Die Letzten ihrer Art

Maja Lunde schreibt eindringliche Bücher über die Klimakrise und das Artensterben. Nachvollziehbar werden diese eher unhandlichen Themen in konkreter Verbindung mit Figuren der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. 2015 begann sie ihr Werk mit einem Roman über das Aussterben der Bienen, danach folgte 2017 ein etwas schwächerer Roman über das Wasser. Im dritten Teil ihres Klimaquartetts widmet sich die norwegische Schriftstellerin einer aussterbenden Tierart, den Przewalski-Pferden und den schicksalhaften Verbindungen zwischen Mensch und Tier.

Wie bereits in der Geschichte der Bienen, legt Lunde der Erzählung drei verschiedene Zeitebenen zugrunde, sodass eine Reduzierung der Komplexität, die ich schon bei der Geschichte des Wassers unglücklich fand, zum Glück vermieden wird. Der discours der Handlung beträgt im Pferdeuniversum schlappe 183 Jahre. Eine Zeit, in der sich nicht nur das Verhältnis der Menschen zu aussterbenden Arten gewandelt hat, sondern in der auch die katastrophalen Folgen des Klimawandels für Menschen und Tiere deutlich werden.

Nach wie vor geht es aber nicht nur um die Natur, sondern auch um die familiären Beziehungen der Menschen untereinander. Hauptfiguren der Erzählung sind der Zoologe Michail, der in St. Petersburg im Jahre 1881 auf eine Expedition in die Mongolei aufbricht, die Tierärztin Karin, die 1992 in das Naturschutzgebiet Hustai reist, um Pferde auszuwildern und Eva, die in Norwegen lebt und im Jahr 2064 versucht, die letzten Tiere der aussterbenden Arten zu erhalten.

Wir beobachteten, dass der Leithengst gern einen gewissen Abstand zur Herde einhielt und die anderen bewachte. Wenn Gefahr in Verzug war, schloss er sich ihnen rasch wieder an. Anschließend bildeten sie eine Formation, in der die einjährigen Hengste vorangingen, die Stuten die jüngsten Fohlen in ihre Mitte nahmen und der Leithengst die Nachhut bildete. Konnte eines der jüngeren Fohlen nicht mithalten, stupste und schob der Hengst es voran. Das Verhalten der Tiere war darauf ausgerichtet, die Jüngsten zu schützen, und dennoch war Wilhelm der Meinung, wir sollten versuchen, die Fohlen zu fangen.

Die Letzten ihrer Art, S. 397

Alle Figuren widmen ihr Leben und ihr Glück den Przewalski-Pferden, auch Thakis genannt, und unterscheiden sich deutlich, auch in der Anlage der Erzählstimme.

Der Ich-Erzähler Michail lebt in St. Petersburg und leitet einen Zoo. Durch einen glücklichen Umstand kommt er in den Genuss, eine Expedition in die Mongolei zu leiten, die er gemeinsam mit dem deutschen Abenteurer Wilhelm Wolff durchführen will. Dafür schreibt er ein Reisetagebuch, das wir lesen. Er ist auf der Suche nach winzigen Pferden, die er in seinem Zoo ausstellen möchte. Michail lebt bei seiner dominanten Mutter, die ihn immer wieder damit quält, dass er sich doch endlich eine Frau suchen solle. Doch Michail kann sich das nicht vorstellen. Als er Wolff kennen lernt, verliebt er sich in den Abenteurer, obwohl er weiß, dass es keine gemeinsame Zukunft geben wird. Auf der Suche nach den Pferden, gehen die Männer, die Wolff und Michail anheuern nicht gerade zimperlich mit den Tieren um. Die meisten Przewalski-Pferde sterben bei der Gefangennahme und Michail leidet sehr unter ungewissen Situation, in der nicht klar ist, ob er Wolff jemals wieder sehen wird und genau so wenig klar ist, ob die Expedition von Erfolg gekrönt sein wird.

Im Jahr 1992 reist die Biologin Karin mit ihrem Sohn Matthias in die Mongolei um dort ihr Herzensprojekt zu verfolgen. Die Auswilderung einer Herde von Przewalski-Pferden, auf die sie seit Ewigkeiten hinarbeitet. Matthias war lange Zeit drogenabhängig, scheint aber auf dem Weg der Besserung zu sein. Karin traut ihrem Sohn eine solche Veränderung nicht zu, zu oft ist sie von ihm enttäuscht worden. Auf der anderen Seite fühlt sich Matthias von seiner Mutter nicht gesehen, die ihre Arbeit immer ihrem Sohn vorgezogen hat. Mit ihrer engen Verbindung zu den Pferden, die sie zum Teil selbst aufgezogen hat, arbeitet sie auch ihre eigene Vergangenheit und den Tod ihrer Mutter auf. Gleichzeitig greift sie so auch immer wieder in die Natur ein, obwohl das Projekt darauf ausgelegt ist, dass die Tiere alleine in der Wildnis zurecht kommen.

Im Jahr 2046 lebt Eva mit ihrer Tochter Isa in Norwegen. Mutter und Tochter bewirtschaften alleine einen Hof und Eva versucht, die letzten Tiere der aussterbenden Arten zu retten. Es gibt nicht genug Heu, die Elektrizität ist knapp und Isa bittet ihre Mutter immer wieder darum, die Flucht anzutreten und sich auf den Weg zu machen, wie so viele vor ihnen. Es kommt immer wieder zu Spannungen, denn Isa glaubt nicht an Evas Projekt und hält es für überflüssig. Eva will den Hof aber nicht verlassen und sich weiterhin um die beiden letzten Przewalski-Pferde kümmern, deren Reinrassigkeit durch herumstreunende verlassene Hauspferde bedroht wird. Als eine fremde Frau auftaucht, nimmt Eva sie wider besseren Wissens bei sich Zuhause auf.

Die Kunst von Lundes Erzählform besteht darin, dass en passant deutlich wird, welche umweltschädlichen Folgen der Einfluss der Menschen auf die Natur hat und diese Entwicklung mit Ausnahmesituationen in den verschiedenen Familien der Protagonist*innen verschränkt wird. Und so vollzieht sich in jedem Buch der Autorin ein Wandel in der Herangehensweise. Von einem anthropozentrischen Weltbild, in dem die Natur dem Menschen Untertan zu sein hat, hin zu einem biozentrischen Weltbild, in der das Lebensinteresse der Tiere hervorgehoben wird, die dann in einer Haltung einer ökologischen Ethik mündet, deren Ziel in der Bewahrung der Schönheit und Einzigartigkeit der Natur liegt. Tragischerweise geht mit diesem vertieften Verständnis des Menschen für die Umwelt in Lundes Büchern auch immer eine zivilisatorische Katastrophe einher, die im Kollaps aller bestehenden Systeme und gesellschaftlichen Errungenschaften besteht. Denn diese Erkenntnis greift immer zu spät. Und das ist vielleicht während einer weltweiten Pandemie nicht der passendste Lesestoff, um es mal vorsichtig zu formulieren. Deswegen habe ich wahrscheinlich auch deutlich länger für diesen Roman gebraucht, obwohl die Konstruktion der Geschichte sich im Wesentlichen kaum von der Geschichte der Bienen unterscheidet. Positiv hervorzuheben ist, dass es immer kleine Momente des Gelingens gibt. Michail ist nicht für immer unglücklich, Karin spricht mit ihrem Sohn, Eva lässt sich von ihrer Tochter Insa eines besseren belehren und vertraut einer fremden Frau. An der Schieflage im Verhältnis zwischen Mensch und Tier ändern diese kleinen Momente des Glücks leider nichts.

Im vierten Teil des Klimaquartetts soll es laut Ankündigung der Autorin um Samen und Pflanzen gehen. Ich bin gespannt.

Maja Lunde – Die Letzten ihrer Art.

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2019

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Kimono

Astro Librium

Die Geschichte des Wassers

»Das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser, wohin ich auch sah, war Wasser, es fiel als Regen vom Himmel oder als Schnee, es füllte die kleinen Bergseen, legte sich als Eis auf den Gletscher, strömte in tausend kleinen Bächen den steilen Berghang hinab und schwoll an zum Fluss Breio; es lag spiegelglatt vor dem Ort am Fjord, der zum Meer wurde, wenn man ihm nach Westen folgte.“

Die Geschichte des Wassers spielt auf zwei Erzählebenen. Auf der einen Ebene begleiten die Leser*innen den jungen Vater David und seine Tochter im Jahr 2041. Er flieht vor den Folgen des Klimawandels und einer unerträglichen Dürreperiode in Südeuropa, das durch Waldbrände zerstört wurde. Davids Frau und der gemeinsame Sohn sind auf der Flucht vor einem Brand verloren gegangen. Schließlich wartet David in einer Flüchtlingsunterkunft  auf Nachrichten von seiner Frau und muss dabei zusehen, wie immer mehr Menschen auftauchen und die Helfer*innen langsam die Zelte abbrechen. Ob die Länder Nordeuropas die Geflüchteten aufnehmen, ist ungewiss.

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Die zweite Handlung ist in der Gegenwart verortet und dreht sich um die 70-jährige Aktivistin Signe. Sie lebt in Norwegen und tut alles, um die schmelzenden Gletscher zu retten, mit denen sie ihre Heimat und ihre Kindheit verbindet. Als sie davon erfährt, dass Eis abgetragen wird, damit Investoren aus Saudi-Arabien Gletschereis in ihren Drink kippen können, will sie endlich etwas tun. Der Konflikt um den Naturschutz in ihrer Heimat begleitet sie seit ihrer Kindheit. Ihre Mutter war Hotelbesitzerin und darauf aus, den eigenen Erfolg zu maximieren und möglichst viel Geld zu erwirtschaften – auch durch den Verkauf von Grundstücken. Ihr Vater war Biologe und versuchte alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Natur und den Fluss zu schützen, die durch die Bauarbeiten bedroht wurden.

Maja Lunde konnte mich schon mit dem Roman Die Geschichte der Bienen thematisch überzeugen. Ihr gelingt es spielerisch, glaubhafte Figurenkonstellationen zu entwerfen und diese nachvollziehbar und überraschend in Beziehung zu setzen. Teil Zwei des (geplanten) Klimaquartetts liest sich ebenso locker und leicht  wie der erste Teil. Metaphern, oder poetische Verdichtung von Sprache in jeglicher Form, sucht man allerdings vergeblich. Nichts hat einen doppelten Boden, kein Bild muss enträtselt werden. Der Kniff und die Spannung des Erzählten liegt, wie schon im ersten Teil,  in dem Aufeinandertreffen der verschiedenen Figuren und der Frage danach, welche Verbindung zwischen den Menschen wohl bestehen mag. Das muss kein Nachteil sein, denn schreiben und eine Message transportieren, kann die Schriftstellerin auf jeden Fall. Allerdings waren es bei den Bienen immerhin noch drei Lebenswege, die beschrieben wurden – der Eindruck einer Reduzierung lässt sich leider nicht von der Hand weisen.

Die Geschichte ist unterhaltsam geschrieben und regt, trotz der Kritikpunkte, zum Nachdenken an. Behalten wir unseren jetzigen Lebensstil bei und schmelzen die Gletscher weiter, dann wird auch Europa nicht mehr von den Folgen der Klimakatastrophe verschont bleibt. Die ersten Klimaflüchtlinge gibt es doch jetzt schon, aber es ist einfacher zu behaupten, die Menschen würden aus „wirtschaftlichen Gründen“ flüchten.

Ich möchte das Buch  dringend empfehlen. Allen Autofahrer*innen, allen, die gerade den Hambacher Forst abholzen möchten, allen RWE-Mitarbeiter*innen, allen Braunkohlejünger*innen, den Sternchen bei der Bundeswehr, die für den Moorbrand verantwortlich sind und natürlich allen deutschen und amerikanischen Klimawandelleugner*innen. Wäre Literatur so wichtig und ernst zu nehmen, wie ich sie persönlich einschätze, könnte niemand mehr guten Gewissens nach der Lektüre dieses Buches mit seinem SUV zu einem Date in ein Restaurant fahren,  dort ein gigantisches Steak essen und dann wieder nach Hause tuckern. Leider kann niemand zur Lektüre von guten Büchern gezwungen werden. Die Vorstellung davon, hat aber manchmal etwas tröstliches.

Maja Lunde – Die Geschichte des Wassers. BTB 2018.

Ich bedanke mich herzlich für das Rezensionsexemplar.