Go Set A Watchman

goset a watchman-largeMit Klassikern ist es immer so eine Sache. Sie sind kanonisch, häufig vielfach ausgezeichnet und man sollte sie wenigstens mal angeschaut haben. Als ich vor zwei Jahren To Kill A Mockingbird las, war ich begeistert. *klick* Seit Tribute von Panem frage ich mich, warum die Spottdrossel in der deutschen Übersetzung zur Nachtigall werden musste, aber das tat meiner Begeisterung für den Text keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Scout, Jem und Atticus waren für mich ganz besondere Figuren, der Text ein Appell an Menschlichkeit und Gerechtigkeit, in der sich besonders Atticus als leuchtendes Vorbild hervortat. Wahrscheinlich habe ich mich deshalb zu dieser euphorischen Bewertung hinreißen lassen: „Atticus ist einer von den ,Guten‘ […]. Mit dem weit verbreiteten Rassismus und den Anfeindungen seiner Nachbar_innen und Bekannten hat er einfach nicht gerechnet, da so ein Verhalten für ihn nicht rational nachvollziehbar ist.“

Als im Juli das erste Manuskript der Autorin nach 55 Jahren unter recht dubiosen Umständen entdeckt wurde, war ich sofort neugierig. Und die Diskussion um den Text war in vollem Gange: Hatten geschäftstüchtige Anwälte vor, sich am Ruhm der 89jährigen Autorin zu bereichern? Hatte Lee überhaupt eingewilligt, ihren Text veröffentlichen zu lassen? Und kratzt das neuentdeckte Werk am Erfolg des Nachfolgers, wenn der mutige Anwalt hier als übler Rassist dargestellt wird? Die Nachtigall hatte sich immerhin über 40 Millionen Mal verkauft und wurde bereits 1962 das erste Mal verfilmt. Keine Frage, dass der zweite Teil, laut Amazon, der Roman mit den meisten Vorbestellungen seit dem letzten Teil von Harry Potter wurde.

Go Set A Watchman hat wenig mit der Nachtigall zu tun. Jean-Louise, mittlerweile nennt sie keiner mehr Scout, ist 26 Jahre alt und kehrt für zwei Wochen aus New York nach Maycomb zurück. Sie hat in New York studiert (in welchem Fach sie ihren Bachelor gemacht hat, bleibt allerdings unklar) und muss jetzt nach ihrem Vater sehen, der an Gelenkschmerzen leidet. Und bereits auf den ersten Seiten ein Schock: Jem ist tot, er starb an derselben Herzerkrankung an der auch Jean-Louises Mutter verstorben ist. Die handelnden Personen sind relativ einfach zu beschreiben, vielleicht typisch für einen etwas klischeebesetzten 50er Jahre Roman: es gibt eine hübsche junge Frau, einen kranken Vater, einen toten Bruder, einen wartenden Schwiegersohn in spe, der auch noch in der Kanzlei des Vaters arbeitet, eine sorgende Großtante, die sich um den kranken Vater kümmert und einen verständigen Großonkel, der die Nichte, wenn sie mal nicht rund läuft, in die Schranken weist. Außerdem gibt es eine schwarze Hausangestellte, Calpurnia, die sich immer um die Kinder gekümmert hat und auch schon mal helfend eingreifen konnte, wenn Scout dachte, durch einen Kuss schwanger geworden zu sein. Nicht nur hier hatte ich das Gefühl, dass die Figuren zum Teil sehr platt angelegt sind. Hatte ich das Gefühl, dass in der Nachtigall noch einige Graustufen bleiben, fehlte es mir hier deutlich an Tiefgang und besonders die launig angelegte Episode um Scouts vermeintliche Schwangerschaft war für mich alles andere als unterhaltsam zu lesen. Stattdessen tat mir Scout einfach nur Leid. Nur durch Klassenkameradinnen und Calpurnia wird Scout schließlich aufgeklärt. Als sie als erwachsene Frau zurück kommt, kann sich Calpurnia, die mittlerweile dement ist, nicht mehr an sie erinnern. Und je mehr Bewohner_innen von Maycomb auf Jean-Louise treffen, desto stressiger wird ihre Rückkehr. Sie ist geschockt von der Engstirnigkeit in ihrem geliebten Heimatort und dem Alltagsrassismus, dem sie an jeder Ecke begegnet.

Die Geschichte plätschert vor sich hin, bis Jean-Louise entdeckt, dass sogar ihr Vater eine rassistische Broschüre besitzt und an Bürgerratssitzungen teilnimmt, an denen Weiße Südstaatler ungehindert für die Erhaltung der Rassentrennung argumentieren dürften. Nicht nur hier hätte ich mir gewünscht, dass die politischen Diskurse der Zeit durch einige Fußnoten deutlich gemacht werden. So hatte ich keine Ahnung, was der Prozess Brown gegen das Board of Education Kansas eigentlich bedeutete oder wer eigentlich die NAACP sind.

Als Jean-Louise, geschockt und voller moralischer Überlegenheit, ihren Vater mit seinen Ansichten konfrontiert, scheint sich Atticus wenig an ihrer Aufgeregtheit zu stören. Er ist sich seines Rassismus absolut bewusst und macht keine Anstalten, seine Haltung zu ändern. Stattdessen werden die Aufhebungen der „Rassen“schranken und die Möglichkeit, dass Schwarze Kinder auf dieselben Schulen gehen können wie Weiße Kinder von Atticus sogar als Einschränkung der amerikanischen Freiheitsrechte gewertet und entsprechend heftig reagiert er auf Jean-Louises Kritik. Die Vorstellung der defizitären und kindlichen Schwarzen, die er seiner Tochter nahe zu bringen versucht, entlarvt ihn dabei als Rassisten:

„Do you want your children going to a school that’s been  dragged down to accomoderate Negro children?“ […]

„Honey, you do not seem to understand that the Negroes down here are still in their childhood as people. You should know it, you’ve seen it all your life. They’ve made terrific progress in adapting themselves to white ways, but they are far from it yet.“ (247)

Es ist merkwürdig, dass gerade diese Figur in der überarbeiteten, zweiten Fassung der Nachtigall, auf einmal als moralisches Vorbild konzipiert wird, aber genau das passiert. Vielleicht, weil diese Version zu viel politischen Sprengstoff enthielt? Das Wohlfühlgefühl aus dem ersten Teil ist hier auf jeden Fall verschwunden. Glücklicherweise lässt Jean-Louise sich aber weder von ihrem Vater, noch von ihrem Onkel, das Wort verbieten. Nach einem heftigen Wortgefecht muss sie dann allerdings doch klein beigeben und wird zur Krönung der Handlung von ihrem Onkel abgefüllt, der der langsamen Nichte noch einmal erklären kann, was es eigentlich bedeutet, das moralische Vorbild des Vaters vom Sockel zu stoßen:

„You’d eventually figure this out for yourself“, she heard him say. „But let me speak it up for you. You’ve had a busy day. It’s bearable, Jean Louise, because you are your own person now. […] It’s rather complicated“, he said, “ and I don’t want you to fall into the tiresome error of being conceited about your complexes – you’d bore us for the rest of our lives with that, so we’ll keep away from it. Every man’s island, Jean Louise, every man’s watchman, is his conscience. There is no such thing as a collective conscious.“ (265)

Es geht also um Gewissensfragen und darum, dass es einer Tochter endlich gelingt, ihren Vater als normalen Menschen zu sehen. Mit 26 Jahren. Vielleicht war das in den 1950er Jahren revolutionär oder besonders, heute frage ich mich, was ich aus diesem Text mitnehmen kann. Und da bleibt nicht viel, außer einer netten Geschichte für zwischendurch, die an vielen Stellen doch recht unfertig wirkt. Der Roman bietet eine Entzauberung, die ich nicht gebraucht hätte und die mir in der Gesamtheit auch einfach zu simpel bleibt. Jeder Mensch hat andere Vorstellungen und die sind nun einmal zu respektieren, Jean Louise, werde erwachsen. Den eigenen Vater mit seinem Rassismus zu konfrontieren und darauf zu hoffen, dass er sich ändert, ist also nicht erwachsen genug? Es ist ziemlich ernüchternd, diesen Roman zu lesen und anders als in der Spottdrossel sind die wenigsten Figuren sympathisch oder bieten irgendeine Form von Identifikationspotenzial. Am Ende ist der Watchman nicht mehr als eine Vater-Tochter-Emanzipationsgeschichte, die für sich alleine steht und kaum mit Mockingbird in Einklang zu bringen ist.

Ich habe auch das Statement eines Buchhandels aus Michigan gefunden, der enttäuschten Kund_innen anbietet, ihr Geld zurückzubekommen. Der Inhaber von Brilliant Books, einem Indie-Buchhandel, hat sich in diesem Interview zu der Aktion geäußert und macht vor allen Dingen die Marketingkampagne für die Enttäuschung vieler Kunden verantwortlich:

„It is disappointing and frankly shameful to see our noble industry parade and celebrate this as „Harper Lee’s New Novel“. This is pure exploitation of both literary fans and a beloved American classic (which we hope has not irrevocably tainted). We therefore encourage you to see Go Set A Watchman with intellectual curiosity and careful consideration; a rough beginning for a classic, but only that.“

Harper Lee: Go Set A Watchman. Penguin Random House UK 2015.

Vielen Dank an Lovelybooks für die Leserunde und den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Wer die Nachtigall stört

wer die nachtigall störtKlappentext: „Absolut genial“ (The New Yorker). Harper Lee beschwört den Zauber und die versponnene Poesie einer Kindheit im tiefen Süden der vereinigten Staaten. Die Geschwister Scout und Jem wachsen in einer Welt von Konflikten zu tolerant denkenden Menschen heran. Menschliche Güte und stiller Humor zeichnen diesen Roman aus, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde und die Herzen von Millionen Lesern im Sturm eroberte. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle wurde mit drei Oscars ausgezeichnet. „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Du hast Harper Lee gelesen“ (FAZ).

Worum geht es?

Der elfjärige Jem und die achtjährige Scout wachsen in den Südstaaten, in den 1930er Jahren, bei ihrem Vater Atticus auf. Atticus ist Anwalt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch diejenigen Klienten anzunehmen, deren Chancen nicht gerade rosig aussehen. Sein momentaner Fall ist Tom Robinson, ein Familienvater, der der V*rg*waltigung bezichtigt wird. Doch Tom ist nicht allein aufgrund der schwierigen Ausgangslage ein scheinbar hoffnungsloser Fall: er ist schwarz und niemand rechnet damit, dass die Jury einen Schwarzen, der ein weißes Mädchen v*rg*waltigt haben soll, freisprechen wird. Doch Atticus gibt nicht auf, er ist von Toms Unschuld überzeugt. Toms angebliches Opfer stammt aus einer höchst unseriösen Familie und wurde zudem, so hat es den Anschein, von ihrem Vater dazu gebracht, die Anschuldigungen zu erheben. Es folgt ein harte,r langandauernder Indizienprozess. Für Scout, aus deren Perspektive die Leser_innen das Geschehen erfahren, ist die Situation doppelt schwierig. Nicht nur in der Schule, auch in der Kleinstadt werden sie und ihr Bruder von Kindern und Erwachsenen beschimpft und dass nur, weil ihr Vater Tom tatsächlich (!) verteidigt und ihn nicht, wie angenommen, ins Messer laufen lässt. Wer einen Schwarzen verteidigt, begeht ein Sakrileg, so sieht es zumindest die weiße Mittelschicht und die heruntergekommene Familie des angeblichen Opfers. Die Situation wird immer bedrohlicher und Atticus muss sich und seine Kinder schützen …

In dieser konfliktreichen Situation erleben Scout, Jem und ihr gemeinsamer Freund Dill (Scouts „Verlobter“), allerdings auch viele unbeschwerte Tage. Am spannendsten ist für die Kinder der geheimnisvolle Nachbar Boo Radley. Boo soll vor Jahren von seinem erzkonservativ christlichen Vater eingesperrt worden sein und hat seitdem das Haus nie mehr verlassen. Sein Vater ist längst tot, stattdessen ist sein ältester Bruder eingezogen, der nun den Hausvorstand mimt, aber Boo bleibt verschwunden. Wie geheimnisvoll! Wie spannend – und welch eine Herausforderung für die drei Kinder. Sie beginnen Boo Nachrichten zu schreiben, wagen sich bis an die Haustür vor und flüchten dann doch, aber im Haus nebenan rührt sich wenig. Einmal glaubt Scout ein Lachen zu hören, aber mehr auch nicht. Bis sie eines Tages liebevolle Geschenke in einem Astloch finden, die nur von Boo stammen können, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben. Während Jem und Dill beginnen, sich „erwachsenen“ Dinge zuzuwenden, zum Beispiel dem Prozess um Robinson, immerhin wird Jem bald zwölf – ist Scout weiter fasziniert von Boo, der genau wie eine Nachtigall, nicht gestört werden darf …

Das sage ich … 

Ich habe den Roman für die „Rory-Gilmore“-Challenge gelesen und habe mich so gefreut, ihn entdeckt zu haben. Scout, Atticus und Jem sind wahnsinnig sympathische Charaktere. Besonders Atticus, dieser aufrichtige Anwalt, der für seine Kinder nicht nur Vater, sondern auch Freund und moralisches Vorbild ist, hat mir wahnsinnig gut gefallen. Atticus ist einer von den „Guten“, von denjenigen, die an das Gesetz glauben und die daran glauben, dass sich am Ende die Wahrheit durchsetzen wird. Mit dem weit verbreiteten Rassismus und den Anfeindungen durch seine Nachbar_innen und Bekannten hat er einfach nicht gerechnet, da so ein Verhalten für ihn nicht rational nachvollziehbar ist. Durch Scouts „naive“ Perspektive wird den Lesenden schnell klar, wie tief Rassismus in der Kleinstadt verwurzelt ist und wie gefährlich die Situation für Atticus ist.  Auch wenn Scout nicht alles versteht, ist sie dafür bereit, Atticus vor den anderen Kindern zu verteidigen und sich sogar für ihn zu prügeln, auch wenn man das als „junge Lady“ eigentlich nicht macht. Meiner Meinung nach wird das „Erwachsenwerden“ von Scout und Jem mitreißend beschrieben. Es ist kaum nachzuvollziehen, wie herablassend Schwarze als Menschen zweiter Wahl behandelt wurden, mit dem gleichzeitigen Hinweis darauf, dass doch in einer Demokratie alle gleich seien. Interessanterweise entdecken nur die Kinder diese Doppelmoral der Erwachsenen und Scout und Jem haben mit Atticus tatsächlich jemanden an ihrer Seite, der versucht, das allgemeine Unrecht etwas gerechter zu gestalten. Die Geschichte ist toll und wartet mit einer unerwarteten Wendung auf und die Charaktere sind sowieso wunderbar. Unbedingte Leseempfehlung!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill A Mockingbird). Übersetzt von Claire Malignon.  rororo, Auflage 32 (3. November 1978). 416 Seiten.

ISBN-10: 3499142813   ISBN-13: 978-3499142819