Ein Gentleman in Moskau

Ein Gentleman in Moskau

Moskau, 1922. Graf Rostov wird vom Revolutionskomitee zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem besten Hotel am Platz. Und das ist sein Glück. Fast wäre er hingerichtet worden, aber ein Gedicht, das er mehrere Jahre zuvor veröffentlicht hat, rettet ihm das Leben.  Das Komitee einigt sich darauf, dass der einst so hellsichtige Geist des Grafen im Kontakt mit der adligen Klasse moralisch korrumpiert wurde. Das kann passieren und soll natürlich laut Komitee angemessen bestraft werden – aber glücklicherweise nicht mit dem Tod.

Der Graf darf nur das Hotel nicht mehr verlassen. Das ist die Ausgangslage für Amor Towles und der Beginn einer ungewöhnlich feinsinnigen Erzählung über das Leben in Gefangenschaft. Genauer gesagt,  in einer jahrzehntelangen Gefangenschaft in einem geschichtsträchtigen Haus, das sich ebenfalls im Wandel der Zeit befindet.

Graf Rostov ist niemand, der unter der Situation leidet oder anfängt, Trübsal zu blasen. Getreu seinem Motto: „Wenn man nicht Herr über seine Umstände ist, so werden die Umstände Herr über einen selbst“, beginnt sich der Graf in seiner Gefangenschaft einzurichten. Er lässt sich durch nichts in seiner Höflichkeit oder seinem Optimismus erschüttern. Von seiner Suite zieht er in eine Dachkammer im obersten Stock, die Hälfte seiner Möbel muss er zurücklassen und noch nicht einmal alle seine Bücher passen in sein neues Zimmer. Aber der Graf bleibt pragmatisch. Wenn er das Hotel nicht mehr verlassen kann, versucht er sich eben den Essays von Michel de Montaigne. Wann hat man schon Zeit dafür, einfach mal zu lesen?

Es war sicherlich zehn Jahre her, dass der Graf sich vorgenommen hatte, dieses in allen Landen gelobte und von seinem Vater hochgeschätzte Werk zu lesen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Finger auf  den Kalender gezeigt und erklärt hatte: Diesen Monat widme ich mich den Essays von Michael de Montaigne, hatte das Leben mit einer teuflischen Verlockung gewirkt. Sei es, dass unerwartet ein Liebesinteresse aufgekommen war, an dem er guten Gewissens nicht vorbeigehen konnte, oder dass sein Bankier angerufen hatte oder dass der Zirkus in die Stadt gekommen war. Das Leben hatte seine Verlockungen, fürwahr. Doch hier waren die Umstände endlich derart, dass sie den Grafen nicht ablenken, sondern ihm im Gegenteil Zeit und Muße schenken würden, so dass er sich dem ganzen Buch widmen konnte. (S.35)

Amor Towles hätte eine unendlich langweile Geschichte geschrieben, wenn es nur um den lesenden Grafen gehen würde. Stattdessen beginnt der Graf bald das Hotel mit anderen Augen zu sehen. Das liegt unter anderem auch an einem besonderen Hotelgast. Die neunjährige Nina schließt Freundschaft mit dem Grafen und zeigt ihm alle geheimen Gänge und Ecken, von denen der Graf noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.

Immer wieder sind es kleine Begegnungen, die dem Grafen neue Lebensqualität versprechen. Als der Graf beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er die Situation nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aushält, entdeckt er, dass einer der Hausmeister auf dem Dach des Hotels eine Imkerei betreibt. Ein Honigbrot rettet den Abend und der Graf hat einen neuen Freund gefunden.

 Im Laufe der Zeit, gelingt es Graf Rostov, viele wichtige Personen ins Hotel zu manövrieren und mit ihnen Kontakt zu halten: seinen besten Freund Michail, ein Schriftsteller, der anfänglich noch an die sozialistische Revolution glaubt, wichtige Leute vom Geheimdienst, eine berühmte Schauspielerin. Der Graf lässt alle ins Hotel kommen. Als Rostov die Gelegenheit bekommt, als Aushilfskellner einzuspringen, sagt er nicht nein. Wenigstens hat er so das Gefühl, dass er ein bisschen für Ordnung sorgen kann, wenn ihm sonst nur der Blick aus dem Fenster bleibt und das gesellschaftliche Leben an ihm vorbeirauscht.

Aber es ist nicht seine Position als Kellner, die den Grafen für immer verändern wird. Es ist eine neue Rolle, die der Gentleman und Lebemann sich nie hätte träumen lassen. Jahre später kehrt Nina ins Hotel zurück. Sie ist mittlerweile Mutter geworden und überlässt ihre Tochter Sofia der Obhut des Grafen, der immer noch nicht das Metropol verlassen darf. Nina kann sich keinen besseren und sicheren Platz für das Mädchen vorstellen. Der Graf hat mittlerweile viele Freunde gefunden, die Näherin Marina, den Koch Emile, den Kellner Andrei. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und versuchen politische Verstrickungen so gut es geht außerhalb des Hotels zu lassen. Aber das ist mit einem unter Hausarrest stehenden Grafen natürlich nicht so einfach. Gemeinsam versuchen sie Sofia eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Wenn auch eine Kindheit in einem goldenen Käfig. Aber für Sofia wächst der Graf über sich hinaus.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, nicht nur, weil Graf Rostov eine Figur mit sehr viel Haltung und Charme ist, auch weil der Roman meisterhaft geschrieben ist. Amor Towles hat eine Geschichte über Mut und Courage geschrieben und darüber, dass man nie aufgeben sollte, sondern viele Situationen mit stoischem Optimismus ertragen kann. Man muss nur auf den richtigen Moment warten – und der kommt bestimmt.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. List 2017.

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Swing Time

ZadieSmith

 Swing Time ist ein Porträt einer besonderen Freundschaft. Es beginnt mit zwei Mädchen in den 1980er Jahren und der Liebe zum Tanzen…

 

 

Wir hatten beide den identischen Braunton, als hätte man ein Stück hellbraunen Stoff durchgeschnitten, um uns beide daraus zu machen, unsere Sommersprossen sammelten sich an den gleichen Stellen, wir waren gleich groß. (S.19)

Die namenlose Ich-Erzählerin begegnet ihrer Freundin Tracey  zum ersten Mal 1982 in der Ballettstunde von Miss Isobel. Beide Mädchen haben schwarze Mütter und weiße Vater und beide träumen davon, die Londoner Sozialwohnungen endlich hinter sich zu lassen. Die Mutter der Ich-Erzählerin ist in dieser Hinsicht deutlich ambitionierter als Traceys Mutter. Sie stammt ursprünglich aus Jamaica, glaubt daran, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg ist und schreibt sich als erwachsene Frau noch einmal an der Uni ein.

Ich wusste, dass meine Mutter von zu Hause fortgegangen war, um genau dem zu entkommen, damit ihre Tochter einmal nicht als Kind mit Kind endete, denn ihre Tochter sollte nicht einfach nur über die Runden kommen, wie meine Mutter es getan hatte – sie sollte wachsen und gedeihen und möglichst viele unnötige Fähigkeiten erwerben, Steppen beispielsweise. (S.36)

Aber die Ich-Erzählerin scheitert kläglich im Steppkurs und später auch im Ballett. Tracey hingegen hat großes Talent. Von Anfang an schwingt eine große Rivalität in der Freundschaft der Mädchen mit. Dabei geht es nicht nur um den Tanzunterricht. Die Familien der beiden könnten, trotz gleicher Größe und Sommersprossen, nicht unterschiedlicher sein. Traceys Vater ist dauernd im Gefängnis, ihre Mutter interessiert sich kaum für ihre Tochter. Als die Ich-Erzählerin ihre kurze Ballettkarriere aufgibt, gestaltet sich auch die Freundschaft zu Tracey zunehmend schwierig.

Während die Mädchen als Kinder zusammen Tanzfilme sahen, sind diese idyllischen Zeiten bald vorbei. Besonders beeindruckte die Ich-Erzählerin der Film Swing Time,  ein Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers von 1936. Im Film tritt Fred Astaire mit Blackface auf – sein Tanz soll eine Hommage an den schwarzen Stepptänzer Bill Robinson sein.  Als Kind hat die Ich-Erzählerin den Film geliebt, als sie ihn als Erwachsene noch einmal sieht, ist sie geschockt von der rassistischen Darbietung. Tracey versucht ihr Glück am Theater, die Ich-Erzählerin stürzt sich ins Studium. Als sie bei einem Radiosender arbeitet, lernt sie die Sängerin Aimee, ein gefeiertes Popsternchen, kennen. Die Ich-Erzählerin wird Aimees Assistentin und hört zwölf Jahre nichts mehr von Tracey – bis sich der Spannungsbogen zum Prolog wieder schließt. Der Roman entfalte eine Geschichte vom Siegen und Scheitern und von den Potenzialen, die in einer Freundschaft stecken und die verloren gehen können.

In der Zwischenzeit folgen die Leser*innen dem Weg der beiden Freund*innen: wird sich Traceys Traum vom Broadway erfüllen? Und wohin führt der Weg der Ich-Erzählerin? Smith schickt die Leser*innen auf eine Reise durch die Sozialwohnungen Londons über New York bis nach Gambia. Zadie Smith erzählt nicht chronologisch, sondern wirft Schlaglichter auf verschiedene Stationen im Leben der Ich-Erzählerin, die immer wieder eine Verbindung zu Tracey sucht, selbst wenn sie die ehemalige Freundin nur auf einem Plakat sieht oder ihren Namen googelt. Durch diesen Aufbau werden viele verschiedene Themen wie Freundschaft, kulturelle Identität oder die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern immer wieder präsent.

„Es ist ein Leben im Schatten, und irgendwann zermürbt einen das. Kindermädchen, Assistentinnen, Agentinnen, Sekretärinnen, Mütter – Frauen sind das gewohnt. Männer haben eine niedrigere Toleranzschwelle.“ (S. 448)

Es ist zunächst ein wenig irritierend, dass die Ich-Erzählerin in diesen ganzen Beschreibungen relativ konturlos bleibt. Sie führt lange Zeit ein solches Leben im Schatten, definiert sich in Abgrenzung zu Tracey oder zu Aimee, aber wirkt häufig sehr passiv. Sie wirkt eher wie eine Linse, durch die man Traceys Leben verfolgt oder das Leben ihrer Mutter, die nach ihrem Studium in der Politik Erfolg hat. Ihre Identitätslosigkeit geht mit ihrer Heimatlosigkeit einher und auch ihr fehlende Name (helft mir, wenn ich ihn überlesen haben sollte) trägt zu diesem Eindruck bei. Gleichzeitig werden über die Ich-Erzählerin die unterschiedlichen Themen, ob aus Pop oder Politik, die Identität bestimmen, kanalisiert. Und das kann auch der King of Pop sein, den die Ich-Erzählerin zufällig im Fernsehen sieht.

Also, Michael, sagte sie, kommen wir jetzt zu dem Punkt, der im Zusammenhang mit dir vielleicht am meisten diskutiert wird, die Tatsache nämlich, dass deine Hautfarbe so ganz anders ist als früher, das hat ja eine Menge Spekulationen und Kontroversen ausgelöst, was du hast machen lassen oder noch machen lässt …? (S.327)

Neben der Geschichte der Freund*innen werden also unendlich viele weitere Diskurse und Themen angeschnitten. Ein wichtiges Thema, das neben dem Thema Gender zur Sprache kommt, ist Race und dabei vor allen Dingen auch kulturelle Appropriation. Das fängt schon damit an, dass Aimee eine Fotoaustellung hat, in der sie Fotos ausstellt, die sie von einem anderen Künstler abfotografiert hat. Die Popsängerin Aimee generiert sich in einer White-Savior-Mentalität zur Retterin der „armen Kinder in Afrika“ und plant eine Schule zu bauen. Die Ich-Erzählerin muss als Aimees Assistentin vor Ort sein und die Umsetzung des Projekts koordinieren. Wurde sie in London noch als Schwarz gelesen und als eindeutig zur Unterschicht gehörend, erscheint sie in Gambia wie eine Weiße, die denselben Retter-Komplex hat wie Aimee und ein privilegiertes Leben führt. Es geht um Zugehörigkeiten und soziale Codes, die das Individuum bestimmen. Smith gelingt es dabei meisterhaft zu zeigen, wie variabel diese Zugehörigkeiten sind.

Zadie Smith hat einen Roman geschrieben, den ich innerhalb weniger Tage verschlungen habe. Die Geschichte ist so komplex und gleichzeitig genial aufgebaut, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Es ist nicht nur die tolle Story, die mich begeistern konnte,  auch Smiths Schreibstil hat mich beeindruckt.

Habt ihr vielleicht noch andere Lesetipps für mich? Welche Bücher von Zadie Smith würdet ihr noch empfehlen?

 

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. 625 Seiten.

Kiepenheuer & Witsch 2017.

 

Weitere Rezensionen findet ihr bei

Portable Magic Pages

Lottekind

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen. Vielen Dank!

 

 

 

 

 

Alles, was ich nicht erinnere

Alles was ich nicht erinnere von Jonas Hassen KhemiriSamuel ist bei einem Autounfall gestorben. Mit Vollgas soll er den alten Opel seiner Oma vor einen Baum gesetzt haben, mitten im Zentrum von Stockholm. War es wirklich ein Unfall oder hat er sich das Leben genommen? Zurück bleiben viele offene Fragen und Geschichten von Menschen, die glauben, Samuel gekannt zu haben. Ein Roman über Freundschaft, Liebe, Identität und Migration.

Alles, was ich nicht erinnere ist ein Roman, in dem vieles zunächst angedeutet bleibt. Ein Schriftsteller, dessen genaue Beziehung zu Samuel lange im Dunkeln bleibt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Freunde des Verstorbenen zu besuchen und sie über Samuel und die letzten Tage seines Lebens zu befragen. Die „Interviews“ bilden die einzelnen Kapitel des Romans, ansonsten bleibt der Schriftsteller im Hintergrund.

Der Nachbar gibt mir die Hand und wünscht mir Glück bei dem Vorhaben, Samuels letzten Tag zu rekonstruieren. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann halten Sie es schlicht. Einfach erzählen, was passiert ist – von vorne bis hinten. Ich habe Auszüge aus Ihren anderen Büchern gelesen, und da hat man ein bisschen das Gefühl, dass Sie es sich unnötig schwer gemacht haben. (S.22)

Aber so einfach ist das gar nicht. Denn über den genauen Ablauf der Ereignisse und die Gründe für den Unfall (?) besteht keinesfalls Einigkeit. Es gibt vier Menschen, die in Samuels Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben. Seine Oma, sein bester Freund Vandad, seine Freundin Laide und die Pantherin, eine Künstlerin, die in Berlin lebt. Jede:r der Freunde hat eine andere Version der Ereignisse. Genau wie der Pfleger aus dem Altenheim, Samuels Mutter oder der Nachbar. Manche sagen, Samuel sei depressiv gewesen und hätte alles schon lange geplant. Andere behaupten, es war wirklich nur ein Unfall. Manche geben seiner Freundin Laide die Schuld und andere wiederum behaupten, Vandad, ein Schrank von einem Mann, habe Samuel in zwielichtige Geschäfte verwickelt.

In wechselnden Abschnitten kommen die vielen Stimmen zu Samuels Leben zu Wort, dabei liegt der Fokus eindeutig auf Vandad und Laide, die sich nicht besonders gut leiden konnten. Laide hat lange in Paris gelebt, ist sehr idealistisch veranlagt, demonstriert gerne und setzt sich in ihrer Freizeit für geflüchtete Frauen ein. Samuel arbeitet zwar im Amt für Migration, aber bevor er Laide kannte, ging sein Engagement nicht über seinen Job hinaus. Doch das sollte sich bald ändern. Vandad hingegen schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, geht ins Fitnessstudio und hängt der gemeinsamen Schulzeit mit Samuel nach, die für ihn das Fundament der Freundschaft bildet, die sich über die Jahre verfestigt hat. Häufig sitzt er vor dem PC, verdient sich sein Geld als Umzugshelfer oder schreibt wenig erfolgreich Bewerbungen. Visionen für seine Zukunft hat er nicht, das Zusammenleben mit Samuel reicht ihm völlig aus.  Laide hingegen kann Vandad und seinem „in-den-Tag-hinein-leben“ gar nichts abgewinnen, sie überzeugt Samuel davon, dass Vandad mehr zur Miete beitragen soll. Und damit und mit dem Haus von Samuels Oma und  Samuels spontan aufwallenden Verantwortungsgefühl gegenüber Menschen in Not, fangen die Verstrickungen an.

Kann man einen Menschen wirklich so gut kennen, dass man alle seine Facetten wahrnehmen kann? Oder konstruieren wir uns unsere Freunde und Menschen, die wir lieben, so dass sie zu uns passen? Und wer ist nun eigentlich verantwortlich für Samuels Tod und die Entwicklung der Ereignisse? Gibt es überhaupt einen Verantwortlichen? Gerade Vandad und Laide sind Figuren, die durch stark abweichende Fremd- und Selbstwahrnehmung unglaublich vielschichtig erscheinen und deren Motive gar nicht so leicht zu ergründen sind. Denn jede:r der Beteiligten behauptet für sich, die Wahrheit zu kennen. Gemeinsam ist den Protagonist_innen allein, dass ein Elternteil aus dem arabischsprachigen Raum kommt und sie gerade auch deshalb in der schwedischen Gesellschaft  nicht ganz Zuhause sind. Tatsächlich behaupten beide, Vandad und Laide, dass sie das Wichtigste in Samuels Leben waren. Oder Samuel in ihrem. Doch so einfach ist es eben nicht. Wer war Samuel eigentlich?

Die Ereignisse werden nicht chronologisch erzählt, immer wieder verfolgt man kleine Spuren. Anfänglich hatte ich einige Schwierigkeiten mit dem Roman.  Zu chaotisch erschienen mir die wechselnden Erzählstimmen und zu Durcheinander die Handlung. Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe. Es ist faszinierend zu erfahren, wie sich die anfänglich noch zerfaserten Ereignisse bald zu einem stimmigen und überzeugenden Ganzen zu fügen. Denn je länger ich mich mit Samuel und allen Details, an die sich jede:r einzelne ganz unterschiedlich oder auch gar nicht mehr erinnern kann, beschäftigt habe, desto spannender und intensiver wurde der Roman. Kein Wunder, dass eine Songtextzeile „Oh na,na, na, what’s my name?“ aus dem gleichnamigen Song von Rihanna dem Roman als Motte vorangestellt ist. Die verstorbene Hauptfigur des Romans hieß Samuel. Aber für seine Freunde hatte dieser Name ganz unterschiedliche Bedeutungen.  Große Leseempfehlung.

Jonas Hassen Khemiri – Alles, was ich nicht erinnere. DVA 2017.

Weitere Besprechungen findet ihr bei

 

[Rezension] Die Interessanten – Lass dich drücken, Mittelmäßigkeit!

Cover Die InteressantenManchmal kann ein Augenblick das gesamte Leben verändern. Für Julie Jacobson ändert sich ihr Leben an einem warmen Sommerabend irgendwann im Jahr 1974 an einem magischen Ort, der in der Ferienlager Broschüre „Spirit in the Woods“ genannt wird. Ein pädagogisch abgesicherter Ort, an dem die künstlerische Ader der meist gut betuchten Jugendlichen gefördert wird und an dem sich eine Clique der coolen Kids spätnachts noch zu konspirativen Treffen verabredet um im Kerzenschein über europäische Literatur und ihre Begeisterung für Günter Grass zu philosophieren. Warum Julie ausgerechnet bei diesem Treffen dabei ist, weiß sie selber nicht so genau. Sie ist sehr unsicher, hat eine Dauerwelle, mit der sie aussieht wie ein Pudel und versucht gerade noch den Tod ihres Vater zu verarbeiten. Ihre einzige Eintrittskarte zu dieser Hochburg der selbsternannten Kunstschaffenden besteht in einem Stipendium, das ihr irgendwie zugefallen ist. Und dann sitzt sie im Zelt und ist auf einmal witzig. Sie ist so schlagfertig, dass sie an diesem Abend nicht mehr die schüchterne Julie ist, sondern nur noch „Jules“ genannt wird. Jules ist besonders, Jules ist interessant und Jules hat was zu sagen. Auf ihre Initiative hin, nennt sich die Clique fortan „Die Interessanten“. Sie schwören feierlich, nie ein gewöhnliches, langweiliges und mittelmäßiges Leben zu führen.

Hat sich hier im Spirit in the woods vielleicht schon die künstlerische Elite von morgen versammelt? Ethan ist der kreative Kopf der Gruppe, ein Ausnahmetalent, das durch grandiose Ideen für Trickfilme glänzt und stundenlang im Filmschuppen des Camps herumbastelt – bei Jules aber aufgrund „außergewöhnlicher Hässlichkeit“ abblitzt. Nicht ihr Typ. Goodman ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Sehr gutaussehend, gesegnet mit reichen Eltern, einem fantastischen Wohnsitz an der Upper East Side und seine Schwester Ash ist genau so hübsch und unbeschwert wie er. Hätte die Clique ein Machtzentrum, säßen Ash und Goodman am Hebel. Cathy ist angehende Tänzerin, die alle Männer um den Finger wickelt und Jonah der Sohn einer Folksängerin, der sich selbst als Musiker versucht (und dessen Name Jonah Bay doch sehr an die Folkikone der Zeit Joan Baez erinnert).

Viele Jahre später hat sich an der Cliquenkonstellation kaum etwas geändert – nur Cathy und Goodman fehlen. Warum möchte ich nicht verraten, nur soviel, Jules hat ihre ehemalige Freundin fallengelassen wie eine heiße Kartoffel und Goodman ist untergetaucht, gegen ihn läuft ein Haftbefehl. Aber von der Vergangenheit will niemand mehr sprechen, denn so ist das Leben und jeder muss sehen, wo er bleibt. Ash, Ethan, Jules und Jonah leben nach wie vor in New York und haben regelmäßig Kontakt, besuchen sich, sind beste Freunde und doch gibt es feine Risse im Gesamtgefüge. Denn das Leben ist nun einmal nicht gerecht und die Vorstellungen, die man mit 15 noch hochhält, lassen sich vielleicht nie verwirklichen. Es gibt kein Abo auf Erfolg, genauso wenig bleibt man für immer „interessant“. Gerade Jules knabbert an der Freundschaft mit Ash und Ethan, die mittlerweile ein hochangesehenes und sehr erfolgreiches Künstlerpaar sind. Jules Leben ist anders verlaufen. Sie ist Therapeutin geworden, ihre anfänglichen Schauspielambitionen im Bereich Comedy hat sie aufgegeben. Ihr Ehemann ist kein Künstler, sondern Ultraschalltechniker im Krankenhaus und ihre Tochter ist einfach nicht so besonders wie die Tochter von Ash und Ethan. Ethan hat ein Millionenimperium mit seinen Trickfilmen aufgebaut und seine Frau Ash ist in der feministischen Theaterszene unterwegs. Reality bites!  Als Cathy ihre Hilfe brauchte, war Ash eine der ersten, die zu ihrem Bruder hielt. Genau wie alle anderen.

Jules ist unglaublich neidisch auf ihre besten Freunde und ihren finanziellen Erfolg und bedauert sich selbst und ihr langweiliges Leben. Was, wenn damals im Camp doch alles anders gekommen wäre? Wäre sie dann die erfolgreiche Frau an Ethans Seite? Es dauert, bis sie bemerkt, dass es nicht der selbstgewählte Status der „Interessanten“ ist, der die anderen so leicht durchs Leben schweben lässt. Es ging schon immer um andere Dinge. Und sie selbst hat sich auf tragische Weise von der Macht und dem Einfluss ihrer Freunde moralisch korrumpieren lassen. Sie weiß Dinge über Ash, von denen Ethan keine Ahnung hat.

Ich habe immer gedacht, Talent sei alles, dabei war es immer schon das Geld. Oder die Gesellschaftsschicht. Und wenn nicht die, dann zumindest die Verbindungen.

Die Interessanten ist ein Roman, den man im besten Sinne als episch bezeichnen kann. Meg Wolitzer spannt einen Bogen von den 1970er Jahren bis heute und verwebt die Lebensgeschichten der verschiedenen Cliquenmitgliedern mit unterschiedlichen Diskursen der Zeitgeschichte. Sekten, Drogen, HIV, 9/11, Gentrifizierung, die Pharmaindustrie – da werden ziemlich viele Fässer aufgemacht, aber ich habe an keiner Stelle das Gefühl, dass die Themen außer Kontrolle geraten. Stattdessen werden auf sehr elegante und gekonnte Weise sämtliche Höhen und Tiefen des Lebens sehr menschlich und nachvollziehbar beschrieben. Es geht um die eigenen Wünsche und Vorstellungen, aber auch um tiefe Freundschaft. Wann sind Freunde noch Freunde? Wie sehr können wir uns verändern ohne unsere Freundschaft zu gefährden und wie viel Verschwiegenheit können wir alten Freunden abverlangen? Und worauf gründen sich eigentlich die Vorstellungen von uns selbst? Wann lassen wir das Camp hinter uns und werden erwachsen? Und wie leicht lässt sich am Ende die eigene Mittelmäßigkeit erhobenen Hauptes ertragen?

Die Interessanten ist Coming-of-Age-Roman und epochenübergreifendes Gesamtkunstwerk in einem, die Lektüre macht süchtig. Ich will einfach nur noch mehr lesen und ich bin traurig, als das Buch dann irgendwann doch zu Ende ist. 600 Seiten für so viel Inhalt ist fast zu kurz. Die Interessanten ist kein Wohlfühlbuch, aber ein Lieblingsschmöker, den ich absolut empfehlen kann. Und ich habe eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Die Klappentexterin vergleicht den Roman mit einem Regenbogen und das passt ganz wunderbar.

Meg Wolitzer – Die Interessanten (=The Interestings). Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Dumont 2015.

ISBN: 9783832163396

[Rezension] Kannibalen, Krieg und ein Kuss – Stadt der Diebe

„Ein Freund, ein guter Freund – das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sang das Vokalensemble Comedian Harmonists 1930.  Und auch mit der Geschichte dieser Musiker lässt sich eine Verbindung zu dem Roman Stadt der Diebe von David Benioff ziehen. Die erfolgreiche A capella-Gruppe durfte ab 1934 nicht mehr in Deutschland auftreten. Grund dafür war die neue Verordnung der Nazis, dass alle Künstler_innen Mitglieder der Reichskulturkammer sein mussten – drei der sechs Sänger waren aber Juden, so dass eine Mitgliedschaft bei der Kammer ohnehin verboten war. Die Comedian Harmonists verlegten ihre Auftritte ins Ausland bis schließlich die drei Nicht-Arier der Gruppe Deutschland 1941 verließen.

Auch der 17-jährige Jude Lew hat es wahrscheinlich an jedem anderen Ort der Welt besser, als in Leningrad, heute St. Petersburg, 1942. Seine Mutter und seine Schwester haben die Stadt bereits verlassen, er ist alleine in der ehemaligen Wohnung der Familie zurückgeblieben und versucht irgendwie zu überleben. In der Stadt gibt es keine Lebensmittel mehr. Auf Befehl Hitlers wurde Leningrad von 1941 bis 1944 von der Wehrmacht systematisch ausgehungert, indem alle Lebensmitteltransporte verhindert wurden. Die offiziellen Lebensmittelrationen sinken auf 125 Gramm – pro Tag, pro Einwohner_in. Die Menschen fallen einfach in den Straßen um oder versuchen Bücher zu essen, die sie als Kuchen braten. In Lews Stadt gibt es keine Tauben und keine Haustiere mehr, alles was essbar ist wird gegessen. Eines Abends bemerkt Lew, dass ein deutscher Soldat mit einem Fallschirm abspringt und er versucht mit seinen Freunden an die Lebensmittelration des Soldaten zu kommen. Blöderweise wird er von der russischen Armee festgenommen, weil er den Schnaps des Soldaten trinkt, anstatt den Toten zu melden und die Lebensmittelration abzugeben. Gerade als Lew glaubt, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat, lernt er im Gefängnis einen freundlichen Deserteur kennen, Kolja. Kolja, ehemaliger Student der Literaturwissenschaft und selbst unentschlossener Schriftsteller, verbringt mit Lew den vermeintlich letzten Abend in der Zelle. Am nächsten Morgen werden Lew und Kolja allerdings überraschenderweise nicht erschossen, ganz im Gegenteil, sie bekommen einen Spezialauftrag. Der Oberst möchte, dass die beiden etwas zur Hochzeit seiner Tochter beitragen. Lew und Kolja, der arisch aussehende Deserteur und der jüdische Plünderer, haben eine Woche Zeit um im ausgehungerten Leningrad 12 Eier zu besorgen – ansonsten droht der Tod…

Benioff schreibt nicht nur einen krassen und intensiv recherchierten Roman über den zweiten Weltkrieg, sondern auch eine gelungene Coming-of-Age-Geschichte. Eine dramatische und lustige Geschichte über Freundschaft, Verrat, Gefahren und den Versuch, irgendwie mit den schrecklichen Ereignissen klar zu kommen, ohne durchzudrehen. Dabei hat die Aufgabe des Oberst schon fast „verrückter Hutmacher-Qualität“, während Lew und Kolja ihr Leben riskieren. Die Geschichte von Kolja und Lew ist eine Geschichte über Freundschaft unter den allerschwierigsten Bedingungen. Obwohl sich beide erst einen Tag kennen, müssen sie gemeinsam eine Aufgabe lösen, die eigentlich unmöglich erscheint. Dabei müssen sie nicht nur dem Hunger und der Kälte trotzen, sondern begeben sich auch immer wieder in unterschiedlichste Gefahrensituationen. Sie werden nicht nur von den anderen Einwohner_innen der Stadt bedroht, die aufgrund des Hungers schon zu Kannibal_innen werden, auch die Suche an sich gestaltet sich schwierig. Doch so eine Aufgabe schweißt auch zusammen. Lew entdeckt in Kolja einen erfahreneren Freund, der ihm, besonders was Mädchen angeht, einige Tipps geben kann. Denn Kolja ist noch nicht einmal geküsst worden und wartet insgeheim auf die Richtige. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, er gefällt sicherlich auch Lesenden die Romane im Stil der Bücherdiebin mögen. Ich werde jetzt Comedian Harmonists hören…

David Benioff: Stadt der Diebe. Übersetzt von Ursula Maria Mössner.  Heyne (2009).

ISBN: 978-3-453-40715-2

[Rezension] Zsuzsa Bánk – Die hellen Tage

„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück“ (S.515)

18437-Bank-Die hellen Tage.inddKlappentext: In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt. Doch die scheinbar heile Welt einer Kindheit in den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, Ajas Vater kommt nur einmal im Jahr zu Besuch, und der gemeinsame Freund Karl hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist. Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen der Kindheit lotsen und ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben zu haben und sich in seine Mitte zu begeben …

Worum geht es?

In Zsuzsa Bánk Roman geht es um so viel, um Freundschaft, Liebe, Verrat, Verlust und dem sehnsüchtigen Warten auf die hellen Tage, die es vielleicht so nur in der Kindheit geben kann. Während die Welt der Kinder so zart, poetisch und zauberhaft beschrieben wird, merken die Lesenden und die Kinder schnell, dass es doch so viel gibt, dass die Idylle stört und dass die Mütter der Kinder aber immer wieder versuchen aufzufangen, auch wenn es nicht immer gelingt.

Im Zentrum der Erzählung, die von Seri in der Retrospektive erzählt wird, stehen dabei ihre beste Freundin aus Kindertagen, Aja und ihre Mama Èvi. Évi, die nicht lesen kann und bunte Tücher im Haar trägt, die in einer Baracke lebt, die ihr Mann Zigi, der alle Jubeljahre vom Zirkus zurückkehrt, für sie und die Tochter organisiert hat. Èvi, die Seiltänzerin, wartet auf Zigi, der aus dem Stand auf die Hände springt und mit ihr ein Fest für die Kinder gibt,  egal, wie lange er verschwunden bleibt. Èvi freut sich um so mehr, wenn er wiederkommt. Für Seri und Karl, der einfach eines Tages auftaucht, ist Ajas Haus keine Baracke, sondern ein fantastischer Ort, an dem sie sich zuhause fühlen können und den bald auch ihre Mütter kennen und lieben lernen, so dass es nicht nur eine Dreieckskonstellation auf Seiten der Kinder, sondern auch auf Seiten der Mütter entsteht.

Überhaupt ist Kirchblüt, der Ort, an dem die drei Freunde werden und ein Dreieck bilden, dass durch ihre Mütter gestärkt und verwoben wird, ein mystischer Ort. Irgendwie ist alles ganz, hier scheint so viel zu funktionieren, hier ist man füreinander da, hier liegen die „hellen Tage der Kindheit“, in denen sich das Dreieck bildet, zwischen den Aja und Seri und Karl, drei Figuren, die stark sind und den Anschein geben, als hätten sie sich ihre Außenseiterrolle wirklich selbst ausgesucht. Aber kann das denn stimmen? Wie viel wissen wir von dem, was hinter dem schiefen Tor, den „herbstnackten Feldern“ und den Erlebnissen am See wirklich liegt? Auch die Erzählerin hält sich zurück. Deutet hier etwas an oder da. Zum Beispiel, dass Aja mit ihrem Fahrrad in den See gefahren ist und das Fahrrad nicht mehr loslassen wollte, als Zigi einmal gegangen war. Und dass allein Seris Mutter, die beherzt in den See gesprungen ist, Aja (wahrscheinlich?) vor dem Ertrinken bewahrt hat. Oder die Leserin erfährt erst nachdem sie Aja und ihre Mutter schon lange kennt und weiß, wie besonders sie leben, dass Aja nicht mehr alle Finger an der einen Hand hat und dass sich ihre Mutter Èvi schuldig fühlt, weil sie einmal, einmal, nicht auf Aja aufgepasst hat.

Das zentrale Thema ist Schuld, Schuld, die sich wie eine unsichtbare Decke um die drei Freunde gelegt hat. Karl gibt sich die Schuld am Verschwinden seines Bruders, den zwei Sekunden, die dieser brauchte um ins Auto zu steigen. Seit dem klackt es in seinem Kopf im Zwei-Sekunden-Takt. Die Ich-Erzählerin Seri, und auch das erfahren die Lesenden sehr spät, muss mit ihrer Mutter leben, die sich irgendwie auch die Schuld am Tod von Seris Vater gibt. Vielleicht ist es auch deshalb für die Protagonist_innen so schwer, sich voneinander zu lösen. Ohnehin ergeben sich merkwürdige Verflechtungen zwischen den Figuren, die in Kirchblüt zwar funktionieren und an den Ort gebunden sind, die aber dysfunktional werden, sobald die Protagonist_innen das Dorf verlassen. So kümmert sich Seris Mama sehr um Aja und Seri kann nie verstehen, warum Aja ihre eigene Mutter oft von oben herab behandelt, während Karl und Èvi auch eine besondere Verbindung haben. Auch Karls Papa, hat sich, so scheint es, in Èvi verliebt, doch gegen Zigi hat er keine Chance. Als Seri, Aja und Karl, gemeinsam für einen Auslandsaufenthalt nach Rom aufbrechen, ist das Chaos spürbar. Obwohl das Dreieck in den hellen Tagen der Kindheit funktioniert hat, versucht Seri, herauszubekommen, ob sie schon im Vorfeld etwas gemerkt hat, ob sie schon etwas hätte ahnen können, eine Spur, die sich schon vor Rom angedeutet hat. Denn gerade Rom war für Seris Mutter in der Vergangenheit auch schon einmal entscheidend. In Rom geht es den beiden jungen Frauen Aja und Seri auf einmal um Karl, eine Frauenfreundschaft, die so eine Belastung nicht aushalten kann. Dann ist da auch noch dieser Brief von Libelle, der Frau, die Zigi immer wieder besuchte und für die er Èvi warten ließt und auf einmal wird deutlich, dass Zigi und Èvi vielleicht die größte Schuld tragen.

Das sage ich …

Die hellen Tage ist einer dieser Romane, die ich nicht aus der Hand legen konnte. Ich weiß zwar nicht wo dieses Kirchblüt liegen soll und ob es diesen Ort überhaupt gibt, aber ich habe mich erinnert gefühlt, an mich, an meine eigene Kindheit zwischen Kletterbäumen und Wiesen und so viel Wald. Spannend ist, dass sich innerhalb der Erzählung, die unglaublich langsam und mit sehr viel Liebe zum Detail erzählt wird, viele Verbindungen ergeben, die immer wieder aufgerufen werden, die immer noch einmal wiederholt werden. Erst nach und nach beginnt man zu merken, dass vieles eben doch nicht so idyllisch ist, wie es zunächst scheint, auch wenn Bánk in ihrer poetischen Sprache fast darüber hinwegtäuschen konnte. Doch es gibt Probleme und Schuld und Dinge, die verschwiegen werden und erst nach und nach ans Licht kommen. Dabei spannt Bánk einen Bogen von fast fünfzehn Jahren, in denen die Freunde erwachsen werden. Bittersüß, fällt mir zu dem Buch ein. Bittersüß und zärtlich, denn alle Figuren, egal wie falsch sie sich verhalten haben, behandelt Bánk sehr empathisch, so als gäbe es eben doch keine Schuld, als könne man doch so vieles verstehen und als blieben sie eben doch, diese Verbindungen der Kindheit, die Menschen, die uns lieben, die uns niemals verlassen. Das ganze Buch schwebt, die Lesenden schweben ein Stückchen mit, durch die hellen Tage, die man behält, während man die dunklen dem Schicksal zurückgibt. Auch wenn der Roman manchmal etwas an der Kitschgrenze rührt, ich kann ihn jedem empfehlen! Unbedingt.

Zsusza Bánk – Die hellen Tage. Fischer Taschenbuch Verlag 2012. 541 Seiten. 9,99 €.

ISBN: 978-3-596-18437-8