Stell dir vor, dass ich dich liebe

IMG_20170709_163746Jennifer Niven hat sich in ihrem Roman Stell dir vor, dass ich dich liebe viel vorgenommen. Es geht um Liebe, schwere Schicksale, Empowerment und zwei herzerwärmend tolle Charaktere: Libby und Jack.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven von Jack und Libby erzählt, die beide ihr Päckchen zu tragen haben. Jack ist ein wahnsinnig cooler Typ, seine Freundin ist die heißeste Frau der Schule und Jack ist ein Bad Boy, der sich von niemandem etwas sagen lässt. Was niemand weiß: Jack ist gesichtsblind. Er hat eine neurologische Störung, die verhindert, dass er sich Gesichter von Personen merken kann. Wenn er morgens die Küche betritt, kann er nur vermuten, dass seine Eltern am Küchentisch stehen und eine kleinere Person sein Bruder sein muss. Damit niemand von diesem Defekt erfährt, hat sich Jack einen Haufen Strategien überlegt, mit denen er im Alltag zurecht kommt. Coolness ist eine davon. Und wenn er halt auf einer Party mal die Falsche küsst und nicht seine Freundin, dann erzählt er trotzdem niemandem von seinem Problem. Lieber wird er  als Arschloch bezeichnet, als dass jemand von seiner Prosopagnosie erfährt.

Libby war einmal der „fetteste Teenager“ Amerikas. Tatsächlich arbeitet Niven mit diesen Superlativen, wie es ihr gerade passt. Libby war das dickste Mädchen, Jack hat die schwerste Form der Gesichtsblindheit. Mit diesen Erzählstrategien muss man bei diesem Buch leider leben und das stört mich doch ein wenig. Libby hat nach dem Tod ihrer Mutter zugenommen und nur noch gegessen, bis sie mit einem Kran aus ihrem Bett herausgehoben werden musste, weil sie nicht mehr durch die Tür passte. Ich weiß, dass es solche Geschichten gibt, aber ein bisschen zu viel ist das schon. Libby hat sich mehrere Jahre im Fatcamp aufgehalten, jetzt hat sie abgenommen und ihr Traum ist, im Tanzteam aufgenommen zu werden.

„Ich denke, wie wunderbar die Welt wäre, wenn alle überall tanzen würden.“

Und als sie endlich wieder zur Schule gehen darf, begegnet ihr Jack. Und sie ist verliebt. Und trotz seiner physiologischen Störung kann Jack sie in der Masse der Menschen erkennen…

Ob das medizinisch funktioniert, sei mal dahingestellt. Jennifer Niven gelingt es mit einer Leichtigkeit empowernde und grandiose Figuren aufs Papier zu zaubern, die mich überrascht hat. Libby ist so eine Powerfrau, die sich trotz Mobbing, trotz ihres Schicksals, trotz ihrer eigenen Kämpfe gegen sich selbst, in der High School behauptet. Sie steht zu ihrem Körper und zu ihrer Vergangenheit und sie kann Jack ein kleines bisschen von dieser großen Kraft abgeben. Auch Jack ist für mich eine faszinierende Figur, in der unglaublich viel Potenzial steckt. Gemeinsam versuchen die beiden alles über Jacks Störung herauszubekommen und hier fangen dann die Probleme an.

Natürlich muss auch eine Liebesgeschichte mit eingebaut werden und bei aller Sympathie für die wirklich differenzierten Charaktere, die mir ans Herz gewachsen sind, schwächelt die Story. Es passiert wenig, das sich zu erzählen lohnt, das Ende ist unbefriedigend und bleibt weit hinter meinen Erwartungen für Libby und Jack zurück. Spekuliert da etwa noch jemand auf einen zweiten Teil? Ich hatte mir deutlich mehr erhofft. Trotzdem hat der Roman sehr viele empowernde Momente und ist ein ganz hübsches Sommerbuch. Mehr aber auch nicht.

Jennifer Niven – Stell dir vor, dass ich dich liebe (Holding Up the Universe). Fischer 2017.

[Rezension] Viel zu viel Vergangenheit – Straus Park

Gerade erst waren die Niederlande und der flämische Sprachraum Thema auf der Buchmesse in Frankfurt. Wenn ihr verschlungene Familiengeschichten mögt, solltet ihr diesen Roman lesen.

Sie zog ihn auf einen antiken Teppich, und immer wieder schmeckte er nicht nur sie, sondern auch den Staub von viel zu viel Vergangenheit. Er wäre auf ewig in ihr geblieben, hier, auf dem kratzigen Gewebe oder egal wo sonst, aber sie war schnell und er begriff, dass danach alles vorbei sein konnte. (S.10)

straus_park_bearbeitetSex mit Kunsthistorikerinnen ist für Amos Grossman eine neue Erfahrung. Auch wenn der Erbe einer jüdischen Familie wirklich kein Kind von Traurigkeit ist. Von seiner ersten Ehefrau hat er sich scheiden lassen, obwohl er damals noch an die große Liebe glaubte. Die gemeinsame Tochter sieht er sporadisch. Als wir ihn kennen lernen, hat er nur noch Sex mit seiner Geschäftspartnerin Alison und klagt sein Leid regelmäßig einem Therapeuten. Zu seiner Familie hat er kaum Kontakt,sein Geschichtsstudium(Harvard!)  hat er abgebrochen, nachdem seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Amos verwaltet den ehemaligen Familiensitz  am Straus Park und hütet das Erbe. Ansonsten wankt er ziellos durch sein Leben und bevor die Midlife-Crisis unbarmherzig an seiner Tür klopft,   begegnet er einer verführerisch schönen Kunsthistorikerin und verliebt sich. Denn diese Frau, das ist sie endlich. Die eine, echte, wahre Liebe.

Es gibt eine Art Liebe, dachte er, eine weichgespülte Variante, die gedeiht, weil man weiß, dass sie bald zu Ende geht. Kamikazeliebe, kurz und dumm. Nicht die Art von Liebe, der Amos Grossmann in handtuchbreite Schuhläden in der Lower East folgen würde. Er kannte sie nur allzu gut, diese weichgespülten Varianten. Für gewöhnlich zog sich Amos diese Art von Liebe zu, wie man sich eine Erkältung zuzieht. (S.84)

Julie Dane forscht über die Herkunft europäischer Kunstschätze aus dem 18. Jahrhundert in den USA. Amos verliebt sich sofort in die charmante Engländerin, die unerwartet vor seiner Tür steht, geht mit ihr Schuhe kaufen  und stellt den Kontakt zu anderen Kunstsammler*innen her. Es kommt zu einer stürmischen Affäre, deren leidenschaftliche Höhepunkte bereits am Anfang des Romans in epischer Breite ausgelotet werden. Das ist unterhaltsam.

Doch dann kippt die Szenerie. Bis hierhin ist alles simpel und nicht überraschend. Man kann es sich förmlich ausmalen, wie Julie und Amos mit ihren Café Lattes an der Upper West Side entlang schlendern und das Leben genießen. Das Julie daheim auf der Insel eigentlich liiert ist, stört wenig. Würde eine vertraute Stimme „xoxo, Gossip Girl“ kommentieren – es würde passen.giphy

Doch Paul Baeten Gronda legt spätestens im zweiten Teil des Romans einen düsteren Schatten auf diese Szenerien der Belanglosigkeit. Und damit habe ich nicht gerechnet. Der zweite Teil führt die Leser*innen ins Jahr 1937, zunächst nach Deutschland und dann in die Niederlande.

Friedrich Großmann war genau wie viele andere in seiner Position vor allem darauf aus gewesen, sich so deutsch wie möglich zu geben und hätte alles Jüdische am liebsten vergessen oder wenn möglich verleugnet. […] Dass der deutsche Staat sein Feind sein sollte, dass seine Landsleute ihn, einen Arzt und obendrein einen Kriegsveteranen, jemand, der ihre Kinder auf die Welt gebracht hatte – dass sie ihn ausspeien würden, das wollte er nicht glauben, wenn er es sich überhaupt vorstellen konnte. (S.143)

In Amsterdam leben Charlotte und Markus. Sie sind Amos‘ Großeltern. Charlotte hat ihren Vater Friedrich in Deutschland auf der Flucht vor den Nazis zurückgelassen. Es war ein Beschluss ihrer Familie, dass sie und ihr Ehemann als erstes nach Amsterdam gehen. Die Eltern werden nie nachkommen. Charlotte und Markus leben in verschiedenen Verstecken, sie kommen bei Freunden unter oder bei Freunden von Freunden. Markus droht an der Verfolgung zu zerbrechen, Charlotte hingegen will die Situation nach wie vor im Griff behalten können. Deshalb wirft sie sich einem NS-Offizier an den Hals und verrät ihm peu á peu, wo sich ihre Freunde verstecken – denn wenn sie ihn mit Informationen  versorgt, lässt er sie und ihren Mann hoffentlich in Ruhe. Außerdem gefällt ihr der Nervenkitzel und endlich winkt ihr als Geliebte eines Offiziers auch der soziale Aufstieg. Charlottes Geplauder sorgt direkt für Verhaftungen und Ermordungen, es sorgt dafür, dass ihre engsten Freunde direkt ins Lager abtransportiert werden.

„Ich will damit nur sagen, dass der Krieg nicht ewig dauern wird.“ Und als er nach diesen Worten ihren Hals küsste, scheu und behutsam, als ob er sie zerbrechen könnte, begriff sie nicht nur, was er vorhatte, sondern auch, dass er sie liebte. Otto Frei, der Mann, den man den Bluthund nannte und der eine Art Gerichtsvollzieher des Todes war, er liebte sie, eine jüdische Bäuerin aus Ketzin, die ihre eigenes Volk verkaufte. (S.209)

Paul Baeten Gronda erzählte eine Geschichte über Opfer und Täter, über Schuld und Leidenschaft, ohne dabei zu moralisieren. Dabei gelingt es ihm, immer wieder den Bogen in die Gegenwart zu spannen und Julie und Amos Liebesgeschichte in den Blick zu nehmen. Der Roman hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es geht um Liebe, Leidenschaft und Verrat. Vor allen Dingen geht es aber auch um jüdischen Kunstbesitz in der NS-Zeit und Spuren von viel zu viel Vergangenheit, die bis in die Gegenwart führen. Und man kann es sich denken: die Geschichten von Amos‘ und Julies Familien sind auf tragische Weise miteinander verbunden.

Paul Baeten Gronda: Straus Park. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas.
Luchterhand Verlag, München 2016
320 Seiten.

[Rezension] M+E = <3 – Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich

Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist nicht der Mensch, es sind zwei Menschen. (Bertold Brecht)

je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich cover .jpg.Mathea Martinsen ist fast hundert Jahre alt. Die meiste Zeit in ihrem Leben hat sie mit ihrem Mann verbracht, aber der schrullige Mathematiker Epsilon ist tot. Die schüchterne Mathea ist nicht weniger schrullig als ihr verstorbener Mann und versucht jetzt die wenigen Möglichkeiten, die sie hat, zur vorsichtigen Kontaktaufnahme mit ihrer Umwelt zu nutzen. Da gibt es einen alten Spaziergänger, der sie regelmäßig nach der Uhrzeit fragt, ein Nachbarschaftsfest steht an und ein Bingo-Abend im Senior_innenzentrum. Aber so richtig glücklich kann Mathea ohne Epsilon einfach nicht sein. Epsilon ist so etwas wie Matheas fehlendes Puzzlestück und ohne ihn ist ihr Leben nicht mehr wie vorher.

Jetzt liege ich hier im Bett, bin das Gegenteil von ungeduldig und wünschte, ich könnte den kleinen Rest, der mir noch vom Leben bleibt, aufsparen, bis ich weiß, was ich damit anfangen soll. Aber das geht nicht, dafür müsste ich mich schon einfrieren, und wir haben nur eines dieser kleinen Gefrierfächer über dem Kühlschrank. (S.10)

Epsilon war der beste Freund, den Mathea jemals hatte. Der Mathematiker, dessen einziges Hobby darin bestand, norwegische Statistikjahrbücher zu sammeln, starb am ersten Tag seines Ruhestandes. Kinder haben die beiden nie gehabt und beide machten dafür das gemeinsame Etagenbett verantwortlich. Wenn Mathea sich nicht an ihren Alltag mit Epsilon erinnert, strickt sie Ohrenwärmer, spricht in Reimen und schaut die Nachrichten mit Einar Lunde, den sie nicht sonderlich mag. Außerdem arbeitet sie an einer Erinnerungskiste, in der sie alle Dinge aufbewahrt, die sie als relevant empfindet, denn irgendetwas muss von ihr ja übrig bleiben, wenn sie tot ist.

Das Einzige, was mir einfällt, sind mein Name und mein Hobby. Also schreibe ich in ordentlichen Druckbuchstaben „I C H   H E I S S E  M A T H E A  U N D  B I N  E I N  S A M M L E R“, und als ich meinen Satz lese, fällt mir auf, was herauskommt, wenn man die letzten vier Buchstaben streicht. Ob Epsilon das auch bemerkt hätte? Ich setze meinen Fingerabdruck darunter, wegen der DNA, und als genetisches I-Tüpfelchen niese ich einmal darauf. (S.45)

Regelmäßig scheitert sie daran, ein Marmeladenglas zu öffnen und kauft deswegen regelmäßig ein neues. Manchmal überlegt sie, „Fräulein Uhr“ von der Zeitansage anzurufen und traut sich dann doch nicht, denn das Fräulein könnte am Ende noch eine Konkurrentin auf dem Gebiet der Zeitansage werden. Schließlich sagt Mathea jeden Tag dem Spaziergänger die Uhrzeit – auch wenn sie gar nicht weiß, wie spät es eigentlich ist. Und sie besucht den Friedhof, denn sie muss jetzt damit leben können, bald sterben zu müssen. Sie versucht immer wieder Kontakt zu anderen Menschen herzustellen, aber ihre Versuche sind nicht von Erfolg gekrönt. Sie ist einfach zu schüchtern und weiß nicht mehr, wie man Gespräche mit anderen Menschen beginnen kann. Trotzdem bereitet sie sich akribisch auf die Welt da draußen, außerhalb ihrer Wohnung vor. Denn vielleicht passiert doch noch etwas.

Ich muss in den Laden und Zucker kaufen, für den Fall, dass sich June mehr leihen will. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nicht darauf hoffte, unterwegs dem Mann ohne Uhr zu begegnen. Bevor ich gehe, lege ich etwas Parfüm auf, diesmal begnüge ich mich mit einem Spritzer in der Gegend um die Kniekehlen und einigen Tropfen hinter dem Ohr. Und dann sprühe ich kurz in die Luft und gehe einmal durch die Wolke. (S.90)

Das klingt auf den ersten Blick fürchterlich deprimierend, aber das stimmt nicht. Der Text ist witzig, skurril und mit einem tiefen Verständnis für seine Hauptfigur geschrieben, die sich nie besonders wohl unter Menschen gefühlt hat. Warum auch, Mathea hatte ihren Lieblingsmenschen ja gefunden. Weil Mathea niemanden kennen lernt, versucht sie wenigstens auf anderen Gebieten erfolgreich zu sein. Sie will in die Top-Ten der nachgefragtesten Norweger_innen und ruft deswegen mehrfach bei der Auskunft an und fragt mit verstellter Stimme nach ihrer eigenen Nummer. Epsilon hätte dafür Verständnis gehabt, denn er hat auch verstanden, warum Mathea lieber doch nicht den Putzjob haben wollte. Ohne Job konnte sie mehr Zeit mit Epsilon verbringen – zumindest in Gedanken.

Kjersti A. Skomsvold erzählt in ihrem Debüt Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich auf knapp 140 Seiten nicht nur eine Liebes-, sondern auch eine Abschiedsgeschichte. Mathea nimmt nicht nur Abschied von Epsilon, sondern auch von ihrem eigenen Leben. Das ist manchmal traurig zu lesen, aber oft auch einfach nur wunderschön.

Kjersti A. Skomsvold – Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich. Dumont 2013. 142 Seiten.

Aus dem Norwegischen (Jo fertere jeg gar, jo mindre e jeg) übersetzt von Ursel Allenstein.

ISBN: 978-3-8321-6204-7