Eine Liebe, in Gedanken

 

„Eine hatte Freiheit gesucht.
Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt.
Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit.“

Eine Liebe in Gedanken (2)

Selten hat mich ein Buch so bewegt, wie der neue Roman von Kristine Bilkau. Das Thema ist nicht einfach: nach dem Tod der eigenen Mutter räumt die Erzählerin die Wohnung aus und findet alte Liebesbriefe. Sie entdeckt, dass ihre Mutter einen Freund gehabt hat, von dem sie nie erzählt hat und beginnt alte Tagebücher zu lesen, in denen ihre Mutter Antonia sich in Edgar verliebt. Die größte Liebe ihres Lebens.

„Toni“ ist verträumt, erwartet viel vom Leben, wünscht sich, nach Paris zu gehen und lernt Edgar kennen, der ihr diese Wünsche erfüllen kann. In einer Zeit, als junge Singlefrauen noch argwöhnisch von Vermieterinnen beäugt wurden und Antonia beim Frauenarzt vergeblich darum bittet, die Pille verschrieben zu bekommen (erst ab 30 und für verheiratete Frauen*), findet die Liebe der beiden in Gedanken und Briefen statt und wird irgendwann doch sehr körperlich. Toni wird schwanger, entscheidet sich gegen das Kind und Edgar bekommt ein Jobangebot in Hongkong. Toni träumt vom Auswandern, aber Edgar wird sie nie ins Ausland nachholen. Und dann ist diese große Liebe auch schon wieder vorbei.

Mit den Tagebuchaufzeichnungen im Hinterkopf, begibt sich die Ich-Erzählerin auf die Suche nach Edgar.

Kristine Bilkau gelingt es meisterhaft ein Porträt einer Zeit zu zeichnen, in der zwar die moralische Strenge der 1950er gelockert wird, aber die sexuelle Befreiung der Frau reines Wunschdenken ist. Toni scheitert nicht nur an ihren großen Wünschen, sondern letztlich auch an gesellschaftlichen Erwartungen und man wird das Gefühl nicht los, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Umso erschreckender, welche Vorstellungen eines gelungenen Lebens noch bis vor einigen Jahren herrschten und wie vielen Erwartungen junge Frauen* zu entsprechen hatten.

Die Ich-Erzählerin arrangiert ein Treffen mit Edgar und kann dabei den Gedanken nicht abschütteln, dass dieser Mensch unter anderen Umständen ihr Vater geworden wäre. Wie anders hätte ihre Familie sein können? Mich haben viele Überlegungen unglaublich getroffen, als ich dieses schmale Buch innerhalb weniger Tage gelesen habe. Und während die junge Toni so voller Träume und Hoffnungen ist, ist es umso tragischer zu lesen, dass sich die wenigsten Dinge erfüllen werden, die sie sich im Leben wünscht.

„Ich überlegt, wie ich das Leben meiner Mutter zusammenfassen konnte. Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wer sie als junge frau gewesen war, wer sie geworden war, doch es konnte ja immer nur ein Ausschnitt bleiben, Geschichten, von mir erdacht. Wie nah ich der Frau von damals und der Frau, die sie geworden war, hatte kommen können, das würde ich nie wissen.“

Bilkau erzählt nicht nur eine Geschichte über eine unglückliche Liebe, sondern auch über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, deren Intensität und Tiefe sich erst nach und nach entfaltet und die mich tief berührt hat. Erst nach dem Tod ihrer Mutter, gelingt es ihrer Tochter sie außerhalb ihres Familiengefüges als eigenen, ganz besonderen Menschen zu sehen, der sich sein Leben ganz anders vorgestellt hat. Auch viele Jahre nach dem Ende der Beziehung fährt Toni heimlich zum Haus von Edgars Eltern um zu sehen, ob er zu Besuch ist. Sie kann ihn nicht vergessen, wird nie sesshaft, führt ein chaotisches Leben. Ihre Tochter hat ihr dieses Chaos nie verzeihen können, aber versteht auch erst mit dem Tod der Mutter, dass sie die Chance vertan hat, nachzufragen, wie es wirklich damals gewesen ist. Ein Roman, den man nicht so schnell vergisst.

Kristine Bilkau – Eine Liebe, in Gedanken. Luchterhand 2018.

 

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei vorablesen.de gewonnen. Vielen Dank!

 

Hologrammatica

Weißt du, wer dein Gegenüber wirklich ist? Mit Hologrammatica hat Tom Hillenbrand einen spannenden und unterhaltsamen Science-Fiction-Thriller geschrieben, in dem auch schon mal philosophische Fragestellungen aufgeworfen werden.

Die Hauptfigur ist der Londoner Galahad Singh, der als Quästor (oder Privatdetektiv) arbeitet und sich am Ende des 21. Jahrhunderts darauf spezialisiert hat, verschwundene Menschen wieder zu finden. Davon gibt es immer mehr, denn der Klimawandel hat eine weltweite Völkerwanderungen ausgelöst. Wer genug Geld hat, verlässt die Erde und sucht sein Glück im All. Auch das ist kein Problem. Der Rest der Menschheit passt sich den Gegebenheiten an.

Hologrammatica

Zum Glück ist der technische Fortschritt mittlerweile so weit, dass niemand das Elend mehr sehen muss. Die Funktion „Holonet“, ermöglicht es, visuelle Filter über die Realität zu legen. Mehr Schein als Sein ist die Devise der neuen Gesellschaft, in der auch Galahad versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und genug Aufträge an  Land zu ziehen. Als Ermittler stehen ihm verschiedene technische Möglichkeiten zur Verfügung. Dank „Stripper Goggles“, einer Art Brillenvariante, kann er die Realität ohne Holofilter erkennen. Nicht nur Gebäude und Landschaften werden durch das Holonet auf Hochglanz poliert, auch Menschen können ihr Aussehen durch Holofilter verändern. Schöne neue Welt. Doch es gibt noch ganz andere Möglichkeiten. Die kommerziell erfolgreiche Technik des Mind Uploading ermöglicht es, seine eigene Identität in fremde Körper zu laden. Bei gefährlichen Berufen, beispielsweise beim Militär oder bei der Feuerwehr, durchaus sinnvoll. Der fremde Körper kann verwundet werden, während der eigene Körper irgendwo in einem safe space verwahrt wird. Verschwundene Menschen aufzuspüren wird durch diese Technik aber um einiges komplizierter.

„Wissen Sie, was das Ein-Körper-Problem ist?“

Ich nickte. „Ein Quant kann seinen Stammkörper nicht länger als einundzwanzig Tage verlassen. Sonst ist es aus.“

„Korrekt. Braincrash-Absturz des Cogits mit kompletter Zerstörung der Datenstruktur. Gleichzeitig erleidet das Gefäß einen letalen anaphylaktischen Schock.“

„Gefäß?“

„So nenne wir einen uploadfähigen Klon.“

„Komischer Begriff“, sage ich.

„Ist aus dem Korintherbrief. ‚Wir haben den Schatz in irdenen Gefäßen‘. Auf jeden Fall kommt das Cogit nicht dauerhaft ohne Stammkörper aus […].“ (S.35)

Singhs neuester Auftrag: Er soll die Computerexpertin Juliette Perotte aufspüren, die an einer Verschlüsselungstechnik für Cogits gearbeitet hat. Bald stellt sich heraus, dass Perotte in Kontakt mit einem geheimnisvollen und genialen Programmierer stand. Hat er Juliette gekidnappt? Oder hat die Verschwundene selbst ein zu riskantes Spiel gespielt? Perotte gehörte zu einer Gruppe von „Deathern“, Adrenalinjunkies, die ihre eigene Identität in fremde Gefäße laden und diese Körper dann auf unterschiedlichste Arten umbringen, um den Moment des Todes immer wieder in anderen Varianten zu erleben. Nachdem Singh erste Kontakte zu dieser Szene geknüpft hat, wird ihm noch etwas anderes klar. Er findet Hinweise darauf, dass sein vor Jahren verschwundener Bruder (und bevorzugte Erbe des väterlichen Imperiums) noch am Leben ist …

Tom Hillenbrand jongliert in seinem Roman ziemlich gekonnt mit Descartes, Klonen, künstlicher Intelligenz und Identitätsbegriffen, dass es eine wahre Freude ist. Das liegt vor allen Dingen auch an seinem sympathischen Hauptcharakter, der ein Namensvetter eines der treuen Gefährten von König Artus ist, und eben nicht der typischste Detektiv aller Zeiten (auch wenn er sich gerne in Bars herumtreibt). Singh liebt Jazz, spielt selbst Saxophon, hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater (aber findet im Gegensatz zu ihm vielleicht den heiligen Gral?), und ist schwul. Als ihm Francisco begegnet, ist er sich sicher, dass sein Singledasein wieder vorbei ist. Aber was, wenn Francisco nur eine Hülle ist? Ein Gefäß, in dem eigentlich jemand ganz anderes steckt? Gerade im Bezug auf das Thema Gender bietet der Roman viele spannende Denkanstöße. Kann Galahad Francisco auch lieben, wenn dieser eigentlich eine Frau ist? Oder spielen Genderfragen 2088 gar keine Rolle mehr?   

Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der atmosphärisch einen starken Kontrast zu Galahads Leben darstellt. Hier erinnern das Setting und Teile der Story an die Erfolgsserie Lost. Eine Frau findet sich auf einer einsamen Insel wieder. Sie bekommt eine Aufgabe, die sie erfüllen muss. Sie weiß, dass schon viele Frauen vor ihr da waren. Sie kann die Aufzeichnungen der anderen in einem Tagebuch lesen. Sie weiß auch, dass jede der Besucher*innen der Insel am Ende des Tages sterben wird…

Tom Hillenbrand hat einen rasanten Thriller geschrieben, der mich überzeugen konnte. Auch wenn ich mich an die sprachliche Gestaltung des Romans erst gewöhnen musste. Auch  einige Längen im Mittelteil werden durch ein actionreiches Ende wieder aufgefangen. Neben dem Fall um die verschwundene Programmiererin streift Hillenbrand auch große philosophische Themen: kann die Menschheit die Rettung der Welt in die Hände einer künstlichen Intelligenz legen? Sind die logischen Antworten einer Maschine auch  gerechter, weil sie emotionslos und ohne Eigeninteresse gefällt werden? Das offene Ende bietet Möglichkeiten für eine Fortsetzung. Ich wäre auf jeden Fall dabei. 

Tom Hillenbrand: Hologrammatica. Kiepenheuer & Witsch 2018.

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Wiesenstein

IMG_20180322_072826Gerhart Hauptmann, Nobelpreisträger und Autor von Werken wie Bahnwärter Thiel und Die Weber, verlässt gemeinsam mit seiner Frau Margarete und einem Stab von Dienstboten im März 1945 ein Sanatorium und fährt zurück in die Heimatvilla. Das Anwesen Wiesenstein liegt in Schlesien, im Riesengebirge. Die Hauptmanns planen ein luxuriöses Leben im Chaos des Krieges. Ein Schutzbrief des sowjetischen Kulturoffiziers Sekolow ermöglicht es Hauptmann Wiesenstein nach wie vor zu bewohnen. Als „Festung in Saus und Graus“, als „Schutzhülle {m]einer Seele“ steht die Burg wie ein uneinnehmbarer Ort in der Nähe von Görlitz. Ein Masseur, eine Zofe, ein Butler, ein Gärtner, eine Köchin und eine Sekretärin stehen bereit, um dem großen Schriftsteller und seiner Frau Margarete den Lebensabend so fürstlich wie möglich zu gestalten. Die Romanhandlung verlässt diesen Ort auch kaum, auf Wiesenstein entfaltet sich ein intensives Kammerspiel das die letzten Tage des Nobelpreisträgers umfasst.

Auf Wiesenstein, so hofft Hauptmann, kann er zur Ruhe kommen. Seine Bekanntheit reicht über die Landesgrenzen hinaus, seine Stücke haben ihn zum gefeierten Schriftsteller gemacht. Wegen seiner sozial engagierten Dramen ist er auch  zum Kriegsende hin bei den Russen und Polen sehr beliebt, auch wenn er sich nie gegen den Nationalsozialismus positioniert hat, sondern oft genau wusste, von wem er in welcher Situation profitieren konnte.

Klare politische Statements scheinen ihm ohnehin nicht sehr gelegen zu haben. Pleschinski zeigt einen Schriftsteller, der sich oft nicht entscheiden konnte und für den stets die Kunst höhere Priorität als das politische Alltagsgeschäft hatte. Das ist nicht unbedingt leicht zu lesen, wünscht man sich doch jemanden, der eine klare Haltung hat. Es ist oft nicht leicht zu entscheiden, ob Hauptmann senil oder arrogant oder vielleicht zu ängstlich ist, um sich anders zu verhalten. Oder vielleicht einfach mit einem riesen großen künstlerischen Eskapismus gesegnet, der ihn auch dunkle Zeiten überstehen ließ. Ein Schriftsteller, der vor dem Ersten Weltkrieg gefeiert und dem schon in der Nachkriegszeit seine Nähe zu den Nationalsozialisten auf die Füße fiel. Pleschinski geht hier den großen Fragen nach: Wie viel Nähe zu den Machthabern ist legitim? Wie sehr dürfen sich Künstler*innen von autoritären Regimen hofieren lassen um beispielsweise Freunde oder die eigenen Kinder zu schützen?

Auf Wiesenstein lädt Hauptmann standesgemäße zu Feiern und Kinoabenden als wären Friedenszeiten. Man lästert über die Schriftsteller im Exil oder amüsiert sich über Dr. Spitz – so nannte Hauptmann Thomas Mann. Mann wiederum soll darunter gelitten haben, dass er „nur“ Mann, der andere immerhin „Hauptmann“ war – im Zauberberg parodiert er den Schriftstellerkollegen in der Figur des Mynheer Peeperkorn. Sprachduktus und Stottern inklusive. Hauptmann wird ihm diese künstlerische Freiheit nicht verzeihen.

Manchmal schmeißt Hauptmann sich in seine Mönchskutte, die er aus Italien mitgebracht hat, zieht sich in sein Turmzimmer zurück und trinkt und schreibt die ganze Nacht (vieles ist wunderschön: „In jedem Mensch ruht ein Tanz“). Sein Personal, die Krankenschwester Maxa, seine Sekretärin Annie Pollak und sein Masseur Paul Metzkow passen sich dem Lebensrhythmus an, auch wenn in den Dörfern um Wiesenstein herum, Flüchtlingstrecks vorbeiziehen und die Angst vor den fremden Soldaten immer größer wird. Aus den verschiedenen Perspektiven der Bewohner wird das Leben auf Wiesenstein greifbarer, auch wenn Wiesenstein Schutz bietet, weiß niemand, was als nächstes passieren wird. Die Zeit scheint auf der Burg still zu stehen.

Völlig unvorhersehbar war der Masseur mittlerweile zum Lieblingsvorleser des Hausherrn aufgerückt. Was im Lande geschah, drang nur spärlich zum Wiesenstein durch. Der Wiesenstein schien tatsächlich Sicherheit zu gewähren. Lesen und Vorlesen überbrückte nicht nur die Zeit, es füllte sie sogar. Metzkow entwickelte sich zum Hauptmann-Kenner. Keiner seiner alten Bekannten, sofern sie noch lebten, würde das glauben.  (S.293)

Auch die Nachkriegszeit und die anschließenden Plünderungen werden umfassend dargestellt und zeigen gekonnt und schockierend die Folgen des Krieges auf. Gert Hauptmann stirbt am 6. Juni 1946, seine Frau kurz darauf. Hans Pleschinski schreibt sehr ausführlich über die letzten Tage im Hause Hauptmann. Viele Figuren sind historisch belegt und Pleschinski reichert den Roman mit vielen unbekannteren Originaltexten an, die der junge Masseur Metzkow zum ersten Mal liest. Das ist wirklich gelungen und macht neugierig auf andere Werke des Schriftstellers. Wenn allerdings Annie Pollak als Stichwortgeberin für Interpretationsansätze  von Hauptmanns unterschiedlichen Texten herhalten muss, wirkt der Text etwas schwerfällig.   Trotzdem konnte mich der Roman beeindrucken.

Hans Pleschinski – Wiesenstein. C.H. Beck 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei einer Leserunde von Lovelybooks gewonnen. Vielen Dank! 

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Literatur leuchtet

 

Der blinde Mörder

Laura Chase ist eine fantastische Autorin. Leider fuhr sie mit einem Auto von einer Brücke und verstarb mit Anfang 20. Ihr Roman „Der blinde Mörder“ wird zum Kultobjekt für Fans und ihrer Schwester Iris kommt die nicht ganz leichte Aufgabe zu, den Nachlass ihrer Schwester zu verwalten. Iris blickt nun mit Mitte 80 auf ihr Leben zurück und erinnert sich an die gemeinsame Kindheit mit ihrer Schwester. Iris hat nie an einen Unfall geglaubt, stattdessen geht sie davon aus, dass ihre Schwester Suizid begangen hat.

Der blinde MörderDas ist der Aufhänger einer Geschichte, die Margarete Atwood fantastisch konstruiert hat. Auf verschiedenen Ebenen wird die Geschichte der Schwestern erzählt. Iris blickt mit 80 Jahren zurück auf ihr Leben und gestaltet so die Rahmenhandlung der Erzählung. Außerdem geben Zeitungsartikel noch zusätzliche Hinweise über die Hintergründe der Lebensgeschichte der Schwestern. Zudem werden Teile eines Science-Fiction-Romans erzählt, den eine junge Frau geschrieben hat. Inspiration für diese Erzählungen war ihr Geliebter, der ihr nach jedem romantischen Treffen ein bisschen mehr aus dem Leben des blinden Mörders erzählte. Hierbei handelt es sich um eine unheimliche Groschenromanvariante, in deren Mittelpunkt eine Welt steht, in der Frauen keine Rechte haben und regelmäßig Jungfrauenopfer stattfinden. Ein erblindeter Teppichknüpfer, der zum Auftragsmörder ausgebildet wird, verliebt sich in diesem Durcheinander in eine Tempeldienerin, der – so ist es Tradition – die Zunge herausgeschnitten wurde. Sie kann nicht mehr sprechen, er ist erblindet, aber eben nicht verstummt. Der Auftragsmörder erzählt ihre Geschichte. So weit zur Konstruktion. Doch zurück zu Laura.

„Das Leben ist eine Tragödie, keineswegs nur ein einziger langer Schrei. Sie schließt alles ein, was zu ihr führte. Stunde um triviale Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, und dann der plötzliche Moment: der Messerstich, die explodierende Granate, der Sturz des Autos von der Brücke.“

Die Gründe für ihren Suizid liegen tief in der Vergangenheit, auf die Iris in sehr ruhig erzählten Passagen zurückblickt. Die Familie Chase war seit Generationen wohlhabend, der Vater ein erfolgreicher Fabrikbesitzer und größter Arbeitgeber in der Gegend. Nach dem Tod der Mutter wachsen die Schwestern in einem Anwesen mit Hausangestellten und Hauslehrern auf, wohlbehütet und als Teil der gesellschaftlichen Elite des kleinen Städtchens Port Ticonderoga. Doch während der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren wird auch die Familie Chase nicht verschont. Um das Vermögen irgendwie zu retten, erhofft sich der Vater Geld durch eine arrangierte Ehe mit einem aufstrebenden Industriellen. Iris wird mit Richard Griffin verheiratet und fügt sich ihrem Schicksal. Sie erlebt physische und psychische Gewalt in ihrer Ehe. Zudem manipulieren Richard und seine Schwester Winifred Iris und entfremden sie von ihrer Familie. Richard kümmert sich kaum um seine Frau, er hat nur seinen eigenen gesellschaftlichen Aufstieg im Sinn. Die Schwestern sind zu einem absolut inhaltsleeren Leben verdammt, sie dürfen mit den Dienstboten Gespräche führen und vielleicht einmal an einem Ladies Lunch teilnehmen – Repräsentation ist das A und O. Laura will sich dieses Leben und Richards Verhalten nicht gefallen lassen. Während eines Picknicks lädt sie Alex Thomas ein, der sich bald als landesweit gesuchter Arbeiteranführer entpuppt. Laura verliebt sich und versucht den jungen Mann auf dem Anwesen zu verstecken. Ohne von Lauras Gefühlen zu wissen, beginnt auch Iris eine Affäre mit dem charismatischen jungen Mann.

„Diese Dinge ereignen sich in einem Augenblick, in einem Wimpernzucken. Das kann nur so sein, weil sie von uns bereits durchgespielt worden sind, immer und immer wieder, in Stille und Dunkelheit; in derartiger Stille, derartiger Dunkelheit, daß wir selbst nichts davon wissen. Blind, aber mit sicherem Schritt, treten wir vor wie in einen Tanz, den wir seit langem im Gedächtnis tragen.“

Atwood gelingt es auf unterschiedlichen Ebenen ein faszinierende Frauenschicksal zu erzählen, dessen Tiefe und Schrecken sich erst nach und nach entfalten. Von der anfänglichen als „glücklich“ heraufbeschworenen Kindheit von Iris und Laura bleibt nicht mehr viel übrig. Und auch Laura hat bei näherem Hinsehen wenig mit dem verehrten Idol der Literaturfans gemein. Hat sie ihren Roman überhaupt selbst geschrieben?

Das Leben der Schwestern wird fast über ein ganzes Jahrhundert hinweg erzählt. Da sind einige kleine Längen nicht von der Hand zu weisen. Die starren Regeln und Konventionen, denen sich gerade junge Frauen beugen mussten, werden durch das Leben von Iris und Laura greifbar und zeigen, was für eine erschreckende Enge innerhalb der Gesellschaft herrschte, auch in den vermeintlich wohlhabenden Kreisen.

Mich hat die Konstruktion des Romans überzeugt. Die Geschichte um den blinden Mörder erinnert mich an spätere Romane von Atwood, in denen sie sich ganz der dystopischen Zukunftsvision verschreibt. Und durch das Erzählen der Geschichte zeigt sich noch etwas anderes : Die beiden Liebenden erschaffen sich eine eigene Welt, in der ihre eigenen Gesetze gelten und in der wiederum ein Mann, eine Geschichte erzählt um eine Frau zu verführen. Allerdings wird sie mit einem Roman berühmt werden, er stirbt im Krieg. Die Verschachtelung des ganzen ist wunderbar gemacht: ihr Roman wurde vorher von ihm erzählt. Zur Unterhaltung, als Mittel der Verführung, als kleine Flucht vor der Realität, in der nur eine unglückliche Ehe wartet. Der blinde Mörder in dieser erzählten Dystopie hat es sich zur Aufgabe gemacht, von der Tempeldienerin zu erzählen, die nicht mehr sprechen kann. Er legt Zeugnis ab für sie und die Geliebte hält die Ideen ihres Liebhabers fest – auch nach seinem Tod. Schreiben und Zeugnis ablegen hat deshalb auch immer mit Machtstrukturen zu tun, in denen sich die Figuren befinden. Am Ende schreibt Iris einen Brief an ihre Enkelin, die ihr schon lange fremd geworden ist. Wer schreibt und erzählt, gewinnt so automatisch die Deutungshoheit in der Situation.

Atwood schreibt wahnsinnig spannend. Man spürt förmlich das Chaos, in dem sich die Protagonisten wiederfinden und es ist klar, dass es kein Happy End geben wird (denn Laura ist schon auf der ersten Seite mit dem Auto verunglückt). Die genauen Verbindungen und Hintergründe werden erst nach und nach deutlich. Welche der beiden Schwestern den Roman geschrieben hat, bleibt bis zum Ende unklar und sorgt für Spannung. Laura bekommt dadurch eine Tiefe, die man ihr vielleicht anfänglich nicht zugetraut hätte und auch Iris, die mit 80 Jahren kaum Geduld mit ihren Mitmenschen hat und zu einer zynischen alten Schachtel geworden ist, verwandelt sich so in eine unglaublich geheimnisvolle Frau.

Margaret Atwood: Der blinde Mörder. Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Walitzek. Berliner Taschenbuch Verlag 2000. 691 Seiten.

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Die Farben des Nachtfalters

Seit mehr als zwanzig Jahren bin ich die erste Frau, über die die Todesstrafe verhängt wurde. Außerdem begegnet man außerhalb eines Romans von Dan Brown nur selten einem mordenden Albino. Und genau das, meine Hautfarbe und die Tat, die mir zur Last gelegt wurde, ließ die anderen Gefangenen erschaudern, wenn sie an mir vorbeigingen. (S.44)

Die Farben des NachtfaltersMemory sitzt im Frauengefängnis Chikurubi, sie soll ihren langjährigen Gönner, Förderer und Freund Lloyd umgebracht haben. Sie ist eine Außenseiterin, nicht nur, weil sie ein Albino ist, sondern auch, weil sie eine der wenigen Mörderinnen ist, die im Gefängnis sitzen und auf die Todesstrafe warten. Die Mitgefangenen begegnen ihr argwöhnisch, denn Memory interessiert sich kaum für die anderen und ist ihnen in vielen Bereichen überlegen. Sie spricht fehlerfreies Englisch und selbst die Wärterinnen können einen gewissen Neid auf Memorys bisherigen Lebensstil und ihre Erfahrungen nicht verbergen. Das geht nicht immer gut aus. Eine Journalistin interessiert sich für ihren Fall und Memory beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Memory wuchs mit einem liebevollen Vater und einer schwierigen Mutter in einem der ärmsten Townships des Landes auf. Die Familie zog oft um und ihr Bruder verstirbt sehr früh. Als sie neun Jahre alt ist, verkaufen ihre Eltern sie an Lloyd, der dem Mädchen eine gute Schulbildung verspricht, die die Eltern sich nicht leisten können. Memory fühlt sich verraten und von ihren Eltern im Stich gelassen. Mussten die Eltern nicht schon genug leiden, als ihr Bruder gestorben ist? Warum schicken sie Memory zu diesem reichen, aber einsamen Mann? Sie versteht nicht, warum Llody sich ausgerechnet für sie entschieden hat. In den Townships, in denen Memory aufwuchs, wurde ihr Zauberei nachgesagt. Anders als ihre Geschwister kann sie nicht draußen spielen ohne Sonnenbrand zu bekommen. Lloyd hat ein großes Herz für Außenseiter, er ist homosexuell und in Simbabwe ist selbst einvernehmlicher Sex unter erwachsenen Männern ein gesellschaftliches Tabu und gesetzlich strafbar. Als Memory von Lloyds Homosexualität erfährt, ist sie angewidert und verlässt ihn ohne Nachzudenken. Bei ihrem nächsten Zusammentreffen ist Lloyd tot.

Neben dieser konfliktreichen Ausgangssituation um Memory im Gefängnis, entfaltet Gappah aber auch eine mythologische Ebene innerhalb der Erzählung. Es geht um den in Simbabwe traditionell vertretenen Glauben an die Ngozi, Rachegötter oder viel mehr Rachegeister, der fester Bestandteil des Lebens in Memorys Umgebung sind und deren Existenz auch mit dem Glaube an christliche Symboliken und Traditionen in Einklang gebracht wird. Durch tragische und unglückliche Verstrickungen und eine Vermischung von Aberglauben und psychischen Belastungssituationen wird der Glaube an die Ngozi zum Dreh- und Angelpunkt in Memorys Geschichte.

„Heute habe ich über den Birkenspanner nachgedacht. Genau wie dieser Nachtfalter musste ich meine Gestalt, meine Farbe ändern, um mich meiner Umgebung anzugleichen. Ich bin genau wie er blindlings hin und her geflattert, habe immer wieder die Farbe gewechselt im Bestreben, mich anzupassen, zu überleben. Vielleicht ist das ja schon genug – dass ich mich fürs Überleben entschieden habe. Dafür, wieder von vorne anzufangen, ob hier drin oder dort draußen, aber stets im Bewusstsein der Wahrheit. Vielleicht reicht das ja schon.“ (S. 337)

Petina Gappah hat einen Roman geschrieben, in dem es um Verrat, Liebe, Schicksal und ein Leben zwischen Traditionen und Moderne in Simbabwe geht. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse, das geht alles etwas schnell, aber führt auch zu einer spannenden Frage: Kann Memory (!) überhaupt sicher sein, dass ihre Erinnerungen stimmen? Und wie kann ein Leben weiter gehen, wenn man feststellt, dass man eine einzige Erinnerung in seinem Leben komplett falsch gedeutet hat? Petina Gappah hat einen tollen Roman geschrieben, der nicht nur ans Herz geht, sondern auch einen interessanten Einblick in das Simbabwe der 1970er Jahre bis heute liefert. Wirklich gelungen.

 

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters (Book of Memory). Arche 2015. 352 Seiten.

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Sophie hat ihren Job verloren, kein Geld mehr, hockt in ihrer Wohnung und fängt an zu schreiben, zum Beispiel darüber, wie sie ihre geliebten Bücher in einem Second-Hand-Buchladen verscherbelt. Als der Teufel aus dem Badezimmer kam ist ein witziges Buch über eine unerschrockene Poetin, die ihre ganze Kreativität in die Waagschale wirft, um nicht (finanziell) unterzugehen.

Am Anfang steht eine Zahl: 17,70 bleiben Sophie noch bis zum Ende des Monats. Sie hat sich verkalkuliert. Als Schriftstellerin ist sie ohnehin knapp bei Kasse und der Wärmestrahler, den sie über den Winter aufgestellt hat, beschert ihr im Frühjahr eine hohe Stromrechnung, die fast ihre gesamte Sozialhilfe auffrisst. Permanent sitzt ihr der Teufel im Nacken, der sie in ihrer Wohnung besucht und sie verführen will, ihre wertvollen verbleibenden Euros auszugeben. Das klingt in erster Linie nach einer ziemlich dramatischen Situation, aber Sophie gibt nicht auf und schreibt stattdessen einen Roman, in dem sich die Realität endlich einmal (!) der Fantasie unterordnen muss. Ihre finanzielle Zwangslage ist zwar der Ausgangspunkt des Romans, aber durch ein Feuerwerk absurder Ideen, wirkt die Geschichte in erster Linie weder tragisch, noch traurig, sondern ist unglaublich witzig und mit einem guten Gespür für subtile Gesellschaftskritik geschrieben.

Der Arme Poet

Schon 1839 hatten es Künstler*innen nicht leicht, wie Carl Spitzweg auf seinem Bild „Der arme Poet“ ziemlich einleuchtend darstellt. Es regnet durch die Decke, die wenigen verbliebenen Bücher sind um das Bett versammelt und der arme Poet trägt eine Mütze, wahrscheinlich weil es ihm sonst in seinem Zimmer zu kalt ist. Sophie geht es ähnlich, allerdings schlägt sie sich mit den Phänomenen der Gegenwart herum. Sie lehnt es ab, ihre Mutter oder ihre Brüder in ihre finanzielle Notlage einzuweihen. Vor ihrer Familie kann sie schon gar nicht zugeben, dass sie mit Ende 30 immer noch keinen Job hat und ihre Karriere als Schriftstellerin nicht in die Gänge kommt. In dieser Situation hilft es wenig, dass immer wieder die Kommentare ihrer Mutter in ihren Gedanken auftauchen.

„Ach, Kind!“, kraquäkte meine Mutter, „ich hatte ja keine Ahnung, dass du so arm bist. Um das zu erfahren, muss ich also deine Bücher lesen … Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugelassen, dass du diese verflixte Literatur zu deinem Beruf machst.“ (S.17)

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Sophie Divrys Roman ist nicht nur so genial gut, weil es um eine Frau geht, die ihr Leben radikal dem Erfolg ihrer Kunst unterordnet. Divry thematisiert Phänomene der Gegenwart, die aktuell sind und jede_n treffen können: die absurden Forderungen der Arbeitsagentur, in der Sophie bald nur noch verwaltet wird; der Versuch, jeglichen Besitz (selbst Lieblingsbücher) noch irgendwie zu Geld zu machen und gleichzeitig das Gefühl, zu den Ausgeschlossenen und gesellschaftlich Abgestiegenen zu gehören. Ein Gefühl, das Sophie noch mehr quält, als der ständige Hunger.

 

 

 

Sobald einem die geringste Idee kommt, kann man sie sich schon nicht mehr leisten. Es fällt uns normalerweise nicht auf, aber letztendlich ist jede Handlung mit einer Ausgabe verbunden. Wer spazieren geht, steigert seinen Appetit. Wer sich mit Freunden trifft, muss unter Umständen einen ausgeben. Dabei braucht man gerade, wenn man knapp bei Kasse ist, Ablenkung und Unterhaltung. Es ist eine Trotzreaktion, ein rebellischer Instinkt, der einem zuflüstert: Wenn schon keine Arbeit, dann wenigstens Spaß… (S.27)

Abgesehen davon, dass ich selten einen so ehrlichen und authentischen Roman gelesen habe, wartet Divry mit einer Menge komischen und witzigen Ideen auf, die sich als künstlerische Rettungsanker erweisen. Da wehrt sich der Toaster mit Händen und Füßen dagegen, bei Ebay versteigert zu werden („Wie kannst du so grausam mich opfern? Warum mich morden, was hab ich getan? Mit welchem Recht, wer hat’s dir befohlen?“ (S.83)), ihr ebenfalls arbeitsloser Musikerfreund Hector hat eine Affäre, die Sophie bis ins Detail ausschmückt, denn Sex sells und irgendjemand muss ihr Buch ja kaufen, es werden die drei Schritte einer „effektiven Andiedeckestarrung“ vorgestellt und irgendwann kippt das Schriftbild in Richtung konkrete Poesie. Obwohl Thea Dorn ein ganz anderes Thema  verhandelt, fühlte ich mich allein durch den spielerischen und kreativen Umgang mit Sprache an ihren Roman Die Unsterblichen erinnert. Zudem besteht der Roman aus drei Teilen, denen jeweils unterschiedliche Motti vorangestellt sind, die an Texte aus dem Barock erinnern und zusammenfassen, was die Heldin als nächstes erleben wird. Das macht unglaublich viel Spaß und ist gleichzeitig sehr authentisch und treffend beschrieben.

Meine Familie hatte keine Ahnung, dass Arbeitslosigkeit nicht zu Beginn am schlimmsten ist. Am schlimmsten ist sie, wenn man sich genau diese Vorstellung zu eigen macht – dass nichts Neues mehr passieren wird, von meiner Rückstufung als Sozialleistungsempfängerin abgesehen. Diese Etappe, die erst lange meiner Entlassung erfolgte, blieb von meiner Familie unbemerkt. (S.130)

Zum Ende hin, können die vielen sprachlichen Experimente allerdings auch ein wenig ermüden. Zum Glück triumphiert die Kunst über die Arbeitslosigkeit, das ist wahrscheinlich das Schönste an diesem Roman. Und weil ich die Widmung so mag, erwähne ich sie hier auch noch schnell: „Dieses Buch widme ich den Unproduktiven, den Kindern, den Ausgehungerten, den Träumern, den Nudelessern und ,Niedergeschlagenen'“ – ich muss ehrlich sein, bereits auf der ersten Seite, hat Sophie Devry da bei mir einen Nerv getroffen. Vielleicht wegen der träumenden Nudelesser, ich weiß es nicht. Vor Kurzem hat Mareike über französische Badass-Schriftstellerinnen geschrieben, Sophie Divry gehört auf jeden Fall dazu.

Sophie Divry – Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczy. Ullstein 2017.

Ich habe den Roman auf vorablesen.de gewonnen, vielen Dank.

 

Ein Gentleman in Moskau

Ein Gentleman in Moskau

Moskau, 1922. Graf Rostov wird vom Revolutionskomitee zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem besten Hotel am Platz. Und das ist sein Glück. Fast wäre er hingerichtet worden, aber ein Gedicht, das er mehrere Jahre zuvor veröffentlicht hat, rettet ihm das Leben.  Das Komitee einigt sich darauf, dass der einst so hellsichtige Geist des Grafen im Kontakt mit der adligen Klasse moralisch korrumpiert wurde. Das kann passieren und soll natürlich laut Komitee angemessen bestraft werden – aber glücklicherweise nicht mit dem Tod.

Der Graf darf nur das Hotel nicht mehr verlassen. Das ist die Ausgangslage für Amor Towles und der Beginn einer ungewöhnlich feinsinnigen Erzählung über das Leben in Gefangenschaft. Genauer gesagt,  in einer jahrzehntelangen Gefangenschaft in einem geschichtsträchtigen Haus, das sich ebenfalls im Wandel der Zeit befindet.

Graf Rostov ist niemand, der unter der Situation leidet oder anfängt, Trübsal zu blasen. Getreu seinem Motto: „Wenn man nicht Herr über seine Umstände ist, so werden die Umstände Herr über einen selbst“, beginnt sich der Graf in seiner Gefangenschaft einzurichten. Er lässt sich durch nichts in seiner Höflichkeit oder seinem Optimismus erschüttern. Von seiner Suite zieht er in eine Dachkammer im obersten Stock, die Hälfte seiner Möbel muss er zurücklassen und noch nicht einmal alle seine Bücher passen in sein neues Zimmer. Aber der Graf bleibt pragmatisch. Wenn er das Hotel nicht mehr verlassen kann, versucht er sich eben den Essays von Michel de Montaigne. Wann hat man schon Zeit dafür, einfach mal zu lesen?

Es war sicherlich zehn Jahre her, dass der Graf sich vorgenommen hatte, dieses in allen Landen gelobte und von seinem Vater hochgeschätzte Werk zu lesen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Finger auf  den Kalender gezeigt und erklärt hatte: Diesen Monat widme ich mich den Essays von Michael de Montaigne, hatte das Leben mit einer teuflischen Verlockung gewirkt. Sei es, dass unerwartet ein Liebesinteresse aufgekommen war, an dem er guten Gewissens nicht vorbeigehen konnte, oder dass sein Bankier angerufen hatte oder dass der Zirkus in die Stadt gekommen war. Das Leben hatte seine Verlockungen, fürwahr. Doch hier waren die Umstände endlich derart, dass sie den Grafen nicht ablenken, sondern ihm im Gegenteil Zeit und Muße schenken würden, so dass er sich dem ganzen Buch widmen konnte. (S.35)

Amor Towles hätte eine unendlich langweile Geschichte geschrieben, wenn es nur um den lesenden Grafen gehen würde. Stattdessen beginnt der Graf bald das Hotel mit anderen Augen zu sehen. Das liegt unter anderem auch an einem besonderen Hotelgast. Die neunjährige Nina schließt Freundschaft mit dem Grafen und zeigt ihm alle geheimen Gänge und Ecken, von denen der Graf noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.

Immer wieder sind es kleine Begegnungen, die dem Grafen neue Lebensqualität versprechen. Als der Graf beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er die Situation nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aushält, entdeckt er, dass einer der Hausmeister auf dem Dach des Hotels eine Imkerei betreibt. Ein Honigbrot rettet den Abend und der Graf hat einen neuen Freund gefunden.

 Im Laufe der Zeit, gelingt es Graf Rostov, viele wichtige Personen ins Hotel zu manövrieren und mit ihnen Kontakt zu halten: seinen besten Freund Michail, ein Schriftsteller, der anfänglich noch an die sozialistische Revolution glaubt, wichtige Leute vom Geheimdienst, eine berühmte Schauspielerin. Der Graf lässt alle ins Hotel kommen. Als Rostov die Gelegenheit bekommt, als Aushilfskellner einzuspringen, sagt er nicht nein. Wenigstens hat er so das Gefühl, dass er ein bisschen für Ordnung sorgen kann, wenn ihm sonst nur der Blick aus dem Fenster bleibt und das gesellschaftliche Leben an ihm vorbeirauscht.

Aber es ist nicht seine Position als Kellner, die den Grafen für immer verändern wird. Es ist eine neue Rolle, die der Gentleman und Lebemann sich nie hätte träumen lassen. Jahre später kehrt Nina ins Hotel zurück. Sie ist mittlerweile Mutter geworden und überlässt ihre Tochter Sofia der Obhut des Grafen, der immer noch nicht das Metropol verlassen darf. Nina kann sich keinen besseren und sicheren Platz für das Mädchen vorstellen. Der Graf hat mittlerweile viele Freunde gefunden, die Näherin Marina, den Koch Emile, den Kellner Andrei. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und versuchen politische Verstrickungen so gut es geht außerhalb des Hotels zu lassen. Aber das ist mit einem unter Hausarrest stehenden Grafen natürlich nicht so einfach. Gemeinsam versuchen sie Sofia eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Wenn auch eine Kindheit in einem goldenen Käfig. Aber für Sofia wächst der Graf über sich hinaus.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, nicht nur, weil Graf Rostov eine Figur mit sehr viel Haltung und Charme ist, auch weil der Roman meisterhaft geschrieben ist. Amor Towles hat eine Geschichte über Mut und Courage geschrieben und darüber, dass man nie aufgeben sollte, sondern viele Situationen mit stoischem Optimismus ertragen kann. Man muss nur auf den richtigen Moment warten – und der kommt bestimmt.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. List 2017.