Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger hat ein Problem. Er kann seine Miete nicht mehr bezahlen. Der shoppingsüchtige Schauspieler aus dem 7. Wiener Bezirk hat Steuerschulden und sein Engagement wurde nicht verlängert. Außerdem hat sich seine Freundin Stephi in einen anderen verliebt, mit dem sie jetzt gemeinsam an der Uni Heidelberg Vorträgen zur Altphilologie lauschen darf. Was vielleicht auch daran lag, dass Lorenz auf ihre Frage nach Kindern mit „Ja, irgendwann später“ geantwortet hat. Außerdem hat Lorenz sich auch nur leidlich für ihr Dissertationsthema über Totenkulte in der Antike interessiert. Mit seinem letzten Geld setzt Lorenz sich in ein Taxi und lässt sich zu seinen drei Tanten Hedi, Wetti und Mirl und seinem Onkel Willi kutschieren. Zuhause bei der Familie Prischinger hat das Heimatgefühl sehr viel mit der Kochkunst der Tanten zu tun. Der vegetarisch lebenden Stephi wurde schon früher gerne Bauchspeck zum Frühstück gebraten und kaum kommt Lorenz an, übertreffen sich die Tanten darin, den Lieblingsneffen zu bekochen und ihn ansonsten in Ruhe zu lassen („Auf dem Ofen brodelte das kochende Wasser, als wollte es die Erdäpfel aus dem Topf vertreiben.“) . Dass er sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, schieben sie unter anderem seinem Vater in die Schuhe, der den Jungen ohne Ende verhätschelt hätte. Festlich gespeist wird trotzdem, während sich die Tanten beim braten, kochen, abschmecken, schnibbeln und frittieren über das Leben unterhalten und hoffen, dass der Junge noch einmal die Kurve kriegt (mit über 30 ist Lorenz zwar schon sehr erwachsen, aber Zuhause bleibt man eben immer das Kind). Als überraschend Onkel Willi verstirbt (man kann ihn zum Glück noch in die Kühlung vom benachbarten Fleischer schieben), stehen Lorenz und seine Tanten vor einem Problem. Willis letzter Wunsch war, in seinem Heimatland Montenegro begraben zu werden. Das Ersparte für die Überführung hat Hedi allerdings der gemeinsamen Tochter gegeben, die in ein veganes Start-Up investiert hat. Das Geld ist weg, es muss improvisiert werden und dann geht es fast schon kapitalismuskritisch („Die Überführung ist für die Reichen, die Straße für die Armen“) los. Der tiefgefrorene Onkel Willi, Lorenz und seine Tanten, fahren in einem Panda von Wien nach Montenegro.

Erzählerisch changiert die Geschichte zwischen dem Roadtrip und verschiedenen Episoden aus dem Leben der drei Tanten, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Daher auch der Untertitel: Die Manen sind Geister der Verstorbenen aus der antiken Mythologie, die bis in die Gegenwart Einfluss auf das Leben der Hinterbliebenen haben. Gestorben wird immer und so erfahren die Leser*innen nach und nach von den Verlusten der Tanten. Dramaturgisch geschickt, führt Vea Kaiser die verschiedenen Erzählstränge des Familienepos zusammen, die allerdings hin und wieder auch ein sehr genaues Lesen erfordern. Schon der erste Rückblick erinnert an Romane von John Irving, dem us-amerikanischen Großmeister der vertrackten Familiengeschichte. Das Familienmotto der Prischingers lautet „Keiner wird zurückgelassen“. Nanerl, der Zwillingsbruder von Hedi, hat das Motto geprägt. Die Geschwister wachsen in der Nachkriegszeit auf einem nieder-österreichischen Bauernhof im Waldviertel auf, auf dem Hof leben russische Besatzungssoldaten und (deswegen Irving) ihre dressierten Bären. Für Nanerl ist das eine traumhafte Situation, er möchte einmal einen eigenen Zirkus haben. Wie ein kleiner versteckter Hinweis, ist der Bär auch auf dem Cover des Buches zu sehen. Als Leser*in weiß man recht schnell, dass Nanerls Zirkusliebe nicht gut enden wird. Einen Rückblick später, wird der Beginn der Romanze von Willi und Hedi geschildert. Hedi ist ins Kloster eingetreten um für ihre Sünden zu büßen, Willi hatte einen Autounfall und verliebt sich in seine Pflegerin, die Beziehung funktioniert, weil sie die „stillschweigende Übereinkunft trafen, einander zu verstehen, ohne alles voneinander zu wissen.“

Ein ziemlich schöner Satz, der exemplarisch für den Roman steht, der sich auf unterschiedlichen Ebenen entfaltet. Die Erlebnisse aus der Gegenwart und die Frage um die vermeintliche Schuld aus der Kindheit, werden Erlebnisse aus den 1970er Jahren entgegengestellt, in denen sich bereits die Schrulligkeit der Tanten zeigt. Hedi hat Willi geheiratet und dem Kloster den Rücken gekehrt, Mirl ist in einer unglücklichen Beziehung zu Gottfried und Wetti putzt im Naturkundemuseum. Die Tanten haben nie wieder über ihre Kindheit gesprochen. Bis Willi stirbt und Lorenz in einer absolut unerwarteten Situation, den Fährmann für den Toten mimen muss.

Rückwärtswalzer ist ein absurder Roadtrip mit durchaus grotesken Elementen (anders lässt sich eine langsam auftauende Leiche auf einer 1000 Kilometer Route durch den Balkan kaum beschreiben) und entwickelt sich überraschend zu einem Pageturner. Die Schicksalsschläge der Tanten zeigen eine ungeahnte Tiefe und nehmen unvorhergesehene emotionale Wendungen, die das Verhalten der alten Damen in der Gegenwart verständlicher machen. Und die ansprechende extra Portion Spezialwissen zur griechischen Antike (Vea Kaiser hat Altgriechisch, Latein und Germanistik studiert) und die Konstruktion und Auflösung des Familiengeheimnisses der Familie Prischinger, machen die Erzählung zu einem intelligenten und handwerklich geschickt gemachten Roman. Vea Kaiser liefert beste Unterhaltung auf ziemlich hohem Niveau. Eine absolute Leseempfehlung.

Vea Kaiser – Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger. Kiepenheuer & Witsch 2019.

Im Anschluss an ihren Roman habe ich mir direkt ihr Debüt Blasmusikpop vorgenommen. Habt ihr schon einen Roman von Vea Kaiser gelesen?

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Leselust

Buchrevier

Sonnenkönige

sonnenkc3b6nige.jpg„Meinst du beginn ich, meinst du als Online-Redakteur? Mit Vertrag? Mit Urlaub und Krankenversicherung?“

 

Schön wär’s, aber so einfach ist es in Marianne Jungmaiers dritten Roman Sonnenkönige dann doch nicht. Im Mittelpunkt stehen Aidan und seine WG aus Twentysomethings, die versuchen ihren Platz im Leben zu finden. Prekäre Beschäftigung ist der Standard, über die Zukunft wird nicht viel nachgedacht. Aidan schreibt nebenher für ein Musikmagazin, aber eine Festanstellung ist nicht drin. Es gibt aber drei Frauen in seinem Leben. Mit Hannah aus der Redaktion führt Aidan eine glückliche und offene Beziehung. Mit Cherry, die gerade an ihrer Promotion schreibt, und ihrer Freundin Sam besucht er  Sadomasoparties.  Drogen gehören zum guten Ton. Als er auf einer Party den Amerikaner Bill kennen lernt, hat die Ziellosigkeit ein Ende. Aidan beginnt mit einem besonderen Projekt: im Keller bastelt er einen gigantischen Drachen. Seit seiner Kindheit sind Drachen für ihn besondere mystische Wesen, ein Drachentatoo drückt seine Verbundenheit mit der wilden Sagengestalt aus. Zusammen mit Bill möchte er das Kunstwerk in der Wüste Nevadas auf dem Favilla-Festival, das stark an die Riesenparty Burning Man erinnert, verbrennen und damit irgendwie auch ein Ritual begründen, das ihm eine neue Perspektive auf das Leben bieten kann. Wozu fährt man sonst auch in die Wüste? Richtig, um die Erleuchtung zu finden.

„Fünfzigtausend Menschen aus der ganzen Welt versammelten sich jeden August in der Wüste Nevadas, um ihre Freiheit, ihren Selbstausdruck, ihre Kunst zu feiern.“

Aidan wird von allen Figuren noch am stärksten charakterisiert, er erzählt die Geschichte und bleibt doch merkwürdig farblos. Auch Cherry, Sam und Hannah wirken wie unscheinbare Statistinnen, die sich irgendwie in einer Hippie-Bondage-Drogenwelt bewegen, die mich erst in der Wüste Nevadas richtig packen konnte (und das ist leider ein viel kürzerer Teil als der Rest der Handlung, die irgendwo in Berlin spielt). Warum die Figuren so an ihrem Dasein leiden, wird häufig nicht richtig klar und bleibt merkwürdig stark an der Oberfläche. Ohnehin eignen sich die Figuren kaum für eine tiefe Charakterisierung: Cherry lässt sich fesseln, weil sie ein Trauma aus der Kindheit verarbeiten muss. Aber dieser Nebensatz interessiert mich leider genau so wenig, wie Aidans Begründung für das Drachenkunstwerk: „Da steckt viel drin, Kindheit, Vater, so Dinge.“ Und an dieser Stelle sprechen wir von der Hauptfigur, dem Ich-Erzähler, der ähnlich schwer zu fassen ist, wie der ganze Rest der Figuren, die zwischen Party und Kater und der nächsten Party, selten eine Pause machen.

Marianne Jungmaier hat einen tollen Stil und ich habe den Roman gern gelesen. Er funktioniert für mich aber nur als schöne Momentaufnahme, bei der sicherlich noch viel mehr drin gewesen wäre: viel mehr Background, viel mehr Tiefe der Figuren, viel mehr Klarheit in der Motivation ihrer Handlungen. Was mir gefällt sind die musikalischen Zitate und Aidan, von dem ich gerne viel mehr erfahren hätte. So bleibt ein wunderschön geschriebenes und berauschendes Ende, aber auch ein wenig das Gefühl, ein Buch gelesen zu haben, bei dem doch etwas gefehlt hat.

Marianne Jungmaier: Sonnenkönige. Kremayr Scheriau 2018.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Bookster HRO