Magnet

„Jokum spürte, wie etwas an ihm zerrte, an dem Magneten, die Kindheit war im Norden, die Zukunft im Süden, und er stand direkt dazwischen, wie er es immer getan hatte, zwischen dem, was gewesen war, und dem, was noch sein würde.“

Manche Fotografen werden durch Porträtaufnahmen berühmt. Jokum Jokumsen hingegen, war schon immer von den Dingen fasziniert. Als Archivar des Alltäglichen fotografiert er vergessene Alltagsgegenstände, die sonst niemanden interessieren. Sie sind der Schlüssel zu seinem Erfolg und führen ihn bis in die USA.

Magnet

Lars Saabye Christensen erzählt auf knapp 950 Seiten die Geschichte von Jokum Jokumsen, der schon immer einen etwas anderen Blick auf die Welt hatte. Mit seinen knapp 2 Metern ist er eine Ausnahmeerscheinung, schon im Studentenwohnheim in Oslo in den 1970er Jahren wunderte man sich über den großen Literaturwissenschaftsstudenten und Jazzliebhaber. Jokum ist heimlich in seine Mitbewohnerin Synne Sager verliebt, die Kunstgeschichte studiert und sich für Stillleben interessiert. Als Synnes Hamster Hubert stirbt, ist Jokum zur rechten Zeit am rechten Ort. Auf einem Leonard Cohen Konzert kommen sich die beiden näher. Synne schenkt Jokum eine Leica und bald darauf, sieht man den großen Mann nur noch mit einer Kamera in der Hand, den Blick auf den Boden gesenkt.

Die Beziehung der beiden ist nicht einfach. Jokum ist eher Jazz, Synne eher Stilleben. Vielleicht auch andersherum. Und das fängt schon bei den Elternhäusern an. Kommt Jokum aus einer intakten Familie, die sich sehr für sein Leben interessiert, ist Synne in einem reichen, aber ziemlich kaputten Elternhaus aufgewachsen. Vielleicht ist sie deswegen so kompliziert. Als Jokum erste Erfolge hat, entscheidet Synne ihre Doktorarbeit in Kunstgeschichte in San Francisco fortzuführen – sie kann promovieren und Jokum kann sich seiner Kunst widmen. Doch bald dreht sich das Blatt: Synne gibt ihre Doktorarbeit auf und wird Jokums Kuratorin. So entscheidet sie maßgeblich mit, wenn es um die Ausrichtung seiner Werke geht. Jokum ist diese Aufteilung nur recht, häufig wirkt er nur mäßig alltagskompetent, sodass Synnne wahrscheinlich den Eindruck gewinnt, sie müsste sich um vieles kümmern. Und der Plan geht auf: bald schon kann Jokum seine Werke im Museum of Modern Art New York präsentieren. Jokums persönliches Erfolgsgeheimnis ist ein Magnet, den ihm sein Vater geschenkt hat und der immer wieder eine Rolle spielt. Gleichzeitig ist es vor allen Dingen Synne, die den Kurs bei den Fotografien vorgibt, während Jokum seine Rolle als Künstler etwas anders sieht. Wie damals in Oslo ist er der Ansicht, dass die Bilder zu ihm kommen und dass er Dinge findet, nicht für einen Aha-Effekt arrangiert. Synne sieht das etwas anders. Alle Stilleben, die sie untersucht hat, sind letztlich perfekt arrangiert.

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

Während sich Synne und Jokum beruflich immer klarer als Künstlerpaar etablieren, bleiben Schattenseiten in der Beziehung nicht aus. Das ist zum einen, die Beziehung zu den Eltern, die sich bei Synne als sehr schwierig gestaltet, zum anderen auch der Versuch des Paares, selbst Eltern zu werden. Immer wieder wechseln sich lustige Szenen und tolle Dialoge mit vielen melancholischen Passagen ab, in denen Jokum für sich ausloten muss, was ein gelungenes Leben eigentlich bedeutet.

Erzählt wird die Geschichte von einem ehemaligen Mitbewohner von Jokum und Synne aus der Osloer WG. Auch die anderen ehemaligen Mitbewohner tauchen immer wieder auf. Der überzeugte Kommunist Bengt wird später zum Unternehmensberater und der Liedermacher Arve, auf den Jokum eine ganze Zeit sehr eifersüchtig ist, schreibt ein One-Hit-Wonder und wird danach vergessen. Die Erzählung springt durch verschiedene Zeiten und von Oslo nach San Francisco und zum Aufenthaltsort des Erzählers, der sich in einer Art Wohngruppe für psychisch Kranke befindet. Das kann anfänglich etwas verwirrend sein, sorgt aber dafür, dass die Geschichte einen unglaublichen Sog entwickelt. Denn der ehemalige Mitbewohner schreibt selbst an einem Buch. Es heißt „Magnet“ und es geht um die Beziehung von Jokum Jokumsen und Synne Sager.

Magnet ist ein Roman, den ich kaum aus den Händen legen konnte. Der Roman ist witzig, melancholisch und genial konstruiert (allein die Szene mit Hubert, dem Hamster und dem sich daran anschließende Kapitel sind schon eine Sache für sich). Außerdem gelingen Christensen immer wieder wunderschöne Metaphern, die Jokums und Synnes Entwicklung als Künstler*innen und als Paar einfangen. Neben sehr realistischen und immer wieder auf die zeitliche Verortung der Handlung verweisenden Passagen (das Leonard Cohen-Konzert, Jokum darf ein Foto für das neue Album von Tom Waits beisteuern usw.), gibt es gerade am Anfang auch Szenen, die in einer Art Zwischenwelt spielen, die ich gar nicht genau festlegen kann. Jokum schreibt seine letzte Klausur über Kafkas Prozess. Und auf einmal begegnen ihm auch in seinem alltäglichen Leben die Menschen aus der Erzählung. Genialer kann man kaum schreiben.

Magnet ist ein Buch, das mich absolut begeistert hat und dem ich sehr viele Leser*innen wünsche. Kennt ihr andere Romane von Lars Saabye Christensen? Ich habe Lust auf mehr.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank!

Lars Saabye Christensen: „Magnet“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt, 960 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

 

Licht und Zorn

 

„Zwischen ihrer Haut und seiner war nur ein winziges bisschen Raum, kaum genug für den Schweißfilm, der jetzt trocknete. Und doch hatte sich etwas Drittes in diesen hauchdünnen Spalt geschoben, ihre Ehe.“ (S.11)

 

Licht und Zorn

Jede Geschichte hat zwei Seiten. Diese Erkenntnis ist so banal, wie richtig. Lauren Groff baut auf diesem Fundament eine Ehedrama auf, dass es in sich hat. Die beiden Seiten der Ehe von Lotto und Mathilde werden zunächst aus Lottos Sicht geschildert (Licht) und anschließend um die Perspektive von Mathilde (Zorn) ergänzt. So werden im zweiten Teil, Eindrücke von Lotto in ein ganz neues Licht gerückt.

Lotto und Mathilde heiraten mit 22, ziemlich überstürzt, nachdem sie sich auf einer Party kennen gelernt haben. Der Roman beginnt mit einer Szene am Strand. Während Lotto verliebt um Mathilde herum turtelt und ihr begeistert erzählt, dass sie jetzt zu ihm gehören würde, besteht sie darauf, dass niemand irgendjemandem gehört, denn „zusammen sind wir etwas Neues“ (S. 11). Lotto glaubt ihr nicht, denn er geht davon aus, dass er alles über seine Frau weiß und immer alles über sie wissen wird. Wie wenig Lotto eigentlich wissen kann, wird im Laufe des Romans immer deutlicher.

Lottos Geschichte ist zunächst die Geschichte seiner Eltern. Der Vater erarbeitet sich ein finanzielles Polster, er stirbt, Lotto wird auf ein Internat geschickt, er hat verschiedenste Beziehungen und stürzt sich auf das Schultheater. Hier kann der Junge in verschiedenen Rollen glänzen. Bis er überraschend auf Mathilde trifft. Die unbekannte Schöne fasziniert Lotto, er heiratet sie spontan nach einer Party. Beide sind 22 und das Leben liegt vor ihnen. Lottos Mutter ist empört über die Entscheidung des Sohnes, vermutet, die neue Frau wolle nur an sein Geld. Lotto bricht den Kontakt zu seiner Mutter ab. Aber wer ist Mathilde eigentlich? Wer ist diese Frau, die aus Lottos Leben urplötzlich nicht mehr wegzudenken ist?

Mathilde unterstützt Lotto und kümmert sich um das Drumherum, damit Lotto als Schauspieler erfolgreich sein kann. Als für den eingeschlagenen Karriereweg sein Talent nicht reicht, unterstützt Mathilde ihn dabei, ein erfolgreicher Dramaturg zu werden. Sein  Durchbruch gelingt ihm mit einem Stück, das auf einem Erlebnis von Mathilde beruht, das Lotto unbekümmert für die Bühne ausschlachtet. Im Zentrum der Ereignisse steht ein Blutegel. Mathilde hatte sich als kleines Mädchen das Vampirwesen auf ihr Bein gesetzt. Dort blieb der Blutegel, tagelang. Vielleicht als Trost für das einsame Mädchen, vielleicht als Form der Bestrafung? Man weiß es nicht genau. Die Blutegelepisode ist nur ein kleiner Hinweis auf alles, was im zweiten Teil noch kommen soll.

Warum Mathilde das Leben mit Lotto, der ein ums andere Mal, verbal über die Strenge schlägt, ausgehalten hat, offenbart sich im zweiten Teil. Qualitativ erinnert die Auflösung einiger Szenen, bei denen Mathilde oft die Fäden zog, an Filme wie Fight Club. Ein Grund dafür, warum ich den Roman kaum aus der Hand legen konnte. So ausufernd  die Lebensgeschichte von Lotto, dem weißen, reichen Glückskind geschildert wird, so präzise und konkret wird es, wenn es um Mathildes Leben geht. Und es zeigt sich auch, dass Lotto Mathilde geholfen hat, mit den Traumata ihrer Jugend umgehen zu können. Er wusste davon natürlich nichts. Aber ob er ohne Mathilde jemals so erfolgreich gewesen wäre?

Lauren Groff spielt gekonnt mit dem lückenhaften Wissen der Leser*innen. Das Ehedrama ist genial geschrieben und Licht und Zorn deshalb ein echter Pageturner, der in jedem Fall Potenzial zum Lieblingsbuch hat.

Lauren Groff – Licht und Zorn. Übersetzt von Stefanie Jacobs.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert. Vielen Dank!

 

Die Interessanten – Lass dich drücken, Mittelmäßigkeit!

Cover Die InteressantenManchmal kann ein Augenblick das gesamte Leben verändern. Für Julie Jacobson ändert sich ihr Leben an einem warmen Sommerabend irgendwann im Jahr 1974 an einem magischen Ort, der in der Ferienlager Broschüre „Spirit in the Woods“ genannt wird. Ein pädagogisch abgesicherter Ort, an dem die künstlerische Ader der meist gut betuchten Jugendlichen gefördert wird und an dem sich eine Clique der coolen Kids spätnachts noch zu konspirativen Treffen verabredet um im Kerzenschein über europäische Literatur und ihre Begeisterung für Günter Grass zu philosophieren. Warum Julie ausgerechnet bei diesem Treffen dabei ist, weiß sie selber nicht so genau. Sie ist sehr unsicher, hat eine Dauerwelle, mit der sie aussieht wie ein Pudel und versucht gerade noch den Tod ihres Vater zu verarbeiten. Ihre einzige Eintrittskarte zu dieser Hochburg der selbsternannten Kunstschaffenden besteht in einem Stipendium, das ihr irgendwie zugefallen ist. Und dann sitzt sie im Zelt und ist auf einmal witzig. Sie ist so schlagfertig, dass sie an diesem Abend nicht mehr die schüchterne Julie ist, sondern nur noch „Jules“ genannt wird. Jules ist besonders, Jules ist interessant und Jules hat was zu sagen. Auf ihre Initiative hin, nennt sich die Clique fortan „Die Interessanten“. Sie schwören feierlich, nie ein gewöhnliches, langweiliges und mittelmäßiges Leben zu führen.

Hat sich hier im Spirit in the woods vielleicht schon die künstlerische Elite von morgen versammelt? Ethan ist der kreative Kopf der Gruppe, ein Ausnahmetalent, das durch grandiose Ideen für Trickfilme glänzt und stundenlang im Filmschuppen des Camps herumbastelt – bei Jules aber aufgrund „außergewöhnlicher Hässlichkeit“ abblitzt. Nicht ihr Typ. Goodman ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Sehr gutaussehend, gesegnet mit reichen Eltern, einem fantastischen Wohnsitz an der Upper East Side und seine Schwester Ash ist genau so hübsch und unbeschwert wie er. Hätte die Clique ein Machtzentrum, säßen Ash und Goodman am Hebel. Cathy ist angehende Tänzerin, die alle Männer um den Finger wickelt und Jonah der Sohn einer Folksängerin, der sich selbst als Musiker versucht (und dessen Name Jonah Bay doch sehr an die Folkikone der Zeit Joan Baez erinnert).

Viele Jahre später hat sich an der Cliquenkonstellation kaum etwas geändert – nur Cathy und Goodman fehlen. Warum möchte ich nicht verraten, nur soviel, Jules hat ihre ehemalige Freundin fallengelassen wie eine heiße Kartoffel und Goodman ist untergetaucht, gegen ihn läuft ein Haftbefehl. Aber von der Vergangenheit will niemand mehr sprechen, denn so ist das Leben und jeder muss sehen, wo er bleibt. Ash, Ethan, Jules und Jonah leben nach wie vor in New York und haben regelmäßig Kontakt, besuchen sich, sind beste Freunde und doch gibt es feine Risse im Gesamtgefüge. Denn das Leben ist nun einmal nicht gerecht und die Vorstellungen, die man mit 15 noch hochhält, lassen sich vielleicht nie verwirklichen. Es gibt kein Abo auf Erfolg, genauso wenig bleibt man für immer „interessant“. Gerade Jules knabbert an der Freundschaft mit Ash und Ethan, die mittlerweile ein hochangesehenes und sehr erfolgreiches Künstlerpaar sind. Jules Leben ist anders verlaufen. Sie ist Therapeutin geworden, ihre anfänglichen Schauspielambitionen im Bereich Comedy hat sie aufgegeben. Ihr Ehemann ist kein Künstler, sondern Ultraschalltechniker im Krankenhaus und ihre Tochter ist einfach nicht so besonders wie die Tochter von Ash und Ethan. Ethan hat ein Millionenimperium mit seinen Trickfilmen aufgebaut und seine Frau Ash ist in der feministischen Theaterszene unterwegs. Reality bites!  Als Cathy ihre Hilfe brauchte, war Ash eine der ersten, die zu ihrem Bruder hielt. Genau wie alle anderen.

Jules ist unglaublich neidisch auf ihre besten Freunde und ihren finanziellen Erfolg und bedauert sich selbst und ihr langweiliges Leben. Was, wenn damals im Camp doch alles anders gekommen wäre? Wäre sie dann die erfolgreiche Frau an Ethans Seite? Es dauert, bis sie bemerkt, dass es nicht der selbstgewählte Status der „Interessanten“ ist, der die anderen so leicht durchs Leben schweben lässt. Es ging schon immer um andere Dinge. Und sie selbst hat sich auf tragische Weise von der Macht und dem Einfluss ihrer Freunde moralisch korrumpieren lassen. Sie weiß Dinge über Ash, von denen Ethan keine Ahnung hat.

Ich habe immer gedacht, Talent sei alles, dabei war es immer schon das Geld. Oder die Gesellschaftsschicht. Und wenn nicht die, dann zumindest die Verbindungen.

Die Interessanten ist ein Roman, den man im besten Sinne als episch bezeichnen kann. Meg Wolitzer spannt einen Bogen von den 1970er Jahren bis heute und verwebt die Lebensgeschichten der verschiedenen Cliquenmitgliedern mit unterschiedlichen Diskursen der Zeitgeschichte. Sekten, Drogen, HIV, 9/11, Gentrifizierung, die Pharmaindustrie – da werden ziemlich viele Fässer aufgemacht, aber ich habe an keiner Stelle das Gefühl, dass die Themen außer Kontrolle geraten. Stattdessen werden auf sehr elegante und gekonnte Weise sämtliche Höhen und Tiefen des Lebens sehr menschlich und nachvollziehbar beschrieben. Es geht um die eigenen Wünsche und Vorstellungen, aber auch um tiefe Freundschaft. Wann sind Freunde noch Freunde? Wie sehr können wir uns verändern ohne unsere Freundschaft zu gefährden und wie viel Verschwiegenheit können wir alten Freunden abverlangen? Und worauf gründen sich eigentlich die Vorstellungen von uns selbst? Wann lassen wir das Camp hinter uns und werden erwachsen? Und wie leicht lässt sich am Ende die eigene Mittelmäßigkeit erhobenen Hauptes ertragen?

Die Interessanten ist Coming-of-Age-Roman und epochenübergreifendes Gesamtkunstwerk in einem, die Lektüre macht süchtig. Ich will einfach nur noch mehr lesen und ich bin traurig, als das Buch dann irgendwann doch zu Ende ist. 600 Seiten für so viel Inhalt ist fast zu kurz. Die Interessanten ist kein Wohlfühlbuch, aber ein Lieblingsschmöker, den ich absolut empfehlen kann. Und ich habe eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Die Klappentexterin vergleicht den Roman mit einem Regenbogen und das passt ganz wunderbar.

Meg Wolitzer – Die Interessanten (=The Interestings). Dumont 2015.