Das weibliche Prinzip

Vor wenigen Jahren hat sich die amerikanische Autorin Meg Wolitzer mit dem Roman Die Interessanten in meinen persönlichen Olymp der Lieblingsbücher geschrieben. Es geht um sechs Teenager, die sich in einem Sommercamp für kunstbegabte Jugendliche treffen. Ein fantastisches Buch. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an Wolitzers neuen Roman Das weibliche Prinzip, in dem Wolitzer nicht nur über Macht und Emanzipation schreibt, sondern auch von enttäuschten Erwartungen und Generationskonflikten. Eine spannende Mischung.

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Greer Kadetzky ist eine sehr talentierte junge Frau, die eigentlich auf ein Ivy-League-College gehört hätte. Dass alles anders kommt als geplant, liegt an ihren Hippie-Eltern, die neben dem täglichen Graskonsum leider nicht dazu kommen, fristgerecht ein Studiendarlehen für ihre Tochter zu beantragen. Sie begnügt sich mit dem mittelklassigen College vor Ort und wohnt zuhause, mit ihrem Freund Cory führt sie fortan eine Fernbeziehung. Auf einer Party wird Greer von einem Typen bedrängt. Sie ist nicht die einzige. Als sie sich mit den anderen Opfern der Belästigungen zusammenschließt und gegen ihn aussagt, passiert  – nichts. Wie leider viel zu oft.

Die bekannte Feministin, Aktivistin und Herausgeberin einer Zeitschrift, Faith Frank, hält an Greers College einen Vortrag. Faith ist mutig, stellt die richtigen Fragen und kann das Publikum begeistern. Auch wenn sie keinen genauen Plan mehr von den aktuellen Problemen hat, die ihr Publikum der unter 30-jährigen betrifft (unsichere Jobperspektiven, Befristungen, Backlash, you name it), ist die 60-jährige ein gern gesehener Gast.  Greer ist hingerissen. Während der Podiumsdiskussion stellt Greer Faith entscheidende Fragen: Was kann konkret gegen Belästigungen unternommen werden und wie können sich Frauen überhaupt in einer männerdominierten Welt durchsetzen. Eigentlich wäre es die Frage von Zee gewesen, Greers besten Freundin, die sich schon seit Jahren in feministischen Kontexten bewegt. Aber Greer ist schneller oder das Schicksal will es eben so.

Es ist ein Zufall, dass sich Faith nach langer Zeit wieder an Greer erinnert und ihr eine Stelle in einer neugegründeten Stiftung für Frauenrechte anbietet. Das ist für Greer, die Faith heiß und innig verehrt, wie ein Ritterschlag. Einen anderen Job hätte sie ohnehin nicht bekommen, zu schreiben wäre die einzige Möglichkeit.

Greer stellte sich inzwischen vor, Schriftstellerin zu werden. Sie malte sich aus, Essays und Artikel, irgendwann vielleicht sogar Bücher mit feministischem Schwerpunkt zu schreiben, obwohl sie anfangs sicher am späten Abend würde schreiben müssen. Sie bräuchte ein Einkommen, mit dem sie das Schreiben finanzieren konnte. Sie wollte kein Leben wie ihre Eltern führen. Aber wenn sie einen richtigen Job hätte, also nicht in Armut abrutschen würde, könnte sie versuchen, in ihrer freien Zeit zu schreiben, und vielleicht hätte sie ja ein Quäntchen Glück. (S.90)

Greer beginnt in der Stiftung, auch wenn die Bezahlung noch zu wünschen übrig lässt. Während sie sich mit großem Engagement auf ihre erste feste Stelle in New York stürzt, wird Cory als Wirtschaftsberater nach Manila geschickt. Nicht nur die Beziehung von Greer und Cory bröckelt, Greer hat sich auch den Einstieg in die Arbeitswelt etwas anders vorgestellt.

Genau wie in ihrem Roman Die Interessanten gelingt es Wolitzer, sehr komplexe und authentische Figuren zu entwerfen, deren Lebenswege sich zwar rund lesen, aber  doch eher in einem sehr ruhigen Erzähltempo durch das Buch plätschern. Während Faith und Greer, zwei ambitionierte Frauen aus verschiedenen Generationen, versuchen, dem großen Ziel der Gleichberechtigung ein Stückchen näher zu kommen, sorgt individuelles Machtstreben danach, dass von Solidarität und einer großen gemeinsamen Sache wenig übrig bleibt. Auf dem Weg zu mehr Einfluss und mehr Macht gehen Faith und Greer Kompromisse ein und entfernen sich massiv von ihren Idealen. Die Start-Up-Mentalität in Faiths Stiftung hat einen Konformitätszwang zur Folge, in dem sogar das Privatleben auf die Bedürfnisse der Chefin Faith abgestimmt werden. Greer gibt alles und noch mehr für einen Job, in dem sie letztlich ausgebeutet wird. Das geht sogar soweit, dass die Vegetarierin Greer vorgibt, Fleisch zu mögen – nur um der Chefin zu gefallen, die die Kolleginnen der Stiftung zu einem Grillabend eingeladen hat.  Aber auch Faith kann nicht so selbstbestimmt handeln, wie sie es sich vielleicht gewünscht hat, damals, als es noch Ideale gab. Ihre Stiftung wird am Ende eine Mogelpackung, die das Charitybedürfnis der reichen, weißen Oberschicht bedient. Und auch Cory hat es nicht leicht. Dem strahlenden Absolventen fällt die Realität auf die Füße, als er sich mit einer sehr schwierigen Entscheidung konfrontiert sieht.

Meg Wolitzer hat schon in ihrem Essay „The second shelf“ feministische Themen aufgegriffen, zum Beispiel die Diskriminierung schreibender Frauen auf dem Literaturmarkt. Trotz so deutlicher Aussagen in ihrem Essay, bleibt der Roman zum Thema an vielen Stellen sehr vage. Ich war  nicht davon ausgegangen, einen Kommentar zu #metoo oder sexistischen Strukturen in der Arbeitswelt zu bekommen, trotzdem hatte ich das Gefühl, da wäre manchmal noch eine klarere Positionierung möglich gewesen. Hätte man einen Roman zum Thema schreiben wollen. Der Text entzieht sich solchen Kategorisierungen, weil er auf das Figurenensemble bezogen, am Ende sogar das Ausnahmetalent Cory mit einem schwierigen Schicksalsschlag versieht, der ihn automatisch in die Rolle des Kümmerers drängt – und damit nicht mehr attraktiv für die Damenwelt macht. Jede noch so kleine Figur wird ausführlich mit ihren Fehlern und Schwächen dargestellt. Das war bei den Interessanten ein großer Pluspunkt, hier wird es mir manchmal ein wenig zu viel. Trotzdem habe ich den Roman sehr gerne gelesen, denn durch jede Zeile schimmert das Talent der Autorin, gesellschaftliche Strömungen der Zeit  in eine Geschichte zu gießen, die sich leicht lesen lässt. Ein #Aufschrei ist dieser Roman allerdings nicht.

Ich bedanke mich bei vorablesen.de und Dumont für das Rezensionsexemplar!

 

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Die Interessanten – Lass dich drücken, Mittelmäßigkeit!

Cover Die InteressantenManchmal kann ein Augenblick das gesamte Leben verändern. Für Julie Jacobson ändert sich ihr Leben an einem warmen Sommerabend irgendwann im Jahr 1974 an einem magischen Ort, der in der Ferienlager Broschüre „Spirit in the Woods“ genannt wird. Ein pädagogisch abgesicherter Ort, an dem die künstlerische Ader der meist gut betuchten Jugendlichen gefördert wird und an dem sich eine Clique der coolen Kids spätnachts noch zu konspirativen Treffen verabredet um im Kerzenschein über europäische Literatur und ihre Begeisterung für Günter Grass zu philosophieren. Warum Julie ausgerechnet bei diesem Treffen dabei ist, weiß sie selber nicht so genau. Sie ist sehr unsicher, hat eine Dauerwelle, mit der sie aussieht wie ein Pudel und versucht gerade noch den Tod ihres Vater zu verarbeiten. Ihre einzige Eintrittskarte zu dieser Hochburg der selbsternannten Kunstschaffenden besteht in einem Stipendium, das ihr irgendwie zugefallen ist. Und dann sitzt sie im Zelt und ist auf einmal witzig. Sie ist so schlagfertig, dass sie an diesem Abend nicht mehr die schüchterne Julie ist, sondern nur noch „Jules“ genannt wird. Jules ist besonders, Jules ist interessant und Jules hat was zu sagen. Auf ihre Initiative hin, nennt sich die Clique fortan „Die Interessanten“. Sie schwören feierlich, nie ein gewöhnliches, langweiliges und mittelmäßiges Leben zu führen.

Hat sich hier im Spirit in the woods vielleicht schon die künstlerische Elite von morgen versammelt? Ethan ist der kreative Kopf der Gruppe, ein Ausnahmetalent, das durch grandiose Ideen für Trickfilme glänzt und stundenlang im Filmschuppen des Camps herumbastelt – bei Jules aber aufgrund „außergewöhnlicher Hässlichkeit“ abblitzt. Nicht ihr Typ. Goodman ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Sehr gutaussehend, gesegnet mit reichen Eltern, einem fantastischen Wohnsitz an der Upper East Side und seine Schwester Ash ist genau so hübsch und unbeschwert wie er. Hätte die Clique ein Machtzentrum, säßen Ash und Goodman am Hebel. Cathy ist angehende Tänzerin, die alle Männer um den Finger wickelt und Jonah der Sohn einer Folksängerin, der sich selbst als Musiker versucht (und dessen Name Jonah Bay doch sehr an die Folkikone der Zeit Joan Baez erinnert).

Viele Jahre später hat sich an der Cliquenkonstellation kaum etwas geändert – nur Cathy und Goodman fehlen. Warum möchte ich nicht verraten, nur soviel, Jules hat ihre ehemalige Freundin fallengelassen wie eine heiße Kartoffel und Goodman ist untergetaucht, gegen ihn läuft ein Haftbefehl. Aber von der Vergangenheit will niemand mehr sprechen, denn so ist das Leben und jeder muss sehen, wo er bleibt. Ash, Ethan, Jules und Jonah leben nach wie vor in New York und haben regelmäßig Kontakt, besuchen sich, sind beste Freunde und doch gibt es feine Risse im Gesamtgefüge. Denn das Leben ist nun einmal nicht gerecht und die Vorstellungen, die man mit 15 noch hochhält, lassen sich vielleicht nie verwirklichen. Es gibt kein Abo auf Erfolg, genauso wenig bleibt man für immer „interessant“. Gerade Jules knabbert an der Freundschaft mit Ash und Ethan, die mittlerweile ein hochangesehenes und sehr erfolgreiches Künstlerpaar sind. Jules Leben ist anders verlaufen. Sie ist Therapeutin geworden, ihre anfänglichen Schauspielambitionen im Bereich Comedy hat sie aufgegeben. Ihr Ehemann ist kein Künstler, sondern Ultraschalltechniker im Krankenhaus und ihre Tochter ist einfach nicht so besonders wie die Tochter von Ash und Ethan. Ethan hat ein Millionenimperium mit seinen Trickfilmen aufgebaut und seine Frau Ash ist in der feministischen Theaterszene unterwegs. Reality bites!  Als Cathy ihre Hilfe brauchte, war Ash eine der ersten, die zu ihrem Bruder hielt. Genau wie alle anderen.

Jules ist unglaublich neidisch auf ihre besten Freunde und ihren finanziellen Erfolg und bedauert sich selbst und ihr langweiliges Leben. Was, wenn damals im Camp doch alles anders gekommen wäre? Wäre sie dann die erfolgreiche Frau an Ethans Seite? Es dauert, bis sie bemerkt, dass es nicht der selbstgewählte Status der „Interessanten“ ist, der die anderen so leicht durchs Leben schweben lässt. Es ging schon immer um andere Dinge. Und sie selbst hat sich auf tragische Weise von der Macht und dem Einfluss ihrer Freunde moralisch korrumpieren lassen. Sie weiß Dinge über Ash, von denen Ethan keine Ahnung hat.

Ich habe immer gedacht, Talent sei alles, dabei war es immer schon das Geld. Oder die Gesellschaftsschicht. Und wenn nicht die, dann zumindest die Verbindungen.

Die Interessanten ist ein Roman, den man im besten Sinne als episch bezeichnen kann. Meg Wolitzer spannt einen Bogen von den 1970er Jahren bis heute und verwebt die Lebensgeschichten der verschiedenen Cliquenmitgliedern mit unterschiedlichen Diskursen der Zeitgeschichte. Sekten, Drogen, HIV, 9/11, Gentrifizierung, die Pharmaindustrie – da werden ziemlich viele Fässer aufgemacht, aber ich habe an keiner Stelle das Gefühl, dass die Themen außer Kontrolle geraten. Stattdessen werden auf sehr elegante und gekonnte Weise sämtliche Höhen und Tiefen des Lebens sehr menschlich und nachvollziehbar beschrieben. Es geht um die eigenen Wünsche und Vorstellungen, aber auch um tiefe Freundschaft. Wann sind Freunde noch Freunde? Wie sehr können wir uns verändern ohne unsere Freundschaft zu gefährden und wie viel Verschwiegenheit können wir alten Freunden abverlangen? Und worauf gründen sich eigentlich die Vorstellungen von uns selbst? Wann lassen wir das Camp hinter uns und werden erwachsen? Und wie leicht lässt sich am Ende die eigene Mittelmäßigkeit erhobenen Hauptes ertragen?

Die Interessanten ist Coming-of-Age-Roman und epochenübergreifendes Gesamtkunstwerk in einem, die Lektüre macht süchtig. Ich will einfach nur noch mehr lesen und ich bin traurig, als das Buch dann irgendwann doch zu Ende ist. 600 Seiten für so viel Inhalt ist fast zu kurz. Die Interessanten ist kein Wohlfühlbuch, aber ein Lieblingsschmöker, den ich absolut empfehlen kann. Und ich habe eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Die Klappentexterin vergleicht den Roman mit einem Regenbogen und das passt ganz wunderbar.

Meg Wolitzer – Die Interessanten (=The Interestings). Dumont 2015.