Himbeeren mit Sahne im Ritz

Lust auf Nachtisch? Auf kleine, kurze Erzählungen mit Witz und Ironie? Hatte ich auch. Himbeeren mit Sahne im Ritz, ein Kurzgeschichtenband von Zelda Fitzgerald, klang erst einmal ziemlich gut.

Himbeeren mit Sahne im Ritz bearbeitetFitzgerald? Ui, muss ich lesen. Und nein, nicht ihn. Sie! Zelda. Das It-Girl der Zwanziger Jahre war nicht nur Balletttänzerin und Malerin, sie konnte auch schreiben und soll auch bei vielen Texten ihres Mannes – vorsichtig  formuliert – „involviert“ gewesen sein. Und zwar nicht nur als Muse, sondern als kreativer Kopf. Tatsächlich hat Scott einfach Teile ihrer Tagebücher zu „Inspirationszwecken“ genutzt. Vermarktet wurden die Geschichten dann unter seinem Namen, das kam besser beim Publikum an.

Nachdem Zelda nicht mehr als Koautorin genannt wurde, brachte zum Beispiel die Veröffentlichung von Das Mädchen und der Millionär nicht mehr schlappe 500, sondern sage und schreibe 4000 Dollar ein. Man kann sich vorstellen, wie deprimierend diese Erfahrung für Zelda gewesen sein muss. Ihr erstes Buch, Save Me the Waltz, konzipiert als Enthüllungsroman, wurde von ihrem Ehemann um über 100 Seiten gekürzt. Details aus dem Privatleben des Paares wurden von Scott gestrichen, zu dem Zeitpunkt hatte Zelda schon angedroht, ihren Ehemann zu verlassen und auch finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.  Scott notierte 1933 in sein Notizbuch:

„Angriff auf allen Ebenen: Theaterstück (unterdrücken), Roman (verzögern), Bilder (unterdrücken), Charakter (angreifen), Kind (entfremden), Tagesablauf (durcheinanderbringen, um Schwierigkeiten zu machen). Kein Maschinenschreiben. Wahrscheinliches Resultat: neuer Nervenzusammenbruch.“

Scott Donaldson: Fool for Love. F. Scott Fitzgerald, New York 1983, S. 86

Zelda war immer wieder in unterschiedlichen Psychiatrien, auch wenn die Ärzte es ablehnten, ihrem Mann einen Freifahrtschein auszustellen, der es ihm erlaubt hätte, sie jederzeit einweisen zu lassen. Scott konnte sich nicht durchringen, in die Scheidung einzuwilligen. 1940 konnte Zelda aus der Klinik entlassen werden, weil ihr behandelnder Arzt eine Patientin vergewaltigt hatte.  Ihr Mann war zu dem Zeitpunkt schon verstorben. Zelda selbst starb 1948 bei einem Brand in einer anderen Nervenklinik.

„Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte.“

(aus der Erzählung Unsere Leinwandkönigin)

In dem Kurzgeschichtenband, übersetzt von Eva Bonné, findet sich unter den elf Kurzgeschichten auch eine bisher unveröffentlichte Erzählung. Alle Erzählungen drehen sich um selbstbewusste Frauen, die ihr Glück und ihre Selbstverwirklichung in der Kunst suchen. Showgirls, angehende Schauspielerinnen und Tänzerinnen – sie alle suchen keinen Mann für’s Leben, sondern verbreiten den Glamour von Champagner, Perlen und großen Träumen. Es geht um Selbstinszenierung und rauschende Partys, aber es finden sich auch viele assoziative Passagen oder Aphorismen.

„Für viele Menschen ist die Liebe so trügerisch wie die Marmelade in „Alice im Wunderland“ – gestern Marmelade, morgen Marmelade, nur heute gibt es keine.“

(aus der Erzählung Miss Ella)

Zelda Fitzgerald hat einen Blick für kleine Details und atmosphärische Beschreibungen, auch wenn ihre Charaktere oft wie Figuren auf einer Bühne wirken. Relativ eindimensional und ohne ausgeprägte hervorstechende Eigenschaften. Abgesehen von ihrem Dasein als Flappergirls im Jazz Age (was auch immer das heißen mag) und ihren großen Träumen, haben sie wenig gemeinsam – und doch sind ihre Geschichten ähnlich.

Sie war sehr kaleidoskopisch. Manchmal saß sie nur da, trank Unmengen und verfiel gegen Ende des Abends in einen britischen Akzent; bei anderen Gelegenheiten rührte sie keinen Alkohol an, aß einen Teller Spargel mit Sauce hollandaise nach dem anderen und schwor, ins Kloster zu gehen.

(aus der Erzählung Die erste Revuetänzerin)

Und das wurde mit der Zeit leider recht langweilig. Die Geschichten ähneln sich, die Probleme ähneln sich – da kann auch die feine Ironie der Erzählerstimme nicht mehr helfen. Der charmante Plauderton, in dem die Erzählungen gehalten sind und der mich zunächst für den Band eingenommen hat, reicht einfach nicht aus um die Belanglosigkeit der Erzählungen zu tragen. Die Geschichten verschwimmen ineinander und irgendwann spielt es keine Rolle mehr, ob Daisy oder Gracie oder Gay gerade Champagner mit ihren Freunden trinken oder von ihrem Durchbruch als Leinwandsternchen träumen. Sie sind  sich ja doch alle zu ähnlich, als dass ich im Nachhinein noch wüsste, wer wie an seinem Dasein vor sich hin leidet und auf den großen Moment wartet. Die Kurzgeschichten sind nett, wenn man nicht alle auf einmal lesen möchte. Aber anders als bei Alice Monroe oder Julie Orringer fehlt das gewisse Etwas, dass die Geschichten zu einem besonderen Leseerlebnis machen. Schade. Ich gehe jetzt Himbeeren essen. Ohne Sahne. Auf dem Balkon.

Zelda Fitzgerald – Himbeeren mit Sahne im Ritz. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eva Bonné. Manesse Verlag 2016.

Ich habe den Kurzgeschichtenband als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank an den Verlag.

 

Dadadada – Der Dada-Almanach

„Wir haben beschlossen, unsere mannigfaltigen Aktivitäten unter dem Namen Dada zusammenzufassen. Wir fanden Dada, wir sind Dada, und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen. Wir stehen hier ohne Absicht, wir haben nicht mal die Absicht, Sie zu unterhalten oder zu amüsieren.“

(Richard Huelsenbeck, vorgetragen im ,Cabaret Voltaire‘ im Frühjahr 1916)

Der Dadaismus hat dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Eine Bewegung, die sich den Unsinn, das Spiel mit Buchstabenmassen und Wortbausteinen und die Faszination für die Verweigerung von Sinn auf die Fahnen geschrieben hat. Und deren poetisches und ästhetisches Anliegen sich in der typographischen Gestaltung von Gedichten und Lautbildern manifestierte.  Im Manesse Verlag ist dieses Jahr der Dada-Almanach erschienen, der Lautgedichte, Manifeste und Textbilder dieser aberwitzigen Bewegung in einem gelungenen und wunderbar gestalteten Sammelband zusammenführt.

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Doch was ist Dada eigentlich? Mein erstes Dada-Gedicht begegnete mir irgendwann in der Grundschule. Die Karawane/Zug der Elefanten von Hugo Ball. „jolifanto bambla o falli bambla“ – diesen Unsinn fabrizieren erwachsene Menschen? Ich war ziemlich beeindruckt und wollte auch Künstler_in werden.

Dadaist_in zu werden, ist relativ einfach. Tristan Tzara, ein Mitgründer der Bewegung, empfiehlt, ein paar Wörter aus einer Zeitung auszuschneiden, alles wild durcheinanderzuschütteln und neu zusammenzusetzen. Zack, entsteht ein Dada-Gedicht und im besten Fall ist man „ein unendlich origineller Schriftsteller mit einer charmanten, wenn auch von den Leuten unverstandenen Sensibilität.“ (S. 9)

Aber Dada ist noch mehr. Die Bewegung des Nicht-Sinn-machen-wollens betreibt überzeugend inkonsequent (immerhin handelt es sich hier um Dada) ein ästhetisch Spiel gegen die herrschende Norm. Dada hat keine moralische Haltung, Dada ist politisch, aber nur im subversiven Sinne. Denn „Kein System haben wollen ist ein neues.“ (Dr. Serner). Richard Huelsenbeck sagt, Dada könne man nicht erklären, nur erleben. Dada war auch ein Wasser zur Stärkung der Haarpracht, denn der Zürcher Toilettenartikelhersteller Bergmann & Co hatte sich zufällig schon den Produktnamen reservieren lassen. Hugo Ball schreibt dazu: „Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“

Und im Dada-Almanach sind die unterschiedlichsten Spiel- und Schreibarten der Dadaisten versammelt. Es gibt Lautgedichte, Textbilder, Liebesoden, Krippenspiele, Prosa, aber auch Totentänze und Lamentos, die daran erinnern, dass der Ursprung des Dada eben nicht im Nichts liegt, sondern in der persönlichen Konfrontation mit der Sinnlosigkeit einer Welt im Kriegszustand. Weil alle Wörter sinnlos werden, arbeiten sich die Dadaist_innen an den Wörtern ab und stellen dadurch auch herrschende Normen und Welterklärungsmodelle in Frage. Denn es gibt sie, die große Literatur. Es gibt Goethe und Schiller und trotzdem erschießen sich die Menschen im Krieg. Warum ist die Welt so wie sie ist?

„Jede Sache hat ihr Wort, da ist das Wort selber zur Sache geworden. Warum kann der Baum nicht Pluplusch heissen, und Pluplubasch, wenn es geregnet hat? Und warum muss es überhaupt etwas heißen? Müssen wir denn überall unseren Mund dran hängen? Das Wort, das Wort, das Weh gerade an diesem Ort, das Wort, meine Herren, ist eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges.“

(Hugo Ball, Eröffnungs-Manifest. 1. Dada-Abend in Zürich, 14. Juli 1916)

Was passiert mit einem Wort, wenn es aus seinem Sinnzusammenhang befreit wird? Einige Dadaist_innen wurden später Surrealist_innen und versuchten sich an der „ecriture automatique“, da gab es Dada schon nicht mehr. Auch diese Entwicklung wird im Dada-Almanach anhand der Biographien der „Dada-Leader“ dargestellt. Und da gibt es einige: Propagandada, Dadasophen und den Oberdada. Und alle trafen sich im März 1916 im „Cabaret Voltaire“ um Lautgedichte und Antikriegslieder vorzusingen.

Der Dada-Almanach bieten einen gelungenen Ausschnitt dieser kurzen Zeit. Ich habe das Buch unglaublich gerne gelesen und kann nur noch einmal auf die hochwertige und ästhetisch ansprechende Gestaltung des Bandes verweisen. Und das aller Schönste: man braucht kein Manifest oder keine Theorie. Man lässt sich einfach in die Wortkunstwerke der Dadaist_innen fallen und genießt diese wunderbare Lektüre.

Weitere Rezensionen findet ihr auf frischgelesen und nettebücherkiste. 

Dada-Almanach. Textbilder, Lautgedichte und Manifeste. Vom Aberwitz ästhetischer Contradiction. Herausgegeben von Andreas Puff-Trojan und H. M. Compagnon.

Manesse 2016.

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal von Randomhouse angefragt. Vielen Dank!