Ein Winter in Paris

Ich begriff schnell, dass mir die Zugangscodes fehlten: kulturell, sprachlich und die Kleiderordnung betreffend. Zu dem, was gut war und was nicht. Während der ersten Wochen habe ich mich redlich bemüht, sie mir anzueignen, doch sie änderten sich ständig, und ich blieb irgendwie immer außen vor. Irgendwann gab ich auf. (S.20)

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Victor ist Englischlehrer und Schriftsteller. Völlig unerwartet erreicht ihn ein Brief aus der Vergangenheit, Absender ist der Vater eines ehemaligen Mitschülers. Der Inhalt des Briefes versetzt Victor gedanklich zurück in den Winter des Jahres 1984. Victor ist gerade am renommierten Pariser Lycee D. angenommen worden. Hier soll er auf die Aufnahmeprüfungen für das Grand Ècole vorbereitet werden, damit er ein Lehrerexamen ablegen darf. Die „Concours“ gelten als schwierig und nur wenige Schüler*innen schaffen überhaupt die Vorbereitungskurse.

Victor ist ein Außenseiter, er kommt aus der Provinz, stammt aus einem nicht-akademischen Milieu und hat keine Freunde in der neuen Klasse. Seine Eltern stehen ihm zwar nicht im Weg, aber verstehen kaum, womit er sich eigentlich in der Schule beschäftigt. Unterstützung erfährt er kaum. Er arbeitet zwar hart, aber auch die Lehrer*innen trauen ihm wenig zu. Der Leistungsdruck ist allgegenwärtig. Die Bekanntschaft mit Mathieu und die gemeinsame Zigarette jeden Morgen, ist für Victor ein kleiner Lichtblick in seinem Schulalltag, in dem er permanent zu scheitern droht. Doch dann stürzt sich Mathieu eines Morgens die Treppe hinunter und stirbt. Victor ist durch Zufall als erstes vor Ort.

„Es war unglaublich, wenn man sich klar machte, wie starr das ganze System war. Mathieus Körper war nur ein Stein gewesen, den jemand in einen Teich geworfen hatte. Der Aufprall hatte zwar einige Ringe erzeugt, die sich für einige Sekunden ausbreiteten, doch danach war die Wasseroberfläche wieder glatt geworden.“

Mathieus Selbstmord löst bei Klassenkamerad*innen, Lehrer*innen und Eltern Verwirrung und Bestürzung aus, auch wenn die Schulleitung nach dem Prinzip „business as usual“ verfährt. Doch für Victor ändert sich alles. Plötzlich steht er im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der beliebteste Schüler der Klasse lädt ihn ein und auch Mathieus Vater sucht Kontakt zu ihm. Mathieus Suizid sorgt dafür, dass Victor auf einmal als jemand wahrgenommen wird, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Mitschüler, die vorher nicht einmal mit ihm gesprochen haben, wollen sich mit ihm über private Probleme austauschen, die Mädchen aus der Klasse finden ihn interessant. Das kommt Victor, der sich seit seiner Ankunft in Paris nach Bestätigung und Freundschaft sehnt, nicht immer ungelegen. Dabei stand seine Freundschaft zu Mathieu gerade erst am Anfang, sie kannten sich  flüchtig. Aber das ändert nichts an der Wahrnehmung der anderen:  er wird als Experte für Mathieus Leben gehandelt und beginnt zu erzählen.

Sehr feinfühlig  berichtet Jean-Philipp Blondel von einem Ereignis, das einen jungen Menschen aus seinem festgefügten Alltag reißt und ihn vieles in Frage stellen lässt, das zuvor noch als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Blondel schreibt sehr konzentriert, immer auf den Punkt und schafft es auf knapp 200 Seiten, Victors komplexe Gefühlsschwankungen nach Mathieus Suizid überzeugend darzustellen. Dabei schont er den Protagonisten nicht. Immer wieder fragt man sich während des Lesens, ob Victor überhaupt das Recht hat, eine kurze Bekanntschaft so derart auszuschlachten. Auf der anderen Seite ist er vermutlich der einzige Mensch gewesen, mit dem Mathieu tatsächlich engeren Kontakt hatte. Und Victor ist unglaublich allein.

„Ich bekam erneut eine Gänsehaut. Dreimal schon. Dreimal in einer Woche. Hautkontakt. Meine Mitmenschen fanden den Weg zu meiner Haut. Noch ein bisschen mehr davon, und ich würde mich wieder lebendig fühlen.“

Victors Prozess der Selbstreflexion ist faszinierend zu lesen. Der Roman ist melancholisch und trotzdem sehr eindringlich geschrieben. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke 2018.

 

Eine weitere Rezension findet ihr bei Literaturreich.

 

Wir sehen uns dort oben

Wir sehen uns dort oben II

 

Alles in allem war ja ein Krieg nie etwas anderes als der Versuch einer systematischen Tötung auf einem Kontinent. (S.55)

Die beiden Helden der Geschichte trifft man auf den ersten Seiten im Schützengraben liegend an, es ist Winter 1918 und nur langsam gehen die letzten Wochen bis zum Waffenstillstand im November ins Land. Auf den ersten Seiten des Romans wird der Krieg so brutal und grausam geschildert, wie man es sich nur vorstellen kann. Der Auftakt des Romans bildet die Basis für alle folgenden Entwicklungen, eine verbrecherische Aktion eines Vorgesetzten kettet das Leben von sehr unterschiedlichen Menschen auf ewig zusammen.

Im Wesentlichen geht es um drei Figuren, die schon auf den ersten fünfzig Seiten aufeinandertreffen:  Henri d’Aulnay-Pradelle, Leutnant der französischen Infanterie,  ist der Vorgesetzte des Soldaten Albert Maillard. Er schickt seine Soldaten in einen Kampf, der eigentlich schon gelaufen ist. Albert, ein schüchterner Bankangestellter, der noch nie mit einem Mädchen ausgegangen ist, wird an diesem grauen Novembermorgen in einem Bombentrichter verschüttet. Neben ihm liegt ein verwesender Pferdekopf, um ihn herum ist nur noch Erde und Matsch. Der Tod naht. Nur durch Zufall wird sein aus der Erde ragendes Bajonett von seinem Kameraden Édouard Péricourt entdeckt, der daraufhin beginnt, Albert auszugraben. Weil er gerade dabei ist, seinem Kameraden das Leben zu retten, wird Édouard von einem Granatensplitter getroffen, der ihm das halbe Gesicht wegreißt. Der angehende schwule Künstler, der aus einer einflussreichen Bankerdynastie kommt, wird den Rest seines Lebens mit einem entstellten Gesicht und verschmorten Stimmbändern herumlaufen. Albert und Édouard überleben, sind aber schwer gezeichnet.

Im Lazarett stellt Édouard klar, dass er in seinem Zustand auf keinen Fall nach Hause zurückkehren kann. Lieber stirbt er. Jetzt ergreift Albert die Initiative und kümmert sich aufopferungsvoll um den Verwundeten. Er besorgt ihm sogar eine neue Identität, damit Édouard keinen Gedanken mehr an seine Familie verschwenden muss, der er sich in seinem Zustand auf keinen Fall zeigen kann. Die alten Kameraden bleiben auch nach dem Krieg zusammen – und sind weitestgehend auf sich allein gestellt.  Édouard beginnt sich Masken zu basteln, damit niemand sein entstelltes Gesicht sehen muss.

Man hatte langsam die Nase voll von diesen Helden! Außerdem waren die wirklichen Helden tot! (S.155)

Auf die Kriegsheimkehrer wartet in Paris der gesellschaftliche Untergang. Keine finanzielle Hilfe, also kein Geld für Medizin oder die Miete. Pierre Lemaitre, der zuvor Kriminalgeschichten geschrieben hat, malt ein ziemlich düsteres Bild der französischen Nachkriegsgesellschaft.

Die Zeit, in der die Politiker mit der Hand auf dem Herzen erklärten, der Staat sei ’seinen lieben Frontsoldaten zu Ehre und Dank verpflichtet‘, war längst vorbei. Albert hatte ein offizielles Schreiben erhalten, in dem es hieß, die wirtschaftliche Situation des Landes erlaube es nicht, ihm seine alte Stelle zu geben. Deshalb sei es notwendig, all jene aus dem Dienst zu entlassen, die ‚unserem Land in diesem grausamen Krieg einen bedeutenden Dienst‘ erwiesen hätten und so weiter. (S.158)

Allerdings gibt es einen Mann, der vom Krieg profitiert. Der ehemalige Leutnant Pradelle, der Mitschuld an dem Unglück von Albert und Édouard trägt,  macht das Geschäft seines Lebens mit der Umbettung von Toten durch die Armee auf eigens eingerichtete Soldatenfriedhöfe und wird so zum Millionär. Sein Trick: wenn man die Leichen klein faltet oder wahlweise hackt, kann man die Särge kleiner bauen und so mehr Tote auf einem Friedhof unterbringen. Und wenn man polnische Totengräber anheuert, sind sie günstiger als französische. Außerdem lernt Pradelle eine hübsche Frau kennen, die Geld hat und einen Namen, den er auch gerne hätte. Dass Pradelle dabei ist, in Edouards Familie einzuheiraten, weiß der Leutnant nicht.

Brutal, kaltblütig, kaltherzig, fies, geldgeil – zu Pradelle fallen mir diverse Adjektive ein. Dass die Freunde Albert und Édouard allerdings selbst einen eigenen Coup starten, der Pradelles Unternehmen in den Schatten stellt, ist ein grandioser Streich von Lemaitre, der das Kriegsdrama im zweiten Teil in eine Gaunerkomödie verwandelt (ohnehin weicht die Schwere des Anfangs, die Verstrickungen von Pradelle mit der Schwester von Édouard gehen schon fast ins schlagerfilm-/operettenhafte).

Albert und Édouard planen Kriegsdenkmäler zu verkaufen. Jedes Dorf braucht ein Kriegsdenkmal und der Künstler Édouard malt die Szenen des Krieges so schablonenförmig, wie die Öffentlichkeit sie gerne hätte. Denn wen interessiert schon, wie es wirklich gewesen ist?  In einer Gesellschaft, in der Tote mehr wert sind, als die Überlebenden, eine ziemlich lukrative Angelegenheit.

Pierre Lemaitre ist für den Roman Wir sehen uns dort oben 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, der Roman war ein Bestseller in Frankreich. Kein Wunder, denn die Geschichte über diese besondere Freundschaft von zwei Außenseitern nach dem Ersten Weltkrieg ist grandios auf den Punkt und wirklich mitreißend geschrieben. Absolute Leseempfehlung.

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben. Aus dem Französischen von Antje Peter (Titel der Originalausgabe: Au revoir lá-haut). btb 2017.

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Sophie hat ihren Job verloren, kein Geld mehr, hockt in ihrer Wohnung und fängt an zu schreiben, zum Beispiel darüber, wie sie ihre geliebten Bücher in einem Second-Hand-Buchladen verscherbelt. Als der Teufel aus dem Badezimmer kam ist ein witziges Buch über eine unerschrockene Poetin, die ihre ganze Kreativität in die Waagschale wirft, um nicht (finanziell) unterzugehen.

Am Anfang steht eine Zahl: 17,70 bleiben Sophie noch bis zum Ende des Monats. Sie hat sich verkalkuliert. Als Schriftstellerin ist sie ohnehin knapp bei Kasse und der Wärmestrahler, den sie über den Winter aufgestellt hat, beschert ihr im Frühjahr eine hohe Stromrechnung, die fast ihre gesamte Sozialhilfe auffrisst. Permanent sitzt ihr der Teufel im Nacken, der sie in ihrer Wohnung besucht und sie verführen will, ihre wertvollen verbleibenden Euros auszugeben. Das klingt in erster Linie nach einer ziemlich dramatischen Situation, aber Sophie gibt nicht auf und schreibt stattdessen einen Roman, in dem sich die Realität endlich einmal (!) der Fantasie unterordnen muss. Ihre finanzielle Zwangslage ist zwar der Ausgangspunkt des Romans, aber durch ein Feuerwerk absurder Ideen, wirkt die Geschichte in erster Linie weder tragisch, noch traurig, sondern ist unglaublich witzig und mit einem guten Gespür für subtile Gesellschaftskritik geschrieben.

Der Arme Poet

Schon 1839 hatten es Künstler*innen nicht leicht, wie Carl Spitzweg auf seinem Bild „Der arme Poet“ ziemlich einleuchtend darstellt. Es regnet durch die Decke, die wenigen verbliebenen Bücher sind um das Bett versammelt und der arme Poet trägt eine Mütze, wahrscheinlich weil es ihm sonst in seinem Zimmer zu kalt ist. Sophie geht es ähnlich, allerdings schlägt sie sich mit den Phänomenen der Gegenwart herum. Sie lehnt es ab, ihre Mutter oder ihre Brüder in ihre finanzielle Notlage einzuweihen. Vor ihrer Familie kann sie schon gar nicht zugeben, dass sie mit Ende 30 immer noch keinen Job hat und ihre Karriere als Schriftstellerin nicht in die Gänge kommt. In dieser Situation hilft es wenig, dass immer wieder die Kommentare ihrer Mutter in ihren Gedanken auftauchen.

„Ach, Kind!“, kraquäkte meine Mutter, „ich hatte ja keine Ahnung, dass du so arm bist. Um das zu erfahren, muss ich also deine Bücher lesen … Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugelassen, dass du diese verflixte Literatur zu deinem Beruf machst.“ (S.17)

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Sophie Divrys Roman ist nicht nur so genial gut, weil es um eine Frau geht, die ihr Leben radikal dem Erfolg ihrer Kunst unterordnet. Divry thematisiert Phänomene der Gegenwart, die aktuell sind und jede_n treffen können: die absurden Forderungen der Arbeitsagentur, in der Sophie bald nur noch verwaltet wird; der Versuch, jeglichen Besitz (selbst Lieblingsbücher) noch irgendwie zu Geld zu machen und gleichzeitig das Gefühl, zu den Ausgeschlossenen und gesellschaftlich Abgestiegenen zu gehören. Ein Gefühl, das Sophie noch mehr quält, als der ständige Hunger.

 

 

 

Sobald einem die geringste Idee kommt, kann man sie sich schon nicht mehr leisten. Es fällt uns normalerweise nicht auf, aber letztendlich ist jede Handlung mit einer Ausgabe verbunden. Wer spazieren geht, steigert seinen Appetit. Wer sich mit Freunden trifft, muss unter Umständen einen ausgeben. Dabei braucht man gerade, wenn man knapp bei Kasse ist, Ablenkung und Unterhaltung. Es ist eine Trotzreaktion, ein rebellischer Instinkt, der einem zuflüstert: Wenn schon keine Arbeit, dann wenigstens Spaß… (S.27)

Abgesehen davon, dass ich selten einen so ehrlichen und authentischen Roman gelesen habe, wartet Divry mit einer Menge komischen und witzigen Ideen auf, die sich als künstlerische Rettungsanker erweisen. Da wehrt sich der Toaster mit Händen und Füßen dagegen, bei Ebay versteigert zu werden („Wie kannst du so grausam mich opfern? Warum mich morden, was hab ich getan? Mit welchem Recht, wer hat’s dir befohlen?“ (S.83)), ihr ebenfalls arbeitsloser Musikerfreund Hector hat eine Affäre, die Sophie bis ins Detail ausschmückt, denn Sex sells und irgendjemand muss ihr Buch ja kaufen, es werden die drei Schritte einer „effektiven Andiedeckestarrung“ vorgestellt und irgendwann kippt das Schriftbild in Richtung konkrete Poesie. Obwohl Thea Dorn ein ganz anderes Thema  verhandelt, fühlte ich mich allein durch den spielerischen und kreativen Umgang mit Sprache an ihren Roman Die Unsterblichen erinnert. Zudem besteht der Roman aus drei Teilen, denen jeweils unterschiedliche Motti vorangestellt sind, die an Texte aus dem Barock erinnern und zusammenfassen, was die Heldin als nächstes erleben wird. Das macht unglaublich viel Spaß und ist gleichzeitig sehr authentisch und treffend beschrieben.

Meine Familie hatte keine Ahnung, dass Arbeitslosigkeit nicht zu Beginn am schlimmsten ist. Am schlimmsten ist sie, wenn man sich genau diese Vorstellung zu eigen macht – dass nichts Neues mehr passieren wird, von meiner Rückstufung als Sozialleistungsempfängerin abgesehen. Diese Etappe, die erst lange meiner Entlassung erfolgte, blieb von meiner Familie unbemerkt. (S.130)

Zum Ende hin, können die vielen sprachlichen Experimente allerdings auch ein wenig ermüden. Zum Glück triumphiert die Kunst über die Arbeitslosigkeit, das ist wahrscheinlich das Schönste an diesem Roman. Und weil ich die Widmung so mag, erwähne ich sie hier auch noch schnell: „Dieses Buch widme ich den Unproduktiven, den Kindern, den Ausgehungerten, den Träumern, den Nudelessern und ,Niedergeschlagenen'“ – ich muss ehrlich sein, bereits auf der ersten Seite, hat Sophie Devry da bei mir einen Nerv getroffen. Vielleicht wegen der träumenden Nudelesser, ich weiß es nicht. Vor Kurzem hat Mareike über französische Badass-Schriftstellerinnen geschrieben, Sophie Divry gehört auf jeden Fall dazu.

Sophie Divry – Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczy. Ullstein 2017.

Ich habe den Roman auf vorablesen.de gewonnen, vielen Dank.

 

Vintage

Eine mysteriöse Gitarre, die Welt des Blues, ein abgerockter Elvisimitator, ein vergessenes Musikgenie und ein ungewisser Roadtrip, sorgen  in Vintage  für eine Menge Spannung.

VintageThomas ist Musiker und Gelegenheitsjournalist, als ihm der Deal seines Lebens präsentiert wird. Ein reicher schottischer Lord und passionierter Gitarrensammler tritt an Thomas heran und bittet ihn um Hilfe. Lord Winsley ist ein Musikliebhaber durch und durch. Er lädt Thomas in seine Residenz ein. Das Boleskine House , in der Nähe von Loch Ness, war lange Zeit der Wohnsitz von Jimmy Page, der das Anwesen in der Anfangszeit von Led Zeppelin erwarb. Die Atmosphäre hat trotzdem eher was von Graf Dracula, das liegt unter anderem daran, dass der Lord eine große Vorliebe für Aleister Crowley hegt. Aber da befindet er sich ja in guter Gesellschaft. Die Beatles, die Stones, Black Sabbath, Led Zeppelin und Bowie sollen sich alle mal eine Zeit lang mit dem britischen Okkultisten und seinen Schriften auseinandergesetzt haben.

Thomas Auftrag ist es nun, zu beweisen, dass es die Gibson Moderne, die legendärste Gitarre aller Zeiten, wirklich gegeben hat. Kann Thomas die Existenz der Gitarre beweisen, verspricht ihm der (dunkle) Lord eine Million. Ein Zehntel des Schätzwertes des Instruments. Das motiviert natürlich. Auch wenn seine Kollegen die Existenz dieser Gitarre anzweifeln.

André versorgte mich mit zahlreichen Details und Überlegungen dazu, wie die Moderne beschaffen sein könnte, beziehungsweise vor allem dazu, wie sie angesichts der damaligen Fertigungstechniken nicht beschaffen sein konnte. Ihm selbst war schon die eine oder andere Kopie untergekommen. Er erzählte mir von Sammlern, die jahrzehntelang vergeblich nach dieser Gitarre gefahndet hatten, und von anderen, die behaupteten, sie gefunden zu haben, sie aber nicht herausrückten. (S.65)

Thomas stürzt sich in die Recherche und reist auf den Spuren der Moderne einmal quer durch Amerika. Dabei trifft er auf unterschiedliche Menschen, die alle mit Musik zu tun haben und von dem Geheimnis um die mysteriöse Gitarre wissen. Wenn es um so viel Geld geht, ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis der erste Tote gefunden wird. Weiß Thomas, worauf er sich da eingelassen hat?

Ich mag Musik, aber ich kenne mich weder mit Blues, noch mit verschiedenen Gitarren richtig aus. Aber das hat mich gar nicht gestört. Hervier schafft es, in seinen Text unterschiedliche Bezüge zu echten Rockstars und Bluesstücken einzubauen. Neben dem spannenden Roadtrip hatte ich also das Gefühl, nebenbei noch Wissenswertes über Musikgeschichte lockerflockig präsentiert zu bekommen. Auf der Verlagsseite gibt es zusätzlich noch ein Mixtape, auf dem die unterschiedlichen Songs, auf die sich Hervier bezieht, angehört werden können. Das sind kleine Details, die ich wahnsinnig gerne mag. Nicht umsonst habe ich mich in meinem Studium auch  mit Popmusik beschäftigt und bin treue Spex-Abonnentin (ihr wisst, was ich meine…). Ein weiteres fancy Detail, das ich mag: die Kapitelüberschriften, die wie ein guter Song aufgebaut sind (Intro – Erste Strophe – Refrain – Zweite Strophe – Refrain – Dritte Strophe – Bridge – Solo (1. Teil) – Solo (2. Teil) – Refrain – Outro).

Vintage ist ein Rock- und Bluesthriller für Musiknerds und alle, die es werden wollen. Ziemlich cool, witzig, spannend und von einem Menschen geschrieben, der Musik liebt und sich verdammt gut auskennt. Das Ende setzt der ganzen Geschichte dann noch einmal die Krone auf und kam für mich absolut überraschend. Super Buch, super Musik. Für meinen Geschmack hätte der Roman ruhig noch ein bisschen dicker sein können. ;)

Grégoire Hervier – Vintage. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs. Diogenes 2017.

 

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

 

 

Fakt & Fiktion – Nach einer wahren Geschichte

Wenn ihr bisher noch keinen Roman von Delphine de Vigan gelesen habt, solltet ihr das schnellstmöglich ändern. Nach einer wahren Geschichte ist ein fantastisches Meisterwerk, poetische Reflexion und geniale Spielerei. Das funktioniert besonders gut, wenn man den Vorgängerroman Das Lächeln meiner Mutter kennt.

Das erste Buch, das ich von der französischen Schriftstellerin gelesen habe, war No & ich. Es geht um das Leben auf der Straße, um Freundschaft. Es ist eine schön erzählte, sehr berührende Geschichte, die letztlich auch de Vigan zum Durchbruch als Schriftstellerin verholfen hat. Ihr Nachfolgewerk war für mich sehr überraschend. Ein Buch zu dem ich keine Rezension geschrieben habe, weil ich es einfach für mich behalten wollte. Kennt ihr diese Romane, die ihr nur für euch lest und die ihr gar nicht besprechen oder beschreiben wollt? Das Lächeln meiner Mutter ist eine autobiographische Auseinandersetzung, die nicht leicht zu lesen ist. Delphine de Vigan spürt dem Leben ihrer Mutter nach, erkundet die Gründe für ihren Suizid und beginnt ihre Verwandten über das Leben ihrer Mutter zu befragen. Dabei macht sie auch vor eigenen schmerzhaften Erinnerungen nicht halt. Das Buch hat mich sehr beeindruckt. Und nicht nur mich. Wochenlang stand es auf Platz 1 der französischenBestsellerliste.

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