Die Geschichtensammlerin

2007 war ich das erste Mal in Rumänien. Ich habe meine Brieffreundin besucht, der ich seit 1997 Briefe geschrieben habe. Für sie war das schön, denn sie konnte Deutsch üben, für mich war das schön, denn ich hatte eine Brieffreundin und alle drei Wochen trudelte ein Brief aus einem Land ein, von dem icj keine richtige Vorstellung hatte. Meine Brieffreundin Cristina wohnte in Sibiu, 2007 passenderweise gerade Kulturhauptstadt Europas. Der Hinflug war abenteuerlich, das Flugzeug schien winzig, gerade einmal fünfzig Personen hatten Platz. Am Flughafen in Sibiu standen Sofas im Wartebereich für die Passagiere herum, die ich als Einrichtungsgegenstand nur von Personen im Alter meiner Oma kannte und nie an einem öffentlich Ort gesehen hatte und Cristinas Familie zeigte mir als erste große Attraktion ein neu eröffnetes Kaufhaus, das mir gar nicht so besonders erschien, weil es eben so aussah wie Zuhause. Wahrscheinlich war es deswegen so besonders.

Wenn wir abends unterwegs waren, gab es an jeder Ecke Tanztheater, Musik und Lesungen und ich habe wahrscheinlich die leckerste Zitronenlimonade der Welt getrunken. Sibiu war wunderschön! Cristina nahm mich mit und zeigte mir die Stadt und das Brukental- Museum. Als wir über den Marktplatz liefen, saß Peter Maffay an einem Tisch und genoss die Aussicht. Wir mussten drei Mal an ihm vorbei laufen und selbst beim vierten Mal traute ich mich nicht, ihn anzusprechen. Im Nachhinein betrachtet, glaube ich nicht, dass es den Erfinder von Tabaluga gestört hätte, wenn ich ihn nach einem Autogramm gefragt hätte. Andererseits, wer weiß. Ich verstehe kein Rumänisch, aber in Sibiu sprachen viele Rumän*innen Deutsch. Im Bus wurde ich einmal von einem Mann angesprochen, Cristina versuchte ihn abzuwimmeln, aber das war gar nicht so einfach. Er fragte mich, ob ich einen Job für ihn in Deutschland hätte. Ich war etwas überfordert von der Situation und Cristina war das alles sichtlich peinlich. Insgesamt hatte ich eine wunderschöne Zeit in Sibiu, Cristina hat später in Trier studiert und irgendwann haben wir den Kontakt verloren.

Ich habe bisher bewusst wenige rumänischen Autor*innen gelesen, Herta Müller und Iris Wolff sind die große Ausnahme. Jessica Kasper Kramer ist eine us-amerikanische Autor*in, die in ihrem Romandebüt Die Geschichtensammlerin eine Geschichte aus Rumänien erzählt und dafür auch mit drei rumänischen Freund*innen gesprochen hat. In der Debatte um Own Voices in der Literatur, ist das sicherlich nicht die einfachste Ausgangslage.

Own Voices bezog sich anfänglich auf die Debatte um Perspektiven von marginalisierten Gruppen, die sich besonders im Jugendbuchbereich formierte. Wenn eine Geschichte aus der Perspektive einer Schwarzen Person oder PoC geschrieben ist und Diskriminierungserfahrungen, die den Bereich race betreffen, thematisiert werden, ist die Forderung der Own Voices Bewegung, dass, sofern die Autor*innen nicht zu jener Gruppe gehören, zumindest Sensitivity Reader über die Geschichte lesen und auf bestimmte Stolperfallen in der Erzählung hinweisen. Denn, so die Annahme, gehöre man nicht zu der marginalisierten Gruppe, könne man bestimmte Erfahrungen eben nicht treffend abbilden oder trage eher noch zur Folklorebildung bei, während Autor*innen aus marginalisierten Gruppen, die eben genau diese Erfahrungen authentisch abbilden könnten, so wie in anderen Bereichen auch, strukturell diskriminiert werden und so bestimmte Erfahrungen eben nicht oder nur zum Teil in der literarischen Welt abgebildet werden. Ausgangspunkt der Debatte auf Twitter war die Frage nach sexueller Orientierung und Behinderung, mittlerweile erstreckt sich die Frage nach Own Voices auch auf weitere Bereiche, die Diversität markieren, die Erfahrungen von Minderheiten sollen so geschützt werden.

„We recognize all diverse experiences, including (but not limited to) LGBTQIA, Natives, people of color, gender diversity, people with disabilities, and ethnic, cultural, and religious minorities.“ WNDB

Jessica Kasper Kramer erzählt in ihrem Roman eine Geschichte aus der Perspektive eines rumänischen Kindes. Ileana sammelt Geschichten. Manche sind Märchen, andere handeln von der Vergangenheit und manche erzählen die Wahrheit. Ihr Vater ist Professor für Literatur, ihr Onkel ist Schriftsteller. Eines Tages muss sie die Stadt verlassen und zu ihren Großeltern, zurück in das Dorf, das ihre Mutter vor langer Zeit verlassen hat. Als ihr Onkel Andrei vom Geheimdienst entführt wird und von einem auf den anderen Tag verschwindet, ist die ganze Familie in Gefahr. Ileanas Geschichtensammlung wird von ihrem Vater vernichtet, doch die Securitate folgt ihr bis in die Wälder der Karpaten.

Jessica Kasper Kramer knüpft mit ihrem Debüt an die Tradition der Bücherdiebin oder der Erzählmuster aus Der Junge im gestreiften Pyjama an. Historische Begebenheiten werden aus der naiven Sicht eines Kindes erzählt, hier ist die Hauptfigur ein Mädchen, das gerade dabei ist, erwachsen zu werden. Die Kapitel wechseln dabei zwischen der Realität also der Erzählung um Ileana, ihr Leben auf dem Dorf, den Versuchen der Großeltern, ihr Wissen geheim zu halten und den Bedrohungen durch die Securitate auf der einen Seite und einer fiktiven Ebene, nämlich der Geschichten, die Ileana aufschreibt, auf der anderen Seite. Ilena schreibt an einem Märchen, das von der mutigen Prinzessin Ileana handelt, die gegen das Böse kämpft und vermutlich Bezug auf rumänische Märchen und Sagen nimmt. Leider wird dadurch auch immer wieder der Spannungsbogen unterbrochen.

Ich hatte tatsächlich ein Problem, diese naive Märchensicht mit der Realität, die Ileana erlebt, zusammen zu bringen. Gleichzeitig, und da schließt sich der Kreis zur Debatte um Own Voices-Literatur, war mir die rumänische Perspektive zu einseitig oder eben zu folkloristisch geschildert. In der Stadt ist alles grau, alle Menschen haben Angst vor der Securitate, außer einiger mutiger Student*innen von Ileanas Vater, am Ende hält das Dorf zusammen und die alte Frau, die alle unheimlich finden, ist vielleicht eine Hexe oder eben auch nicht. Als Kinder- oder Jugendbuch gelesen, finde ich den Umgang mit der Diktatur in diesem Text, die dem mutigen Mädchen durch die Sammlung ihrer Geschichten dann doch gelingt, zielgruppenbedingt schwarz-weiß und viel zu vereinfacht. Die Männer der Securitate sind klar zu erkennen und kommen als Fremde ins Dorf. Das vereinfacht die Erzählung, natürlich. Am Ende rettet die Geschichtensammlerin durch eine Geschichte ihren Vater vor den Soldaten, im ganzen Land ist Aufbruchsstimmung. Ende gut, fast alles gut. Die Märchenerzählung breitet sich auch auf Ileanas Leben aus, die Kraft der Geschichten hilft allen.

Als die Securitate am 30. Dezember 1989 aufgelöst wurde, hatte sie schätzungsweise 40.000 offizielle und 400.000 inoffizielle Mitarbeiter. Der rumänische Geheimdienst galt als besonders brutal. Er brachte in den 1950er und 1960er-Jahren bis zu 100.000 Regimekritiker hinter Gitter, viele überlebten den Gefängnisaufenthalt nicht.

1999 verabschiedete Rumänien als eines der letzten osteuropäischen Länder ein Gesetz zur Aufarbeitung seiner Geheimdienstakten. Weitere sechs Jahre vergingen, bis die Aufarbeitungsbehörde CNSAS schließlich die Akten erhielt. Sie waren bis Ende 2005 vom Inlandsgeheimdienst (SRI) verwaltet worden – dem Nachfolger der Securitate. Der hatte damit ausreichend Zeit, die Akten zu zerstören oder komplett neu zu ordnen. Bis heute sind etliche Dokumente noch als Staatsgeheimnis deklariert und damit weiter unter Verschluss. Bis 2015 war nur ein Bruchteil der ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter enttarnt worden, viele arbeiteten auch nach dem Systemwechsel in hohen Posten der Regierung oder konnten sich und ihren Kindern durch guten Gehälter einen hohen Lebensstandard leisten und ihren Elitenstatus Übergangslösung beibehalten. (Quelle: MDR )

Ich war nicht hundertprozentig zufrieden mit dieser Geschichte, ohne genau sagen zu können, warum mich die Geschichte nicht ganz erreichen konnte. Deswegen frage ich mich, ob es wirklich an der Perspektive im Hinblick auf Own Voices geht oder vielleicht doch der naive Blick der Protagonist*in für mich nicht ganz aufgegangen ist.

Habt ihr den Roman schon gelesen?

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

Jessica Kasper Kramer – Die Geschichtensammlerin. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay (The Story That Cannot Be Told 2019). Wunderraum 2020.

Weitere Rezensionen:

Kidslitreview (englisch)

Ein wilder Schwan

Eine Märchensammlung für Erwachsene, die mit neuen und manchmal auch sehr bösen Wendungen die altbekannten Klassiker neu interpretiert.

Michael Cunningham hat für seinen Roman Die Stunden den Pulitzer-Preis gewonnen. Vor einiger Zeit habe ich einen Roman von ihm gelesen, der sich auch schon mit verfremdeten und neuinterpretierten Märchen beschäftigt. In dem Roman Die Schneekönigin greift Cunningham zwar Andersens Motive auf, transportiert die Ereignisse aber in die Gegenwart und verwandelt die Geschichte in eine Neuinterpretation, die es in sich hat und die ich sicherlich nicht so schnell vergessen werde.

Cunningham 1 (1)

Auch in der Märchensammlung Ein wilder Schwan geht der Autor nach diesem Prinzip vor. Anders als in den Grimmschen Vorbildern findet er aber immer Erzählmomente, die den überlieferten Geschichten eine moderne Wendung geben. Einzelne Fragmente der Erzählungen werden überspitzt dargestellt und tragen so zu von Märchen inspirierten Geschichten bei, die allerdings weit weg vom Originaltext sind. Dabei können nicht alle Erzählungen, wie das eben oft bei Kurzgeschichtensammlungen der Fall ist, dasselbe erzählerische Niveau halten. Trotzdem sind die Geschichten gelungen, manchmal auch dadurch, dass Cunningham geschickt die Perspektive wechselt und sich auch um Figuren kümmert, deren Geschichte von den Grimms nicht zu Ende erzählt wurde.

Was passierte mit dem Prinzen, der sich zu Rapunzels Turmzimmer hinaufschwang und dann von ihrer fiesen Stiefmutter in die Dornen geschubst wurde? Bei Cunningham finden die Liebenden zwar wieder zueinander, aber der Prinz ist erblindet.

Vor tausend Türen hatte er gestanden und ihren Namen gesagt, tausendmal hatte man ihn abgewiesen, zunächst freundlich und später, als er zu einer jämmerlichen, verstörenden Gestalt geworden war, ohne Mitleid. Der Grat zwischen einem Prinzen auf wichtiger Mission und einem verwirrten, erblindeten Wanderer, dem nichts geblieben ist als ein einziges, unverständliches Wort, hatte sich als überraschend schmal erwiesen. (S.139)

Aber Rapunzel findet einen Weg, dass ihre abgeschnittenen Haare immer hin noch eine erotische Komponente entfalten. Auch Schneewittchen wird von ihrem Liebsten dazu angehalten, mit gefalteten Händen vor der Brust im Bett zu liegen – denn im Glassarg damals sah sie so wahnsinnig sexy aus.

Cunningham 1 (2)Das Märchen Rumpelstilzchen gewinnt eine ganz neue Dynamik, wenn man erfährt, dass der arme Gnom sich sehnlichst ein Kind wünscht und leider nicht in der Lage ist, Vater zu werden, bis er seine große Chance sieht und auf einen Deal mit der Königstochter hofft – die ihn dann hintergeht. Und auch die Hexe kann einem nur Leid tun. Da hat sie jahrelang an ihrem Knusperhäuschen gewerkelt bis ein gepierctes Krawallpärchen auftaucht und anfängt, ihr Lebenswerk zu essen. Und wer die Vorlage kennt, weiß, dass die Geschichte für die Hexe ziemlich böse ausgeht.

 

Ohnehin ignoriert Cunningham gekonnt in vielen Variationen das altbekannte „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“ und orientiert sich an einem „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ – aber er buchstabiert die Konsequenzen aus, die in den Vorlagen bereits angedeutet sind. Der elfte Prinz aus dem Märchen Die wilden Schwäne von Hans Christian Andersen hatte Pech, denn seine Schwester Elisa konnte ihm nicht schnell genug ein Gewand nähen. Er bleibt der Prinz mit dem Schwanenflügel und kann mit dieser Monstrosität in seinem Leben nicht umgehen, stattdessen tingelt er von Bar zu Bar um irgendwie mit seinem Anderssein klar zu kommen. Die X-Men lassen grüßen. Hier betrinkt er sich mit einem Froschkönig und einem Prinzen, der seit Jahrzehnten die „komatöse Prinzessin“ sucht, die er wach küssen soll.

Es hilft in jedem Fall die Märchen und Erzählungen zu kennen, die Cunningham zugrunde legt. Das sind zum Beispiel auch Der standhafte Zinnsoldat, Die Schöne und das Biest oder Jack und die Bohnenranke. Die Illustrationen von Yuko Shimizu geben dem Erzählband noch das gewisse Etwas und sind genau so düster und entzückend wie die Geschichten selbst.

Michael Cunningham – Ein wilder Schwan. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. Luchterhand 2017.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bekommen. Vielen Dank! 

 

Mehr als ein Märchen – Die Schneekönigin

Leer, groß und kalt war es in der Schneekönigin Sälen. Die Nordlichter flammten so genau, dass man sie zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaal war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke zersprungen; aber jedes Stück war dem anderen so gleich, dass es ein vollkommenes Kunstwerk war. Und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, dass sie im Spiegel des Verstandes säße und dass dieser der einzige und der beste der Welt sei.

                                  Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin

Die-Schneekönigin-188x300Andersens Kunstmärchen ist komplizierter konstruiert als viele andere Märchen. Kay und Greta sind Nachbarskinder und Kay passiert ein Unglück: im fällt ein Spiegelsplitter ins Auge, der dafür sorgt, dass Kay die Welt nur noch als hässlich und schrecklich wahrnimmt. Der Spiegel gehörte eigentlich dem Teufel, aber dem rutschte das Ding einfach aus den Händen. Kay ist durch den Splitter in seinem Auge so verblendet, dass er der Schneekönigin hinterherläuft, die ihn in ihrem eisigen Palast erst küsst, so dass Kays Herz zu Eis erstarrt und anschließend gefangen nimmt. Gerda setzt Himmel und Hölle in Bewegung um Kay zu retten. Am Ende sind es ihre Tränen, die Kays Splitter wegspülen und dafür sorgen, dass beide endlich nach Hause können. Happy End.

In Michael Cunninghams Roman Die Schneekönigin wird die Andersen Referenz holzhammerartig, aber konsequent durchgezogen. Das Ergebnis ist ein bisschen kitschig und trotzdem sehr berührend. Gerade weil der Roman am Ende sehr viel mehr als ein Märchen ist.

Die Geschichte von Cunningham spielt in New York, es ist Winter in Bushwick, Weihnachten ist gerade vorbei. Bushwick ist nicht schick, Bushwick ist sehr hässlich. Der Plot dreht sich um vier Protagonist_innen, die alle auf bessere Tage hoffen, sich selbst als lebende Kunstwerke begreifen und auch ein bisschen Schneekönigin an sich haben. Oder zumindest Schnee. Tyler Barrett versucht seit Jahren sein Glück als Musiker und hofft darauf, den großen Song zu schreiben. Einen Hochzeitssong für seine eigene Hochzeit, aber er hat nicht viel Zeit. Weil das Songschreiben so eine mühsame Angelegenheit ist, muss Tyler regelmäßig mit einer Prise Schnee, äh Koks, nachhelfen. Tylers große Liebe Beth ist an Krebs erkrankt (daher Tylers Zeitdruck) und wenn es ihr gelingt, sich aus ihrem Sterbezimmer aufzuraffen, wirft sie sich in weiße Kleider, denn Buntes erträgt sie nicht mehr. Tylers Bruder Barrett, Lieblingsroman: Madame Bovary, ansonsten hochbegabter Yale-Absolvent (na ja, fast) und eben auch (fast) echter Literaturwissenschaftler, kriegt einfach nichts auf die Reihe und verkauft deshalb überteuerte Klamotten in einem Second-Hand-Designer-Laden.  Das bunte Treiben eröffnet ihm ganz neue literarische Anknüpfungspunkte, die ihn innerlich zum Strahlen bringen:

Es ist das in der Praxis abgeschaffte, aber immer noch dankbare Unheil, das alle Impulskäufer begleitet – die verarmte Matrone, den enterbten jungen Grafen – wenn sie sagen: „Ich werde in diesem kunstvoll verwaschenen Freddy-Mercury-T-Shirt (zweihunderfünfzig Dollar) auf Erden wandeln, auf der Party heute Abend trage ich dieses Vintage-Minikleid von Alexander McQueen (achthundert), weil mir der Augenblick mehr bedeutet als die Zukunft. Die Gegenwart, heute Nachmittag, heute Abend, das Gefühl einen Raum zu betreten und tatsächlich, wenn auch nur kurz, zum Schweigen zu bringen, das ist mir wichtig, es ist schon in Ordnung für mich, nichts zu hinterlassen.“ Es handelt sich, in Barretts Augen, höchstens um eine harmlose Form des Sadismus, immerhin wirft sich niemand, der den Laden mit Einkäufen verlässt, die er sich eigentlich nicht leisten kann, vor den nächsten Zug. Und so kann er ohne Gewissensbisse (ohne allzu große Gewissensbisse) die Vorstellung genießen, dass Madame Bovary und die Buddenbrooks und das Haus der Freude weiterleben. (106)

Nebenbei wartet er  auf den richtigen Mann für’s Leben, allerdings ist das nicht so einfach. Als ihn mitten in der schneebedeckten Landschaft des Central Parks eine übernatürliche Vision ereilt, glaubt der Ex-Katholik Barrett auf einmal doch wieder an das göttliche Moment und sucht regelmäßig die nahegelegene Kirche auf. Denn irgendeine Bedeutung muss das Licht doch haben.

Vielleicht wird er im hohen Alter einer jener Geschichtenerzähler sein, die das Unmögliche gesehen haben; ein UFO-Zeuge, ein Bigfoot-Zeuge, ein komischer Kauz, der einen flüchtigen, wundersamen Blick auf etwas Unerklärliches erhaschen konnte und sich dann wieder dem Älterwerden zuwandte; der die Subgeschichte der Spinner und Paranoiker fortschreibt, jener Heerschar von alten Säcken, die genau wissen, was sie gesehen haben, auch wenn es Jahrzehnte her ist, und wenn du es nicht glauben willst, du Jungspund, ist das in Ordnung, vielleicht wirst du selbst eines Tages etwas sehen, das du dir nicht erklären kannst, und dann, nun, dann wirst du es wohl endlich begreifen. (S. 57)

Das Quartett wird durch Liz komplett,  eine alternde Punkdiva und Chefin von Barrett, die von Tylers Drogenkonsum weiß und ihn immer wieder gerne tröstet. Doch davon weiß Beth nichts.

In diesem Potpourri aus schweren Schicksalsschlägen und verkrachten Existenzen ereignet sich dann ein Wunder, kurioserweise kurz nachdem Tyler ein Eiskristall ins Auge geflogen ist und Barrett seine Vision hatte. Beth scheint sich wieder zu erholen. Oder sind Tyler und Barrett nur von der Schneekönigin verzaubert worden?

In Cunninghams Roman geht es um Wünsche, Hoffnungen und natürlich um Wunder.  Die Geschichte beginnt im November 2004 und endet im November 2008 und in dieser Zeit kann für Tyler, der die Vision nicht gesehen hat, und Barrett, der eigentlich gar nicht weiß, was er da genau gesehen hat, alles zum Wunder werden. Beth Genesung, Bushs Niederlage – alles ist gleich wichtig und alles hat irgendwie doch noch Potenzial, zu etwas Gutem zu werden. Könnte man denken…

Cunningham erzählt manchmal sehr überzeugend, manchmal gewollt konstruiert, über diese merkwürdigen vier Jahre. Irgendwo zwischen Resignation und Aufbruch, zwischen Drogen und Delirium, zwischen märchenhaften Visionen und der harten Realität von Kokainsucht und Krebserkrankung. Das ist glücklicherweise nicht nur deprimierend, sondern auch sehr unterhaltsam.  Weil Cunningham sehr gekonnt zwischen E- und U hin- und herspringt, macht die Nebeneinanderreihung vermeintlicher Gegensätze besonders viel Spaß. Kombinationen aus Shoppingwahn und Buddenbrooks oder einfach Zitate wie „Barrett, du verwechselst dich mit einer Figur aus einem B-Movie – oder wo wir einmal dabei sind, mit einer Figur aus einem Roman von Dostojewski“ sorgen dafür, dass der Roman Seite für Seite fast zu einem Meta-Märchen wird, dass sehr viel aktueller, aber auch bissiger ist, als Andersen es je sein wollte. Die Geschehnisse sind zum Teil tragisch, der Text sehr poetisch geschrieben, stellenweise komisch und manchmal auch ein bisschen überladen. Aber das macht nichts. Und am Ende muss ich an die Schneeprinzessin des Empowerments schlechthin (ausgerechnet von Disney) denken.

„Let it go“ – das Ende ist tragisch und schön gleichzeitig und ob Tyler seine Königin findet, bleibt in der Schwebe und verschwindet unter einer Ladung Schnee. Aber das macht nichts.

„Ist es wichtig?“, fragt Liz.

„Was?“

„Ein Omen zu haben. Oder etwas in der Art.“

„Du musst schon zugeben, dass es interessant ist.“

„Schätzchen. Ich würde eher sagen, ich muss zugeben, dass es bescheuertes Wunschdenken ist.“ (S.154)

Michael Cunningham – Die Schneekönigin (=The Snow Queen).

Luchterhand 2015.

Ich habe den Roman beim Bloggerportal als Rezensionsexemplar bestellt. Vielen Dank!

Cinderella in Chinatown – Wenn die Liebe tanzen lernt

Wenn die Liebe tanzen lernt von Jean Kwok

Wenn die Liebe tanzen lernt begegnete mir das erste Mal auf Primeballerinas Blog. Ich wollte den Roman unbedingt lesen, auch wenn das Cover  nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht. Zu pink und einen Tick zu kitschig und auch der Titel klang für mich erst einmal wenig einladet, die englische Version Mambo in Chinatown klang für mich deutlich vielversprechender. Und ich bin nicht enttäuscht worden.

Charlie Wong lebt mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Lisa in Chinatown in New York. In der Schule war sie keine große Leuchte und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehen nicht gut aus, so dass sie als Tellerwäscherin in einem chinesischen Restaurant ihr Geld verdient. Ihr Vater ist der große Nudelmeister des Viertels und genießt relativ großes Ansehen als Koch. Eine andere Arbeit als im Restaurant kann und will er sich für seine älteste Tochter nicht vorstellen. Als Lisa Charlie dazu überredet, einen neuen Job als Rezeptionistin in einem Tanzstudio anzutreten, eröffnen sich für Charlie neue Welten – Turniertanz, Profisport, Glitzertrikots. Das Tanzstudio wird zum Sehnsuchtsort. Durch Zufall und wie das in Märchen eben so ist, darf sie selbst auch aufs Parkett und die Profis erkennen ihr verstecktes Talent, das ihr in die Wiege gelegt wurde. Charlie und Lisas Mutter war selbst Balletttänzerin in China, bevor sie mit ihrem Mann in die USA immigrierte. Charlies Vater kann sich ein Leben für seine Töchter, besonders nach dem Tod seiner Frau, außerhalb der chinesischen Community nicht vorstellen und lateinamerikanische Tänze rangieren für ihn irgendwo im Bereich des Striptease. Doch Charlie gibt nicht auf und versucht alles, um ihren Traum zu verwirklichen.

Während alle anderen ihre Einzelstunden gaben, suchte ich mir ein ruhiges Eckchen und ging noch einmal alles durch, was ich an diesem Tag gelernt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, etwas gefunden zu haben, für das ich ein gewisses Talent mitbrachte. Wie sagte Patentante immer: Aus dem Nichts entsprang das Universum. (S.181)

Charlie ist eine sehr sympathische Figur, die sich allerdings generell viel zu wenig zutraut. Aber das muss so sein, denn so funktioniert die Wandlung vom unscheinbaren Entchen zum hübschen Schwan so viel besser. Und das Universum meint es eben gut mit ihr.

Natürlich lauert da noch ein potentieller Love-Interest im Studio, ein Prince Charming, der nur noch ihren zweiten Tanzschuh finden muss. Doch wer gewinnt ihr Herz? Ist es der gutaussehende Profitänzer, der allerdings schon seinen Ruf als Frauenschwarm weg hat oder ihr hinreißender Tanzschüler, mit dem sie laut Vertrag allerdings keine Beziehung anfangen darf? Doch zum Glück ist der Roman gar nicht so sehr eine Liebesgeschichte, viel mehr geht es um eine junge Frau, die endlich ihre Bestimmung findet und entdeckt, was sie mit ihrem Leben machen möchte – und das ist einfach: Tanzen.

Der Roman war gerade dann gut und wirklich gelungen, wenn es um die Szenen im Tanzstudio ging. Jean Kwok weiß einfach, wovon sie schreibt und es hat mir richtig Spaß gemacht, über die unterschiedlichen Tänze und die Profitszene mit ihren Licht- und Schattenseiten zu lesen. Ich habe mich fast so gefühlt, als würde ich mit im Studio stehen. Und wer möchte, kann die Autorin, die selbst jahrelange Tanzerfahrung hat, auch auf YouTube bewundern. *klick*

Außerdem gefielen mir die interessanten Beobachtungen und Details aus dem Leben der jungen chinesischen Migrant_innen oder ABCs (american-born chinese), die auf der einen Seite den strengen Traditionen ihrer Familien entsprechen sollen und andererseits ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, das ohne arrangierte Ehen und importierte kulturelle Vorstellungen, Traditionen und Aberglauben auskommt.

Während Charlie sich durch die Schrittfolgen des Rumba kämpft, geht es ihrer kleinen Schwester immer schlechter. Ist es Schulstress oder steckt mehr dahinter? Ihr Vater vertraut auf die traditionelle chinesische Medizin, aber Charlie merkt, dass er ihrer Schwester so nicht helfen kann. Dabei ist ihr Onkel einer der berühmtesten Heiler des Viertels und die bekannte Hexe der Gegend, „die Vision“, hat ebenfalls angefangen, sich in das Leben der Familie einzumischen.

Während das Tanzen und das Aufeinanderprallen der westlichen und der östlichen Traditionen besonders interessant waren, ist die Liebesgeschichte relativ vorhersehbar. Andererseits – welche Zuschauer_innen erwarten bei Dirty Dancing oder Step Up denn ernsthaft überraschende Wendungen? Cinderella bekommt doch auch das Kleid und die Kutsche und den Prinzen und ihren (Tanz-)Schuh und Baby darf die Melone tragen und am Ende am Tanzwettbewerb teilnehmen. Baby vertritt die echte Tanzpartnerin, die wegen einer Abtreibung leider gerade unpässlich ist, aber bevor die Realität mit aller Wucht zuschlägt, darf Baby noch zu (I had) The Time of my Life tanzen. Und die Hebefigur klappt auch. Und auch Charlie tanzt sich im Roman ins Herz des Richtigen und es gibt ein Happy End, das zeigt, dass die angedeuteten Probleme und schwere Schicksalsschläge lösbar sind. Das ist vielleicht ein bisschen viel Zuckerguss, hat für mich aber wirklich gut in die Weihnachtszeit gepasst.

Wie in jedem Tanzfilm steht auch dieser Roman unter dem Motto „You can do it, if you really want“. Das liest sich so leicht und wunderbar fluffig und fühlt sich an wie ein Paillettenkleid mit Tüll und einer riesigen Schleife, die leise summt: „Ich bin ein Märchen“. Und dann ist es auch in Ordnung, dass ein unbeschriebenes Blatt in wenigen Monaten zum Fast-Profi aufsteigt, das macht Baby ja nicht anders. Wer Tanzfilme mag, wird den Roman lieben.

Übrigens gibt es noch einen anderen Kandidaten, der von der Nudelküche zum Großmeister seiner Kunst aufsteigt, der allerdings figurentechnisch kaum mit einer Ballerina mithalten kann: Kung-Fu-Panda. Obwohl er eigentlich den Nudeltraum haben und den Familienbetrieb fortführen sollte, führt ihn sein Schicksal zum Kampfsport. Karma und Universum haben eben immer  Recht. Aber nur bei DreamWorks und im Märchen können Träume wahr werden. Und in Chinatown.

Jean Kwok – Wenn die Liebe tanzen lernt. Goldmann 2015.

Ich habe den Roman beim Bloggerportal von Random House als Rezensionsexemplar angefragt. Vielen Dank!