Die Detektive vom Bhoot-Basar

TW/ CN: Rape

Es ist etwas passiert. In den Slums einer nordindischen Stadt verschwinden Kinder. Niemand weiß, wer dahinter steckt.

Als erstes verschwindet der Stotterer Bahadur. Vielleicht ist er weggelaufen, sein Vater soll getrunken haben, bestimmt hat er woanders sein Glück gefunden. So sagen es die Leute auf den Straßen und so glauben es die Kinder der illegalen Siedlung, dem sogenannten Basti. Im Basti gibt es kein fließendes Wasser und Smog hängt in der Luft. Natürlich versuchen es die Schlauen woanders. Doch dann verschwindet auch Omvir, der Sohn des Bügel-Wallah und Aanchal, die einen Freund hat und regelmäßig Englisch lernt, damit sie irgendwann einen richtigen Job bekommen kann, vielleicht sogar bei den Hifi-Leuten, in den luxussanierten Hochhäusern der Stadt. Das ist schon ziemlich merkwürdig. Immer mehr Kinder und Jugendliche verschwinden und es ist kein Ende in Sicht. Und die Polizei? Hält die Füße still und schickt die Eltern der Verschwundenen wieder nach Hause.

Jai Johaari ist der Einzige, der den Fall aufklären kann. Er ist zwar erst neun Jahre alt, aber er guckt regelmäßig Police Patrol und Live Crime und weiß genau, wie man Verbrecher befragen muss und wie gelungene Ermittlungsarbeit aussieht. Irgendwann wird er mal ein erfolgreicher Detektiv sein. So stellt er sich das zumindest vor. Und seine Freundin Pari, die immer bessere Noten bekommt und sehr schlau ist und sein muslimischer Freund Faiz, der zwei ältere Brüder und einen echten Job hat, müssen ihm natürlich bei der Aufklärungsarbeit helfen. Bahadur war in ihrer Klasse und auch wenn die Lehrer sich wenig für die Kinder interessieren, die Menschen im Basti halten zusammen und das Trio beginnt mit der aufreibenden Detektivarbeit. Als Leser*innen sind wir dabei gleichermaßen nahe an den jungen Detektiv*en, als auch an den potenziellen Opfern, denen je ein Kapitel gewidmet ist. Ihre Kapitel enden damit, dass jemand geblendet wird oder dass eine merkwürdige Stimme lockt oder dass ein Tuch mit Chloroform aus dem Nichts erscheint.

Im Nachwort stellt die Autorin klar, dass dieser Teil der Geschichte der grausamen Realität geschuldet ist. Anappara arbeitete von 1997 bis 2008 als Journalistin in Indien und recherchierte zum Schwerpunkt Ausbildung und Schule. Sie interviewte Schuldirektor*innen und Lehrer*innen und stellte fest, dass für viele Kinder in den Bastis, anders als in der indischen Mittelschicht, europäische Selbstverständlichkeiten die Ausnahme sind. Sie arbeiten als Müllsammler, haben mehrere Jobs oder werden durch religiös bedingte Gewalt dazu gezwungen, die Schule zu beenden. Sie war von der Resilienz dieser Kinder beeindruckt. Pro Tag sollen 180 Kinder in den Slums in Indien verschwinden und die Polizei ermittelt nur in den wenigsten Fällen.

Die Konstellation der Geschichte hat trotz des ernsten Hintergrunds ein bisschen etwas von Emil und die Detektive, allerdings auf indisch und in einer Welt, die brutal und magisch zugleich ist. Während die Kinder ihren Aktionsradius auf ihr Viertel und den Bhoot-Basar ausdehnen, den Markt mit Garküchen auf dem Faiz arbeitet, machen sie viele Beobachtungen, die sich nicht immer so leicht erklären lassen. Denn im Basti gibt es Geschichten, die dein Leben retten können. So erzählt man es sich zumindest. Die Bhoots sind die guten Geister des Basti.

In den Geisterlegenden geht es zum Beispiel um den sagenumwobenen Bandenführer Mantel, der den Schwachen hilft und eine erfolgreiche Gang geleitet hat. Die letzten Gangmitglieder tragen dazu bei, dass die Erzählungen über ihn, Geschichten über seine Fürsorge, aber auch über seine Strenge, nicht verschwinden. Und es gibt die Straßen-ki-Rani, eine Frau, deren Tochter nach einer V*rg*waltigung starb. Ihr Geist beschützt belästigte Frauen und sucht V*rg*waltiger heim. Und natürlich gibt es Tempelgeister und gute Dschinns, wobei Jai lange den Verdacht hegt, dass ein böser Dschinn hinter den Entführungen steckt. Jai gibt alles, muss aber feststellen, dass Pari und Faiz häufig die besseren Fragen stellen und die schlaueren Schlussfolgerungen ziehen. Pari glaubt gar nicht erst an Jaris Dschinn-Theorie.

Neben den atmosphärischen Schilderungen der Marktsituationen, wird die Erzählung aus der Perspektive von Jai nie langweilig. Er zofft sich mit seiner Schwester, er diskutiert mit Pari, er arbeitet heimlich auf dem Basar und er beobachtet ganz genau, was um ihn herum passiert. In der Übersetzung werden viele indische Alltagswörter beibehalten und in einem Glossar erklärt, das trägt zur Stimmung bei. So ist ein Wallah zum Beispiel jemand, der einen bestimmten Beruf ausübt. Ein Tee-Wallah macht Tee, ein Bügel-Wallah bügelt.

Außerdem befinden sich die Kinder des Basti nicht in einer luftleeren Blase. Konflikte zwischen den Slumbewohner*innen und den reichen Anwohner*innen der Luxuswohnungen deuten sich an, dem Basti droht eine Räumung. Korrupte Polizist*innen unterstützen die Reichen, aber nicht die Basti-Bewohner, dubiose Gurus bieten ihre Hilfe bei der Suche nach den Kindern an, die Konflikte zwischen Muslimen und Hindus sind unterschwellig immer präsent und Gangs kontrollieren das Viertel. Jai ist zwar erst neun Jahre alt, aber er kennt sich in der Welt des Bhoot-Basar ganz genau aus. Ein Happy-End wird es nicht geben, dafür reichen die Emil-Vibes nicht. Aber eine sehr gelungene magische und gesellschaftskritische Erzählung über erfolgreiche Ermittlungen von drei jungen Detektiven und das Versagen der Polizei.

Deepa Anappara – Die Detektive vom Bhoot-Basar. Aus dem Englischen von pociao und Roberte de Hollanda. Rowohlt 2020.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

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The read pack

Wir, die wir jung sind – Alles für die Company

„We that are young, shall never see so much, nor live so long“, das sind die letzten Verse aus Shakespeares Stück King Lear und Wir, die wir jung sind ist auch das Debüt der indischen Schriftstellerin Preti Taneja, die den ursprünglichen Klassiker der englischen Literatur in das moderne Indien des 21. Jahrhunderts verlegt. Man muss den preisgekrönten Roman aber nicht als Shakespeare-Adaption lesen, auch als düstere Familientragödie im Bollywood-Setting funktioniert der Roman ziemlich gut.

In Tanejas Version ist König Lear der ehemalige Maharadscha Devraj Bapu, ein Wirtschaftsmogul, Chef der „Company“ und Patriarch einer einflussreichen Familie. Ihm gehören Shoppingzentren, Hotels und Textilfabriken. Er handelt mit Autos, Waffen, Beton. Menschenrechte, Arbeitsrechte, umweltpolitische Standards oder der Kaschmirkonflikt, sind ihm dabei einerlei. Alles, was ihm Geld bringt, ist legitim. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Bapus Erfolg kommt nicht von ungefähr: er bedroht Journalist*innen und besticht Politiker*innen und natürlich kommt er damit durch. Wöchentlich hält er in seinem Palast Saufgelage für junge, aufstrebende und machthungrige Karrieretypen, die auch ein Stück vom Kuchen haben wollen und die für ihre Ziele, nicht nur sprichwörtlich, über Leichen gehen.

Doch es droht eine Zeitenwende im Königreich. Devraj hat in Anbetracht seines Alters beschlossen, die Firma unter seinen Erben aufzuteilen. In Frage kommen seine drei Töchter Gargha, Rada und Sitha. Gargha ist eine kluge Unternehmerin, die schon viel für die Firma getan hat und am meisten Erfahrung besitzt. Sie hat kein Problem damit, denselben Weg einzuschlagen, den ihr Vater ihr vorgelebt hat. Korruption gehört zum guten Ton. Rada ist für die Firmen-PR verantwortlich, sie ist materialistisch und verschwenderisch und genießt das Leben im Palast des „Königs“. Natürlich haben beide Töchter auch noch Ehemänner, die ebenfalls noch ein Wörtchen mitzureden haben. Nur Sita ist eine Ausnahme. Sie hat in England studiert, ist nicht verheiratet und das Nesthäkchen der Familie. Außerdem ist sie Feministin und Umweltaktivistin und ist schon allein deshalb für ihren Vater eine eher schwierige „Lieblingstochter“. Um einer arrangierten Ehe zu entgehen, läuft sie von Zuhause weg und setzt damit eine Kette von Ereignissen in den Gang, die zur absoluten Tragödie führen.

Denn es sind nicht nur die Frauen, die darauf warten, endlich aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht und damit an die Spitze der Company zu gelangen. Der langjährige Geschäftspartner von Devraj, Ranjit Uncle, seines Zeichens verantwortlich für Sicherheitsfragen in der Company, hat einen ganz anderen Plan. Er hat zwei Söhne, die sich seiner Meinung nach, auch gut an der Firmenspitze machen würden. Sein ehelicher Sohn Jeet ist in illegalen Kunsthandel verstrickt und versteckt die Treffen mit seinen Liebhabern vor seinem Vater, der natürlich schon längst über die Geheimnisse seines Sohnes Bescheid weiß. Zwischenzeitlich verschwindet Jeet von der Bildfläche und versteckt sich im Slum. Dort verzichtet er auf alle Privilegien und ist quasi obdachlos. Seine asketische Lebensweise kann ihn aber auch nicht retten.

Jivan ist Ranjits unehelicher Sohn aus einer Affäre mit einer Tänzerin, die Indien verlassen hat und in die USA ausgewandert ist. Am Anfang des Romans lernen wir Jivan kennen, für den das Leben in Indien so exotisch, wie verführerisch ist. Ohne von den familiären Streitigkeiten und Differenzen zu wissen, ist er nach Indien gekommen, um sich ein wenig von seinem stressigen Studium zu erholen und nach dem Tod seiner Mutter in sein altes Heimatland zurückzukehren. Das in der Company bereits ein Job auf ihn wartet, kommt ihm sehr gelegen. Ohne lange zu fackeln, setzt er sich bereitwillig ins gemachte Nest.

Alle potenziellen Firmenerb*innen kennen sich sehr gut. Rada, Gargha, Sita, Jeet und Jivan können auf eine gemeinsame Kindheit zurückblicken, sie sind zusammen im Palast aufgewachsen und werden nun zu Konkurent*innen. Am Ende wird der Patriarch dem Wahnsinn verfallen – und damit ist Taneja wieder nah am Original, inklusive Blendung eines untergebenen Dieners.

Taneja schreibt manchmal etwas blumig, immer sehr nah an ihren Figuren. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Figur erzählt. Oft ist der Text mit verschiedenen Wörtern Hindi durchsetzt, was mir sehr gefällt. Leider kann man nicht alle Begriffe im Glossar finden und nicht immer sind sie indirekt übersetzt, wie in diesem Beispiel.

‚Jivan, weißt du wovon sie redet? Seht nur – unser Foreign Return kennt nicht mal die Grundzüge des Mahabharat!‘

‚Kinderkram‘, sagt Jivan. ‚Ich kann zählen, wie viel du mir schuldest und das genügt mir.‘

‚Diese Dinge solltest du aber kennen‘, sagt Radha. Laut unseres ortsansässigen Weisen Bubu, hamare apne India mein, yeh chize pata honi chahiye, nahin toh sab toot jayega. Kapiert? Armer Jiju. Ich will’s dir erklären. In unserem Indien sollte man diese Dinge kennen, sonst ist alles verloren. Nein, ‚toot jayega‘ bedeutet ,alles geht kaputt‘. Wie auch immer. (S.284)

Obwohl der Patriarch auf die Firma verzichtet hat, kann er nicht leben, ohne sich weiterhin einzumischen. Um die Erfolgsstrategie seiner Töchter zu untergraben, tourt er durch das Land, um vor seinen korrupten Töchtern zu warnen, die die Company ins Verderben stürzen würden, wie unerfahrene Frauen das eben so tun. Seine 90-jährige Mutter ist mit von der Partie und sorgt so für Neid und Missgunst unter den Schwestern. Gleichzeitig beginnt der alte Mann seinen Verstand zu verlieren und sein Geheimdienstchef Rajit Uncle hat nur auf den richtigen Moment gewartet. Und dann geht wirklich “alles kaputt“. Der Machtkampf zwischen den Generationen und Geschlechtern spitzt sich unaufhörlich zu und endet in einer grausamen Familien- und Naturkatastrophe. Zur Eröffnung eines neuen Hotels in der politisch umkämpften Kaschmirregion, zieht ein gewaltiger Sturm auf. Nicht alle Mitglieder der Familie werden den Sturm überleben.

Neben literarischen Anspielungen von Shakespeare über Wolf, bietet der Roman viele interessante Einblicke in politische und historische Ereignissen in Indien (Nationalismus, Kashmirkonflikt etc.). Viele Figuren sind sehr überspitzt dargestellt und zwischendurch werden ihre Verfehlungen sehr ironisch übertrieben.

Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft, zeigt sich anhand der Schwierigkeiten der Töchter, die nicht immer ihr Glück finden werden. Am Ende des Romans sind die meisten Protagonist*innen gestorben.

Preti Taneja erzählt sehr intensiv, ausdrucksstark und mit einem guten Gespür für Timing und Dramatik. Die Geschichte ist farbenprächtig erzählt und ist gleichzeitig auch eine Herausforderung. Thematik und Länge werden nicht jedem liegen, mir hat der Roman sehr gefallen.

Preti Taneja – Wir, die wir jung sind. Aus dem Englischen von Claudia Wenner. C. H. Beck 2019. 628 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

Eine weitere Rezension findet ihr hier:

Literaturreich

Ghachar Ghochar

„Es stimmt, was man sagt– nicht wir kontrollieren das Geld, sondern das Geld uns. Wenn es wenig Geld gibt, ist es ganz kleinlaut, doch je mehr davon da ist, desto dreister wird es und desto stärker packt es uns am Kragen.“

9783351037338Ein Mann sitzt in seinem Lieblingscafé und sinniert über das Leben nach. Sein Ansprechpartner ist der Kellner Vincent, der aber zunehmend in den Hintergrund gerät. Der Ich-Erzähler blickt zurück auf seine Entscheidungen, seinen beruflichen Erfolg, seine Ehe und macht eine traurige Feststellung. Seitdem seine Familie zu Reichtum gekommen ist, ist alles „ghachar ghochar“ – hoffnungslos miteinander verstrickt oder verwickelt. Den Neologismus hat seine Frau Anita geprägt, er kennt es seit ihrer Hochzeitsnacht, als es ihm nicht gelang, den Sari seiner Frau zu öffnen. Der Ich-Erzähler ist angetan davon, dass Anita ihn in die geheime Sprache ihrer eigenen Herkunftsfamilie einweiht. Seitdem wird es von der Familie immer verwendet, wenn alles zu kompliziert erscheint. Er erinnert sich auch an seine Exfreundin Chitra, die mittlerweile für eine Frauenrechtsorganisation arbeitet und ihm schon früher von den Misshandlungen erzählt hat, die ihre Klientinnen erleiden mussten. Aber auch Chitra gerät in den Hintergrund. Trotzdem bleiben die Erinnerungen an Chitra als düsterer Hintergrund immer präsent.

Sie sagte Sachen wie: „Warum bricht man jemandem den Arm, nur weil der Tee einem nicht geschmeckt hat?“ Oder : „Bringt man seine Frau um, nur weil sie vergessen hat, den Schlüssel beim Nachbarn zu hinterlegen?“ Ich wusste, dass ein schlecht gemachter Tee keinen gebrochenen Arm nach sich ziehen sollte, ein nicht hinterlegter Schlüssel keinen Mord. Aber es ging doch auch nie um diesen Tee oder diesen Schlüssel, dachte ich. Die letzten Stränge, die eine Beziehung zusammenhalten, können schon aufgrund eines einzigen Blickes oder einer Sekunde des Schweigens reißen. (S. 14)

Der Erzähler bewegt sich in der Retrospektive durch frühere Wohnorte seiner Kindheit bis in die Gegenwart. Der namenlose Ich-Erzähler lebt zusammen mit seiner Schwester Malati, seinen Eltern, seiner Frau Anita und dem jüngeren Bruder seines Vaters, Chikkappa, der durch einen Gewürzhandel  zu Geld gekommen ist. Chikappa ist es zu verdanken, dass die Familie gesellschaftlich aufgestiegen ist, also versuchen alle Familienmitglieder, den Onkel bei Laune zu halten.

In jeder Familie gibt es bestimmte Rituale, ungeschriebene Regeln, Verhaltensweisen und Zeremonien, die sich Fremden nicht sofort erschließen. In dieser Familie hat jeder eine festgelegte Rolle, das wird spätestens klar, als der Ich-Erzähler heiratet und Anita mit in die Familie bringt. Malati und seine Mutter streiten sich, Chikappa bringt das Geld ins Haus, der Ich-Erzähler hat einen Alibi-Job im Gewürzhandel (er ist zwar der Geschäftsführer und bekommt monatlich sein Geld überwiesen, aber wird von seinem Onkel maßgeblich von den echten Geschäftsentscheidungen ferngehalten) und sein Vater wird irgendwann ein Testament schreiben und das Haus vererben. Anita muss sich erst in ihre Rolle einfinden. Als ihre Schwiegermutter ein spezielles Gericht kocht, dass bei Anita allein durch den Geruch Übelkeit auslöst, flieht der Ich-Erzähler ins Café: er kann den drohenden Streit der Frauen nicht ertragen, in den sich auch seine Schwester und sein Vater einmischen werden.

Als unerwartet eine junge Frau vor der Haustür auftaucht und behauptet, den Onkel näher zu kennen und ihn mit freundlichen Kosenamen bittet, zur Tür zu kommen, reagieren Anita und Malati sehr schnell. Getrieben von einer schockierenden Kaltherzigkeit, die mich überrascht hat, werfen sie gemeinsam die fremde Frau vor die Tür. Niemand soll den Familienfrieden stören. Vielleicht ist das der Punkt, an dem klar ist, dass Anita doch dazu gehört.

Die psychische und physische Abschottung der Familie setzt sich nicht nur durch die verschiedenen Wohnhäuser fort, in denen sie zusammenleben. Der Ich-Erzähler beschreibt im Detail, die Möblierung der unterschiedlichen Wohnungen und kleinen Appartements bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie so reich ist, dass sie anfängt, wahllos Möbel zu kaufen und ihr Haus vollzustellen. Diese Entwicklung hat fast klaustrophobische Momente. Gleichzeitig wird die Wohnungsburg, in der sich alle Familienmitglieder verschanzen, von innen bedroht: Ameisen finden ihren Weg in die Wohnung und niemand ist vor den kleinen Insekten sicher.

Vivek Shanbag hat fünf Kurzgeschichtenbände, drei Romane und zwei Dramen in der südindischen Sprache Kannada verfasst. Ghachar Ghochar ist sein erster Roman, der auch auf Deutsch übersetzt wurde. Es ist faszinierend zu lesen, wie sich der moralische Zerfall der Familie auf gerade einmal 150 Seiten vollzieht. Ganz große Leseempfehlung.

Vivek Shanbag – Ghachar Ghochar. Übesetzt von Daniel Schreiber. Aufbau Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei Netgalley angefragt. Vielen Dank!

 

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Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roys Roman Das Ministerium des äußersten Glücks ist endlich auch auf Deutsch erhältlich. Nachdem sie für ihr Debüt Der Gott der kleinen Dinge 1997 den Man-Booker-Preis gewann, blieb es zunächst still um die Autorin. Zumindest im Bereich der Belletristik. Sie schrieb stattdessen politische Essays und war als Aktivistin mit unterschiedlichen sozialen und umweltpolitischen Themen beschäftigt. Auch deshalb musste sie immer wieder fürchten, verhaftet zu werden. Ich wollte das neue Buch von Arundhati Roy sofort lesen, denn Der Gott der kleinen Dinge ist eines meiner Lieblingsbücher. Aber ich habe doch ein bisschen länger für die knapp 550 Seiten gebraucht, als ich anfangs gedacht habe…

Es hatte mit der Art und Weise zu tun, wie sie lebte, als wäre sie ihr eigenes Land, ein Land, das keine Visa ausstellte und keine Konsulate zu haben schien. Wohl war, es war nie ein besonders freundliches Land gewesen, selbst in den besten Zeiten nicht. (S.276)

Roy IJede Nacht schläft Anjum zwischen zwei unterschiedlichen Gräbern. Sie rollt sich ihre Schlafmatte aus und schafft sich einen Platz an einem Ort, der für Menschen wie sie, wie geschaffen ist. Anjum sagt über sich selbst, sie sei eine „mehfil, ich bin eine Versammlung von allem und niemand, von allen und nichts“. Anjum ist ein transidentitärer Mensch, aufgewachsen als Junge, geflohen vor der Familie, findet sie irgendwann das Haus der Träume, einem Ort für Hijras.  Mittlerweile lebt sie auf einem Friedhof. In Indien werden intersexuelle Menschen so bezeichnet. Man erkennt sie schon von weitem, die meisten Menschen haben Angst vor ihnen, denn sie sind von den Göttern auserwählt und laut Aberglauben dazu in der Lage, andere zu verfluchen. Anjum hat eine schlimme Vergangenheit hinter sich, aber trotz ihrer traumatischen Erlebnisse schafft sie sich einen Ort, der ohne Grenzen und Gewalt ein friedliches Miteinander möglich macht. Ihr Ministerium des äußersten Glücks, in dem auch schon mal Shakespeare zitiert wird, ist ein Ruhepol in einem Land, das auch von kriegerischen Konflikten nicht verschont bleibt.

Normalität in unserem Teil der Welt ist so etwas wie ein weichgekochtes Ei: Seine langweilige Oberfläche verbirgt zuinnerst einen Dotter von ungeheuerlicher Gewalttätigkeit. Es ist unsere ständige Angst vor dieser Gewalttätigkeit, unsere Erinnerungen an ihre vergangenen Werke und das Grauen vor ihren zukünftigen Manifestationen, die die Regeln niederlegen, wie ein so komplexes und heterogenes Volk, wie wir es sind, weiterhin koexistieren kann – weiterhin zusammenleben, einander tolerieren und von Zeit zu Zeit einander abschlachten kann. Solange die Mitte hält, solange der Dotter nicht ausläuft, ist alles in Ordnung. (S.195)

Der Roman dreht sich nicht nur um Anjum, die den Ort für alle erschaffen kann, die nach ein bisschen Glück suchen. Es gibt den jungen Saddam Hussein, der sich so genannt hat, weil ihn die würdevolle Haltung des Diktators vor seiner Hinrichtung beeindruckt hat. Er findet relativ schnell einen Weg zu Anjum. Aber dann gibt es noch ein anderes Quartett, dessen Beziehungen so komplex und verwirrend sind, wie der Konflikt um die Region Kaschmir. Seit 1947, im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit Indiens, schwelt der Konflikt zwischen Pakistan und Indien um die Region Kaschmir, neben territorialen Ansprüchen geht es immer auch um religiöse Differenzen zwischen Hindus und Muslimen.

Im Ministerium des äußersten Glücks geht es neben Anjum um vier Freunde, die alle von den Konflikten innerhalb der Gesellschaft bedroht sind und ihre eigenen Schlüsse aus diesen Bedrohungen ziehen. Zum einen Naga, ein Journalist und Agent, dann der Kashmiri Musa, der sich in den Konflikt um sein Land einmischt, seine Geliebte, die Architektin Tilo und der Ich-Erzähler, der selbst einmal ein Agent gewesen ist. An der Universität haben sie sich in einer Theatergruppe kennen gelernt und auch in der Gegenwart sind ihre Schicksale miteinander verknüpft. Besonders Tilo ist eine Figur, die sehr viel erlebt hat und die ich auch nach Ende des Buches nicht vergessen kann. Sie heiratet Naga und nicht ihren Geliebten Musa, vielleicht weil sie Schutz braucht, aber „ein weniger großzügiger Mensch würde behaupten, weil sie ein Versteck brauchte“ (S.276) Die Wege der Figuren kreuzen sich wieder, spätestens dann, als ein Baby gefunden wird.

Es ist für mich sehr schnell deutlich geworden, dass Roy viele Themen, die sie in ihren politischen Essays aufgreift, auch als Hintergrund in den Roman einfließen lässt. Das erfordert eine Menge Konzentration und hin und wieder mal einen guten Wikipedia-Eintrag (und der Wikipedia-Eintrag zum Kaschmirkonflikt ist das leider nicht). Anders als Der Gott der kleinen Dinge ist Das Ministerium des äußersten Glücks sicherlich nicht so leicht zugänglich. Trotzdem lohnt sich die Auseinandersetzung mit diesem Buch. Die Figuren sind fantastisch, in jedem Nebensatz steckt noch eine Geschichte, die nur in diesem Moment nicht erzählt wird. Manchmal weiß man nicht genau, ob eine Geschichte stimmt. Häufig treffen sich Menschen im Roman und erzählen sich davon, was anderen passiert sein soll oder was ihnen passiert ist. Vieles wirkt im ersten Moment diffus, weil viele Dinge nicht sofort angesprochen werden.

Das Ministerium des äußersten Glücks ist ein bewegender Indienroman, der sehr viel Zeit braucht und auch sehr viel Geduld von seinen Leser*innen fordert. Das hängt auch damit zusammen , dass sich viele Perspektivwechsel und Zusammenhänge zwischen den Figuren und ihren Geschichten oft erst einige Seiten später klären – aber dafür mit einer unglaublichen poetischen und erzählerischen Wucht. Die Konstruktion der Geschichte ist beeindruckend, die sprachliche Gestaltung fantastisch. Roy lässt nicht zu, dass ihre Figuren ermordet werden – sie werden „gefaltet“. Und das ist nur ein Beispiel von vielen poetischen Wendungen, die sich im Text verstecken, die man zunächst überliest und die dann doch nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? Indem man sich langsam in alle verwandelt. Nein. Indem man sich langsam in alles verwandelt. (S.540)

Es sind auch viele Nebenfiguren, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Figuren, die ich beim ersten Lesen als lächerlich oder verrückt empfunden habe und Seiten später erfährt man dann, dass diese Figur einen Angriff auf das eigene Dorf überlebt hat, bei dem viele andere hingerichtet wurden. Da kommen Listen, Träume, unvollständige Erzählungen des Ich-Erzählers und Zeugenaussagen zusammen, um ganz langsam ein Bild von Indien in der Gegenwart entstehen zu lassen, das mich sehr beeindruckt hat. Und neben allen schrecklichen und erschütternden Bildern, die Arundhati Roy zeichnet, bleibt am Ende doch noch ein kleiner Ort des Glücks bestehen. Ausgerechnet auf einem Friedhof.

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks (The Ministry of Utmost Happiness). Aus dem Englischen von Anette Gruber. S. Fischer Verlag 2017.

560 Seiten.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

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