Hart und zart – Das kalte Licht der fernen Sterne

Winter ist Schwarzweiß: Rabenschwarz und Schneeweiß. Winter sind Spuren, Fäkalien, Blut und Urin auf dem weißen Schnee. Winter sind verschwundene Wege, die nach starken Schneefällen freigeschaufelt werden müssen. Winter ist der hohe schwarze Himmel und das kalte Licht der fernen Sterne. (S. 24)

 

Anna Galkinas Debüt ist keine Gute-Nacht-Geschichte für Zartbesaitete. Hinter einer poetischen Erzählweise verbergen sich Geschichten, die manchmal schön, aber häufig auch sehr schrecklich sind.

9783627002244_1448893006000_xxlDie Leser_innen lernen Nastja kennen. Zwanzig Jahre nachdem sie ihre Heimat verlassen hat, kehrt sie zurück. In kurzen Episoden blickt sie zurück auf die 1980er Jahre und ihre Jugend in Moskau. Nastja erzählt Geschichten aus ihrem Leben, die verstören können. Wenn es zwischen ihr und ihrer Mama kracht, dann droht diese ihrer Sechsjährigen Tochter gerne damit, sie in eine Erziehungsanstalt zu schicken. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Oma lebt sie in einem winzigen Haus, ohne fließendes Wasser und Plumpsklo im Garten. Die Oma achtet akribisch darauf, dass sich auf den Zeitungen, die als Toilettenpapier verwendet werden, ja keine hochrangigen Politker befinden. Nicht auszudenken, wenn das Politbüro davon Wind bekäme! Es sind diese absurden Begebenheiten, die den Roman zu einem besonderen Leseerlebnis werden lassen.

Nastja beobachtet genau und berichtet ihre Erlebnisse als wäre sie eine unbeteiligte Person. Sie erzählt von der Lehrerin, die sehr nett ist. Zu allen Kindern, nur nicht zu ihrem eigenen Sohn, denn am Ende würde der Eindruck entstehen, dass sie ihn bevorzugt. Deswegen knallt sie seinen Kopf auf den Tisch bis er Nasenbluten hat. Und es gibt nicht nur schreckliche Lehrer_innen. Während Nastja darauf wartet, dass ihre große Liebe Thomas Anders von Modern Talking endlich nach Moskau kommt und ihre Mutter einen Club für Poesieliebhaber gründet und einen Mann sucht, kreisen die erzählten Episoden um Nastjas Alltag oder Geschichten von Bekannten und Freundinnen. Und um eins vorweg zu nehmen: die meisten Männer kommen ganz schlecht weg. Sie trinken, sie sind übergriffig und sie verhalten sich ekelhaft. In Kapiteln, die gerade einmal vier Seiten lang sind, verstecken sich hinter den scheinbar alltäglichen Begebenheiten, die wahren Tragödien des Lebens. Korruption, Gewalt in der Familie, Eltern, die Alkoholiker sind und Abtreibungen als Initiationsritus zum Erwachsen werden.

Besonders auffällig ist das „Schlampentrio“, das Nastja kennen lernt. War ich anfangs noch froh, dass sie endlich Freundinnen findet, entpuppt sich die Begegnung nur als eine weitere Reise in die Untiefen menschlicher Grausamkeit. Besonders zwei Begegnungen sind unglaublich extrem und zeigen die gesamte moralische Verwahrlosung der Beteiligten. Es geht um Massenvergewaltigung und Folter. Und das kam für mich unerwartet und steht doch nur im Kontext von den vielen unterschiedlichen Grausamkeiten und Übergriffen, die Nastja erlebt.

Aber es geht eben nicht nur um diese Gewalt. Der Roman zeigt Gewalt als eine Facette des Lebens, die unkommentiert neben vielen anderen Ereignissen steht. Dabei ist Das kalte Licht der fernen Sterne auch ein Coming-of-Age-Roman, denn es geht darum, wie schwierig es ist, erwachsen zu werden.

Als Nastja dann den ukrainischen Soldaten Dima kennen lernt, könnte sich das Blatt wenden. Dima will mehr als Sex und das ist immerhin schon eine Überraschung für Nastja. Die Liebe erscheint als winziger Hoffnungsschimmer, wie eine Seifenblase über einem Misthaufen. Und das lohnt sich auf jeden Fall zu lesen.

  

Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne. Frankfurter Verlagsanstalt 2016.

 

Viele Fragen bleiben offen – Hippiesommer

Es ist sicherlich schwierig, einen Roman schreiben zu wollen, in dem es um einen „Generationenkonflikt“ geht. Was bedeutet das überhaupt? Wie sah Jungsein früher aus und wie in Zeiten der Generation Praktikum? Was haben heutige 28jährige, die auf Lebenslaufoptimierung aus sind überhaupt mit den Hippies der 1960er und 1970er Jahre zu tun? Nun ja, viele von ihnen sind unsere Eltern. ;)

HippiesommerElena ist Ende Zwanzig und macht Karriere. Ihr Zuhause ist die Firma und ihr Leben besteht aus Präsentationen, Reisen und sehr viel Arbeit. Als Unternehmensberaterin hat sie keine Zeit mehr für ihr Privatleben und auch ihre Beziehung ist durch den Fokus auf das große Geld und den Job in die Brüche gegangen.

Doch an Weihnachten kommt das Hamsterrad abrupt zum Stehen. Elena landet mit einem Burn-Out in der Klinik. Zusammen mit ihrem Therapeuten beginnt sie ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Kapitel springen abwechselnd zwischen der Situation in der Klinik und den Erlebnissen aus der Vergangenheit und da hat Elena einiges aufzuarbeiten. Besonders die Beziehung zu ihren Hippie-Eltern und den letzten glücklichen Sommer ihres Lebens. Das war der Sommer, in dem Elena ein lilafarbenes Kleid auf dem Dachboden gefunden hat. Das Kleid wird ihr Kostüm für die Schulaufführung des Musicals Hair und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Denn natürlich muss es hier das Musical Hair sein und damit die kommerziell erfolgreichste Thematisierung  einer Gegen- oder Subkultur, die es vor dem Punk und der „Castingband“ Sex Pistols gegeben hat. Ein Musical, das wahrscheinlich nachhaltig unsere Vorstellungen von Hippies über Jahre geprägt hat.  

„Und, haben Sie noch Theater gespielt?“

„Theater? Nein. Nie mehr seitdem. Es kam mir wie Zeitverschwendung vor. Nur so zu tun, als wäre ich jemand anderes. Ich wollte jemand anderes sein!“

(S.184)

In Kutters Roman steht nicht nur der Zusammenbruch von Elena im Vordergrund. Auch das Schicksal ihrer Mutter wird thematisiert und ein Generationenkonflikt konstruiert, der leider zu schnell sehr klischeelastig wird. Auf der einen Seite die karrieregeile Tochter, die den Eltern Spinnerei und Realitätsflucht vorwirft, auf der anderen Seite die Alt-68er Hippiemutter, die ihre eigene Spießigkeit durch Yoga und „irgendwas mit Kunst“ zu kompensieren sucht. Eine Mutter, die ständig scheitert und eine Tochter, die nur arbeitet, um irgendwie die fehlenden Familienstrukturen auszugleichen und die Anerkennung zu bekommen, die ihr in der Kindheit verwehrt wurde.

Der Text ist weitaus anstrengender und bitterer als Cover und verspielt klingender Titel vermuten lassen. Gerade am Anfang war ich sehr irritiert. Elena ist so distanziert von sich selbst und von ihrem eigenen Leben, dass sie nur in der dritten Person erzählt.

Ach, Elena – ich habe von ihr erzählt, als wäre sie eine andere Person, eine Schwester, vielleicht oder eine Cousine. Ich habe nicht mehr viel gemein mit dem Mädchen in dem Hippiekleid. (S.171)

 Am Ende gibt es nicht den einen Grund für Elenas Zusammenbruch. Es sind viele kleine Dinge, die zusammenkommen. Vieles bleibt im Text nur angedeutet. Hat Elenas Vater wirklich Fahrerflucht begangen, wie sie in diesem letzten Sommer vermutet und ist er Schuld daran, dass ihre große Liebe im Koma lag? Stimmt es, dass ihre beste Freundin sie verraten hat? Oder hat sie sich vielleicht wieder einmal die Dinge nur so zurechtgelegt und zusammengeschoben, wie es ihr gerade passt? Ist die Vergangenheit ihrer Eltern für sie nicht eher wie ein Bild aus dem Musical Hair? Offene Haare, barfuß, Männer und Frauen mit Blumenkränzen im Haar? Am Ende sind Tochter und Mutter gar nicht so verschieden. Vor der Realität zu flüchten, scheint für beide eine funktionierende Bewältigungsstrategie zu sein.

„Wir merken uns einige wenige Szenen, andere vergessen wir. Wir gehen dabei sehr selektiv vor, ohne dass es uns auffallen würde. Manchmal erfinden wir sogar Dinge und beginnen an sie zu glauben. Das alles ist unsere Erinnerung. Eine trügerische Quelle. Aber wir sind eben versessen darauf, in allem Zusammenhänge zu sehen. Wir geben Dingen einen Sinn, weil wir glauben, ihn zu brauchen.“ (S.195)

Obwohl ich die grundsätzliche Idee sehr spannend fand, konnte mich der Roman nicht vollends überzeugen. Obwohl es Kutter gut gelingt, die Gedankenkreise und das Gefühl des NiezurRuhekommens eines Burn-Outs und die absurden Anforderungen der heutigen Arbeitsrealität nachvollziehbar darzustellen, habe ich Schwierigkeiten mit den Figuren.

Die Figuren bleiben auf Distanz, alles ist gewollt beiläufig. Elena ist eine sehr komplizierte Figur, die vieles falsch versteht und auch ihre Mutter ist schwierig. Manchmal verstehe ich auch gar nicht genau, warum jetzt gerade diese Situation für Elena eine Belastung darstellt.

Am Ende des Romans bleiben bei mir noch einige Fragen offen. Dass Janis Joplin mit ihrem Song Me and Bobby McGee dann schlussendlich Elenas Leben rettet, ist dann leider auch nicht mehr stimmig, sondern im Endeffekt ähnlich klischeebeladen wie der anfängliche Generationenkonflikt.

 

Inge Kutter: Hippiesommer. Arche 2016.

Vielen Dank an die Leserunde bei Lovelybooks und den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Noch mehr Fasanensandwiches – Flavia de Luce. Eine Leiche wirbelt Staub auf

Buchreihen sind die besten Serien. Man kann sie viel länger genießen als einen kurzen Roman. Man kann eintauchen und Seite für Seite eine Welt entdecken und Protagonist_innen begleiten, die man bereits seit langer Zeit kennt. Kein Wunder, dass ich regelmäßig die Harry Potter Romane im Bücherregal streichle.

Bradley_AFlavia_de_Luce_7_158752.jpgDie Reihe Flavia de Luce hat für mich ähnliches Suchtpotenzial wie Hermine und Co. Alan Bradley hat nicht nur eine sympathische, wahnsinnig schlaue 11-jährige geschaffen, die sich für Chemie interessiert und Madame Curie in den Schatten stellt, er hat auch ein geniales Setting aufs Papier gezaubert. Flavia wohnt im alten Anwesen Buckshaw, dessen verlassene Räume so verlassen sind, dass anfänglich noch nicht einmal alle Hausbewohner wissen, dass Flavia ein eigenes Laboratorium eingerichtet hat. Die de Luces haben eine lange und geheimnisvolle Ahnenreihe, aber natürlich kein Geld und wie es sich für verarmte Adlige mit einem Mindestmaß an Standesdünkel gehört, trotzdem eine Köchin und Dogger, der im Haus hilft. Flavias Fahrrad heißt Gladys und wenn sie von ihren fiesen Schwestern geärgert wurde, schwingt sie sich aufs Rad und fährt durch Bishop’s Lacey, ihrem Heimatort. Dabei beobachtet sie sehr viel mehr als die Erwachsenen glauben und da kleine Mädchen gerne unterschätzt werden, nutzt Flavia jede Chance, die sich bietet um in den zahlreichen Kriminalfällen zu ermitteln, die ihr seit mittlerweile sieben Bänden vor die Nase purzeln.

Im neuesten Band ist es direkt eine Leiche, die Flavia aus dem Schornstein entgegenfällt. Eingewickelt in einen Union Jack, verkohlt und verschmort. Dabei hat Flavia gerade erst ihre neue Mitbewohnerin kennen gelernt. Flavia ist nicht mehr auf Buckshaw, aber das Verbrechen schläft bekanntlich nie.

Grundsätzlich gilt, dass man, wenn man eine Leiche findet, den Luxus genießt, sie sich in aller Ruhe anzuschauen, bevor eine Horde Polizisten auf den Schauplatz getrampelt kommt wie eine Herde Rindviecher, die ein Picknick ruiniert. Aber eben nicht jedes Mal – und das hier war eines jener anderen Male. Ich hatte alles gesehen, was ich je zu sehen bekommen würde. Was es an Sachbeweisen auch geben mochte, ich hatte alles bereits im Kopf. (S.57)

Ziemlich abgebrüht für eine Zwölfjährige, aber Flavia hat  schon einiges gesehen und kennt sich ziemlich gut aus. Kein Wunder, dass sie normalerweise diejenige ist, die der Polizei Ermittlungstipps gibt. Aber im neuen Band der Reihe ist Flavia nicht mehr in Bishop’s Lacey und vieles läuft anders als gewohnt.

Flavia ist von ihrer Tante Felicity nach Kanada in ein Internat verfrachtet worden. Miss Bodycotes Höhere Mädchenschule ist ein besonderes Internat, das auch schon Flavias Mutter besucht hat. Ihr Porträt hängt mit Blumen bekränzt im Flur und das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit. Neben der Leiche, die Flavia am ersten Tag entdeckt, gehen noch andere Seltsamkeiten an der Mädchenschule vor sich.

Eine freigesprochene Mörderin unterrichtet Flavias Lieblingsfach Chemie und manche Schülerinnen verschwinden urplötzlich aus der Schule. Auch Flavias Zimmernachbarin weilt nur kurz im gemeinsamen Zimmer und ist danach auf der Krankenstation untergebracht. Für niemanden erreichbar. Weiß Tante Felicity davon? Und was hat es mit der undurchsichtigen Schulleiterin Miss Fawlthorne auf sich?

Obwohl Flavia mehrfach versucht via Geheimcode Kontakt aufzunehmen, reagieren manche Schülerinnen überhaupt nicht auf das Wort „Fasanensandwich“, das schon in den vorherigen Bänden eine Rolle gespielt hat. Warum hat Tante Felicity darauf bestanden, dass Flavia ausgerechnet diese eigentümliche Schule besucht? Der Französischunterricht ist eine Qual und außerdem weiß sie immer noch nicht, wem sie eigentlich vertrauen kann. Als dann bei einer spiritistischen Sitzung einiger Schülerinnen auch noch das Ouija-Brett behauptet, dass Geister anwesend seien, ist Flavia klar, dass hier dringend ein paar Ermittlungen nötig sind.

Eine Leiche wirbelt Staub auf ist für viele Flavia-Fans sicherlich eine Überraschung. Flavias Familie spielt keine Rolle, Dogger schreibt zwar einen Brief und in ihrer Einsamkeit stellt Flavia sich vor, was ihre Schwester Daffy wohl gerade sagen würden, aber auch das ist nur ein schwacher Trost. Mir fehlen die Streitereien der Schwestern. Stattdessen lerne ich so viele neue Mitschülerinnen von Flavia kennen, dass ich nach der Hälfte schon Probleme bekomme, mir alle Namen zu merken. Jumbo, Van Arque, Collingwood, Brazenose, Fitzgibbons …- mir fehlen da ein paar deutlichere Charakterisierungen, ansonsten verschwimmen alle neuen Mitschülerinnen in einem Einheitsbrei. Der Fall ist nach wie vor spannend und ich habe den Roman in einer Nacht durchgelesen. Trotzdem vermisse ich die Flavia-Zutaten, die diese Reihe für mich so besonders machen. Und das sind auch die besonderen Protagonisten. Ihr verdrehter Vater, ihre zickigen Schwestern, Dogger, und die magischen Orte Buckshaw und natürlich Bishop’s Lacey.

Ich war auch kein großer Fan davon, dass Harry, Hermine und Ron auf der Suche nach Hoarcruxen Hogwarts verlassen müssen, aber im Gesamtkontext war das natürlich ein unvermeidlicher Schritt in der Geschichte. Wie viel Flavia jetzt in dieser Ausbildungsepisode wirklich mitgenommen hat, ist für mich nicht ganz klar geworden.  Aber zumindest konnte sie den Fall lösen und sie ist auf dem Weg ihre Bestimmung zu erfüllen. Und  vielleicht gibt es ja auch im nächsten Teil noch mehr Fasanensandwichhinweise. Ich bin nach wie vor gespannt wie es weiter geht, aber auch ganz froh, dass Flavia am Ende des Romans endlich ein Schiff Richtung Heimat betritt.

Alan Bradley – Flavia de Luce. Eine Leiche wirbelt Staub auf.

Aus dem Englischen von Gerald Jung und Katharina Orgaß.

Penhaligon 2016.

ISBN: 978 – 3 – 7645 – 3112-6

Die besten Erzählungen von T.C. Boyle – Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte

 

„Meine Agenten sagen immer, ich soll nicht so schnell schreiben. Ich schreibe aber nicht wegen des Geldes, Schreiben ist mein Leben! Vielleicht schreibe ich ganz viele Bücher auf Vorrat, dann könnte man die noch nach meinem Tod jahrelang herausbringen. Wie Jim Morrison, der bringt auch noch jedes Jahr eine neue Platte heraus.“

 T.C. Boyle, gefunden auf der deutschsprachigen Boyle Seite *klick*

Ich gehöre zu den glücklichen Schüler:innen, die das erste Mal am Zentralabitur teilnehmen durften. Das war 2007 und ist mittlerweile schon ein bisschen länger her. In NRW stand der Schriftsteller mit dem langen zweiten Vornamen auf dem Plan und wir quälten uns ein Halbjahr lang durch Tortilla Curtain, ein Roman über mexikanische Einwanderer in den USA, der auf Deutsch den schmucken Titel América trägt. Im Roman geht alles schief, was man sich ausdenken kann und von Seite zu Seite geht alles nur noch den Bach herunter. Ich war so genervt von dem Roman, dass mir die tragische Geschichte um das absolute Scheitern des American Dream, das beispielhaft an einem  illegal in den USA lebenden Pärchen beschrieben wird, am Ende gar nichts mehr sinnvolles sagen konnte. Dabei hatte ich im selben Jahr zum ersten Mal  Drop City gelesen und geliebt. Denn T. C. Boyle ist einfach Rock’n’Roll.

als_ich_heute_morgen_aufwachte_war_alles_weg_was_ich_mal_hatte-9783423216159Mittlerweile ist, um eine aktuelle Kurzgeschichte vom Meister selbst zu zitieren, wirklich viel Whiskey den Fluss hinuntergeflossen. Ich habe verschiedene Romane von T.C. Boyle gelesen. Und T.C. Boyle ist neben Joey Goebel, Arno Schmidt und Walter Moers,  einer meiner Lieblingsschriftsteller geworden. Denn ich habe das Gefühl, dass ich mit seinen Romane nie etwas falsch machen kann. Ich mochte Dr. Sex, ich fand Drop City genial. Und ich bin vor kurzem auf eine Kurzgeschichtensammlung von ihm gestoßen, die erst letztes Jahr erschienen ist. Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte umfasst acht Kurzgeschichten mit epischen Titeln wie Torschlusspuder oder Chicxuluclub. Wörter, von denen ich noch nicht einmal genau wusste, was sie denn jetzt eigentlich bedeuten sollen.

Schon die erste Kurzgeschichte hat es in sich. Es geht dem Titel nach um „Moderne Liebe“, es geht um die Angst vor Infektionen und ein Sagrotantuch-Mädchen und ein Ganzkörperkondom und der letzte Satz zieht dir die Schuhe aus. In „Wenn der Fluss voll Whiskey wäre“, geht es um einen verzweifelten Familienvater, dessen Ferienidylle große Risse bekommt und in der „Windsbraut“ sucht eine Vogelfotografin die Liebe und breitet dann ihre Schwingen weiter aus, als irgendjemand erwarten konnte. Es geht um verschwundene Töchter, kaputte Lebensentwürfe, verzweifelte Liebe und Gefahren, die bis zu apokalyptische Bedrohungen ausufern. Es geht um Familien, die  aus Angst vor den Auswirkungen der zivilisierten Welt auf das eigene Seelenleben in die Wildnis fliehen und um ein Pärchen, das die Wildnis in Form einer Raubkatze ins eigene Wohnzimmer holt. Mensch vs. Natur und wer den Kürzeren ziehen wird, ist relativ klar.

Kurzgeschichten gefallen mir besonders gut. Egal ob Alice Munro oder Julie Orringer, bisher habe ich mit Kurzgeschichtensammlungen noch nie etwas falsch gemacht. T. C. Boyle ist da keine Ausnahme. In den acht Erzählungen sind seine Helden cool und kaputt und gleichzeitig manchmal so normal, dass es fast weh tut. Sie manövrieren sich in ausweglose Situation und müssen sich auf einmal vor vollendete Tatsachen stellen. Ein kleiner Moment erzählt auf einmal das ganze Leben und bestimmt alles, was noch kommen wird.

Ich wollte sagen, dass ich keinen Platz hatte für das Tier, dass ich keine Katze welcher Art auch immer wollte und auch kein Meerschweinchen oder einen Fisch in einer Glaskugel, dass die zehn Dollar unwichtig waren, aber alle sahen mich an, und ich konnte keinen Rückzieher machen, ohne dass mir die Schamesröte ins Gesicht gestiegen wäre – und Daria war ebenfalls zu berücksichtigen, weil auch sie mich ansah. „Ja“, sagte ich. „Ja, okay, klar.“ (Zähne und Klauen, S. 189)

Boyles Helden scheitern, ohne hilflos zu wirken. Das macht sie so sympathisch.

Wenn ihr Lust habt auf ein kleines bisschen Rock’n’Roll zwischendurch und euch Hart auf Hart gerade zu lang ist, könnt ihr ja einen Blick auf Boyles Short Stories werfen. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, dieses Jahr möglichst viele T. C. Boyle – Romane zu lesen. Habt ihr Ideen, mit welchem Roman ich anfangen könnte?

Mehr als ein Märchen – Die Schneekönigin

Leer, groß und kalt war es in der Schneekönigin Sälen. Die Nordlichter flammten so genau, dass man sie zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaal war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke zersprungen; aber jedes Stück war dem anderen so gleich, dass es ein vollkommenes Kunstwerk war. Und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, dass sie im Spiegel des Verstandes säße und dass dieser der einzige und der beste der Welt sei.

                                  Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin

Die-Schneekönigin-188x300Andersens Kunstmärchen ist komplizierter konstruiert als viele andere Märchen. Kay und Greta sind Nachbarskinder und Kay passiert ein Unglück: im fällt ein Spiegelsplitter ins Auge, der dafür sorgt, dass Kay die Welt nur noch als hässlich und schrecklich wahrnimmt. Der Spiegel gehörte eigentlich dem Teufel, aber dem rutschte das Ding einfach aus den Händen. Kay ist durch den Splitter in seinem Auge so verblendet, dass er der Schneekönigin hinterherläuft, die ihn in ihrem eisigen Palast erst küsst, so dass Kays Herz zu Eis erstarrt und anschließend gefangen nimmt. Gerda setzt Himmel und Hölle in Bewegung um Kay zu retten. Am Ende sind es ihre Tränen, die Kays Splitter wegspülen und dafür sorgen, dass beide endlich nach Hause können. Happy End.

In Michael Cunninghams Roman Die Schneekönigin wird die Andersen Referenz holzhammerartig, aber konsequent durchgezogen. Das Ergebnis ist ein bisschen kitschig und trotzdem sehr berührend. Gerade weil der Roman am Ende sehr viel mehr als ein Märchen ist.

Die Geschichte von Cunningham spielt in New York, es ist Winter in Bushwick, Weihnachten ist gerade vorbei. Bushwick ist nicht schick, Bushwick ist sehr hässlich. Der Plot dreht sich um vier Protagonist_innen, die alle auf bessere Tage hoffen, sich selbst als lebende Kunstwerke begreifen und auch ein bisschen Schneekönigin an sich haben. Oder zumindest Schnee. Tyler Barrett versucht seit Jahren sein Glück als Musiker und hofft darauf, den großen Song zu schreiben. Einen Hochzeitssong für seine eigene Hochzeit, aber er hat nicht viel Zeit. Weil das Songschreiben so eine mühsame Angelegenheit ist, muss Tyler regelmäßig mit einer Prise Schnee, äh Koks, nachhelfen. Tylers große Liebe Beth ist an Krebs erkrankt (daher Tylers Zeitdruck) und wenn es ihr gelingt, sich aus ihrem Sterbezimmer aufzuraffen, wirft sie sich in weiße Kleider, denn Buntes erträgt sie nicht mehr. Tylers Bruder Barrett, Lieblingsroman: Madame Bovary, ansonsten hochbegabter Yale-Absolvent (na ja, fast) und eben auch (fast) echter Literaturwissenschaftler, kriegt einfach nichts auf die Reihe und verkauft deshalb überteuerte Klamotten in einem Second-Hand-Designer-Laden.  Das bunte Treiben eröffnet ihm ganz neue literarische Anknüpfungspunkte, die ihn innerlich zum Strahlen bringen:

Es ist das in der Praxis abgeschaffte, aber immer noch dankbare Unheil, das alle Impulskäufer begleitet – die verarmte Matrone, den enterbten jungen Grafen – wenn sie sagen: „Ich werde in diesem kunstvoll verwaschenen Freddy-Mercury-T-Shirt (zweihunderfünfzig Dollar) auf Erden wandeln, auf der Party heute Abend trage ich dieses Vintage-Minikleid von Alexander McQueen (achthundert), weil mir der Augenblick mehr bedeutet als die Zukunft. Die Gegenwart, heute Nachmittag, heute Abend, das Gefühl einen Raum zu betreten und tatsächlich, wenn auch nur kurz, zum Schweigen zu bringen, das ist mir wichtig, es ist schon in Ordnung für mich, nichts zu hinterlassen.“ Es handelt sich, in Barretts Augen, höchstens um eine harmlose Form des Sadismus, immerhin wirft sich niemand, der den Laden mit Einkäufen verlässt, die er sich eigentlich nicht leisten kann, vor den nächsten Zug. Und so kann er ohne Gewissensbisse (ohne allzu große Gewissensbisse) die Vorstellung genießen, dass Madame Bovary und die Buddenbrooks und das Haus der Freude weiterleben. (106)

Nebenbei wartet er  auf den richtigen Mann für’s Leben, allerdings ist das nicht so einfach. Als ihn mitten in der schneebedeckten Landschaft des Central Parks eine übernatürliche Vision ereilt, glaubt der Ex-Katholik Barrett auf einmal doch wieder an das göttliche Moment und sucht regelmäßig die nahegelegene Kirche auf. Denn irgendeine Bedeutung muss das Licht doch haben.

Vielleicht wird er im hohen Alter einer jener Geschichtenerzähler sein, die das Unmögliche gesehen haben; ein UFO-Zeuge, ein Bigfoot-Zeuge, ein komischer Kauz, der einen flüchtigen, wundersamen Blick auf etwas Unerklärliches erhaschen konnte und sich dann wieder dem Älterwerden zuwandte; der die Subgeschichte der Spinner und Paranoiker fortschreibt, jener Heerschar von alten Säcken, die genau wissen, was sie gesehen haben, auch wenn es Jahrzehnte her ist, und wenn du es nicht glauben willst, du Jungspund, ist das in Ordnung, vielleicht wirst du selbst eines Tages etwas sehen, das du dir nicht erklären kannst, und dann, nun, dann wirst du es wohl endlich begreifen. (S. 57)

Das Quartett wird durch Liz komplett,  eine alternde Punkdiva und Chefin von Barrett, die von Tylers Drogenkonsum weiß und ihn immer wieder gerne tröstet. Doch davon weiß Beth nichts.

In diesem Potpourri aus schweren Schicksalsschlägen und verkrachten Existenzen ereignet sich dann ein Wunder, kurioserweise kurz nachdem Tyler ein Eiskristall ins Auge geflogen ist und Barrett seine Vision hatte. Beth scheint sich wieder zu erholen. Oder sind Tyler und Barrett nur von der Schneekönigin verzaubert worden?

In Cunninghams Roman geht es um Wünsche, Hoffnungen und natürlich um Wunder.  Die Geschichte beginnt im November 2004 und endet im November 2008 und in dieser Zeit kann für Tyler, der die Vision nicht gesehen hat, und Barrett, der eigentlich gar nicht weiß, was er da genau gesehen hat, alles zum Wunder werden. Beth Genesung, Bushs Niederlage – alles ist gleich wichtig und alles hat irgendwie doch noch Potenzial, zu etwas Gutem zu werden. Könnte man denken…

Cunningham erzählt manchmal sehr überzeugend, manchmal gewollt konstruiert, über diese merkwürdigen vier Jahre. Irgendwo zwischen Resignation und Aufbruch, zwischen Drogen und Delirium, zwischen märchenhaften Visionen und der harten Realität von Kokainsucht und Krebserkrankung. Das ist glücklicherweise nicht nur deprimierend, sondern auch sehr unterhaltsam.  Weil Cunningham sehr gekonnt zwischen E- und U hin- und herspringt, macht die Nebeneinanderreihung vermeintlicher Gegensätze besonders viel Spaß. Kombinationen aus Shoppingwahn und Buddenbrooks oder einfach Zitate wie „Barrett, du verwechselst dich mit einer Figur aus einem B-Movie – oder wo wir einmal dabei sind, mit einer Figur aus einem Roman von Dostojewski“ sorgen dafür, dass der Roman Seite für Seite fast zu einem Meta-Märchen wird, dass sehr viel aktueller, aber auch bissiger ist, als Andersen es je sein wollte. Die Geschehnisse sind zum Teil tragisch, der Text sehr poetisch geschrieben, stellenweise komisch und manchmal auch ein bisschen überladen. Aber das macht nichts. Und am Ende muss ich an die Schneeprinzessin des Empowerments schlechthin (ausgerechnet von Disney) denken.

„Let it go“ – das Ende ist tragisch und schön gleichzeitig und ob Tyler seine Königin findet, bleibt in der Schwebe und verschwindet unter einer Ladung Schnee. Aber das macht nichts.

„Ist es wichtig?“, fragt Liz.

„Was?“

„Ein Omen zu haben. Oder etwas in der Art.“

„Du musst schon zugeben, dass es interessant ist.“

„Schätzchen. Ich würde eher sagen, ich muss zugeben, dass es bescheuertes Wunschdenken ist.“ (S.154)

Michael Cunningham – Die Schneekönigin (=The Snow Queen).

Luchterhand 2015.

Ich habe den Roman beim Bloggerportal als Rezensionsexemplar bestellt. Vielen Dank!

Cinderella in Chinatown – Wenn die Liebe tanzen lernt

Wenn die Liebe tanzen lernt von Jean Kwok

Wenn die Liebe tanzen lernt begegnete mir das erste Mal auf Primeballerinas Blog. Ich wollte den Roman unbedingt lesen, auch wenn das Cover  nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht. Zu pink und einen Tick zu kitschig und auch der Titel klang für mich erst einmal wenig einladet, die englische Version Mambo in Chinatown klang für mich deutlich vielversprechender. Und ich bin nicht enttäuscht worden.

Charlie Wong lebt mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Lisa in Chinatown in New York. In der Schule war sie keine große Leuchte und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehen nicht gut aus, so dass sie als Tellerwäscherin in einem chinesischen Restaurant ihr Geld verdient. Ihr Vater ist der große Nudelmeister des Viertels und genießt relativ großes Ansehen als Koch. Eine andere Arbeit als im Restaurant kann und will er sich für seine älteste Tochter nicht vorstellen. Als Lisa Charlie dazu überredet, einen neuen Job als Rezeptionistin in einem Tanzstudio anzutreten, eröffnen sich für Charlie neue Welten – Turniertanz, Profisport, Glitzertrikots. Das Tanzstudio wird zum Sehnsuchtsort. Durch Zufall und wie das in Märchen eben so ist, darf sie selbst auch aufs Parkett und die Profis erkennen ihr verstecktes Talent, das ihr in die Wiege gelegt wurde. Charlie und Lisas Mutter war selbst Balletttänzerin in China, bevor sie mit ihrem Mann in die USA immigrierte. Charlies Vater kann sich ein Leben für seine Töchter, besonders nach dem Tod seiner Frau, außerhalb der chinesischen Community nicht vorstellen und lateinamerikanische Tänze rangieren für ihn irgendwo im Bereich des Striptease. Doch Charlie gibt nicht auf und versucht alles, um ihren Traum zu verwirklichen.

Während alle anderen ihre Einzelstunden gaben, suchte ich mir ein ruhiges Eckchen und ging noch einmal alles durch, was ich an diesem Tag gelernt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, etwas gefunden zu haben, für das ich ein gewisses Talent mitbrachte. Wie sagte Patentante immer: Aus dem Nichts entsprang das Universum. (S.181)

Charlie ist eine sehr sympathische Figur, die sich allerdings generell viel zu wenig zutraut. Aber das muss so sein, denn so funktioniert die Wandlung vom unscheinbaren Entchen zum hübschen Schwan so viel besser. Und das Universum meint es eben gut mit ihr.

Natürlich lauert da noch ein potentieller Love-Interest im Studio, ein Prince Charming, der nur noch ihren zweiten Tanzschuh finden muss. Doch wer gewinnt ihr Herz? Ist es der gutaussehende Profitänzer, der allerdings schon seinen Ruf als Frauenschwarm weg hat oder ihr hinreißender Tanzschüler, mit dem sie laut Vertrag allerdings keine Beziehung anfangen darf? Doch zum Glück ist der Roman gar nicht so sehr eine Liebesgeschichte, viel mehr geht es um eine junge Frau, die endlich ihre Bestimmung findet und entdeckt, was sie mit ihrem Leben machen möchte – und das ist einfach: Tanzen.

Der Roman war gerade dann gut und wirklich gelungen, wenn es um die Szenen im Tanzstudio ging. Jean Kwok weiß einfach, wovon sie schreibt und es hat mir richtig Spaß gemacht, über die unterschiedlichen Tänze und die Profitszene mit ihren Licht- und Schattenseiten zu lesen. Ich habe mich fast so gefühlt, als würde ich mit im Studio stehen. Und wer möchte, kann die Autorin, die selbst jahrelange Tanzerfahrung hat, auch auf YouTube bewundern. *klick*

Außerdem gefielen mir die interessanten Beobachtungen und Details aus dem Leben der jungen chinesischen Migrant_innen oder ABCs (american-born chinese), die auf der einen Seite den strengen Traditionen ihrer Familien entsprechen sollen und andererseits ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, das ohne arrangierte Ehen und importierte kulturelle Vorstellungen, Traditionen und Aberglauben auskommt.

Während Charlie sich durch die Schrittfolgen des Rumba kämpft, geht es ihrer kleinen Schwester immer schlechter. Ist es Schulstress oder steckt mehr dahinter? Ihr Vater vertraut auf die traditionelle chinesische Medizin, aber Charlie merkt, dass er ihrer Schwester so nicht helfen kann. Dabei ist ihr Onkel einer der berühmtesten Heiler des Viertels und die bekannte Hexe der Gegend, „die Vision“, hat ebenfalls angefangen, sich in das Leben der Familie einzumischen.

Während das Tanzen und das Aufeinanderprallen der westlichen und der östlichen Traditionen besonders interessant waren, ist die Liebesgeschichte relativ vorhersehbar. Andererseits – welche Zuschauer_innen erwarten bei Dirty Dancing oder Step Up denn ernsthaft überraschende Wendungen? Cinderella bekommt doch auch das Kleid und die Kutsche und den Prinzen und ihren (Tanz-)Schuh und Baby darf die Melone tragen und am Ende am Tanzwettbewerb teilnehmen. Baby vertritt die echte Tanzpartnerin, die wegen einer Abtreibung leider gerade unpässlich ist, aber bevor die Realität mit aller Wucht zuschlägt, darf Baby noch zu (I had) The Time of my Life tanzen. Und die Hebefigur klappt auch. Und auch Charlie tanzt sich im Roman ins Herz des Richtigen und es gibt ein Happy End, das zeigt, dass die angedeuteten Probleme und schwere Schicksalsschläge lösbar sind. Das ist vielleicht ein bisschen viel Zuckerguss, hat für mich aber wirklich gut in die Weihnachtszeit gepasst.

Wie in jedem Tanzfilm steht auch dieser Roman unter dem Motto „You can do it, if you really want“. Das liest sich so leicht und wunderbar fluffig und fühlt sich an wie ein Paillettenkleid mit Tüll und einer riesigen Schleife, die leise summt: „Ich bin ein Märchen“. Und dann ist es auch in Ordnung, dass ein unbeschriebenes Blatt in wenigen Monaten zum Fast-Profi aufsteigt, das macht Baby ja nicht anders. Wer Tanzfilme mag, wird den Roman lieben.

Übrigens gibt es noch einen anderen Kandidaten, der von der Nudelküche zum Großmeister seiner Kunst aufsteigt, der allerdings figurentechnisch kaum mit einer Ballerina mithalten kann: Kung-Fu-Panda. Obwohl er eigentlich den Nudeltraum haben und den Familienbetrieb fortführen sollte, führt ihn sein Schicksal zum Kampfsport. Karma und Universum haben eben immer  Recht. Aber nur bei DreamWorks und im Märchen können Träume wahr werden. Und in Chinatown.

Jean Kwok – Wenn die Liebe tanzen lernt. Goldmann 2015.

Ich habe den Roman beim Bloggerportal von Random House als Rezensionsexemplar angefragt. Vielen Dank!

Nachts schwimmen

310_29070_159493_xxlDreiecksgeschichten sind kompliziert und enden meistens tragisch. Zwei sind ein Paar, drei sind einer zu viel. Lover oder Geliebte, am Ende gibt es meistens die große Enttäuschung auf allen Seiten. Sarah Armstrong rückt in ihrem Roman Nachts schwimmen eine Dreiecksgeschichte in den Mittelpunkt, in der es einem Mann nicht gelingt, seine unglückliche Beziehung zu beenden, als er seine wahre Liebe zu finden scheint. Also fährt er fortan zweigleisig. Und das ist gar nicht so weit hergeholt. Die Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung stellte 2008 in einer großangelegten Studie fest, dass 38,9 Prozent der Männer und 37,1 Prozent der Frauen schon einmal fremdgegangen seien. Auch die Klassiker der Weltliteratur kennen das Phänomen, man nehme nur Effi Briest, Madame Bovary oder Anna Karenina. Und bekanntlich wurde keine von ihnen glücklich.

In Nachts schwimmen ist es der vermeintlich harmlose nächtliche Ausflug der das Unglück in Bewegung setzt. Rachel schleicht sich gerne heimlich ins Schwimmbad und zieht Nachts ihre Bahnen. So entspannt sie sich, denn mit der Situation zu Hause ist sie momentan absolut überfordert. Sie möchte ihrer Mutter helfen, die im Sterben liegt. Obwohl die Situation schon schwierig genug ist, werden auch noch alte Wunden wieder aufgerissen. Als Rachel 12 Jahre alt, ertrank ihr Bruder. Unterschwellig machte ihre Mutter Rachel für das Unglück verantwortlich, so dass sich Rachel nicht nur mit dem nahenden Tod ihrer Mutter, sondern auch mit ihrer tragischen Vergangenheit konfrontiert sieht. Ihr einziger Lichtblick ist das Schwimmen. Und dann gesellt sich eines Nachts ihr neuer Nachbar Quinn zu ihr. Er ist der Arzt ihrer Mutter und als böte diese Situation nicht schon genug tragisches Potenzial, ist Quinn auch noch verheiratet. Aber es läuft nicht so rund in seiner Ehe. Seine Frau wünscht sich ein Kind und Quinn sieht sich nach mehreren Fehlgeburten der Situation einfach nicht mehr gewachsen. Er fühlt sich gestresst und kann Marianna einfach nicht das geben, was sie sich sehnlichst wünscht. Da ist die Situation mit Rachel natürlich sehr viel einfacher. Quinn und Rachel beginnen eine Affäre und dann kommt doch alles ganz anders als erwartet.

Zugegeben, bis zu diesem Wendepunkt war ich nicht wirklich von der Geschichte überzeugt. Ich bin vielleicht von anderen Autor_innen auch sehr verwöhnt worden, aber wenn auf dem literarischen Höhepunkt der Leidenschaftlichkeit endlich hemmungslos „gevögelt“ wird und dann um emotionale Tiefe anzudeuten endlich „Liebe gemacht“ werden kann, bin ich relativ empfindlich. Da geht doch noch mehr, oder? Und übrigens auch im Wasser, Stichwort Erotisches am Dümmer.*

Buchling*Ja, finde ich schon. Im Stil der Mythenmetzschen Abschweifung jetzt also eine Sexszene, die eigentlich recht Offtopic ist, die aber vielleicht den Horizont erweitert:

„wir gingen systematisch an die Untersuchung, ,linguistisch‘ heißt ja wohl ,mit der Zunge‘?). / Ich trieb, Brust auf Brust, in ihrem rötlichen Teich, weiße Strünke ragten an allen unsern Ufern, ihr schiefer Schopf klebte mir über der linken Schulter: im Seegras klafften Augenmuscheln; ein Gebiß schwamm heran und fraß sich fest:! daß mein Körper spitzere Wellen schlug: da verschwanden die Emailleringe nach oben; violettbraune Röchelstöcke ringelten langsam, neben Einem, mit riesigen Locken.“

(Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas)

Im zweiten Teil allerdings, nach dem großen Knall, konnte mich der Text dann wieder gefangen nehmen. Die Situation spitzt sich dramatisch zu und dann läuft doch alles weiter wie bisher. Und das erscheint mir absolut realistisch, denn wer rechnet mit so einem Verrat? Quinn führt ein Doppelleben und nur eine „seiner“ Frauen, weiß was wirklich los ist.

Er verstand nun, dass er sich selbst immer für einen guten, wenn nicht gar durch und durch guten Menschen gehalten hatte. Als wären seine Moralvorstellungen eine feste Größe, anhand derer sich andere messen ließen. Vielleicht hatten alle dieses Bild von sich. Bis sie etwas taten, das absolut falsch war. (S. 172)

Es ist sicherlich eine der großen Stärken des Textes, dass eben nicht der moralische Zeigefinger gehoben wird. Quinn reflektiert die Situation immer wieder, er versucht einen Kompromiss zu finden, so wie fast alle Beteiligten. Leid tat mir allein die betrogene Ehefrau, die nichts vom Betrug ahnt. So entsteht ein interessantes Beziehungsgeflecht, in dem die Frage nach Schuld und Unschuld spätestens dann nicht mehr gestellt wird, wenn es um die eigene Familie und die eigenen Kinder geht. Dass sich die Situation natürlich so nicht aufrecht erhalten lässt, sorgt für die nötige Prise realistisches Erzählen, die mir gut gefallen hat. Auch die sympathische Charakterisierung der Protagonist_innen, mit all ihren Schwächen und Fehlern, sorgt dafür, dass ich keinem der Beteiligten ihr Verhalten vorgeworfen habe, stattdessen erschienen mir die Figuren eher  menschlich und ihr Verhalten – wenn auch nicht empfehlenswert – nachvollziehbar.

Am Schluss frage ich mich, ob es nicht doch noch eine bessere Lösung für die schwierigen Familienkonstellationen hätte geben können. Der Text ist  wenig Effi, denn von einer gesellschaftlichen Ächtung und Verstoß durch die Familie sind wir hier weit entfernt. Trotzdem, und das ist interessant, gibt es für keine zufriedenstellende Lösung, die es noch eine Generation vorher in der eigenen Familie geben konnte. Und dann endet die Geschichte eben auch da, wo sie angefangen hat. Im Wasser. Allerdings ohne Geheimnisse oder erotische Spannung.

 

„Wo bist du, Dad?“

„Am Pool, ich bin gerade eben geschwommen.“

„Du hast einen Pool an deinem neuen Haus?“

„Nein, ich bin im großen Schwimmbad in der Stadt. […] “ (S.444)

Sarah Armstrong: Nachts schwimmen. Aus dem Australischen von Ute Brammertz. Diana Verlag 2015.

ISBN: 978 – 3 – 453 – 29070 – 9

Schlaf

Schlaf ist wichtig für unseren Körper und für unseren Geist. Wenn wir unter Schlafmangel leiden, sind wir nicht so leistungsfähig wie sonst und sind viel schneller unaufmerksam. Es passieren kleine Fehler, vielleicht ein Sekundenschlaf, vielleicht beim Autofahren. Dornröschen hat ziemlich lange geschlafen.

In Haruki Murakamis Erzählung Schlaf steht eine Frau im Mittelpunkt, die nichts mit Dornröschen gemeinsam hat. Ganz im Gegenteil – sie schläft gar nicht. Würde sie schlafwandeln oder hätte sie Alpträume, könnte man vielleicht von einer schwerwiegenden psychischen Belastung sprechen. Aber das ist nicht der Fall. Sie schläft einfach nicht und beginnt stattdessen Tolstoi zu lesen.

cover schlafIhr Familienleben funktioniert währenddessen wie eine unaufgeregte Nebensächlichkeit. Ihr wirkliches Leben als Leserin beginnt erst, wenn sie nachts alleine ist. Wenn sie nachts bei ihren Büchern ist, kann sie endlich sie selbst sein und muss sich nicht mit ihrem Sohn herumplagen, der immer mehr wie sein Vater wird. Der ist nämlich eigentlich auch nichts anderes als ein Störfaktor, der sie vom Lesen abhält. Es lauert etwas merkwürdig Bedrohliches in diesem Text.

Seit ich nicht mehr schlief, empfand ich die Realität als sehr einfach. Sie lässt sich ganz einfach meistern. Es ist einfach Realität, einfach Haushalt, einfach Familie. (S. 50)

Aber richtig bei der Sache ist sie nicht, sie wartet auf die Nacht und stellt fest, dass sie mit ihrer momentanen Situation nicht zufrieden sein kann.

Wohin war mein früheres Ich verschwunden, das wie besessen Bücher verschlungen hatte? Was hatten diese Jahre und diese schon sonderbar extreme Leidenschaft für mich bedeutet? (S. 73)

Ihre neu entdeckte Leidenschaft für Anna Karenina ist besonders seltsam. Auf welche Weise ist die Familie der Ich-Erzählerin unglücklich? Würde sie das Unglück in ihrer Familie überhaupt bemerken? Und scheint sie nicht auf merkwürdige Weise genau so suizidal zu sein, wie Tolstois Protagonistin? Wie soll sie denn ihr Leben aufrechterhalten, wenn sie nur noch für die Nacht lebt? Die Distanz zwischen dem Paar wird immer deutlicher. Während sie nachts durch das Haus schleicht, ist ihr Mann mit einem besonders tiefen Schlaf gesegnet:

Er schlief tief und fest wie eine im Schlamm verborgene Schildkröte. (S. 48)

Ein Schildkrötenehemann? Nicht gerade begehrenswert. Der Text ist interessant geschrieben und lässt viele Fragen offen. Wird von den Nachtmenschen, der Tag nicht genug wertgeschätzt? Muss die Frau erst – im wahrsten Sinne des Wortes – wachgerüttelt werden um zu erkennen, wie gut es ihr eigentlich geht? Was ist Traum, was ist Realität? Wacht sie am Ende auf oder beginnt womöglich erst ein Alptraum?

Ich weiß es nicht genau und der Text lässt viele Fragen offen. Die Illustrationen von Kat Menschik haben mir sehr gut gefallen, sie sind genau so mysteriös und latent unheimlich wie die ganze Erzählung. Ein kleiner Murakami-Genuss für Zwischendurch.

Haruki Murakami – Schlaf. Übersetzt von Nora Bierich. Dumont 2010.

ISBN: 978-38321-6136-1

Fremd

Wenn zwei Autoren gemeinsam einen Roman schreiben, dann erwarte ich als Leserin einiges. Und meistens gefällt mir, was ich lese. Ursula Poznanski und Arno Strobel haben jetzt gemeinsam einen Psychothriller geschrieben, der es in sich hat und in dem nichts ist, wie es scheint.

Fremd_CoverStell dir vor, du bist alleine zu Hause. Du sitzt gemütlich in deinem Lieblingslesesessel und neben dir auf dem Tisch dampft eine Tasse Tee. Du guckst deinen Lieblingsfilm, denn an diesem Abend hat niemand für dich Zeit. Auf einmal hörst du merkwürdige Geräusche in deiner Wohnung, dann polternde Schritte. Und dann trabt ein Typ in dein Zimmer. Du hast ihn noch nie gesehen. Ist das ein Einbrecher? Ein Mörder? Du hast Angst, du weißt nicht was als nächstes passiert. Unauffällig versuchst du dein Handy zu erreichen um möglichst schnell die Polizei rufen zu können, damit der Verrückte dir nichts tut. Er kommt langsam auf dich zu und schaut dich zärtlich an. Er sagt, er wäre dein Verlobter. Aber du hast den Typen noch nie gesehen.

Stell dir vor, du kommst nach einem stressigen Tag aus der Firma. Morgens war noch alles wie immer und dann wurde es wieder anstrengend. Im Büro gibt es irgendwelche Projekte, an denen ausgerechnet du nicht mitwirken darfst. Du verstehst nicht warum und bist genervt. Du freust dich auf einen schönen Abend mit deiner Freundin. Du schließt die Tür auf und wunderst dich. Deine Klamotten hängen nicht mehr an der Garderobe. Dein Foto ist vom Sideboard verschwunden. Du bist irritiert und läufst ins Wohnzimmer um deine Freundin zu begrüßen. Sie sieht dich an, als würdest du sie umbringen wollen. Du verstehst nicht, was los ist. Ist irgendetwas passiert? Vielleicht irgendetwas mit ihrer Familie? Du merkst zu spät, dass sie Angst vor dir hat. Was soll das? Ist das ein schlechter Scherz? Will sie dich ärgern? Du versuchst sie zu küssen, aber sie stößt dich weg. Sie schreit: „Verlassen Sie mein Haus!“

Im Psychothriller Fremd ist nichts, wie es scheint. Joanna, die gebürtige Australierin, ist sich ganz sicher, dass sie alleine lebt und keinen Freund hat. Erik hingegen sagt, dass er seit Monaten mit Joanna zusammen lebt. Und er weiß erschreckend viele Details aus ihrem Leben. Ist Erik ein Stalker? Hat Joanna den Verstand verloren? Abwechselnd schildern beide Figuren, was sie gerade erleben. Dabei scheint Joanna sehr viel verstörter zu sein als Erik. Immer wieder hat sie den Drang, Erik töten zu wollen oder sich selbst zu verletzen.

“ Jeder von uns hat seine eigene Version. Meine Version könnte genau so wahr sein wie deine. Wie kannst du sicher sein, dass ich es bin, mit der etwas nicht stimmt?“

Doch nicht nur Joannas und Eriks Leben steht auf einmal Kopf, es scheint so, als hätte sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Gefährliche Situationen in denen beide zu Schaden kommen könnten, scheinen sich auf mysteriöse Art zu häufen. Und eine Erklärung gibt es nicht. Sie sind Fremde in ihrem eigenen Leben geworden. Wie kann das sein? Und wer oder was steckt dahinter? Poznanski und Strobel gelingt es sehr gekonnt die Spannung von Kapitel zu Kapitel steigen zu lassen. Als Leserin weiß ich nicht, wer Recht hat und weiß genau so viel wie Erik oder Joanna vorgeben zu wissen. Und beide Figuren sind sehr überzeugend in dem, was sie tun. Am Ende können sie nur überleben, wenn sie einander vertrauen. Und das ist gar nicht so einfach, denn Johanna ist so labil, dass sie Erik immer wieder in Gefahr bringt – oder schützt sie sich nur selbst? Erst als es fast keinen Ausweg mehr gibt, zeigt sich, was wirklich passiert ist.

Fremd hat mir gut gefallen, besonders die überraschenden Wendungen haben es in sich. Auch die Auflösung war absolut stimmig und erschreckend aktuell. Mehr verrate ich nicht, den Rest müsst ihr selbst herausfinden. :)

Ursula Poznanski & Arno Strobel: Fremd. Wunderlich 2015.

ISBN: 978-3-8052-5084-9

Ich möchte den Thriller Fremd gerne verlosen. Er ist nur einmal von mir gelesen worden.

Wenn ihr Fremd gewinnen wollt, verratet mir in den Kommentaren einfach euer aktuelles Lieblingsbuch und warum es euer Lieblingsbuch ist. Mitmachen kann jeder, der unter diesem Beitrag einen Kommentar hinterlässt. Außerdem müsst ihr mindestens 18 Jahre alt sein und in Deutschland, Österreich oder der Schweiz wohnen. Bitte hinterlasst bei der Antwort eine gültige E-Mailadresse, damit ich euch erreichen kann. Eure persönlichen Daten werden nur für das Gewinnspiel benötigt und danach gelöscht. Bei Verlust der Sendung übernehme ich keine Haftung und einen Anspruch auf Ersatz gibt es nicht.

Die Verlosung beginnt heute am 20. November und endet am 27. November um 12 Uhr.

Danach gebe ich die Gewinner_innen auf meinem Blog bekannt.

Ich freu mich auf eure Kommentare! :)

Vom Ende einer Geschichte

Vom Ende einer GeschichteHass, Liebe, Eifersucht- Julian Barnes schmale Novelle Vom Ende einer Geschichte ist genial geschrieben und stellt eine schwer zu beantwortende Frage: Kann es uns jemals gelingen, alle Geheimnisse unseres Lebens aufzudecken?

Für mich die perfekte Lektüre für einen nieselig-grauen Novemberabend.

Am Anfang der Geschichte geht es um eine Clique, bestehend aus Tony, Colin und Alex, die Mitte der 1960er Jahre ein College besuchen, das entfernt an die Szenerie aus Der Club der toten Dichter erinnert. Um ihre Individualität zu unterstreichen, tragen die drei ihre Armbanduhren auf der Innenseite des Handgelenks, denn von so einer schnöden Konstante wie der Zeit wollen sie nicht regiert werden. Adrian ist der Neue in der Runde, er ist den anderen intellektuell überlegen und wird von ihnen bewundert. Die Clique ist nicht unbedingt sympathisch, ein Hauch von jugendlicher Arroganz liegt in der Luft. Ihnen liegt die Welt zu Füßen und das Leben hat sie noch nicht von ihrem hohen Ross gestoßen.

Vorerst waren wir bücherhungrig, sexhungrig, leistungsorientiert und anarchistisch. Alle politischen und gesellschaftlichen Systeme erschienen uns korrupt, doch als Alternative ließen wir nichts als hedonistisches Chaos gelten. Adrian aber trieb uns dazu, an die Anwendung des Denkens auf das Leben zu glauben, an die Vorstellung, dass Handeln von Prinzipien geleitet sein sollte. (S. 16)

Als ein Schulkamerad Selbstmord begeht, weil seine Freundin schwanger geworden ist, lästert das Quartett sein Tod wäre „unphilosophisch, ichbezogen und unkünstlerisch […] mit anderen Worten: falsch.“ Sie selbst hätten sich natürlich ganz anders verhalten, besonders Adrian, der die Dinge genauer zu durchschauen scheint.

Adrian verstrickt sich gerne in theoretische Diskussionen mit dem Geschichtslehrer. Es geht ihm um subjektive Wahrheit und der Problemkonstellation, die sich aus dieser trügerischen Wahrnehmung ergibt:

„Das ist doch das Kernproblem der Geschichtsschreibung, nicht wahr, Sir? Die Frage der subjektiven gegenüber der objektiven Interpretation, die Notwendigkeit, die Geschichte des Geschichtsschreibers zu kennen, damit wir verstehen, warum uns gerade diese Version unterbreitet wird.“

Die Unterhaltungen mit dem Geschichtslehrer bilden den Hintergrund für den zweiten Teil der Erzählung, die viele Jahre später spielt. Adrian war ein erfolgreicher Cambridge-Absolvent, ging mit der Exfreundin des Ich-Erzählers Tony. Und nimmt sich das Leben. War Veronica etwa für seinen Tod verantwortlich? Hat sie Adrian etwa genauso kalt behandelt wie Tony ?

So richtig kann sich niemand seine Handlung erklären, für die Freunde bleibt sein Tod dennoch „verdammt eindrucksvoll“, der gemeinsame Freund habe aus „moralischer und menschlicher Pflicht“ gehandelt.

Dieses Narrativ der gemeinsamen Vergangenheit wird auch nicht in Frage gestellt – bis Tony 40 Jahre nach Adrians Tod ein geheimnisvolles Erbe zuteil wird. Veronicas Mutter ist verstorben und in ihrem Besitz befand sich Adrians Tagebuch, das sie Tony vererbt hat. Doch Veronica will das Tagebuch nicht herausrücken. Tony muss sich also nicht nur Veronica, sondern auch seiner eigenen Vergangenheit und Verantwortung in dieser tragischen Verkettung von unglücklichen Ereignissen stellen.

Julian Barnes‘ Novelle ist in erster Linie ein melancholischer und nachdenklicher Rückblick auf die Vergangenheit, der sich aber so spannend wie ein Thriller liest. Ich habe den kurzen Roman innerhalb von wenigen Stunden gelesen und bin absolut begeistert, von der moralischen Tiefe die dieser kurze Roman versteckt. Erst nach und nach zeigt sich, dass Tony Webster, dieser mittelmäßige Mittelklassemann, gar nicht so unschuldig an den tragischen Verstrickungen ist, wie er nur zu gerne den Lesenden glauben machen will. Und natürlich geht es hier ums Erzählen und darum, dass man Tony, dem großen Geschichtenerzähler, eigentlich wenig glauben kann.

Der englische Titel bewahrt zumindest einen Hauch von Todesahnung, der sich nicht komplett in der deutschen Übersetzung widerspiegelt. Außerdem verweist der Titel „The Sense of an Ending“ nicht nur auf die Sinnhaftigkeit des (Lebens-)Endes, sondern auch auf eine theoretische Schrift der Literaturkritik. Frank Kermode thematisierte bereits 1967 in The Sense of an Ending die poetologische Gestaltung eines Endes, die auch für unser Leben von Bedeutung ist. Denn letztlich helfen uns die Dichter_innen, Schriftsteller_innen und Künstler_innen nicht dabei den Sinn des Lebens zu finden, sondern dabei, überhaupt erst eine Sinnsuche zu thematisieren:

„It is not expected of critics as it is of poets that they should help us to make sense of our lives; they are bound only to attempt the lesser feat of making sense of the ways in which we try to make sense of our lives.“

Für Tony Webster gibt es kein Ende dieser Geschichte, seine Version als Geschichtsschreiber offenbart allerdings seine jahrzehntelange Selbsttäuschung. Als Webster sich endlich auf die Sinnsuche begibt, ist es fast schon zu spät. Völlig zu Recht wurde der Roman 2011 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet.

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte.

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. btb 2013.