Uns gehört die Nacht

Eine junge Frau sitzt in einem Hotelzimmer. In der Hand hält sie ein Gewehr und zielt damit auf ihren Freund. Aber wie konnte es soweit kommen? Diese aufwühlende Szene steht am Anfang einer ganz besonderen Liebesgeschichte.

New Haven 1986. Elise, eine junge Frau aus eher schwierigen Verhältnissen, zieht in ein heruntergekommenes Haus. Im Haus gegenüber ist eine Studenten-WG. Jamey,  einer der Nachbarn, Yale-Student und Sprössling einer Familie von Investmentbankern, und Elise beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die bald zu mehr wird, als beide zu Anfang gedacht hätten. Jamey verliebt sich Hals über Kopf in Elise.

„Jamey bewunderte die Sternschnuppen ihres Geists, die pudrige Galaxie ihrer Gedanken. Elises Intelligenz ist anders sortiert als seine. Sie liest nie mehr als ein paar Seiten eines Buchs, aber sie liebt es, darüber zu reden, was sie gelesen hat. Sie denkt in wilden Gärten, während er seine Gedanken am Spalier zieht, an einem Gerüst aus Einführung, These, Argumentation und Schluss.“(S.205)

Elise und Jamey könnten unterschiedlicher nicht sein. Elise Perez, Halb-Puertoricanerin, kennt ihren Vater nicht und wuchs mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern zwischen Drogenabhängigen und Kleinkriminellen auf. Der Partner ihrer Mutter war gewalttätig, mit ein Grund, warum Elise von Zuhause abgehauen ist. Sie hat keinen Schulabschluss und jobbt ohne große berufliche Ambitionen zu hegen, in einem Geschäft für Kleintiere. Aber ihr gesellschaftlicher Status, ihre fehlende Bildung und ihre gesamte Lebensart, die sie so von Jamey unterscheidet, sind ihm egal. Er lädt sie nach New York ein, und was als Zeitvertreib beginnt, wird zu einer Liebesbeziehung, die er einerseits Uns gehört die Nachtgenießt, aber andererseits gegenüber seinen Freunden und seiner Familie verleugnet.

Es geht also nicht nur um Liebe und Sex und die Erfüllung, die beide gefunden zu haben scheinen. Es geht auch um Macht, Einfluss und Klassenzugehörigkeit. Denn dieses Versteckspiel kann nicht lange gut gehen und bald  wird Jamey von seiner Familie gezwungen, eine Entscheidung treffen, die sein zukünftiges Leben maßgeblich beeinflussen wird. Entweder, er entscheidet sich für die Annehmlichkeiten, die seine privilegierte Herkunft bietet, für ererbtes Geld, für gute Kontakte, für eine standesgemäße Partnerin und beendet seine Beziehung zu Elise. Oder er entscheidet sich für seine Freundin und damit für den gesellschaftlichen Abstieg. Kann Jamey sich von seiner Familie lösen und mit Elise einen Neuanfang wagen?

„Vielleicht sind Jamey und Elise ihr eigenes Volk, vielleicht gehören sie zu niemandem sonst, zu nichts Größerem als zueinander. Können wir so leben? Darüber denkt Elise nach, als sie sich müde die schwarzen Turnschuhe aufschnürt an deren Sohlen Gold klebt.“ (S.329)

Jamey weiß nie, woran er bei Elise ist und ist häufig verunsichert, durch ihre impulsive Art. Außerdem weiß er, dass niemand aus seiner Familie und erst recht nicht seine Freunde, Verständnis dafür aufbringen, dass er mit Elise zusammen ist. Und manchmal kann er nicht genau sagen, ob sie ihn ausnutzt oder nicht. Elise ist eine sehr starke Persönlichkeit, aber sie war noch nie mit einem Menschen wie Jamey zusammen. Sie weiß nicht, wie sie sich seinen Freunden gegenüber verhalten soll und sie hat große Angst davor, dass Jamey sie irgendwann auf die Straße setzt, weil er genug von ihr hat. Denn sie hat das Gefühl, dass jemand wie er, jede haben könnte. Die alte Geschichte, dass hier zwei Menschen aus sehr verschiedenen Welten aufeinander treffen – man könnte sich an Pretty Woman erinnert fühlen – wird von Jardine Libaire sehr glaubwürdig und mit großem Feingefühl erzählt.

Uns gehört die Nacht ist der sechste Roman der texanischen Autorin und überzeugt durch eine grandios beobachteten Beschreibung der Gefühlswelt der beiden Hauptfiguren, ihren Zweifeln, ihren Ängsten und gleichzeitig ihrer großen Liebe zueinander. Trotzdem kann man als Leser_in nicht die Anfangsszene vergessen und wartet deshalb auf den Bruch, auf das Chaos, auf den Streit, der diese Katastrophe ausgelöst hat.  Jardine Libaire wartet mit so vielen unerwarteten Wendungen auf, dass ich den Roman kaum aus der Hand legen konnte. Ein absolut fesselnder und intensiver Roman, den ich in wenigen Tagen gelesen habe. Ganz große Leseempfehlung.

 

Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht. Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz. Diogenes 2018, 464 Seiten

 

 

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Magnet

„Jokum spürte, wie etwas an ihm zerrte, an dem Magneten, die Kindheit war im Norden, die Zukunft im Süden, und er stand direkt dazwischen, wie er es immer getan hatte, zwischen dem, was gewesen war, und dem, was noch sein würde.“

Manche Fotografen werden durch Porträtaufnahmen berühmt. Jokum Jokumsen hingegen, war schon immer von den Dingen fasziniert. Als Archivar des Alltäglichen fotografiert er vergessene Alltagsgegenstände, die sonst niemanden interessieren. Sie sind der Schlüssel zu seinem Erfolg und führen ihn bis in die USA.

Magnet

Lars Saabye Christensen erzählt auf knapp 950 Seiten die Geschichte von Jokum Jokumsen, der schon immer einen etwas anderen Blick auf die Welt hatte. Mit seinen knapp 2 Metern ist er eine Ausnahmeerscheinung, schon im Studentenwohnheim in Oslo in den 1970er Jahren wunderte man sich über den großen Literaturwissenschaftsstudenten und Jazzliebhaber. Jokum ist heimlich in seine Mitbewohnerin Synne Sager verliebt, die Kunstgeschichte studiert und sich für Stillleben interessiert. Als Synnes Hamster Hubert stirbt, ist Jokum zur rechten Zeit am rechten Ort. Auf einem Leonard Cohen Konzert kommen sich die beiden näher. Synne schenkt Jokum eine Leica und bald darauf, sieht man den großen Mann nur noch mit einer Kamera in der Hand, den Blick auf den Boden gesenkt.

Die Beziehung der beiden ist nicht einfach. Jokum ist eher Jazz, Synne eher Stilleben. Vielleicht auch andersherum. Und das fängt schon bei den Elternhäusern an. Kommt Jokum aus einer intakten Familie, die sich sehr für sein Leben interessiert, ist Synne in einem reichen, aber ziemlich kaputten Elternhaus aufgewachsen. Vielleicht ist sie deswegen so kompliziert. Als Jokum erste Erfolge hat, entscheidet Synne ihre Doktorarbeit in Kunstgeschichte in San Francisco fortzuführen – sie kann promovieren und Jokum kann sich seiner Kunst widmen. Doch bald dreht sich das Blatt: Synne gibt ihre Doktorarbeit auf und wird Jokums Kuratorin. So entscheidet sie maßgeblich mit, wenn es um die Ausrichtung seiner Werke geht. Jokum ist diese Aufteilung nur recht, häufig wirkt er nur mäßig alltagskompetent, sodass Synnne wahrscheinlich den Eindruck gewinnt, sie müsste sich um vieles kümmern. Und der Plan geht auf: bald schon kann Jokum seine Werke im Museum of Modern Art New York präsentieren. Jokums persönliches Erfolgsgeheimnis ist ein Magnet, den ihm sein Vater geschenkt hat und der immer wieder eine Rolle spielt. Gleichzeitig ist es vor allen Dingen Synne, die den Kurs bei den Fotografien vorgibt, während Jokum seine Rolle als Künstler etwas anders sieht. Wie damals in Oslo ist er der Ansicht, dass die Bilder zu ihm kommen und dass er Dinge findet, nicht für einen Aha-Effekt arrangiert. Synne sieht das etwas anders. Alle Stilleben, die sie untersucht hat, sind letztlich perfekt arrangiert.

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

Während sich Synne und Jokum beruflich immer klarer als Künstlerpaar etablieren, bleiben Schattenseiten in der Beziehung nicht aus. Das ist zum einen, die Beziehung zu den Eltern, die sich bei Synne als sehr schwierig gestaltet, zum anderen auch der Versuch des Paares, selbst Eltern zu werden. Immer wieder wechseln sich lustige Szenen und tolle Dialoge mit vielen melancholischen Passagen ab, in denen Jokum für sich ausloten muss, was ein gelungenes Leben eigentlich bedeutet.

Erzählt wird die Geschichte von einem ehemaligen Mitbewohner von Jokum und Synne aus der Osloer WG. Auch die anderen ehemaligen Mitbewohner tauchen immer wieder auf. Der überzeugte Kommunist Bengt wird später zum Unternehmensberater und der Liedermacher Arve, auf den Jokum eine ganze Zeit sehr eifersüchtig ist, schreibt ein One-Hit-Wonder und wird danach vergessen. Die Erzählung springt durch verschiedene Zeiten und von Oslo nach San Francisco und zum Aufenthaltsort des Erzählers, der sich in einer Art Wohngruppe für psychisch Kranke befindet. Das kann anfänglich etwas verwirrend sein, sorgt aber dafür, dass die Geschichte einen unglaublichen Sog entwickelt. Denn der ehemalige Mitbewohner schreibt selbst an einem Buch. Es heißt „Magnet“ und es geht um die Beziehung von Jokum Jokumsen und Synne Sager.

Magnet ist ein Roman, den ich kaum aus den Händen legen konnte. Der Roman ist witzig, melancholisch und genial konstruiert (allein die Szene mit Hubert, dem Hamster und dem sich daran anschließende Kapitel sind schon eine Sache für sich). Außerdem gelingen Christensen immer wieder wunderschöne Metaphern, die Jokums und Synnes Entwicklung als Künstler*innen und als Paar einfangen. Neben sehr realistischen und immer wieder auf die zeitliche Verortung der Handlung verweisenden Passagen (das Leonard Cohen-Konzert, Jokum darf ein Foto für das neue Album von Tom Waits beisteuern usw.), gibt es gerade am Anfang auch Szenen, die in einer Art Zwischenwelt spielen, die ich gar nicht genau festlegen kann. Jokum schreibt seine letzte Klausur über Kafkas Prozess. Und auf einmal begegnen ihm auch in seinem alltäglichen Leben die Menschen aus der Erzählung. Genialer kann man kaum schreiben.

Magnet ist ein Buch, das mich absolut begeistert hat und dem ich sehr viele Leser*innen wünsche. Kennt ihr andere Romane von Lars Saabye Christensen? Ich habe Lust auf mehr.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank!

Lars Saabye Christensen: „Magnet“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt, 960 Seiten.

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Bleib bei mir

Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe. (S.23)

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Mitten in der Geschichte verkündet Yejide ihrem Mann Akin, dass sie beide Eltern werden. Sie ist sich sicher, dass sie dieses Mal eine Tochter bekommen. Auf dem „Berg der Wunder“ hat Yejide an einer rituellen Zeremonie teilgenommen und lässt sich fast ein ganzes Jahr nicht von ihrer Vorstellung einer Schwangerschaft abbringen, auch als Akin sie zu mehreren Ärzten bringt. Die Episode hat tragischkomische Elemente, aber der Auslöser für Yejides psychischen Zusammenbruch liegt in ihrem Umfeld.

Der Druck ein Kind zu bekommen, lastet schwer auf dem Paar. Im Nigeria der 1980er Jahre, sind es nicht nur zwei Menschen, die mit der Kinderlosigkeit klar kommen müssen. Die gesamte Familie mischt sich ein. So entscheidet Akins Mutter nach mehreren kinderlosen Jahren des Paares, dass endlich etwas passieren muss. Sie organisiert eine Zweitfrau für ihren Sohn. Obwohl Akin und Yejide sich gegen das traditionelle Modell der Polygamie aussprechen, können sie sich nicht gegen die Entscheidung des Familienrats durchsetzen. Yejide und Akin haben studiert, Yejide steht sogar durch einen Friseursalon finanziell auf eigenen Beinen und trotzdem müssen sie sich den Vorstellungen der anderen fügen. Yejide hofft, dass sie vielleicht doch noch schwanger wird und so die Zweitfrau Funmi wieder loswird.

Der Roman beginnt damit, dass Yejide die Zweitfrau auf einer Familienzusammenkunft präsentiert wird. Große Zeitsprünge bis ins Jahr 2008 und die wechselnde Erzählperspektive zwischen Akin und Yejide sorgen dafür, dass die Handlung an keiner Stelle langweilig wird. Mit einem guten Gefühl für Spannung und Timing beschreibt die Debütautorin Ayòbámi Adébáyo ein komplexes Ehedrama, in dem es um Verrat, Lügen und Hoffnung geht. Zudem wird die Ehe von Akin und Yejide durch ein weiteres Problem belastet: die erblich bedingte Sichelkrankheit, die häufig tödlich endet.

Besonders gut gefällt mir, wie geschickt der unterschiedliche Umgang der Protagonist*innen mit den zahlreichen Schicksalsschlägen (und das muss man als Leser*in aushalten) ausgelotet wird. Nebenbei erfährt man einiges über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Nigerias, die gekonnt in den Text eingestreut werden. Ambivalente Charaktere sorgen für eine unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte, die ich innerhalb weniger Tage gelesen habe. Angenehm kitschfrei und gleichzeitig sehr berührend, erzählt Adébáyo eine tragische Geschichte über Liebe, Verrat und Schicksal.

Ayòbámi Adébáyo war mit ihrem Roman für den Baileys Women’s Prize for fiction nominiert.

Ayòbámi Adébáyo: Bleib bei mir, Piper Verlag, 2018, 352 Seiten

 

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Wiesenstein

IMG_20180322_072826Gerhart Hauptmann, Nobelpreisträger und Autor von Werken wie Bahnwärter Thiel und Die Weber, verlässt gemeinsam mit seiner Frau Margarete und einem Stab von Dienstboten im März 1945 ein Sanatorium und fährt zurück in die Heimatvilla. Das Anwesen Wiesenstein liegt in Schlesien, im Riesengebirge. Die Hauptmanns planen ein luxuriöses Leben im Chaos des Krieges. Ein Schutzbrief des sowjetischen Kulturoffiziers Sekolow ermöglicht es Hauptmann Wiesenstein nach wie vor zu bewohnen. Als „Festung in Saus und Graus“, als „Schutzhülle {m]einer Seele“ steht die Burg wie ein uneinnehmbarer Ort in der Nähe von Görlitz. Ein Masseur, eine Zofe, ein Butler, ein Gärtner, eine Köchin und eine Sekretärin stehen bereit, um dem großen Schriftsteller und seiner Frau Margarete den Lebensabend so fürstlich wie möglich zu gestalten. Die Romanhandlung verlässt diesen Ort auch kaum, auf Wiesenstein entfaltet sich ein intensives Kammerspiel das die letzten Tage des Nobelpreisträgers umfasst.

Auf Wiesenstein, so hofft Hauptmann, kann er zur Ruhe kommen. Seine Bekanntheit reicht über die Landesgrenzen hinaus, seine Stücke haben ihn zum gefeierten Schriftsteller gemacht. Wegen seiner sozial engagierten Dramen ist er auch  zum Kriegsende hin bei den Russen und Polen sehr beliebt, auch wenn er sich nie gegen den Nationalsozialismus positioniert hat, sondern oft genau wusste, von wem er in welcher Situation profitieren konnte.

Klare politische Statements scheinen ihm ohnehin nicht sehr gelegen zu haben. Pleschinski zeigt einen Schriftsteller, der sich oft nicht entscheiden konnte und für den stets die Kunst höhere Priorität als das politische Alltagsgeschäft hatte. Das ist nicht unbedingt leicht zu lesen, wünscht man sich doch jemanden, der eine klare Haltung hat. Es ist oft nicht leicht zu entscheiden, ob Hauptmann senil oder arrogant oder vielleicht zu ängstlich ist, um sich anders zu verhalten. Oder vielleicht einfach mit einem riesen großen künstlerischen Eskapismus gesegnet, der ihn auch dunkle Zeiten überstehen ließ. Ein Schriftsteller, der vor dem Ersten Weltkrieg gefeiert und dem schon in der Nachkriegszeit seine Nähe zu den Nationalsozialisten auf die Füße fiel. Pleschinski geht hier den großen Fragen nach: Wie viel Nähe zu den Machthabern ist legitim? Wie sehr dürfen sich Künstler*innen von autoritären Regimen hofieren lassen um beispielsweise Freunde oder die eigenen Kinder zu schützen?

Auf Wiesenstein lädt Hauptmann standesgemäße zu Feiern und Kinoabenden als wären Friedenszeiten. Man lästert über die Schriftsteller im Exil oder amüsiert sich über Dr. Spitz – so nannte Hauptmann Thomas Mann. Mann wiederum soll darunter gelitten haben, dass er „nur“ Mann, der andere immerhin „Hauptmann“ war – im Zauberberg parodiert er den Schriftstellerkollegen in der Figur des Mynheer Peeperkorn. Sprachduktus und Stottern inklusive. Hauptmann wird ihm diese künstlerische Freiheit nicht verzeihen.

Manchmal schmeißt Hauptmann sich in seine Mönchskutte, die er aus Italien mitgebracht hat, zieht sich in sein Turmzimmer zurück und trinkt und schreibt die ganze Nacht (vieles ist wunderschön: „In jedem Mensch ruht ein Tanz“). Sein Personal, die Krankenschwester Maxa, seine Sekretärin Annie Pollak und sein Masseur Paul Metzkow passen sich dem Lebensrhythmus an, auch wenn in den Dörfern um Wiesenstein herum, Flüchtlingstrecks vorbeiziehen und die Angst vor den fremden Soldaten immer größer wird. Aus den verschiedenen Perspektiven der Bewohner wird das Leben auf Wiesenstein greifbarer, auch wenn Wiesenstein Schutz bietet, weiß niemand, was als nächstes passieren wird. Die Zeit scheint auf der Burg still zu stehen.

Völlig unvorhersehbar war der Masseur mittlerweile zum Lieblingsvorleser des Hausherrn aufgerückt. Was im Lande geschah, drang nur spärlich zum Wiesenstein durch. Der Wiesenstein schien tatsächlich Sicherheit zu gewähren. Lesen und Vorlesen überbrückte nicht nur die Zeit, es füllte sie sogar. Metzkow entwickelte sich zum Hauptmann-Kenner. Keiner seiner alten Bekannten, sofern sie noch lebten, würde das glauben.  (S.293)

Auch die Nachkriegszeit und die anschließenden Plünderungen werden umfassend dargestellt und zeigen gekonnt und schockierend die Folgen des Krieges auf. Gert Hauptmann stirbt am 6. Juni 1946, seine Frau kurz darauf. Hans Pleschinski schreibt sehr ausführlich über die letzten Tage im Hause Hauptmann. Viele Figuren sind historisch belegt und Pleschinski reichert den Roman mit vielen unbekannteren Originaltexten an, die der junge Masseur Metzkow zum ersten Mal liest. Das ist wirklich gelungen und macht neugierig auf andere Werke des Schriftstellers. Wenn allerdings Annie Pollak als Stichwortgeberin für Interpretationsansätze  von Hauptmanns unterschiedlichen Texten herhalten muss, wirkt der Text etwas schwerfällig.   Trotzdem konnte mich der Roman beeindrucken.

Hans Pleschinski – Wiesenstein. C.H. Beck 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei einer Leserunde von Lovelybooks gewonnen. Vielen Dank! 

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Literatur leuchtet

 

Der blinde Mörder

Laura Chase ist eine fantastische Autorin. Leider fuhr sie mit einem Auto von einer Brücke und verstarb mit Anfang 20. Ihr Roman „Der blinde Mörder“ wird zum Kultobjekt für Fans und ihrer Schwester Iris kommt die nicht ganz leichte Aufgabe zu, den Nachlass ihrer Schwester zu verwalten. Iris blickt nun mit Mitte 80 auf ihr Leben zurück und erinnert sich an die gemeinsame Kindheit mit ihrer Schwester. Iris hat nie an einen Unfall geglaubt, stattdessen geht sie davon aus, dass ihre Schwester Suizid begangen hat.

Der blinde MörderDas ist der Aufhänger einer Geschichte, die Margarete Atwood fantastisch konstruiert hat. Auf verschiedenen Ebenen wird die Geschichte der Schwestern erzählt. Iris blickt mit 80 Jahren zurück auf ihr Leben und gestaltet so die Rahmenhandlung der Erzählung. Außerdem geben Zeitungsartikel noch zusätzliche Hinweise über die Hintergründe der Lebensgeschichte der Schwestern. Zudem werden Teile eines Science-Fiction-Romans erzählt, den eine junge Frau geschrieben hat. Inspiration für diese Erzählungen war ihr Geliebter, der ihr nach jedem romantischen Treffen ein bisschen mehr aus dem Leben des blinden Mörders erzählte. Hierbei handelt es sich um eine unheimliche Groschenromanvariante, in deren Mittelpunkt eine Welt steht, in der Frauen keine Rechte haben und regelmäßig Jungfrauenopfer stattfinden. Ein erblindeter Teppichknüpfer, der zum Auftragsmörder ausgebildet wird, verliebt sich in diesem Durcheinander in eine Tempeldienerin, der – so ist es Tradition – die Zunge herausgeschnitten wurde. Sie kann nicht mehr sprechen, er ist erblindet, aber eben nicht verstummt. Der Auftragsmörder erzählt ihre Geschichte. So weit zur Konstruktion. Doch zurück zu Laura.

„Das Leben ist eine Tragödie, keineswegs nur ein einziger langer Schrei. Sie schließt alles ein, was zu ihr führte. Stunde um triviale Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, und dann der plötzliche Moment: der Messerstich, die explodierende Granate, der Sturz des Autos von der Brücke.“

Die Gründe für ihren Suizid liegen tief in der Vergangenheit, auf die Iris in sehr ruhig erzählten Passagen zurückblickt. Die Familie Chase war seit Generationen wohlhabend, der Vater ein erfolgreicher Fabrikbesitzer und größter Arbeitgeber in der Gegend. Nach dem Tod der Mutter wachsen die Schwestern in einem Anwesen mit Hausangestellten und Hauslehrern auf, wohlbehütet und als Teil der gesellschaftlichen Elite des kleinen Städtchens Port Ticonderoga. Doch während der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren wird auch die Familie Chase nicht verschont. Um das Vermögen irgendwie zu retten, erhofft sich der Vater Geld durch eine arrangierte Ehe mit einem aufstrebenden Industriellen. Iris wird mit Richard Griffin verheiratet und fügt sich ihrem Schicksal. Sie erlebt physische und psychische Gewalt in ihrer Ehe. Zudem manipulieren Richard und seine Schwester Winifred Iris und entfremden sie von ihrer Familie. Richard kümmert sich kaum um seine Frau, er hat nur seinen eigenen gesellschaftlichen Aufstieg im Sinn. Die Schwestern sind zu einem absolut inhaltsleeren Leben verdammt, sie dürfen mit den Dienstboten Gespräche führen und vielleicht einmal an einem Ladies Lunch teilnehmen – Repräsentation ist das A und O. Laura will sich dieses Leben und Richards Verhalten nicht gefallen lassen. Während eines Picknicks lädt sie Alex Thomas ein, der sich bald als landesweit gesuchter Arbeiteranführer entpuppt. Laura verliebt sich und versucht den jungen Mann auf dem Anwesen zu verstecken. Ohne von Lauras Gefühlen zu wissen, beginnt auch Iris eine Affäre mit dem charismatischen jungen Mann.

„Diese Dinge ereignen sich in einem Augenblick, in einem Wimpernzucken. Das kann nur so sein, weil sie von uns bereits durchgespielt worden sind, immer und immer wieder, in Stille und Dunkelheit; in derartiger Stille, derartiger Dunkelheit, daß wir selbst nichts davon wissen. Blind, aber mit sicherem Schritt, treten wir vor wie in einen Tanz, den wir seit langem im Gedächtnis tragen.“

Atwood gelingt es auf unterschiedlichen Ebenen ein faszinierende Frauenschicksal zu erzählen, dessen Tiefe und Schrecken sich erst nach und nach entfalten. Von der anfänglichen als „glücklich“ heraufbeschworenen Kindheit von Iris und Laura bleibt nicht mehr viel übrig. Und auch Laura hat bei näherem Hinsehen wenig mit dem verehrten Idol der Literaturfans gemein. Hat sie ihren Roman überhaupt selbst geschrieben?

Das Leben der Schwestern wird fast über ein ganzes Jahrhundert hinweg erzählt. Da sind einige kleine Längen nicht von der Hand zu weisen. Die starren Regeln und Konventionen, denen sich gerade junge Frauen beugen mussten, werden durch das Leben von Iris und Laura greifbar und zeigen, was für eine erschreckende Enge innerhalb der Gesellschaft herrschte, auch in den vermeintlich wohlhabenden Kreisen.

Mich hat die Konstruktion des Romans überzeugt. Die Geschichte um den blinden Mörder erinnert mich an spätere Romane von Atwood, in denen sie sich ganz der dystopischen Zukunftsvision verschreibt. Und durch das Erzählen der Geschichte zeigt sich noch etwas anderes : Die beiden Liebenden erschaffen sich eine eigene Welt, in der ihre eigenen Gesetze gelten und in der wiederum ein Mann, eine Geschichte erzählt um eine Frau zu verführen. Allerdings wird sie mit einem Roman berühmt werden, er stirbt im Krieg. Die Verschachtelung des ganzen ist wunderbar gemacht: ihr Roman wurde vorher von ihm erzählt. Zur Unterhaltung, als Mittel der Verführung, als kleine Flucht vor der Realität, in der nur eine unglückliche Ehe wartet. Der blinde Mörder in dieser erzählten Dystopie hat es sich zur Aufgabe gemacht, von der Tempeldienerin zu erzählen, die nicht mehr sprechen kann. Er legt Zeugnis ab für sie und die Geliebte hält die Ideen ihres Liebhabers fest – auch nach seinem Tod. Schreiben und Zeugnis ablegen hat deshalb auch immer mit Machtstrukturen zu tun, in denen sich die Figuren befinden. Am Ende schreibt Iris einen Brief an ihre Enkelin, die ihr schon lange fremd geworden ist. Wer schreibt und erzählt, gewinnt so automatisch die Deutungshoheit in der Situation.

Atwood schreibt wahnsinnig spannend. Man spürt förmlich das Chaos, in dem sich die Protagonisten wiederfinden und es ist klar, dass es kein Happy End geben wird (denn Laura ist schon auf der ersten Seite mit dem Auto verunglückt). Die genauen Verbindungen und Hintergründe werden erst nach und nach deutlich. Welche der beiden Schwestern den Roman geschrieben hat, bleibt bis zum Ende unklar und sorgt für Spannung. Laura bekommt dadurch eine Tiefe, die man ihr vielleicht anfänglich nicht zugetraut hätte und auch Iris, die mit 80 Jahren kaum Geduld mit ihren Mitmenschen hat und zu einer zynischen alten Schachtel geworden ist, verwandelt sich so in eine unglaublich geheimnisvolle Frau.

Margaret Atwood: Der blinde Mörder. Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Walitzek. Berliner Taschenbuch Verlag 2000. 691 Seiten.

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Die Farben des Nachtfalters

Seit mehr als zwanzig Jahren bin ich die erste Frau, über die die Todesstrafe verhängt wurde. Außerdem begegnet man außerhalb eines Romans von Dan Brown nur selten einem mordenden Albino. Und genau das, meine Hautfarbe und die Tat, die mir zur Last gelegt wurde, ließ die anderen Gefangenen erschaudern, wenn sie an mir vorbeigingen. (S.44)

Die Farben des NachtfaltersMemory sitzt im Frauengefängnis Chikurubi, sie soll ihren langjährigen Gönner, Förderer und Freund Lloyd umgebracht haben. Sie ist eine Außenseiterin, nicht nur, weil sie ein Albino ist, sondern auch, weil sie eine der wenigen Mörderinnen ist, die im Gefängnis sitzen und auf die Todesstrafe warten. Die Mitgefangenen begegnen ihr argwöhnisch, denn Memory interessiert sich kaum für die anderen und ist ihnen in vielen Bereichen überlegen. Sie spricht fehlerfreies Englisch und selbst die Wärterinnen können einen gewissen Neid auf Memorys bisherigen Lebensstil und ihre Erfahrungen nicht verbergen. Das geht nicht immer gut aus. Eine Journalistin interessiert sich für ihren Fall und Memory beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Memory wuchs mit einem liebevollen Vater und einer schwierigen Mutter in einem der ärmsten Townships des Landes auf. Die Familie zog oft um und ihr Bruder verstirbt sehr früh. Als sie neun Jahre alt ist, verkaufen ihre Eltern sie an Lloyd, der dem Mädchen eine gute Schulbildung verspricht, die die Eltern sich nicht leisten können. Memory fühlt sich verraten und von ihren Eltern im Stich gelassen. Mussten die Eltern nicht schon genug leiden, als ihr Bruder gestorben ist? Warum schicken sie Memory zu diesem reichen, aber einsamen Mann? Sie versteht nicht, warum Llody sich ausgerechnet für sie entschieden hat. In den Townships, in denen Memory aufwuchs, wurde ihr Zauberei nachgesagt. Anders als ihre Geschwister kann sie nicht draußen spielen ohne Sonnenbrand zu bekommen. Lloyd hat ein großes Herz für Außenseiter, er ist homosexuell und in Simbabwe ist selbst einvernehmlicher Sex unter erwachsenen Männern ein gesellschaftliches Tabu und gesetzlich strafbar. Als Memory von Lloyds Homosexualität erfährt, ist sie angewidert und verlässt ihn ohne Nachzudenken. Bei ihrem nächsten Zusammentreffen ist Lloyd tot.

Neben dieser konfliktreichen Ausgangssituation um Memory im Gefängnis, entfaltet Gappah aber auch eine mythologische Ebene innerhalb der Erzählung. Es geht um den in Simbabwe traditionell vertretenen Glauben an die Ngozi, Rachegötter oder viel mehr Rachegeister, der fester Bestandteil des Lebens in Memorys Umgebung sind und deren Existenz auch mit dem Glaube an christliche Symboliken und Traditionen in Einklang gebracht wird. Durch tragische und unglückliche Verstrickungen und eine Vermischung von Aberglauben und psychischen Belastungssituationen wird der Glaube an die Ngozi zum Dreh- und Angelpunkt in Memorys Geschichte.

„Heute habe ich über den Birkenspanner nachgedacht. Genau wie dieser Nachtfalter musste ich meine Gestalt, meine Farbe ändern, um mich meiner Umgebung anzugleichen. Ich bin genau wie er blindlings hin und her geflattert, habe immer wieder die Farbe gewechselt im Bestreben, mich anzupassen, zu überleben. Vielleicht ist das ja schon genug – dass ich mich fürs Überleben entschieden habe. Dafür, wieder von vorne anzufangen, ob hier drin oder dort draußen, aber stets im Bewusstsein der Wahrheit. Vielleicht reicht das ja schon.“ (S. 337)

Petina Gappah hat einen Roman geschrieben, in dem es um Verrat, Liebe, Schicksal und ein Leben zwischen Traditionen und Moderne in Simbabwe geht. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse, das geht alles etwas schnell, aber führt auch zu einer spannenden Frage: Kann Memory (!) überhaupt sicher sein, dass ihre Erinnerungen stimmen? Und wie kann ein Leben weiter gehen, wenn man feststellt, dass man eine einzige Erinnerung in seinem Leben komplett falsch gedeutet hat? Petina Gappah hat einen tollen Roman geschrieben, der nicht nur ans Herz geht, sondern auch einen interessanten Einblick in das Simbabwe der 1970er Jahre bis heute liefert. Wirklich gelungen.

 

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters (Book of Memory). Arche 2015. 352 Seiten.

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Sophie hat ihren Job verloren, kein Geld mehr, hockt in ihrer Wohnung und fängt an zu schreiben, zum Beispiel darüber, wie sie ihre geliebten Bücher in einem Second-Hand-Buchladen verscherbelt. Als der Teufel aus dem Badezimmer kam ist ein witziges Buch über eine unerschrockene Poetin, die ihre ganze Kreativität in die Waagschale wirft, um nicht (finanziell) unterzugehen.

Am Anfang steht eine Zahl: 17,70 bleiben Sophie noch bis zum Ende des Monats. Sie hat sich verkalkuliert. Als Schriftstellerin ist sie ohnehin knapp bei Kasse und der Wärmestrahler, den sie über den Winter aufgestellt hat, beschert ihr im Frühjahr eine hohe Stromrechnung, die fast ihre gesamte Sozialhilfe auffrisst. Permanent sitzt ihr der Teufel im Nacken, der sie in ihrer Wohnung besucht und sie verführen will, ihre wertvollen verbleibenden Euros auszugeben. Das klingt in erster Linie nach einer ziemlich dramatischen Situation, aber Sophie gibt nicht auf und schreibt stattdessen einen Roman, in dem sich die Realität endlich einmal (!) der Fantasie unterordnen muss. Ihre finanzielle Zwangslage ist zwar der Ausgangspunkt des Romans, aber durch ein Feuerwerk absurder Ideen, wirkt die Geschichte in erster Linie weder tragisch, noch traurig, sondern ist unglaublich witzig und mit einem guten Gespür für subtile Gesellschaftskritik geschrieben.

Der Arme Poet

Schon 1839 hatten es Künstler*innen nicht leicht, wie Carl Spitzweg auf seinem Bild „Der arme Poet“ ziemlich einleuchtend darstellt. Es regnet durch die Decke, die wenigen verbliebenen Bücher sind um das Bett versammelt und der arme Poet trägt eine Mütze, wahrscheinlich weil es ihm sonst in seinem Zimmer zu kalt ist. Sophie geht es ähnlich, allerdings schlägt sie sich mit den Phänomenen der Gegenwart herum. Sie lehnt es ab, ihre Mutter oder ihre Brüder in ihre finanzielle Notlage einzuweihen. Vor ihrer Familie kann sie schon gar nicht zugeben, dass sie mit Ende 30 immer noch keinen Job hat und ihre Karriere als Schriftstellerin nicht in die Gänge kommt. In dieser Situation hilft es wenig, dass immer wieder die Kommentare ihrer Mutter in ihren Gedanken auftauchen.

„Ach, Kind!“, kraquäkte meine Mutter, „ich hatte ja keine Ahnung, dass du so arm bist. Um das zu erfahren, muss ich also deine Bücher lesen … Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugelassen, dass du diese verflixte Literatur zu deinem Beruf machst.“ (S.17)

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Sophie Divrys Roman ist nicht nur so genial gut, weil es um eine Frau geht, die ihr Leben radikal dem Erfolg ihrer Kunst unterordnet. Divry thematisiert Phänomene der Gegenwart, die aktuell sind und jede_n treffen können: die absurden Forderungen der Arbeitsagentur, in der Sophie bald nur noch verwaltet wird; der Versuch, jeglichen Besitz (selbst Lieblingsbücher) noch irgendwie zu Geld zu machen und gleichzeitig das Gefühl, zu den Ausgeschlossenen und gesellschaftlich Abgestiegenen zu gehören. Ein Gefühl, das Sophie noch mehr quält, als der ständige Hunger.

 

 

 

Sobald einem die geringste Idee kommt, kann man sie sich schon nicht mehr leisten. Es fällt uns normalerweise nicht auf, aber letztendlich ist jede Handlung mit einer Ausgabe verbunden. Wer spazieren geht, steigert seinen Appetit. Wer sich mit Freunden trifft, muss unter Umständen einen ausgeben. Dabei braucht man gerade, wenn man knapp bei Kasse ist, Ablenkung und Unterhaltung. Es ist eine Trotzreaktion, ein rebellischer Instinkt, der einem zuflüstert: Wenn schon keine Arbeit, dann wenigstens Spaß… (S.27)

Abgesehen davon, dass ich selten einen so ehrlichen und authentischen Roman gelesen habe, wartet Divry mit einer Menge komischen und witzigen Ideen auf, die sich als künstlerische Rettungsanker erweisen. Da wehrt sich der Toaster mit Händen und Füßen dagegen, bei Ebay versteigert zu werden („Wie kannst du so grausam mich opfern? Warum mich morden, was hab ich getan? Mit welchem Recht, wer hat’s dir befohlen?“ (S.83)), ihr ebenfalls arbeitsloser Musikerfreund Hector hat eine Affäre, die Sophie bis ins Detail ausschmückt, denn Sex sells und irgendjemand muss ihr Buch ja kaufen, es werden die drei Schritte einer „effektiven Andiedeckestarrung“ vorgestellt und irgendwann kippt das Schriftbild in Richtung konkrete Poesie. Obwohl Thea Dorn ein ganz anderes Thema  verhandelt, fühlte ich mich allein durch den spielerischen und kreativen Umgang mit Sprache an ihren Roman Die Unsterblichen erinnert. Zudem besteht der Roman aus drei Teilen, denen jeweils unterschiedliche Motti vorangestellt sind, die an Texte aus dem Barock erinnern und zusammenfassen, was die Heldin als nächstes erleben wird. Das macht unglaublich viel Spaß und ist gleichzeitig sehr authentisch und treffend beschrieben.

Meine Familie hatte keine Ahnung, dass Arbeitslosigkeit nicht zu Beginn am schlimmsten ist. Am schlimmsten ist sie, wenn man sich genau diese Vorstellung zu eigen macht – dass nichts Neues mehr passieren wird, von meiner Rückstufung als Sozialleistungsempfängerin abgesehen. Diese Etappe, die erst lange meiner Entlassung erfolgte, blieb von meiner Familie unbemerkt. (S.130)

Zum Ende hin, können die vielen sprachlichen Experimente allerdings auch ein wenig ermüden. Zum Glück triumphiert die Kunst über die Arbeitslosigkeit, das ist wahrscheinlich das Schönste an diesem Roman. Und weil ich die Widmung so mag, erwähne ich sie hier auch noch schnell: „Dieses Buch widme ich den Unproduktiven, den Kindern, den Ausgehungerten, den Träumern, den Nudelessern und ,Niedergeschlagenen'“ – ich muss ehrlich sein, bereits auf der ersten Seite, hat Sophie Devry da bei mir einen Nerv getroffen. Vielleicht wegen der träumenden Nudelesser, ich weiß es nicht. Vor Kurzem hat Mareike über französische Badass-Schriftstellerinnen geschrieben, Sophie Divry gehört auf jeden Fall dazu.

Sophie Divry – Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczy. Ullstein 2017.

Ich habe den Roman auf vorablesen.de gewonnen, vielen Dank.