[Rezension] Große Erwartungen und viel Menschlichkeit – Little Bee

Worum geht es?

Little Bee, eine sechzehnjährige Nigerianerin, setzt alles auf eine Karte und schleicht sich als blinde Passagierin an Bord eines Handelsschiffes. Der Kapitän entdeckt sie und gibt ihr das Buch Große Erwartungen von Dickens zu lesen – leider kann sie es nicht zu Ende lesen, denn dann ist sie bereits in Essex, Großbritannien, angekommen. Vom Schiff wandert sie direkt ins Abschiebegefängnis, in dem sie zwei Jahre wartet. Darauf, endlich einen Pass zu bekommen und endlich, endlich in England leben zu können. Währenddessen arbeitet sie an ihrem Englisch und Little Bees Ehrgeiz zahlt sich aus. Durch einen Trick gelingt ihr und drei weiteren Illegalisierten die Flucht. Dabei haben die Frauen schon alles gesehen und alles erlebt, was man sich an Grausamkeiten vorstellen kann. Bereits im Abschiebeknast begingen viele Flüchtlinge Suizid und auch Little Bee analysiert in jeder Situation ihre Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen. Sobald sie aus dem Abschiebegefängnis geflohen ist, macht sie sich auf die Suche nach einem britischen Ehepaar, den einzigen Menschen, die sie in England kennt und mit denen sie bereits in Nigeria unter tragischen Umständen zusammentraf.

An dieser Stelle meldet sich die zweite Ich-Erzählerin in der Geschichte. Sarah O’Rourke ist Journalistin und schreibt für ein Fashion- und Lifestyle-Magazin. Sie ist diejenige, die Little Bee in Nigeria am Strand traf. Was allerdings wirklich an diesem Ort geschah wird erst relativ am Ende des Romans aufgelöst, ist allerdings extrem grausam und drastisch geschildert. Während Little Bee seit diesem Tag immer wieder Möglichkeiten sucht, sich an jedem Ort das Leben zu nehmen, hat die Erfahrung für Sarah ganz andere Konsequenzen. Sie beginnt ihre Arbeit und ihr Leben zu hinterfragen, das ihr immer leerer und sinnloser erscheint. Ihr Mann macht Ähnliches durch, allerdings kann er mit dem Erlebten nicht umgehen und nimmt sich das Leben.

Kurz vor der Beerdigung taucht Little Bee bei Sarah auf …

Little Bee ist ein spannender Roman, der provoziert und Fragen aufwirft. Die Protagonistin Little Bee ist trotz ihrer tragischen Geschichte nicht die stereotype Reinkarnation des „hilflosen Flüchtlings“ – und das ist super! Sie ist schlau, sie hat Ehrgeiz, sie will ihr Leben verändern. Und auch wenn sie sich ihrem Schicksal irgendwann fügt, bleibt sie eine autonome Figur. Little Bee hat mich fasziniert, nicht nur weil die Spannung ständig beibehalten wird, auch weil es nicht so leicht ist, die Charaktere sofort stereotyp zuzuordnen. Obwohl Little Bee natürlich auf die Problematik der Flüchtlinge aufmerksam macht, wirkt der Roman nicht moralisierend, denn Sarah und Little Bee sind keine Abziehfigürchen, sondern komplexe Figuren, die nicht aus der Klischeekiste zusammengeschrieben werden. Stattdessen konstruiert Cleave eine Geschichte mit grausamer Wendung, die stringent auf den Höhepunkt zuläuft, bis zwei Welten aufeinander prallen. Die Wucht des Aufpralls ist laut, extrem und verstörend. In Zeiten, in denen vor Lampedusa dank FrontEx und der Abschottungspolitik der EU bald schon ein Massenseegrab errichtet werden kann, brauchen wir mehr solcher Romane und mehr dieser Geschichten. Und irgendwann kann niemand mehr die Augen vor dem verschließen, was an Europas Grenzen passiert. Little Bee hilft ein wenig, den Horizont zu öffnen. Lest dieses Buch!

Chris Cleave: Little Bee (Originaltitel: The other Hand. Übersetzt von Susanne Goga-Klinkenberg).

Deutscher Taschenbuch Verlag (2012).

ISBN-10: 3423214066 

ISBN-13: 978-3423214063

Ohne Zynismus wünsche ich mir mehr Romane die Little Bee ähneln, mit Zynismus halte ich vieles nur mit Satiresendungen aus. Passend zum Thema zwei treffende Beispiele aus der HeuteShow und von Extra3. Viel Spaß!

[Rezension] Wiley Cash- Fürchtet Euch!

Fürchtet EuchWorum geht es?

In Marshall, einem abgelegenen Nest irgendwo in North Carolina ist eine seltsame Glaubensgemeinschaft ansässig, deren Treiben bisher  niemanden störte, bis es an einem Sommertag zur Katastrophe kommt. Der zwölfjährige Christopher Hall stirbt während der Abendmesse der Gemeinde. Sheriff Clem Barefield nimmt die Ermittlungen auf und versucht herauszufinden, wie es zu dem Tod des Jungen kommen konnte. Doch er steht einer Wand des Schweigens gegenüber – niemand will sich zu dem Vorfall äußern. Barefield findet durch intensive Nachforschungen heraus, dass der Junge in der Kirche der Sekte von seiner angeborenen Stummheit befreit werden sollte. Doch was ist wirklich in der Kirche geschehen? Der charismatische Prediger Carson Cambliss äußert sich nicht zu dem Vorfall. Im Gegenteil scheint er den Ermittlungen im Weg zu stehen…

Das sage ich …

Ich war in der Buchhandlung und dieses toll gestaltete Cover in Kombination mit dem Klappentext hat mich einfach angesprungen. Cashs Debüt Fürchtet Euch! ist ein spannender Roman, der mir sehr gut gefallen hat. Es gibt keinen allwissenden Erzähler, sondern das Geschehen wird nach und nach aus der Perspektive unterschiedlicher Charaktere zusammen gesetzt, so dass sich nach und nach ein Bild des Geschehens ergibt. Bis dahin bleibt es spannend, auch wenn nicht immer alle Handlungen der Charaktere nachzuvollziehen sind. Aber ist das nicht im alltäglichen Leben auch so? Haben wir immer den Überblick über die Situation? Die erzählenden Personen steuern Eindrücke bei, ihre Gedanken zu Geschehnissen, die früher passiert sind, bevor Christopher starb. Denn einiges scheint in diesem Dörfchen im Argen zu liegen und zu viele fürchten sich vor Cambliss.

Nicht nur der Ermittler Barefield hat an persönlichen Problemen zu knabbern und an den Erinnerungen an längst vergangener Tage, auch die Hebamme des Dorfes, Adelaide Lyle, die Christopher Hall zur Welt brachte und in ihm immer einen glücklichen Jungen gesehen hat, der doch gar keine Heilung brauchte, versucht sich zusammenzureimen, was in der Kirche passiert sein könnte. Und Christophers kleiner Bruder Jess, der am Abend der Katastrophe nicht in der Kirche war, knabbert ebenfalls an einem Schuldkomplex. Häufig sind es die kleinen Dinge, die Kinder beobachten, die der Situation eine noch viel dramatischere Komponente geben und Jess hat einiges gesehen.

Wer einen Thriller oder Krimi erwartet, nur weil es einen Ermittler gibt, liegt sicherlich daneben. Stattdessen geht es um die komplexen Beziehungen zwischen den Protagonisten, um Chancen, die jeder von ihnen vertan hat, um zu helfen und um ihr Leben, irgendwo in der Ödnis von North Carolina, in der es einem Prediger gelingt, unbehelligt und gefeiert von der Dorfgemeinschaft, immer mehr Einfluss zu gewinnen. Und das mit Methoden, die nicht mehr durch Religionsfreiheit gerechtfertigt können. Einziges Manko: ich hätte gerne noch mehr über die anderen Gemeindemitglieder und das Leben dieser Gläubigen erfahren. Am Ende bleibt vieles ungesagt und nicht alle Fäden laufen zusammen, aber das hat mich nicht gestört. Vielleicht ist Fürchtet euch! eher Milieudrama, als Kriminalgeschichte, aber deshalb nicht weniger überzeugend. Noch nebenei, das Debüt wurde 2012 von Library Journal und Kirkus Reviews zum besten Roman 2012 gewählt.

Wiley Cash – Fürchtet Euch. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Fischer Taschenbuch 2013.

ISBN-10: 3596194431 ISBN-13: 978-3596194438 (352 Seiten)

[Rezension] Paulo Coelho – Elf Minuten

„Maria träumt von Abenteuern, fernen Ländern und der großen Liebe. Doch eine Woche Badeferien in Rio de Janeiro ist der einzige Traum, den sie sich leisten kann. Am Strand wird sie von einem Europäer angesprochen, der ihr anbietet, als Tänzerin im Nachtclub zu arbeiten. Für Maria klingt das wie der Anfang eines Märchens; doch in Wirklichkeit ist sie gezwungen, sich als Sexarbeiterin durch zubringen: Sie tut es ohne Scham, denn ihr Herz ist nicht dabei, und sie hat sich geschworen, sich nicht zu verlieben. Da trifft sie jemanden, der sie bezaubert und zu ihr in einer neuen, unverständlichen Sprache spricht der Sprache der Seele.“

Worum geht es?

Wie schon oben anklingt, geht es um Maria und ihre Suche nach der großen Liebe und um Prostitution als Weg zum schnellen Geld (und Glück?), der sich dann allerdings als der falsche Weg erweist. Denn eigentlich geht es Maria wirklich nur um das Geld, das im Nachtclub in der Schweiz winkt, denn sie möchte sich irgendwann in ihrem Heimatland Brasilien eine Farm aufbauen, dafür nimmt sie auch den Job als Prostituierte in Kauf. Erst durch einen der speziellen Freier, einen Anhänger von Sadomaso-Praktiken, lernt Maria sich auch mit ihrer „dunklen“ Seite auseinanderzusetzen, mit ihrem Verlangen. Und dann kommt ein Maler in den Nachtclub, der Maria in einem seiner Porträts verewigt hat und der noch dazu so viele schlaue Dinge über die Geschichte der Prostitution weiß. Eine Chance für Maria und die Liebe? Doch was soll dann aus ihrem Traum vom schnellen Geld und der eigenen Farm werden?

Das denke ich … *Spoileralarm*

Ja, tatsächlich, die Handlung ist so knapp und gleichzeitig auch unendlich banal. Pretty Woman reloaded, angereichert mit einigen Lebensweisheiten, die so auch in jedem Taschenkalender stehen könnten. Ich mag Coelho, ich mochte den Alchimisten, ich habe Veronika beschließt zu sterben abgefeiert, aber mit diesem Roman kann ich wenig anfangen. Marias Selbstfindungen sind mir auf der einen Seite zu banal, auf der anderen Seite einfach nicht glaubwürdig genug. Was soll denn diese Maria für eine Frau sein?  Auf der einen Seite ist sie ambitioniert, lernt ohne Pause Französisch in der Schweiz, liest viel und bildet sich im agrarkulturellen Bereich weiter, da sie die Farm ja wirklich will und schlägt den sicheren Heiratsantrag ihres brasilianischen Chefs aus. Auf der anderen Seite ist sie wahnsinnig abhängig von den Unterweisungen ihres „speziellen Kunden“, der der armen unmündigen Frau auch endlich sexuelle Erfüllung verschafft, denn von sich aus, kennt sich die gute ja nicht aus mit ihrem Körper. Gut, dass es Männer gibt, die den armen Frauen so helfen, was hätte Maria sonst nur getan? Und oh, endlich dieser intellektuelle Maler, der ihr beibringt, woher Prostitution eigentlich kommt und ihr dozierend wie ein Universitätsprofessor der üblen Art gegenübertritt. Oder anders gesagt: Maria schafft es also, sich selbstständig über den Anbau verschiedenster Pflanzen, Tierzucht und Management eines Betriebes weiterzubilden, aber über ihr eigenes Gewerbe hat sie keine Ahnung?

Es tut mir leid, dass glaube ich einfach nicht und das passt für mich nicht zusammen. Ohnehin, die ganze Art der Anwerbung, der Zuhälter ist so ein netter Typ, der möchte, dass alles gut läuft. Keine Frage danach, dass der Typ am Strand sie als Tänzerin wollte und dann Sex eben doch einfach dazugehört, für Maria kein Problem. Natürlich nicht, war es für Vivian Ward (die Perle aus Pretty Woman) ja auch nicht. So ist das eben in Märchen. Und deshalb steht der Kerl am Ende auch mit Rosen an der Feuertrep – ääh, am Flughafen. Richtig, und genau dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass sich Coelho viele Gedanken um Maria gemacht hat. Maria ist einfach nur naiv und unglaubwürdig als Figur und philosophiert gleichzeitig seitenlang in ihren Tagebüchern über die Liebe. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob Coelho nicht vielleicht einfach eine Abhandlung über Liebe und Sex schreiben wollte und irgendwie noch eine Rahmenhandlung brauchte – und dann dachte er an Richard Gere.

Auch wenn ich nichts gegen die Wendung habe, dass Maria erfährt, dass Sex früher etwas heiliges war und es sogar heilige Orgasmen gab, warum muss wieder ein Mann für ihre Erleuchtung sorgen? Erst der finstere, satanisch anmutende Sadomasotyp, der Maria ihre schwarze, verdorbene Seele zeigt und dann der erleuchtete Künstler, so eine Jesus-Figur, mit der Maria zwar nicht über das Wasser, aber barfuß am Wasser entlang läuft, damit sie sich endlich mal richtig spürt, diese Frau, und endlich mal merkt, was sie sich da antut. Das kriegt sie ja von alleine nicht hin… (Ein Schelm, wer dabei an das Hure/Heilige-Schema denkt, in das Maria von den beiden männlichen Begleitern gedrängt wird!) Für mich zu viel Eso-Mental-Coaching, das gefiel mir einfach nicht. Und Marias Tagebuchaufzeichnungen sind auch nicht gerade preisverdächtig:

Ich will begreifen, was Liebe ist, aber bislang leide ich nur. Diejenigen, die meine Seele berühren, können meinen Körper nicht wecken. Und die, denen ich mich hingebe, können meine Seele nicht berühren.

Erschreckend, wie viele Leute diese Banalitäten in den Himmel loben.  Aus einer amazon.de-Rezension:

„Zu erst benötigt man bei Paulo Cohelo eine gewisse spirituelle Grundhaltung um den tieferen Sinn seiner Storys zu verstehen.Ziemlich viele Kritiker leben in unserer materialisitischen Welt und befreien sich nicht daraus wie eben Paolo C. Wer 11 minuten mit einer sensiblen Ader liest, sich die Erkenntnisse auf sein eigenes Leben projeziert, der macht in der Tat erstaunliche Entdeckungen. Außerdem hilft es in der Realität weiter. Eine der Haupterkenntnisse für mich ist, daß Niemand Niemanden besitzt. Wieviele Beziehungen gehen kaputt weil unentwegt Besitzansprüche von den Partnern angemeldet werden?? Ich habe mich daruf eingelassen, mir die Entscheidenen Stellen notiert und halte sie mir täglich vor Augen. Damit wird auch meine Seele wieder ruhiger in unserer schnellen oberflächlichen Welt. Ich wünsche das es Ihnen eben so ergeht. Gehen Sie offenen Herzens und mit Ihrer Seele an das Lesen und sie werden gleiches feststellen“

Niemand besitzt Niemanden? Danke, aber die Erkenntnis hatte ich mit 16 auch. Stattdessen geht es hier um die Romantisierung der Prostitution, von materiellen und finanziellen Sorgen keine Spur und dann wird die unendlich naive Hauptfigur auch noch von einem Freier sexuell befreit. Danke, darauf habe ich keine Lust. Warum eigentlich elf Minuten? Weil so lange der durchschnittliche Sex dauert, zu dem sich Maria mit ihren Kunden trifft. Und wer sollte das Buch jetzt lesen? Na ja, also auf jeden Fall, Menschen mit „offenem Herzen“ und diejenigen, die es schaffen, die knapp 300 Seiten in eben dieser Zeit runterzurocken, alles andere ist nämlich verlorener Lesegenuss. Ich scheine nicht dazuzugehören, für mich war der Roman leider nichts. Und auch nicht die merkwürdigen Selbstbeweihräucherungen im Nachwort: Coelho habe auch in diese dunklen Kapitel der menschlichen Seele hinabsteigen müssen, dieses dunkle Kapitel des Sadomasochismus, und seine geneigten Leser_innen mögen ihm verzeihen – und wo fällt ihm das ein? In Lourdes. Ohne Worte.

Paulo Coelho: Elf Minuten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.

Diogenes (18.Auflage): 2006.

ISBN-10: 3257234449 ISBN-13: 978-3257234442

284 Seiten

[Rezension] Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

„Truman Capote ist der perfekteste Schriftsteller meiner Generation. Ich hätte keine zwei Wörter in „Frühstück bei Tiffany“ ändern wollen.“ Norman Mailer

Tja, wer kennt sie nicht, die grandiose Verfilmung dieses Klassikers des 20. Jahrhunderts mit der zauberhaften Audrey Hepburn in der Hauptr- …. Moment! Zugegeben, ich kenne den Film nicht und hatte, obwohl ich Gossip Girl liebe und Blair wunderbar ist, auch noch nie den Wunsch, diesen Klassiker der Filmkunst anzusehen. Warum? Ich habe versucht Krieg und Frieden in der Verfilmung mit Audrey zu sehen und was soll ich sagen – es war fürchterlich. Ich konnte mit ihr einfach gar nichts anfangen und war von ihrer Filmfigur riesig genervt. Und dann lacht mich Audrey auf dem Cover des Buches an, so wie man sie kennt, mit der Perlenkette und dem schwarzen Kleid und ich denke mir, warum nicht mal Truman eine Chance geben?

Worum geht es?

Der namenlose angehende Schriftsteller befreundet sich in den 1940er Jahren mit seiner Nachbarin, Holly Golightly, die ihn fortan „Fred“ nennt, da so ihr älterer Bruder geheißen hat. Holly ist ein Starlett (oder eine Prostituierte?), in jedem Fall ein hübsches It-Girl, das es irgendwie geschafft hat, die richtigen Männer zu kennen und zu den richtigen Partys eingeladen zu werden um irgendwann einen ihrer reichen Verehrer zu heiraten. „Fred“, ihr Nachbar, wird bald darauf ebenfalls Teil ihres exquisiten Zirkels und Holly versucht sogar, durch Strippenzieherei bei einem Bekannten, einen Verlag für „Fred“ aufzutun. Holly, die überall ist, aber scheinbar nirgends richtig ankommt, scheint wie aus dem Nichts in der Stadt gelandet zu sein. Sie scheint keine Vergangenheit zu haben und verzaubert den Schriftsteller. Dabei ist Holly nicht nur das Happy-Go-Lucky-Girl. Manchmal überfällt sie das „rote Elend“, wie sie selbst sagt. Dann bleibt ihr nichts als Weltschmerz, Angst, Einsamkeit. Und was hilft? Ein Gang zu Tiffany’s, denn da ist die Welt noch in Ordnung. Manchmal nimmt sie ihre Gitarre und spielt dann Lieder, von denen sich der Erzähler fragt, wo sie diese denn gelernt haben könnte :“rauzärtliche, umherirrende Melodien mit Worten, die nach Südstaaten-Nadelwäldern oder der Prärie schmeckten“. Und dann gibt es da wirklich diesen Mann, der sie heiraten möchte – zumindest glaubt Holly das. Und in einer Stadt wie New York, in der das Verbrechen nie schläft, haben es einsame Herzen auf der Suche nach Katzen oder der Frau für’s Leben gar nicht so leicht, vor allen Dingen, wenn die Mädels gar nicht Holly, sondern eigentlich Lullamae heißen…

Hier noch ein Youtube-Schmankerl aus dem Film (+ unvergesslicher Melodie):

Das sage ich …

Ich möchte doch noch den Film sehen! Ich will, ich will, ich will! Mir hat die Novelle sehr gut gefallen. Auf knapp 100 Seiten wartet Capote mit überraschenden Wendungen auf, während die knapp einjährige Bekanntschaft des Protagonisten mit Miss Golightly näher beleuchtet wird. Die Erzählung ist spannend und zum Teil sehr schnoddrig und witzig erzählt. Das liegt besonders an Miss Golightly, dieser gerade einmal 19jährigen, die ihre männlichen Bekanntschaften gerne mit „Herzchen“ oder „Schätzchen“ anspricht, während sie einen Drink kippt. Dabei merken die Leser_innen aber auch, dass Holly bisher kein leichtes Leben hatte – aber auch, dass sie für ihren großen Traum, die Heirat mit einem reichen Mann, alles tun will. Außerdem ist Holly jemand,  der sich nach Sicherheit sehnt und dabei weiß, dass die Männer die sie braucht, sie doch nur für ihre Zwecke benutzen wollen. Der angehende Schriftsteller ist dabei eine herausragende Ausnahme, wenn sonst nur das Motto „Fressen oder gefressen werden“ gilt. Insgesamt kann ich nur eine absolute Leseempfehlung aussprechen und bin jetzt gespannt, ob der Film das Niveau des Buchs halten kann. Ich kann es mir kaum vorstellen. Aber die Perlenkette, die Sonnenbrille, das schwarze Kleid – das was ich als typischen Audrey- Stil empfunden habe, ist genau das, was Capote sich für Holly vorgestellt hat. Ich freue mich auf den Film.

Truman Capote: Frühstück bei Tiffany (=Süddeutsche Zeitung Bibliothek Band 51). Kein & Aber Verlag, Zürich 2006. 108 Seiten.

ISBN: 978-3-86615-501-5

[Rezension] Alice Sebold – In meinem Himmel

Ein Buch für die Rory-Gilmore-Challenge, ein Buch von meinem SUB (Yeah!) und wieder eines dieser Bücher, bei dem ich den Film schon im Vorfeld gesehen habe. Spannend eigentlich, denn gerade hier dachte ich, dass man diesen Roman wohl nur schwer verfilmen könnte. Es ging trotzdem und entspricht so viel mehr der Buchvorlage, als ich gedacht hatte. Doch worum geht es?

Die vierzehnjährige Susie Salmon ist ein ganz normaler Teenager. Mit ihren Eltern und den Geschwistern lebt sie in einem typischen Kleinstadtnest in Pennsylvania und die Idylle ist perfekt. Doch der Schein trügt. Im Dezember 1973 kommt Susie nicht nach Hause. Was die Eltern nicht wissen: der unscheinbare Nachbar lockte das Mädchen in eine von ihm konstruierte Erdhöhle, um Susie zu v*rg*w*ltigen und anschließend umzubringen. Obwohl ihre Leiche nicht gefunden wird, ahnt die Polizei, dass es sich um ein Verbrechen handelt, spätestens als ihr Ellenbogenknochen gefunden wird, ist nicht mehr davon auszugehen, dass Susie noch lebt. Ihre Eltern und Geschwister müssen sich damit auseinandersetzen, dass Susie nie mehr zurück kommen wird und dass ihr Mörder nie gefunden wird. Obwohl Susies Vater den Nachbarn im Verdacht hat.

Susie befindet sich währenddessen in „ihrem Himmel“, einer Art Zwischenwelt, die sie betritt, so lange sie sich noch nicht von ihrem irdischen Leben lösen kann. Hier beobachtet sie ihre Familie aufs Genaueste, fühlt mit, wie ihre Mutter an ihrem Tod zu zerbrechen droht, wie ihr Vater immer besessener den Nachbarn verfolgt, ihre Schwester nicht mehr wahrgenommen wird und ihr kleiner Bruder beginnt sie zu vergessen – allerdings kann sie sich ihm noch als Geist zeigen. Genau wie ihren Freunden Ruth und Ray, die auf ihre ganz eigene Art mit Susies Tod und Susies Geistsein umgehen.

Susie beobachtet auch ihren Mörder und versucht von ihrem Himmel aus, den sie ganz nach ihrer Fantasie gestalten kann, den Freunden und Geschwistern Zeichen zu geben. Doch irgendwann muss auch Susie erkennen, dass sie lernen muss, ihr altes Leben loszulassen.

„In meinem Himmel“ ist ein berührendes Buch. Stellenweise einfach nur schrecklich und kaum auszuhalten und dann wiederum so rührend und zärtlich. Es geht nicht darum, ein Verbrechen zu lösen, denn der Täter ist schon längst bekannt. Es geht um etwas anderes. Die Salmons gehen auf unterschiedlichste Weise mit Susies Tod um und der Roman zeigt, dass es keinen richtigen oder falschen Umgang mit Trauer gibt. Sei es die Großmutter, die trinkt, die Schwester, die sich zurückzieht oder der kleine Bruder, der beginnt Schlagzeug zu spielen, so laut er kann. Versöhnlich wird die Geschichte dadurch, dass Susie sich an einem sicheren Ort befindet und trotzdem muss gerade sie sich mit loslassen, mit Trauer, mit Abschied vom Leben beschäftigen. Keine leichte Lektüre und trotzdem hoch spannend, da Susie ihrem Mörder durch ihre Himmelsperspektive so viel näher kommt, als er ihr jemals gewesen ist oder sein konnte. Sie kann ihn verfolgen, sie kann sich in seine Gedanken schleichen. Durch ihre Position im Himmel ist sie sehr mächtig geworden und das rettet meiner Meinung nach die traurige Situation, das macht sie zu derjenigen, die agiert, die Kontakt zu ihren Freunden aufnehmen kann, die nicht aufgibt. Obwohl sie tot ist. Eine paradoxe Situation, diese Stärke nach dem Tod. Aber innerhalb der Handlung für mich absolut stimmig. Ein ergreifendes Buch, das nicht nur spannend ist, sondern auch viele berührende Momente offenbart und das sich in jedem Fall lohnt zu lesen.

Alice Sebold: In meinem Himmel (The Lovely Bones). Aus dem Amerikanischen von Almuth Carsten. Goldmann-Verlag, München 2003.

380 Seiten

ISBN-10: 3-442-47005-6

Und hier gibt es auch noch den Trailer des Spielfilms, der 2010 in den deutschen Kinos anlief.

[Rezension] Zsuzsa Bánk – Die hellen Tage

„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück“ (S.515)

18437-Bank-Die hellen Tage.inddKlappentext: In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt. Doch die scheinbar heile Welt einer Kindheit in den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, Ajas Vater kommt nur einmal im Jahr zu Besuch, und der gemeinsame Freund Karl hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist. Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen der Kindheit lotsen und ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben zu haben und sich in seine Mitte zu begeben …

Worum geht es?

In Zsuzsa Bánk Roman geht es um so viel, um Freundschaft, Liebe, Verrat, Verlust und dem sehnsüchtigen Warten auf die hellen Tage, die es vielleicht so nur in der Kindheit geben kann. Während die Welt der Kinder so zart, poetisch und zauberhaft beschrieben wird, merken die Lesenden und die Kinder schnell, dass es doch so viel gibt, dass die Idylle stört und dass die Mütter der Kinder aber immer wieder versuchen aufzufangen, auch wenn es nicht immer gelingt.

Im Zentrum der Erzählung, die von Seri in der Retrospektive erzählt wird, stehen dabei ihre beste Freundin aus Kindertagen, Aja und ihre Mama Èvi. Évi, die nicht lesen kann und bunte Tücher im Haar trägt, die in einer Baracke lebt, die ihr Mann Zigi, der alle Jubeljahre vom Zirkus zurückkehrt, für sie und die Tochter organisiert hat. Èvi, die Seiltänzerin, wartet auf Zigi, der aus dem Stand auf die Hände springt und mit ihr ein Fest für die Kinder gibt,  egal, wie lange er verschwunden bleibt. Èvi freut sich um so mehr, wenn er wiederkommt. Für Seri und Karl, der einfach eines Tages auftaucht, ist Ajas Haus keine Baracke, sondern ein fantastischer Ort, an dem sie sich zuhause fühlen können und den bald auch ihre Mütter kennen und lieben lernen, so dass es nicht nur eine Dreieckskonstellation auf Seiten der Kinder, sondern auch auf Seiten der Mütter entsteht.

Überhaupt ist Kirchblüt, der Ort, an dem die drei Freunde werden und ein Dreieck bilden, dass durch ihre Mütter gestärkt und verwoben wird, ein mystischer Ort. Irgendwie ist alles ganz, hier scheint so viel zu funktionieren, hier ist man füreinander da, hier liegen die „hellen Tage der Kindheit“, in denen sich das Dreieck bildet, zwischen den Aja und Seri und Karl, drei Figuren, die stark sind und den Anschein geben, als hätten sie sich ihre Außenseiterrolle wirklich selbst ausgesucht. Aber kann das denn stimmen? Wie viel wissen wir von dem, was hinter dem schiefen Tor, den „herbstnackten Feldern“ und den Erlebnissen am See wirklich liegt? Auch die Erzählerin hält sich zurück. Deutet hier etwas an oder da. Zum Beispiel, dass Aja mit ihrem Fahrrad in den See gefahren ist und das Fahrrad nicht mehr loslassen wollte, als Zigi einmal gegangen war. Und dass allein Seris Mutter, die beherzt in den See gesprungen ist, Aja (wahrscheinlich?) vor dem Ertrinken bewahrt hat. Oder die Leserin erfährt erst nachdem sie Aja und ihre Mutter schon lange kennt und weiß, wie besonders sie leben, dass Aja nicht mehr alle Finger an der einen Hand hat und dass sich ihre Mutter Èvi schuldig fühlt, weil sie einmal, einmal, nicht auf Aja aufgepasst hat.

Das zentrale Thema ist Schuld, Schuld, die sich wie eine unsichtbare Decke um die drei Freunde gelegt hat. Karl gibt sich die Schuld am Verschwinden seines Bruders, den zwei Sekunden, die dieser brauchte um ins Auto zu steigen. Seit dem klackt es in seinem Kopf im Zwei-Sekunden-Takt. Die Ich-Erzählerin Seri, und auch das erfahren die Lesenden sehr spät, muss mit ihrer Mutter leben, die sich irgendwie auch die Schuld am Tod von Seris Vater gibt. Vielleicht ist es auch deshalb für die Protagonist_innen so schwer, sich voneinander zu lösen. Ohnehin ergeben sich merkwürdige Verflechtungen zwischen den Figuren, die in Kirchblüt zwar funktionieren und an den Ort gebunden sind, die aber dysfunktional werden, sobald die Protagonist_innen das Dorf verlassen. So kümmert sich Seris Mama sehr um Aja und Seri kann nie verstehen, warum Aja ihre eigene Mutter oft von oben herab behandelt, während Karl und Èvi auch eine besondere Verbindung haben. Auch Karls Papa, hat sich, so scheint es, in Èvi verliebt, doch gegen Zigi hat er keine Chance. Als Seri, Aja und Karl, gemeinsam für einen Auslandsaufenthalt nach Rom aufbrechen, ist das Chaos spürbar. Obwohl das Dreieck in den hellen Tagen der Kindheit funktioniert hat, versucht Seri, herauszubekommen, ob sie schon im Vorfeld etwas gemerkt hat, ob sie schon etwas hätte ahnen können, eine Spur, die sich schon vor Rom angedeutet hat. Denn gerade Rom war für Seris Mutter in der Vergangenheit auch schon einmal entscheidend. In Rom geht es den beiden jungen Frauen Aja und Seri auf einmal um Karl, eine Frauenfreundschaft, die so eine Belastung nicht aushalten kann. Dann ist da auch noch dieser Brief von Libelle, der Frau, die Zigi immer wieder besuchte und für die er Èvi warten ließt und auf einmal wird deutlich, dass Zigi und Èvi vielleicht die größte Schuld tragen.

Das sage ich …

Die hellen Tage ist einer dieser Romane, die ich nicht aus der Hand legen konnte. Ich weiß zwar nicht wo dieses Kirchblüt liegen soll und ob es diesen Ort überhaupt gibt, aber ich habe mich erinnert gefühlt, an mich, an meine eigene Kindheit zwischen Kletterbäumen und Wiesen und so viel Wald. Spannend ist, dass sich innerhalb der Erzählung, die unglaublich langsam und mit sehr viel Liebe zum Detail erzählt wird, viele Verbindungen ergeben, die immer wieder aufgerufen werden, die immer noch einmal wiederholt werden. Erst nach und nach beginnt man zu merken, dass vieles eben doch nicht so idyllisch ist, wie es zunächst scheint, auch wenn Bánk in ihrer poetischen Sprache fast darüber hinwegtäuschen konnte. Doch es gibt Probleme und Schuld und Dinge, die verschwiegen werden und erst nach und nach ans Licht kommen. Dabei spannt Bánk einen Bogen von fast fünfzehn Jahren, in denen die Freunde erwachsen werden. Bittersüß, fällt mir zu dem Buch ein. Bittersüß und zärtlich, denn alle Figuren, egal wie falsch sie sich verhalten haben, behandelt Bánk sehr empathisch, so als gäbe es eben doch keine Schuld, als könne man doch so vieles verstehen und als blieben sie eben doch, diese Verbindungen der Kindheit, die Menschen, die uns lieben, die uns niemals verlassen. Das ganze Buch schwebt, die Lesenden schweben ein Stückchen mit, durch die hellen Tage, die man behält, während man die dunklen dem Schicksal zurückgibt. Auch wenn der Roman manchmal etwas an der Kitschgrenze rührt, ich kann ihn jedem empfehlen! Unbedingt.

Zsusza Bánk – Die hellen Tage. Fischer Taschenbuch Verlag 2012. 541 Seiten. 9,99 €.

ISBN: 978-3-596-18437-8

[Rezension] Margaret Atwood – Oryx und Crake

oryx_und_crake-9783833301391_lKlappentext: Oryx und Crake entwirft eine dystopische Welt in einer möglicherweise nicht allzu fernen Zukunft: eine Welt der Umweltkatastrophen und des Klimawandels, der Sturmfluten und Epidemien, in der sich die wenigen Reichen in streng gesicherten Wohnkomplexen von den verarmten Massen abschotten. Doch inmitten dieser sterbenden, chaotischen Gesellschaft entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen der rätselhaften Oryx und dem Genforscher Crake, dessen Experimente jedoch zunehmend außer Kontrolle geraten …

Worum geht es?

Schon die Einleitung des Romans spricht Bände. Zitiert wird aus Swifts Gullivers Reisen und zwar der Satz, mit dem Gulliver sein Tagebuch begründet. Er hätte zwar außerordentliche Berichte verfassen können, doch darum sei es ihm nicht gegangen, stattdessen wolle er in „einfachstem Stil“ seiner vornehmsten Absicht nachkommen: nicht zu unterhalten, sondern zu unterrichten. Und darum geht es hier sicherlich auch. Aus der Retrospektive wird der Untergang der Menschheit anhand des Protagonisten Jimmy entwickelt, der sich mittlerweile allerdings nur noch Schneemensch nennt. Schneemensch lebt in einer Welt, in der es keine Zivilisation mehr gibt. Die Menschheit ist ausgelöscht, lange Zeit vermutet er der letzte seiner Art zu sein. Sein Überlebenskampf ist einsam und verlassen, er muss mutierte Wesen (Hunölfe, eine Kreuzung aus Hund und Wolf) abwehren, genauso wie die wildernden „Organschweine“, ist ständig auf der Suche nach Nahrungsmitteln und hat nur Kontakt zu merkwürdigen Wesen, die „Craker“ heißen. Die Craker, einfache, simple Wesen, die nicht zu Gewalt neigen, aber auch zu keiner hohen intellektuellen Leistung fähig sind, behandeln Jimmy aka Schneemensch als Auserwählten. Er soll ihnen, prophetengleich, Nachrichten von Crake, ihrem Schöpfer bringen und von Oryx, seiner Geliebten. Doch beide sind tot und Schneemensch weiß nicht mehr, wie er in einer menschenleeren Welt überleben soll, zudem flüstert ihm immer wieder die Stimme von Oryx Satzfetzen ins Ohr. Schneemensch beginnt den Verstand zu verlieren, da er sich selbst für diese apokalyptische Situation verantwortlich sieht …

In der Retrospektive erfährt der Leser, wie Jimmy Crake kennen lernte. Erst war Crake der Neue in der Klasse, dann wurden sie Freunde und hielten auch während der Unizeit Kontakt. Jimmy hatte sich für die Kunstakademie „Martha Graham“ entschieden, ein trostloser Bau, in dem alles Mögliche unterrichtet wird. Jimmy, als Wortmensch, belegt das Fach „Problematiken“. Und viele dieser angehenden veganen Künsterler_innen hatten selbst einen Haufen davon angesammelt. Auch Jimmy ist nicht der einfachste Mensch. Seitdem seine Mutter verschwand als er ein Kind war, ist er emotional instabil. Seine Mutter, die selbst Wissenschaftlerin war und ihren Ehemann verließ, da sie seine Projekte im hermetisch abgeriegelten Örtchen für die Reichen verantwortungslos fand, ist Jimmys Achillesferse. Crake hingegen ist längst erfolgreich im System. Er kontrolliert ultrageheime Riesenprojekte und lässt sich auch dazu herab, seinen alten Freund Jimmy einmal zu sich einzuladen und ihm einen Job zu verschaffen. Er präsentiert ihm die „Craker“ und Oryx, die sich um die Wesen kümmert. Oryx, die Frau, die Crake liebt, die aber auch von Jimmy geliebt wird und die den beiden als erstes vor Jahren als Jugendliche begegnete …

Das sage ich…

Der Roman entfaltet eine unglaubliche Sogkraft und ich hoffe, dass ich durch meine Beschreibung nicht zu viel verraten habe. Nur soviel: der Klappentext ist für mich keinesfalls stimmig, ich hatte ganz andere Erwartungen an den Text und bin entsprechend überrascht worden. Der Roman ist sehr dicht geschrieben und anfänglich hatte ich nur Fragezeichen im Kopf. Doch nach und nach beginnen sich die Leerstellen zu füllen und allmählich entfalten sich die Verbindungen der Protagonist_innen untereinander, so dass Crake wahnwitziges Projekt in seiner Absurdität und seinem Schrecken immer deutlicher wird. Besonders gefallen hat mir, dass für fast alle anfänglichen Unklarheiten im Verlauf von Schneemenschs Suche Erklärungen gegeben werden und viele dystopische Entwicklungen gar nicht so weit hergeholt erscheinen. Die Arroganz der Naturwissenschaftler gegenüber den Geistes-oder Literaturwissenschaftlern, den Wortmenschen, ist dabei nur ein Phänomen, das ich auch aus meinem persönlichen Umfeld kenne, das Crake allerdings auf die Spitze treibt.

So meint Crake, dass man sich einen Haufen Liebesqualen ersparen können, wenn „die Sache“ (also Liebe, Sex etc.) hormonell zyklisch und unvermeidbar angelegt wäre wie im Tierreich: es gäbe keinen unfairen Wettbewerb mehr und alle wären zufrieden. Jimmy entgegnet ihm, dass die Menschen dann „Hormonroboter“wären und dass die Unvereinbarkeit der Menschen miteinander immer ein Motor für den künstlerischen Ausdruck gewesen sei. Crake meint hingegen, Kunst sei für den Künstler immer nur „ein Mittel, Sex zu kriegen“ und nichts anderes. Auf Jimmys Einwand, dass diese Analogie für Künstlerinnen nicht greife, entgegnet Crake lediglich: „Künstlerinnen sind biologisch verwirrt.“ Das spricht für sich, Crake ist alles andere als sympathisch, sondern tatsächlich ein machtbesessener Egozentriker, dessen analytisches Genie die Menschheit zerstören wird. Einen krasseren Abgesang auf Crakes fehlerhaftes Urteil kann es nicht geben.

Margaret Atwood, von der ich bisher nur „A Handmaid’s Tale“ kenne, da ich den Roman im Englischunterricht lesen musste, hat mit „Oryx und Crake“ eine spannende und unheimliche Dystopie geschrieben, in der Oryx, die wichtigste Frau des Geschehens, als ewige Projektionsfläche der Männerfantasien herhalten muss und nicht nur deshalb an Wedekinds „Lulu“ erinnert.

                                                                                                                  Sehr lesenswert!

Margret Atwood: Oryx und Crake. Übersetzt von Barbara Lüdemann. Berlin – Verlag. 380 Seiten.

ISBN: 978-3-8333-0963-2

Wer die Nachtigall stört

wer die nachtigall störtKlappentext: „Absolut genial“ (The New Yorker). Harper Lee beschwört den Zauber und die versponnene Poesie einer Kindheit im tiefen Süden der vereinigten Staaten. Die Geschwister Scout und Jem wachsen in einer Welt von Konflikten zu tolerant denkenden Menschen heran. Menschliche Güte und stiller Humor zeichnen diesen Roman aus, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde und die Herzen von Millionen Lesern im Sturm eroberte. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle wurde mit drei Oscars ausgezeichnet. „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Du hast Harper Lee gelesen“ (FAZ).

Worum geht es?

Der elfjärige Jem und die achtjährige Scout wachsen in den Südstaaten, in den 1930er Jahren, bei ihrem Vater Atticus auf. Atticus ist Anwalt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch diejenigen Klienten anzunehmen, deren Chancen nicht gerade rosig aussehen. Sein momentaner Fall ist Tom Robinson, ein Familienvater, der der V*rg*waltigung bezichtigt wird. Doch Tom ist nicht allein aufgrund der schwierigen Ausgangslage ein scheinbar hoffnungsloser Fall: er ist schwarz und niemand rechnet damit, dass die Jury einen Schwarzen, der ein weißes Mädchen v*rg*waltigt haben soll, freisprechen wird. Doch Atticus gibt nicht auf, er ist von Toms Unschuld überzeugt. Toms angebliches Opfer stammt aus einer höchst unseriösen Familie und wurde zudem, so hat es den Anschein, von ihrem Vater dazu gebracht, die Anschuldigungen zu erheben. Es folgt ein harte,r langandauernder Indizienprozess. Für Scout, aus deren Perspektive die Leser_innen das Geschehen erfahren, ist die Situation doppelt schwierig. Nicht nur in der Schule, auch in der Kleinstadt werden sie und ihr Bruder von Kindern und Erwachsenen beschimpft und dass nur, weil ihr Vater Tom tatsächlich (!) verteidigt und ihn nicht, wie angenommen, ins Messer laufen lässt. Wer einen Schwarzen verteidigt, begeht ein Sakrileg, so sieht es zumindest die weiße Mittelschicht und die heruntergekommene Familie des angeblichen Opfers. Die Situation wird immer bedrohlicher und Atticus muss sich und seine Kinder schützen …

In dieser konfliktreichen Situation erleben Scout, Jem und ihr gemeinsamer Freund Dill (Scouts „Verlobter“), allerdings auch viele unbeschwerte Tage. Am spannendsten ist für die Kinder der geheimnisvolle Nachbar Boo Radley. Boo soll vor Jahren von seinem erzkonservativ christlichen Vater eingesperrt worden sein und hat seitdem das Haus nie mehr verlassen. Sein Vater ist längst tot, stattdessen ist sein ältester Bruder eingezogen, der nun den Hausvorstand mimt, aber Boo bleibt verschwunden. Wie geheimnisvoll! Wie spannend – und welch eine Herausforderung für die drei Kinder. Sie beginnen Boo Nachrichten zu schreiben, wagen sich bis an die Haustür vor und flüchten dann doch, aber im Haus nebenan rührt sich wenig. Einmal glaubt Scout ein Lachen zu hören, aber mehr auch nicht. Bis sie eines Tages liebevolle Geschenke in einem Astloch finden, die nur von Boo stammen können, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben. Während Jem und Dill beginnen, sich „erwachsenen“ Dinge zuzuwenden, zum Beispiel dem Prozess um Robinson, immerhin wird Jem bald zwölf – ist Scout weiter fasziniert von Boo, der genau wie eine Nachtigall, nicht gestört werden darf …

Das sage ich … 

Ich habe den Roman für die „Rory-Gilmore“-Challenge gelesen und habe mich so gefreut, ihn entdeckt zu haben. Scout, Atticus und Jem sind wahnsinnig sympathische Charaktere. Besonders Atticus, dieser aufrichtige Anwalt, der für seine Kinder nicht nur Vater, sondern auch Freund und moralisches Vorbild ist, hat mir wahnsinnig gut gefallen. Atticus ist einer von den „Guten“, von denjenigen, die an das Gesetz glauben und die daran glauben, dass sich am Ende die Wahrheit durchsetzen wird. Mit dem weit verbreiteten Rassismus und den Anfeindungen durch seine Nachbar_innen und Bekannten hat er einfach nicht gerechnet, da so ein Verhalten für ihn nicht rational nachvollziehbar ist. Durch Scouts „naive“ Perspektive wird den Lesenden schnell klar, wie tief Rassismus in der Kleinstadt verwurzelt ist und wie gefährlich die Situation für Atticus ist.  Auch wenn Scout nicht alles versteht, ist sie dafür bereit, Atticus vor den anderen Kindern zu verteidigen und sich sogar für ihn zu prügeln, auch wenn man das als „junge Lady“ eigentlich nicht macht. Meiner Meinung nach wird das „Erwachsenwerden“ von Scout und Jem mitreißend beschrieben. Es ist kaum nachzuvollziehen, wie herablassend Schwarze als Menschen zweiter Wahl behandelt wurden, mit dem gleichzeitigen Hinweis darauf, dass doch in einer Demokratie alle gleich seien. Interessanterweise entdecken nur die Kinder diese Doppelmoral der Erwachsenen und Scout und Jem haben mit Atticus tatsächlich jemanden an ihrer Seite, der versucht, das allgemeine Unrecht etwas gerechter zu gestalten. Die Geschichte ist toll und wartet mit einer unerwarteten Wendung auf und die Charaktere sind sowieso wunderbar. Unbedingte Leseempfehlung!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill A Mockingbird). Übersetzt von Claire Malignon.  rororo, Auflage 32 (3. November 1978). 416 Seiten.

ISBN-10: 3499142813   ISBN-13: 978-3499142819

[Rezension] Michel Houellebecq – Plattform

4d9dcfc0dbaef_Cover_Michel_Houellebecq_Plattform_rowohltWorum geht es?

In „Plattform“, erschienen 2001, protokolliert Houellebecq die Geschichte eines tragischen Lebens. Michel ist ein frustrierter Beamter im Pariser Kulturministerium, der schon lange keine echte Begeisterung mehr für sein langweiliges Dasein aufbringen kann. Auch dass sein Vater ermordet wird, tangiert ihn kaum. Durch die Erbschaft kommt ihm etwas Geld zu und er beschließt eine Pauschalreise nach Thailand zu unternehmen. Denn auch wenn er seine Träume ansonsten als „beschränkt“ beschreibt, vertritt er doch den typischen europäischen Traum:

„Wie alle Bewohner Westeuropas möchte ich reisen. Aber es gibt da gewisse Schwierigkeiten: die Sprachbarrieren, die schlecht organisierten öffentlichen Verkehrsmittel, die Gefahr, bestohlen oder übers Ohr gehauen zu werden. Um die Dinge beim Namen zu nennen: Mein Wunsch besteht im Grunde darin, Tourismus zu betreiben.“ (S.32)

Trotz der augenscheinlichen Schwierigkeiten, ist Thailand ein entspannter Ort. Michel besucht die einschlägigen Massageclubs, in denen auch etwas mehr als Massage geboten wird („Diese kleinen Thai-Nutten sind ein wahrer Segen, ein Geschenk des Himmels, sagte ich mir.“), und fühlt sich auch nicht durch die moralisch entrüsteten weiblichen Mitreisenden gestört, die ihn auf die Degradierung der Frauen als Sexobjekte hinweisen. Valérie, ebenfalls Mitreisende, hat hingegen kein Problem mit Michels Wünschen. Die beiden kommen sich näher, der Sex zwischen ihnen ist fantastisch und auch nach dem Urlaub bahnt sich soetwas wie eine Beziehung an. Das erste Mal lernt Michel eine tiefe sexuelle Obsession kennen, für die er noch nicht einmal bezahlen muss. Valéries ist erfolgreich im Job, noch keine Dreißig und hat schon viel erreicht. Momentan sieht es in ihrem Marktsegment, der Tourismusbranche, allerdings schlecht aus. Pauschalreisen, so müssen die beiden feststellen, sind einfach nicht auf das Publikum zugeschnitten: es gibt peinliche Karaokeabende und ein Programm, das nicht einmal im Seniorenheim auf Zustimmung stoßen würde.

Auch Valeries Chef, Jean-Yves, ist verzweifelt und sieht die kleine Firma den Bach heruntergehen. Nur ein weiteres Problem, neben seiner scheiternden Ehe und der schwierigen Beziehung zu den Kindern. Da macht Michel einen folgenschweren Vorschlag: die „Plattform“ zum Glück. Das Konzept ist simpel und bedient die Bedürfnisse der sexsuchenden Euopäer_innen und lässt sich zudem in jedem „dritte Welt“ – Land gut ansiedeln: Wenn mehrere hundert Milliarden Menschen alles haben, bloß keine sexuelle Erfüllung und mehrere Milliarden Menschen nichts haben als ihren Körper, dann ist das, wie Michel feststellt, eine „Situation des idealen Tauschs“. Valérie, Jean-Yves und Michel wollen daher dem verlorenen französischen, deutschen, spanischen und italienischem Liebesglück in den exotischen Ferienclubs zur Erfüllung verhelfen. Obwohl Jean-Yves sich fragt, ob die Welt, die die drei hier erschaffen, wohl die richtige ist, siegt am Ende das kapitalistische Kalkül. Das Projekt wird unter der Hand beworben und schreibt in den ersten Monaten fantastische Zahlen, eine Auslastung von 95% ist die Folge. Michel und Valérie, die alles dafür tut, dass das Konzept läuft, sind im siebten Himmel. Jean-Yves findet Entspannung bei den Thailänderinnen, das Konzept des fröhlichen Sextourismus läuft fast zu gut – dann passiert die Katastrophe …

Das sage ich … *SPOILER*

„Plattform“ ist mein erster Houellebecq. Irgendwann fiel mir das Buch im SecondHand-Buchladen in die Hände. Besonders gefiel mir das Zitat von Jens Jessen aus der Zeit, dass auf der ersten Seite steht: „Houllebecq ist ein Trüffelschwein für Verletzungspotentiale.“ Der Roman macht es mir nicht leicht, ihm vorurteilsfrei zu begegnen. Auf der einen Seite gibt es abstoßende Schilderungen von V*rg*w*ltigungen, die en passant eingestreut werden, andererseits gibt es eine Reproduktion von Stereotypen und Rassismen am laufenden Band. Der Protagonist ist deshalb alles andere als sympathisch. Und überhaupt – natürlich ist die Utopie von Michel, Valérie und Jean-Yves nichts anderes als Sextourismus. Doch es gibt Menschen, die von diesem Arrangement profitieren und tatsächlich glücklich werden. Es geht also um die guten Sextourist_innen, deren pazifistische Utopie dann von den bösen Islamisten gestört wird? Der Roman verweigert sich schwarz-weiß Zuordnungen, die ich selbst auch schnell aufmache. Andererseits, muss ich mich als Leserin, die die Haltung der Hauptfiguren kritisiert, sozusagen mit dem islamischen Terror am Ende zufrieden geben, da endlich Sodom und Gomorrha ein Riegel vorgeschoben wird? Kann ich das wollen? Vollstrecken die Terroristen am Ende das, was ich mir innerlich schon gewünscht habe? Dass es so nicht gehen kann? Dass das Verhalten der Protagonist_innen ausbeuterisch ist? Trotz einiger Längen des Buchs, rettet das überraschende Ende einiges und regt zum Nachdenken an. Obwohl ich anfänglich das Buch in die Ecke pfeffern wollte, da mich die Haltung des Erzählers einfach nur abgestoßen hat, bin ich froh, bis zum Ende gelesen zu haben. Denn Michel war ernsthaft in Valérie verliebt und bietet durch seine Geschichte auch einen anderen Ausblick auf das Geschehen – denn die Idee des Clubs war, Menschen glücklich zu machen. Ob der Zweck allerdings immer die Mittel heiligt, bleibt hier fraglich, genauso fraglich bleibt die Präsentation Michels als hilfloses Opfer am Ende, die auf Figurenebene zwar stimmig ist, in Anbetracht des Gesamtkontextes allerdings verstörend wirkt. Die Leser_innen können sich einer moralischen Bewertung des Geschehens kaum entziehen.

Auch ein Blick Richtung Wikipedia hilft ein wenig, die Rolle Houellebecqs als agent provocateur einzuordnen. Wahrscheinlich ist Houellebecq einer dieser Typen, die dir fiese Sachen mitten ins Gesicht sagen und dann entschuldigend lächeln, so von wegen: „Hey, aber immerhin bin ich ehrlich, so ist die Welt eben.“ Kranke Leute machen kranke Dinge und fühlen sich super dabei, die Normalen, die mit Anstand, krebsen kränkelnd rum.

       „Das Erhabene gibt der Seele die schöne Ruhe“ (Johann Wolfgang von …) – In your face, Goethe.

Michel Houellebecq: Plattform. Übersetzt von Uli Wittmann. Rowohlt Taschenbuch 2003.

340 Seiten.

ISBN: 3-499-23395-6

[Rezension] Doris Lessing – Die gute Terroristin

Alice Mellings lebt in einem besetzten Haus in London. Sie hat sich dieses Leben ausgesucht. Frei von gesellschaftlichen Zwängen und in permanenter Ablehnung der bürgerlichen Werte, die für sie ihre Elten verkörperten, lebt diese mittlerweile Mitte Dreißigjährige ein „revolutionäres Leben“ – oder das, was sie dafür hält. Wer ist ein „echter“ Revolutionär? Wer gehört wirklich zu den Radikalen? Wer möchte tatsächlich etwas ändern? Alice fühlt sich ziemlich radikal, gleichzeitig ist sie mitfühlend und sensibel. Ständig kämpft sie um Aufmerksamkeit, während sie versucht, die Wohngemeinschaft zusammenzuhalten. Sie versucht (oft vergeblich) die anderen zu motivieren, will das Haus „gemütlich“ und letztendlich doch wieder „gut bürgerlich“ herrichten, besorgt den Mitbewohnern Jobs und hilft wo sie kann, während der Rest der Bande sich auf Demonstrationen stürzt oder Stress mit der Polizei provoziert. Alice steht zuhause am Herd und empfängt die Gestrandeten und Abgekämpften mit einer warmen Mahlzeit oder kümmert sich um den passenden Blumenstrauß auf dem Tisch. Gleichzeitig beklaut sie ihre Eltern und merkt in ihrer Rebellion nicht, dass sie in der Beziehung mit Jasper Dinge wiederholt, die sie ihren Eltern ankreidet. Sie liebt ihn entsagungsvoll, er aber bleibt distanziert. Kein Wunder, denn eigentlich fühlt er sich zu Männern hingezogen. Also kocht sie Suppe, wie sie es zuhause bei den heimischen Festen und Empfängen der Mutter, damals, als die Firma des Vaters noch lief, gelernt hat. Und dann gibt es da noch diesen Nachbarn, aus dem anderen besetzen Haus, der angeblich mit den Russen zusammenarbeitet um Agenten auszubilden – er hält viel von Alice. Dabei ist doch Jasper derjenige, der die großen Reden hält. Als eine neue Mitbewohnerin hinzukommt, die sich mit dem Bau von Bomben auskennt, ändert sich die Situation. Statt Suppe und Diskussionen, gibt es nun (endlich) etwas Handfestes zu tun: die Gruppe beschließt ein Attentat.

Lessing_dieguteterroristin

Der Roman ist leicht und schnell zu lesen und ist auch spannend erzählt. Leider wirkt die Hauptfigur Alice alles andere als erwachsen und ihre „Revolution“ wirkt zum Teil postpubertär und für mich nicht ganz nachzuvollziehen. Sie hat ihre Ideale, aber hauptsächlich auch Wut und wird dabei ungerecht, gegenüber denen, die ihr eigentlich am nächsten stehen müssten. Warum führt sie diese merkwürdige Beziehung mit Jasper, den sie umschwärmt? Warum lässt sie sich alles gefallen? Warum hasst sie ihre Eltern so sehr und bleibt gleichzeitig so zurückhaltend, wenn es um ihre eigenen Bedürfnisse in der Gruppe geht? Gleichzeitig verliert Alice den Kontakt zu vielen ehemaligen Mitbewohnern, die ihr etwas bedeutet haben, während der Grotßeil der noch Anwesenden aus kaputten Verlierertypen besteht, die ihre politische Meinung als Ausrede für asoziales Verhalten benutzen. Besonders die Frauenfiguren treten eher helfend und verstehend auf, während die männlichen Protagonisten (abgesehen von Philipp) einen ziemlichen Egotrip fahren. Es ist eben doch nicht so leicht, eine Gruppe von (vermeintlich?) Ausgestoßenen zu vereinen und zu harmonisieren – die idealistische Alice kämpft auf verlorenem Posten. Und dennoch lässt sie sich alles gefallen. Sie hofft auf eine Veränderung der Welt, opfert sich für andere auf und bleibt letztlich doch das „kleine Mädchen“, das abhängig von den Männern auf ihren Einsatz als „gute Terroristin“ wartet.

Auch die „großen Revolutionen“ – und diesen Schluss lässt der Roman zu – scheitern oder gelingen auf der Beziehungsebene. Gerade wenn alle TerroristInnen gleich, aber einige eben doch gleicher sind als die anderen.

Doris Lessing: Die gute Terroristin. btb-Verlag (2003). ISBN: 3442730090. 448 Seiten.