige alte Menschen abgetan werden.

 Durch den Fokus auf zwei Randfiguren (Fiscal-Smith und Dulcie) werden Leerstellen aus den anderen Romanen gefüllt und wir als Leser_innen erfahren, was die anderen über Betty, Veneering und Old Filth gedacht haben. Das ist amüsant und geht ans Herz. Dulcie hat nie verstanden, warum ausgerechnet Fiscal-Smith als Trauzeuge bei Old Filths Hochzeit erscheint. Die Verstrickungen zwischen Old Filth und Veneering und Betty waren schon in den ersten beiden Teilen unterhaltsam und tragisch und daran hat sich nichts geändert. An vielen vermeintlich unscheinbaren Stellen zeigt sich das wahre Talent von Jane Gardam. Ihr gelingt es, eine Trilogie um ein Figurenensemble aufzubauen und immer mit neuen Details zu überraschen. Gleichzeitig arbeitet sie mit verschiedenen Leerstellen, die das Gespür der Leser_innen verlangen.

Der Roman beginnt mit dem Satz „Die Titanen waren nicht mehr.“ Feathers und Veneering sind tot und ihre Geheimnisse und Lebenslügen sind mit ihnen gestorben. Am Ende der Triologie angelangt, bin ich froh, diese Romane gelesen zu haben. Ansonsten bleibt vieles sehr ruhig, fast zu ruhig. Wer ein spektakuläres Ende erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden. Über dem gesamten Roman liegt eine leise Melancholie, die sich auch nicht vertreiben lässt, wenn ich das Buch zuklappe. Es ist ein leises Ende, das Gardam zeigt. Und nach längerem Nachdenken, kann ich nur sagen: es passt perfekt zu den Figuren des Romans.

Jane Gardam: Letzte Freunde. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin 2016.

Infausti sumus – Die Unglückseligen

Wenn eine Molekularbiologin, die auf der Suche nach Unsterblichkeit ist, einem Physiker aus der Goethezeit über den Weg läuft und vermutlich noch der Teufel seine Finger im Spiel hat, kommt ein ziemlich wilder und gleichzeitig wunderbarer Wissenschaftsroman heraus – der mich anfänglich allerdings einige Nerven gekostet hat. IMG_20160905_170007

Johanna Mawet steht mit beiden Beinen im Leben und hauptsächlich im Labor. Sie untersucht die Zellteilung von Zebrafischen und begibt sich dabei auf die Suche nach ihrem eigenen Stein der Weisen. Ihr Ziel ist eine Formel für die Unsterblichkeit. Unverhofft läuft ihr ein verwahrlost wirkender Typ im Hawaiihemd an der amerikanischen Ostküste über den Weg, der mit vertrautem Akzent spricht. Er behauptet, Johann Wilhelm Ritter zu sein. Ein Physiker aus der Goethezeit, der 1776 in Schlesien geboren wurde, den es tatsächlich gab und der vermutlich auch die ersten Akkus erfunden haben soll. Wenn er nicht gerade mit Goethe oder Herder abhing. Laut Wikipedia starb der Frühromantiker und Philosoph zwar 1810, aber nicht in Thea Dorns Roman. Hier hat Ritter das erreicht, was Johannas Zebrafischen noch nicht gelungen ist. Quasi Unsterblichkeit. Johanna ist skeptisch, kümmert sich aber um den verwirrten Mann, der so seltsam alterslos erscheint und gleichzeitig einen Sprachduktus wie Karl Moor pflegt. Wer ist dieser Kerl? Ein hilfloser Irrer oder hat er tatsächlich Recht, mit dem, was er da von sich gibt? Als Johann sich schließlich einen Finger abschneidet, um seine Unsterblichkeit zu beweisen, hätte es eigentlich mit Johannas Geduld vorbei sein müssen. Doch wächst da nicht so etwas wie ein Knubbel nach?

Johanna schickt, praktisch veranlagt wie sie ist, erst mal Ritters DNA ins Labor und lässt sie sequenzieren. Die Ergebnisse bestätigen sein Alter. Eine fulminante Entdeckung! Das könnte ein Sieg der Wissenschaft über die Natur werden. Kaum sind die Ergebnisse da, bleibt dem ungleichen Paar nur die Flucht vor den misstrauischen Kollegen. Nach Deutschland. Und Ritter kommt natürlich mit, denn zu dem Zeitpunkt ist er schon längst in die unerschrockene Kollegin verliebt. Hier  unterwirft sich Johanna gemeinsam mit dem Experten Johann, den Methoden des Galvinismus. Elektroschocks haben schließlich auch bei ihm zur Unsterblichkeit geführt. Johann ist mittlerweile zwar  nicht mehr von vielen seiner ehemaligen Forschungsansichten überzeugt, denn er glaubt, dass gewisse Grenzen  der Forschung nicht übertreten werden dürfen.  Für Johanna hingegen, die den ewigen Glauben an Fortschritt und Forschung wie eine Fahne hochhält, sind das unzumutbare Ansichten.

„Infausti sumus“, beschwor er sie. „Unglückselige. Unglückbringende. Heillos verloren. – Doch wären wir’s nicht, wie dürften auf der Gnade Geschenk wir hoffen?“ Kam ihnen ein zweiter nächtlicher Zug entgegen? Oder was rauschte sonst in ihren Ohren? „Hören Sie auf!“, brüllte Johanna, als müsste sie zehn Züge übertönen. „Hören Sie auf, von Gnade zu faseln! Der Gnade Geschenk! Nie wieder will ich diesen Christenkitsch hören! Ich habe ein für alle Mal genug von dieser… dieser Trostakrobatik, die irgendwelche Wüstenzyniker in die Welt gesetzt haben, damit noch der ärmste Schlucker ‚Halleluja!‘ ruft, wenn ihm das Genick gebrochen wird!“ […] „Aus der Tatsache, das bislang alle Menschen sterben mussten, folgt nicht, dass es auch gut ist, dass alle Menschen sterben. Sie sagen, das Leben wird sinnlos, wenn es kein Ende mehr hat. Ich sage, das Leben ist sinnlos, wenn es bloß entsteht, um im nächsten Augenblick schon zugrunde zu gehen.“ (S. 210)

Doch als die Experimente andauern und statt Unsterblichkeit nur Bewusstlosigkeit eintritt, gerät Johannas wissenschaftliches Weltbild ins Wanken. Kann es etwa sein, dass Johanns biblisches Alter doch mit einer viel gewaltigeren Kraft zu tun hat? Ist Johann einen Pakt mit dem Teufel eingegangen? Johanna weiß hier weniger als die Leser_innen – denn der Teufel ist schon von Anfang an als Erzähler im Text präsent und lässt kein Ereignis unkommentiert:

„Verehrte Leser, ich kapituliere: Dies Kapitel ist und bleibt ein Ragout.“

Faustisch also das Ganze. Trotzdem hat mich Thea Dorns Roman anfänglich einige Nerven gekostet. Der Stil ist zwar interessant und dem klassischen Vorbild nachempfunden, aber das ist auf Dauer eben doch sehr gewöhnungsbedürftig. Zudem spielt der Roman in unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen. Die Erlebnisse von Johann und Johanna in der heutigen Zeit, aber auch Johanns Erinnerungen an seine ersten wissenschaftlichen Experimente und seine eigene Suche nach der Urformel und an sein Familienleben.

Es wird relativ schnell deutlich, dass sich beide Forscher_innen mit ihren unorthodoxen Ideen ins soziale Abseits verfrachtet haben – Ritters Erlebnisse werden quasi von Johanna wiederholt. Zwangseinweisung inklusive. Es war unglaublich schwierig, sich auf die unterschiedlichen Erzählebenen einzulassen und gerade Ritters Sprachduktus lässt sich nicht gerade einfach lesen. Aber nachdem ich mir ein bisschen mehr Zeit für den Roman genommen habe, konnte ich ihn ab Seite 200 einfach nur genießen.

Thea Dorn weiß unglaublich viel über die Diskurse des 18. Jahrhunderts und bringt immer neue Motive mit in den Text. Abtreibung, Humangenetik, Immortalist_innen – das ist eine ganze Menge Stoff, der doch sehr leicht und ziemlich abgefahren erzählt wird. Je tiefer Johann und Johanna in die Unsterblichkeitsforschung eintauchen, desto spielerischer geht Dorn mit der literarischen Form um. Da tauchen auf einmal Comicsprechblasen im Text auf, ein Kongress wird in Dramenform beschrieben und eine kleine Fledermaus hat einen ganz besonderen Auftritt. Und dann macht der Roman nach den anfänglichen Längen auch endlich wieder Spaß.

Natürlich stehen sich auch Johanns und Johannas Auffassungen von Wissenschaften konträr gegenüber. Während Johann bedauert, dass er im jugendlichen Übermut ernsthaft gedacht hat, dass Unsterblichkeit ein hohes Ziel ist, verliert sich die eigentlich rationale Wissenschaftlerin Johanna in einer wahnhaften Suche nach der Unsterblichkeit. Da sind sexuelle Dienstleistungen für Kollegen nur der Weg zum Höhepunkt des Romans: dem Pakt mit dem Teufel.

Denis Scheck hat die Unglückseligen im Literaturmagazin als „Glücksfall für die deutsche Gegenwartsliteratur“ bezeichnet. Der Roman ist auf jeden Fall sehr unterhaltsam und ich habe bisher noch keinen vergleichbaren wunderbar wilden Wissenschaftsroman gelesen, der so viele unterschiedliche Themen unter einen ganz neuen Hut bringt.

Thea Dorn: Die Unglückseligen. Knaus Verlag 2016.

 

Feminismus? Fuck, Yeah! – Weil ein #Aufschrei nicht reicht

u1_978-3-596-03066-8_36605822Im Januar 2013 rappelt’s im Karton und zwar so richtig. Unter #Aufschrei sammeln Frauen ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus, berichten von sexuellen Übergriffen und  V*rg*w*ltigungen. Initiiert wurde der Tweet von Anne Wizorek (@marthadear), die sich mit anderen Twitternutzer_innen (@faserpiratin, @vonhorst) austauschte und spontan den Hashtag am 25. Januar um 0.13 in der Nacht festlegte. Noch in der Nacht beteiligen sich tausende andere Betroffene, berichten über „das komplette Ausmaß von Sexismus und sexualisierter Gewalt“ (S:188):

@KhaosKobold: Der Mathelehrer, der mir sagte ich bräuchte das nicht verstehen, ich würde eh mal Mutti mit Abitur #aufschrei

@totalreflexion: Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge #aufschrei

Danach geht alles relativ schnell, bereits am nächsten Morgen hat Anne Wizorek Anfragen von Journalist_innen und kurz darauf eine Einladung zu Günther Jauchs Sendung im Briefkasten. Der Hashtag war ein absoluter Erfolg und macht sichtbar, was viele nicht wissen wollten: das Sexismus und sexuelle Übergriffe auch in Deutschland zur Tagesordnung gehören. Damit schaffte der Hashtag etwas außerordentliches: eine online geführte Debatte wurde in die offline-Welt überführt und ernst genommen. Die Jury des Grimme Online Awards würdigte den Hashtag und seine Verfasser_innen. Jetzt hat Anne Wizorek ein Buch geschrieben, indem sie sich für einen „Feminismus von heute“ ausspricht und deutlich macht, dass viele Probleme noch lange nicht gelöst sind. In ihrem Buch räumt Wizorek mit vielen Mythen auf, die in der medialen Wahrnehmung immer noch bestehen: nein, Rainer Brüderle war nicht „der“ Auslöser für den Hashtag und nein, niemand muss Emma-Leser_in sein, um Feminismus gut finden zu können. „Den“ Feminismus, und das wird sehr schnell klar, gibt es sowieso nicht (das macht auch ein historischer Abriss über feministische Entwicklungen deutlich) – und Alice Schwarzer ist nicht das Maß aller Dinge.

Ihr Buch besteht aus zwei Teilen und die Aufschrei-Debatte, die ich damals mit großem Interesse verfolgt habe, steht nicht am Anfang der Auseinandersetzung. Stattdessen beschreibt Wizorek auf den ersten 150 Seiten eine umfassende, fundierte und locker geschriebene Einführung in die unterschiedlichsten aktuellen feministischen Debatten, die momentan online geführt werden. Sie räumt mit den vermeintlichen Mythen der Geschlechtergerechtigkeit auf („Aber wir haben doch eine Bundeskanzlerin!?!“), stellt dar, warum eine Quote wichtig ist, schreibt über sexuelle Selbstbestimmung, repressive Schönheitsideale mit einem super Schwenk zu Beyoncé (Yeah!), die Care-Debatte und LGBTIQ. Und das geht ihr so locker von der Hand, dass ich manchmal fast vergesse, wie ernst das Thema eigentlich ist:

Solange wir ein patriarchalisches Gesellschaftssystem haben, befinden wir uns in puncto Geschlechtergerechtigkeit aber meist zwischen Babyschritten vorwärts und Backlash, der uns wieder zurückschleudert. Der Backlash (zu deutsch etwa „Rückschlag“) ist sozusagen der Darth Vader zur feministischen Rebellion. Denn sobald sehr viele Menschen gesellschaftliche Fortschritte einfordern oder diese Veränderungen sogar durchgesetzt werden können, wird es immer auch viele Menschen geben, die an der Uhr drehen und diese auf ,die guten alten Zeiten‘ mit konservativen Wertvorstellungen zurückdrehen wollen. (S.23)

Wizoreks Buch ist nicht nur eine sehr gelungene Einführung in die aktuellen (netz-)feministischen Debatten, die durch eine umfangreiche Linkliste illustriert werden, sondern vor allen Dingen auch ein sehr unterhaltsame Kritik am gesellschaftlichen Backlash, der feministische Entwicklungen, die vor einigen Jahren noch als selbstverständlich galten, heute wieder in Frage stellt. Beispielsweise wenn Frauen, die die Pille danach nehmen als rücksichtslos, naiv und leichtsinnig dargestellt werden („Man muss es immer wieder sagen: Das sind keine Smarties!“ Jens Spahn, CDU via twitter am 13. Januar 2014). Als wären Frauen nicht in der Lage dazu rationale Entscheidungen zu treffen, wenn es um ihre Verhütung und damit ihre Selbstbestimmung geht. Eine solche Haltung geht natürlich wunderbar mit der Auffassung einer neuen Bewegung radikaler christlicher Lebensschützer_innen einher.  In einem sehr ausführlichen Kapitel über sexuelle Übergriffe und Sexismus wird nicht nur mit dem Strohmann-Argument der ominösen Falschbeschuldigungen durch v*rg*waltige Frauen aufgeräumt, es werden auch die unterschiedlichsten Vorfälle der letzten Monate und Jahre aufgerollt, die sich um sexuelle Übergriffe oder ihre Verharmlosung drehen: Kachelmann, Assange, ,Steubenville‘, die Debatte um Blurred Lines von Robin Thicke und der V*rg*waltigungs-„Witz“ von Moderator Klaas in der Sendung NeoParadise.

Einen ziemlich ausführlichen Teil widmet Wizorek auch ihrer eigenen Haltung und ihrer eigenen Entwicklung hin zum Feminismus. Auch wenn die anderen Kapitel weitaus pointierter erscheinen mögen, hat mir dieser Teil besonders gut gefallen. Stichwort: Empowerment.

„Was ich mit alldem sagen möchte, ist: Es braucht nicht erst einen Master in Gender-Studies, um Feminist_in zu werden (auch wenn der Master nicht schadet).“ (S.241)

Weil ein #aufschrei nicht reicht ist kein Buch, das ich in einem Zug durchlesen konnte. Zwischendurch brauchte ich ein paar Pausen – nicht nur, weil es auf Dauer auch sehr anstrengend sein kann, von den vielen Dingen zu lesen, die eben noch nicht richtig laufen, vor allem aber auch, weil mir jedes Kapitel sehr viel Input zum Nachdenken gegeben hat. Da war Kapitel 12 ziemliches großes Kino, in dem unterschiedliche Strategien vorgestellt werden, wie am besten mit Sexismus oder schwierigen Diskussionen umgegangen werden kann (Stichwort: Choose your battles). Auf den Punkt gebracht: Es ist nicht deine Aufgabe, jetzt immer und überall für eine feministische Perspektive aufzustehen – und manchmal kann man das auch einfach nicht und ist frustriert von so viel Unwissen und genervt von Provokationen und dem tausendsten „sich-Erklären-müssen“. Interessant war auch die klare Forderung an männliche* Unterstützer, die vielleicht zunächst als etwas provokant daherkommt, mich allerdings an  den Critical Whiteness-Ansatz erinnert: „Setz dich mit deiner Schuld auseinander“. Wenn Rassismus und Sexismus als strukturelle Problematiken angesehen werden, ist diese Forderung auch nur eine logische Konsequenz.

Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von Heute ist das erste Buch, das ich über den „Twitter“-Feminismus gelesen habe. Sonst bin ich eher auf Blogs, bei Twitter, bei YouTube unterwegs. Es ist super geschrieben und für jeden, der eine kleine Einführung in den aktuellen (Netz-)Feminismus braucht, unbedingt zu empfehlen. Die Aktualität der gesamten Debatte steht dabei außer Frage. Seit einiger Zeit sehe ich sehr gerne die Vlogs von der amerikanischen Kommunikationswissenschaftlerin Anita Sarkeesian (feministfrequency), die sich auf Youtube mit stereotypen Darstellungen von Frauen in Videospielen beschäftigt und zu Frauendarstellungen in der Popkultur forscht. Ein  Thema das Wizorek immer wieder in ihrem Buch aufgreift. Im Oktober 2014 drohten Unbekannte mit einem „School Shooting“, weil Sarkeesian zu einem Vortrag an der Utah State University eingeladen war. Weil die Polizei keine Möglichkeit hatte, das Mitführen von Waffen zu verhindern (so was geht in Utah), musste Sarkeesian den Vortrag absagen.

 Anne Wizorek: Weil ein #aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von Heute. 2014.

Vielen Dank an lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die schöne Leserunde.

Der lange Schatten des Schreibtischs – Das große Haus

„Ein Rätsel: An einem Winterabend des Jahres 1944 wird in Budapest ein Stein geworfen. Er fliegt durch die Luft zum erleuchteten Fenster eines Hauses hinauf, in dem ein Vater am Schreibtisch arbeitet, eine Mutter liest und ein Junge mit offenen Augen von einem Schlittschuhrennen auf der gefrorenen Donau träumt. Die Scheibe zersplittert, der Junge hält sich die Hände über den Kopf, die Mutter schreit. In diesem Moment hört das Leben, das sie kennen, auf. Wo landet der Stein?(S. 367)

Ein Schreibtisch ist mehr als ein Schreibtisch ist mehr als …? In Nicole Krauss‘ Roman wird das wuchtige und eigentliche hässliche Möbelstück  zu einem Mythos und zum verbindenden Element zwischen vier Figuren, deren Lebenswege sich keinesfalls kreuzen, sich aber manchmal berühren. Der Schreibtisch hat neunzehn Schubladen, es gibt eine Schublade, die verschlossen bleibt. Und irgendwie konnte ich nicht verhindern, dass diese Schublade auch zum Symbol meines Leseerlebnisses wurde. Irgendwie richtig fassen kann ich diesen Roman nicht, vieles bleibt zu geheimnisvoll, zu überfrachtet. Und einen Schlüssel, abgesehen von dem Zitat oben, das immerhin erst auf Seite 367 auftaucht, bekam ich leider auch nicht.

Doch worum geht es? Der Schreibtisch ist so etwas wie ein missing link zwischen den Charakteren, obwohl er nicht unbedingt in jeder Erzählung vorkommt. Trotzdem wirkt er als „groteskes, bedrohliches Monstrum“ mit neunzehn Schubladen fast wie ein eigenständiges Wesen, dass sich in die Lebenswelt der Protagonisten drängt. Der Schreibtisch hat auch eine Geschichte, angeblich soll er einmal dem berühmten Dichter Lorca gehört haben. Als ich den Schreibtisch am Anfang des Romans treffe, gehört er einer New Yorker Schriftstellerin. Sie hat ihn von Daniel Varsky, einem chilenischen Dichter bekommen. Ursprünglich als Leihgabe, die sie allerdings nie zurückgeben muss. Varsky wird von der Geheimpolizei Pinochets entführt und zu Tode gefoltert. An diesem Schreibtisch sind zwei ihrer Romane entstanden, er ist für sie das Symbol ihrer Kreativität, die Bestätigung ihrer Fähigkeiten. Der Schreibtisch ist ihr kreativer Motor. Umso erschrockener ist sie, als nach 25 Jahren die Tochter von Varsky auftaucht und den Schreibtisch als letztes Andenken an ihren Vater zurückfordert. Die New Yorkerin erleidet eine schwere Lebenskrise und reist nach Israel, um sich einen neuen Schreibtisch zu besorgen.

In Israel treffe ich den Schreibtisch nicht und auch nicht mehr die Schriftstellerin, aber einen alten Mann, dessen Sohn zu Besuch ist. Die beiden haben sich lange nicht gesehen, aber auch nichts mehr zu sagen. Der Sohn ist erfolgreicher Anwalt in London, der Vater ebenfalls Anwalt – doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Früher wollte der Junge Schriftsteller werden, er schrieb heimlich an einen Roman über ein Monstrum, das an den Schreibtisch erinnert, doch das Unverständnis seines Vaters entmutigten ihn.

Ich unterstütze den Plan nicht, sagte ich dir. Warum?, fragtest du mit zornigen kleinen Augen. Was willst du schreiben?, fragte ich. Du hast mir eine verschlungene Geschichte über vier oder fünf oder sechs oder gar acht Leute erzählt, die alle in Zimmern liegen und mit einem System von Elektroden und Drähten an einen großen weißen Hai angeschlossen sind. Die ganze Nacht treibt der verdrahtete Hai in einem riesigen erleuchteten Becken und träumt die Träume dieser Leute. Nein, nicht die Träume, die Albträume, all die Sachen die schwer zu ertragen sind. So schlafen sie, und durch die Drähte fließen die schrecklichen Sachen aus ihnen heraus in den mordsmäßigen Fisch mit vernarbter Hund, der das ganze gesammelte Elend erträgt. Nachdem du fertig warst, ließ ich ein gutes Maß an Schweigen verstreichen, ehe ich den Mund auftat. Wer sind diese Leute?, fragte ich. Leute eben, sagtest du mit schriller, dann brechender Stimme. Im Quell deiner Augen sah deine Mutter das Leiden eines Kindes, das unter der Knute eines Tyrannen aufgewachsen ist, aber am Ende hatte die Tatsache, dass du nie ein Schriftsteller geworden bist, nichts mit mir zu tun. (S.67)

Letztlich wurde der Sohn Anwalt – ohne zu wissen, dass sein Vater heimlich seine Romanskizzen las und begeistert war. Jetzt steht der Sohn vor der Tür, er hat seinen Job hingeworfen, einfach so und beginnt nachts durch die Straßen zu streifen, wie er es schon als kleiner Junge getan hat. In England findet währenddessen ein Literaturprofessor etwas über ein Geheimnis seiner an Demenz erkrankten Frau, übrigens auch einer Schriftstellerin, heraus. Sie hatte nie viel von ihrer Vergangenheit erzählt und er beließ es dabei, seine Frau hatte ein KZ überlebt, während ihre Familie ermordet wurde. Doch das Geheimnis seiner Frau lässt ihn an seiner Ehe zweifeln. Wo bleibt der heimliche Hauptdarsteller des Ganzen? Sie hat ihren Schreibtisch, unseren – den Schreibtisch (!) – vor langer Zeit an einen jungen chilenischen Schriftsteller verschenkt.

Doch es gibt noch eine vierte Geschichte in Oxford. Isabella verliebt sich in einen Kommilitonen, in Joav. Joav hat eine Zwillingsschwester, die Klavier studiert, und die drei unternehmen viel zusammen und leben dann auch zusammen, doch die Zwillinge sind eine so besondere Einheit, dass Isabella nie richtig dazugehört, obwohl es eine wunderbare Zeit ist:

Ich sage: das Haus, in dem ich mit ihnen zusammenlebte, und nicht: unser Haus, weil ich trotz meines siebenmonatigen Aufenthalts dort nie das Gefühl irgendeiner Zugehörigkeit bekam, noch wurde ich je als etwas anderes betrachetet denn als privilegierter Gast. (S.145)

In den folgenden Monaten begannen wir – Joav, Leah, ich […]-, uns in häusliche Gewohnheiten einzurichten. Leah übte mit großer Hingabe Stücke von Bolcom und Debussy für ihr erstes Konzert im Purcell Room, ich absolvierte meine Zeiten in der Bibliothek, Jav fing an, ernsthaft für seine Prüfungen zu lernen […]. An den Wochenenden liehen wir einen Stapel Filme aus. Wir aßen, wann wir Lust hatten, und schliefen wann wir Lust hatten. Ich war glücklich dort. Manchmal, wenn ich früh vor den anderen aufwachte und, in eine Decke gehüllt, durch die Zimmer wanderte oder in der leeren Küche meinen Tee trank, überkam mich das seltene Gefühl, die immer so erdrückende und unverständliche Welt habe tatsächlich, trotz aller Undurchsichtigkeit, eine Ordnung und ich einen Platz darin. (S.206)

Der Vater der Zwillinge ist Antiquitätenhändler. Und hier treffe ich endlich den heimlichen Hauptprotagonisten wieder. Der Vater der Zwillinge versucht alle Möbelstücke wieder zu beschaffen, die die Gestapo 1944 nach der Verhaftung seiner Eltern, zwangsenteignete und mit dem „Goldzug“ aus Ungarn schaffte. Er geht zu Auktionen, er sichtet Kataloge, er freundet sich mit Möbelrestauratoren an, er ist besessen auf der Suche nach einem Schreibtisch (da isser, das unendlich omnipräsente Monstrum), damit er das ehemalige Arbeitszimmer der Familie rekonstruieren kann.

Das große Haus ist ein spannender Roman, der so viele Facetten hat, wie der ominöse Schreibtisch Schubladen. Fast ist alles etwas zu viel, zu  Teil gehe ich etwas verloren, weiß nicht mehr, in wessen Monolog ich mich gerade befinde, Orientierung ist ohnehin schwierig, Namen werden kaum genannt. Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte entfaltet sich ohne mich, gibt mir das Gefühl mehr zu sein, als eigentlich dahintersteckt. Gleichzeitig denke ich aber auch: das kommt dir bekannt vor, so ging es doch auch der Schriftstellerin, so ging es doch auch dem Sohn. Doch  sehr viele Spuren bleiben vage, Schubladen bleiben verschlossen, genau wie der Hauptprotagonist Schreibtisch selbst und das ist ziemlich deprimierend:

Es gab ein paar Kratzer, aber sonst keine Spuren von denen, die daran gesessen hatten. (S.375)

Am Ende ist es vielleicht der Antiquitätenhändler, der einen Schlüssel für den Roman liefert. Er erinnert an den Gelehrten Rabbi Jochanan ben Zakkai, der den Grundstein für den Talmud legte und dessen Schule später als „das große Haus“ bezeichnet wurde:

Zweitausend Jahre sind vergangen, pflegte mein Vater mir zu sagen, und heute ist jede jüdische Seele um das Haus herum gebaut, das im Feuer verbrannt ist, so groß, dass sich jeder Einzelne von uns nur an ein winziges Bruchstück erinnern kann: ein Muster an der Wand, einen Ast im Holz einer Tür, eine Erinnerung an den Leichteinfall auf dem Fußboden. Aber wenn alle jüdischen Erinnerungen, die jedes Einzelnen, zusammengebracht und auch das letzte heilige Bruchstück dem Ganzen hinzugefügt würde, könnte das Haus wiederaufgebaut werden, sagte Weisz, oder vielmehr ein so vollkommenes Gedächtnis des Hauses, dass es in seinem Werden das Original selbst wäre. (S.363)

Gedankenblitz: Also ist das große Haus vielleicht auch so etwas wie der Hai von dem Sohn? Oder wie der SchreibtischJa, nein – oder, doch? Und genau so erging es mir die ganze Zeit beim Lesen. War da nicht was? Wie passt das zusammen? Gab es das nicht schon einmal? Wo sind Parallelen? Das große Haus ist ein fordernder Roman, kein Roman der leicht zugänglich ist. Doch auch wenn ich nicht immer alle Wendungen nachvollziehen konnte und viele Schubladen vielleicht auch einfach so angelegt waren, dass ich den Schlüssel ohnehin nicht finden konnte, hat der Roman unglaubliches Suchtpotenzial. Wenn man etwas Zeit und Muße hat, sich auf eine sehr komplexe Geschichte einzulassen, die nicht immer alles einhält, was sie vordergründig vielleicht vorgibt zu sein, ist Das große Haus sicherlich genau das Richtige. Ein Hauch von postmodernem Schreiben nennt man das wohl. Und das ist ziemlich abgefahren!

Nicole Krauss: Das große Haus (=The great House). Übersetzt von Grete Osterwald. Rowohlt Verlag 2011.

ISBN: 447-31081865