Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Sophie hat ihren Job verloren, kein Geld mehr, hockt in ihrer Wohnung und fängt an zu schreiben, zum Beispiel darüber, wie sie ihre geliebten Bücher in einem Second-Hand-Buchladen verscherbelt. Als der Teufel aus dem Badezimmer kam ist ein witziges Buch über eine unerschrockene Poetin, die ihre ganze Kreativität in die Waagschale wirft, um nicht (finanziell) unterzugehen.

Am Anfang steht eine Zahl: 17,70 bleiben Sophie noch bis zum Ende des Monats. Sie hat sich verkalkuliert. Als Schriftstellerin ist sie ohnehin knapp bei Kasse und der Wärmestrahler, den sie über den Winter aufgestellt hat, beschert ihr im Frühjahr eine hohe Stromrechnung, die fast ihre gesamte Sozialhilfe auffrisst. Permanent sitzt ihr der Teufel im Nacken, der sie in ihrer Wohnung besucht und sie verführen will, ihre wertvollen verbleibenden Euros auszugeben. Das klingt in erster Linie nach einer ziemlich dramatischen Situation, aber Sophie gibt nicht auf und schreibt stattdessen einen Roman, in dem sich die Realität endlich einmal (!) der Fantasie unterordnen muss. Ihre finanzielle Zwangslage ist zwar der Ausgangspunkt des Romans, aber durch ein Feuerwerk absurder Ideen, wirkt die Geschichte in erster Linie weder tragisch, noch traurig, sondern ist unglaublich witzig und mit einem guten Gespür für subtile Gesellschaftskritik geschrieben.

Der Arme Poet

Schon 1839 hatten es Künstler*innen nicht leicht, wie Carl Spitzweg auf seinem Bild „Der arme Poet“ ziemlich einleuchtend darstellt. Es regnet durch die Decke, die wenigen verbliebenen Bücher sind um das Bett versammelt und der arme Poet trägt eine Mütze, wahrscheinlich weil es ihm sonst in seinem Zimmer zu kalt ist. Sophie geht es ähnlich, allerdings schlägt sie sich mit den Phänomenen der Gegenwart herum. Sie lehnt es ab, ihre Mutter oder ihre Brüder in ihre finanzielle Notlage einzuweihen. Vor ihrer Familie kann sie schon gar nicht zugeben, dass sie mit Ende 30 immer noch keinen Job hat und ihre Karriere als Schriftstellerin nicht in die Gänge kommt. In dieser Situation hilft es wenig, dass immer wieder die Kommentare ihrer Mutter in ihren Gedanken auftauchen.

„Ach, Kind!“, kraquäkte meine Mutter, „ich hatte ja keine Ahnung, dass du so arm bist. Um das zu erfahren, muss ich also deine Bücher lesen … Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugelassen, dass du diese verflixte Literatur zu deinem Beruf machst.“ (S.17)

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Sophie Divrys Roman ist nicht nur so genial gut, weil es um eine Frau geht, die ihr Leben radikal dem Erfolg ihrer Kunst unterordnet. Divry thematisiert Phänomene der Gegenwart, die aktuell sind und jede_n treffen können: die absurden Forderungen der Arbeitsagentur, in der Sophie bald nur noch verwaltet wird; der Versuch, jeglichen Besitz (selbst Lieblingsbücher) noch irgendwie zu Geld zu machen und gleichzeitig das Gefühl, zu den Ausgeschlossenen und gesellschaftlich Abgestiegenen zu gehören. Ein Gefühl, das Sophie noch mehr quält, als der ständige Hunger.

 

 

 

Sobald einem die geringste Idee kommt, kann man sie sich schon nicht mehr leisten. Es fällt uns normalerweise nicht auf, aber letztendlich ist jede Handlung mit einer Ausgabe verbunden. Wer spazieren geht, steigert seinen Appetit. Wer sich mit Freunden trifft, muss unter Umständen einen ausgeben. Dabei braucht man gerade, wenn man knapp bei Kasse ist, Ablenkung und Unterhaltung. Es ist eine Trotzreaktion, ein rebellischer Instinkt, der einem zuflüstert: Wenn schon keine Arbeit, dann wenigstens Spaß… (S.27)

Abgesehen davon, dass ich selten einen so ehrlichen und authentischen Roman gelesen habe, wartet Divry mit einer Menge komischen und witzigen Ideen auf, die sich als künstlerische Rettungsanker erweisen. Da wehrt sich der Toaster mit Händen und Füßen dagegen, bei Ebay versteigert zu werden („Wie kannst du so grausam mich opfern? Warum mich morden, was hab ich getan? Mit welchem Recht, wer hat’s dir befohlen?“ (S.83)), ihr ebenfalls arbeitsloser Musikerfreund Hector hat eine Affäre, die Sophie bis ins Detail ausschmückt, denn Sex sells und irgendjemand muss ihr Buch ja kaufen, es werden die drei Schritte einer „effektiven Andiedeckestarrung“ vorgestellt und irgendwann kippt das Schriftbild in Richtung konkrete Poesie. Obwohl Thea Dorn ein ganz anderes Thema  verhandelt, fühlte ich mich allein durch den spielerischen und kreativen Umgang mit Sprache an ihren Roman Die Unsterblichen erinnert. Zudem besteht der Roman aus drei Teilen, denen jeweils unterschiedliche Motti vorangestellt sind, die an Texte aus dem Barock erinnern und zusammenfassen, was die Heldin als nächstes erleben wird. Das macht unglaublich viel Spaß und ist gleichzeitig sehr authentisch und treffend beschrieben.

Meine Familie hatte keine Ahnung, dass Arbeitslosigkeit nicht zu Beginn am schlimmsten ist. Am schlimmsten ist sie, wenn man sich genau diese Vorstellung zu eigen macht – dass nichts Neues mehr passieren wird, von meiner Rückstufung als Sozialleistungsempfängerin abgesehen. Diese Etappe, die erst lange meiner Entlassung erfolgte, blieb von meiner Familie unbemerkt. (S.130)

Zum Ende hin, können die vielen sprachlichen Experimente allerdings auch ein wenig ermüden. Zum Glück triumphiert die Kunst über die Arbeitslosigkeit, das ist wahrscheinlich das Schönste an diesem Roman. Und weil ich die Widmung so mag, erwähne ich sie hier auch noch schnell: „Dieses Buch widme ich den Unproduktiven, den Kindern, den Ausgehungerten, den Träumern, den Nudelessern und ,Niedergeschlagenen'“ – ich muss ehrlich sein, bereits auf der ersten Seite, hat Sophie Devry da bei mir einen Nerv getroffen. Vielleicht wegen der träumenden Nudelesser, ich weiß es nicht. Vor Kurzem hat Mareike über französische Badass-Schriftstellerinnen geschrieben, Sophie Divry gehört auf jeden Fall dazu.

Sophie Divry – Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczy. Ullstein 2017.

Ich habe den Roman auf vorablesen.de gewonnen, vielen Dank.

 

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Ein Gentleman in Moskau

Ein Gentleman in Moskau

Moskau, 1922. Graf Rostov wird vom Revolutionskomitee zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem besten Hotel am Platz. Und das ist sein Glück. Fast wäre er hingerichtet worden, aber ein Gedicht, das er mehrere Jahre zuvor veröffentlicht hat, rettet ihm das Leben.  Das Komitee einigt sich darauf, dass der einst so hellsichtige Geist des Grafen im Kontakt mit der adligen Klasse moralisch korrumpiert wurde. Das kann passieren und soll natürlich laut Komitee angemessen bestraft werden – aber glücklicherweise nicht mit dem Tod.

Der Graf darf nur das Hotel nicht mehr verlassen. Das ist die Ausgangslage für Amor Towles und der Beginn einer ungewöhnlich feinsinnigen Erzählung über das Leben in Gefangenschaft. Genauer gesagt,  in einer jahrzehntelangen Gefangenschaft in einem geschichtsträchtigen Haus, das sich ebenfalls im Wandel der Zeit befindet.

Graf Rostov ist niemand, der unter der Situation leidet oder anfängt, Trübsal zu blasen. Getreu seinem Motto: „Wenn man nicht Herr über seine Umstände ist, so werden die Umstände Herr über einen selbst“, beginnt sich der Graf in seiner Gefangenschaft einzurichten. Er lässt sich durch nichts in seiner Höflichkeit oder seinem Optimismus erschüttern. Von seiner Suite zieht er in eine Dachkammer im obersten Stock, die Hälfte seiner Möbel muss er zurücklassen und noch nicht einmal alle seine Bücher passen in sein neues Zimmer. Aber der Graf bleibt pragmatisch. Wenn er das Hotel nicht mehr verlassen kann, versucht er sich eben den Essays von Michel de Montaigne. Wann hat man schon Zeit dafür, einfach mal zu lesen?

Es war sicherlich zehn Jahre her, dass der Graf sich vorgenommen hatte, dieses in allen Landen gelobte und von seinem Vater hochgeschätzte Werk zu lesen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Finger auf  den Kalender gezeigt und erklärt hatte: Diesen Monat widme ich mich den Essays von Michael de Montaigne, hatte das Leben mit einer teuflischen Verlockung gewirkt. Sei es, dass unerwartet ein Liebesinteresse aufgekommen war, an dem er guten Gewissens nicht vorbeigehen konnte, oder dass sein Bankier angerufen hatte oder dass der Zirkus in die Stadt gekommen war. Das Leben hatte seine Verlockungen, fürwahr. Doch hier waren die Umstände endlich derart, dass sie den Grafen nicht ablenken, sondern ihm im Gegenteil Zeit und Muße schenken würden, so dass er sich dem ganzen Buch widmen konnte. (S.35)

Amor Towles hätte eine unendlich langweile Geschichte geschrieben, wenn es nur um den lesenden Grafen gehen würde. Stattdessen beginnt der Graf bald das Hotel mit anderen Augen zu sehen. Das liegt unter anderem auch an einem besonderen Hotelgast. Die neunjährige Nina schließt Freundschaft mit dem Grafen und zeigt ihm alle geheimen Gänge und Ecken, von denen der Graf noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.

Immer wieder sind es kleine Begegnungen, die dem Grafen neue Lebensqualität versprechen. Als der Graf beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er die Situation nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aushält, entdeckt er, dass einer der Hausmeister auf dem Dach des Hotels eine Imkerei betreibt. Ein Honigbrot rettet den Abend und der Graf hat einen neuen Freund gefunden.

 Im Laufe der Zeit, gelingt es Graf Rostov, viele wichtige Personen ins Hotel zu manövrieren und mit ihnen Kontakt zu halten: seinen besten Freund Michail, ein Schriftsteller, der anfänglich noch an die sozialistische Revolution glaubt, wichtige Leute vom Geheimdienst, eine berühmte Schauspielerin. Der Graf lässt alle ins Hotel kommen. Als Rostov die Gelegenheit bekommt, als Aushilfskellner einzuspringen, sagt er nicht nein. Wenigstens hat er so das Gefühl, dass er ein bisschen für Ordnung sorgen kann, wenn ihm sonst nur der Blick aus dem Fenster bleibt und das gesellschaftliche Leben an ihm vorbeirauscht.

Aber es ist nicht seine Position als Kellner, die den Grafen für immer verändern wird. Es ist eine neue Rolle, die der Gentleman und Lebemann sich nie hätte träumen lassen. Jahre später kehrt Nina ins Hotel zurück. Sie ist mittlerweile Mutter geworden und überlässt ihre Tochter Sofia der Obhut des Grafen, der immer noch nicht das Metropol verlassen darf. Nina kann sich keinen besseren und sicheren Platz für das Mädchen vorstellen. Der Graf hat mittlerweile viele Freunde gefunden, die Näherin Marina, den Koch Emile, den Kellner Andrei. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und versuchen politische Verstrickungen so gut es geht außerhalb des Hotels zu lassen. Aber das ist mit einem unter Hausarrest stehenden Grafen natürlich nicht so einfach. Gemeinsam versuchen sie Sofia eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Wenn auch eine Kindheit in einem goldenen Käfig. Aber für Sofia wächst der Graf über sich hinaus.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, nicht nur, weil Graf Rostov eine Figur mit sehr viel Haltung und Charme ist, auch weil der Roman meisterhaft geschrieben ist. Amor Towles hat eine Geschichte über Mut und Courage geschrieben und darüber, dass man nie aufgeben sollte, sondern viele Situationen mit stoischem Optimismus ertragen kann. Man muss nur auf den richtigen Moment warten – und der kommt bestimmt.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. List 2017.

Die Geschichte der Bienen

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.

Albert Einstein

Seit vielen Jahren wird bereits vor dem Bienensterben gewarnt. Erst letzte Woche hat Sarah Wiener, die vor allen Dingen als TV-Köchin bekannt ist, eine Petition gegen das Bienensterben gestartet. Und die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. 1990 gab es noch 1,1 Millionen Honigbienen in Deutschland, mittlerweile sind es noch 700 000 Bienen.

Die geschichte der bienenDie Norwegerin Maja Lunde  macht in ihrem internationalen Bestseller Die Geschichte der Bienen das Bienensterben und die Folgen für Mensch und Umwelt zum Thema. Aber es geht nicht nur um Bienen. Die Osloerin, die bereits zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher schrieb, erzählt die Geschichte von drei unterschiedlichen Menschen, die in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten leben und deren Schicksal durch die kleinen Insekten entscheidend mitbestimmt wird.

Zum einen gibt es den Samenhändler und Bienenforscher William Savage aus England. William hatte eigentlich vor, eine Karriere als Naturforscher zu beginnen. Aber sein Mentor glaubt nicht mehr an ihn und als Familienvater muss er dafür sorgen, dass seine Kinder und seine Frau einigermaßen versorgt sind. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, sein Laden läuft nicht, in der Forschung fühlt er sich verloren. Schwermütig liegt er tagelang im Bett und hofft wenigstens seinen ältesten Sohn Edward für eine naturwissenschaftliche Karriere erwärmen zu können. Aber Edward denkt nicht einmal daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Für den Vater überraschend, kann sich Williams Tochter Charlotte für die Forschung ihres Vaters begeistern. Gemeinsam basteln sie an einem Bienenstock, der es den Imkern erleichtern soll, den Honig zu ernten, ohne die Bienen zu gefährden. Die Bienen könnten stattdessen domestiziert werden, wie andere Nutztiere. William glaubt, am Höhepunkt seiner Forschung angekommen zu sein.

Ich fing mit Skizzen an, leichte Kohlestriche auf dem Papier, ungenauer Größenangaben, (…) und allmählich nahm er vor meinen Augen Form an, wurde deutlicher, die Striche wurden präziser, die Maße genauer. Und endlich, am 21. Tag, war der Bienenstock fertig.

Dann gibt es den Imker George, der in Ohio daran arbeitet, seinen Hof zu vergrößern. Wie viele seiner Kolleg*innen reist er mit seinen Bienen durch das Land, damit sie die Blüten bestäuben. Anders als seine Kolleg*innen versucht George alles, damit sich die Bienen wohl fühlen, damit sie nicht gestresst sind. Irgendwann soll sein Sohn die Farm und die Bienenstöcke übernehmen. Aber Tom hat kein Interesse an den Bienen, sondern möchte Journalist werden. Der Schock ist groß, als George zu den ersten Farmer*innen gehört, die 2007 vom Colony Collapse Disorder bedroht sind, einem spontanen Bienensterben, das viele Imker überraschend traf. Georges Existenz steht vor dem Aus – soll er weitermachen oder die Imkerei aufgeben?

Eine der spannendsten und eindrücklichsten Figuren ist die Arbeiterin Tao. Sie lebt im Jahr 2098 in China und bestäubt Blüten mit der Hand, weil es mittlerweile kaum noch Bienen oder andere Insekten auf der Welt gibt.

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, sowie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Bei einem Ausflug mit ihrem Mann Kuon und ihrem Sohn Wei-Wen kommt es zu einem Zwischenfall. Ihr Sohn wird nach Peking in ein Krankenhaus gebracht, aber niemand erklärt den Eltern, was passiert ist. Tao fährt nach Peking – in eine Stadt, die aufgrund der Nahrungsmittelknappheit fast ausgestorben ist und versucht ihren Sohn zu finden.

In jeder Episode, die um die Hauptfiguren William, George und Tao kreist, geht es um das Verhältnis der Menschen zu den Bienen. Maja Lunde zeigt anhand ihrer unterschiedlichen Figuren, welche Folgen das Bienensterben haben kann und in der Episode um Tao auch die globalen Folgen dieser Katastrophe. Das ist ein spannender Aspekt, der besonders in Taos Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Aber es werden nicht nur bestehende Probleme fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. In allen drei Episoden spielen auch immer wieder Familien und  die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der Bienen ist thematisch aktueller, als sicherlich die meisten von uns denken. Ich habe vor Kurzem den Dokumentarfilm More than Honey auf Netflix gesehen, den Maja Lunde auch als Inspirationsquelle im Nachwort nennt. Insofern ist es wirklich grandios, wie gekonnt Maja Lunde dieses wichtige Thema aufgreift. Ansonsten ist der Roman sehr klassisch konstruiert, es gibt keine Überraschungen, die sich irgendwo verbergen, keine doppelten Böden, keine ungeklärten Fragen, Formulierungen oder Wendungen, die einer besonderen Interpretation bedürfen.

Die Geschichte der Bienen ist eine unterhaltsame, spannende und wirklich gut gemachte Familiengeschichte, in der das Leben und Sterben der Bienen das verbindende Element zwischen ganz unterschiedlichen Figuren ist. Für mich ist Die Geschichte der Bienen ein Sommer-, Strand- und Urlaubsbuch, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2017. 508 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

„Buch-Date“ – Kinder der Hoffnung

Was ist noch gleich ein „Buchdate„? Beim Buchdate, initiiert von Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram, geht es darum, ein Buch empfohlen zu bekommen und Bücher zu empfehlen. Nialebt hat mir Bücher empfohlen und ich habe ihr Bücher empfohlen. Ich habe mich für Kinder der Hoffnung von Marc Levy entschieden.

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Marc Levy erzählt in Kinder der Hoffnung die Geschichte einer Gruppe französischer Jugendlicher, die sich in den 1940er Jahren der Résistance anschließen und gegen die deutschen Besatzer und die mit den Deutschen kollaborierende französische Miliz kämpfen. Marc Levy erzählt eine sehr persönliche Geschichte, denn es ist die Geschichte seines Vaters, der den Holocaust überlebte. Die Handlung spielt in Toulouse, das bis 1942 in der sogenannten „zone libre“ lag. Der Ich-Erzähler, der sich in der Widerstandsgruppe Jeannot nennt und sein jüngerer Bruder Claude, wollen natürlich bei den Aktionen der Résistance dabei sein. Anfänglich noch voll jugendlichem Idealismus, merken sie erst nach und nach, in welche Gefahr sie sich begeben. Es beginnt mit Flugblätteraktionen und das Leben im Widerstand ist ein faszinierendes Spiel. Die Jugendlichen lehnen den vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Besatzern ab. Doch dabei bleibt es nicht. Die Jugendlichen politisieren sich schnell, denn die Reaktionen auf ihre anfänglich so spielerische Rebellion lassen nicht lange auf sich warten.

Als er an diesem Abend nach Hause kommt, kann Caussat nicht ahnen, dass er drei Tage später denunziert und verhaftet sein und zwei Jahre in den Kerkern der Zentrale in Nîmes verbringen wird. Delacourt weiß nicht, dass er in wenigen Monaten von der französischen Polizei in einer Kirche von Agen, in die er sich geflüchtet hat, zu Tode geprügelt wird. Clouet ahnt nicht, dass er in einem Jahr in Lyon erschossen wird. […] Du siehst, für die Freunde hat alles wie ein Kinderspiel angefangen, ein Spiel von Kindern, die nicht die Zeit hatten, erwachsen zu werden. (S. 20)

Die Résistancegruppe, der sich Claude und Jeannot angeschlossen haben, beschließt, radikaler vorzugehen. Sie legen Bomben in Verwaltungsgebäude der Miliz, sie töten einen deutschen Offizier für jeden ermordeten Kämpfer der Résistance, sie jagen Fabriken in die Luft und sie beschädigen Züge, die Kriegsmaterial an die Front bringen sollen. Und andere Jugendliche aus Spanien und Italien kommen dazu, die schon länger unter dem Faschismus ihrer Heimatländer leiden müssen. Als die Gruppe schließlich denunziert und verhaftet wird, werden viele von ihnen hingerichtet. Gerichtsverhandlungen sind ohnehin nur noch Farce, das Todesurteil ist schon geschrieben. Die Überlebenden sollen nach Dachau transportiert werden, weil die Alliierten näher rücken. Nur wenige überleben den Transport. Als ein Freund im Sterben liegt, nimmt Jeannot ihm das Versprechen ab, eines Tages die Geschichte der Widerstandsgruppe zu erzählen. Sie darf nicht in Vergessenheit geraten.

Marc Levy hat ein erschütterndes Buch geschrieben. Und trotzdem liest es sich so leicht und locker wie ein spannender Abenteuerroman. Das ist zumindest irritierend. Doch mit dieser Irritation spielt Levy. Es finden sich lustige Szenen in seinem Text, es geht um jugendliche Trotzphasen, erstes Verliebt-Sein, Freundschaft und gleichzeitig werden die Schrecken des Krieges nicht vergessen.

„Der Krieg war nie wie im Film, das kannst du mir glauben. Keiner meiner Kameraden hatte etwas von einem Robert Mitchum, und wenn Odette auch nur ansatzweise Beine wie Lauren Bacall gehabt hätte, dann hätte ich sicher versucht, sie zu küssen, statt wie ein Idiot vor dem Kino zu zögern. Zumal sie am nächsten Tag an der Ecke Rue des Acacias von zwei Nazis erschossen wurde. Seither habe ich etwas gegen Akazien.“ (S.21)

Trotzdem liest sich das Buch  wie eine gelungene Verfilmung und ist genau so emotional erzählt. Das war für mich gewöhnungsbedürftig und macht doch den Reiz dieses Romans aus, in dem erlebte Grausamkeiten irgendwann zur Normalität und Lebensrealität der Jugendlichen werden. Da vergisst man leicht, dass die jüngsten Widerstandskämpfer gerade sechzehn Jahre alt waren und die meisten von ihnen gestorben sind. Marc Levy ist es gelungen, ein Buch zu schreiben, das sehr unterhaltsam ist und gleichzeitig den Zweiten Weltkrieg nah in unsere Gegenwart holt, in dem er die Jugendlichen beschreibt, die keine anderen Träume oder Wünsche zu haben scheinen, als Jugendliche heute. Das gefällt mir sehr. Dass die Résistance und das Leben im besetzten Frankreich ansonsten – abgesehen von Abenteuerfaktor und konspirativen Treffen – wenig detailliert beschrieben wird, ist dann nur noch ein kleines Manko des Romans.

Marco Levy – Kinder der Hoffnung.

Aus dem Französischen von Bettina Runge und Eliane Hagedorn.  Knaur 2008.

ISBN: 978-3-426-66301-1

Harte Matches & Poserprosa – Hool

Die neue deutsche Literatur ist hart, Gewaltdarstellungen sind irgendwie ästhetisch schön und dann hauen sich Hooligans auf die Nase und wilde Tiere tauchen auf. Noch vor der Veröffentlichung landete Hool von Philipp Winkler auf der Longlist und dann auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ein erfolgreiches Debüt also, das für mich allerdings nicht ganz aufgeht.

Hool ist ein unglaublich harter Roman, der sich um das Leben von Heiko Kolbe und seinen Jungs dreht. Heiko ist Fan von Hannover 96 und wenn er sich mit seinen Jungs trifft, dann gibt es ordentlich was auf die Mütze. Heiko ist ein Hooligan und gehört zu der Gruppe sympathischer Zeitgenossen, die sich in ihrer Freizeit mit verfeindeten Hooligans, also gewalttätiger Fans anderer Vereine, treffen, um sich gegenseitig auf die Nase zu hauen. Es geht um Blut und Schweiß und Kampf und wenn Heiko gerade nicht andere Leute verhaut, jobbt er im Boxclub oder sitzt in der trostlosen Kneipe „Timpen“, um sich mit anderen verkrachten Existenzen auszutauschen. Das Gymnasium hat er abgebrochen.hool-1

Für Heiko gibt es nur das nächste Match und den Wunsch, endlich mal wieder was richtig großes an den Start zu bekommen, der Nachwelt ein Zeichen zu hinterlassen. Heiko ist ziemlich wütend, aber das kommt ja auch irgendwo her. Seine Mutter ist eines Tages sang- und klanglos aus der Wohnung der Familie verschwunden und hat die Kinder bei ihrem Mann gelassen. Der Alkoholiker hat sich daraufhin eine philippinische Frau aus dem Urlaub mitgebracht, die auch gleich als Ersatzmutter vorgestellt wird. Keine einfache Ausgangslage. Heikos Schwester ist die einzige, die den sozialen Aufstieg geschafft hat. Heikos Exfreundin nimmt zu viel Heroin. Und man ahnt es schon, der Junge hat eigentlich keinen schlechten Kern, aber sucht sich leider die falschen Freunde aus. Heiko verbringt seine Zeit beim Bodybuilding und bei den Matches und schimpft auf „Homos“ und „Flachwichser“. Sind nämlich alles keine echten Männer, zumindest nicht in Heikos Hooligan-Fußballwelt. Da werden noch eine vielbeschworene Härte und geheime Rituale gefeiert. Rechts ist Heiko nicht, er will die Politik aus dem Sport raus halten.  Aber das sehen nicht alle so.

Natürlich springen die Hools als Ersatzfamilie ein. Ulf, Kai, Axel und Jojo sind Heikos Familie, sie stehen zusammen für Hannover 69. Doch man wird älter. Die Jungs werden ruhiger, wollen sich aus der Szene zurück ziehen. Die eigene Familie, eine schwere Verletzung nach einer Schlägerei – es gibt viele Gründe. Heiko kann damit nicht umgehen. Ohne den Männerbund der Hools und die Fußball- und Matchrituale steht er vor dem Nichts.

„Du hast deine Familie, dein Haus, deinen scheißweißen Gartenzaun. Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt.“ (S.234)

Heiko zieht zu Armin, einem verwahrlosten Zeitgenossen, der in seiner Freizeit Hundekämpfe veranstaltet und dessen Lebenstraum es ist, einen eigenen Tiger zu halten.

Und spätestens hier, muss ich mich fragen, warum in nahezu jeder dritten Rezension zu Hool, hymnisch das „Authentische“ und „Echte“ dieser Geschichte beschrien wird. Ich weiß ja nicht, wo und wie ihr lebt. Aber Tiger im Garten zu halten, hat für mich nun mal wirklich nichts Echtes. Vielleicht wird das A-Wort so dringlich bemüht, weil  Hool eine Geschichte von „ganz unten“ ist, über kaputte Familien, Gewalt und Szenezugehörigkeit als einzigen Ausweg aus dem trüben Alltagsgrau. Auch das steckt im Text. Dabei ist Heiko keines Falls der stumpfe Gewaltmensch, der er vorgibt, bei den Matches zu sein.

Wenn es um die Schlägereien der Hooligans geht, überschlägt sich der Text. Der parataktische Stil sorgt für Tempo und Action und eine anfängliche Schnelligkeit, die sich leider nicht durch den ganzen Text zieht. Hat man einmal das erste Match hinter sich gelassen, wird alles sehr viel ruhiger erzählt.

Ein letzter Aufschrei. Der Wald verstummt. Dann prallen Körper aufeinander. Fäuste und Beine werden geschwungen. Ein Kölner vor mir. Ne Faust kommt mir entgegen. Ich nehm den Schwung mit. Tauche unterm Schlag durch. Werf mich gegen ihn. Er fällt nicht, zu stabil der Ficker. Ist am Prusten. Um mich herum fliegen sie vorbei. Verhakt. Verkantet. Im Schwitzkasten. Schlagend. (S.15)

Für mich sind die besten und tollsten Szenen von Hool, neben den Matches, alle, die im Zusammenhang mit Arnims Tigeraktion steht. In dem Moment, wo dieser schräge Kerl auftaucht, schlägt der Text von einer poetisch überformten Sozialstudie in eine andere Richtung um. Heiko und Arnim haben sich gefunden, wenn auch ihre Freundschaft nicht komplikationsfrei abläuft. Sie  sind sich auf unheimliche Weise ähnlich. Arnims Faszination für das Wilde, Animalische, Unkontrollierte, entspricht Heikos Wunsch nach dem echten Leben, der echten Faust im Gesicht. Ein zurück zu Natur und einem mystifizierten Urzustand, das archaisch anmutet und gleichzeitig rasant komisch erzählt wird.   Niedersachsen ist, nimmt man alle Szenen aus dem Roman zusammen, zwar ein unglaublich deprimierendes Stück Erde – aber Träumer wie Arnim sorgen wenigstens für Abwechslung. Arnim zwar eine sehr große Schraube locker, aber er glaubt noch an die guten Dinge im Leben. Das sind für ihn die Natur und wilde Tiere.

Neben dem Tiger, gibt es auch noch einen Geier, der Siegfried heißt. Und Siegfried, dieser riese Vogel, hockt tagein und tagaus auf einem Sessel und wartet. Als Heiko ihm ein Fenster öffnet, schafft er es nicht, wegzufliegen. Die Szene geht ans Herz und steht für so vieles in dieser Geschichte. Für Heikos verkorkste Existenz, für sein Gefangen-Sein in diesem Leben. Ein wütender, abgehängter, junger Mannes. Klasse Thema, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt bisher einen deutschsprachigen Roman über Hooligans und ihre Motivation sich für die Szene zu engagieren, gegeben hat. Ich glaube nicht.

Trotzdem gibt es einfach einige Sätze, bei denen ich unwillkürlich lachen muss und nicht, weil es gerade um Arnims Tigereskapaden geht. Ich muss lachen, weil Hool auch aus Poserprosa besteht, die vielleicht nur jemand schreiben kann, der gerade ganz viel Authentizität eimerweise auf’s Papier kippen will. Das hakt an einigen Stellen ein wenig.

„Selbst an trüben Tagen kann man meistens noch bis zum Kaliberg sehen, der je nach Wetter anders aussieht. Mal weiß wie Pommessalz, mal grau wie Beton.“ (S.29)

„Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte.“ (S.174)

„Die Nässe kriecht mir wie eine sexuelle Belästigung unter die Klamotten.“ (S.151)

Eigentlich mag ich den Pommessalzsatz. Aber ich traue harte-Schale-weicher-Kern-Heiko nicht zu, dass er auf einmal Pommessalz als Referenzgröße für klimatische Veränderungen wählt. Dafür muss man vielleicht anders denken als Heiko, der sich gerne haut. Das sind meine Unterstellungen gegenüber dieser komplexen Figur, die keinesfalls ein stereotyper Schläger ist. Heiko ist auch ein Kümmerer, aber besonders schlau oder sprachlich versiert erscheint er eben nicht. Das sind Kleinigkeiten, aber sie bringen mich ein bisschen aus dem Leseflow. Und dass Heiko dauernd nach „Zichten“ fragt und seine Schwester als alte „Schrappnelle“ bezeichnet, ist dann auch ziemlich lustig. Aber wie gesagt, das sind Kleinigkeiten.

Hool ist ein tolles Debüt, aber nicht so rund, wie ich es anfänglich gedacht habe. Weniger Poserprosa und mehr von Arnim, diesem gruselig-schrägen Tierliebhaber, das hätte mir ein bisschen besser gefallen. Trotzdem lohnt es sich, Hool zu lesen. Besonders wegen Arnim, Siegfried und dem „Tijer“.

Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag 2016.

ISBN: 978-3-351-03645-4

[Rezension] Krisenstimmung – Die Gesichter der Wahrheit

Bis 2007 wuchs der „keltische Tiger“ jedes Jahr. Doch die Finanzkrise traf Irland ziemlich hart. In Donal Ryans neuem Roman kommen 21 Menschen zu Wort, die mit der großen Politik eigentlich wenig am Hut haben. Sie beschreiben ihre Hoffnungen, Wünsche, Träume in diesen schwierigen Zeiten – und am Ende geht es um Entführung und Mord.die-gesichter-der-wahrheit-9783257069631

Pokey Burke ist für alles verantwortlich. Der ehemalige Chef der örtlichen Baufirma hat sich einfach aus dem Staub gemacht und die Bewohner*innen seines Heimatortes mit unfertigen Häusern und unbezahlten Gehältern zurückgelassen. Die Stimmung kocht schnell hoch in dieser kleinen Stadt und jeder der Akteur*innen hat eine etwas andere Sicht der Dinge. Doch dabei bleibt es nicht. Der drohende soziale Abstieg schlägt in Angst um und in Hoffnungslosigkeit.

„Ich habe gestern den ganzen Tag darüber nachgedacht, meinen Vater umzubringen. Es gibt Mittel und Wege, einen Mann umzubringen, ohne dass es nach Mord aussieht, besonders einen alten, gebrechlichen. Es wäre sowieso kein Mord, ich würde der Natur nur ein bisschen auf die Sprünge helfen. Es ist die pure Bosheit, die ihn am Leben hält.“ (S.14)

Da gibt es Bobby, der jeden Tag seinen alkoholabhängigen Vater besucht, nur um zu sehen, ob dieser noch lebt. Oder eben aus anderen Gründen.  Es gibt Bobbys Frau Triona, der alle irgendwann die Schuld geben. Und es gibt Frank, Bobbys Vater, der am Ende wirklich gar nichts für das ganze Schlamassel kann. Und obwohl es Probleme zwischen Vater und Sohn gibt, sind sich beide auch unglaublich ähnlich. Aber das merken die Leser*innen dann doch relativ spät. Ein Kind verschwindet, ein anderes Kind ist früher schon einmal verschwunden. Es kommen die örtliche Prostituierte zu Wort und  Leiharbeiter aus anderen Ländern, die von Pokey Burke über den Tisch gezogen wurden. Das ganze Dorf ist betroffen – und trotzdem werden schnell Gräben gezogen.

„Pokey Burke? Sie seufzte. Ich sah sie an und zuckte mit den Schultern. Sie verdrehte die Augen zur Decke. Dann lächelte sie mich an, aber es war ein Lächeln, das Tut-mir-Leid bedeutet. Ich verstand die Wörter nicht, die sie dann sagte, aber ihre Stimme war freundlich. Während die Frau auf ihren Computerbildschirm schaute, flüsterte Schornie hinter mir ganz laut: „Hey, Chef, sie sagt, dass es dich … gar .. nicht … gibt! Und alle Männer und Frauen in der Schlange lachten.“ (S.34)

Donal Ryan schreibt in einer schlichten, schnörkellosen, manchmal harten Sprache. Seine Protagonisten sind verzweifelt, wütend, hassen ihr Leben. Und sind irgendwo auch in ihren Möglichkeiten gefangen. Besonders die Figur Bobby ist interessant. Er gerät in eine Abwärtsspirale, die er kaum beeinflussen kann und es ist fast rührend, wie deutlich ihn seine Frau in einem späteren Kapitel verteidigt. So entdeckt man als Leser*in nach und nach ganz andere Seiten der Protagonist*innen, die sie in ihren eigenen Monologen verschwiegen haben oder nicht offenbaren wollten.Vom Aufbau her, erinnert der Roman an Marktplatz der Heimlichkeiten von Angelika Waldis. Ryan schafft dadurch eine atmosphärisch dichte Erzählung, die durch die Vielstimmigkeit seiner Protagonisten einen spannenden Blick auf ein Land in der Krise und auf einen schicksalhaften Abend wirft. Es ist der harte, unnachgiebige Sound dieses vielstimmigen Chores, der mich überzeugen konnte. Und es hat mich umso mehr gefreut, dass sich am Ende die anfänglichen losen Fäden zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen lassen.

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit. Diogenes 2016. 240 Seiten.

ISBN: 978-3-257-60718-5

[Rezension] Good Old Betty – Eine treue Frau

Diese Rezension behandelt den zweiten Teil einer großartigen Trilogie von Jane Gardam, deren Abschluss ich mittlerweile entgegenfiebere. Wenn ihr Teil 1 über Old Filth noch nicht kennt, solltet ihr lieber nicht weiter lesen.

Ein untadeliger Mann

 

Jane Gardams Trilogie macht süchtig, das vielleicht vorweg. Ich wollte nach Ende des ersten Teil sofort wissen, wie es weiter geht – Spoiler: denn bereits in Band 1 deutete sich zumindest an, dass Old Filth glaubt, seine Frau habe ihn mit seinem Erzrivalen Veneering  betrogen.

Gardams Schreibstil ist unglaublich elegant, sehr eloquent und ehrlicherweise lasse ich mich nur zu gerne von ihr in eine bestimmte Richtung manipulieren. Am Ende stellen sich viele Andeutungen oder Vermutungen als Fehlurteile heraus. Gleichzeitig bin ich wirklich überrascht über die vielen Details aus Bettys Leben von denen ihr Ehemann keine Ahnung hatte – oder die ihn nicht interessierten.

Betty ist eine beeindruckende Frau – das sage ich zumindest nach diesem zweiten Teil. Sie durfte keinen Beruf erlernen, denn das gehörte sich nicht für eine untadelige Frau ihres Standes. Als sie und Old Filth keine gemeinsamen Kinder bekommen können, bleibt ihr nur die Rolle der treusorgenden Ehefrau. Und das ist ihr einfach nicht genug. Gerade die Kinderlosigkeit ist für Betty eine große Belastung. Old Filth hat die Kinderlosigkeit im ersten Teil des Buches nie als störend erwähnt. Es ist unglaublich spannend, welche Leerstellen sich auf einmal in Old Filth Geschichte auftun, die er nicht erwähnt hat oder nicht erwähnen konnte.

Dachte ich nach dem ersten Band noch, dass Betty fürchterlich mit ihrem Ehemann umgeht und einfach kein Herz hat, könnte ich das Gleiche für Old Filth im zweiten Teil sagen. Beide Figuren haben schwere Schicksalsschläge zu verarbeiten und bleiben damit, trotz ihrer Ehe, sehr alleine.

Ich finde es faszinierend, dass Gardam so spielerisch mit unseren Meinungen und Urteilen umgeht. Der Roman macht unglaublich viel Spaß zu lesen. Kleine ironische Seitenhiebe durch den Erzähler und eine liebevolle Charakterzeichnung machen Gardams Stil aus und sorgen für ausgezeichnete Unterhaltung. Trotzdem bleibt die Grundaussage tragisch. Die Kinder des Empire sind für ihr Leben geprägt. Das Glück aller Beteiligten wird bestimmt von Etiketten, standesgemäßen Traditionen und dadurch so vielen kleinen Unfreiheiten, die Betty noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise treffen als ihren Mann. Ich frage mich, ob irgendeiner der Beteiligten wirklich glücklich werden kann mit den Traumatisierungen und der Einsamkeit, die sie alle mit sich herumtragen. Und auch wenn ich Old Filth im ersten Teil doch sympathisch fand, beginne ich mittlerweile daran zu zweifeln, dass die Ehe der beiden irgendwann einmal für Glücksgefühle gesorgt hat. Die beiden passen eigentlich nicht zusammen und das zeigt sich schon an der Art und Weise wie Filth um Bettys Hand anhält. Denn Betty ist eigentlich auch ganz anders.

Ich bin wahnsinnig gespannt, wie es im dritten Teil weiter geht. Welche Geheimnisse, Intrigen oder versteckte Seiten dieser drei Charaktere noch offenbart werden. Und ich freue mich darauf, Veneerings Sicht der Dinge zu lesen.

Jane Gardam: Eine treue Frau. Hanser Berlin 2016. 272 Seiten.