Willkommen in Lake Success

Barry Cohen ist ein armes Würstchen. Dabei ist er Hedgefondsmanager und hat einmal Milliarden verwaltet. Doch das war in einem früheren Leben. Im Moment hat er die Finanzaufsicht im Nacken und ist auf der Flucht. Quer durch die USA.


Barrys Privatleben ist leider auch nicht so rosig und so, wie er es sich immer ausgemalt hat. Sein Sohn Shiva erfüllt die überzogenen Erwartungen von Barry und seiner Ehefrau nicht. Das Kind ist anders und eine Diagnose steht im Raum, die Barry erkennen lässt, dass er sein Leben doch nicht hundertprozentig im Griff hat. 

Barry hatte Trump erst hassen gelernt, nachdem er sich auf einer Pressekonferenz über einen behinderten Reporter lustig gemacht und mit den Armen geschlenkert hatte, um seine Zuckungen nachzuahmen. Shiva tat das Gleiche – ,Flattertremor‘ hieß das -, wenn er einer großen unausgesprochenen Freude Ausdruck verleihen wollte. Wer über eine der wenigen geheimen Freuden seines Sohnes Witze machte, der verdiente es nicht zu leben.

Willkommen in Lake Success, S. 87


In Rückblenden erfahren wir, warum Barry den Greyhound besteigt und sich auf eine wilde Reise durch die USA und in seine Vergangenheit begibt. Shteyngarts dynamischer und geschickter Erzählstil sorgt dafür, dass man den Roman nach den ersten eher langsam anlaufenden Seiten, dann doch nicht mehr aus der Hand legen kann. Rückblenden und zeitliche Überschneidungen sorgen für Spannung, die zumindest im letzten Drittel auch gehalten wird. 


Wer großen Wert auf Helden und sympathische Figuren legt, wird nicht unbedingt auf seine Kosten kommen. Barry ist nicht sympathisch, kein Held, kein Vorbild, ein Looser und gleichzeitig auch ein naiver Mensch, der den Fortschrittsglauben des Silicon Valley inhaliert hat. Sein „kaputter“ Sohn und seine Frau, die für diese Misere verantwortlich ist – denn an seinen guten Genen könne es ja nicht liegen – sind der Hauptgrund für die Flucht. Trotzdem liebt er seinen Sohn, doch Barry ist auch unfassbar überfordert. Wo kann Barry hin? Er erinnert sich an seine Jugendliebe Layla, denn mit ihr war sein Leben noch in Ordnung, vielleicht hat sie Kinder, funktionierende und gute Kinder, die Barry als ihren neuen Vater akzeptieren? In einer Mischung aus Tagträumerei und Weltflucht macht sich Barry auf um Layla zu finden, damit er mit ihr das ehrlichere Leben der Collegezeit wieder aufnehmen kann.

Shteyngart nimmt uns mit in die Zeit kurz vor dem Amtsantritt von Trump und präsentiert ein zerrissenes Land vor der Wahl. Vielleicht so ähnlich wie die Figur Barry selbst. Man erfährt Details aus der Stimmungslage der amerikanischen Bevölkerung von den Ärmsten bis hin zu den reichsten der Reichen. Barry gehört dazu. Er hat einen Uhrentick und sammelt Uhren, die den Wert von Kleinwagen haben. Seine Frau Seema stürzt sich aus Verzweiflung in eine Affäre und es tauchen viele merkwürdige und skurrile Figuren auf. 

Willkommen in Lake Success muss sich erst entwickeln, die ersten Seiten ziehen sich. Doch dann hat mich der Roman begeistert. Die sarkastische Erzählweise von Shteyngart trifft nicht immer, aber meistens den richtigen Ton und den Zeitgeist. Die merkwürdigen Menschen, die er porträtiert, sind letztlich gar nicht so anders als wir selbst. Das macht den Roman so lesenswert.

Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Penguin 2019.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks als Rezensionsexemplar erhalten.

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