Hologrammatica

Weißt du, wer dein Gegenüber wirklich ist? Mit Hologrammatica hat Tom Hillenbrand einen spannenden und unterhaltsamen Science-Fiction-Thriller geschrieben, in dem auch schon mal philosophische Fragestellungen aufgeworfen werden.

Die Hauptfigur ist der Londoner Galahad Singh, der als Quästor (oder Privatdetektiv) arbeitet und sich am Ende des 21. Jahrhunderts darauf spezialisiert hat, verschwundene Menschen wieder zu finden. Davon gibt es immer mehr, denn der Klimawandel hat eine weltweite Völkerwanderungen ausgelöst. Wer genug Geld hat, verlässt die Erde und sucht sein Glück im All. Auch das ist kein Problem. Der Rest der Menschheit passt sich den Gegebenheiten an.

Hologrammatica

Zum Glück ist der technische Fortschritt mittlerweile so weit, dass niemand das Elend mehr sehen muss. Die Funktion „Holonet“, ermöglicht es, visuelle Filter über die Realität zu legen. Mehr Schein als Sein ist die Devise der neuen Gesellschaft, in der auch Galahad versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und genug Aufträge an  Land zu ziehen. Als Ermittler stehen ihm verschiedene technische Möglichkeiten zur Verfügung. Dank „Stripper Goggles“, einer Art Brillenvariante, kann er die Realität ohne Holofilter erkennen. Nicht nur Gebäude und Landschaften werden durch das Holonet auf Hochglanz poliert, auch Menschen können ihr Aussehen durch Holofilter verändern. Schöne neue Welt. Doch es gibt noch ganz andere Möglichkeiten. Die kommerziell erfolgreiche Technik des Mind Uploading ermöglicht es, seine eigene Identität in fremde Körper zu laden. Bei gefährlichen Berufen, beispielsweise beim Militär oder bei der Feuerwehr, durchaus sinnvoll. Der fremde Körper kann verwundet werden, während der eigene Körper irgendwo in einem safe space verwahrt wird. Verschwundene Menschen aufzuspüren wird durch diese Technik aber um einiges komplizierter.

„Wissen Sie, was das Ein-Körper-Problem ist?“

Ich nickte. „Ein Quant kann seinen Stammkörper nicht länger als einundzwanzig Tage verlassen. Sonst ist es aus.“

„Korrekt. Braincrash-Absturz des Cogits mit kompletter Zerstörung der Datenstruktur. Gleichzeitig erleidet das Gefäß einen letalen anaphylaktischen Schock.“

„Gefäß?“

„So nenne wir einen uploadfähigen Klon.“

„Komischer Begriff“, sage ich.

„Ist aus dem Korintherbrief. ‚Wir haben den Schatz in irdenen Gefäßen‘. Auf jeden Fall kommt das Cogit nicht dauerhaft ohne Stammkörper aus […].“ (S.35)

Singhs neuester Auftrag: Er soll die Computerexpertin Juliette Perotte aufspüren, die an einer Verschlüsselungstechnik für Cogits gearbeitet hat. Bald stellt sich heraus, dass Perotte in Kontakt mit einem geheimnisvollen und genialen Programmierer stand. Hat er Juliette gekidnappt? Oder hat die Verschwundene selbst ein zu riskantes Spiel gespielt? Perotte gehörte zu einer Gruppe von „Deathern“, Adrenalinjunkies, die ihre eigene Identität in fremde Gefäße laden und diese Körper dann auf unterschiedlichste Arten umbringen, um den Moment des Todes immer wieder in anderen Varianten zu erleben. Nachdem Singh erste Kontakte zu dieser Szene geknüpft hat, wird ihm noch etwas anderes klar. Er findet Hinweise darauf, dass sein vor Jahren verschwundener Bruder (und bevorzugte Erbe des väterlichen Imperiums) noch am Leben ist …

Tom Hillenbrand jongliert in seinem Roman ziemlich gekonnt mit Descartes, Klonen, künstlicher Intelligenz und Identitätsbegriffen, dass es eine wahre Freude ist. Das liegt vor allen Dingen auch an seinem sympathischen Hauptcharakter, der ein Namensvetter eines der treuen Gefährten von König Artus ist, und eben nicht der typischste Detektiv aller Zeiten (auch wenn er sich gerne in Bars herumtreibt). Singh liebt Jazz, spielt selbst Saxophon, hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater (aber findet im Gegensatz zu ihm vielleicht den heiligen Gral?), und ist schwul. Als ihm Francisco begegnet, ist er sich sicher, dass sein Singledasein wieder vorbei ist. Aber was, wenn Francisco nur eine Hülle ist? Ein Gefäß, in dem eigentlich jemand ganz anderes steckt? Gerade im Bezug auf das Thema Gender bietet der Roman viele spannende Denkanstöße. Kann Galahad Francisco auch lieben, wenn dieser eigentlich eine Frau ist? Oder spielen Genderfragen 2088 gar keine Rolle mehr?   

Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der atmosphärisch einen starken Kontrast zu Galahads Leben darstellt. Hier erinnern das Setting und Teile der Story an die Erfolgsserie Lost. Eine Frau findet sich auf einer einsamen Insel wieder. Sie bekommt eine Aufgabe, die sie erfüllen muss. Sie weiß, dass schon viele Frauen vor ihr da waren. Sie kann die Aufzeichnungen der anderen in einem Tagebuch lesen. Sie weiß auch, dass jede der Besucher*innen der Insel am Ende des Tages sterben wird…

Tom Hillenbrand hat einen rasanten Thriller geschrieben, der mich überzeugen konnte. Auch wenn ich mich an die sprachliche Gestaltung des Romans erst gewöhnen musste. Auch  einige Längen im Mittelteil werden durch ein actionreiches Ende wieder aufgefangen. Neben dem Fall um die verschwundene Programmiererin streift Hillenbrand auch große philosophische Themen: kann die Menschheit die Rettung der Welt in die Hände einer künstlichen Intelligenz legen? Sind die logischen Antworten einer Maschine auch  gerechter, weil sie emotionslos und ohne Eigeninteresse gefällt werden? Das offene Ende bietet Möglichkeiten für eine Fortsetzung. Ich wäre auf jeden Fall dabei. 

Tom Hillenbrand: Hologrammatica. Kiepenheuer & Witsch 2018.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Swing Time

ZadieSmith

 Swing Time ist ein Porträt einer besonderen Freundschaft. Es beginnt mit zwei Mädchen in den 1980er Jahren und der Liebe zum Tanzen…

 

 

Wir hatten beide den identischen Braunton, als hätte man ein Stück hellbraunen Stoff durchgeschnitten, um uns beide daraus zu machen, unsere Sommersprossen sammelten sich an den gleichen Stellen, wir waren gleich groß. (S.19)

Die namenlose Ich-Erzählerin begegnet ihrer Freundin Tracey  zum ersten Mal 1982 in der Ballettstunde von Miss Isobel. Beide Mädchen haben schwarze Mütter und weiße Vater und beide träumen davon, die Londoner Sozialwohnungen endlich hinter sich zu lassen. Die Mutter der Ich-Erzählerin ist in dieser Hinsicht deutlich ambitionierter als Traceys Mutter. Sie stammt ursprünglich aus Jamaica, glaubt daran, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg ist und schreibt sich als erwachsene Frau noch einmal an der Uni ein.

Ich wusste, dass meine Mutter von zu Hause fortgegangen war, um genau dem zu entkommen, damit ihre Tochter einmal nicht als Kind mit Kind endete, denn ihre Tochter sollte nicht einfach nur über die Runden kommen, wie meine Mutter es getan hatte – sie sollte wachsen und gedeihen und möglichst viele unnötige Fähigkeiten erwerben, Steppen beispielsweise. (S.36)

Aber die Ich-Erzählerin scheitert kläglich im Steppkurs und später auch im Ballett. Tracey hingegen hat großes Talent. Von Anfang an schwingt eine große Rivalität in der Freundschaft der Mädchen mit. Dabei geht es nicht nur um den Tanzunterricht. Die Familien der beiden könnten, trotz gleicher Größe und Sommersprossen, nicht unterschiedlicher sein. Traceys Vater ist dauernd im Gefängnis, ihre Mutter interessiert sich kaum für ihre Tochter. Als die Ich-Erzählerin ihre kurze Ballettkarriere aufgibt, gestaltet sich auch die Freundschaft zu Tracey zunehmend schwierig.

Während die Mädchen als Kinder zusammen Tanzfilme sahen, sind diese idyllischen Zeiten bald vorbei. Besonders beeindruckte die Ich-Erzählerin der Film Swing Time,  ein Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers von 1936. Im Film tritt Fred Astaire mit Blackface auf – sein Tanz soll eine Hommage an den schwarzen Stepptänzer Bill Robinson sein.  Als Kind hat die Ich-Erzählerin den Film geliebt, als sie ihn als Erwachsene noch einmal sieht, ist sie geschockt von der rassistischen Darbietung. Tracey versucht ihr Glück am Theater, die Ich-Erzählerin stürzt sich ins Studium. Als sie bei einem Radiosender arbeitet, lernt sie die Sängerin Aimee, ein gefeiertes Popsternchen, kennen. Die Ich-Erzählerin wird Aimees Assistentin und hört zwölf Jahre nichts mehr von Tracey – bis sich der Spannungsbogen zum Prolog wieder schließt. Der Roman entfalte eine Geschichte vom Siegen und Scheitern und von den Potenzialen, die in einer Freundschaft stecken und die verloren gehen können.

In der Zwischenzeit folgen die Leser*innen dem Weg der beiden Freund*innen: wird sich Traceys Traum vom Broadway erfüllen? Und wohin führt der Weg der Ich-Erzählerin? Smith schickt die Leser*innen auf eine Reise durch die Sozialwohnungen Londons über New York bis nach Gambia. Zadie Smith erzählt nicht chronologisch, sondern wirft Schlaglichter auf verschiedene Stationen im Leben der Ich-Erzählerin, die immer wieder eine Verbindung zu Tracey sucht, selbst wenn sie die ehemalige Freundin nur auf einem Plakat sieht oder ihren Namen googelt. Durch diesen Aufbau werden viele verschiedene Themen wie Freundschaft, kulturelle Identität oder die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern immer wieder präsent.

„Es ist ein Leben im Schatten, und irgendwann zermürbt einen das. Kindermädchen, Assistentinnen, Agentinnen, Sekretärinnen, Mütter – Frauen sind das gewohnt. Männer haben eine niedrigere Toleranzschwelle.“ (S. 448)

Es ist zunächst ein wenig irritierend, dass die Ich-Erzählerin in diesen ganzen Beschreibungen relativ konturlos bleibt. Sie führt lange Zeit ein solches Leben im Schatten, definiert sich in Abgrenzung zu Tracey oder zu Aimee, aber wirkt häufig sehr passiv. Sie wirkt eher wie eine Linse, durch die man Traceys Leben verfolgt oder das Leben ihrer Mutter, die nach ihrem Studium in der Politik Erfolg hat. Ihre Identitätslosigkeit geht mit ihrer Heimatlosigkeit einher und auch ihr fehlende Name (helft mir, wenn ich ihn überlesen haben sollte) trägt zu diesem Eindruck bei. Gleichzeitig werden über die Ich-Erzählerin die unterschiedlichen Themen, ob aus Pop oder Politik, die Identität bestimmen, kanalisiert. Und das kann auch der King of Pop sein, den die Ich-Erzählerin zufällig im Fernsehen sieht.

Also, Michael, sagte sie, kommen wir jetzt zu dem Punkt, der im Zusammenhang mit dir vielleicht am meisten diskutiert wird, die Tatsache nämlich, dass deine Hautfarbe so ganz anders ist als früher, das hat ja eine Menge Spekulationen und Kontroversen ausgelöst, was du hast machen lassen oder noch machen lässt …? (S.327)

Neben der Geschichte der Freund*innen werden also unendlich viele weitere Diskurse und Themen angeschnitten. Ein wichtiges Thema, das neben dem Thema Gender zur Sprache kommt, ist Race und dabei vor allen Dingen auch kulturelle Appropriation. Das fängt schon damit an, dass Aimee eine Fotoaustellung hat, in der sie Fotos ausstellt, die sie von einem anderen Künstler abfotografiert hat. Die Popsängerin Aimee generiert sich in einer White-Savior-Mentalität zur Retterin der „armen Kinder in Afrika“ und plant eine Schule zu bauen. Die Ich-Erzählerin muss als Aimees Assistentin vor Ort sein und die Umsetzung des Projekts koordinieren. Wurde sie in London noch als Schwarz gelesen und als eindeutig zur Unterschicht gehörend, erscheint sie in Gambia wie eine Weiße, die denselben Retter-Komplex hat wie Aimee und ein privilegiertes Leben führt. Es geht um Zugehörigkeiten und soziale Codes, die das Individuum bestimmen. Smith gelingt es dabei meisterhaft zu zeigen, wie variabel diese Zugehörigkeiten sind.

Zadie Smith hat einen Roman geschrieben, den ich innerhalb weniger Tage verschlungen habe. Die Geschichte ist so komplex und gleichzeitig genial aufgebaut, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Es ist nicht nur die tolle Story, die mich begeistern konnte,  auch Smiths Schreibstil hat mich beeindruckt.

Habt ihr vielleicht noch andere Lesetipps für mich? Welche Bücher von Zadie Smith würdet ihr noch empfehlen?

 

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. 625 Seiten.

Kiepenheuer & Witsch 2017.

 

Weitere Rezensionen findet ihr bei

Portable Magic Pages

Lottekind

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen. Vielen Dank!