Ein leises Ende – Letzte Freunde

Jane Gardam konnte mich mit den ersten beiden Teilen der Trilogie um Old Filth begeistern. Gerade der erste und der zweite Teil zeigen, wie gekonnt Gardam uns als Leser_innen in eine Richtung lenkt, um dann im zweiten Teil ein komplett anderes Bild einer Person zu zeichnen. Raffiniert erzählt, witzig und spannend – in der Trilogie finde ich alles, was mich bei Leselaune hält.
letzte-freunde-2-bearbeitetIm dritten Teil kommt Dulcie zu Wort und wir erfahren interessante Details
über Veneerings Leben, der ja doch eigentlich einen ganz anderen Namen hatte. An diesen Stellen gefällt mir der Roman am besten und es ist spannend zu sehen und zu begreifen, wie wenig sich die Figuren eigentlich wirklich gekannt haben. War Veneerings Vater nun ein Spion oder doch ein Zirkusartist? Vieles bleibt angedeutet. Auch die Rivalität der beiden alten Anwälte hat deutlich tiefere Wurzeln als ich zunächst vermutet hatte. Das gefällt mir. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass die jüngere Generation (hier verdeutlicht am Beispiel der neuen Mieter, die in Veneerings altem Haus wohnen) sich kaum vorstellen kann, was die Raj-Waisen erlebt haben und dass sie im besten Fall als schrullige und etwas merkwürdige alte Menschen abgetan werden.

 Durch den Fokus auf zwei Randfiguren (Fiscal-Smith und Dulcie) werden Leerstellen aus den anderen Romanen gefüllt und wir als Leser_innen erfahren, was die anderen über Betty, Veneering und Old Filth gedacht haben. Das ist amüsant und geht ans Herz. Dulcie hat nie verstanden, warum ausgerechnet Fiscal-Smith als Trauzeuge bei Old Filths Hochzeit erscheint. Die Verstrickungen zwischen Old Filth und Veneering und Betty waren schon in den ersten beiden Teilen unterhaltsam und tragisch und daran hat sich nichts geändert. An vielen vermeintlich unscheinbaren Stellen zeigt sich das wahre Talent von Jane Gardam. Ihr gelingt es, eine Trilogie um ein Figurenensemble aufzubauen und immer mit neuen Details zu überraschen. Gleichzeitig arbeitet sie mit verschiedenen Leerstellen, die das Gespür der Leser_innen verlangen.

Der Roman beginnt mit dem Satz „Die Titanen waren nicht mehr.“ Feathers und Veneering sind tot und ihre Geheimnisse und Lebenslügen sind mit ihnen gestorben. Am Ende der Triologie angelangt, bin ich froh, diese Romane gelesen zu haben. Ansonsten bleibt vieles sehr ruhig, fast zu ruhig. Wer ein spektakuläres Ende erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden. Über dem gesamten Roman liegt eine leise Melancholie, die sich auch nicht vertreiben lässt, wenn ich das Buch zuklappe. Es ist ein leises Ende, das Gardam zeigt. Und nach längerem Nachdenken, kann ich nur sagen: es passt perfekt zu den Figuren des Romans.

Jane Gardam: Letzte Freunde. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin 2016.

ISBN: 978-3-446-25290-5

[Rezension] Good Old Betty – Eine treue Frau

Diese Rezension behandelt den zweiten Teil einer großartigen Trilogie von Jane Gardam, deren Abschluss ich mittlerweile entgegenfiebere. Wenn ihr Teil 1 über Old Filth noch nicht kennt, solltet ihr lieber nicht weiter lesen.

Ein untadeliger Mann

 

Jane Gardams Trilogie macht süchtig, das vielleicht vorweg. Ich wollte nach Ende des ersten Teil sofort wissen, wie es weiter geht – Spoiler: denn bereits in Band 1 deutete sich zumindest an, dass Old Filth glaubt, seine Frau habe ihn mit seinem Erzrivalen Veneering  betrogen.

Gardams Schreibstil ist unglaublich elegant, sehr eloquent und ehrlicherweise lasse ich mich nur zu gerne von ihr in eine bestimmte Richtung manipulieren. Am Ende stellen sich viele Andeutungen oder Vermutungen als Fehlurteile heraus. Gleichzeitig bin ich wirklich überrascht über die vielen Details aus Bettys Leben von denen ihr Ehemann keine Ahnung hatte – oder die ihn nicht interessierten.

Betty ist eine beeindruckende Frau – das sage ich zumindest nach diesem zweiten Teil. Sie durfte keinen Beruf erlernen, denn das gehörte sich nicht für eine untadelige Frau ihres Standes. Als sie und Old Filth keine gemeinsamen Kinder bekommen können, bleibt ihr nur die Rolle der treusorgenden Ehefrau. Und das ist ihr einfach nicht genug. Gerade die Kinderlosigkeit ist für Betty eine große Belastung. Old Filth hat die Kinderlosigkeit im ersten Teil des Buches nie als störend erwähnt. Es ist unglaublich spannend, welche Leerstellen sich auf einmal in Old Filth Geschichte auftun, die er nicht erwähnt hat oder nicht erwähnen konnte.

Dachte ich nach dem ersten Band noch, dass Betty fürchterlich mit ihrem Ehemann umgeht und einfach kein Herz hat, könnte ich das Gleiche für Old Filth im zweiten Teil sagen. Beide Figuren haben schwere Schicksalsschläge zu verarbeiten und bleiben damit, trotz ihrer Ehe, sehr alleine.

Ich finde es faszinierend, dass Gardam so spielerisch mit unseren Meinungen und Urteilen umgeht. Der Roman macht unglaublich viel Spaß zu lesen. Kleine ironische Seitenhiebe durch den Erzähler und eine liebevolle Charakterzeichnung machen Gardams Stil aus und sorgen für ausgezeichnete Unterhaltung. Trotzdem bleibt die Grundaussage tragisch. Die Kinder des Empire sind für ihr Leben geprägt. Das Glück aller Beteiligten wird bestimmt von Etiketten, standesgemäßen Traditionen und dadurch so vielen kleinen Unfreiheiten, die Betty noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise treffen als ihren Mann. Ich frage mich, ob irgendeiner der Beteiligten wirklich glücklich werden kann mit den Traumatisierungen und der Einsamkeit, die sie alle mit sich herumtragen. Und auch wenn ich Old Filth im ersten Teil doch sympathisch fand, beginne ich mittlerweile daran zu zweifeln, dass die Ehe der beiden irgendwann einmal für Glücksgefühle gesorgt hat. Die beiden passen eigentlich nicht zusammen und das zeigt sich schon an der Art und Weise wie Filth um Bettys Hand anhält. Denn Betty ist eigentlich auch ganz anders.

Ich bin wahnsinnig gespannt, wie es im dritten Teil weiter geht. Welche Geheimnisse, Intrigen oder versteckte Seiten dieser drei Charaktere noch offenbart werden. Und ich freue mich darauf, Veneerings Sicht der Dinge zu lesen.

Jane Gardam: Eine treue Frau. Hanser Berlin 2016. 272 Seiten.