Skulptur Projekte – Nuclear Temple

Auf dem alten Zoogelände in Münster steht eine drei Meter hohe und 2,5 Tonnen schwere Stahlskulptur. Es handelt sich um den „Nuclear Temple“ und ich fand die Skulptur richtig toll. Der Künstler Thomas Schütte ist zum vierten Mal in Münster dabei und damit einmal mehr, als bei der Documenta in Kassel. 2017 hat er in Marl als Pendant zur Kirschensäule in Münster eine Melonensäule errichtet. Das ist für mich eigentlich schon genug Grund, um irgendwann in meinem Leben mal nach Marl zu fahren.  Aber zurück zur Skulptur.IMG_20170729_140623

Sie hat auf jeden Fall etwas von einem Tempel, irgendeinem antiken Kuppelbau vielleicht, an jeder der achte Seiten gibt es einen Torbogen. Das Material ist relativ ungewöhnlich, der runde Tempel besteht aus rostigen Stahlblechen. Im Innenraum befinden sich 16 Stahlwände, die alle auf das Zentrum des „Tempels“ ausgerichtet sind.  Angeblich soll der Kuppelbau an das ehemalige Elefantenhaus im alten Zoo erinnern und verweist damit auch auf Münsters Kolonialgeschichte, wie Nicola Torke im Begleitheft zu den Skulpturprojekten schreibt. In Münsters  Zoologischem Garten wurden von 1879 bis Ende der zwanziger Jahre Menschen ausgestellt. Besonders beliebt waren die „Völker Afrikas“, ein Renner war die „Sudanesen-Karawane“. 1894  kamen mehr als 2000 Besucher täglich in den Zoo, um während der achttägigen Show einen Blick auf die ausgestellten Menschen zu werfen. Die Kasse klingelte und das besondere Spektakel des „großen afrikanischen Hammelfestes“ (vielleicht mit live-Schlachtung – wer weiß) versprach noch mehr Profit. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade diese „Völkerschauen“ zur Verfestigung und Akzeptanz rassistischer und kolonialistischer Perspektiven beitrugen. Auch auf dieses düstere Kapitel Geschichte verweist der Tempel.

Es gibt Menschen, die versuchen, in diese kleinen Türen hineinzukriechen.IMG_20170729_141014 Wirklich hineinkriechen, können aber nur kleine Kinder. Manche von ihnen haben gesehen, dass Licht durch die Kuppel ins Innere des Tempels fällt. Durch die eingesetzten Stahlwände wirkt es so, als wäre der innere Kern des Tempels zersplittert. Nuclear – der Begriff verweist auf zwei Sachverhalte. Zum einen auf den Wesenskern eines Objekts, zum anderen auf atomare Katastrophen. Und sieht der Tempel nicht auch ein bisschen aus wie eine Atombombe? Ob Schütte jetzt auf Hiroshima und Nagasaki anspielt oder eine weitaus aktuellere Katastrophe im Kopf hat, wie Fukushima 2011, sei einmal dahingestellt. Ich habe mich sofort gefragt, ob der Tempel nicht vielleicht auch eine Art Bunker sein soll. Ein Schutzraum (Tempel klingt für mich da passend) für die Zeit nach einer atomaren Katastrophe. Ein Raum, in den nur Kinder passen, weil sie es wert sind, gerettet zu werden. Die Erwachsenen müssen leider draußen bleiben…

Mir hat an dieser Skulptur besonders gut gefallen, dass sie so offen für unterschiedlichste Assoziationen ist.

Was fällt euch ein, wenn ihr den Tempel seht?

 

Die Skulptur Projekte 2017 sind in Münster noch bis zum 1. Oktober zu sehen. Der Nuclear Temple ist eins von 35 Objekten, die überall in der Stadt verteilt sind.

Der Eintritt ist frei.

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Skulptur Projekte 2017

IMG_20170114_132926Wer sich für moderne Kunst interessiert, hat in diesem Sommer die Qual der Wahl. In Kassel ist die Dokumenta, in Venedig sind die Filmfestspiele, in Münster gibt es die Skulpturen Projekte. Da Münster meine Heimatstadt ist, war für mich die Entscheidung einfach. Abgesehen davon, dass ich gerade kein Geld habe, um nach Venedig zu fahren. Alle zehn Jahre treffen sich in Münster internationale Künstler_innen und verändern den öffentlichen Raum und das ist wirklich toll.

Man kommt gar nicht Drumherum – an jeder Ecke gibt es etwas zu sehen. Über dreißig Exponate, Plastiken, Installationen und Performances laden die Besucher_innen dazu ein, sich Zeit für moderne Kunst zu nehmen. Und das betrifft nicht nur die aktuelle Ausstellung. Viele Künstler_innen haben ihre Werke gleich an dem Ort der Ausstellung gelassen. Mein ewiger Favorit sind die pop-art – Kirschen von Thomas Schütte von den Skulptur Projekten 1987. Weil ich es mag, dass gigantische Kirschen in der Stadt auf einer Säule stehen. Super Ding!

Im LWL-Museum für Kunst und Kultur gibt es unter anderem auch das schöne Kunstwerk Untitled (Books) von Rachel Whiteread, die auf einem Balkon im Museum eine in Gips gegossene Bücherwand für die Skulptur Projekte 1997 installierte. Sieben Regelbretter umrahmen eine Tür, die verschlossen bleibt. Interessant an dem Kunstwerk ist aber nicht nur die verschlossene Tür (behaupten wir Buchblogger*innen nicht immer, dass Bücher dazu in der Lage sind, verschlossene Türen zu öffnen?). In der Regalwand befinden sich keine tatsächlichen Bücher, die wurden nämlich innerhalb des künstlerischen Prozesses kaputt gemacht, sondern es sind nur noch die Abdrücke von ehemals existierenden Büchern zu sehen. Sie haben Spuren hinterlassen, aber niemand kann mehr wissen, welche Bücher eigentlich in diesem Regal gestanden haben, welche Bücher vielleicht als wichtig und lesenswert erachtet wurden (von wem auch immer? wem gehört das Regal?), welche Bücher es nicht mehr gibt. Whiteread spielt also nicht nur mit der Vergänglichkeit des Mediums Buch, sondern auch mit der Vergänglichkeit von Archiven und modernen Wissensspeichern. Das hat mir gut gefallen. *

Die Skulptur Projekte 2017 sind noch bis zum 01. Oktober zu sehen, der Eintritt ist frei. Manche Performances gibt es nur einmal am Tag, bei anderen Ausstellungen muss man etwas Zeit mitnehmen und mit einer Warteschlange rechnen. Bis zum Oktober möchte ich gerne noch ein paar Skulpturen gesehen haben. Bis dahin stelle ich euch einfach hier vor, was mir besonders gut gefallen hat.

 

*Und demnächst kommt auch noch ein Bild, meine Speicherkarte wehrt sich gerade…