Normale Menschen

Wer gerne Geschichten über Beziehungen und Probleme der Millenials liest, kommt um die irische Autorin Sally Rooney im Moment gar nicht herum. Vor einiger Zeit habe ich Gespräche mit Freunden gelesen und war ziemlich begeistert. Rooneys zweiter Roman Normal People stand auf der Longlist für den Man Booker Prize 2018, wurde 2019 mit dem British Book Award ausgezeichnet und wurde ein absoluter Erfolg in den USA. In diesem Jahr ist der Roman auch auf Deutsch erschienen und ich habe ihn innerhalb weniger Tage gelesen. Es geht um die große Liebe und das Durcheinander, das bestimmte Entscheidungen in Beziehungen auslösen. Rooney sorgt dafür, dass die Leser*innen ganz nah an den Figuren bleiben, ohne sie in ihrer Unbeholfenheit oder in ihrem Gefühlschaos der Lächerlichkeit preiszugeben.

Normal People erzählt die Beziehungsgeschichte von Marianne und Connell. Beide wachsen in der nordwestirischen Provinz Sligo auf und beginnen eine verkorkste und doch schmerzhaft ehrliche Beziehung. Das Thema class lässt sich aus ihrer Beziehung nicht wegdenken. Connells Mutter ist alleinerziehend und putzt für Mariannes Familie, zwangsläufig begegnen sich Connell und Marianne, sie werden Freunde und immer wichtiger füreinander, dann verlieben sie sich. Aber das Problem der Beziehung auf Augenhöhe besteht nicht nur aufgrund des unterschiedlichen ökonomischen Backgrounds. In der Schule ist Connell der Star, er ist beliebt und ein erfolgreicher Rugbyspieler und gehört zu einer angesagten Clique. Dass er viel zu intelligent für seine Kumpels ist, fällt kaum auf. Marianne hingegen bewegt sich in einer anderen sozialen Sphäre, sie ist das komische Mädchen ohne Freunde. Die Zukunft ist Gold, zumindest für Connell, dem alle bescheinigen, dass er es doch auf jeden Fall an die besten Unis des Landes schaffen wird. Dann kommt Marianne dazwischen. Connell versucht die Beziehung in der Schule geheim zu halten, da er um sein Ansehen fürchtet. Natürlich nimmt er lieber ein beliebteres Mädchen mit zum Abschlussball. Diese Szenen könnten aus Erwachsenenperspektive merkwürdig wirken, dass Rooney es gelingt, die seelische Tragik für die Protagonist*innen in diesen vermeintlichen banalen Situationen auszuloten, ist die große, wenn nicht die größte Stärke der Erzählung. Als die beiden sich auch vor ihren Freunden endlich als Pärchen zu erkennen geben, bleibt es schwierig. Mariannes familiäre Situation ist von emotionaler und physischer Gewalt geprägt, die Beziehung ein stetes Auf und Ab. Am Trinity College (hier hat Rooney selbst studiert und auch in Gespräche mit Freunden taucht das College als wichtiger Erlebnisraum auf), treffen sich Connell und Marianne wieder und die Situation hat sich komplett gedreht. Connell ist überfordert mit den Unistrukturen, er hat es in ein Schreibprogramm geschafft (vom Sport ist keine Rede mehr), aber ist psychisch angeschlagen, denn ihm gelingt das Schreiben nicht mehr.

Er weiß, dass viele von den Literaturleuten am College Bücher vor allem als Möglichkeit sehen, um kultiviert zu erscheinen. Als jemand an jenem Abend im Stag’s Head die Anti-Austeritätspolitik erwähnte, riss Sadie die Hände hoch und sagte: Keine Politik, bitte! Connells anfängliche Einschätzung der Lesung wurde nicht widerlegt. Es war Kultur als Ausdruck der Gesellschaftsschicht, Literatur als Fetisch dank ihrer Fähigkeit, gebildete Leute auf falsche Gefühlsreisen zu schicken, so dass sie sich hinterher den ungebildeten Menschen, über deren Gefühlsreisen sie so gerne lesen, überlegen fühlen konnten.

Normal People, S. 264.

Wieder drängt sich das Thema class, das in der Erzählung unterschwellig immer präsent ist, als bestimmender Faktor in das Leben der Protagonist*innen. Connell fühlt sich nicht zugehörig, seine eigene Herkunft steht ihm im Weg und er muss erkennen, dass ein Studium noch lange kein Garant für finanzielle Sicherheit ist. Marianne hingegen scheint sich nach dem Bruch mit der Familie erholt zu haben.

Die Geschichte von Connell und Marianne ist keine Wohlfühl-Lovestory, ganz im Gegenteil. Normal People thematisiert eine Liebesgeschichte, aber auch den Umgang mit Depressionen, enttäuschte Hoffnungen, gescheiterte Lebensentwürfe und masochistisches Sexualverhalten als Bewältigungsmechanismus nach Gewalterfahrungen.

Normal People erzählt auch davon, dass selbst die tiefste und ehrlichste Liebe noch lange kein Garant für eine stabile Beziehung oder ein glückliches Leben sein kann. Das ist emotional ziemlich viel, aber durch eine schnörkellose Sprache und ein feines Gespür für Timing und Szenen nie peinlich oder voyeuristisch. Der Guardian bezeichnet die Liebesgeschichte als „zukünftigen Klassiker“. Ich bin gespannt und oute mich hiermit als ziemliches Rooney-Fangirl. Beide Romane, die bisher auf Deutsch erschienen sind, habe ich in wenigen Tagen gelesen. Große Empfehlung!

Wer nicht so gerne zum Buch greift, aber trotzdem Interesse an komplexen und intensiven Beziehungsgeschichten hat, muss sich keine Sorgen machen. Normal People hat den Sprung zur Serienadaption geschafft und ist im Stream auf Amazon und Starzplay verfügbar.

Ich bedanke mich herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sally Rooney : Normal People.

Aus dem Englischen von Zoe Beck. Luchterhand 2020.

Weitere Rezensionen findet ihr hier

Bookbroker

Buch und Wort

Magnet

„Jokum spürte, wie etwas an ihm zerrte, an dem Magneten, die Kindheit war im Norden, die Zukunft im Süden, und er stand direkt dazwischen, wie er es immer getan hatte, zwischen dem, was gewesen war, und dem, was noch sein würde.“

Manche Fotografen werden durch Porträtaufnahmen berühmt. Jokum Jokumsen hingegen, war schon immer von den Dingen fasziniert. Als Archivar des Alltäglichen fotografiert er vergessene Alltagsgegenstände, die sonst niemanden interessieren. Sie sind der Schlüssel zu seinem Erfolg und führen ihn bis in die USA.

Magnet

Lars Saabye Christensen erzählt auf knapp 950 Seiten die Geschichte von Jokum Jokumsen, der schon immer einen etwas anderen Blick auf die Welt hatte. Mit seinen knapp 2 Metern ist er eine Ausnahmeerscheinung, schon im Studentenwohnheim in Oslo in den 1970er Jahren wunderte man sich über den großen Literaturwissenschaftsstudenten und Jazzliebhaber. Jokum ist heimlich in seine Mitbewohnerin Synne Sager verliebt, die Kunstgeschichte studiert und sich für Stillleben interessiert. Als Synnes Hamster Hubert stirbt, ist Jokum zur rechten Zeit am rechten Ort. Auf einem Leonard Cohen Konzert kommen sich die beiden näher. Synne schenkt Jokum eine Leica und bald darauf, sieht man den großen Mann nur noch mit einer Kamera in der Hand, den Blick auf den Boden gesenkt.

Die Beziehung der beiden ist nicht einfach. Jokum ist eher Jazz, Synne eher Stilleben. Vielleicht auch andersherum. Und das fängt schon bei den Elternhäusern an. Kommt Jokum aus einer intakten Familie, die sich sehr für sein Leben interessiert, ist Synne in einem reichen, aber ziemlich kaputten Elternhaus aufgewachsen. Vielleicht ist sie deswegen so kompliziert. Als Jokum erste Erfolge hat, entscheidet Synne ihre Doktorarbeit in Kunstgeschichte in San Francisco fortzuführen – sie kann promovieren und Jokum kann sich seiner Kunst widmen. Doch bald dreht sich das Blatt: Synne gibt ihre Doktorarbeit auf und wird Jokums Kuratorin. So entscheidet sie maßgeblich mit, wenn es um die Ausrichtung seiner Werke geht. Jokum ist diese Aufteilung nur recht, häufig wirkt er nur mäßig alltagskompetent, sodass Synnne wahrscheinlich den Eindruck gewinnt, sie müsste sich um vieles kümmern. Und der Plan geht auf: bald schon kann Jokum seine Werke im Museum of Modern Art New York präsentieren. Jokums persönliches Erfolgsgeheimnis ist ein Magnet, den ihm sein Vater geschenkt hat und der immer wieder eine Rolle spielt. Gleichzeitig ist es vor allen Dingen Synne, die den Kurs bei den Fotografien vorgibt, während Jokum seine Rolle als Künstler etwas anders sieht. Wie damals in Oslo ist er der Ansicht, dass die Bilder zu ihm kommen und dass er Dinge findet, nicht für einen Aha-Effekt arrangiert. Synne sieht das etwas anders. Alle Stilleben, die sie untersucht hat, sind letztlich perfekt arrangiert.

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

Während sich Synne und Jokum beruflich immer klarer als Künstlerpaar etablieren, bleiben Schattenseiten in der Beziehung nicht aus. Das ist zum einen, die Beziehung zu den Eltern, die sich bei Synne als sehr schwierig gestaltet, zum anderen auch der Versuch des Paares, selbst Eltern zu werden. Immer wieder wechseln sich lustige Szenen und tolle Dialoge mit vielen melancholischen Passagen ab, in denen Jokum für sich ausloten muss, was ein gelungenes Leben eigentlich bedeutet.

Erzählt wird die Geschichte von einem ehemaligen Mitbewohner von Jokum und Synne aus der Osloer WG. Auch die anderen ehemaligen Mitbewohner tauchen immer wieder auf. Der überzeugte Kommunist Bengt wird später zum Unternehmensberater und der Liedermacher Arve, auf den Jokum eine ganze Zeit sehr eifersüchtig ist, schreibt ein One-Hit-Wonder und wird danach vergessen. Die Erzählung springt durch verschiedene Zeiten und von Oslo nach San Francisco und zum Aufenthaltsort des Erzählers, der sich in einer Art Wohngruppe für psychisch Kranke befindet. Das kann anfänglich etwas verwirrend sein, sorgt aber dafür, dass die Geschichte einen unglaublichen Sog entwickelt. Denn der ehemalige Mitbewohner schreibt selbst an einem Buch. Es heißt „Magnet“ und es geht um die Beziehung von Jokum Jokumsen und Synne Sager.

Magnet ist ein Roman, den ich kaum aus den Händen legen konnte. Der Roman ist witzig, melancholisch und genial konstruiert (allein die Szene mit Hubert, dem Hamster und dem sich daran anschließende Kapitel sind schon eine Sache für sich). Außerdem gelingen Christensen immer wieder wunderschöne Metaphern, die Jokums und Synnes Entwicklung als Künstler*innen und als Paar einfangen. Neben sehr realistischen und immer wieder auf die zeitliche Verortung der Handlung verweisenden Passagen (das Leonard Cohen-Konzert, Jokum darf ein Foto für das neue Album von Tom Waits beisteuern usw.), gibt es gerade am Anfang auch Szenen, die in einer Art Zwischenwelt spielen, die ich gar nicht genau festlegen kann. Jokum schreibt seine letzte Klausur über Kafkas Prozess. Und auf einmal begegnen ihm auch in seinem alltäglichen Leben die Menschen aus der Erzählung. Genialer kann man kaum schreiben.

Magnet ist ein Buch, das mich absolut begeistert hat und dem ich sehr viele Leser*innen wünsche. Kennt ihr andere Romane von Lars Saabye Christensen? Ich habe Lust auf mehr.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank!

Lars Saabye Christensen: „Magnet“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt, 960 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

 

Bleib bei mir

Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe. (S.23)

produkt-10003769

Mitten in der Geschichte verkündet Yejide ihrem Mann Akin, dass sie beide Eltern werden. Sie ist sich sicher, dass sie dieses Mal eine Tochter bekommen. Auf dem „Berg der Wunder“ hat Yejide an einer rituellen Zeremonie teilgenommen und lässt sich fast ein ganzes Jahr nicht von ihrer Vorstellung einer Schwangerschaft abbringen, auch als Akin sie zu mehreren Ärzten bringt. Die Episode hat tragischkomische Elemente, aber der Auslöser für Yejides psychischen Zusammenbruch liegt in ihrem Umfeld.

Der Druck ein Kind zu bekommen, lastet schwer auf dem Paar. Im Nigeria der 1980er Jahre, sind es nicht nur zwei Menschen, die mit der Kinderlosigkeit klar kommen müssen. Die gesamte Familie mischt sich ein. So entscheidet Akins Mutter nach mehreren kinderlosen Jahren des Paares, dass endlich etwas passieren muss. Sie organisiert eine Zweitfrau für ihren Sohn. Obwohl Akin und Yejide sich gegen das traditionelle Modell der Polygamie aussprechen, können sie sich nicht gegen die Entscheidung des Familienrats durchsetzen. Yejide und Akin haben studiert, Yejide steht sogar durch einen Friseursalon finanziell auf eigenen Beinen und trotzdem müssen sie sich den Vorstellungen der anderen fügen. Yejide hofft, dass sie vielleicht doch noch schwanger wird und so die Zweitfrau Funmi wieder loswird.

Der Roman beginnt damit, dass Yejide die Zweitfrau auf einer Familienzusammenkunft präsentiert wird. Große Zeitsprünge bis ins Jahr 2008 und die wechselnde Erzählperspektive zwischen Akin und Yejide sorgen dafür, dass die Handlung an keiner Stelle langweilig wird. Mit einem guten Gefühl für Spannung und Timing beschreibt die Debütautorin Ayòbámi Adébáyo ein komplexes Ehedrama, in dem es um Verrat, Lügen und Hoffnung geht. Zudem wird die Ehe von Akin und Yejide durch ein weiteres Problem belastet: die erblich bedingte Sichelkrankheit, die häufig tödlich endet.

Besonders gut gefällt mir, wie geschickt der unterschiedliche Umgang der Protagonist*innen mit den zahlreichen Schicksalsschlägen (und das muss man als Leser*in aushalten) ausgelotet wird. Nebenbei erfährt man einiges über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Nigerias, die gekonnt in den Text eingestreut werden. Ambivalente Charaktere sorgen für eine unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte, die ich innerhalb weniger Tage gelesen habe. Angenehm kitschfrei und gleichzeitig sehr berührend, erzählt Adébáyo eine tragische Geschichte über Liebe, Verrat und Schicksal.

Ayòbámi Adébáyo war mit ihrem Roman für den Baileys Women’s Prize for fiction nominiert.

Ayòbámi Adébáyo: Bleib bei mir. Übersetzt von Maria Hummitzsch.

Piper Verlag, 2018, 352 Seiten

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Eine Liebe, in Gedanken

 

„Eine hatte Freiheit gesucht.
Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt.
Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit.“

Eine Liebe in Gedanken (2)

Selten hat mich ein Buch so bewegt, wie der neue Roman von Kristine Bilkau. Das Thema ist nicht einfach: nach dem Tod der eigenen Mutter räumt die Erzählerin die Wohnung aus und findet alte Liebesbriefe. Sie entdeckt, dass ihre Mutter einen Freund gehabt hat, von dem sie nie erzählt hat und beginnt alte Tagebücher zu lesen, in denen ihre Mutter Antonia sich in Edgar verliebt. Die größte Liebe ihres Lebens.

„Toni“ ist verträumt, erwartet viel vom Leben, wünscht sich, nach Paris zu gehen und lernt Edgar kennen, der ihr diese Wünsche erfüllen kann. In einer Zeit, als junge Singlefrauen noch argwöhnisch von Vermieterinnen beäugt wurden und Antonia beim Frauenarzt vergeblich darum bittet, die Pille verschrieben zu bekommen (erst ab 30 und für verheiratete Frauen*), findet die Liebe der beiden in Gedanken und Briefen statt und wird irgendwann doch sehr körperlich. Toni wird schwanger, entscheidet sich gegen das Kind und Edgar bekommt ein Jobangebot in Hongkong. Toni träumt vom Auswandern, aber Edgar wird sie nie ins Ausland nachholen. Und dann ist diese große Liebe auch schon wieder vorbei.

Mit den Tagebuchaufzeichnungen im Hinterkopf, begibt sich die Ich-Erzählerin auf die Suche nach Edgar.

Kristine Bilkau gelingt es meisterhaft ein Porträt einer Zeit zu zeichnen, in der zwar die moralische Strenge der 1950er gelockert wird, aber die sexuelle Befreiung der Frau reines Wunschdenken ist. Toni scheitert nicht nur an ihren großen Wünschen, sondern letztlich auch an gesellschaftlichen Erwartungen und man wird das Gefühl nicht los, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Umso erschreckender, welche Vorstellungen eines gelungenen Lebens noch bis vor einigen Jahren herrschten und wie vielen Erwartungen junge Frauen* zu entsprechen hatten.

Die Ich-Erzählerin arrangiert ein Treffen mit Edgar und kann dabei den Gedanken nicht abschütteln, dass dieser Mensch unter anderen Umständen ihr Vater geworden wäre. Wie anders hätte ihre Familie sein können? Mich haben viele Überlegungen unglaublich getroffen, als ich dieses schmale Buch innerhalb weniger Tage gelesen habe. Und während die junge Toni so voller Träume und Hoffnungen ist, ist es umso tragischer zu lesen, dass sich die wenigsten Dinge erfüllen werden, die sie sich im Leben wünscht.

„Ich überlegt, wie ich das Leben meiner Mutter zusammenfassen konnte. Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wer sie als junge frau gewesen war, wer sie geworden war, doch es konnte ja immer nur ein Ausschnitt bleiben, Geschichten, von mir erdacht. Wie nah ich der Frau von damals und der Frau, die sie geworden war, hatte kommen können, das würde ich nie wissen.“

Bilkau erzählt nicht nur eine Geschichte über eine unglückliche Liebe, sondern auch über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, deren Intensität und Tiefe sich erst nach und nach entfaltet und die mich tief berührt hat. Erst nach dem Tod ihrer Mutter, gelingt es ihrer Tochter sie außerhalb ihres Familiengefüges als eigenen, ganz besonderen Menschen zu sehen, der sich sein Leben ganz anders vorgestellt hat. Auch viele Jahre nach dem Ende der Beziehung fährt Toni heimlich zum Haus von Edgars Eltern um zu sehen, ob er zu Besuch ist. Sie kann ihn nicht vergessen, wird nie sesshaft, führt ein chaotisches Leben. Ihre Tochter hat ihr dieses Chaos nie verzeihen können, aber versteht auch erst mit dem Tod der Mutter, dass sie die Chance vertan hat, nachzufragen, wie es wirklich damals gewesen ist. Ein Roman, den man nicht so schnell vergisst.

Kristine Bilkau – Eine Liebe, in Gedanken. Luchterhand 2018.

 

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei vorablesen.de gewonnen. Vielen Dank!

 

Stell dir vor, dass ich dich liebe

IMG_20170709_163746Jennifer Niven hat sich in ihrem Roman Stell dir vor, dass ich dich liebe viel vorgenommen. Es geht um Liebe, schwere Schicksale, Empowerment und zwei herzerwärmend tolle Charaktere: Libby und Jack.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven von Jack und Libby erzählt, die beide ihr Päckchen zu tragen haben. Jack ist ein wahnsinnig cooler Typ, seine Freundin ist die heißeste Frau der Schule und Jack ist ein Bad Boy, der sich von niemandem etwas sagen lässt. Was niemand weiß: Jack ist gesichtsblind. Er hat eine neurologische Störung, die verhindert, dass er sich Gesichter von Personen merken kann. Wenn er morgens die Küche betritt, kann er nur vermuten, dass seine Eltern am Küchentisch stehen und eine kleinere Person sein Bruder sein muss. Damit niemand von diesem Defekt erfährt, hat sich Jack einen Haufen Strategien überlegt, mit denen er im Alltag zurecht kommt. Coolness ist eine davon. Und wenn er halt auf einer Party mal die Falsche küsst und nicht seine Freundin, dann erzählt er trotzdem niemandem von seinem Problem. Lieber wird er  als Arschloch bezeichnet, als dass jemand von seiner Prosopagnosie erfährt.

Libby war einmal der „fetteste Teenager“ Amerikas. Tatsächlich arbeitet Niven mit diesen Superlativen, wie es ihr gerade passt. Libby war das dickste Mädchen, Jack hat die schwerste Form der Gesichtsblindheit. Mit diesen Erzählstrategien muss man bei diesem Buch leider leben und das stört mich doch ein wenig. Libby hat nach dem Tod ihrer Mutter zugenommen und nur noch gegessen, bis sie mit einem Kran aus ihrem Bett herausgehoben werden musste, weil sie nicht mehr durch die Tür passte. Ich weiß, dass es solche Geschichten gibt, aber ein bisschen zu viel ist das schon. Libby hat sich mehrere Jahre im Fatcamp aufgehalten, jetzt hat sie abgenommen und ihr Traum ist, im Tanzteam aufgenommen zu werden.

„Ich denke, wie wunderbar die Welt wäre, wenn alle überall tanzen würden.“

Und als sie endlich wieder zur Schule gehen darf, begegnet ihr Jack. Und sie ist verliebt. Und trotz seiner physiologischen Störung kann Jack sie in der Masse der Menschen erkennen…

Ob das medizinisch funktioniert, sei mal dahingestellt. Jennifer Niven gelingt es mit einer Leichtigkeit empowernde und grandiose Figuren aufs Papier zu zaubern, die mich überrascht hat. Libby ist so eine Powerfrau, die sich trotz Mobbing, trotz ihres Schicksals, trotz ihrer eigenen Kämpfe gegen sich selbst, in der High School behauptet. Sie steht zu ihrem Körper und zu ihrer Vergangenheit und sie kann Jack ein kleines bisschen von dieser großen Kraft abgeben. Auch Jack ist für mich eine faszinierende Figur, in der unglaublich viel Potenzial steckt. Gemeinsam versuchen die beiden alles über Jacks Störung herauszubekommen und hier fangen dann die Probleme an.

Natürlich muss auch eine Liebesgeschichte mit eingebaut werden und bei aller Sympathie für die wirklich differenzierten Charaktere, die mir ans Herz gewachsen sind, schwächelt die Story. Es passiert wenig, das sich zu erzählen lohnt, das Ende ist unbefriedigend und bleibt weit hinter meinen Erwartungen für Libby und Jack zurück. Spekuliert da etwa noch jemand auf einen zweiten Teil? Ich hatte mir deutlich mehr erhofft. Trotzdem hat der Roman sehr viele empowernde Momente und ist ein ganz hübsches Sommerbuch. Mehr aber auch nicht.

Jennifer Niven – Stell dir vor, dass ich dich liebe (Holding Up the Universe). Fischer 2017.

Viel zu viel Vergangenheit – Straus Park

 

Sie zog ihn auf einen antiken Teppich, und immer wieder schmeckte er nicht nur sie, sondern auch den Staub von viel zu viel Vergangenheit. Er wäre auf ewig in ihr geblieben, hier, auf dem kratzigen Gewebe oder egal wo sonst, aber sie war schnell und er begriff, dass danach alles vorbei sein konnte. (S.10)

straus_park_bearbeitetSex mit Kunsthistorikerinnen ist für Amos Grossman eine neue Erfahrung. Auch wenn der Erbe einer jüdischen Familie wirklich kein Kind von Traurigkeit ist. Von seiner ersten Ehefrau hat er sich scheiden lassen, obwohl er damals noch an die große Liebe glaubte. Die gemeinsame Tochter sieht er sporadisch. Als wir ihn kennen lernen, hat er nur noch Sex mit seiner Geschäftspartnerin Alison und klagt sein Leid regelmäßig einem Therapeuten. Zu seiner Familie hat er kaum Kontakt,sein Geschichtsstudium(Harvard!)  hat er abgebrochen, nachdem seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Amos verwaltet den ehemaligen Familiensitz  am Straus Park und hütet das Erbe. Ansonsten wankt er ziellos durch sein Leben und bevor die Midlife-Crisis unbarmherzig an seiner Tür klopft,   begegnet er einer verführerisch schönen Kunsthistorikerin und verliebt sich. Denn diese Frau, das ist sie endlich. Die eine, echte, wahre Liebe.

Es gibt eine Art Liebe, dachte er, eine weichgespülte Variante, die gedeiht, weil man weiß, dass sie bald zu Ende geht. Kamikazeliebe, kurz und dumm. Nicht die Art von Liebe, der Amos Grossmann in handtuchbreite Schuhläden in der Lower East folgen würde. Er kannte sie nur allzu gut, diese weichgespülten Varianten. Für gewöhnlich zog sich Amos diese Art von Liebe zu, wie man sich eine Erkältung zuzieht. (S.84)

Julie Dane forscht über die Herkunft europäischer Kunstschätze aus dem 18. Jahrhundert in den USA. Amos verliebt sich sofort in die charmante Engländerin, die unerwartet vor seiner Tür steht, geht mit ihr Schuhe kaufen  und stellt den Kontakt zu anderen Kunstsammler*innen her. Es kommt zu einer stürmischen Affäre, deren leidenschaftliche Höhepunkte bereits am Anfang des Romans in epischer Breite ausgelotet werden. Das ist unterhaltsam.

Doch dann kippt die Szenerie. Bis hierhin ist alles simpel und nicht überraschend. Man kann es sich förmlich ausmalen, wie Julie und Amos mit ihren Café Lattes an der Upper West Side entlang schlendern und das Leben genießen. Das Julie daheim auf der Insel eigentlich liiert ist, stört wenig. Würde eine vertraute Stimme „xoxo, Gossip Girl“ kommentieren – es würde passen.giphy

Doch Paul Baeten Gronda legt spätestens im zweiten Teil des Romans einen düsteren Schatten auf diese Szenerien der Belanglosigkeit. Und damit habe ich nicht gerechnet. Der zweite Teil führt die Leser*innen ins Jahr 1937, zunächst nach Deutschland und dann in die Niederlande.

Friedrich Großmann war genau wie viele andere in seiner Position vor allem darauf aus gewesen, sich so deutsch wie möglich zu geben und hätte alles Jüdische am liebsten vergessen oder wenn möglich verleugnet. […] Dass der deutsche Staat sein Feind sein sollte, dass seine Landsleute ihn, einen Arzt und obendrein einen Kriegsveteranen, jemand, der ihre Kinder auf die Welt gebracht hatte – dass sie ihn ausspeien würden, das wollte er nicht glauben, wenn er es sich überhaupt vorstellen konnte. (S.143)

In Amsterdam leben Charlotte und Markus. Sie sind Amos‘ Großeltern. Charlotte hat ihren Vater Friedrich in Deutschland auf der Flucht vor den Nazis zurückgelassen. Es war ein Beschluss ihrer Familie, dass sie und ihr Ehemann als erstes nach Amsterdam gehen. Die Eltern werden nie nachkommen. Charlotte und Markus leben in verschiedenen Verstecken, sie kommen bei Freunden unter oder bei Freunden von Freunden. Markus droht an der Verfolgung zu zerbrechen, Charlotte hingegen will die Situation nach wie vor im Griff behalten können. Deshalb wirft sie sich einem NS-Offizier an den Hals und verrät ihm peu á peu, wo sich ihre Freunde verstecken – denn wenn sie ihn mit Informationen  versorgt, lässt er sie und ihren Mann hoffentlich in Ruhe. Außerdem gefällt ihr der Nervenkitzel und endlich winkt ihr als Geliebte eines Offiziers auch der soziale Aufstieg. Charlottes Geplauder sorgt direkt für Verhaftungen und Ermordungen, es sorgt dafür, dass ihre engsten Freunde direkt ins Lager abtransportiert werden.

„Ich will damit nur sagen, dass der Krieg nicht ewig dauern wird.“ Und als er nach diesen Worten ihren Hals küsste, scheu und behutsam, als ob er sie zerbrechen könnte, begriff sie nicht nur, was er vorhatte, sondern auch, dass er sie liebte. Otto Frei, der Mann, den man den Bluthund nannte und der eine Art Gerichtsvollzieher des Todes war, er liebte sie, eine jüdische Bäuerin aus Ketzin, die ihre eigenes Volk verkaufte. (S.209)

Paul Baeten Gronda erzählte eine Geschichte über Opfer und Täter, über Schuld und Leidenschaft, ohne dabei zu moralisieren. Dabei gelingt es ihm, immer wieder den Bogen in die Gegenwart zu spannen und Julie und Amos Liebesgeschichte in den Blick zu nehmen. Der Roman hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es geht um Liebe, Leidenschaft und Verrat. Vor allen Dingen geht es aber auch um jüdischen Kunstbesitz in der NS-Zeit und Spuren von viel zu viel Vergangenheit, die bis in die Gegenwart führen. Und man kann es sich denken: die Geschichten von Amos‘ und Julies Familien sind auf tragische Weise miteinander verbunden.

Paul Baeten Gronda: Straus Park. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas.
Luchterhand Verlag, München 2016

Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich

Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist nicht der Mensch, es sind zwei Menschen. (Bertold Brecht)

je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich cover .jpg.Mathea Martinsen ist fast hundert Jahre alt. Die meiste Zeit in ihrem Leben hat sie mit ihrem Mann verbracht, aber der schrullige Mathematiker Epsilon ist tot. Die schüchterne Mathea ist nicht weniger schrullig als ihr verstorbener Mann und versucht jetzt die wenigen Möglichkeiten, die sie hat, zur vorsichtigen Kontaktaufnahme mit ihrer Umwelt zu nutzen. Da gibt es einen alten Spaziergänger, der sie regelmäßig nach der Uhrzeit fragt, ein Nachbarschaftsfest steht an und ein Bingo-Abend im Senior_innenzentrum. Aber so richtig glücklich kann Mathea ohne Epsilon einfach nicht sein. Epsilon ist so etwas wie Matheas fehlendes Puzzlestück und ohne ihn ist ihr Leben nicht mehr wie vorher.

Jetzt liege ich hier im Bett, bin das Gegenteil von ungeduldig und wünschte, ich könnte den kleinen Rest, der mir noch vom Leben bleibt, aufsparen, bis ich weiß, was ich damit anfangen soll. Aber das geht nicht, dafür müsste ich mich schon einfrieren, und wir haben nur eines dieser kleinen Gefrierfächer über dem Kühlschrank. (S.10)

Epsilon war der beste Freund, den Mathea jemals hatte. Der Mathematiker, dessen einziges Hobby darin bestand, norwegische Statistikjahrbücher zu sammeln, starb am ersten Tag seines Ruhestandes. Kinder haben die beiden nie gehabt und beide machten dafür das gemeinsame Etagenbett verantwortlich. Wenn Mathea sich nicht an ihren Alltag mit Epsilon erinnert, strickt sie Ohrenwärmer, spricht in Reimen und schaut die Nachrichten mit Einar Lunde, den sie nicht sonderlich mag. Außerdem arbeitet sie an einer Erinnerungskiste, in der sie alle Dinge aufbewahrt, die sie als relevant empfindet, denn irgendetwas muss von ihr ja übrig bleiben, wenn sie tot ist.

Das Einzige, was mir einfällt, sind mein Name und mein Hobby. Also schreibe ich in ordentlichen Druckbuchstaben „I C H   H E I S S E  M A T H E A  U N D  B I N  E I N  S A M M L E R“, und als ich meinen Satz lese, fällt mir auf, was herauskommt, wenn man die letzten vier Buchstaben streicht. Ob Epsilon das auch bemerkt hätte? Ich setze meinen Fingerabdruck darunter, wegen der DNA, und als genetisches I-Tüpfelchen niese ich einmal darauf. (S.45)

Regelmäßig scheitert sie daran, ein Marmeladenglas zu öffnen und kauft deswegen regelmäßig ein neues. Manchmal überlegt sie, „Fräulein Uhr“ von der Zeitansage anzurufen und traut sich dann doch nicht, denn das Fräulein könnte am Ende noch eine Konkurrentin auf dem Gebiet der Zeitansage werden. Schließlich sagt Mathea jeden Tag dem Spaziergänger die Uhrzeit – auch wenn sie gar nicht weiß, wie spät es eigentlich ist. Und sie besucht den Friedhof, denn sie muss jetzt damit leben können, bald sterben zu müssen. Sie versucht immer wieder Kontakt zu anderen Menschen herzustellen, aber ihre Versuche sind nicht von Erfolg gekrönt. Sie ist einfach zu schüchtern und weiß nicht mehr, wie man Gespräche mit anderen Menschen beginnen kann. Trotzdem bereitet sie sich akribisch auf die Welt da draußen, außerhalb ihrer Wohnung vor. Denn vielleicht passiert doch noch etwas.

Ich muss in den Laden und Zucker kaufen, für den Fall, dass sich June mehr leihen will. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nicht darauf hoffte, unterwegs dem Mann ohne Uhr zu begegnen. Bevor ich gehe, lege ich etwas Parfüm auf, diesmal begnüge ich mich mit einem Spritzer in der Gegend um die Kniekehlen und einigen Tropfen hinter dem Ohr. Und dann sprühe ich kurz in die Luft und gehe einmal durch die Wolke. (S.90)

Das klingt auf den ersten Blick fürchterlich deprimierend, aber das stimmt nicht. Der Text ist witzig, skurril und mit einem tiefen Verständnis für seine Hauptfigur geschrieben, die sich nie besonders wohl unter Menschen gefühlt hat. Warum auch, Mathea hatte ihren Lieblingsmenschen ja gefunden. Weil Mathea niemanden kennen lernt, versucht sie wenigstens auf anderen Gebieten erfolgreich zu sein. Sie will in die Top-Ten der nachgefragtesten Norweger_innen und ruft deswegen mehrfach bei der Auskunft an und fragt mit verstellter Stimme nach ihrer eigenen Nummer. Epsilon hätte dafür Verständnis gehabt, denn er hat auch verstanden, warum Mathea lieber doch nicht den Putzjob haben wollte. Ohne Job konnte sie mehr Zeit mit Epsilon verbringen – zumindest in Gedanken.

Kjersti A. Skomsvold erzählt in ihrem Debüt Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich auf knapp 140 Seiten nicht nur eine Liebes-, sondern auch eine Abschiedsgeschichte. Mathea nimmt nicht nur Abschied von Epsilon, sondern auch von ihrem eigenen Leben. Das ist manchmal traurig zu lesen, aber oft auch einfach nur wunderschön.

Kjersti A. Skomsvold – Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich. Dumont 2013. 142 Seiten.

Aus dem Norwegischen (Jo fertere jeg gar, jo mindre e jeg) übersetzt von Ursel Allenstein.

ISBN: 978-3-8321-6204-7